Ich suche ein neues Fahrrad und stöbere im Netz. Wenn ich dreihundert Euro mehr ausgebe, dann bekomme ich ein Rad, das ein paar hundert Gramm leichter ist. Verlockend, wer will schon unnötiges Gewicht den Berg hinauf wuchten?
Das teurere Rad ist leider auch für Diebe interessanter. Ich brauche also ein sehr robustes Schloss, oder vielleicht auch zwei meint ein Fahrrad-Ratgeber. Aber Moment – die sichersten Schlösser sind doppelt so schwer, wie das bessere Rad leichter ist.
Na, dann entscheide ich mich für das günstigere Rad und ein leichteres Schloss: Gleiches Gesamtgewicht und noch Geld gespart. Für Luxus zahlt man eben doppelt: Den Preis, den es ohnehin kostet, und dann nochmal für Versicherungen, Alarmanlagen und was sonst nötig ist, damit ich meine schönen Sachen sorglos genießen kann.
Das gibt es auch in ganz groß: Die aktuelle Hitzewelle haben wir uns eingehandelt, weil wir – die Mittel- und Oberschicht – beim Konsum und Wirtschaften, beim Reisen und Wohnen viel zu lange nicht vom Gas gegangen sind. Sie kostet uns in Deutschland bis 2030 voraussichtlich 120 Milliarden Euro. Die Klimaschäden fressen das Wirtschaftswachstum. An dem schönen Rad hängt ein schweres, klobiges und hässliches Schloss.
Heute, am 30. Juni, ist der internationale Asteroiden-Tag. Ich hätte es wahrscheinlich überlesen, wenn ich nicht kürzlich erst über einen Bericht gestolpert wäre, dass ein Asteroid entdeckt wurde, der in sieben Jahren auf dem Mond einschlagen könnte.
Wenn es dazu käme, würden eine Menge Trümmer ins All geschleudert. Auf der Erde würden massenweise Meteoriten niedergehen. Und es könnten ziemlich viele Satelliten und die Internationale Raumstation ISS schwer beschädigt werden.
Das Problem ist, dass wir noch nicht genau wissen, dass es dazu kommt. Wir müssten allerdings jetzt schon anfangen, etwas zu unternehmen, um diesen Fall zu verhindern. Danach sieht es allerdings nicht aus.
Ich erzähle das nicht, um Angst zu verbreiten. Vielleicht geht es ja gut. Aber weil die meisten Menschen (und erst recht die meisten Politiker) uns nicht als Erdlinge sehen, sondern als Deutsche oder Schotten oder Kap-Verdier, arbeiten wir auch nicht gut zusammen.
„Erdling“ ist die beste Übersetzung des biblischen „Adam“, Mensch. Der Asteroidentag erinnert uns wieder daran, dass die eine Erde so viel wichtiger ist als irgendeine Nation, egal welche.
Ich öffne die Haustüre und bleibe einen Augenblick zwischen den Büschen und Bäumen im Vorgarten stehen. Mein Blick wandert hinaus auf die Straße. Ich entdecke gelbe Ränder im Rinnstein und an den Pfützen – oder da, wo kürzlich noch Pfützen waren. Auf den Autos hat sich eine goldene Staubschicht abgesetzt. Und auf unseren Fenstern. Oh, und auf meiner Brille auch. So richtig sichtbar wird der Staub oft erst dann, wenn ich versuche, ihn abzuwischen. Dann gibt es Streifen und Schlieren.
Es ist Frühling – Blütezeit. Kirschen und Äpfel sind schon durch, aber Fichten und Kiefern legen jetzt erst richtig los. Wenn bald Gräser und Getreide dazu kommen, werden meine Augen ein bisschen jucken und es wird in der Nase kitzeln. Nicht nur da draußen. Der feine Staub kommt überall hin. Ich trage ihn in meinen Haaren und meiner Kleidung nach Hause.
Das ist ja auch das Schöne am Blütenstaub: Er kommt wirklich überall hin. Weil die Pflanzen ihn in so verschwenderischen Mengen abgeben, findet er auch auf große Entfernungen noch sein Ziel. Er trübt nicht den Himmel ein wie Saharastaub, er schädigt den Organismus nicht wie Feinstaub. Gut, für Allergiker ist es zeitweise anstrengend. Aber Blütenstaub in der Luft garantiert eben auch, dass in den Gärten, auf den Felder und im Wald neues Leben wächst.
Zeitstaub
Und jetzt, gerade in diesem Moment, fliegt er wieder durch die Luft. Und noch ein anderer Staub ist unterwegs, unsichtbar: Zeitstaub. Nein ich meine nicht den, der sich im Lauf der Zeit auf Büchern und Möbeln ansammelt.
Der Zeitstaub ist eine Entdeckung der Französin Madeleine Delbrêl – einer Meisterin der Alltagsmystik. Zeitstaub macht nicht krank und löst keine Allergien aus. Und er hat mit dem Beten zu tun.
Betet! Diese Aufforderung findet sich öfter in der Bibel. Einmal lautet sie sogar, ganz schön ambitioniert, „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicher 5,17)
Ich schlucke erst mal: Wie soll das gehen? Den ganzen Tag mit gefalteten Händen herumsitzen und Gott ein Ohr abkauen, das kann ja wohl kaum gemeint sein. Auch damals hatten die Menschen alle Hände voll zu tun.
