Spirituelle Raumpflege

Das kleine Buch „Das Heilige im Alltag wieder entdecken“ von Llewllyn Vaughan-Lee und Hilary Hart hat mich in der letzten Woche begleitet. Von den vielen inspirierenden Gedanken, die es enthält, greife ich hier nur einen heraus. Ein Weg, das Heilige zu entdecken, ist für die Autoren das Putzen. Ein Schlüsselsatz darin lautet:

„Wirkliches Reinigen ist ein Ritual, so einfach und existenziell wie die Aufmerksamkeit, die wir unserem Essen schenken (…). Es erinnert uns daran, wo wir sind und wie wichtig es ist, uns dort, wo wir uns täglich aufhalten, um den heiligen Raum zu kümmern. Das Reinigen als Praxis schenkt uns die Klarheit, die gewöhnlichen Dinge zu sehen und wertzuschätzen.“

Jeder Raum kann (und soll) Raum für das Heilige bieten. Und das geht nur, wenn er nicht vermüllt ist mit den Dingen, die wir gedankenlos anhäufen. Für Vaughn-Lee sind das, im Übrigen nicht nur materielle Dinge.

Mich aber beschäftigt die materielle Seite, seit ich das gelesen habe. Ich frage mich, ob eine Sakristei ein aussagekräftiges Bild für den Zustand einer Gemeinde sein kann. Bevor jetzt alle an Jordan Peterson denken und dessen paternalistisches „bevor-du-die-Welt-verändern-willst-räum-erst-mal-dein-Zimmer-auf“, muss ich das kurz erklären:

Viele Sakristeien, die ich gesehen habe, sind eine Mischung aus Umkleide für Pfarrpersonen, Technikraum und Rumpelkammer. Alles, was nirgendwo sonst einen festen Ort hat, wird da abgestellt. Oft auf Verdacht – es wird schon irgendwer irgendwann mal wieder brauchen können (nebenbei: nach demselben Motto bekommen wir auch immer wieder mal gebrauchte Sofas angeboten. Fürs Wohnzimmer nicht mehr gut genug, da steht jetzt ein neues, aber bevor es auf den Sperrmüll kommt, vielleicht hat die Kirche, vor allem die Jugend…?).

Eine Sakristei aufzuräumen oder zu entrümpeln ist deshalb so schwierig, weil sie nicht einer einzelnen Person gehört.

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Vom Zauber des Zeitstaubs

Ich öffne die Haustüre und bleibe einen Augenblick zwischen den Büschen und Bäumen im Vorgarten stehen. Mein Blick wandert hinaus auf die Straße. Ich entdecke gelbe Ränder im Rinnstein und an den Pfützen – oder da, wo kürzlich noch Pfützen waren. Auf den Autos hat sich eine goldene Staubschicht abgesetzt. Und auf unseren Fenstern. Oh, und auf meiner Brille auch. So richtig sichtbar wird der Staub oft erst dann, wenn ich versuche, ihn abzuwischen. Dann gibt es Streifen und Schlieren.

Es ist Frühling – Blütezeit. Kirschen und Äpfel sind schon durch, aber Fichten und Kiefern legen jetzt erst richtig los. Wenn bald Gräser und Getreide dazu kommen, werden meine Augen ein bisschen jucken und es wird in der Nase kitzeln. Nicht nur da draußen. Der feine Staub kommt überall hin. Ich trage ihn in meinen Haaren und meiner Kleidung nach Hause. 

Das ist ja auch das Schöne am Blütenstaub: Er kommt wirklich überall hin. Weil die Pflanzen ihn in so verschwenderischen Mengen abgeben, findet er auch auf große Entfernungen noch sein Ziel. Er trübt nicht den Himmel ein wie Saharastaub, er schädigt den Organismus nicht wie Feinstaub. Gut, für Allergiker ist es zeitweise anstrengend. Aber Blütenstaub in der Luft garantiert eben auch, dass in den Gärten, auf den Felder und im Wald neues Leben wächst.

Zeitstaub

Und jetzt, gerade in diesem Moment, fliegt er wieder durch die Luft. Und noch ein anderer Staub ist unterwegs, unsichtbar: Zeitstaub. Nein ich meine nicht den, der sich im Lauf der Zeit auf Büchern und Möbeln ansammelt. 

Der Zeitstaub ist eine Entdeckung der Französin Madeleine Delbrêl – einer Meisterin der Alltagsmystik. Zeitstaub macht nicht krank und löst keine Allergien aus. Und er hat mit dem Beten zu tun.

Betet! Diese Aufforderung findet sich öfter in der Bibel. Einmal lautet sie sogar, ganz schön ambitioniert, „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicher 5,17) 

Ich schlucke erst mal: Wie soll das gehen? Den ganzen Tag mit gefalteten Händen herumsitzen und Gott ein Ohr abkauen, das kann ja wohl kaum gemeint sein. Auch damals hatten die Menschen alle Hände voll zu tun. 

Dass für Däumchendrehen keine Zeit ist, weiß auch Madeleine Delbrêl. Sie weiß aber auch, dass zu dem Appell, unablässig zu beten noch ein anderer Satz gehört: „Freut euch zu jeder Zeit!“. Beten soll keine ermüdende Pflichtübung sein. sondern eine Kraftquelle. Und für beides, die Freude und das Beten, gibt es den Zeitstaub:

„In das beschäftigtste, umtriebigste Leben dringen aber doch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein […] Wenn wir behaupten, Beten sei unmöglich, so müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn so, wie er ist, verwerten.“

Wenn uns beim Beten unsere Maßstäbe und Ideale in die Quere kommen, hat die Freude es schwer. Madeleine Delbrêl spürt: Wenn ich mich mit Vollzeitchristen – also Ordensleuten oder Pfarrpersonen – vergleiche, schneide ich selten gut ab. Sich selbst und die Menschen um sie her nennt sie „die Leute von der Straße“. Diese „Normalos“ sind nicht weniger heilig oder interessant für Gott. Ganz selbstbewusst kann sie sagen:

„Wir anderen, wir Leute von der Straße, sind ganz sicher, dass wir Gott so sehr lieben können, wie er Lust hat, von uns geliebt zu werden. […] Wir denken, dass wir, wenn wir für Gott ganz kleine Dinge tun, ihn ebenso lieben können wie mit großen Aktionen. Im Übrigen halten wir uns für schlecht informiert, was das Format unserer Taten angeht. Wir wissen bloß zweierlei: zum einen, dass alles, was wir tun, nur klein sein kann; zum anderen, dass alles, was Gott tut, groß ist. Das beruhigt uns angesichts dessen, was zu tun ist.

Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, unsere Taten nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren.“

Der Zeitstaub hängt sich in die Fasern des Alltags, von dem er nicht zu trennen ist. Ein feines Geflecht entsteht, in dem das Beten ins Tun und das Tun ins Beten übergeht. Alles, was wir tun können, ist nur Kleinkram, sagt sie. Nichts Besonderes. Pillepalle. Aber man nie wissen,  was aus diesem heiligen Pillepalle noch alles wird, wenn sich unser Kleinkram mit Gottes Möglichkeiten verbindet. 

Die Menge macht’s – nicht unbedingt 

Das Bild vom Zeitstaub erinnert mich an ein bekanntes Selbsthilfe-Buch für Manager. Dort erzählt der Autor von einem Professor, der seinen Studierenden einen großes, leeres Glas präsentiert. Dann nimmt er große Flusskiesel und füllt sie hinein. Als er fertig ist, fragt er in die Runde, ob das Glas jetzt voll sei. Die Studis nicken. Da holt er einen Krug mit kleinen Schottersteinchen und schüttet die ins Glas. Sie verteilen sich in den Zwischenräumen. Als der Schotter bis zum Rand reicht, fragt er nochmal, ob das Glas nun voll sei. Wieder lautet die Antwort ja. Der Professor wiederholt die Prozedur noch zweimal – erst mit Sand, dann mit Wasser. Am Schluss passt wirklich gar nichts mehr hinein. 

