Licht in der Finsternis

Ich bereite mich gerade vor auf meinen Kurs über Soteriologie bim IGW in Burgdorf/CH nächste Woche und lese über die verschiedenen Deutungen des Todes Jesu, da fällt mein Blick auf diese Zeilen aus der FAZ zum Münchener S-Bahn-Mord, die voller religiöser Analogien sind:

Dominik F. Brunner hat sein Leben hingegeben, um vier Kinder in der Münchner S-Bahn vor jungen Gewalttätern zu schützen. Er steht dafür, wozu der Mensch mit seinen hellsten Eigenschaften in der Lage ist – zu selbstloser Fürsorge und zu großem Mut. Dass er mit den zwei Verbrechern, die ihn auf dem S-Bahnhof im Stadtteil Solln zu Tode prügelten, auf die dunkelsten Seiten traf, zu denen Menschen auch fähig sind, ist eine Tragödie, nach der ein Gemeinwesen, das sich nicht selbst aufgeben will, nicht in die gewohnten Rituale von politischen Beschuldigungen verfallen darf.

North Foreland LighthouseVielleicht ist es nach dem Tod Jesu ja ähnlich: Die alten Rituale der Beschuldigung haben keinen Sinn mehr. Und zugleich kommt alles darauf an, dass dieser Tod nicht nur zur Kenntnis genommen wird – dankbar und mit Hochachtung – sondern dass er andere inspiriert, nun erst Recht in die Fußstapfen dessen zu treten, der hier so brutal erschlagen wurde, und dafür zu sorgen, dass Gewalt und Hass in dieser Welt überwunden werden und keine Chance mehr bekommen, sich ungehindert zu verbreiten. Wir alle ahnen ja, dass das nicht der letzte Fall dieser Art gewesen sein wird…

Was uns Christen angeht: Wir sind quasi in der Position diese vier geretteten Kinder. Diesen Tod konnten sie nicht verhindern. Aber vielleicht den nächsten. Und die Analogie geht noch weiter, denn in gewisser Weise ist Dominik F. Brunner tatsächlich auch für uns alle gestorben. Nicht als Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, klar. Aber er hat Folgen – hoffentlich!

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Weisheit der Woche: Soteriologie und Soziologie

Immer wieder wird ja zwischen Gottes Wirken (vertikal) und menschlichen Auswirkungen (horizontal) unterschieden, aber so richtig trennen lässt sich die Soziologie von der Soteriologie (d.h. der Lehre von der Erlösung) nicht, schreibt Tom Wright im Blick auf Paulus:

… die Soteriologie selbst ist für Paulus in dieser Hinsicht „horizontal“, dass sie mit Gottes Absichten innerhalb der Geschichte zu tun hat, während die Soziologie für Paulus vertikal ist, weil die eine multi-ethnische Familie, die durch den Messias konstituiert wird und in der der Geist wohnt, der Welt als ein mächtiges Zeichen dienen soll, dass Israels Gott, der Gott Abrahams, ihr Schöpfer, Herr und Richter ist.

Tom Wright, Justification, S. 106

Gerechtfertigt zu sein bedeutet also nicht nur, die Qualifikation für „den Himmel“ in der Tasche zu haben, sondern zu diesem bunten Haufen von Menschen quer durch alle (Sub-) Kulturen, sozialen Schichten, Rassen und Geschlechter zu gehören, der dem Messias in seiner Mission nachfolgt, und dem die Botschaft der Versöhnung und Hoffnung für alle Menschen aufgetragen ist und der sich daher von alten Grenzziehungen nicht mehr aufhalten lassen darf.

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Wenn Dasselbe nicht mehr Dasselbe ist, obwohl man Dasselbe sagt

Ich kann hier immer nur Schnipsel aus George Lindbecks Gedanken zu Theologie, Sprache und Kultur wiedergeben und lebe ganz gut damit, manches erst auf Nachfrage präzisieren zu können, also gehen wir doch fröhlich in eine neue Runde. Lindbeck formuliert eine Alternative zu Relativismus einerseits und der Reaktion des protestantischen Fundamentalismus bzw. katholischen Traditionalismus andererseits. Letztere bringen kirchliche Lehraussagen (die man vom Relativismus bedroht sieht) insgesamt in Misskredit durch den Hang zu einer gewissen Sturheit. Sie übersehen, so Lindbeck (und er beschreibt damit auch einen Kernpunkt der Auseinandersetzung um Emerging Church), nämlich Folgendes:

