Das Gute und die Zeit – Erntedankgedanken

Heute wurde fast überall Erntedank gefeiert. Die Früchte, die wir ernten und von denen wir leben, brauchen neben Wasser, Luft, Sonne und Boden noch eins, um zu Wachsen: Zeit. Im Buch Kohelet heißt es:

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: … eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen.

Von meinem Büro aus kann ich einen Kastanienbaum sehen. Schon vor zwei Wochen standen Kinder darunter und wollten die unreifen Kastanien „ernten“. Weil die aber nicht von selbst herabfielen, warfen sie Stöcke hinaus und rissen Zweige ab – mit bescheidenem Erfolg. Inzwischen fallen die reifen Kastanien ganz von selbst herunter. Die Erfahrung zeigt: Wer keine Zeit zu Warten hat, braucht mehr Energie und bekommt schlechtere Resultate.

Diese Woche berichtete der BR, dass Unterfranken dieses Jahr die kürzeste Weinlese aller Zeiten erlebt hat. Die Winzer stellte das vor große Probleme, sie hatten statt früher sechs bis acht nur noch zwei Wochen Zeit. Die Zeit fehlt. Es hat sich etwas beschleunigt. Oder besser: Wir haben es beschleunigt.

Vor ein paar Wochen sprach ich mit einem alten Bauern, einer vom ganz alten Schlag. Er sagte, das Gras, das er gerade geschnitten hatte, müsse ein paar Tage liegen, bis er es an die Kühe verfüttern kann. Viele Kollegen haben ein Silo, da ist das Gras dann nach 24 Stunden schon „fertig“. Allerdings sind auch die Kühe, die es fressen müssen, auch nach fünfeinhalb Jahren „fertig“, während seine mehr als doppelt so lange leben.

Massentierhaltung, synthetisches Fertigessen, ungesundes Fast Food, das sind nur ein paar Symptome der Beschleunigungsgesellschaft, die nicht mehr warten will, bis die Zeit da ist. Zeit, die Dinge brauchen, um gut zu wachsen. Durch Importe aus fernen Ländern oder vollklimatisierte Aufzucht ist nun das ganze Jahr über Erdbeerzeit (oder auf welches Obst auch immer sonst ich gerade Appetit verspüre). Man könnte freilich auch sagen: Wenn immer Zeit ist für alles, ist keine Zeit mehr für irgendwas.

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Gerade wird wieder über ein Tempolimit auf Autobahnen gestritten, als handele sich es um ein allgemeines Menschenrecht, mit 200 über den Asphalt zu brettern. Aber Zeit ist schließlich Geld, oder?

Doch der Preis, den wir dafür tatsächlich bezahlen (oder den wir anderen aufbürden) ist einfach zu hoch. Beim Energieverbrauch, bei der Reinhaltung des Grundwassers, bei der Qualität und Art des Essens, bei der Mobilität – überall muss sich etwas ändern. Diese Veränderung kostet wieder: Zeit. Und weil wir sie so lange vor uns her geschoben haben, wird es jetzt mehr Zeit kosten, bis wir Gutes ernten:

Eine Zeit, Probleme zu verstehen, und eine Zeit, sie zu lösen,
eine Zeit, Gewohntes zu verlernen, und eine Zeit, uns in Neues einzuüben,
eine Zeit, über Verluste zu trauern, und eine Zeit, sich über Geglücktes zu freuen
eine Zeit, Experimente zu machen, und eine Zeit, ihre Wirkungen auszuwerten
eine Zeit, die Zerstörung zu bekämpfen, und eine Zeit, wieder Hoffnung zu schöpfen.

Lasst uns das Warten auf die rechte Zeit wieder üben. Das ist so ziemlich das einzige, was keinen Aufschub duldet.

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Ein heilsamer Streit?

Vor ein paar Wochen wollte ich eine alte Dame zum 90. Geburtstag besuchen. Ich suchte ihre Telefonnummer heraus und rief an, um einen Termin auszumachen. Kurz darauf klingelte mein Telefon. Die Jubilarin war dran. Ihr Tochter hatte sie gebeten, doch noch einmal zu überprüfen, ob das wirklich der Pfarrer war, der da angerufen hatte. 

Denn es rufen allem möglichen Leute an. Falsche Polizisten zum Beispiel, die vor allem ältere Menschen manipulieren und unter Druck setzen. Kürzlich berichtete die „Süddeutsche“ von einem Fall in Nürnberg, wo jemand schließlich 70.000 € in bar vor die Tür legte, die ein Handlanger der Gaunerbande dann einsackte. 

Zum Glück geben sich die Trickdiebe (noch?) nicht als Pfarrer aus. Aber die Frage bleibt, wie man sich vor solchen gerissenen, skrupellosen Betrügern schützen kann. Im Fall der Polizei ist es einfach: Die echten Beamten rufen nie mit der „110“ im Display an und sie holen nie Geld und Wertsachen ab.

Original oder Fälschung?

Die Frage, ob der „echt“ ist oder ein Betrüger, stellt sich auch im Blick auf Jesus. Die Meinungen der Zeitgenossen gingen erheblich auseinander. Eine Gruppe stand ihm ganz besonders kritisch gegenüber: die Schriftgelehrten. Sie verstanden sich als eine Art Aufsicht in religiösen Fragen – und damals war alles eine religiöse Frage, von den Speisen bis zu den Steuern. Immer wieder verlangten sie von Jesus, sich irgendwie auszuweisen – als einer von ihnen, als rechtgläubig (oder „bibeltreu“), als „echter“ Messias. 

Fakt ist, dass es damals tatsächlich auch „falsche“ Messiasse gab: Judas der Galiläer, Menahem, Theudas zettelten im Namen Gottes Aufstände gegen die Besatzer an. Die Römer schlugen hart zurück. Wie Assad in Syrien, wie das Militär im sudanesischen Khartoum oder die Polizei in Moskau, die kürzlich 400 Demonstranten verhaftete.

Es stand also eine Menge auf dem Spiel. Jesus hat die Anfragen und Zweifel der Schriftgelehrten trotzdem ziemlich ungehalten kommentiert:

Ihr erforscht die Heiligen Schriften, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu erhalten. Auch die sind meine Zeugen. Aber ihr wollt euch mir nicht anschließen, um das ewige Leben zu erhalten. 
Ich bin nicht darauf aus, dass Menschen mir Herrlichkeit zugestehen. Außerdem habe ich euch durchschaut: Ihr habt keine Liebe zu Gott in euch. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr lehnt mich ab. Wenn aber irgendjemand anderes in seinem eigenen Namen kommt – den nehmt ihr auf. 
Wie könnt ihr denn zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer dem anderen Herrlichkeit zugesteht! Aber nach der Herrlichkeit, die der einzige Gott schenkt, strebt ihr nicht.
Ihr braucht nicht zu denken, dass ich euch vor dem Vater anklagen werde. Es ist vielmehr Mose, der euch anklagt – Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Denn wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch mir glauben. Denn er weist in der Heiligen Schrift auf mich hin.  Wenn ihr schon seinen Schriften nicht glaubt, wie wollt ihr dann meinen Worten glauben?«

Johannes 5,39-47 (Basisbibel)
unsplash-logoJeremy Lishner

Wie kam das wohl an? Ich stelle mir vor, dass ein paar Tage später ein offener Brief in der Jerusalem Post erschien. So ähnlich könnte er gelautet haben:

Sehr geehrter „Kollege“ Jeschua Ben Josef,

mit Befremden haben wir Ihre jüngsten Anschuldigungen und Unterstellungen aus der Mitschrift eines gewissen Johannes zur Kenntnis genommen. Sie konfrontieren uns darin mit dem schwerwiegenden Vorwurf des Unglaubens und unterstellen uns ein defizitäres Verständnis der Heiligen Schriften. Wir weisen das mit aller Entschiedenheit zurück. Desgleichen weisen wir Ihren Anspruch zurück, über uns Schriftgelehrte ein solches Urteil aussprechen zu können. So lassen wir uns als anerkannte Fachleute nicht abkanzeln.
Ihre eigenwillige Interpretation des göttlichen Willens fällt dadurch auf, dass Sie sich selbst stets in dem Mittelpunkt rücken. Diese Verengung und Personalisierung erscheint uns unangemessen. Niemand kann sich heute ernsthaft mit dem unvergleichlichen Mose auf eine Stufe stellen wollen. Die Dreistigkeit, mit der Sie sich als Sprachrohr Gottes ausgeben, erscheint uns überzogen und hochgradig manipulativ. 
Möglicherweise liegt der Grund dafür in ihrer unzureichenden theologischen Ausbildung: Ihr letzter längerer Aufenthalt im Tempel liegt schon Jahre zurück. Sie waren damals erst Zwölf. Über eine längere Lehrzeit bei einem anerkannten Rabbi ist nichts bekannt. Auch an einschlägigen Auffrischungs- und Fortbildungsmodulen haben Sie nicht teilgenommen. Dabei fanden etliche davon sogar in ihrer galiläischen Heimat statt. 
Um das Gespräch auf einem sachlich angemessenen Niveau zu führen, sind aus unserer Sicht zwei Bedingungen zu erfüllen: Legen Sie erstens einen anerkannten Studienabschluss vor und machen Sie zweitens deutlich, dass Ihre Ausführungen auch nur eine Lehrmeinung unter und neben anderen enthalten. 
Bis dahin bitten wir Sie höflichst, die Fragen nach Gottes Reich in der Welt und der Zukunft der Menschen bewährten und fachkundigen Personen zu überlassen.

Hochachtungsvoll,
die Innung der Schriftgelehrten 

Die Situation erinnert ein bisschen an die unbeholfenen, pikierten Reaktionen aus den Reihen von CDU/CSU auf das Youtube-Video von Rezo: Wer ist der? Darf der sowas sagen? Da könnte ja jeder…! Der soll doch erst mal…!