Die ursprüngliche Pointe an der Geschichte vom vollen Glas lautet, dass man die großen Steine zuerst ins Glas legen muss. Wenn erst mal lauter Wasser und Sand drin sind, passen sie nicht mehr rein. Ich muss also Prioritäten setzen. Und ich mache das richtig, wenn ich nicht die dringenden Sachen zuerst einplane (die drängen sich von selbst auf), sondern die wichtigen: First things first.

Eine ganze Reihe Freunde und Bekannte haben sich das zu Herzen genommen und feste Zeiten für das Gebet in ihren Tag eingeplant: Früh am Morgen, vor dem Schlafengehen, in der Mittagspause oder gleich nach der Arbeit. Martin Luther soll ja mal gesagt haben, er betet jeden Morgen eine Stunde. Und wenn ganz viel los ist, dann zwei Stunden.

Bei vielen hat das so mittel funktioniert, das Beten als großer Stein, als „first thing“, als die besondere Zeit. Vielleicht auch, weil dabei oft die Quantität – also die Dauer, womöglich noch in Stunden – im Mittelpunkt steht. Statt sich zu freuen, dass es ab und zu gelingt und gut tut, haben viele ein schlechtes Gewissen, dass sie es mindestens so oft nicht schaffen. Aber wenn ich jemand gegenüber ein schlechtes Gewissen habe, weil ich befürchte, dass ich seine oder ihre Erwartungen nicht erfülle, dann freue mich nicht auf die nächste Begegnung, sondern gehe der Person aus dem Weg. 

Das Bild vom Zeitstaub hat mir geholfen, die Sache anders zu sehen. Madeleine Delbrêl war Sozialarbeiterin im sozialen Brennpunkt; sie wusste genau, dass ich nur ganz begrenzt bestimmen kann, was ich heute mache. Ich habe Verpflichtungen – beruflich, familiär, gesellschaftlich. Andere verlassen sich auf mich oder sind von mir abhängig – Kinder, pflegebedürftige Angehörige, Nachbarn und Bekannte, die gerade in der Krise stecken. Anders gesagt: Jeden Tag plumpsen, ob ich will oder nicht, etliche dicke Klopse in mein Glas. Große Frei- oder Spielräume haben Seltenheitswert. Das ist anstrengend und oft frustrierend. 

Zum Glück ist da noch der Zeitstaub. Wie der Sand oder das Wasser im Glas des Selbsthilfe-Professors passt der in jede noch so kleine Ritze. Und weil es eine ganze Menge von denen gibt, steht auch eine Menge Zeitstaub zur Verfügung – jeden Tag wieder. Kleine Momente, in denen ich einen Schritt zur Seite treten kann, durchatmen, und Kontakt aufnehmen mit Gott. 

Dass Gott allgegenwärtig ist – immer und überall da – das sagt sich leicht. Aber oft geht mir in der Hektik des Alltags das Gespür dafür verloren. Mag ja sein, dass er da ist, aber ich merke nichts davon, weil ich in diesem Augenblick nicht da bin. Ich bin im Kopf in der Zukunft, bei Zielen, Sorgen und (was für ein verräterisches Wort!) Deadlines, oder in der Vergangenheit bei dem, was alles an innerem Lärm noch nachklappert. Manchmal bin ich meilenweit weg, total abwesend und überhaupt nicht präsent. Der Alltag rauscht an mir vorbei. Ich funktioniere. Und versuche zugleich, auch meine Umgebung funktionieren zu lassen – indem ich sie kontrolliere, manage und mir zu nutze mache. Das viele Müssen und Tun lässt kaum noch Platz für das Einfach-So-Sein. 

Gott sei Dank für den Zeitstaub. Die Momente, in denen ich nicht produktiv sein und liefern muss. In denen ich die Augen nicht auf die vielen Bälle richte, die ich in der Luft halte. Und wenn ich dann alles mal sein lasse und auch selber einfach mal da bin, dann wird – nicht immer, aber erstaunlich oft – vieles kinderleicht. 

Alltagsgebete

Auf der Suche nach dem Zeitstaub in meinem Leben habe ich einen kleinen Schatz entdeckt:Die „Carmina Gadelica“ – Gedichte, Gebete und Lieder der Menschen auf den äußeren Hebriden. Von Menschen, die sehr bescheiden lebten und alte Bräuche über viele, viele Generationen hinweg weitergaben. Vor gut 100 Jahren hat man sie dann gesammelt und aufgeschrieben. 

Die Art des Betens, die mir dort begegnet, ist durch und durch bodenständig. Sie findet in keiner Kirche statt, sondern während der Arbeit. Bauern und Fischer an der rauen Atlantikküste, bei denen das Gebet in alles verwoben ist, was sie tun. Es ist bei allen Entbehrungen auch ein festliches Leben, nicht verbissen fromm oder bitterernst. Das Besondere daran ist, dass es nichts Besonderes sein will. Es sortiert Beten und Handeln nicht auseinander – und nimmt sich eine weitere Aufforderung aus dem Neuen Testament zu Herzen: „Alles, was ihr tut, tut es von Herzen für Gott.“ (Kolosser 3,23)

Das sieht dann so aus: Am Anfang des Tages wird das Herdfeuer, das über Nacht abgedeckt war, wieder entfacht, damit es in der zugigen Hütte warm wird. Dafür gibt es ein eigenes Gebet. Wenn das Feuer brennt und alle ihren Beschäftigungen in Haus und Hof nachgehen, werden die Betten gemacht. Und auch dafür gibt es ein Gebet; Gott und alle Engel sind mit von der Partie:

Ich mache dieses Bett
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes
Im Namen der Nacht, als wir gezeugt wurden
Im Namen der Nacht, als wir geboren wurden
Im Namen des Tages, als wir getauft wurden
Im Namen jeder Nacht, jedes Tages,
jedes Engels, der im Himmel ist.

Erde, Engel und Himmel, Geburt und Tod, Einschlafen und Aufwachen – alles ist um das Bett versammelt in diesem Gebet. Betten machen wir heute immer noch, das hat sich nicht geändert. Und es gibt andere wiederkehrende Situationen wie diese in meinem Alltag. Zum Beispiel, wenn ich eine vielbefahrene Straße in meinem Viertel überquere. Da stehe ich manchmal ewig an der Ampel für Fußgänger und Radfahrerinnen, während die Autos gefühlt endlos grün haben. Sie fahren und fahren – und fahren – und ich sehe zu, während kostbare Lebenszeit verrinnt. Neulich ist sogar eine Seniorin mit Rollator bei Rot gegangen, weil sie die Geduld verlor. 

An der Ampel sammelt sich ordentlich Zeitstaub an. Und manchmal bin ich wach genug, zu merken: Anstatt ungeduldig nach eine Lücke im Verkehr zu suchen, kann ich auch einfach die Einladung zum Gebet annehmen, die in dieser Situation steckt. 

Also habe ich mein eigenes Alltagsgebet geschrieben: 

Ewiger Gott, Ursprung der Zeit,
Erfinder der Gelassenheit, Ziel aller Wege.
In mir und um mich her staut sich die Ungeduld,
zappelt der Zeitdruck, drängt die Eile.
Du aber lässt dich aufhalten,
lässt uns selbst dann die Vorfahrt,
wenn wir deine Wege durchkreuzen,
statt deinen Spuren zu folgen.
Hier stehe ich –
lass mich erkennen, was mich treibt;
hilf mir ablegen, was mich bremst,
und gib mir den Schwung deiner Liebe,
für den Weg, der heute noch vor mir liegt.

Vielleicht gibt es in Ihrem Alltag, liebe Hörerinnen und Hörer, auch solche wiederkehrenden Platzhalter-Situationen für ein Gebet. Dann können Sie sich dafür ebenfalls ein paar passende Worte ausdenken und die aufschreiben. 

Oder mal ganz auf Worte verzichten. Das kennen wir ja auch aus zwischenmenschlichen Beziehungen: Wenn zwei sich gut verstehen, können sie auch eine Weile schweigen, einander ansehen oder nebeneinander hergehen, ohne dass es sich verkrampft anfühlt.