Die Bedeutung von Riten und Äußerungen hängt vom Kontext ab. Die alten Formen in neuen Situationen wiederzugeben, lässt oftmals die ursprüngliche Bedeutung, den ursprünglichen Geist verlorengehen. Gerade so wie der einzige Weg, Eltern, Ehepartner, Kinder und Nachbarn zu lieben der ist, dass man sich jedem gegenüber auf unterschiedliche Weise verhält, gerade so ist oft der einzige Weg, dieselbe Botschaft zu übermitteln, sie verschieden zu verkündigen. (S. 119f.)

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Das (ewige?) Leben der anderen

George Lindbeck geht der Frage nach, ob mit einem – wie auch immer gearteten – christlichen Wahrheitsanspruch auch zwingend die Vorstellung verbunden ist, dass Nicht- und Andersgläubige keinen Anteil an Gottes Heil erhalten und der ewigen Verdammnis anheim fallen. Den ersten Christen, sagt Lindbeck, war dieses Denken eher fremd:

Die Christen der ersten Jahrhunderte muten an, als wäre ihnen eine ungewöhnliche Verbindung von Gelassenheit und Dringlichkeit in ihrer Haltung gegenüber Menschen außerhalb der Kirche zu eigen gewesen. Einerseits scheinen sie nicht um das letztgültige Schicksal der überwältigenden Mehrheit der Nichtchristen besorgt gewesen zu sein, unter denen sie lebten. Uns sind keine Gewissenskonflikte bekannt, die aus der Notwendigkeit heraus entstanden, in der sie sich des öfteren befanden, sogar nahen Freunden oder Verwandten verschweigen zu müssen, dass sie Gläubige waren. Die Christen scheinen sich selbst nicht als Hüter betrachtet zu haben, die der Blutschuld der Heiden überführt würden, die zu warnen sie unterlassen haben – das Alte Testament verweist schließlich auf die Verpflichtung, nicht die Heiden, sondern die zu ermahnen, die schon zum erwählten Volk gehören (Ez 3,18). Und dennoch war andererseits die missionarische Verkündigung vordringlich, und Glaube und Taufe waren der Weg vom Tod zum Leben: der Übergang von dem alten zum neuen Zeitalter.

Christliche Lehre als Grammatik des Glaubens. Religion und Theologie im postliberalen Zeitalter, S.92

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Sind alle Religionen gleich?

George Lindbeck hat sich in »Christliche Lehre als Grammatik des Glaubens. Religion und Theologie im postliberalen Zeitalter« mit der Frage von Religionen und Konfessionen beschäftigt, insbesondere der Annahme, dass die verschiedenen Glaubensformen und -systeme der Ausdruck einer allgemeinen Grunderfahrung sind, die allen Menschen und Kulturen gemeinsam ist – also die Begegnung mit dem „Heiligen“ oder tiefe Gefühle von Liebe, Verbundenheit, Ehrfurcht oder Mitleid. Lindbeck antwortet mit einem kulturell-sprachlichen Ansatz, der in der Sprache, den Deutungsmusters und der Praxis einer Gemeinschaft die Voraussetzung (und nicht etwa die Folge) für konkrete Glaubenserfahrungen sieht. Es gibt also einen gemeinsamen Kern, sondern nur oberflächliche Ähnlichkeiten:

Die ihnen gemeinsamen affektiven Merkmale sind sozusagen Teil ihres Rohmaterials, sind Funktionen jener Gefühle der Nähe zum unmittelbar Nächsten, die von allen geteilt werden, auch von Nazis und Kopfjägern. Es ist genauso ein Fehler, sie als eine Gattung zu klassifizieren, wie zu behaupten, dass alle roten Dinge, ob Äpfel, Indianer oder der rote Platz in Moskau zur gleichen Gattung gehören. (S. 69)