Wenn Gott seinen Leuten entwischt

Jesus verweist auf die Heiligen Schriften, seine Kritiker auch. Eben dort gibt es allerdings zwei unterschiedliche Traditionen, die in erheblicher Spannung zu einander stehen: Die prophetisch-machtkritische mit dem freien Gott auf der Seite der Leidenden – und die königlich-priesterliche Tradition, die Gott auf der Seite der Hierarchie sieht und ihn schnell mal für die eigenen Interessen vereinnahmt.

Der Konflikt zwischen beiden begegnet uns bei Jeremia, der sich als einzelner Mahner und Warner gegen Macht und Mehrheit stellt. Jeremia prangert in der heutigen Lesung aus dem Ersten Testament trügerische Beschwichtigungen an, die jegliches Umdenken blockieren: Falsche Propheten predigen nichts als Wunschdenken und egozentrische Träume. Das priesterliche Lager verkleidet sich als prophetisch. Gott bleibt weiterhin das Maskottchen eigener Pläne. Mit anderen Worten: Er wird zum Götzen. 

Gott wäre aber nicht Gott, wenn er nicht Wege hätte, diesem Käfig der Monopolisierung zu entkommen. Er ist nicht nur der Nahe, Zahme und Vertraute, sondern manchmal eben auch der Fremde, Ferne und Verstörende. Nun läuft er frei auf der Straße herum und heilt einen Kranken. Wir lesen davon am Beginn des 5. Kapitels des Johannesevangeliums – ich komme gleich darauf zurück. Und er sagt dabei auch noch unpopuläre Sachen.

Profis unter sich?

Wir würden alle gern weitermachen wie bisher: In der Kirche, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft. Wir tun uns alle schwer, auf Stimmen zu hören, die uns das Gegenteil sagen. Das ist einfach nicht sehr sympathisch. Wir würden uns gern gegen ungebetene Kritik isolieren. Und genau damit laufen wir Gefahr, Gottes aktuelles Reden zu verpassen, wenn wir ihn nur noch drinnen bei uns sehen und nicht mehr draußen bei den anderen.

Wo wir allerdings immer schon „wissen“, dass wir alles richtig machen, hören wir auch nur auf die, die uns das bestätigen. Bei allen anderen suchen wir, auch mit Hilfe der Bibel, nach Fehlern, um ihnen nicht zuhören zu müssen. Und wir bestätigen uns gegenseitig darin, dass wir im Recht sind. Das ist das, was Jesus meint, wenn er sagt, dass da Leute „Ehre von einander“ annehmen. Mit der Zeit wird es in solchen Gruppen, die sich ständig selbst rechtfertigen, undenkbar, noch einen anderen Standpunkt einzunehmen.

Solche Organsationen gibt es ja, in denen ein geschlossener Zirkel alles dominiert und nur seinesgleichen duldet. Aufsichtsräte, Machtkartelle, Seilschaften, und Hierarchien, die sich gegenseitig legitimieren und Störungen verhindern: „Überlasst das den Profis“. Dann reicht zur Beglaubigung auch der eigene Name oder Titel. Den erwirbt man sich durch Anpassung an die etablierte Ordnung. Und man bekommt die Achtung, so lange man nicht aus der Reihe tanzt. Der unvermeidliche Preis: wachsende Betriebsblindheit.

Hierarchien hacken

Der ganze Streit entbrennt, weil Jesus einen Kranken heilt, der keine Chance hatte, den Wettlauf um Heilung am Teich Bethesda zu gewinnen. Wenn sich das Wasser kräuselte, wurde (so sagte man) derjenige von Engelhand geheilt, der als erster im Wasser war. Aber die Schwachen und Langsamen, die besonders Bedürftigen also, hatten keine Chance. Was für eine Ungerechtigkeit! Und da soll Gott dahinter stecken?

Jesus ignoriert die Hausordnung an diesem heiligen Ort einfach. Er hilft dem Kranken nicht ins Wasser, sondern heilt ihn vom Fleck weg: „Nimm deine Matte und geh!“ Und dann trägt der Mann seine Matte nach Hause – freilich am Sabbat. In den Augen der Glaubenswächter ist das verbotene Arbeit. Und Jesus der Anstifter zum Gesetzesbruch. Wer sowas tut, kann auf gar keinen Fall ein Prophet sein…

Original oder Fälschung? Biblische Kriterien in der Frage, wo Gott am Werk ist, wären, wie die Heilung am Teich Bethesda zeigt, zum Beispiel solche eminent theologischen Fragen:

  • Wo regt sich neues Leben?
  • Wo kommen Menschen wieder auf die Beine?
  • Wo stehen sie auf für Veränderung?
  • Wo wird Ausweglosigkeit, Abstumpfung und Resignation überwunden?
  • Was bringt Menschen zum Staunen, Jubeln und Danken?

Der Evangelist Johannes zeichnet Jesus schon im Licht der Auferstehung. Nirgendwo zeigt sich deutlicher als an Ostern, dass Gott sich zu hundert Prozent zu Jesus stellt. Aber diese enge Verbindung blitzt schon vorösterlich immer wieder einmal auf. Insofern sehen wir nachösterlichen Betrachter leichter als die Schriftgelehrten damals, was jene übersehen. Wenn es nämlich Gott ist, der da mit und durch Jesus handelt, dann darf er auch die Regeln verändern. Zumal menschliche Regeln wie die Ausführungsbestimmungen zum Sabbat. Oder Kirchenordnungen, die sich überlebt haben. Oder die traditionellen Geschlechterverhältnisse. Oder Dogmatismus und Kontrollbedürfnisse.

Neu sehen lernen

Die Schriftgelehrten in dieser Episode sind nicht mehr empfänglich für andere Sichtweisen. Die Botschaft Jesu prallt förmlich an ihnen ab. Das ist weniger ein theologisches als vielmehr ein spirituelles Problem.

Rowan Williams, der frühere Erzbischof von Canterbury, sagte jüngst: „Unser Problem ist, dass wir in einem gesellschaftlichen und kulturellem Umfeld leben, in dem ein falsches Verhältnis zur Wirklichkeit systematisch verbreitet und belohnt wird. Am extremsten ist das Ausmaß dieser Verleugnung der Realität da, wo wir uns weigern, uns der Krise unserer Umwelt zu stellen.“  Und er fährt fort:

Spirituelles Wohlbefinden dreht sich, wie andere Arten von Gesundheit, um lebensfördernde Beziehungen (…) Spirituelles Wohlbefinden hat damit zu tun, jene Kontexte zu finden, jene Disziplinen, die in der Lage sind, es mit den Phantasien und Mythen aufzunehmen, die uns aufgedrückt werden. (…) Das geistliche Leben hat mit einem Bildersturm zu tun – darauf zu achten, dass wir unseren Phantasien gegenüber kritisch bleiben, damit unser Sehen letztlich frei bleibt von Zwang, Machthunger oder Gier.

Rowan Williams

Immer wieder machen uns Menschen auf diese Verleugnung der Wirklichkeit und unsere persönliche wie gemeinschaftliche Verantwortung aufmerksam. Letzte Woche hat der Kirchentag erneut eindringlich an die Krise der Seenotrettung im Mittelmeer erinnert. Gleich um die Ecke in Aachen haben „Fridays For Future“ und „Ende Gelände“ zusammen demonstriert. Da ist einerseits Hartnäckigkeit gefragt, andererseits reagieren viele erst einmal ärgerlich und genervt. Sind das Feinde der hergebrachten Ordnung, wie manche behaupten? Oder Vorboten einer anderen, menschenfreundlichen Ordnung? 

Auf welcher Seite würde der Jesus vom Teich Bethesda wohl stehen? Diese Frage zu beantworten heißt freilich, sich im nächsten Schritt zu fragen: Und wo stehe ich? Wo stehen wir? Wie halten wir einander diesen Raum des Umdenkens und der Neuorientierung offen, den Jesus in diese Welt gebracht hat?

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Der Staub an den Füßen

Es gibt theologische (und andere) Debatten, bei denen man sich verkämpfen kann. Ob es der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt ist oder der (öffentlich sanfter formulierter, hinter verschlossenen Türen häufig unverblümte) Ausschluss gleichgeschlechtlich Liebender, es haben sich vielfach Fronten gebildet, die einen hohen Grad von Verhärtung aufweisen. Dass die theologische Auseinandersetzung dann zuweilen auch noch über Facebook und Twitter stattfindet, macht es nicht einfacher. Man beißt auf Granit. Wie Flüchtlingshelfer oder Fahrradfahrer in der CSU.

Hier und da sind Menschen, die ich kenne und schätze, in solche Konflikte verstrickt. Sie möchten ihre kirchliche Heimat nicht verlieren, aber sie finden kein Gehör, erst recht keine Zustimmung, bei den Entscheidungsträgern. In der „Eule“ hat Thomas Wystrach kürzlich die Spannung aufgegriffen, in der sich die Bewegung Maria 2.0 befindet. Er zitiert darin einen Satz, der sich mit meinen Empfindungen deckt:

Warum bist du noch dabei, werde ich immer häufiger gefragt. Ich stammle dann etwas von Nostalgie und Biografie. Aber eigentlich denke ich ganz böse: Wir Geduldigen sind Komplizen. 

aus einem Blogpost von Christiane Florin

Taktische Selbstkritik

Ich bin kein katholischer Insider und ich möchte auch kein Zyniker sein. Aber die Aussichten, innerhalb dieser und/oder der nächsten Generation die Dominanz der Männer in den Ämtern der Weltkirche aufzubrechen, erscheinen mir herzlich gering. Immer wieder mal wird sich ein anderes Mitglied der deutschen Bischofskonferenz vor ein Mikrofon stellen und sagen, dass er Priesterinnen nicht für unvorstellbar hält, während seine Kollegen in Rom oder Regensburg business as usual machen. Etwa, indem sie im nächsten Atemzug gemeinsam alte Karikaturen und Vorurteile über Genderforschung verbreiten.

Oder jemand aus dem Hauptvorstand der Evangelischen Allianz (ähnlich wie die Bischofskonferenz ein Gremium, das nicht durch Wahlen von der Basis, sondern Berufung von oben bzw. von innen heraus konstituiert wird) sagt etwas Nachdenklich-Selbstkritisches über Homophobie. Laut genug, um den loyalen Dissident*innen einen Funken Hoffnung zu geben, leise genug, um das System nicht in Aufruhr zu versetzen. Das Beschwichtigungsritual ist erprobt und bewährt.