Dass für Däumchendrehen keine Zeit ist, weiß auch Madeleine Delbrêl. Sie weiß aber auch, dass zu dem Appell, unablässig zu beten noch ein anderer Satz gehört: „Freut euch zu jeder Zeit!“. Beten soll keine ermüdende Pflichtübung sein. sondern eine Kraftquelle. Und für beides, die Freude und das Beten, gibt es den Zeitstaub:
„In das beschäftigtste, umtriebigste Leben dringen aber doch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein […] Wenn wir behaupten, Beten sei unmöglich, so müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn so, wie er ist, verwerten.“
Wenn uns beim Beten unsere Maßstäbe und Ideale in die Quere kommen, hat die Freude es schwer. Madeleine Delbrêl spürt: Wenn ich mich mit Vollzeitchristen – also Ordensleuten oder Pfarrpersonen – vergleiche, schneide ich selten gut ab. Sich selbst und die Menschen um sie her nennt sie „die Leute von der Straße“. Diese „Normalos“ sind nicht weniger heilig oder interessant für Gott. Ganz selbstbewusst kann sie sagen:
„Wir anderen, wir Leute von der Straße, sind ganz sicher, dass wir Gott so sehr lieben können, wie er Lust hat, von uns geliebt zu werden. […] Wir denken, dass wir, wenn wir für Gott ganz kleine Dinge tun, ihn ebenso lieben können wie mit großen Aktionen. Im Übrigen halten wir uns für schlecht informiert, was das Format unserer Taten angeht. Wir wissen bloß zweierlei: zum einen, dass alles, was wir tun, nur klein sein kann; zum anderen, dass alles, was Gott tut, groß ist. Das beruhigt uns angesichts dessen, was zu tun ist.
Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, unsere Taten nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren.“
Der Zeitstaub hängt sich in die Fasern des Alltags, von dem er nicht zu trennen ist. Ein feines Geflecht entsteht, in dem das Beten ins Tun und das Tun ins Beten übergeht. Alles, was wir tun können, ist nur Kleinkram, sagt sie. Nichts Besonderes. Pillepalle. Aber man nie wissen, was aus diesem heiligen Pillepalle noch alles wird, wenn sich unser Kleinkram mit Gottes Möglichkeiten verbindet.
Die Menge macht’s – nicht unbedingt
Das Bild vom Zeitstaub erinnert mich an ein bekanntes Selbsthilfe-Buch für Manager. Dort erzählt der Autor von einem Professor, der seinen Studierenden einen großes, leeres Glas präsentiert. Dann nimmt er große Flusskiesel und füllt sie hinein. Als er fertig ist, fragt er in die Runde, ob das Glas jetzt voll sei. Die Studis nicken. Da holt er einen Krug mit kleinen Schottersteinchen und schüttet die ins Glas. Sie verteilen sich in den Zwischenräumen. Als der Schotter bis zum Rand reicht, fragt er nochmal, ob das Glas nun voll sei. Wieder lautet die Antwort ja. Der Professor wiederholt die Prozedur noch zweimal – erst mit Sand, dann mit Wasser. Am Schluss passt wirklich gar nichts mehr hinein.
Die ursprüngliche Pointe an der Geschichte vom vollen Glas lautet, dass man die großen Steine zuerst ins Glas legen muss. Wenn erst mal lauter Wasser und Sand drin sind, passen sie nicht mehr rein. Ich muss also Prioritäten setzen. Und ich mache das richtig, wenn ich nicht die dringenden Sachen zuerst einplane (die drängen sich von selbst auf), sondern die wichtigen: First things first.
Eine ganze Reihe Freunde und Bekannte haben sich das zu Herzen genommen und feste Zeiten für das Gebet in ihren Tag eingeplant: Früh am Morgen, vor dem Schlafengehen, in der Mittagspause oder gleich nach der Arbeit. Martin Luther soll ja mal gesagt haben, er betet jeden Morgen eine Stunde. Und wenn ganz viel los ist, dann zwei Stunden.
Bei vielen hat das so mittel funktioniert, das Beten als großer Stein, als „first thing“, als die besondere Zeit. Vielleicht auch, weil dabei oft die Quantität – also die Dauer, womöglich noch in Stunden – im Mittelpunkt steht. Statt sich zu freuen, dass es ab und zu gelingt und gut tut, haben viele ein schlechtes Gewissen, dass sie es mindestens so oft nicht schaffen. Aber wenn ich jemand gegenüber ein schlechtes Gewissen habe, weil ich befürchte, dass ich seine oder ihre Erwartungen nicht erfülle, dann freue mich nicht auf die nächste Begegnung, sondern gehe der Person aus dem Weg.
Das Bild vom Zeitstaub hat mir geholfen, die Sache anders zu sehen. Madeleine Delbrêl war Sozialarbeiterin im sozialen Brennpunkt; sie wusste genau, dass ich nur ganz begrenzt bestimmen kann, was ich heute mache. Ich habe Verpflichtungen – beruflich, familiär, gesellschaftlich. Andere verlassen sich auf mich oder sind von mir abhängig – Kinder, pflegebedürftige Angehörige, Nachbarn und Bekannte, die gerade in der Krise stecken. Anders gesagt: Jeden Tag plumpsen, ob ich will oder nicht, etliche dicke Klopse in mein Glas. Große Frei- oder Spielräume haben Seltenheitswert. Das ist anstrengend und oft frustrierend.
Zum Glück ist da noch der Zeitstaub. Wie der Sand oder das Wasser im Glas des Selbsthilfe-Professors passt der in jede noch so kleine Ritze. Und weil es eine ganze Menge von denen gibt, steht auch eine Menge Zeitstaub zur Verfügung – jeden Tag wieder. Kleine Momente, in denen ich einen Schritt zur Seite treten kann, durchatmen, und Kontakt aufnehmen mit Gott.