(…) Man kann nicht behaupten, dass zwei Sprachen einander gleichen, indem man zeigt, dass beide sich überlappende Bestände an Lauten gebrauchen oder Referenzobjekte gemeinsam haben (z.B. Mutter, Kind, Wasser, Feuer und hervorragendere Personen und Gegenstände der Welt, die sich Menschen teilen). Was bei der Bestimmung der Ähnlichkeiten unter den Sprachen zählt, sind die grammatischen Muster, die Verweisvorgänge, die semantischen und syntaktischen Strukturen. Etwas entfernt Analoges kann im Fall der Religionen gesagt werden. Die gegebene Tatsache, dass alle Religionen etwas anempfehlen, das »Liebe« zu dem, was am Wichtigsten (»Gott«) zu nehmen ist, genannt werden kann, ist genauso banal wie die uninteressante Tatsache, dass alle Sprachen gesprochen werden (oder wurden). Das Entscheidende sind die unverwechselbaren Erzähl-, Glaubens-, Ritual- und Verhaltensmuster, die »Liebe« und »Gott« ihre spezifische und manchmal sich widersprechende Bedeutung geben. (S. 71)

Religiöse Innovation (wie etwa Luthers Turmerlebnis) entspringt daher nicht einfach nur einer neuen Erfahrung und Gefühlslage im Hinblick auf Gott, die Welt und das Selbst,

… sondern weil ein religiöses Interpretationsschema (wie immer in der religiösen Praxis und im Glauben eingebettet) Anomalien bei der Anwendung auf neue Kontexte entwickelt. (…) Prophetische Gestalten spüren – oft unter dramatischen Umständen -, wie die überlieferten Glaubensmuster, Handlungen und Rituale einer Neuprägung bedürfen (und dass sie neu geprägt werden können). Religiöse Erfahrungen resultieren dann aus diesen neuen konzeptionellen Mustern, anstatt ihre Quelle zu sein. (S. 67)

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Taufe missional gedacht

Ich sitze über einer Taufpredigt und habe mich eben wieder daran erinnert, dass man immer wieder einmal zu hören bekommt, die Säuglingstaufe sei die im Grunde reinste Form der Taufe, weil sie alle Werkgerechtigkeit ausschließe und die zuvorkommende Gnade Gottes in ihrer vollen Größe zur Geltung kommen lasse. Das ist typisch für ein bestimmtes Verständnis des Evangeliums und es ist zugleich ein Reflex auf eine Tauftheologie, die Taufe als eine bewusste Entscheidung des mündigen Subjekts begreift und die Säuglingstaufe ablehnt.

Der antipelagianische Impetus der ersten Position ist heute überflüssig – als wäre die eigentliche Ursünde des Menschen der Versuch, sich das verlorene Heil zu verdienen. Mag sein, dass im Spätmittelalter noch jemand daran gedacht hat, heute spielt das keine Rolle mehr. Zugleich ist es aber schon ein starkes Stück gegenüber den Menschen, die nicht auf Wunsch der Eltern getauft wurden, wenn man deren Entschluss zur Taufe (indirekt natürlich nur) unter den Verdacht stellt, hier mit Gott ein Geschäft abschließen zu wollen. Als ob die Logik mancher Eltern (wenn man denn mal fragen würde…) nicht auf denselben Nenner hinausliefe, nämlich auf eine Art himmlische Staatsbürgerschaft mit entsprechenden Privilegien.

In der Taufe geht es darum, dass wir uns von Gott mit hineingenommen (das ist die zuvorkommende Gnade!) werden in seine Bewegung zur Rettung und Neuschöpfung der Welt. Wir werden zugleich beschenkt und berufen. Das ist ja gerade der Sinn der Aussage, dass in der Taufe nicht etwa nur etwas „abgewaschen“ wird, sondern wir Anteil am Geist Gottes bekommen. Damit werden wir direkt in die Spannung gestellt zwischen der alten und der neuen Weltzeit – die eine vergeht und die andere bricht herein – überraschend, unplanbar, auf unterschiedlichste Weise. Als Geistträger leiden wir und sind doch getröstet. Oder weil heute D-Day ist: Wir kämpfen mit destruktiven Kräften in uns und um uns her, und feiern doch schon fröhlich den entscheidenden Durchbruch. Der Gegensatz von aktiv und passiv löst sich hier völlig auf.