Was könnte man mit der Energie, die da seit vielen Jahren schon verloren geht, nicht alles positiv bewegen? Gerade wenn man Kirche von ihrer Sendung her denkt, kann man sich mit diesen Selbstblockaden schwerlich abfinden. Jesus weist seine Jünger an, den Staub von den Füßen zu schütteln, wenn sie mit ihrer Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft in der Dorfgemeinschaft auf taube Ohren stoßen. Eine radikale, schroffe Geste.

unsplash-logoBen White

Wenn Weitergehen nicht reicht

Aber sie deutet etwas Wichtiges an. Weitergehen alleine reicht nämlich nicht, wenn ich dabei die alten Frontstellungen verinnerliche und mitnehme. Auch nicht in der treuen oder reflexhaften Negation – wie Jan Fleischhauers Abschiedsworte auf Spiegel Online diese Woche schön zeigen:

Mir bleibt einstweilen nur, mich bei meinen Lesern zu bedanken: bei denen, die mich geschätzt haben, und bei denen, die mich hassten. Sie haben mir über all die Jahre die Treue gehalten.

Jan Fleischhauer

Der „Shitstorm“ gehört bei ihm ja zum Geschäftsmodell. Er dient als Beweis der Ignoranz und Intoleranz seiner Kritiker. Daher zählt Fleischhauer auch genüsslich die Millionen Klicks auf, die seine Beiträge erzielten. Man kann ihn lesen und sich verstanden fühlen oder sich ärgern. Brücken der Verständigung, Bewegung im Diskurs entstehen dabei allerdings kaum. Es geht nicht genug weiter. Die Blockade bleibt – im Kopf.

Gesucht: fruchtbare statt furchtbare Debatten

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade „Digital Minimalism“ von Cal Newport lese: Solche Debatten mit hohem Erregungsgrad haben ein gewisses Suchtpotenzial. Man kann auch als Repräsentant der Minderheitenmeinung eine Menge Aufmerksamkeit und Zuspruch bekommen. Fleischhauer zeigte das bisher als Konservativer im Spiegel-Milieu, andere eben vor dem Hintergrund des römischen Klerikalismus oder im Lager der „Evangelikaner“ (um mal eine ausgesprochen passende Wortschöpfung des ZDF zu verwenden).

Vor einiger Zeit rief mich ein Redakteur eines stramm konservativ christlichen Blattes an und schlug mir vor, meine Position zu einer damals gerade aktuellen Kontroverse dort darzulegen. Ich entschied mich dagegen. Weder wollte ich als liberales Feigenblatt fungieren, noch anderen einen Anlass geben, ihre ewig gleichen Gegenpositionen erneut breitzutreten. Ich war an einen Punkt gekommen, wo ich meine Energie und Lebenszeit nicht mehr in solche Debatten mit hoher Aussicht auf Erregung, aber geringer Aussicht auf Ertrag investieren wollte. Es war eine gute Entscheidung. Als ich vor ein paar Wochen Frank Rieger auf der re;publica über Fragen von Desinformation und Cyberwar zuhörte, blieb mir diese Schlussfolgerung im Gedächtnis: „Vielleicht liegt die Zukunft in (halb)geschlossenen Benutzergruppen mit freundlichen, vertrauenswürdigen Menschen“. Andere Baustelle, ähnliche Strategie.

Weniger Erregung und Kontroverse bedeutet auch erst einmal weniger Aufmerksamkeit und Dringlichkeit. Auch das kann ein Grund sein, mich aus solchen Debatten nicht zu verabschieden und wenn schon nicht Menschen, dann doch Prämissen und Positionen die Treue zu halten, die ich ablehne.

Noch eine Analogie: In der hitzigen Phase der Flüchtlingsdebatte habe ich einige CSU-Mitglieder erlebt, die unter großen inneren Schmerzen aus ihrer Partei ausgetreten sind, weil ihnen ihre christliche Überzeugung wichtiger war. Auch sie haben ein Stück Heimat aufgegeben. Dabei hätte das Konzept „Bleiben und Verändern“ in einer demokratisch strukturierten Partei ja noch eher Aussicht auf Erfolg als in jenen kirchlichen Institutionen, die von weitgehend geschlossenen Zirkeln geführt werden. Ich fand es trotzdem richtig und konsequent. Und wenn Markus Söder momentan spürbar milder daherkommt als noch vor Monaten, dann liegt das auch am Mut dieser Ehemaligen.

Hier kommt die Frage:

Ist am Ende nicht das Bleiben, sondern das Verlassen der Schritt, der nicht nur den eigenen Seelenfrieden rettet, sondern auch den entscheidenden Impuls zum Wandel der Institution setzt? Also nicht nur ein Akt der Selbstfürsorge, sondern auch der Nächstenliebe? Wir kommen ja alle aus einer spirituellen Tradition, die mit dem Ruf beginnt, die Heimat zu verlassen und dem unsichtbaren Gott zu folgen. Die Frage sollte, biblisch gesprochen nicht sein, mit wem ich die Vergangenheit geteilt habe. Sondern mit wem ich die Zukunft teilen will.

Wann dieser Punkt erreicht ist, das kann nur jede(r) selbst entscheiden. Thomas Wystrach gehört seit 2009 der altkatholischen Kirche an. Er beschreibt das Dilemma derer, die in der katholischen Kirche etwas verändern wollen, mehr als er es kommentiert.

Ich habe hier vor vier Jahren einen Abschiedsgruß an die evangelikale Bewegung geschrieben, in der ich eine Weile zu Gast war. Freundliche Kontakte gibt es nach wie vor, aber im Moment kann ich mir eine Mitarbeit in der Evangelischen Allianz nicht vorstellen. Und am postevangelikalen Gespräch habe ich auch nicht mehr groß teilgenommen. Das hat Disziplin gekostet. Aber wenn man sich auf Fragestellungen wie „Erlaubt die Bibel homosexuelle Beziehungen?“ einlässt, hat man schon verloren. Die Frage ist nicht, was die Bibel „erlaubt“, sondern wie wir heute mit der geschlechtlichen Vielfalt unter uns umgehen und wer dabei über wen bestimmen darf. Dazu würde ich dann auch gern wieder die Bibel ins Spiel bringen.

Die Kirche, in der ich arbeite, hat ihre Schwächen und Fehler. Außer dem faktisch sakrosankten Kirchsteuer- und Beamtenwesen (schade, aber verschmerzbar) gibt es freilich kaum Tabus. Dafür einen halbwegs anständigen Binnenpluralismus. Sie hat eine synodale, demokratisch legitimierte Struktur. Und sie hat sich mit einer recht unabhängigen wissenschaftlichen Theologie genug Läuse in den Pelz gesetzt, um nicht intellektuell träge und selbstzufrieden zu werden. Das sind für mich ausreichende Voraussetzungen für eine Beheimatung.

Keine Zeit mehr zu verschenken

Wir stehen gerade vor gewaltigen Aufgaben. Wenige Jahre bleiben uns noch, unsere Gesellschaften so umzubauen, um der ganz großen Klimakatastrophe zu entgehen. Die Welt gerät an so vielen Stellen aus den Fugen – politisch, sozial, religiös. Was tragen wir Christen zur Lösung dieser Fragen bei? Möchte ich da meine Zeit mit Leuten verplempern, die immer noch meinen, das Höllenfeuer sei schlimmer? Oder die auf dem Islam herumhacken? Die das Patriarchat als Gottes unumstößlichen Schöpferwillen ausgeben? Mit denen werde ich hin und wieder reden, aber nicht auf ihrem Turf und nicht zu ihren Prämissen.

Diesen Staub kann ich an meinen Füßen gerade nicht brauchen.

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Wenn die Zukunft dir abhanden kommt

In der CDU wird gerade mächtig über die Zukunft gestritten. Das ist ja kein völlig anderes Milieu als das der großen Kirchen, und es scheint etliche Parallelen zwischen Volksparteien und Volkskirchen zu geben.

Tobias Hans, Ministerpräsident des Saarlandes, wird aktuell mit folgender Erkenntnis zitiert: „In den vergangenen Jahren sind wir dem Trugschluss aufgesessen, dass Jugendliche mit fortschreitendem Alter von alleine zu den Volksparteien kommen. Das ist fatal.“

Der Satz kam mir so bekannt vor, weil er in kirchlichen Diskussionen auch immer wieder als Placebo auftaucht. Kirchen schwinden, so heißt es dann, aufgrund stabiler soziologischer Gesetzmäßigkeiten, nicht etwa weil sie selbstgenügsam und oft ein bisschen träge den Wandel verschlafen. Und dieselben Gesetzmäßigkeiten würden die Kirchen danna auch wieder irgendwie vor der Bedeutungslosigkeit retten. Auf jeden Fall sei Alarmismus unangebracht.

Und klar, natürlich ist nicht jede Kritik intelligent und informiert und längst nicht jeder Lösungsvorschlag innovativ. Aber soll man deshalb die Kirche den Fachleuten überlassen?

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Ein paar Episoden aus der vergangenen Woche fallen mir ein: Der Jugendreferent, der von einer schon etwas zurückliegenden Synode erzählt, auf der der Traditionsabbruch schöngeredet wurde und die eingeladenen Fachleute den versammelten Funktionären bestätigten, dass es ja um Qualität gehe, nicht um Quantität, und dass die Qualität ja auch vorhanden sei.

Ein paar Stunden später sitze ich mit einer Neunzigjährigen beim Tee. Sie erzählt ihr Leben mit einer ganzen Serie von Schicksalsschlägen. Mit leuchtenden Augen sagt sie, wie ihr das Gebet und ihr Glaube immer wichtiger wurden. Und zugleich sagt sie: „Ich bin keine Kirchgängerin.“ Bei uns hat sie nichts gefunden, was ihr hilft und was sie hält.