„Vergnügter als ein König“

Ohne Worte beten – das geht. Ich kann auch mit den Händen beten. Wenn ich was zu tun habe, wenn ich arbeite. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist Bruder Lorenz. Er kam schwer verletzt aus dem Dreißigjährigen Krieg zurück. Ein paar Jahre später tritt er als Laienbruder in ein Karmelitenkloster in Paris ein. Der Abt dort weiß wenig mit ihm anzufangen und schickt ihn in die Küche. Dort kocht Bruder Lorenz jeden Tag für rund 100 Personen – anfangs mit recht überschaubarer Begeisterung. Es wird auch kein Meisterkoch aus ihm. Aber er wird ein Meister darin, Gott im Herzen zu tragen und die alltäglichen Handgriffe mit ganz und gar nicht alltäglicher Liebe zu tun. Er sagt über sich selbst:

„Ich wende meinen kleinen Pfannkuchen in der Pfanne aus Liebe zu Gott um. Wenn er fertig ist und ich nichts mehr zu verrichten habe, so werfe ich mich zur Erde und bete meinen Gott an, von dem mir die Gnade, diesen Pfannkuchen zu machen, gekommen ist, wonach ich mich dann viel vergnügter als ein König wieder aufrichte. Wenn ich nichts anderes kann, ist es mir genug, einen Strohhalm aus Liebe zu Gott von der Erde aufgehoben zu haben.“

Wenn Bruder Lorenz seinen Strohhalm aufhebt, dann betet er mit seinen Händen. Wenn ich eine achtlos weggeworfene Plastikverpackung aufhebe und in den Mülleimer befördere, kann ich das auch, mit den Händen beten. Oder wenn ich ein Blume gieße, mein Fahrrad repariere, auf der Gitarre spiele.

Ich kann auch mit den Füßen beten, zum Beispiel wenn ich am Abend eine Runde spazierengehe. In den Farben der Gärten, im Duft des Flieders, im Wind und der Sonne oder dem Regen auf der Haut, im Summen der Bienen und Zwitschern der Singvögel kitzelt der Schöpfer aller Dinge meine Sinne wach. Und wenn ich beim Gehen nicht in meinen Grübeleien versinke, sondern mich in die Gegenwart des Einen locken lasse, bin ich mitten drin in dem großen Fest des Lebens. So, wie sich beim Gehen meine Lungen mit unsichtbarem Sauerstoff füllen, so durchströmt Dankbarkeit und Heiterkeit das müde und manchmal sorgenschwere Herz.

Es muss nicht die schöne Natur draußen sein. Auch daheim in den Alltagsräumen. Am Küchentisch. Vielleicht, liebe Hörerinnen und Hörer, steht Ihre Kaffeetasse noch vor ihnen auf dem Tisch. Mein persönliches Herdfeuer-Ritual spielt sich rund um den Kaffee ab. Bis der Thermoblock der Espressomaschine aufgeheizt ist, vergeht genug Zeit, um zu beten:

Gott des erwachenden Lebens,
Licht des neuen Tages:
Lass mich wach werden für deine Gegenwart
in allem, was mir heute begegnet.
Lass mich wach bleiben für deine Gerechtigkeit
für das Seufzen derer, die keine Stimme haben in unserer Welt.
Lass mich unermüdlich sehen und sagen,
was die Hoffnung nährt und dem Frieden dient.
In dieser alten und müden Welt
schlägst du täglich eine neue Seite auf
im Buch Deiner Liebe zu uns.
Sende den frischen Wind deines Geistes,
der das befreiende Aroma der neuen Welt verbreitet.
Amen. 

When will I ever learn to live in God? Van Morrison singt von der Sehnsucht, aus dieser innigen Verbindung mit Gott zu leben: In ihm habe ich alles, was ich brauche und mehr. Und alles, was ist, ist in Gott.

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Weltschmerz

Foto von Gabriel Matula auf Unsplash.com

Mitten in einem Text, der auf Englisch geschrieben ist, lese ich das deutsche Wort „Weltschmerz“. Ich stutze. Ist das denn ein typisch deutsches Gefühl? Vielleicht sogar ein echt fränkisches? Der Ausdruck stammt nämlich von dem Schriftsteller Jean Paul – und der war ja Oberfranke. 

Weltschmerz, das ist eine Form von Melancholie und Traurigkeit über den Zustand der Welt, mich selbst eingeschlossen. Über die Kluft zwischen dem, wie es sein könnte, und wie es tatsächlich ist. Über die Tatsache, dass so viel sinnloser Schmerz in der Welt ist.

Auch 200 Jahre nach Jean Paul ist das noch ein Thema. Im Internet finden sich allerlei pragmatische Tipps, wie man den Weltschmerz loswird: Weniger Social Media, kein Doomscrolling, öfter mal Rausgehen, das Unvermeidliche akzeptieren.

Schön und gut, denke ich mir. Aber vielleicht zeigt sich im Weltschmerz ja auch eine tiefe Wahrheit, oder besser: eine Art Sehnsucht nach mehr als nur privatem Glück.

Dann wäre das doch ein schöner Export aus Franken in die weite Welt!

(Foto: Gabriel Matula auf unsplash.com)

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Was der Körper sagt

„Du musst auf deinen Körper hören!“ Ich habe diesen Ratschlag in den Ferien ausprobiert. Am ersten Tag war es grau und kalt. Mein Körper sagte, er möchte auf dem Sofa liegen. Ich war einverstanden, holte einen Kaffee für den Körper und ein Buch für den Kopf. 

Ein paar Tage und viele Kaffees später schaut der Kopf am etwas trägen Körper hinunter und findet, etwas Sport wäre gut. Also krame ich die Laufschuhe heraus für eine lockere Runde um die Felder. 

Nach etwa hundert Metern meldet sich der Körper. Das Knie zwickt und das Sprunggelenk sendet ein Stechen. Im Kopf läuft sofort der Katastrophenfilm: Umkehren, Termin beim Orthopäden in sechs Wochen, Medis und Bein schonen bis zum Spätsommer.

Aber ist es das, was mein Körper mir gerade sagt? Ich mag nicht aufgeben und versuche etwas anderes. Wenn ich das Knie ein bisschen anders strecke und den Fuß ein bisschen anders setze, was sagt der Körper dann? Läuft, sagt der Körper, aber schau mal, wie du alter Faulpelz schnaufst nach so viel Sofa!

(Bild: Tara Glaser auf Unsplash.com)

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Zeitreisende

Eine Gruppe Touristen geht vorbei und ich höre, wie einer von ihnen, schon jenseits der Lebensmitte, gerade sagt: „Wenn ich könnte, würde ich ja zurückgehen in die Vergangenheit.“

Mehr bekomme ich von dem Gespräch nicht mehr mit, aber der eine Satz geht mir noch nach. Das würden im Augenblick ja viele gern machen – die Uhr zurückdrehen auf eine Zeit, in der die Welt noch nicht so kaputt war. 

Welche Zeit genau, ist eigentlich egal. So oder so stellt sich die Frage: Wenn ich in der Zeit zurückginge, was könnte ich dann tun, damit diese Zukunft, aus der ich geflüchtet bin, so nicht eintritt? Ich weiß ja, wie es weiterging. Und damit hätte ich auch eine Verantwortung: Ich könnte nicht rumstehen und sagen: „Wird schon alles gutgehen.“

Alles, was jetzt gerade gut ist, gibt es nur, weil es jemand wichtig genug war, sich dafür einzusetzen. Und auch wenn ich nicht weiß, was kommt: Ich kann heute dafür sorgen, dass möglichst viel Gutes dabei ist.

Segensspuren hinterlassen.

Auch ganz ohne Zeitreise.

(Bild: Frames for your heart auf Unsplash.com)

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Gute Nachbarschaft

Ein Deutscher ist mit dem Auto in Irland unterwegs. Hier und da entdeckt er am Straßenrand gelbe Streifen. Er fragt einen Iren, was die bedeuten. „Da darf man nicht parken“, sagt der. „Ok, gut“, sagt der Deutsche. „Aber neulich habe ich einen doppelten Streifen gesehen. Was bedeutet denn der?“ „Oh,“ sagt der Ire, „da darf man überhaupt nicht parken“.

