Zu viel der Nächstenliebe?

Gestern hat mir Daniel den Link zur zweiten Ausgabe von Glauben und Denken geschickt, weil dort N.T. Wrights „Surprised by Hope“ rezensiert wurde. Ich habe das Magazin mit wachsendem Unmut quer gelesen und bin so langsam dabei zu verstehen, was mir da etwa bei Michael Horton so unangenehm aufstößt.

Um zum Kern der Sache zu kommen: Ich fürchte, hier wird das klassisch reformierte Anliegen, die Souveränität Gottes über alles zu stellen, in einer Art und Weise durchgezogen, die Gottes- und Nächstenliebe eben nicht mehr als gleichrangig behandelt. Mit schwerwiegenden Folgen, denn nun gerät das Engagement für den Nächsten (da wo Liebe also konkret wird, und sie muss konkret werden) unter Generalverdacht. Nicht die müssen sich rechtfertigen, die nichts tun, sondern die Engagierten, weil sie den Nächsten womöglich etwas zu sehr lieben.

Die Sorge ist, dass die Nächstenliebe zum Versuch wird, sich um die Gottesliebe herumzumogeln. Ich halte das schon praktisch für abwegig, denn nie bin ich auf Gott mehr angewiesen, als wenn ich einen unvollkommenen Nächsten lieben muss, obwohl der zum Beispiel Calvinist ist 🙂 Ich hatte vor 25 Jahren mal ein Buch aus mit ähnlichem Ansatz (Johan Bouman, Der Glaube an das Menschenmögliche), das die kirchliche Friedensbewegung eher undifferenziert als pelagianisch verurteilte und unterstellte, dass man den Himmel auf Erden aus eigener Anstrengung schaffen wollte.

Klar gibt es das auch hin und wieder. Aber so wie Konservative gern den Begriff „Gutmensch“ als semantische Keule auspacken, wenn sie mit ihrem Law-and-Order Ansatz in der Defensive sind, so wird hier all jenen, die sich konkret um Gerechtigkeit bemühen (nebenbei werden noch der Heilige Franziskus und Rick Warren mißbilligend zitiert), tendenziell unterstellt, sie würden das aus den falschen Motiven tun (und damit letztlich gegen Gott arbeiten). Und das natürlich, weil sie dem Zeitgeist oder einer weltlichen Ideologie anhängen und die reine Lehre verlassen haben.

Vielleicht bin ich jetzt unfair, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Leute, die so etwas schreiben, vielleicht doch ganz zufrieden damit sind, wenn wir alle unser Sündersein betrauern, erschaudern angesichts der Heiligkeit Gottes – und nichts weiter. Die reine Lehre scheint, vielleicht ohne es tatsächlich je auszusprechen, zu sagen, dass wir eh nichts machen können gegen die Bosheit der Welt. Wer das anerkennt, beschränkt sich auf die Verbreitung dieser Erkenntnis (heißt es deshalb nur „Glauben und Denken“?) und geht das Risiko erst gar nicht ein, beim Helfen die unausweichlichen Fehler zu machen. Oder der Vorsehung Gottes ins Handwerk pfuschen zu wollen.

Aber ist das Ganze nicht die Folge einer nicht minder ideologischen, antipelagianischen Paulusfixierung mit einem Schuss dialektischer Theologie, die vielleicht gerade noch die johanneische Bruderliebe zulässt, bei der für die Gleichnisse Jesu aber eigentlich schon kein Platz mehr ist? Der barmherzige Samariter glaubt eh schon das Falsche und die Reinheit seines Verhältnisses zu Gott wird in dem Gleichnis gar nicht thematisiert – sie spielt keine Rolle. Der Punkt, um den man bei Jesus schier nicht herumkommt, ist der: Echte Nächstenliebe ist Gottesliebe und umgekehrt.

Wenn Ron Kubsch am Anfang Jesajas Ruf nach Gerechtigkeit zitiert – um sich dann gleich wieder auf den Ruf (d.h. die Verkündigung der Wahrheit) zu konzentrieren, und nicht die konkrete Gerechtigkeit für Arme und Unterdrückte – frage ich mich: wozu muss man sich dann auf diesem Weg eigentlich ständig wieder theologisch ein Bein stellen, wenn man das ernst meint?