Schön, könnte ich jetzt sagen, sie kommt ja auch so klar. Aber nur einen Tag später fragt eine Konfirmandenmutter beim Elternabend, ob die Gottesdienste nicht etwas interessanter sein könnten für die Altersgruppe. Und es ist deutlich herauszuhören, dass auch die Eltern der Konfirmanden unsere Liturgie und Liedgut schon nicht mehr so richtig prickelnd finden.

Ich hätte jetzt abwiegeln können – wie die CDU oder die Referenten auf der Synode, von der ich gehört hatte. Aber ich fand es ehrlicher und sinnvoller, der Mutter Recht zu geben und offen einzuräumen, dass wir noch längst nicht alle Mittel und Ideen ausgeschöpft haben, um Gottesdienst- und Aktionsformen zu finden, die mehr als nur einem kleinen Segment der Menschen im Stadtteil gerecht werden.

Egal, was man von der CDU hält: Dieser Auflösungsprozess, das plötzliche Sichtbarwerden der schleichenden Entfremdung und die Hilflosigkeit der Akteure angesichts derselben, gibt zu denken. Kein Grund zur Panik, gewiss. Aber erst recht kein Grund, sich nochmal eine Runde Sand in die Augen zu streuen. Wenn sie nichts mehr von uns erwarten, werden sie auch nicht mehr zurückkommen.

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Von Hirten und Sammlern

Den kommenden Sonntag prägt Kernmotiv der Jesustradition: Der gute Hirte. Ausflüge in die Kunstgeschichte und Ikonographie bieten sich an, wie auch alle möglichen Idealisierungen (etwa: Jesus bzw. kirchliche Amtsträger als empathische Seelsorger). Oder deren Dekonstruktion: Die zeigt dann auf, was für einen gänzlich unromantischen Knochenjob Hirten haben und was für rabiate Wesen Schafe sein können. So wie in diesem ausgesprochen krassen Beispiel:

Bei johanneischen Texten stellt sich die Frage, welche Entsprechungen sie in den synoptischen Evangelien haben. Zwei davon haben mich die letzten Wochen über beschäftigt. Sie sind etwas weniger offensichtlich als das bekannte Gleichnis vom verlorenen Schaf oder die Klage über die Schafe ohne Hirten vor der Aussendungsrede. Aber ich denke, sie sind nicht weniger bedeutsam.

Der Name Gottes und die Sammlung Israels

Ich beginne wir mit der ersten Bitte des Vaterunsers: „Geheiligt werde dein Name“. Woran hängt die Integrität des Namens Gottes? Brauchen wir strafbewehrte Blasphemieparagraphen, die seinen Verächtern das Lästern verbieten? Tanzverbote an Karfreitag oder Allerheiligen? Oder geht es um die Gedankenlosen, denen der Ausruf »Oh mein Gott« allenfalls beim Anblick eines XXL-Eisbechers über die Lippen kommt?

In der Bibel macht sich Gott einen Namen, indem er ein unterdrücktes Volk aus der Sklaverei führt. Die Offenbarung seines Namens ist die Antwort auf das Klagen und Stöhnen der Israeliten, das schon gar keinen konkreten Adressaten mehr kennt. Israels Gott setzt mit seinem Eingreifen ein Zeichen in der Welt der Ausbeuter und Unterdrücker. Und als sein Volk bei der erstbesten Gelegenheit den eben geschlossenen Bund bricht, erinnert Mose Gott an die Zusage, die er den Vätern »bei seinem Namen« gegeben hat (Ex 32,13). Würde Gott sich zurückziehen, hätten die Pharaos dieser Welt gewonnen und jeder Widerspruch (geschweige denn Widerstand) wäre verstummt.

Die großen Bußgebete der Exilszeit in Nehemia 9 und Daniel 9 schlagen ähnliche Töne an: »Herr, vernimm das Gebet und handle! Mein Gott, auch um deiner selbst willen zögere nicht! Dein Name ist doch über deiner Stadt und deinem Volk ausgerufen.« (Dan 9,19). Gerhard Lohfink hat daraus den Schluss gezogen, dass es bei der Bitte um Heiligung des Namens um die Sammlung des zerstreuten und verirrten Gottesvolkes geht. In Ezechiel 36,22-24 erscheint das im Zusammenhang mit der Bundeserneuerung, in Ez 20,41.44 heißt es kurz und bündig:

Wenn ich euch aus den Völkern herausführe und aus den Ländern sammle, in die ihr zerstreut seid, werde ich mich vor den Augen der Völker an euch als heilig erweisen. (…) Ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich um meines Namens willen so an euch handle.

Wer nicht sammelt, zerstreut

Die messianische Sammlung des Volkes Gottes und das Kommen des Reiches Gottes sind bei Jesus nicht voneinander zu trennen. Das bringt mich zum zweiten Text, der für mich zum Umfeld des guten Hirten gehört. In Mt 12,30 sagt Jesus recht schroff: »Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut«. Das war die Anklage des Ezechiel gegen die schlechten Hirten, dass sie nicht auf die Herde achten, sondern auf sich selbst und ihre Bedürfnisse fixiert sind. Wenn Jesus schließlich für seine und seiner Nachfolger Sendung das Bild der Ernte verwendet, geht es auch da um eine Sammlung, nicht nur um eine Aussaat (die Bitte um Arbeiter in der Ernte ist in Mt 9,36-38 mit dem Verweis auf die „Schafe ohne Hirten“ verbunden). Zweifellos geht Jesus dabei sehr unorthodox vor – so hatten das die wenigsten Zeitgenossen erwartet.

Aber die Transformation der Macht- und Lebensverhältnisse in der Welt geht – äußerlich wie innerlich, geistig wie praktisch – nicht ohne eine gemeinschaftliche Anstrengung, nicht ohne eine dazugehörige Bewegung, die sich bewusst als solche versteht und die sich am Handeln Gottes orientiert. Es geht, um das gleich dazu zu sagen, allerdings sehr wohl ohne Hierarchien und mit einem geringeren Grad von Institutionalisierung als in manchen Kirchentümern heute.

Damit Gottes Wille geschieht (um gleich noch die dritte Bitte ins Spiel zu bringen), müssen also Menschen vorhanden sein, die ihn aus freien Stücken, bewusst und planvoll tun. Das können wir nicht, wie im neoliberalen Zeitalter üblich, ausschließlich den einzelnen aufbürden und es damit ins Private und Individuelle (praktisch heißt das oft auch: ins Beliebige) verlagern. Sprich: Wir können uns mit der Vereinzelung das Glaubens nicht abfinden oder sie zum neuen Ideal erheben.

Sammeln – zwischen Uniformierung und Individualisierung

Nun haben bestimmte Formen der Versammlung an Ausstrahlung und Bindungskraft verloren. In den evangelischen Kirchen ist das vor allem der traditionelle Sonntagsgottesdienst. Ich habe dazu letzte Woche ein paar Gedanken und Beobachtungen gepostet. Zugleich habe ich die Diskussion um das neue Buch von Erik Flügge verfolgt. Der legte uns Protestanten nahe, das Thema gottesdienstliche Versammlung mehr oder weniger abzuhaken. Aus Mangel an Beteiligung, wie er deutlich macht. Im DLF-Streitgepräch hielt Reinhardt Mawick dagegen. Er verteidigt den Wert des Gottesdienstes, relativiert die schlechten Zahlen zum Gottesdienstbesuch und verweist auf die Bedeutung von Kasualgottesdiensten, Kirchenmusik und Kirchenräumen. Der Kommunikationsberater Flügge regt an, den Zusammenhalt und die Orientierung der evangelischer Kirchenmitglieder über prominente, medial präsente Identifikationsfiguren (»Star-Christen« quasi, oder eben Influencer und Follower) neu organisieren.

Ist das noch genug Sammlung oder schon die Kapitulation vor der spätmodernen Vereinzelung? Belebt Flügge gar den alten kulturprotestantisch-liberalen Traum aus dem 19. Jahrhundert wieder: Die Vorstellung, die Kirche würde die Gesellschaft so weit verbessern, bis sie in ihr (als einem säkularen Gottesreich) aufgeht? Und wenn er das doch nicht will, wie bleibt die kritische Kraft des Glaubens auf Dauer lebendig, wenn sich jegliches konkrete Miteinander auflöst?

Auch eine kleine Herde kann viel Kraft kosten…
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Nicht Sammeln ist keine Lösung

Kirche im Sinne Jesu, da sind sich viele einig, ist berufen »Kontrastgesellschaft« zu sein. Als solche ist sie nicht ohne Begegnung, Zusammenhalt und Kooperation zu denken. Die Formen, in denen das gelebt wird, wandeln sich. Die Lebensstile differenzieren sich aus, die Lebensrhythmen haben sich gewandelt. Digitale Kommunikation ist nicht mehr wegzudenken – auch wenn nicht jede(r) davon Gebrauch macht. Dass profilierte „Events“ wichtig sind, hat sich auch herumgesprochen (und wer am Karfreitag bei Gott im Berg war, konnte sich davon überzeugen).

Es wäre einfach zu billig, sich unter Berufung auf die veränderten Verhältnisse von der Aufgabe des Sammelns zu verabschieden. Schon das Nichtsammeln leistet der Auflösung Vorschub. Freilich haben wir in den verfassten Kirchen vielfach verlernt, Bewegung zu sein und Menschen zu einer Bewegung zu sammeln. Stattdessen haben wir uns darauf verlassen, dass unsere institutionellen Strukturen (bzw. deren Reste) noch tragfähig genug sind, und die meiste Kraft in deren Erhaltung investiert, statt uns auf Veränderung und Neues einzustellen. Darauf (auf das Konventionelle und Institutionelle) scheint mir auch die Argumentationslinie von Marwick abzuzielen, wenn er sakrale Handlungen, Räume und Musik hervorhebt: Da kommen die Menschen noch zur Kirche und ersparen es der Kirche, sich auf den Weg in fremdes, ungesichertes Terrain zu machen.