Bei uns gibt es keine doppelten Streifen am Straßenrand. Aber es gibt die blau-roten runden Verkehrsschilder mit einem oder zwei diagonalen Streifen. Und manchmal noch einen Zusatz wie „Feuerwehrzufahrt“. Dann sollte dann auch dem letzten Träumer klar sein, dass man da überhaupt kein Auto stehen lässt. 

Die Feuerwehreinfahrt für einen großen Wohnblock in meiner Nachbarschaft wird täglich als praktische Kurzzeitparkzone genutzt. Nicht wenige genehmigen sich das und denken: „Nur ein paar Minuten. Wird schon schiefgehen.“

Der Anblick ist so alltäglich, dass sich alle daran gewöhnt haben. Aber an manche Dinge sollten wir uns besser nicht gewöhnen. Natürlich sind Regeln für die Menschen da und nicht umgekehrt. Aber genau deswegen sollte es nicht passieren, dass die Bequemlichkeit und Wurstigkeit eines einzelnen in so einem Moment die Sicherheit vieler gefährdet.

Gute Nachbarschaft stelle ich mir jedenfalls anders vor.

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Vier Jahre 

Heute vor vier Jahren rollten die ersten russischen Panzer über die ukrainische Grenze, Bomben fielen auf Kindergärten und Kliniken, Brücken und Kraftwerke wurden und werden zerstört. Deswegen sind meine Gedanken heute bei den Menschen in Kijiv und Charkiv, in Odessa und Lwiw.

Bei allen, die Väter oder Söhne, Mütter oder Töchter verloren haben. Oder Nachbarn, Freundinnen und Kollegen. Bei allen, die in drückender Dunkelheit und bitterer Kälte ausharren und auch noch anderen helfen, die das selbst nicht mehr können. 

Wie schwer waren die paar Wochen und Monate Corona-Lockdown für uns. Wie viel schwerer ist das, was die Ukrainer:innen erleben: Vier Jahre Angst, Zerstörung, geraubte Zukunft, vier Jahre warme Worte und maue Hilfe aus dem Westen. 

Ich weiß, es gibt gerade sehr viele schlimme Nachrichten und ich kann gar nicht alles an mich heranlassen. Aber heute, heute darf es mir wehtun und mich beschweren. Und morgen vielleicht nochmal. Denn der erste Schritt, das Leid zu beenden, ist es anzuerkennen. Dass ich hinsehe und zuhöre und Anteil nehme. Und viele andere hoffentlich auch. Wenigstens für einen ausgiebigen Augenblick.

Foto: Max Kukurudziak auf Unsplash.com

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Naturverbundenheit und Spiritualität

Wie naturverbunden sind wir Menschen, und wie unterscheidet sich das von einem Land zum anderen? Wissenschaftler:innen haben das untersucht. Nepal führt die Liste an, es folgt der Iran – was ich schon überraschend fand (die Erklärung der Forschenden folgt unten). Kroatien und Bulgarien schaffen es als einzige europäische Länder in die Top Ten.

Am Ende der Liste von 61 Ländern, in den Bottom Ten quasi, finden sich deutlich mehr Europäer: In absteigendender Reihenfolge stehen da Russland, Irland, Großbritannien, die Niederlande, Deutschland und, ganz unten, Spanien. Wer hätte das gedacht. Wir sind längst nicht so grün, wie wir denken (oder wie manche so lauthals beklagen). Wie Frank Adler letzte Woche schrieb: Das grüne Jahrzehnt ist vorbei. Naturverbundenheit und -schutz wird aus „Kostengründen“ zusammengestrichen. Die Folgen für das Wohlbefinden werden nicht ausbleiben.

Der Guardian schreibt dazu: "Naturverbundenheit ist ein psychologisches Konzept, das erforscht, wie eng die Beziehung eines Individuums zu anderen Spezies ist. Studien haben herausgefunden, dass Menschen mit einer hochgradigen  Naturverbundenheit ein größeres Wohlbefinden genießen und sich mit größerer Wahrscheinlichkeit umweltfreundlich verhalten. Ein geringes Maß an Naturverbundenheit erwies sich – neben der Ungleichheit und dem Vorrang des materiellen Gewinns einzelner  – als eine von drei Ursachen für den Verlust von Biodiversität."

Warum der Perspektivwechsel so zäh voranschreitet

Der Befund erklärt, warum Klima-, Umwelt- und Artenschutz bei uns politisch so schwer durchzusetzen sind: Wohlstand ist bei uns ausschließlich finanziell, materiell und quantitativ definiert. Die Interessen der Wirtschaft (sprich: die Vermehrung von Kapital) haben in der Regel Vorfahrt. Dass es bei uns und z.B. auch im Vereinigten Königreich viele Projekte und Initiativen zum Naturschutz gibt, ändert auch nichts an der schlechten Bilanz.

Interessant und diskussionswürdig fällt die Ursachenforschung der Autor:innen aus: Spiritualität und Religiosität werden als Schlüsselfaktor dafür genannt, dass Menschen eine Verbindung zu ihren Mitgeschöpfen empfinden und sich in ihrem Handeln davon beeinflussen lassen. Das gilt für ganz unterschiedliche Religionen. „Konfessionelle“ Unterschiede (Protestanten/Katholiken/Orthodoxe bzw. Schiiten/Sunniten) werden dabei nicht untersucht, auch nicht der drittletzte Platz des Staates Israel – das alles wäre sicher noch spannend.

Sacred Urban Nature

Ein Kulturwandel ist erforderlich, sagt Professor Miles Richardson von der Universität Derby dazu im Guardian. Nicht nur, um die gefährdete Natur zu retten, sondern um der inneren und äußeren Gesundheit der Menschen willen. Nicht nur das Verhalten muss sich ändern, sondern das Fühlen, Empfinden und der Blick auf uns selbst und unser Verhältnis zu allem, was lebt – allem, was keine Maschine ist. Richardson fragt daher: „How do you create sacred urban nature? It’s easy to build a park but it needs to go deeper than that.“ Grünanlagen allein reichen

Bischof Graham Usher aus Norwich, der Heimat von Dame Julian, umweltpolitischer Sprecher der Church of England, verweist auf Jesusworte zu Lilien auf dem Feld und Vögeln am Himmel und auf die heilsame Wirkung von Naturerleben, auf Waldkindergärten und Wild Church.

Erheblicher Nachholbedarf

So weit, so richtig. Aber weder der Bischof noch der Guardian thematisieren die jahrhundertelange Komplizenschaft christlicher Theologie und Akteure bei der neuzeitlichen Objektivierung, Plünderung und Ausbeutung der Natur durch Mensch und Kapital.

Dieser Nachholbedarf besteht auch (und vielleicht erst Recht) bei uns Evangelischen in Deutschland. In den letzten Wochen habe ich immer wieder mal Menschen in kirchlicher Führungsverantwortung gefragt, ob mein Eindruck stimmt, dass unsere Haltung und unsere Aussagen zur Demokratiekrise viel klarer und engagierter ausfallen als zur Klimakatastrophe und zum Artensterben. Niemand hat widersprochen. Vor Kritik an einer Wirtschaft und einer Politik, die aggressiv unsere Lebensgrundlagen zerstört, scheuen unsere Pressestellen und Repräsentanten immer noch ängstlich zurück. Wenn sie die Notwendigkeit überhaupt anerkennen. Und auch in den Kirchen ist Natur- und Klimaschutz aus Kostengründen oft massiv eingeschränkt.

Dabei wäre ein entschiedenes Eintreten für einen Bewusstseinswandel genauso wichtig wie die Positionierung gegen Rechts. Dass es so oft ausbleibt, ist auch ein Anzeichen für ein spirituelles Defizit.

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Tag der Schwertschlucker

Ihr wusstet das alle bestimmt, ich hab’s gerade erst entdeckt: Der 23. Februar ist der „Tag der Schwertschlucker“. Unter all den anderen Gedenktagen schillert er irgendwie übermütig heraus. 