Sich zur Taufe bewusst zu entscheiden, ändert also nichts daran, dass wir beschenkt werden. Aber es nimmt dem Geschenk auch nichts weg, wenn wir es mit aller Entschlossenheit ergreifen. Ob Kind oder Erwachsener: Was zählt, ist Teil dieser Bewegung Gottes zu sein. Und Heilsgewissheit nicht mit Selbstzufriedenheit zu verwechseln.

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Rechtfertigung: Wright or wrong? (3)

Ich mache es kurz mit dem Überblick über das Kapitel 4 zum Thema „Rechtfertigung“, die Details würden zu weit führen und die groben Linien hatten sich schon angedeutet in den letzten beiden Posts:

Wright zitiert Alistair McGrath mit der Feststellung, dass sich der Begriff „Rechtfertigung“ in der Theologie von seinem neutestamentlichen Ausgangspunkt gelöst hat, um zu einer Bezeichung für das gesamte Heilsgeschehen zu werden. Wenn man aber diese Vorstellung in die Paulustexte zurück projiziert, führt das zu Schwierigkeiten.

Gerechtigkeit bezeichnet keine moralische Qualität, sondern den rechtlichen Status einer Person, zu deren Gunsten das Gericht entschieden hat. Für Paulus ist das untrennbar verbunden mit der langen Geschichte Israels seit dem Bundesschluss Gottes mit Abraham in Genesis 15, dessen Ziel die Überwindung des Bösen und die Wiederherstellung der Welt ist. In Deuteronomium 28-30 ist dargelegt, welche Konsequenzen die Verletzung des Bundes für das Gottesvolk hat, und auch die Katastrophe des Exils stellt nicht das Ende dieser Verheißung Gottes dar. Paulus bezieht sich in Römer 4 und Galater 3 explizit auf Abraham und verwendet Bundesterminologie.

Die eschatologische Dimension der Rechtfertigung besteht dann darin, dass Paulus wie andere Juden an ein bestimmtes Ziel Gottes mit seinem Volk/der Welt glaubt, dass er anders als sie davon ausgeht, dass Gottes rettendes Handeln in Jesus, dem Messias, kulminiert und (ähnlich wie die Qumran-Sekte) davon ausgeht, dass nun ein neues Zeitalter begonnen hat – und zwar noch mitten im „Alten“.

Das führt zur christologischen Dimension: wenn Paulus von Jesus als dem Christus – d.h. Messias – redet, dann bedeutet das für ihn, dass

  1. sich in Jesus Gottes Ziel mit seinem Volk erfüllt, der entscheidende Sieg gelingt, der neue Tempel geschaffen wird und das messianische Friedensreich anbricht.
  2. das wahre Gottesvolk ist in dem Messias zusammengefasst ist, ähnlich wie das im AT von den Patriarchen bzw. David und Isai auch gesagt wird.
  3. die besondere Leistung des Messias in seiner Treue bzw. seinem Gehorsam besteht (Röm 5,19/Phil 2,8), der den Ungehorsam und die Untreue Israels aufhebt – der eine treue Israelit, durch den sich Gottes Plan schließlich doch erfüllt
  4. der treue Gehorsam des Messias in seinem Tod als Repräsentant seines Volkes  gipfelt, für das er eintritt. Nach Römer 8,3 verurteilt Gott am Kreuz nicht den Messias, aber die Sünde im Fleisch. Wer also in Christus ist, den trifft dieses Urteil nicht mehr.
  5. mit der Auferstehung des Messias (d.h. seiner Rechtfertigung durch Gott) die Neuschöpfung der Welt begonnen hat, die derzeit noch der Vergänglichkeit und dem Verfall unterworfen ist.
  6. der Geist des Messias auf sein Volk ausgegossen wird, damit es wird, was es Gottes Aussage zufolge schon ist – das Vertrauen auf den Messias schließt also das Vertrauen auf den Geist ein und ist von diesem nicht zu trennen. Die Struktur des Rechtfertigungsgeschehens ist trinitarisch
  7. der gekreuzigte Messias auch der kommende Richter der Welt ist, dessen zukünftiges Urteil nach den Werken mit dem jetzigen, vor-läufigen Urteil auf der Grundlage des Glaubens korrespondiert.

Im nächsten Post geht es dann ran an die Texte. Wright beginnt im Galaterbrief.