Andere Anforderungen

Indes – Sammeln zur Bewegung, so wie Jesus das getan hat, das stellt andere Anforderungen an die Hirten von heute. Im Blick auf Gott ist Sammeln Chefsache, das lässt er sich nicht nehmen. Unter den Gliedern der Gemeinde gibt es unterschiedliche pastorale (also „hirtliche“) Rollen und Funktionen. Sie können das göttliche Sammeln nur im konstruktiven Zusammenwirken abbilden. Da kann es also nicht darum gehen, es „den Profis zu überlassen“ – Klerikalismus heißt dieses Problem im kirchlichen Kontext. Die Aufgabe der Hauptamtlichen wäre es allenfalls, so viel Beteiligung zu ermöglichen, wie es nur geht. Und dabei selbst aus dem Weg zu gehen, um Horizonte offen zu halten und Zugänge zu markieren. Innerhalb der Kirche eine Unterscheidung zwischen „Hirten“ auf der einen und „Schafen“ auf der anderen Seite zu pflegen, ist nicht besonders zielführend.

Das macht den guten Hirten aus, dass er sich selbst zurücknimmt. Dass er sich nicht über andere erhebt oder mit anderen konkurriert. Jede(r) von uns kann sich mal (ver)irren. Was für ein Glück, wenn dann andere da sind, die uns helfen, den Anschluss an den einen, guten Hirten wieder zu finden.

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Wie lange dauert Veränderung?

Die Tage saß ich mit Leuten zusammen, die in unserer Region „andere“ Gottesdienste machen. Also nicht traditionell (in Bayern: G1) und auch nicht im Lobpreis/Predigt Schema (das erschien den Anwesenden als „freikirchlich“). Manche sind ganz neu gestartet, an anderen Stellen gibt es das schon fast 30 Jahre. Es war ein reger Austausch und irgendwann stellten wir fest, dass seit ein paar Jahren die wertende Unterscheidung zwischen „Hauptgottesdienst“ und „zweitem Programm“ endlich flächendeckend vom Tisch ist.

unsplash-logoNicole Harrington

Ich erinnere mich noch gut daran, dass das vor 30 Jahren (als die ersten von uns anfingen) noch ganz anders aussah. Da wurde jedem, der etwas anderes wollte, Hochmut unterstellt: Wer etwas Neues möchte, dem sei das Herkömmliche ja wohl nicht gut genug – und so weiter. Man brauchte schon ein dickes Fell, um das an sich abtropfen zu lassen, zumal der Vorwurfauf dem Fuß folgte, das würde die Einheit der Kirche beschädigen.

Die gute Nachricht lautet also: Nach drei Jahrzehnten ist der Kulturkampf darüber, wie viel liturgische und stilistische Unterschiedlichkeit wir uns gönnen, halbwegs abgeschlossen. Die Einheit hängt nicht an der Uniformierung.

Dreißig Jahre sind andererseits fast ein komplettes Berufsleben. Alle, die sich heute mit Zukunftsfragen von Kirche befassen – andere Gemeindeformen, Digitalisierung, Christen als soziokulturelle Minderheit – werden wohl einen langen Atem brauchen. Mit ein bisschen Glück dauert es ja vielleicht nur 20, 25 Jahre.

So gesehen ist es sicher kein Zufall, dass Geduld und Beharrlichkeit prominente biblische Tugenden sind.

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Hoffnung kann auch graue Haare tragen

Vor 20 Jahren oder etwas mehr bekam ich eine Einladung in eine Gruppe älterer Damen, die allesamt traditionell kirchlich waren. Das einzige, woran ich mich aus dem Gespräch noch erinnere, war der große Kummer in der Runde, dass wir Jungen die wunderbaren Lieder von Paul Gerhardt verschmähten und lieber irgendetwas Neueres sangen. Er schien die Freude darüber in den Schatten zu stellen, dass junge Menschen Gottesdienste feiern und sich für den überlieferten Glauben begeistern.

Kürzlich wurde ich wieder eingeladen, freilich nicht in dieselbe Gruppe, doch die Altersstruktur war vergleichbar. In dieser Runde traf ich auf ein bemerkenswertes Interesse an neuen Formen von Gottesdienst und Gemeindeleben. In einer Welt, die sich so tiefgreifend verändert hat, fanden einige, hinke die Kirche doch ganz schön hinterher. Und als ich einwarf, dass manche Leute sich wünschen, dass alles in der Kirche so bleibt wie immer (weil ja alles andere nicht mehr ist, wie es immer war), war die Reaktion ein energisches Kopfschütteln.

Die Sache mit den Paul-Gerhardt-Liedern lässt sich mit dem Begriff „Minimalskandal“ aus Nils Minkmars heutigem Kommentar im Spiegel ganz treffend beschreiben. Dahinter, diagnostiziert Minkmar, verbirgt sich eine schwache Identität. Im Blick auf die Politik hierzulande notiert er: »Manchmal konnte man den Eindruck haben, dass die ganze Republik zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte, so veränderungsphobisch gaben sich Politik und Öffentlichkeit in diesem Jahrhundert.« Es gibt auch kirchliche Verlautbarungen, die exakt so gestrickt sind.

unsplash-logoRoman Kraft

Mit diesem Ansatz, das hat mich der Abend mit der Frauengruppe gelehrt, kann man nicht mal mehr Seniorinnen hinter dem Ofen vorlocken. Die Frage nach neuen Formen von Gottesdienst und kirchlichem Leben ist immer auch eine Frage nach der Identität, die, öfter als wir es uns eingestehen, an Musikstile, liturgische Traditionen und Gewänder, sakrale Gebäude und institutionelle Ordnungen gekoppelt ist. Um Minkmar noch einmal für den Bereich der Politiker und Parteien zu zitieren: »…augenblicklich steht zu befürchten, dass sie die [Identität] in ihrer Vergangenheit suchen, in Kruzifix-Aktionen und Sozialpolitik statt, wie es Willy Brandt so meisterlich sagte, „auf der Höhe der Zeit“ zu sein.« Da hätten die Ladies zustimmend genickt, das kennen sie von Kirchens auch. Und an ihren Kindern und Enkeln sehen sie, was es bewirkt hat.

Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich in den letzten Jahren zu hören bekam, dass Veränderungen in den Kirchen nach Möglichkeit zu vermeiden seien, um die Älteren nicht zu irritieren. Die Hürden, die man den Jüngeren damit in den Weg stellt, wurden dagegen nur selten thematisiert, oft beschränkt auf Fachtagungen zum Thema Jugendarbeit und andere Nischen. Aber es geht längst nicht mehr um einzelne Generationen, sondern ums Ganze.

Bruno Latour hat in „Jubilieren“ den ebenso schönen wie provozierenden Gedanken zum Umgang mit religiösen Traditionen im Spiel von Wiederholung und Abwandlung formuliert: » … es geht nicht darum, einen Schatz unbeschädigt durch die Zeit zu transportieren, sondern die Truhen zu füllen, um sie erneut insgesamt – banco! – aufs Spiel zu setzen.«

Dass Großmütter (sie waren es zumindest mehrheitlich…) damit kein Problem haben, ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Jede Gemeinde braucht solche Stimmen!

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Jesus und der Spätbucherbonus

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg brachte mich gestern zum längeren Nachdenken. Worum geht es da eigentlich? Gleicher Lohn für gleiche Leistung ist ja auch heute ein Thema, das völlig zu Recht für Diskussionen sorgt. Das wäre trotzdem eine eher vordergründige Betrachtungsweise.

Ich habe mich gefragt, was das Gleichnis für den Gemeindeaufbau bedeutet. Da ist es ja oft genug so, dass die Arbeiter der ersten Stunde alle Schlüsselpositionen besetzen. Wer dann später dazustößt (weil er/sie jünger ist, neu zugezogen, oder bisher mit anderen Dingen befasst war), muss sich einfügen und hat geringere Spielräume. Die „Kerngemeinde“ hat das Sagen, die anderen müssen mit den Vorlieb nehmen, was an Zeit, Kraft, Geld und Gestaltungsspielraum übrig bleibt. Als gäbe es einen Frühbucherrabatt (bzw. -bonus), mit dem man sich die besten Plätze sichern könnte.

Und nun kommt Jesus daher mit einer Geschichte, in der Frühbucherbonus auf den Kopf gestellt wird. Die neu dazu kommen, haben genauso viel zu melden wie die alten Hasen. Verständlich, dass letztere verschnupft reagieren. War der ganze Stress umsonst?

Kirche ist keine Meritokratie

Was sie freilich nicht sehen (der Winzer allerdings schon), ist, dass die Kerntruppe viel zu klein ist, um die Lese auf dem Weinberg zu stemmen. Also nimmt er, wen er kriegen kann und zahlt den Neuen einen absurd großzügigen Lohn. Weil er will, dass sie bleiben. Weil ihre Familien genauso hungrig sind wie die der anderen. Weil er nicht Leistung bezahlt, auch nicht Zeit, sondern Menschen an sich bindet.

Wie wäre das: Kirche, in der die Newcomer sich nicht erst das Recht verdienen müssen, gehört zu werden. Die jeden, der neu mit anpackt, freudig aufnimmt. Die nicht Buch führt über Verdienste sondern fragt, was jeder braucht, um gut arbeiten zu können. In der keine Besitzstände gewahrt werden, weil dafür angesichts der vielen Arbeit, die vor uns liegt, einfach keine Zeit ist. In der die Neuen ihren Musikgeschmack, ihren Arbeitsstil, ihre Prägung und ihre Ideen ebenso selbstverständlich einbringen können wie die, die seit Jahr und Tag schon in dem Laden aktiv sind: Kirche ist keine Meritokratie, auch keine Meritokratie der Treuen und Beständigen. Und „das war schon immer so“ ist einfach nur die Vermeidung eines guten Arguments.

Ich bin ja selbst gerade einer dieser Neuen. Als Pfarrer ist das freilich noch einmal etwas ganz anderes als für „normale“ Gemeindeglieder. Ich kann, darf und muss vieles mitbestimmen. Meine Fragen und Vorschläge werden nicht so schnell vom Tisch gewischt wie die einer Konfirmandin oder eines neu Zugezogenen. Und ja – in jedem sozialen System braucht man Geduld und Fingerspitzengefühl, wenn man etwas verändern will.