Wären nicht gerade Ferien gewesen, ich hätte meine Grundschüler gern gefragt, wer weiß, was ein Schwertschlucker ist. Vielleicht dient das Gedenken ja dazu: diese seltene Kunst vor dem Vergessen zu bewahren.

Vielleicht brauchen wir den Tag auch, weil Schwertschlucken keine ganz ungefährliche Sache ist und deshalb am Aussterben. Oder weil die Versicherungsprämien der Schwertschlucker inzwischen so hoch sind, dass es sich nicht mehr lohnt? Seit ich darüber nachdenke, spüre ich jedenfalls schon ein leichtes Kratzen im Hals.

Heute ziehe ich meinen Hut vor allen Schwertschlucker:innen. Außer Schaukämpfe, die auch niemanden verletzen, gibt es wenig Sinnvolleres, was man mit einem Schwert anfangen kann.

Vielleicht kommt in den nächsten Jahren der Tag der Drohnenschlucker oder der Streubombenlutscher noch dazu?

Das wäre doch ein gutes Zeichen!

Foto: Jonathan Kemper via unsplash.com

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Spatzenhirne

Selbstfahrende Autos. Seit Jahren wird das angekündigt, erprobt, ausgewertet. Bald soll es so weit sein, heißt es. Ich schaue auf die Straße und stelle mir vor, wie es dann wohl zugeht. Vielleicht ja weniger impulsiv und aggressiv, das wäre schön. Und alle Beschwipsten und Bekifften kämen sicher von A nach B.

Aber erst müssen die Sensoren noch besser werden. Die KI muss noch dazu lernen. Die Bordcomputer brauchen mehr Rechenleistung. Dann klappt’s bestimmt.

Ein Schwarm Spatzen fliegt vorbei. Sie zischen pfeilschnell durch kleine und kleinste Lücken im Gebüsch. Sie stoßen auch im Schwarm nicht zusammen und ecken nirgends an. Schon krass, denke ich mir, was so ein Spatzenhirn leistet. 

In meinem Menschenhirn formt sich ein Gedanke: Wie kommt es, dass uns die KI, die wir geschaffen haben, offenbar so viel mehr fasziniert als das, was Gottes Geschöpfe so alles drauf haben? Immerhin gehören wir selbst ja auch zu diesen wundersamen Wesen. Vielleicht sollte ich aufhören, das als selbstverständlich zu betrachten.

(Foto von P A auf unsplash.com)

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Das verlorene Paradies  

Auf unserem Tisch steht eine Kerze, und immer bevor wir essen, zündet meine Frau sie an. Immer. Irgendwann war sie den Plastikmüll der Wegwerffeuerzeuge leid und kaufte – total retro – eine Schachtel Streichhölzer. Aber dann stellten wir fest, dass wir meistens zwei, drei oder gar vier Streichhölzer brauchen, um die Kerze anzuzünden. Sie brechen, der Kopf platzt ab, die Reibefläche schlägt keine Funken.

Früher, lange vor den Einwegfeuerzeugen, war das anders mit den Streichhölzern. Ab und zu zerbrach auch mal eins, aber in der Regel klappte es auf Anhieb. Komisch, dass wir das heute nicht mehr können. 

Oh weh, denke ich mir, jetzt klingst du schon schwer nach „früher war alles besser“. Nein, nicht alles. Aber die Streichhölzer schon. Das Problem steckt ja nicht im „früher“, sondern im „alles“. Die Nostalgie sucht das verlorene Paradies in der Vergangenheit. Der Fortschrittsglaube projiziert es in die Zukunft und fordert mehr Anstrengung. Klappt, naja, so mittel: Wir reißen beim Fortschreiten leider viel zu viel von dem, was wir mühsam aufbauen, mit dem Hintern wieder ein.

Ich schaue wieder in meine Kerze. Bei all dem Vor und Zurück vergesse ich leicht, dass Gott mir gerade jetzt nahe ist. Und mit ihm – ganz ohne Anstrengung – ein kleines Stück Paradies.

(Foto: Andrew D via unsplash.com)

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Schlecht gealtert

Es ist genau 50 Jahre her, da landete der Niederländer Nico Haak einen Hit in Deutschland: Schmidtchen Schleicher. Im Internet steht bis heute: „Ein lustiges Lied über einen Tänzer, der die Frauen mit seinen elastischen Beinen begeistert.“

Viele haben damals begeistert mitgesungen. Aber eine Zeile ist schon ganz schön „cringe“, um es mal vorsichtig zu sagen „die Frauen fürchten sich und fangen an zu weinen – doch Schleicher Schmidtchen schleicht sich immer wieder an“. Der Mann als Jäger, die Frau als Beute. Sie weiß bloß noch nicht, dass sie es eigentlich will. Ja ja…

Klar sagen jetzt manche: Das war doch nur Spaß. Aber es gibt eben auch echtes Stalking und sexualisierte Gewalt, und zwar nicht zu knapp. Und so mancher Übergriff wird vom Täter als Späßchen verharmlost. Wer sich dagegen wehrt, ist kein hysterisches Sensibelchen und absolut im Recht.

So, wie einen guten Tänzer das Gefühl für Rhythmus, Takt und den richtigen Abstand ausmacht, so sollte das auch im Büro und überall sonst funktionieren. Dann tanzen auch alle gern mit.

Foto: Dan Calderwood/unsplash.com

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Mensch, Meier!

Am 8. März wird wieder gewählt. Mit meiner Wahlbenachrichtigung habe ich eine Anleitung bekommen, wie ich meine Stimmen richtig abgebe. Dort sind fiktive Kandidatenlisten abgebildet. Die Kandidierenden heißen Maier, Huber, Schuster, Müller oder Fischer. Alles schöne alte und sehr, sehr deutsche Namen. 

Aber in Nürnberg haben 52 Prozent der Einwohner:innen einen Migrationshintergrund. Die Meiers und Müllers sind nicht mehr die Mehrheit. Und selbst die Partei, die daraus gern eine Katastrophe machen würde, hat auf ihrer Liste ein paar fremdländische Nachnamen. Ohne die geht es offensichtlich auch bei denen nicht. 

Als Christ sage ich: Das ist gut so. Und ich würde mich freuen, wenn statt dem einseitigen und verstaubten Gehubere beim nächsten Mal ein paar schöne türkische, ukrainische oder eritreische Namen in meiner Anleitung auftauchen würden. Wenn Ihr mögt, schlagt doch den Mitarbeitenden im Wahlamt welche vor. Das wäre mal eine echte und längst überfällige Alternative.

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Meditieren mit den Füßen auf dem St Cuthbert’s Way

Ende Oktober war ich auf dem St. Cuthbert’s Way unterwegs. Sechs Tage zu Fuß von Melrose in den Scottish Borders nach Lindisfarne in Northumberland. Auf den Spuren des großen angelsächsischen Heiligen aus dem siebten Jahrhundert, der Novize in Melrose war und später Prior und Bischof von Lindisfarne.

Ich bin den Weg ganz bewusst allein und als Pilgerweg gegangen. Und hatte mir als Motto einen Gedanken von Friedrich Nietzsche eingepackt:

So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.

Nach einem Tag Anreise mit der Bahn (trotz Sturmtief über Europa hatten alle Umstiege geklappt) von Nürnberg nach Durham stand ich am nächsten Morgen auf, ging in der Morgensonne ein Stück am River Wear entlang und dann hinauf in die Kathedrale. Samstags um halb neun war es dort noch ganz still und leer, nur hinter dem Hochaltar hatte sich eine kleine Gruppe zum Morgengebet am Grab von St. Cuthbert eingefunden. Einen schöneren Einstieg ins Pilgern hätte ich mir kaum vorstellen können.