Dass Gott allgegenwärtig ist – immer und überall da – das sagt sich leicht. Aber oft geht mir in der Hektik des Alltags das Gespür dafür verloren. Mag ja sein, dass er da ist, aber ich merke nichts davon, weil ich in diesem Augenblick nicht da bin. Ich bin im Kopf in der Zukunft, bei Zielen, Sorgen und (was für ein verräterisches Wort!) Deadlines, oder in der Vergangenheit bei dem, was alles an innerem Lärm noch nachklappert. Manchmal bin ich meilenweit weg, total abwesend und überhaupt nicht präsent. Der Alltag rauscht an mir vorbei. Ich funktioniere. Und versuche zugleich, auch meine Umgebung funktionieren zu lassen – indem ich sie kontrolliere, manage und mir zu nutze mache. Das viele Müssen und Tun lässt kaum noch Platz für das Einfach-So-Sein.
Gott sei Dank für den Zeitstaub. Die Momente, in denen ich nicht produktiv sein und liefern muss. In denen ich die Augen nicht auf die vielen Bälle richte, die ich in der Luft halte. Und wenn ich dann alles mal sein lasse und auch selber einfach mal da bin, dann wird – nicht immer, aber erstaunlich oft – vieles kinderleicht.
Alltagsgebete
Auf der Suche nach dem Zeitstaub in meinem Leben habe ich einen kleinen Schatz entdeckt:Die „Carmina Gadelica“ – Gedichte, Gebete und Lieder der Menschen auf den äußeren Hebriden. Von Menschen, die sehr bescheiden lebten und alte Bräuche über viele, viele Generationen hinweg weitergaben. Vor gut 100 Jahren hat man sie dann gesammelt und aufgeschrieben.
Die Art des Betens, die mir dort begegnet, ist durch und durch bodenständig. Sie findet in keiner Kirche statt, sondern während der Arbeit. Bauern und Fischer an der rauen Atlantikküste, bei denen das Gebet in alles verwoben ist, was sie tun. Es ist bei allen Entbehrungen auch ein festliches Leben, nicht verbissen fromm oder bitterernst. Das Besondere daran ist, dass es nichts Besonderes sein will. Es sortiert Beten und Handeln nicht auseinander – und nimmt sich eine weitere Aufforderung aus dem Neuen Testament zu Herzen: „Alles, was ihr tut, tut es von Herzen für Gott.“ (Kolosser 3,23)
Das sieht dann so aus: Am Anfang des Tages wird das Herdfeuer, das über Nacht abgedeckt war, wieder entfacht, damit es in der zugigen Hütte warm wird. Dafür gibt es ein eigenes Gebet. Wenn das Feuer brennt und alle ihren Beschäftigungen in Haus und Hof nachgehen, werden die Betten gemacht. Und auch dafür gibt es ein Gebet; Gott und alle Engel sind mit von der Partie:
Ich mache dieses Bett Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes Im Namen der Nacht, als wir gezeugt wurden Im Namen der Nacht, als wir geboren wurden Im Namen des Tages, als wir getauft wurden Im Namen jeder Nacht, jedes Tages, jedes Engels, der im Himmel ist.
Erde, Engel und Himmel, Geburt und Tod, Einschlafen und Aufwachen – alles ist um das Bett versammelt in diesem Gebet. Betten machen wir heute immer noch, das hat sich nicht geändert. Und es gibt andere wiederkehrende Situationen wie diese in meinem Alltag. Zum Beispiel, wenn ich eine vielbefahrene Straße in meinem Viertel überquere. Da stehe ich manchmal ewig an der Ampel für Fußgänger und Radfahrerinnen, während die Autos gefühlt endlos grün haben. Sie fahren und fahren – und fahren – und ich sehe zu, während kostbare Lebenszeit verrinnt. Neulich ist sogar eine Seniorin mit Rollator bei Rot gegangen, weil sie die Geduld verlor.
An der Ampel sammelt sich ordentlich Zeitstaub an. Und manchmal bin ich wach genug, zu merken: Anstatt ungeduldig nach eine Lücke im Verkehr zu suchen, kann ich auch einfach die Einladung zum Gebet annehmen, die in dieser Situation steckt.
Also habe ich mein eigenes Alltagsgebet geschrieben:
Ewiger Gott, Ursprung der Zeit, Erfinder der Gelassenheit, Ziel aller Wege. In mir und um mich her staut sich die Ungeduld, zappelt der Zeitdruck, drängt die Eile. Du aber lässt dich aufhalten, lässt uns selbst dann die Vorfahrt, wenn wir deine Wege durchkreuzen, statt deinen Spuren zu folgen. Hier stehe ich – lass mich erkennen, was mich treibt; hilf mir ablegen, was mich bremst, und gib mir den Schwung deiner Liebe, für den Weg, der heute noch vor mir liegt.
Vielleicht gibt es in Ihrem Alltag, liebe Hörerinnen und Hörer, auch solche wiederkehrenden Platzhalter-Situationen für ein Gebet. Dann können Sie sich dafür ebenfalls ein paar passende Worte ausdenken und die aufschreiben.
Oder mal ganz auf Worte verzichten. Das kennen wir ja auch aus zwischenmenschlichen Beziehungen: Wenn zwei sich gut verstehen, können sie auch eine Weile schweigen, einander ansehen oder nebeneinander hergehen, ohne dass es sich verkrampft anfühlt.