Wie alle gewinnen

Aber es gibt eben auch diesen Spätbucherbonus, auf den die Kirche nicht verzichten darf. All die Neuen, die bei uns hereinschnuppern und andocken (oder es versuchen), sind ein Bonus, ein Geschenk. So, wie sie sind, und nicht erst, wenn sie sich mühsam assimiliert und wir ihnen alle Flausen ausgetrieben haben. In einer Gesellschaft, die immer bunter und vielfältiger wird, wären wir ohne die Fragen, die sie stellen, und die Irritationen, die sie auslösen, bald völlig betriebsblind. Unseren Beschreibungen vom Auftrag der Kirche, unsere Einschätzung des eigenen Beitrages dazu wären wertlos.

Im Gleichnis Jesu behandelt der Winzer die Newcomer so, als hätten sie schon immer dazugehört. Vielleicht gelingt uns dieses Kunststück ja auch. Genug zu tun gibt es allemal vor unserer Nase.

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Paradoxe Heimat

Inzwischen wirbt sogar die Piratenpartei mit dem Thema Heimat. Eine weitgehend grüne Landschaft von oben ist zu sehen. Wahrscheinlich ist das piratentypische daran, dass es von einer Drohne fotografiert wurde.

Soll man das als Signal der Verzweiflung verstehen, oder als Aufhänger für einen eigenständigen Diskussionsbeitrag? Es scheint, dass auch die Piraten um dieses Thema nicht herumkommen. Beispiellos unpopulär indes: Heimatminister Seehofer. Irgendwas ist faul mit dieser Heimat. Nicht nur im Wahlkampf.

Mehrfach habe ich in den letzten Wochen gehört: Christen haben ihre Heimat „im Himmel“. So weit, so korrekt. Die Tageslosung vom 13. September wirft ein interessantes Licht darauf: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.“ (2.Mose 23,20) Sie ist eine Art Pendant zu dieser Aussage aus dem Pentateuch.

Für Israel zur Zeit des Exodus galt das, was für Christen heute noch gilt: Die eigentliche Heimat haben wir noch gar nicht gesehen. Sie kann also gar nicht in einer verklärten Vergangenheit bestehen. Sondern in einer Zukunft, die sich erst in der Begegnung mit Gott klärt. Heimat ist nicht das Bekannte, sondern das Unbekannte. Nicht das Erwartbare, sondern das Überraschende. Und so wie beim Geburtsort suche ich mir die endgültige, ultimative Heimat nicht selber aus. Nur die Zwischenstationen.


Sweet Ice Cream Photography

Immer noch suchen (und finden) Menschen Heimat in den Kirchen. Wenn wir das falsch anpacken, nämlich reaktionär, werden unsere Gemeinden zum Heimatmuseum. Wenn wir es richtig verstehen, dann werden aus ihnen Weggemeinschaften, die miteinander unterwegs sind. In unwegsamem Gebiet, hin zu einem Ziel, das sie noch gar nicht richtig kennen. Aber mit einem Vorgeschmack in der Nase und auf den Lippen: Frisches Brot und neuer Wein, das Salz getrockneter Tränen und abgewischten Schweißes, oder ein gebratener Fisch.

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Sind wir mehr? Warum Zahlen weniger zählen, als man meinen könnte

In den Gesprächen und Diskussionen mit allen möglichen Leuten tauchte in letzter Zeit immer wieder die Frage nach Mehr- und Minderheiten auf.

Mit #wirsindmehr haben sich viele Bürger gegen rechte Aufmärsche gestellt. Und deren Versuch, eine autoritäre und rassistische Politik durchzusetzen, zurückgewiesen.

Viele Christen (auch und gerade in volkskirchlichen Leitungsaufgaben) erleben, wie sie sich mit ihren Überzeugungen und Gewohnheiten immer öfter in einer Minderheitensituation wiederfinden: »Wir« werden weniger, von einzelnen Ausnahmen abgesehen. Was bedeutet das für die Kirchen in 20 Jahren? Auf was bereiten wir uns vor, worauf stellen wir uns ein? Und werden wir ob des schwindenden gesellschaftlichen Einflusses zaghafter und leiser oder mutiger und deutlicher den Mächtigen gegenüber?

Justin Snyder Photo

Christen brauchen sich vor einer Minderheitenkirche nicht zu fürchten und Demokraten sollten sich auf ihren Mehrheiten nicht ausruhen. So zumindest würde es wohl Yuval Noah Harari sagen. In »Homo Deus« vertritt der Historiker die These, dass es in größeren sozialen Gebilden eine untergeordnete Rolle spielt, wer in der Mehrheit ist. Gut organisierte Minderheiten erreichen deutlich mehr als desorganisierte Massen:

Revolutionen werden üblicherweise von kleinen Netzwerken von Agitatoren in Gang gesetzt, nicht von den Massen. Wenn man eine Revolution anzetteln möchte, fragt man nicht; »Wie viele Menschen unterstützen meine Ideen?«, sondern: »Wie viele meiner Anhänger sind zu effektiver Zusammenarbeit fähig?« […] 1917, zu einer Zeit, da die russische Ober- und Mittelschicht mindestens drei Millionen Menschen umfasste, zählte die kommunistische Partei lediglich 23.000 Mitglieder. Trotzdem erlangten die Kommunisten die Kontrolle über das riesige russische Reich… (184f.)

Ob in Sachen Demokratie oder Kirche, und natürlich auch überall da, wo Kirche Anwältin der Demokratie ist: Es geht also darum, den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zu fördern und zu stärken. Man muss damit freilich nicht warten, bis man zur Minderheit geschrumpft ist. Aber als Mehrheiten leisten wir uns Eitelkeiten, Exzesse und Egotrips, die den Zusammenhalt schwächen oder stören. Weil wir meinen, es zu können. An dem Punkt ließe sich sofort ansetzen.

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Das Reich Gottes – und warum man es nicht „bauen“ kann

In den letzten Wochen habe ich mir die Frage gestellt, was für mich theologisch wesentlich ist. Immer wieder bin ich bei Jesu Botschaft vom Reich Gottes gelandet. Wenn mich jemand nachts aufwecken würde und fragen, welcher Bibelvers mir der wichtigste ist, würde ich sagen: Matthäus 6,33 „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann wird auch das alles [was man sonst noch zum Leben braucht] zufallen“. Man könnte sagen, das ist eine Einladung zum Leben nach dem „Zufallsprinzip“.

Rosie Kerr

Immer wieder mal höre ich jemanden davon reden, dass er/sie/wir „Reich Gottes bauen“ würde. Dieser unbiblische Sprachgebrauch zeigt schon, dass es da noch mächtig mit dem Verstehen hapert: Gottes Reich lässt sich nämlich nicht bauen. Schon gar nicht von uns! Es ist kein menschliches Projekt, keine religiöse Institution, auch keine interkonfessionelle Aktion oder übergemeindliche Struktur. Das Reich Gottes ist vielmehr die Kritik aller menschlichen Projekte. Es kommt, es bricht an, es wächst, es breitet sich aus (auch durch unser Zutun), aber wir bekommen es nicht zu fassen. Im Buch Daniel löst sich ein Felsbrocken im Gebirge und poltert in die Ebene hinab. Dort legt es eine Statue in Trümmer, die für die Supermächte der alten Welt steht. Menschen sind durchaus verwickelt in dieses Geschehen, aber es geht nicht auf menschliche Initiative zurück.

Wir können Kirche und Gemeinde bauen. Wir können Projekte durchführen, und viel Gutes kann dabei geschehen – nur sollten wir das nicht mit Gottes Reich verwechseln. Diese Dinge laufen vielmehr Gefahr, zu unserem Reich zu werden, wenn wir sie nicht klar vom Reich Gottes unterscheiden und von dort her kritisch betrachten. Das Reich Gottes stellt sie alle unter Vorbehalt. Und manchmal stellt es sie einfach auf den Kopf. Es hat eine ausgesprochen subversive Ader. Und das ist auch wichtig: Ein Blick nach Venezuela oder Zimbabwe zeigt, dass der Revolutionär von gestern zum Diktator von heute werden kann und das Projekt zum Problem. Kirchlich gilt das natürlich auch, Beispiele schenke ich mir an dieser Stelle.

Deshalb schickt uns Jesus in der Bergpredigt auf die Suche nach dem Reich Gottes. Es liegt oft abseits den Offensichtlichen: Im Verborgenen und Unscheinbaren, an den Rändern von Kirche und Gesellschaft, nicht in den Zentren der Macht und Aufmerskamkeit und nicht an der Spitze der Hierarchien. Unsere Bauten (das ist die Crux dieser Metapher) sind Immobilien – statisch und unbeweglich. Gottes Reich hingegen ist mobil, es lässt sich nicht dingfest machen. Es entzieht sich jeder Art von Verzweckung aus persönlichen oder politischen Motiven.

Es entzieht, wenn alles richtig läuft, mich am Ende mir selbst.

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Abschied vom Priester-Paradigma: Das „geistliche Amt“ neu denken

Das Vikariat ist nun fast vorbei, nur ein paar Dinge sind noch zu tun: In den letzten Tagen saß ich über meiner obligatorischen Stellungnahme zu den Themen Schrift und Bekenntnis, Amt und Ordination. Und wäre diese Reihenfolge nicht vorgegeben gewesen, wären mir die Frage vielleicht nie gekommen, ob wir die Theologie rund um „das geistliche Amt“ nicht komplett neu durchdenken sollten. Ich schreibe das hier einfach mal ins Unreine und freue mich auf Kommentare und Rückmeldungen.