Geschichte unter den Füßen

Die Bahn brachte mich dann über Edinburgh Waverley in die Scottish Borders. Dort am River Tweed wartete die erste der insgesamt vier Border Abbeys, die die schottischen Könige im 12. Jahrhundert erbauen ließen. Das keltische Vorgängerkloster lag ein bisschen weiter flussabwärts. Der St. Cuthbert’s Way führt aber dort nicht vorbei (es gibt auch nichts mehr zu sehen), sondern über die Vulkankegel der Eildon Hills nach St. Boswells – benannt nach dem Iren Boisil, Lehrer und Mentor des jungen Cuthbert. Auf den ersten Etappen sind drei der vier Border Abbeys zu sehen: Melrose, Dryburgh und Jedburgh. Für die letzte muss man ein paar Kilometer vom eigentlichen Weg abweichen. Nur Kelso bleibt buchstäblich links liegen. Alle Border Abbeys sind Ruinen. Wenn es nicht die Kriege zwischen England und Schottland waren, dann die Reformation.

Ich befinde mich auf geschichtsträchtigem Boden. In den Eildon Hills gab es eisenzeitliche Befestigungen, in Melrose stand das Römerlager Trimontium und einige Kilometer des Pilgerwegs verlaufen auf der Route einer Römerstraße. Im Alltag mache ich mir das selten bewusst, wer da alles schon vor mir unterwegs war und wie lange. Der Weg verbindet über die lange Zeit hinweg. Ich folge in den Fußstapfen vieler anderer, auch wenn ich ganz allein unterwegs bin. Die Geschichte, die mich dabei am meisten interessiert, ist die des jungen Angelsachsen Cuthbert. Mary Low weiß in ihrem Buch über den St. Cuthbert’s Way für jeden Abschnitt des Weges etwas zu erzählen.

Wind und Wetter um die Ohren

Es liegt nahe, den Weg von West nach Ost zu gehen. Die Chronologie passt zur vorherrschenden Windrichtung. Und Ende Oktober ist es ein großer Unterschied, ob der Wind mich schiebt oder mir ins Gesicht bläst. Natürlich war ich auch auf Regen eingestellt, aber am Ende waren die wasserdichten Sachen nur am zweiten Tag nötig, sonst war es ganz überwiegend trocken und oft auch sonnig. Die Tage wurden kurz, die Sonne ging gegen halb fünf schon unter, für ausgedehnte Pausen oder größere Umwege war kaum Zeit. Aber die Beschränkung der Zeit fokussiert auch – der Blick geht konsequenter als sonst nach vorn, auf den Weg.

Mein wunder Punkt

Ab dem dritten Tag wurde das Etappenziel auch aus einem weiteren Grund immer wichtiger: Ich stellte fest, dass meine Beine 25 km am Tag locker wegsteckten und dass mein mit viel Bedacht gepackter Rucksack gut zu tragen war. Was ich nicht erwartet hatte, waren die wunden Füße. Meine alten, eingelaufenen Wanderstiefel entpuppten sich als zu eng. Über Nacht erholten sich die Füße immer ein bisschen, die erste Hälfte des Tages ging einigermaßen, aber dann schmerzte jeder Schritt – bergab immer noch etwas mehr als bergauf. Die Landschaft war immer noch wunderschön, aber der Genuss war getrübt und die Gedanken wollten auch zu keinen größeren Höhenflügen mehr ansetzen. Außer der nicht ganz unwichtigen Einsicht, dass ich es für völlig selbstverständlich gehalten hatte, dass mich meine Füße den ganzen Weg tragen. Aber das war es nicht, ich hatte sie zu sehr strapaziert. Am vierten Tag bog ich für das letzte Drittel vom Weg durch die Cheviot Hills ab und nahm den Bus nach Wooler. Es fühlte sich ein bisschen nach Niederlage an. Aber ich wusste: Es war richtig, Rücksicht zu nehmen und die Grenze zu respektieren, die der Schmerz markierte.

Das Finale

Nach Hoły Island, da muss man barfuß gehen, sagte eine Einheimische zu mir am Morgen vor dem letzten Stück Weges. Ich hatte das letztes Jahr schon mal gemacht, aber das war Anfang Juni gewesen und mit unversehrten Füßen. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich den Rat befolgen sollte. An der Nordsee angekommen, zog ich die Schuhe aus und lief den Pilgerweg über den nassen Sand barfuß. Lindisfarne ist eine Gezeiteninsel. Als ich ankam, hatte ich sämtliche Blasenpflaster verloren. Das Meerwasser tat der Haut gut. Ich schrubbte den nassen Sand ab, zog Socken und Stiefel wieder an und ging zur Priory, der letzten und wichtigsten Klosterruine auf diesem Pilgerweg. Es waren Herbstferien und der Ort voller Ausflügler. Etwas abseits sind auf einer Erhebung die Grundmauern der Kirche des keltischen Klosters zu sehen. Man kann schön nach Bamburgh hinüberschauen, wo die Könige von Northumberland residierten. Es war kühl und hinter den Wolken sank die Sonne dem Horizont entgegen. Ich entschloss mich, den Rückweg noch einmal barfuß zu gehen. Diesmal war ich ganz allein. Auf einer Sandbank in der Nähe konnte ich im schwächer werdenden Licht eine Gruppe Kegelrobben sehen. Der Wind trug ihren mehrstimmigen Gesang herüber über die stille Meerenge. Ich war, von ein paar Seevögeln abgesehen, in diesem Konzert der einzige Zuhörer. Nach einer Weile verlor sich der Gesang in der Ferne. Aber der Zauber dieses Abschieds begleitete mich in die anbrechende Nacht.

Die innere Unruhe, die ich am Grab des Cuthbert noch mit mir herumgetragen hatte, war verschwunden. Sie ist, wie die Pflaster, buchstäblich irgendwo auf der Strecke geblieben. Eine große Dankbarkeit ist an ihre Stelle getreten.

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Die Stunde der Misfits

Der Advent beginnt mit einer Kerze. Und je dunkler die Tage werden, desto mehr festliche Lichter kommen dazu. Leuchtende Kinderaugen, Süßigkeiten, Geschenke. So weit, und hoffentlich so gut. Schön, dass bald Weihnachten ist. Aber davon wird die Welt ja nicht automatisch besser. Das Gute in meinem Leben und in der Welt kennt leider weder Kalender noch Jahreszeiten. Es hält sich an überhaupt keinen Fahrplan. Krisen und Katastrophen beherrschen nach wie vor die Schlagzeilen. Fast drei Viertel der Deutschen gehen wenigstens zeitweise den Nachrichten aus dem Weg. So viele waren es noch nie. Und ich kann das gut verstehen. Es ist schwer auszuhalten.

Da hilft nicht einmal Urlaub. Selbst im idyllischen Irland haben stoplere ich dieses Jahr über die eindringlichen Mahnmale der großen Hungersnot. Das erste gleich auf dem Weg vom Hafen in die Innenstadt von Dublin, das andere tags darauf ganz im Westen am Fuß des Croagh Patrick, des Heiligen Berges der Iren. In Irland brach 1845 die Kartoffelfäule aus. Eine Million Iren verhungerten, auch weil die englischen Grundherren keinen Finger krumm machten. Seit sieben, acht Generationen arbeiten sich die Iren an ihrem nationalen Trauma ab. Der Anblick erinnert mich sofort wieder an himmelschreiendes Elend heute, vor allem den Hunger der Menschen in Gaza und im Sudan. Und ich frage mich: Wie lange wird der dunkle Schatten auf den Kindern und Kindeskindern derer liegen, die das jetzt alles durchmachen?

Was kann ich von Gott erwarten? Einen Hinweis darauf habe ich in einer Geschichte aus der Bibel entdeckt, die vor fast dreitausend Jahren spielt. Sie erzählt dramatisch von Hunger, Krieg und Tragödien; aber sie steckt auch voll rebellischem Humor. So, dass ich das Gefühl habe: Nicht ich lese diese Geschichte, sondern diese Geschichte liest mich und meine Gegenwart.

Von Feinden umzingelt

Wir befinden uns in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Auch da gibt es Krieg und Hungersnot (2. Könige 6,24-7,20): Die feindlichen Aramäer haben einen Belagerungsring um die Stadt Samaria gezogen. Es herrscht Hyperinflation bei Lebensmitteln, schließlich gehen sie ganz aus. Die Leute schwanken zwischen Resignation und Panik. Ein Fall von Kannibalismus sorgt für Aufsehen. Und mittendrin der König von Israel, der erschüttert die aussichtslose Lage besichtigt.