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Rechtfertigung: Wright or wrong? (2)

Wright befasst sich im dritten Kapitel von Justification mit der Frage von Bund, Gesetz und Gericht im Judentum des ersten Jahrhunderts. Dabei merkt er an, dass die Fragen der Zeitgenossen von Jesus und Paulus andere waren, als die der Reformatoren im Spätmittelalter an der Grenze zur Neuzeit. Es ging weniger um Probleme wie Heiligung und Synergismus oder die Frage, wer in den Himmel kommt. Vielmehr herrschte eine große Erwartung, dass Gottes endzeitliches Eingreifen in die Geschichte zu Gunsten Israels bevor stand. Und wie etwa Daniel 9 zeigt, war diese Erwartung eng verbunden mit dem Bund zwischen Gott und seinem Volk. Konkret betont Wright dabei zwei Dinge:

  1. Die meisten Juden lebten in einer einzigen großen Geschichte, die noch nicht abgeschlossen war, sondern auf ihren Höhepunkt, die Befreiung Israels, zusteuerte.
  2. Bis dahin lebte Israel, wenn auch nicht mehr im geografischen Sinne, im „Exil“. Das war die Folge des Bundesfluchs (Dtn. 27-29), der Israel wegen seiner Untreue getroffen hatte – gerechter Weise, wie Daniel 9 sagt.

Dann nimmt Wright dem Ansatz von John Piper (vgl. dazu auch diesen älteren Post bei Tony Jones) kritisch in den Blick. Piper, der Rechtfertigung so versteht, dass Gott seine Gerechtigkeit dem Glaubenden zukommen lässt, versteht unter dikaiosyne nicht wie Wright Gottes Bundestreue, sondern sieht in der Wortbedeutung „Gottes Sorge um seine Ehre“ den Ansatz eines tieferen Verständnisses. Das wirft einige Fragen auf:

  1. Piper ignoriert damit den gängigen hebräischen Wortsinn und Sprachgebrauch und unterstellt Paulus eine begriffliche Verschiebung.
  2. Es bleibt unklar, wie Pipers Vorstellung von Rechtfertigung mit seinem Verständnis von „Gerechtigkeit“ funktioniert.
  3. Wenn Piper versucht, Gerechtigkeit anders zu fassen, ignoriert er den größeren Zusammenhang in Römer 3 und 4: Gott hat verheißen, die Welt durch Israel zu segnen und Israel ist eben diesem Auftrag untreu gewesen – darin besteht Israels Unrecht.
  4. Piper spielt den Gerichtshof als Metapher herunter, obwohl es zahlreiche Belege dafür gibt und die Paulusstellen von „gerecht“ und „Rechtfertigung“ sich damit mühelos lesen lassen: Gerecht ist, wer vor Gericht gerecht gesprochen wird bzw. dessen Recht (oder „im Recht Sein“) vom Gericht bestätitgt wird.
  5. Während sich Gott in Pipers Definition von Gerechtigkeit also primär um sich selbst dreht, eröffnet Gerechtigkeit im Sinne von Bundestreue eine ganz andere Perspektive, sie

… ist ein nach außen gewandtes Charakteristikum Gottes, natürlich mit Gottes Bedachtsein auf seine Ehre verknüpft, aber im Kern geht sie in die entgegen gesetzte Richtung, nämlich der schöpferischen, heilenden, wieder herstellenden Liebe Gottes. Gottes Bedachtsein auf seine Ehre wird so vor dem Anschein des göttlichen Narzissmus gerettet, weil Gott, nicht zuletzt als der dreieinige Gott, sich immer verschenkt, immer ausgießt, mit großzügiger Liebe Menschen, die es nicht verdient haben, Israel, das es nicht verdient hatte, und eine Welt, die es nicht verdient hat, überhäuft. (S. 52)

Dagegen steht für Wright fest, dass Luther (und mit ihm, statt hier Calvin zu folgen, viele Protestanten) Paulus irrigerweise durch die Brille der Frontstellung gegen selbstgerechte mittelalterliche Leistungs- und Verdienstfrömmigkeit las, die er im jüdischen Gesetz wieder zu erkennen glaubte. Dagegen betonten schon Sanders und andere, dass jüdische Gesetzesfrömmigkeit gerade die Antwort auf das geschenkte Heil darstellten, nicht etwa dessen Voraussetzung. Das Heil bzw. die Erlösung des einzelnen war dabei fast uninteressant, die Frage war eben, wann Gott seine Verheißungen erfüllen würde. Und die Torah war das Zeichen für die Zugehörigkeit zu Gottes auserwähltem Volk.