Kurz zurück zur Schrift, denn da setzt meine Frage an. Ich habe hier schon einmal ausführlich beschrieben, warum für mich die „Mitte der Schrift“ (oder, um mich als gute Lutheraner auszuweisen, „das, was Christum treibet“) nicht die Metapher vom Sühnetod ist, sondern das Exodus-Motiv der Befreiung aus vielfältigen Formen von Zwang und der egalitären Sozialcharta des mosaischen Bundes. Diese Tradition wird von den Schriftpropheten gegen das Königtum (und vielfach auch die mit dem Königtum eng verbandelte Priesterschaft) neu akzentuiert. Die Linie führt über weiter Johannes den Täufer zu Jesus. Beide üben prophetische Kritik am herodianischen Königshaus und der reichen Priesteraristokratie des (von Herodes prunkvoll errichteten) Jerusalemer Tempels.

So.

Nachdem ich mir das alles noch einmal vergegenwärtigt hatte, schlage ich die Handreichung der VELKD „Ordnungsgemäß berufen“ auf. Und plötzlich lese ich fast nur noch „Priester“ und „Priestertum“: Zwölfmal erscheint das Stichwort allein im Inhaltsverzeichnis.

Klar: Wenn man die Frage von Kirche und Amt, Klerus und „Laien“ vom Priestertum her aufbaut, dann ist man einerseits ökumenisch anschlussfähig, andererseits lässt sich die reformatorische Tradition über ein „allgemeines Priestertum“ nach 1. Petr. 2 einspielen. Wobei es den Bischöfen, die hier schreiben, erkennbar schwer fällt, die Alltagschristen auf echter Augenhöhe mit der Pastorenkirche zu sehen. Immer wieder rutschen ihnen dabei paternalistisch anmutende Formulierungen über die Rolle der „Laien“ heraus.


Josh Applegate

Dabei gab es in den paulinischen Gemeinden und im frühen Christentum keine Priester: Die Abkehr vom Tempel ist spätestens in Apg 6-7 greifbar. Seit 70 n.Chr. gibt es auch im Judentum weder Tempel, noch Opfer, noch Priester. Priester üben ihre Tätigkeit am Altar in einem abgegrenzten heiligen Bezirk aus, und ein ganz wesentliches Element ist der Opferkult. Daran erinnert der Hebräerbrief – und erklärt fortan alle Opferrituale durch den Tod Christi für überholt. Wenn überhaupt von „Priestern“ die Rede ist, dann entweder ganz exklusiv und im Singular von Christus oder ganz inklusiv und strikt im Plural vom Gottesvolk. Der Begriff „Tempel“ bezeichnet entsprechend dynamisiert im die leibliche Existenz und Präsenz der Christen in der Welt, und die gottesdienstliche Gemeinschaft der lebendigen Steine, aber gerade keinen festen Ort, keinen Prunk und kein Kirchengebäude: Wir sind alle Tempel und wir sind alle Priester und jeder Gedanke eines „mehr oder weniger“ würde diese biblische Zusage konterkarieren.

Die Sakramente Taufe und Abendmahl sind von ihrer Entstehung her eher prophetische Zeichenhandlungen, die mit der Zeit in eine liturgisches Gewand gekleidet wurden. Das Passah wird im Haus gefeiert, und erst in zweiter Linie im Tempel. Also auch ohne Priester und ohne Altar. Jesus und der Täufer stehen in kritischer Distanz zum Tempel und der Priesterschaft, aber sie identifizieren sich eindeutig mit den Propheten.

Priester waren im Judentum stets Männer – daher kann die katholische Kirche, die Orthodoxie (und die Lutheraner in Lettland) immer noch Frauen von geistlichen Ämtern ausschließen und einfach auf das Priestertum verweisen. Prophetinnen (und ja, Apostelinnen) sind uns hingegen aus der Schrift durchaus bekannt.

In den wenigen Aufzählungen geistlicher Ämter tauchen „Priester“ nicht auf. Nicht in 1. Kor 12 (Apostel, Propheten, Lehrer), nicht in den Pastoralbriefen („Bischöfe“ und Diakone), nicht in Eph 4 (Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer). Anregend finde ich Umschreibung dieser fünf Rollen bei Frost und Hirsch: Pioneer – Disturber – Recruiter – Humanizer – Systematizer. Sie lassen sich als funktionale Aspekte des einen Amtes denken, praktisch freilich wohl nur dann, wenn es mehr als eine Amtsträger*in gibt.

Mir geht es an dieser Stelle um das „Framing“ der Diskussion um Ämter und Funktionen. Gehen wir vom Priestertum aus, dann wird es wahrscheinlich sehr statisch, zeremonial und tendenziell männlich ausfallen.

Warum nicht einmal anders herum denken? 

Während sich aus Calvins Dreiklang der Ämter Christi das Priesterliche und das Messianisch-Königliche nur auf das gesamte Gottesvolk beziehen lassen, sieht es bei der dritten (im Luthertum vernachlässigten) Funktion anders aus. Es kann durchaus von einer prophetischen Kirche und von prophetischen Individuen beiderlei Geschlechts die Rede sein.

Denken wir also Kirche von ihrem prophetischen Auftrag her. Damit steht sie in der Nachfolge Jesu, des Täufers und über die hebräischen Propheten zurück bis Mose. Sie kündigt das Kommen des Reiches (der herrschaftsfreien Ordnung) unter den Augen der Imperien dieser Welt an und ringt zugleich mit der ständigen  Versuchung, selbst zum Imperium zu degenerieren, das Menschen benutzt, um seine Macht zu festigen und sein Überleben zu sichern. Damit die Kirche ihre prophetische Rolle nach außen spielen kann, braucht es prophetische Stimmen in ihrem Inneren. Hier lässt sich an Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Oscar Romero und andere, kleine Propheten („disturber“!) denken. Menschen, die sich und andere in Bewegung halten, die allzu Selbstverständliches in Frage stellen, die falsche Harmonie und faule Kompromisse beim Namen nennen, die Abstumpfung und Schweigen angesichts von Unrecht und Gleichgültigkeit überwinden helfen. Menschen, die Hoffnung auch in finsteren Zeiten sehen und verbreiten. Ronald Marstin hat in „Beyond the Tribal Gods“ geschrieben:

„Prophetische Religion ist die eines Volkes, das nicht an Grund und Boden gebunden ist, ein Volk im Aufbruch, ein Volk, das eine historische Aufgabe vor sich hat – die Aufgabe, Grenzen zu überwinden.“

Und Walter Brueggemann fügt der räumlichen eine zeitliche Dimension hinzu, wenn er schreibt:

„Der Prophet engagiert sich im Ausmalen der Zukunft. Der Prophet fragt nicht, ob die Vision umgesetzt werden kann, denn Fragen der Umsetzung sind ohne Folgen, bis man sich die Vision vorstellen kann. […] Unsere Kultur kann fast alles implementieren, aber fast nichts imaginieren.“

Karl Barth wundert sich gegen Ende von KD IV,3 §72, dass die Neuentdeckung des prophetischen Amtes Christi für Calvin bislang ohne Folgen für die Ekklesiologie blieb. Und er schickt sich an, die Lücke zu schließen:

„Das Handeln der Gemeinde im Dienst ihres Zeugnisses ist ein prophetisches Handeln, wobei wir unter «prophetisch» verstehen: ein Handeln in Erkenntnis des Sinnes der jeweils gegenwärtigen Ereignisse, Verhältnisse und Gestalten ihrer eigenen Geschichte und auch der ihrer Umwelt in ihrer positiven und negativen Beziehung zu dem von ihr bezeugten nahe herbeigekommenen Reiche Gottes und also in ihrer Tragweite für die konkrete Gestalt dieses ihres Zeugnisses.“ (S. 1026)

Vom nahenden Reich Gottes her bestimmt Barth den prophetischen Impuls (wie Marstin und Brueggemann) als ein „Vorwärts!“, das mitunter den Widerspruch der „Allianz der Priester [!], der falschen Propheten, der Fürsten und des Volkes“ herausfordern wird:

Prophetie beruht auf einem besonderen Vernehmen und besteht in einer besonderen Kundgebung des von Gott je und je in seinem Werk, nämlich in der von ihm regierten Geschichte seines Volkes und der Welt gesprochenen Wortes: des Wortes, in welchem er, was er in Begründung des Bundes ein für allemal gesprochen, nicht etwa durch etwas Anderes ersetzt, ergänzt oder überbietet, wohl aber zu bestimmter Zeit neues Gehör und neuen Gehorsam fordernd, in neuer Klarheit wiederholt und bestätigt.

Im prophetischen Element und Charakter ihres Dienstes blickt, greift, schreitet die Gemeinde in der jeweiligen Gegenwart und aus ihr hinaus hinüber in die Zukunft: nicht willkürlich, nicht auf Grund eigener Analysen, Prognosen und Projekte, wohl aber lauschend auf die Stimme ihres Herrn, der auch der Herr der Welt ist, welcher eben das, was er sprach, indem er sie berief, begründete und beauftragte, wieder und neu spricht in dem, was in ihr und in der Welt jetzt und hier als in seinem Machtbereich geschieht, der sie eben damit in die Zukunft weist und führt, ihr eben damit das ihr anvertraute Zeugnis, ohne daß es ein anderes würde, in neuer Gestalt auf die Lippen legt.

Barth hält fest, dass der prophetische Dienst Sache der ganzen Gemeinde ist und nimmt doch auch zur Kenntnis, dass die Rollen der einzelnen Gemeindeglieder dabei variieren.

Statisch und hierarchisch wird sich dieses „Vorwärts!“ gewiss nicht strukturieren und organisieren lassen. Zum Trost für alle Sanften, Stetigen und Strukturierten unter uns, die befürchten, es könnten Chaos und Unordnung ausbrechen: Barth hält Prophetie für „nicht ekstatisch, nicht enthusiastisch, nicht tumultuarisch“. Aber gerade in Zeiten, in denen die eine historische Gestalt von Kirche dem Ende entgegengeht und die andere noch nicht (oder nur punktuell) sichtbar geworden ist, liegt in dieser Rückbesinnung auf die prophetische Dimension eine große Chance.

Ein solches Reframing, ein Paradigmenwechsel vom Priesterlichen zum Prophetischen, hätte durchaus das Potenzial, die Lehre und Praxis des geistlichen Amtes aus alten Sackgassen herauszuführen.