„Vergnügter als ein König“
Ohne Worte beten – das geht. Ich kann auch mit den Händen beten. Wenn ich was zu tun habe, wenn ich arbeite. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist Bruder Lorenz. Er kam schwer verletzt aus dem Dreißigjährigen Krieg zurück. Ein paar Jahre später tritt er als Laienbruder in ein Karmelitenkloster in Paris ein. Der Abt dort weiß wenig mit ihm anzufangen und schickt ihn in die Küche. Dort kocht Bruder Lorenz jeden Tag für rund 100 Personen – anfangs mit recht überschaubarer Begeisterung. Es wird auch kein Meisterkoch aus ihm. Aber er wird ein Meister darin, Gott im Herzen zu tragen und die alltäglichen Handgriffe mit ganz und gar nicht alltäglicher Liebe zu tun. Er sagt über sich selbst:
„Ich wende meinen kleinen Pfannkuchen in der Pfanne aus Liebe zu Gott um. Wenn er fertig ist und ich nichts mehr zu verrichten habe, so werfe ich mich zur Erde und bete meinen Gott an, von dem mir die Gnade, diesen Pfannkuchen zu machen, gekommen ist, wonach ich mich dann viel vergnügter als ein König wieder aufrichte. Wenn ich nichts anderes kann, ist es mir genug, einen Strohhalm aus Liebe zu Gott von der Erde aufgehoben zu haben.“
Wenn Bruder Lorenz seinen Strohhalm aufhebt, dann betet er mit seinen Händen. Wenn ich eine achtlos weggeworfene Plastikverpackung aufhebe und in den Mülleimer befördere, kann ich das auch, mit den Händen beten. Oder wenn ich ein Blume gieße, mein Fahrrad repariere, auf der Gitarre spiele.
Ich kann auch mit den Füßen beten, zum Beispiel wenn ich am Abend eine Runde spazierengehe. In den Farben der Gärten, im Duft des Flieders, im Wind und der Sonne oder dem Regen auf der Haut, im Summen der Bienen und Zwitschern der Singvögel kitzelt der Schöpfer aller Dinge meine Sinne wach. Und wenn ich beim Gehen nicht in meinen Grübeleien versinke, sondern mich in die Gegenwart des Einen locken lasse, bin ich mitten drin in dem großen Fest des Lebens. So, wie sich beim Gehen meine Lungen mit unsichtbarem Sauerstoff füllen, so durchströmt Dankbarkeit und Heiterkeit das müde und manchmal sorgenschwere Herz.
Es muss nicht die schöne Natur draußen sein. Auch daheim in den Alltagsräumen. Am Küchentisch. Vielleicht, liebe Hörerinnen und Hörer, steht Ihre Kaffeetasse noch vor ihnen auf dem Tisch. Mein persönliches Herdfeuer-Ritual spielt sich rund um den Kaffee ab. Bis der Thermoblock der Espressomaschine aufgeheizt ist, vergeht genug Zeit, um zu beten:
Gott des erwachenden Lebens, Licht des neuen Tages: Lass mich wach werden für deine Gegenwart in allem, was mir heute begegnet. Lass mich wach bleiben für deine Gerechtigkeit für das Seufzen derer, die keine Stimme haben in unserer Welt. Lass mich unermüdlich sehen und sagen, was die Hoffnung nährt und dem Frieden dient. In dieser alten und müden Welt schlägst du täglich eine neue Seite auf im Buch Deiner Liebe zu uns. Sende den frischen Wind deines Geistes, der das befreiende Aroma der neuen Welt verbreitet. Amen.
When will I ever learn to live in God? Van Morrison singt von der Sehnsucht, aus dieser innigen Verbindung mit Gott zu leben: In ihm habe ich alles, was ich brauche und mehr. Und alles, was ist, ist in Gott.
Mitten in einem Text, der auf Englisch geschrieben ist, lese ich das deutsche Wort „Weltschmerz“. Ich stutze. Ist das denn ein typisch deutsches Gefühl? Vielleicht sogar ein echt fränkisches? Der Ausdruck stammt nämlich von dem Schriftsteller Jean Paul – und der war ja Oberfranke.
Weltschmerz, das ist eine Form von Melancholie und Traurigkeit über den Zustand der Welt, mich selbst eingeschlossen. Über die Kluft zwischen dem, wie es sein könnte, und wie es tatsächlich ist. Über die Tatsache, dass so viel sinnloser Schmerz in der Welt ist.
Auch 200 Jahre nach Jean Paul ist das noch ein Thema. Im Internet finden sich allerlei pragmatische Tipps, wie man den Weltschmerz loswird: Weniger Social Media, kein Doomscrolling, öfter mal Rausgehen, das Unvermeidliche akzeptieren.
Schön und gut, denke ich mir. Aber vielleicht zeigt sich im Weltschmerz ja auch eine tiefe Wahrheit, oder besser: eine Art Sehnsucht nach mehr als nur privatem Glück.
Dann wäre das doch ein schöner Export aus Franken in die weite Welt!
„Du musst auf deinen Körper hören!“ Ich habe diesen Ratschlag in den Ferien ausprobiert. Am ersten Tag war es grau und kalt. Mein Körper sagte, er möchte auf dem Sofa liegen. Ich war einverstanden, holte einen Kaffee für den Körper und ein Buch für den Kopf.
Ein paar Tage und viele Kaffees später schaut der Kopf am etwas trägen Körper hinunter und findet, etwas Sport wäre gut. Also krame ich die Laufschuhe heraus für eine lockere Runde um die Felder.
Nach etwa hundert Metern meldet sich der Körper. Das Knie zwickt und das Sprunggelenk sendet ein Stechen. Im Kopf läuft sofort der Katastrophenfilm: Umkehren, Termin beim Orthopäden in sechs Wochen, Medis und Bein schonen bis zum Spätsommer.
Aber ist es das, was mein Körper mir gerade sagt? Ich mag nicht aufgeben und versuche etwas anderes. Wenn ich das Knie ein bisschen anders strecke und den Fuß ein bisschen anders setze, was sagt der Körper dann? Läuft, sagt der Körper, aber schau mal, wie du alter Faulpelz schnaufst nach so viel Sofa!