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Es gibt ihn doch (auf Deutsch): Mr. Wright

Endlich ist ein Buch von N.T. Wright auch auf Deutsch erhältlich. Rainer Behrens aus Kreuzlingen hat Simply Christian übersetzt und es im Johannis-Verlag unter dem Titel Warum Christ sein Sinn macht herausgebracht. Als nächstes steht „What St. Paul really said“ auf dem Programm.

Ich habe das Original mit viel Gewinn gelesen und alle, die Wright noch nicht kennen, haben hier die Chance, auf einem sehr allgemeinverständlichen Niveau einzusteigen in richtig gute Theologie, die keine Spur von Langeweile aufweist.

Ich kann nur sagen: Lesen!

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Der Irrtum mit der Irrtumslosigkeit

Ich bin kürzlich auf einen älteren Post angesprochen worden, der das Postulat der Irrtumslosigkeit bzw. Unfehlbarkeit der Bibel kritisch beleuchtete. Das war wohlgemerkt keine Kritik an, sondern ein Plädoyer für die Glaubwürdigkeit der Schrift. Aus folgenden Gründen:

Erstens ist es immer eine Behauptung, und zwar eine, die nicht positiv beweisbar ist. Denn nur jemand, der selbst unfehlbar und irrtumslos ist, könnte die Irrtumslosigkeit irgendeiner Instanz bestätigen. Da wir Menschen das aber in der Regel nicht sind (und Grund zu der Annahme besteht, dass sich gerade jene, die sich für fehlerlos halten, am heftigsten irren), kann der Wahrheitsgehalt dieser Behauptung gar nicht bestimmt werden, sie ist logisch und praktisch sinnlos.

Zusätzlich ad absurdum geführt wird sie durch die Streitereien und Spaltungen derer, die die Schrift für irrtumslos halten und dann in ihrer jeweiligen Interpretation zu derart verschiedenen Ergebnissen kommen, dass die Gräben unüberwindlich sind – was wiederum den Eindruck bestätigt, dass nicht einfach nur die Bibel, sondern das jeweilige Subjekt der Aussage (sie sei unfehlbar) sich nolens volens für unfehlbar halten muss.

Die darin enthaltene Anmaßung (also Unfehlbarkeit bzw. jede Art von Irrtum erkennen und beurteilen zu können) fordert auch noch derart zum Widerspruch heraus, dass man sich in der Suche nach (beziehungsweise der Abwehr von) echten und vermeintlichen Widersprüchen und Fehlern verzettelt und vergisst, schlicht einmal das ernst zu nehmen und umzusetzen, was man verstanden hat.

Und schließlich führt die damit verbundene Alles-oder-Nichts-Mentalität dazu, dass das Boot des Glaubens mit nur einem Leck schon sinkt. Man mag diese Überzeugungen verbissen verteidigen, aber wenn nur an einer Stelle der Damm bricht, dann ist auch unwiderruflich alles verloren, wie in diesem Fall, der exemplarisch für viele steht.

Ich beschränke mich lieber darauf zu sagen, dass ich die Bibel in dem, was sie über Gott und sein Verhältnis zu uns Menschen erzählt, für glaubwürdig halte. Das ist ein positives Attribut – unfehlbar bzw. irrtumslos sind ja doppelt negative Formulierungen. Positiv beschrieben habe ich das in aller Ausführlichkeit hier.

Wer gern Englisch liest: Eine gelungene theologische Auseinandersetzung bietet Chris Tilling, für den es auch ein intensives persönliches Ringen war, sich von allzu starren Bibeldogmen zu befreien: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Kleiner Nachtrag: Es tut sich was in der Evangelikalen Szene. Christoph Morgner vom Gnadauer Verband hat sich jüngst sehr deutlich gegen ein derart enges Bibelverständnis ausgesprochen. Und laut Wissenschaftsrat hat selbst die FTA in Gießen die Irrtumslosigkeit aus dem Bekenntnis gestrichen.