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Der Weg, den es nicht gibt, oder: Trail and Error

Kürzlich habe ich hier etwas geschrieben über die Notwendigkeit, Kirche nicht primär von den „Vätern“ her zu denken und zu entwickeln, sondern eher als „Haus von morgen“ zu begreifen.

Wenn wir das tun, sind wir in guter Gesellschaft. Zwei aktuelle Beispiele möchte ich hier kurz nennen:

Arnd Bünker hat auf feinschwarz.net über die Bedeutung des Verlernens in kirchlichen Bildungsprozessen geschrieben. Er diagnostiziert eine „Gefangenschaft in alten Kirchenbildern“, die in ihrer unhinterfragten Selbstverständlichkeit der gegenwärtigen Situation nicht mehr entsprechen: Im Personalwesen, in der Orientierung an den Sakramenten, in der Pfarrei als dominierender Sozialform.  Um wieder handlungsfähig zu werden, müssen wir manches erst verlernen. Das erfordert Zeit, gezielte Übung, neue Lernformen, Vertrauen in die Prozesse und Hoffnung auf Verbesserung – und eine Spiritualität, die das alles trägt und belebt. „Sonst fliesst immer mehr Energie in das Bemühen um den Erhalt letzter Biotope kirchlicher Vergangenheit“, warnt Bünker. „Dies mag hier und da gelingen, aber es verhindert die Fähigkeit der Kirche zur zeitgenössischen Solidarität mit den Menschen, deren Alltag ja auch in ständigen Veränderungen besteht – mit allen Chancen und Risiken.“

Das ist ja nicht nur in Deutschland so. So stellt Alan Roxburgh aus Vancouver in einem Blogpost fest: Kirchenleitungen und Kirchenreformen der „Euro-Tribal Churches“ (treffende Formulierung…) setzen weithin auf technische Rationalität, Management und Kontrolle, sie neigen zum Ekklesiozentrismus und zur einseitigen Fokussierung auf Hauptamtliche. In dieser Hinsicht sind sie typisch modern. Gott wird dabei unter der Hand zum nützlichen Symbol für die Säulen des modernen Westens – den Nationalstaat, den Konsum-Kapitalismus und das (therapeutische) Selbst. Erneuerung, Reform und Innovation scheitern, weil sie an diesen Selbstverständlichkeiten nicht rütteln.

Entsprechend redet Roxburgh nicht mehr von „Reforming“, sondern „Refounding“ – einer Neubegründung von Kirche im säkularen Westen. Die seßhafte Kirche, die sich in ihren alten und modernen Immobilien eingerichtet hat, wird wieder zur Pilgerkirche. Er zitiert den spanischen Dichter Antonio Machado (1875-1939), der schrieb: „Wanderer, es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht beim Gehen.“

trail

Die spirituelle Dimension dieses Kulturwandels liegt darin, beim Gehen gemeinsam auf Gott zu hören und so neue Pfade zu bahnen. Roxburgh schreibt in seinem Post an dieser Stelle von „Trail and Error“ – das könnte ein Tippfehler sein, aber dann wäre es eher ein sinnerhellender statt ein sinnentstellender „Fehler“. Einer jener Fehler, für die im Verlernen des vormals Selbstverständlichen Platz sein muss. Um Bünker noch einmal zu zitieren: „Niemand kann sich auf Neues einlassen, wenn es dazu im Umfeld keine Kultur des Vertrauens gibt. Diese signalisiert den Willen zur Veränderung ebenso wie Offenheit für Experimente und deren mögliches Scheitern.“

Die Chance läge darin, nicht nur Kirche, sondern auch Gott neu zu entdecken.

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Die Toten die Toten begraben lassen

Jesus hat sich selten gescheut, Leute vor den Kopf zu stoßen. Bei einer dieser Gelegenheiten sagte er zu einem zögerlichen Nachfolger: „Lass die Toten die Toten begraben!“

Das ist kein populärer Predigttext in einer Kirche, deren Selbstbild darunter leidet, dass sie inzwischen auch am Ende des Lebens immer seltener gebraucht wird. Viele finden, wir sollten alles daran setzen, die Toten besser als alle anderen zu begraben. Und hoffen, dass wir dann auch wieder mehr gebraucht werden.

 

Es war tatsächlich eine Trauerfeier, die mich wieder ins Nachdenken brachte über diesen Bibelvers. Der herben Aufforderung lassen sich nämlich durchaus heilsame Aspekte abgewinnen:

  • (Erwachsene) Kinder müssen das Leben ihrer Eltern nicht wiederholen (das geschieht ja oft eher unwillkürlich).
  • Sie müssen es auch nicht vollenden und die Ziele erreichen, die die Generation vor ihnen nicht realisieren konnte.
  • Sie müssen auch nicht reparieren und wieder gut machen, was die Alten zerstört und beschädigt haben. Zumindest nicht in erster Linie.

Kinder sind frei, sich von den Eltern zu lösen. Khalil Gibran hat das zeitlos schön und tiefsinnig formuliert:

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihrem Leib ein Haus geben, aber nicht ihrer Seele,
Denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Jesus nachzufolgen und Gottes Reich zu entdecken heißt, im Haus von morgen zu wohnen. Sich nicht aus dem heraus zu verstehen, was war, sondern von dem her, der kommt. Daran scheitert auch jede reaktionäre Identitätspolitik.

So, und jetzt nochmal zurück zur Kirche:

Bestattungskultur ist zweitrangig, es geht um viel mehr. Kurt Marti hat einmal die Vermutung geäußert: „Ein Gott, der kirchenförmig gedacht wird, hindert die Kirche daran, gottesförmig zu denken.“ Der kirchenförmige Gott ist nämlich der Gott der Väter (seltener der Mütter…!) und der Vergangenheit. Mich macht es immer fassungslos, wie selbstverständlich unter Lutheranern in ekklesiologischen Debatten CA VII als axiomatischer, umhinterfragter Ausgangspunkt gesetzt und akzeptiert wird, und wie wenig zugleich von Jesus, der Nachfolge Christi und der Herrschaft Gottes die Rede ist. Mal abgesehen davon, dass so eine Traditionsverhaftung völlig unevangelisch ist – sie bringt auch keine neuen Bilder von Kirche hervor.

Wie wäre es stattdessen, jungen Pfarrer*innen bei der Ordination, Konfirmand*innen bei der Konfirmation und Kirchenvorsteher*innen bei der Einführung in ihr Amt (demnächst ja wieder aktuell) ausdrücklich zuzusprechen:

„Ihr müsst das Werk der »Väter« nicht imitieren, ihr müsst es nicht vollenden, ihr müsst euch für diese Kirche weder entschuldigen noch sie rechtfertigen. Sie ist, wie sie ist. Manches davon werdet Ihr in Würde begraben, anderes wird wieder aufblühen.  Aber dann [und hier borge ich mir nochmal die Worte von Kurt Marti]

wispert
aus trauernder weide
fröhlich die stimme
folge mir nach.

Also hört den lebendigen Christus. Und folgt ihm, wohin er geht.“

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Bitte weiter gehen!

„Weiter gehen“ lautet das Motto des landeskirchlichen Ehrenamtspreises 2018. Untertitel: „missionarisch Kirche sein“. Ich bin gespannt, wer diesmal die Preisträger sind.

Wirft man einen Blick auf die vier Projekte, die im Vorjahr unter der Überschrift „Veränderung auf Schritt und Tritt“ ausgezeichnet wurden, dann fällt eine Gemeinsamkeit auf: Sie finden allesamt in kirchlichen Gebäuden statt, in einem Fall wurde sogar eines eigens errichtet. Und drei der vier – die Wuselkirche, die Frühstückskirche, die Vesperkirche – haben in der einen oder anderen Form mit gemeinsamem Essen zu tun. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede, aber ich fand das schon bemerkenswert: Veränderung zeigt sich anno 2017 darin, dass Tischgemeinschaft in den Kirchen wieder eine Sättigungskomponente und damit verbunden ein Gemeinschaftselement erhält.


Annie Spratt

Das Festmahl spielt auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn eine wichtige Rolle. Erik Flügge hat es im Blick auf seine katholische Kirche kürzlich mit einem provokativen Perspektivwechsel interpretiert:

Nicht die anderen sind verlorene Söhne, sondern die Aktiven in den Gemeinden sind es. Die haben das Erbe genommen und es verprasst. Verprasst für Orgeln und Kirchenbauten, Küchen im Gemeindehaus und Fachstellen. Langsam wird das Leben in den Gemeinden knapp. Immer weniger ist los, und das frustriert. Das Gemeindeleben fühlt sich hohl an ohne die Familie, die wir irgendwo zurückgelassen haben. Der letzte Rest Gemeindeleben ist viel zu oft so frustrierend wie das Schweinehüten. Die Aktiven in der Kirche sind der verlorene Sohn, der in der Ferne wehmütig an den eigenen Vater denkt. Sie sind diejenigen, die aufbrechen und zurückkommen in der Hoffnung, dass sie fröhlich empfangen werden.

Ein Aufbruch zu Gott, der sich nicht im vertrauten Rahmen kirchlicher Gebäude und Rituale offenbart, sondern im Fremden und Befremdlichen, beim Rest der Familie, der am kirchlichen Leben nicht mehr oder kaum noch teilnimmt. Auf der Frühjahrssynode hat Hans-Hermann Pompe vom ZMiR diese Bewegung unter der Überschrift „Vom Erwarten zum Hingehen“ beschrieben. Dass er dann gleich auf den „Back to church Sunday“ zu sprechen kommt, verrät die Sorge, die Aktiven in Haupt- und Ehrenamt mit Kritik an der üblichen „Komm-Struktur“ und ihren Begrenzungen zu überfordern. Irgendwem geht alles konkrete „weiter gehen“ ja meistens schon  wieder viel zu weit…

Aber vielleicht zeigen ja die Ehrenamtlichen von der Basis, wie das mit dem „weiter gehen“ funktionieren kann; und vielleicht honoriert die Jury in diesem Jahr solche Projekte, die sich vom sicheren eigenen Turf herunter wagen. Räumlich, aber auch kulturell und mental.

Und gern wieder mit Essen!

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