Eine Gruppe Touristen geht vorbei und ich höre, wie einer von ihnen, schon jenseits der Lebensmitte, gerade sagt: „Wenn ich könnte, würde ich ja zurückgehen in die Vergangenheit.“
Mehr bekomme ich von dem Gespräch nicht mehr mit, aber der eine Satz geht mir noch nach. Das würden im Augenblick ja viele gern machen – die Uhr zurückdrehen auf eine Zeit, in der die Welt noch nicht so kaputt war.
Welche Zeit genau, ist eigentlich egal. So oder so stellt sich die Frage: Wenn ich in der Zeit zurückginge, was könnte ich dann tun, damit diese Zukunft, aus der ich geflüchtet bin, so nicht eintritt? Ich weiß ja, wie es weiterging. Und damit hätte ich auch eine Verantwortung: Ich könnte nicht rumstehen und sagen: „Wird schon alles gutgehen.“
Alles, was jetzt gerade gut ist, gibt es nur, weil es jemand wichtig genug war, sich dafür einzusetzen. Und auch wenn ich nicht weiß, was kommt: Ich kann heute dafür sorgen, dass möglichst viel Gutes dabei ist.
Ein Deutscher ist mit dem Auto in Irland unterwegs. Hier und da entdeckt er am Straßenrand gelbe Streifen. Er fragt einen Iren, was die bedeuten. „Da darf man nicht parken“, sagt der. „Ok, gut“, sagt der Deutsche. „Aber neulich habe ich einen doppelten Streifen gesehen. Was bedeutet denn der?“ „Oh,“ sagt der Ire, „da darf man überhaupt nicht parken“.
Bei uns gibt es keine doppelten Streifen am Straßenrand. Aber es gibt die blau-roten runden Verkehrsschilder mit einem oder zwei diagonalen Streifen. Und manchmal noch einen Zusatz wie „Feuerwehrzufahrt“. Dann sollte dann auch dem letzten Träumer klar sein, dass man da überhaupt kein Auto stehen lässt.
Die Feuerwehreinfahrt für einen großen Wohnblock in meiner Nachbarschaft wird täglich als praktische Kurzzeitparkzone genutzt. Nicht wenige genehmigen sich das und denken: „Nur ein paar Minuten. Wird schon schiefgehen.“
Der Anblick ist so alltäglich, dass sich alle daran gewöhnt haben. Aber an manche Dinge sollten wir uns besser nicht gewöhnen. Natürlich sind Regeln für die Menschen da und nicht umgekehrt. Aber genau deswegen sollte es nicht passieren, dass die Bequemlichkeit und Wurstigkeit eines einzelnen in so einem Moment die Sicherheit vieler gefährdet.
Gute Nachbarschaft stelle ich mir jedenfalls anders vor.
Heute vor vier Jahren rollten die ersten russischen Panzer über die ukrainische Grenze, Bomben fielen auf Kindergärten und Kliniken, Brücken und Kraftwerke wurden und werden zerstört. Deswegen sind meine Gedanken heute bei den Menschen in Kijiv und Charkiv, in Odessa und Lwiw.
Bei allen, die Väter oder Söhne, Mütter oder Töchter verloren haben. Oder Nachbarn, Freundinnen und Kollegen. Bei allen, die in drückender Dunkelheit und bitterer Kälte ausharren und auch noch anderen helfen, die das selbst nicht mehr können.
Wie schwer waren die paar Wochen und Monate Corona-Lockdown für uns. Wie viel schwerer ist das, was die Ukrainer:innen erleben: Vier Jahre Angst, Zerstörung, geraubte Zukunft, vier Jahre warme Worte und maue Hilfe aus dem Westen.
Ich weiß, es gibt gerade sehr viele schlimme Nachrichten und ich kann gar nicht alles an mich heranlassen. Aber heute, heute darf es mir wehtun und mich beschweren. Und morgen vielleicht nochmal. Denn der erste Schritt, das Leid zu beenden, ist es anzuerkennen. Dass ich hinsehe und zuhöre und Anteil nehme. Und viele andere hoffentlich auch. Wenigstens für einen ausgiebigen Augenblick.
Wie naturverbunden sind wir Menschen, und wie unterscheidet sich das von einem Land zum anderen? Wissenschaftler:innen haben das untersucht. Nepal führt die Liste an, es folgt der Iran – was ich schon überraschend fand (die Erklärung der Forschenden folgt unten). Kroatien und Bulgarien schaffen es als einzige europäische Länder in die Top Ten.
Am Ende der Liste von 61 Ländern, in den Bottom Ten quasi, finden sich deutlich mehr Europäer: In absteigendender Reihenfolge stehen da Russland, Irland, Großbritannien, die Niederlande, Deutschland und, ganz unten, Spanien. Wer hätte das gedacht. Wir sind längst nicht so grün, wie wir denken (oder wie manche so lauthals beklagen). Wie Frank Adler letzte Woche schrieb: Das grüne Jahrzehnt ist vorbei. Naturverbundenheit und -schutz wird aus „Kostengründen“ zusammengestrichen. Die Folgen für das Wohlbefinden werden nicht ausbleiben.
Der Guardian schreibt dazu: "Naturverbundenheit ist ein psychologisches Konzept, das erforscht, wie eng die Beziehung eines Individuums zu anderen Spezies ist. Studien haben herausgefunden, dass Menschen mit einer hochgradigen Naturverbundenheit ein größeres Wohlbefinden genießen und sich mit größerer Wahrscheinlichkeit umweltfreundlich verhalten. Ein geringes Maß an Naturverbundenheit erwies sich – neben der Ungleichheit und dem Vorrang des materiellen Gewinns einzelner – als eine von drei Ursachen für den Verlust von Biodiversität."