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Widerstand bis aufs Letzte

Dank der Vermittlung von Michael Schalles und der Hilfe von Martin Simon habe ich nun einige Sätze von Karl Barth auf Deutsch, die ich bislang nur in der englischen Übersetzung auf Faith & Theology kannte. Es geht um das Thema „Krankheit“. Barth spricht hier zwar nicht explizit von Heilung, aber seine Gedanken können einem verantwortlichen Gebet um Heilung sicher als Orientierung dienen. Denn, so Barth unten, schon das Verlangen nach und Bemühen um Heilung ist gesund. Es überlässt den Kranken nicht sich selbst und der Resignation, und das ist noch wichtiger als der „Erfolg“ an sich:

Krankheit unter diesem Aspekt ist wie der Tod selbst reine Unnatur und Unordnung, ein Moment des Aufstandes des Chaos gegen Gottes Schöpfung, ein Werk und eine Kundgebung des Teufels und der Dämonen. Sie ist Gott gegenüber freilich so gebunden und abhängig wie die von ihm gut geschaffene Kreatur, ja ihm gegenüber doppelt ohnmächtig, weil sie wie die Sünde, wie der Tod weder gut, noch überhaupt von Gott gewollt und geschaffen, sondern nur als ein Element des von ihm Verneinten, seines Reiches zur Linken, nur in ihrer Nichtigkeit wirklich, wirksam, gewaltig, gefährlich ist. Sie muß aber nach Gottes Willen und unter Gottes Regierung dem von ihm abgefallenen, dem zu seinem Feind gewordenen Menschen gefährlich – eben als Vorform und Vorbote des Todes als des Vollstreckers des abschließenden Urteils Gottes über ihn – gefährlich werden. (KD III,4 §55 S.417, Zollikon-Zürich 1951)

(…) Jene Erwägung übersieht ferner, daß das den Menschen in Gestalt der Krankheit bedrängende Todesreich, obwohl und indem ihm von Gott Macht gelassen wird, obwohl und indem es ihm als Instrument seines gerechten Gerichtes dient, seinem guten Willen als Schöpfer entgegengesetzt, daß es nur unter seinem mächtigen Nein Existenz und Gewalt hat. Ihm gegenüber zu kapitulieren, ihm seinen Lauf zu lassen, kann niemals Gehorsam, kann immer nur Ungehorsam gegen Gott sein. Was der Mensch in diesem ganzen Reich zur Linken und so auch der Krankheit gegenüber in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes werden soll, kann immer nur der Widerstand bis aufs Letzte sein. (KD III,4 §55 S.418)

(…) Wer jenen Streit im Gehorsam aufnimmt, der ist eben damit schon gesund, und will nichts Vergebliches, wenn er in jeder Hinsicht gesund bleiben und wieder werden will. (KD III,4 §55 S.420)

Wo einer krank ist, da ist es in Wahrheit die ganze Gesellschaft in allen ihren Gliedern. Gerade im Kampf gegen die Krankheit wird nicht Absonderung, sondern nur Gemeinschaft das letzte menschliche Wort sein können. (KD III,4 §55 S.413)

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Wie ist das mit dem „Durchblick“?

Christen bekommen „den Durchblick“ – das legt die Vorbereitungsseite zum Start der Gebetswoche der evangelischen Allianz nahe und verweist auf unter anderem auf 1. Korinther 2,10ff. Glaube, das ist das Anliegen der Autoren, ist keine minderwertige Form des Wissens. Er ist eine intuitive Form der Gewissheit, die ihre eigene Logik hat. Die Wirklichkeit, die uns umgibt, wird plötzlich transparent, und wir erkennen ihren Grund in Gott und seiner alles umfassenden Liebe.

Freilich kann man das mit dem „Durchblick“ auch ganz anders verstehen. Dann werden Glaubende zu penetranten Besserwissern, die eine höhere Stufe der Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen, und mit denen jedes Gespräch schwierig wird, so lange man sich ihrem Anspruch nicht unterwirft und ihre Ansichten übernimmt. Nicht mehr Menschen, die über Gott staunen, sondern solche, die das Staunen hinter sich gelassen haben. Sie haben ihre Sprache wieder gefunden und meinen, nun (fast) alles erklären zu können. Gott ist dann nicht mehr der unfassbare Grund allen Lebens, sondern er ist zumindest so fassbar, dass man ihn in Traktate packen kann.