Als der König … auf der Mauer entlangging, sah das Volk, dass er ein Bußgewand auf dem bloßen Leib trug. Er rief: Gott soll mir dies und das antun, wenn Elischa … bis heute Abend seinen Kopf behält.

Bevor er verhungert oder kapituliert und vermutlich getötet wird, hat der König noch eine alte Rechnung zu begleichen. Sein treuester Kritiker, der Prophet Elischa, ist auch in der Stadt. Immer wieder hat Elischa den selbstherrlichen Monarchen die Leviten gelesen, ihr Unrecht angeprangert und vor den Folgen gewarnt. Ihn sterben zu sehen, würde die Gefahr zwar nicht abwenden, aber dem König ein bisschen Genugtuung verschaffen. Und die Illusion aufrechterhalten, dass er ein mächtiger und tatkräftiger Mann ist – wenigstens noch ein paar Stunden lang.

Und ich, der fast 3.000 Jahre später davon liest, staune nicht schlecht über die Parallelen: Damals wie heute leiden die großen und kleinen Despoten unter einem Belagerungssyndrom. Alles, was ihnen nicht unterwürfig genug ist, deuten sie als Generalangriff und Majestätsbeleidigung. Kritik im Inneren wird, wenn der Druck von außen zunimmt, nur um so brutaler bekämpft. Und nicht selten versuchen diese Machthaber, ihre Racheakte und Rechtsbrüche religiös zu bemänteln. Sie benutzen Gott, um ihre Willkür zu legitimieren. Aber sie pfeifen auf sein Recht, das die Schwachen schützt.

Für den König von Israel ist Elischa, der ihm ständig widerspricht, ein Verräter. Doch Elischa ist erstens ein Prophet, und er kennt den König zweitens gut genug, um dessen Mordgedanken vorauszuahnen. Die Tür ist fest verbarrikadiert, als der König mit Leibgarde vor seinem Haus aufkreuzt. Er steht draußen – frustriert, dass er seinen Kontrahenten nicht zu fassen kriegt.

Und da entfährt ihm der vermutlich ehrlichste Satz seit Langem:

„Dieses Elend kommt vom Herrn. Was soll ich noch vom Herrn erwarten?“

Was soll ich noch vom Herrn erwarten? Das haben sich damals vermutlich alle in Samaria gefragt. Mit dieser Frage bin auch ich heute am ersten Advent garantiert nicht allein. Was kann ich von Gott erwarten angesichts der harschen, bitteren Realitäten im Advent 2025? Die ungelöste Klimakrise, die wackeligen Demokratien, die wachsende Armut und Ungleichheit, die Rückkehr des Faustrechts in die Weltpolitik – und von den persönlichen Krisen und Tragödien in meiner Umgebung haben wir noch gar nicht geredet. Hat Gott sich aus der Welt zurückgezogen und überlässt uns unserem mal mehr, aber oft auch weniger verdienten Schicksal? Wer kann sich ohne rosa Brille einen Advent – Gottes Ankunft in der Welt, dieser Welt – vorstellen?

Was kann ich von Gott erwarten? Wenn irgendwer auf diese Frage eine Antwort weiß, dann vermutlich der Prophet. Und tatsächlich hat Elischa dem König etwas zu sagen. Es kommt schroff und unverblümt heraus wie immer, wenn er spricht, aber diesmal sind es unverschämt gute Neuigkeiten:

Elischa entgegnete: Hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr: Morgen um diese Zeit kostet am Tor von Samaria ein Eimer Feinmehl nur noch einen Schekel und auch zwei Eimer Gerste kosten nur noch einen Schekel.
Der Adjutant, auf dessen Arm sich der König stützte, antwortete dem Gottesmann: Selbst wenn der Herr Schleusen am Himmel anbrächte, könnte das nicht geschehen. Elischa erwiderte: Du wirst es mit deinen eigenen Augen sehen, aber nicht davon essen.

Elischa ist doppelt belagert, von den Aramäern und seinem König. Trotzdem ist er wohl die einzige Person in der Stadt, die nicht am Belagerungssyndrom leidet. Der nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starrt oder blind um sich schlägt, wenn er nicht weiter weiß. Aber was er da von sich gibt, ist für den König und seine Offiziere einfach zu gut um wahr zu sein. Der Stabschef winkt ab. Das letzte, was er jetzt brauchen kann, ist so ein vollmundiges Versprechen, das die Enttäuschung nur noch verschlimmern könnte, falls es nicht in Erfüllung geht. Besser den Ball flach halten…

Hier bricht das Gespräch zwischen König und Prophet ab. Es gibt nichts mehr zu sagen und zu tun. Alle warten ab, was als nächstes geschieht. Und als es dann geschieht, bekommt es erst einmal niemand mit.

Vor dem Eingang des Stadttors saßen vier aussätzige Männer. Sie sagten zueinander: Warum sitzen wir hier, bis wir sterben? Wollten wir in die Stadt gehen, in der Hungersnot herrscht, dann sterben wir in ihr. Bleiben wir draußen, dann sterben wir auch. Kommt, wir gehen in das Lager der Aramäer hinüber! Wenn sie uns am Leben lassen, bleiben wir am Leben. Wenn sie uns töten, so sterben wir.

Draußen vor dem Tor, im Niemandsland zwischen Freund und Feind, sitzen die vier Aussätzigen. In der Stadt sind sie unerwünscht, weil die Leute drinnen Angst haben, sich anzustecken. Und weil manche finden, sie schaden dem Stadtbild. Hunger und Krieg treffen die Kranken, Schwachen und Fremden immer als erste und am härtesten. Aber bei den Vieren ist erstaunlich viel Lebenswille vorhanden. Und der Mut der Verzweiflung: Mehr als umbringen können sie uns nicht. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Aber einen letzten Versuch haben wir noch. Mit den letzten Sonnenstrahlen im Rücken wagen sie sich vorsichtig ans Heerlager heran. Schlafen die alle schon, oder warum ist es so ruhig? Nein, der Ort sieht verlassen aus. Und der Erzähler weiß auch warum: Die Aramäer hatten in der Dämmerung verdächtige Geräusche gehört und waren in Panik verfallen, weil sie dachten, die Ägypter oder eine andere benachbarte Großmacht käme dem König von Israel zu Hilfe. Hatte es alles schon gegeben. Also – nichts wie weg!

Als nun die Aussätzigen in den Bereich des Lagers kamen, gingen sie in ein Zelt, aßen und tranken, nahmen Silber, Gold und Kleider und entfernten sich, um die Beute zu verstecken. Dann kamen sie zurück, gingen in ein anderes Zelt, machten auch hier ihre Beute und entfernten sich wieder, um sie zu verstecken. Dann aber sagten sie zueinander: Wir handeln nicht recht. Heute ist ein Tag froher Botschaft. Wenn wir schweigen und bis zum Morgengrauen warten, trifft uns Schuld. Kommt also; wir gehen und melden es im Palast des Königs.

Nichts zu verlieren

Über Nacht werden die Aussätzigen zu den Hauptpersonen dieser Geschichte. Menschen, die eine infektiöse Hautkrankheit von einem Tag auf den anderen aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen hat. Sie halten sich in einer Art Quarantäne-WG unter freiem Himmel über Wasser. Abgeschoben an den Rand, ausgeschlossen vom sozialen Leben, ohne Perspektive auf Rückkehr. Die Gesunden machen einen Bogen um sie und tuscheln hinter ihrem Rücken: Die Krankheit sei bestimmt die Strafe für irgendeine böse Tat, man wisse nur nicht, was genau. In heutigen Kategorien hieße das: Chronisch krank, erwerbsunfähig, geduldet ohne Aufenthaltserlaubnis. Die Gescheiterten, von denen niemand mehr etwas erwartet.

Die Szene erinnern mich an die Antihelden der Streaming-Serie „Slow Horses“. In dem schwarzhumorigen Spionagethriller nach der Buchvorlage von Mick Herron retten ein paar ausgemusterte Agenten des britischen MI5 ihr Land und die Welt vor Verbrechern und Terroristen. Und zwar gerade weil niemand mit den verkrachten Existenzen mehr rechnet. Mick Jagger hat mit Strange Game den Titelsong dazu geschrieben: „Losers“ und „Misfits“ nennt er die Slow Horses: Sonderlinge, die nirgendwo hineinpassen. Aber in diesem merkwürdigen Spiel haben sie die blutige Nase vorn.