Warum der Perspektivwechsel so zäh voranschreitet
Der Befund erklärt, warum Klima-, Umwelt- und Artenschutz bei uns politisch so schwer durchzusetzen sind: Wohlstand ist bei uns ausschließlich finanziell, materiell und quantitativ definiert. Die Interessen der Wirtschaft (sprich: die Vermehrung von Kapital) haben in der Regel Vorfahrt. Dass es bei uns und z.B. auch im Vereinigten Königreich viele Projekte und Initiativen zum Naturschutz gibt, ändert auch nichts an der schlechten Bilanz.
Interessant und diskussionswürdig fällt die Ursachenforschung der Autor:innen aus: Spiritualität und Religiosität werden als Schlüsselfaktor dafür genannt, dass Menschen eine Verbindung zu ihren Mitgeschöpfen empfinden und sich in ihrem Handeln davon beeinflussen lassen. Das gilt für ganz unterschiedliche Religionen. „Konfessionelle“ Unterschiede (Protestanten/Katholiken/Orthodoxe bzw. Schiiten/Sunniten) werden dabei nicht untersucht, auch nicht der drittletzte Platz des Staates Israel – das alles wäre sicher noch spannend.
Sacred Urban Nature
Ein Kulturwandel ist erforderlich, sagt Professor Miles Richardson von der Universität Derby dazu im Guardian. Nicht nur, um die gefährdete Natur zu retten, sondern um der inneren und äußeren Gesundheit der Menschen willen. Nicht nur das Verhalten muss sich ändern, sondern das Fühlen, Empfinden und der Blick auf uns selbst und unser Verhältnis zu allem, was lebt – allem, was keine Maschine ist. Richardson fragt daher: „How do you create sacred urban nature? It’s easy to build a park but it needs to go deeper than that.“ Grünanlagen allein reichen
Bischof Graham Usher aus Norwich, der Heimat von Dame Julian, umweltpolitischer Sprecher der Church of England, verweist auf Jesusworte zu Lilien auf dem Feld und Vögeln am Himmel und auf die heilsame Wirkung von Naturerleben, auf Waldkindergärten und Wild Church.
Erheblicher Nachholbedarf
So weit, so richtig. Aber weder der Bischof noch der Guardian thematisieren die jahrhundertelange Komplizenschaft christlicher Theologie und Akteure bei der neuzeitlichen Objektivierung, Plünderung und Ausbeutung der Natur durch Mensch und Kapital.
Dieser Nachholbedarf besteht auch (und vielleicht erst Recht) bei uns Evangelischen in Deutschland. In den letzten Wochen habe ich immer wieder mal Menschen in kirchlicher Führungsverantwortung gefragt, ob mein Eindruck stimmt, dass unsere Haltung und unsere Aussagen zur Demokratiekrise viel klarer und engagierter ausfallen als zur Klimakatastrophe und zum Artensterben. Niemand hat widersprochen. Vor Kritik an einer Wirtschaft und einer Politik, die aggressiv unsere Lebensgrundlagen zerstört, scheuen unsere Pressestellen und Repräsentanten immer noch ängstlich zurück. Wenn sie die Notwendigkeit überhaupt anerkennen. Und auch in den Kirchen ist Natur- und Klimaschutz aus Kostengründen oft massiv eingeschränkt.
Dabei wäre ein entschiedenes Eintreten für einen Bewusstseinswandel genauso wichtig wie die Positionierung gegen Rechts. Dass es so oft ausbleibt, ist auch ein Anzeichen für ein spirituelles Defizit.
Ihr wusstet das alle bestimmt, ich hab’s gerade erst entdeckt: Der 23. Februar ist der „Tag der Schwertschlucker“. Unter all den anderen Gedenktagen schillert er irgendwie übermütig heraus.
Wären nicht gerade Ferien gewesen, ich hätte meine Grundschüler gern gefragt, wer weiß, was ein Schwertschlucker ist. Vielleicht dient das Gedenken ja dazu: diese seltene Kunst vor dem Vergessen zu bewahren.
Vielleicht brauchen wir den Tag auch, weil Schwertschlucken keine ganz ungefährliche Sache ist und deshalb am Aussterben. Oder weil die Versicherungsprämien der Schwertschlucker inzwischen so hoch sind, dass es sich nicht mehr lohnt? Seit ich darüber nachdenke, spüre ich jedenfalls schon ein leichtes Kratzen im Hals.
Heute ziehe ich meinen Hut vor allen Schwertschlucker:innen. Außer Schaukämpfe, die auch niemanden verletzen, gibt es wenig Sinnvolleres, was man mit einem Schwert anfangen kann.
Vielleicht kommt in den nächsten Jahren der Tag der Drohnenschlucker oder der Streubombenlutscher noch dazu?
Selbstfahrende Autos. Seit Jahren wird das angekündigt, erprobt, ausgewertet. Bald soll es so weit sein, heißt es. Ich schaue auf die Straße und stelle mir vor, wie es dann wohl zugeht. Vielleicht ja weniger impulsiv und aggressiv, das wäre schön. Und alle Beschwipsten und Bekifften kämen sicher von A nach B.
Aber erst müssen die Sensoren noch besser werden. Die KI muss noch dazu lernen. Die Bordcomputer brauchen mehr Rechenleistung. Dann klappt’s bestimmt.
Ein Schwarm Spatzen fliegt vorbei. Sie zischen pfeilschnell durch kleine und kleinste Lücken im Gebüsch. Sie stoßen auch im Schwarm nicht zusammen und ecken nirgends an. Schon krass, denke ich mir, was so ein Spatzenhirn leistet.