Einerseits lese ich hier also, dass Glaube und Gewissheit ein Geschenk des Geistes Gottes ist, andererseits wird an diesem Tag für theologische Lehre und Ausbildung gebetet, natürlich mit einem starken Akzent auf „Bibeltreue“ – was immer der einzelne sich darunter vorstellen mag. Ist die rechte Erkenntnis also doch eine Frage des (Bibel-)Wissens und der Methodik, oder wie passt das zusammen?

Eher amüsant fand ich auch den Gedanken, dass Hebräer 1,1 eine „klare Definition“ liefert, was Glauben bedeutet. Ich habe den Satz mehrmals gelesen, ohne irgendeinen klare Vorstellung zu bekommen. Die bekommt man nämlich erst, wenn man das ganze Kapitel liest, in dem das Alte Testament im Schnelldurchgang nacherzählt wird. Glauben heißt, es diesen Menschen nachzumachen und sich nicht mit dem Status Quo abzufinden – ob der nun Kinderlosigkeit heißt, Zwangsarbeit oder zahlen- und kräftemäßige Unterlegenheit. Glaube heißt, das Mögliche über das Faktische zu stellen. Es heißt, sich auf einen riskanten Weg zu machen, in der Erwartung, dass Gott uns dort begegnet. Glaube heißt, die Unsicherheit dieser Stimme, die uns ruft, über die Sicherheit geordneter Verhältnisse zu stellen. Auch über die Sicherheit allzu „klarer“ (und damit enger und festgelegter) theologischer Überzeugungen und „Definitionen“.

Für alle, die das Thema noch weiter beschäftigt, hier noch ein Buchtipp. Peter Rollins aus Belfast hat das Dilemma, über Gott nicht angemessen reden zu können und doch von ihm reden zu müssen, ganz gut beleuchtet in „How not to Speak of God“.

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Paulus und die Philosophen

Rolf Spinnler geht in der Zeit der Frage nach, was führende Philosophen Europas an Paulus fasziniert. Sie finden bei ihm Lösungsansätze für die Aporien des Relativismus, Skeptizismus und Pragmatismus der Postmoderne. Spannende Lektüre für alle, die Paulus auch mal unter ganz anderen Gesichtspunkten lesen wollen:

Alain Badiou entdeckt in Paulus den Repräsentanten einer „Politik der Wahrheit“. Er lässt sich vom Ereignis der Todes und der Auferstehung, das die symbolische Ordnung der Welt sprengt, so radikal bestimmen, dass er darin die Grundlage einer neuen Gemeinschaft findet, die nicht mehr durch Voraussetzungen wie gemeinsame Abstammung oder kulturelle Wurzeln definiert wird, sondern durch das Bekenntnis des einzelnen zu Christus und damit wahrhaft universal ist.

Giorgio Agamben betrachtet die Überwindung des Rechts durch die Liebe und sieht eine Antwort auf die Frage nach Konsum und Eigentum im Rat des Apostels, Dinge zu nutzen, ohne sie besitzen zu müssen. Das Instrument der Rettung der Welt ist der messianische Rest der Ausgeschlossenen – ein jüdischer Gedanke, den Paulus radikalisiert – die wahre Allgemeinheit jenseits partikularer kultureller Identität verkörpern.

Slavoj Žižek schließlich sieht in der kenotischen Christologie des Paulus die Lösung eines Problems, das den jüdischen und islamischen Monotheismus plagt, nämlich der absoluten Vollkommenheit Gottes, dem ohne die Erfahrung des Todes möglicherweise auch die Erfahrung echter Liebe fehlt. Im Unterschied zu Plato, bei dem Liebe sich weg vom Konkreten hin zum Allgemeinen vervollkommnet, ist im Christentum des Paulus diese Richtung umgekehrt. Liebe stellt nicht das Ewige und Erhabene, sondern das Niedrige und Endliche in den Mittelpunkt. In seinem Scheitern erringt Christus zudem den Sieg über das Gesetz dieser Welt, über das Siegen selbst.

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