Die Misfits von Samaria stehen auch mit einem Schlag im göttlichen Rampenlicht. Sie haben eine Entdeckung gemacht, die über Leben und Tod all der Gesunden und Gesettelten entscheidet.

Verlierer und Abgeschriebene erinnern mich auch an Sätze aus dem Neuen Testament über Glaube und Nachfolge. An die Worte von Jesus, der sagt:

Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. (Mt 16,25)

Paulus umschreibt das ein paar Jahre später in einem Brief und sagt sinngemäß: „Als Jesus damals gekreuzigt wurde, da bin ich, ohne dass ich es wusste, mitgestorben. Eigentlich bin das gar nicht mehr ich, der hier spricht und handelt. Sondern er – Christus.“ Und eben darin findet er die Freiheit, alle möglichen Gefahren und Strapazen auf sich zu nehmen, um von diesem Leben aus Gott zu erzählen. Das da erst richtig anfängt, wo man denkt, alles geht zu Ende. Manchmal spüre ich das auch: Wie ich am Ende meiner Kräfte, meiner Geduld oder meiner Weisheit nicht zusammenklappe und ins Bodenlose falle. Mit einem Mal ist da eine Kraft und ein Wille, der nicht aus mir selbst kommt. Egal, was ich gerade verliere, Gott hat mich nicht verlassen. Ein Freund erinnerte mich passend dazu diese Woche an den Satz von Kris Kristofferson: „Freedom’s just another word for nothing left to lose.“


Belagert im Kopf

Von ihrer aberwitzigen Entdeckung, dass niemand mehr da ist im feindlichen Lager und dass es dort genug zu essen und zu trinken gibt, wollen auch die Aussätzigen erzählen: Nach halb durchzechter Nacht und mit vollen Taschen und Bäuchen legen sie sich also nicht schlafen. Sie gehen zurück zur Stadt. Aber der König will ihre Wahrheit nicht hören. Er verbreitet eine andere.

Da schlugen die Wächter Lärm und man meldete es drinnen im Palast des Königs. Noch in der Nacht stand der König auf und sagte zu seinen Leuten: Ich will euch erklären, was die Aramäer gegen uns planen. Sie wissen, dass wir Hunger leiden, und haben das Lager nur verlassen, um sich auf dem freien Feld zu verstecken mit dem Hintergedanken: Wenn sie die Stadt verlassen, nehmen wir sie lebendig gefangen und dringen in die Stadt ein.

Auch das ist Advent: Da erscheint Gott auf der Bildfläche in Gestalt der vier Aussätzigen und bringt die ersehnte Hilfe, aber er bekommt kein fröhliches „Macht hoch die Tür“ zu hören. Stattdessen Rolladen runter, Misstrauen und Verschwörungserzählungen. Die Belagerung im Kopf ist noch in vollem Gange. Ich kenne das aus den Erzählungen der Kriegskinder vor 80 Jahren. Als die Amerikaner kamen, um den Frieden und das Recht wiederherzustellen, verschenkten sie auch Orangen und Schokolade. Nicht selten unkten die propagandahörigen Alten: „Geht bloß nicht hin. Die vergiften euch!“ Die Schwarzmaler, die jedes Geschenk für eine Falle halten, sitzen allzu oft selbst in der Falle – in der Falle ihrer Ängste und Albträume. Die Belagerung im Kopf ist immer noch da, als die äußere Belagerung schon längst vorbei ist.

In Samaria finden sie schließlich eine pragmatische Lösung: Ein paar schnelle Pferdegespanne werden zur Erkundung vorgeschickt. Als die Bestätigung eintrifft, dass die Feinde tatsächlich abgezogen sind, gibt es kein Halten mehr am Stadttor. Und weil der skeptische Stabschef des Königs nicht schnell genug Platz macht, rennt ihn die hungrige und aufgeregte Menge kurzerhand über den Haufen.

Im Advent 1986, vor fast 40 Jahren, habe ich in Amsterdam einen Gottesdienst besucht. Der ist mir seither nicht aus dem Sinn gegangen. Ein Pfingstprediger aus Amerika spricht über die Aussätzigen von Samaria. Davon, dass die Kirche sein könnte wie diese „Misfits“, diese Außenseiter, die einfach mal was riskieren. Aber damit nicht genug: Plötzlich redet er davon, dass der eiserne Vorhang in Kürze fallen wird und die Türen der Länder des damaligen Ostblocks offen stehen. Gott habe ihm das gezeigt.

Das ist der Punkt, wo ich innerlich aussteige. Ich bin als Kind ganz nah an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen. Bei jedem zweiten Sonntagsausflug war irgendwo das bedrohlich schwarze Band des Todesstreifens zu sehen. Der bange Blick auf Wachtürme, Minenfelder, Stacheldraht, Selbstschussanlagen. „Der weiß nicht, wie das ist“, denke ich. „Der hat das nur mal auf der Durchreise gesehen. Das geht nicht von heute auf morgen einfach weg.“

Drei Jahre später, im November 89, sitze ich sprachlos vor dem Fernseher. Jubelnde Menschen fluten den Checkpoint Charlie. Wie damals das Stadttor von Samaria, nur dass hier niemand im Weg steht. Es wird nicht geschossen, niemand wird daran gehindert, die Brücken und Mauern zu überqueren.

Der Prophet war wirklich einer! Er hatte Recht und ich, ich hab’s nicht kommen sehen. Mein Kopf und mein Herz waren belagert.

Ich finde, Samaria ist kein schlechtes Bild für unsere Gegenwart: Wir werden umzingelt von allerlei Feinden, die wir selbst stark gemacht haben.

Drinnen bei uns, den Belagerten, werden die Vorräte knapper und die Verteilungskämpfe härter. Vermeintlich starke Männer poltern wütend herum. Sündenböcke werden durchs Dorf getrieben. Und wenn jemand laut über Lösungen nachdenkt, ertönt der dumpfe Chor derer, die immer eine Falle wittern und sagen, die Schokolade ist bestimmt vergiftet.

Prophetische Vorstellungskraft

Was kann ich noch vom Herrn erwarten? Sehhilfen zum Beispiel: Prophetinnen und Propheten sind selten populär, aber es gibt immer wieder welche. Manchmal sind sie von Traumtänzern nur schwer zu unterscheiden. Jane Goodall zum Beispiel, die am 1. Oktober gestorben ist, sah etwas, was außer ihr niemand sah. Mit ihrem leidenschaftlichen und unermüdlichen Einsatz hat sie nicht nur zum Schutz von Gorillas und Schimpansen beigetragen, sondern vielen Menschen einen neuen Blick auf unsere Mitgeschöpfe ermöglicht – voller Wärme, Staunen und Respekt.

Im Zweifelsfall hilft zur Unterscheidung ein Blick auf einen anderen adventlichen Text, den prophetischen Lobgesang der Maria:

Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort. (Lukas 1,52-53)

Wer den Mächtigen nach dem Mund redet und die Niedrigen verachtet, ist garantiert kein Prophet. Echte Propheten erinnern uns daran, dass Gottes Uhr gegen die Despoten und Diktatoren läuft. Vor gerade mal einem Jahr brach die Gewaltherrschaft von Baschar al-Assad in Syrien zusammen. Kaum jemand hatte damit gerechnet. Es ist auch noch lange nicht alles gut. Aber der Schlächter ist weg. Warum vergesse ich das immer wieder so schnell?

Wie komme ich Gott auf die Spur? Am ehesten, wenn ich bei denen nachsehe, die zwischen allen Stühlen sitzen. Bei den Aussätzigen von Samaria, bei den Hirten von Bethlehem, bei der jungen Familie im Stall. Es gibt keine Garantie und es kann eine Weile dauern.

Aber was habe ich schon zu verlieren? Ich könnte ja einfach mal hingehen und nachsehen.

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