In meinem Menschenhirn formt sich ein Gedanke: Wie kommt es, dass uns die KI, die wir geschaffen haben, offenbar so viel mehr fasziniert als das, was Gottes Geschöpfe so alles drauf haben? Immerhin gehören wir selbst ja auch zu diesen wundersamen Wesen. Vielleicht sollte ich aufhören, das als selbstverständlich zu betrachten.
Auf unserem Tisch steht eine Kerze, und immer bevor wir essen, zündet meine Frau sie an. Immer. Irgendwann war sie den Plastikmüll der Wegwerffeuerzeuge leid und kaufte – total retro – eine Schachtel Streichhölzer. Aber dann stellten wir fest, dass wir meistens zwei, drei oder gar vier Streichhölzer brauchen, um die Kerze anzuzünden. Sie brechen, der Kopf platzt ab, die Reibefläche schlägt keine Funken.
Früher, lange vor den Einwegfeuerzeugen, war das anders mit den Streichhölzern. Ab und zu zerbrach auch mal eins, aber in der Regel klappte es auf Anhieb. Komisch, dass wir das heute nicht mehr können.
Oh weh, denke ich mir, jetzt klingst du schon schwer nach „früher war alles besser“. Nein, nicht alles. Aber die Streichhölzer schon. Das Problem steckt ja nicht im „früher“, sondern im „alles“. Die Nostalgie sucht das verlorene Paradies in der Vergangenheit. Der Fortschrittsglaube projiziert es in die Zukunft und fordert mehr Anstrengung. Klappt, naja, so mittel: Wir reißen beim Fortschreiten leider viel zu viel von dem, was wir mühsam aufbauen, mit dem Hintern wieder ein.
Ich schaue wieder in meine Kerze. Bei all dem Vor und Zurück vergesse ich leicht, dass Gott mir gerade jetzt nahe ist. Und mit ihm – ganz ohne Anstrengung – ein kleines Stück Paradies.
Es ist genau 50 Jahre her, da landete der Niederländer Nico Haak einen Hit in Deutschland: Schmidtchen Schleicher. Im Internet steht bis heute: „Ein lustiges Lied über einen Tänzer, der die Frauen mit seinen elastischen Beinen begeistert.“
Viele haben damals begeistert mitgesungen. Aber eine Zeile ist schon ganz schön „cringe“, um es mal vorsichtig zu sagen „die Frauen fürchten sich und fangen an zu weinen – doch Schleicher Schmidtchen schleicht sich immer wieder an“. Der Mann als Jäger, die Frau als Beute. Sie weiß bloß noch nicht, dass sie es eigentlich will. Ja ja…
Klar sagen jetzt manche: Das war doch nur Spaß. Aber es gibt eben auch echtes Stalking und sexualisierte Gewalt, und zwar nicht zu knapp. Und so mancher Übergriff wird vom Täter als Späßchen verharmlost. Wer sich dagegen wehrt, ist kein hysterisches Sensibelchen und absolut im Recht.
So, wie einen guten Tänzer das Gefühl für Rhythmus, Takt und den richtigen Abstand ausmacht, so sollte das auch im Büro und überall sonst funktionieren. Dann tanzen auch alle gern mit.
Am 8. März wird wieder gewählt. Mit meiner Wahlbenachrichtigung habe ich eine Anleitung bekommen, wie ich meine Stimmen richtig abgebe. Dort sind fiktive Kandidatenlisten abgebildet. Die Kandidierenden heißen Maier, Huber, Schuster, Müller oder Fischer. Alles schöne alte und sehr, sehr deutsche Namen.
Aber in Nürnberg haben 52 Prozent der Einwohner:innen einen Migrationshintergrund. Die Meiers und Müllers sind nicht mehr die Mehrheit. Und selbst die Partei, die daraus gern eine Katastrophe machen würde, hat auf ihrer Liste ein paar fremdländische Nachnamen. Ohne die geht es offensichtlich auch bei denen nicht.
Als Christ sage ich: Das ist gut so. Und ich würde mich freuen, wenn statt dem einseitigen und verstaubten Gehubere beim nächsten Mal ein paar schöne türkische, ukrainische oder eritreische Namen in meiner Anleitung auftauchen würden. Wenn Ihr mögt, schlagt doch den Mitarbeitenden im Wahlamt welche vor. Das wäre mal eine echte und längst überfällige Alternative.
Ende Oktober war ich auf dem St. Cuthbert’s Way unterwegs. Sechs Tage zu Fuß von Melrose in den Scottish Borders nach Lindisfarne in Northumberland. Auf den Spuren des großen angelsächsischen Heiligen aus dem siebten Jahrhundert, der Novize in Melrose war und später Prior und Bischof von Lindisfarne.
Ich bin den Weg ganz bewusst allein und als Pilgerweg gegangen. Und hatte mir als Motto einen Gedanken von Friedrich Nietzsche eingepackt:
So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.
Nach einem Tag Anreise mit der Bahn (trotz Sturmtief über Europa hatten alle Umstiege geklappt) von Nürnberg nach Durham stand ich am nächsten Morgen auf, ging in der Morgensonne ein Stück am River Wear entlang und dann hinauf in die Kathedrale. Samstags um halb neun war es dort noch ganz still und leer, nur hinter dem Hochaltar hatte sich eine kleine Gruppe zum Morgengebet am Grab von St. Cuthbert eingefunden. Einen schöneren Einstieg ins Pilgern hätte ich mir kaum vorstellen können.
Geschichte unter den Füßen
Die Bahn brachte mich dann über Edinburgh Waverley in die Scottish Borders. Dort am River Tweed wartete die erste der insgesamt vier Border Abbeys, die die schottischen Könige im 12. Jahrhundert erbauen ließen. Das keltische Vorgängerkloster lag ein bisschen weiter flussabwärts. Der St. Cuthbert’s Way führt aber dort nicht vorbei (es gibt auch nichts mehr zu sehen), sondern über die Vulkankegel der Eildon Hills nach St. Boswells – benannt nach dem Iren Boisil, Lehrer und Mentor des jungen Cuthbert. Auf den ersten Etappen sind drei der vier Border Abbeys zu sehen: Melrose, Dryburgh und Jedburgh. Für die letzte muss man ein paar Kilometer vom eigentlichen Weg abweichen. Nur Kelso bleibt buchstäblich links liegen. Alle Border Abbeys sind Ruinen. Wenn es nicht die Kriege zwischen England und Schottland waren, dann die Reformation.
Ich befinde mich auf geschichtsträchtigem Boden. In den Eildon Hills gab es eisenzeitliche Befestigungen, in Melrose stand das Römerlager Trimontium und einige Kilometer des Pilgerwegs verlaufen auf der Route einer Römerstraße. Im Alltag mache ich mir das selten bewusst, wer da alles schon vor mir unterwegs war und wie lange. Der Weg verbindet über die lange Zeit hinweg. Ich folge in den Fußstapfen vieler anderer, auch wenn ich ganz allein unterwegs bin. Die Geschichte, die mich dabei am meisten interessiert, ist die des jungen Angelsachsen Cuthbert. Mary Low weiß in ihrem Buch über den St. Cuthbert’s Way für jeden Abschnitt des Weges etwas zu erzählen.
Wind und Wetter um die Ohren
Es liegt nahe, den Weg von West nach Ost zu gehen. Die Chronologie passt zur vorherrschenden Windrichtung. Und Ende Oktober ist es ein großer Unterschied, ob der Wind mich schiebt oder mir ins Gesicht bläst. Natürlich war ich auch auf Regen eingestellt, aber am Ende waren die wasserdichten Sachen nur am zweiten Tag nötig, sonst war es ganz überwiegend trocken und oft auch sonnig. Die Tage wurden kurz, die Sonne ging gegen halb fünf schon unter, für ausgedehnte Pausen oder größere Umwege war kaum Zeit. Aber die Beschränkung der Zeit fokussiert auch – der Blick geht konsequenter als sonst nach vorn, auf den Weg.
Mein wunder Punkt
Ab dem dritten Tag wurde das Etappenziel auch aus einem weiteren Grund immer wichtiger: Ich stellte fest, dass meine Beine 25 km am Tag locker wegsteckten und dass mein mit viel Bedacht gepackter Rucksack gut zu tragen war. Was ich nicht erwartet hatte, waren die wunden Füße. Meine alten, eingelaufenen Wanderstiefel entpuppten sich als zu eng. Über Nacht erholten sich die Füße immer ein bisschen, die erste Hälfte des Tages ging einigermaßen, aber dann schmerzte jeder Schritt – bergab immer noch etwas mehr als bergauf. Die Landschaft war immer noch wunderschön, aber der Genuss war getrübt und die Gedanken wollten auch zu keinen größeren Höhenflügen mehr ansetzen. Außer der nicht ganz unwichtigen Einsicht, dass ich es für völlig selbstverständlich gehalten hatte, dass mich meine Füße den ganzen Weg tragen. Aber das war es nicht, ich hatte sie zu sehr strapaziert. Am vierten Tag bog ich für das letzte Drittel vom Weg durch die Cheviot Hills ab und nahm den Bus nach Wooler. Es fühlte sich ein bisschen nach Niederlage an. Aber ich wusste: Es war richtig, Rücksicht zu nehmen und die Grenze zu respektieren, die der Schmerz markierte.
Das Finale
Nach Hoły Island, da muss man barfuß gehen, sagte eine Einheimische zu mir am Morgen vor dem letzten Stück Weges. Ich hatte das letztes Jahr schon mal gemacht, aber das war Anfang Juni gewesen und mit unversehrten Füßen. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich den Rat befolgen sollte. An der Nordsee angekommen, zog ich die Schuhe aus und lief den Pilgerweg über den nassen Sand barfuß. Lindisfarne ist eine Gezeiteninsel. Als ich ankam, hatte ich sämtliche Blasenpflaster verloren. Das Meerwasser tat der Haut gut. Ich schrubbte den nassen Sand ab, zog Socken und Stiefel wieder an und ging zur Priory, der letzten und wichtigsten Klosterruine auf diesem Pilgerweg. Es waren Herbstferien und der Ort voller Ausflügler. Etwas abseits sind auf einer Erhebung die Grundmauern der Kirche des keltischen Klosters zu sehen. Man kann schön nach Bamburgh hinüberschauen, wo die Könige von Northumberland residierten. Es war kühl und hinter den Wolken sank die Sonne dem Horizont entgegen. Ich entschloss mich, den Rückweg noch einmal barfuß zu gehen. Diesmal war ich ganz allein. Auf einer Sandbank in der Nähe konnte ich im schwächer werdenden Licht eine Gruppe Kegelrobben sehen. Der Wind trug ihren mehrstimmigen Gesang herüber über die stille Meerenge. Ich war, von ein paar Seevögeln abgesehen, in diesem Konzert der einzige Zuhörer. Nach einer Weile verlor sich der Gesang in der Ferne. Aber der Zauber dieses Abschieds begleitete mich in die anbrechende Nacht.
Die innere Unruhe, die ich am Grab des Cuthbert noch mit mir herumgetragen hatte, war verschwunden. Sie ist, wie die Pflaster, buchstäblich irgendwo auf der Strecke geblieben. Eine große Dankbarkeit ist an ihre Stelle getreten.
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