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Kurz und knackig

Dieses kleine, aber sehr feine Buch hat mich wirklich begeistert. Cavanaugh, katholischer Theologe aus St. Paul, beleuchtet die innere Logik der Konsumgesellschaft in drei Schritten: Erstens stellt er dem Wirtschaftsliberalismus von Milton Friedman den christlichen Freiheitsbegriff des Augustinus entgegen und zeigt die Konsequenzen auf, wenn man wie Friedman Freiheit rein negativ als Abwesenheit äußerer Zwänge (d.h. vor allem staatlicher Intervention) definiert.

Im zweiten Teil („Detachment and Attachment“) zeigt er, wie die Konsumgesellschaft zu einer Veroberflächlichung von Beziehungen aller Art führt, in der Menschen und Gegenstände austauschbar werden und rastlos immer das Neue ersehnt wird. In dem Moment, wo man etwas hat, ist es schon uninteressant. Das ist zwar auch eine Form von Überwindung des Materialismus, aber doch eine für den einzelnen auf Dauer unbefriedigende und für die Gesellschaft hat es fatale Folgen.

Im dritten Teil geht er der Logik der Globalisierung nach, die die Spannung zwischen dem Einzelnen und dem Universalen nur scheinbar hält. Mit Hans Urs von Balthasar stellt er dar, dass das Problem des einen und der vielen in Christus (und sinnlich erfahrbar in der Eucharistie) ganz anders gelöst ist. Hier wird der „Konsument“ von seiner Speise verzehrt und aus seinem Kreisen um die eigenen Bedürfnisse befreit, hier werden Arme und Reiche nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret zu einem Leib verbunden und vor die Aufgabe gestellt, das auch in den ökonomischen Beziehungen umzusetzen.

Ein heißer Kandidat für die Edition Emergent Deutschland, finde ich.


„Being Consumed: Economics and Christian Desire“ (William T. Cavanaugh)

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Inkarnation und Humanismus

Fernando Pessoa erklärt zu Beginn seines „Buches der Unruhe“, warum man als Atheist vernünftigerweise eigentlich kein Humanist sein kann:

Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten – ohne zu wissen warum. Und weil der menschliche Geist von Natur aus dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, und nicht, weil er denkt, wählten die meisten dieser jungen Leute die Menschheit als Ersatz für Gott. Ich gehöre jedoch zu jener Art Menschen, die immer am Rande dessen stehen, wozu sie gehören, und nicht nur die Menschenmenge sehen, deren Teil sie sind, sondern auch die großen Räume daneben. Deshalb habe ich Gott nie so weitgehend aufgegeben wie sie und niemals die Menschheit als Ersatz akzeptiert. Ich war der Ansicht, daß Gott, obgleich unbeweisbar, dennoch vorhanden sein und also auch angebetet werden könne, daß aber die Menschheit, da sie eine rein biologische Vorstellung ist und nichts anderes bedeutet als eine Gattung von Lebewesen, der Anbetung nicht würdiger sei als irgendeine andere Gattung von Lebewesen. Dieser Menschheitskult mit seinen Riten von Freiheit und Gleichheit erschien mir stets wie ein Wiederaufleben jener alten Kulte, in denen Tiere Götter waren oder die Götter Tierköpfe trugen.

Ich finde das spannend: Er deutet als Agnostiker an, dass die Besonderheit (und damit die Würde) des Menschen in seinem Gegenüber zu Gott liegt und mit diesem steht und fällt. Und bestätigt damit, was andere auch schon gesagt haben: Der Glaube an die Menschwerdung Gottes ist die einzig tragfähige Grundlage des Humanismus.

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Grob gerastert

George Barna mag sich auf Statistiken verstehen, theologisch gibt er einem immer wieder mal Rätsel auf. Sein Raster evangelikaler Rechtgläubigkeit (hier gefunden) sieht beispielsweise so aus:

I believe that absolute moral truth exists.

I believe the source of moral truth is the Bible.

I believe the Bible is accurate in all of the principles it teaches.

I believe that eternal spiritual salvation cannot be earned.

I believe that Jesus lived a sinless life on earth.

I believe that every person has a responsibility to share their religious beliefs with others.

I believe that Satan is a living force, not just a symbol of evil.

I believe that God is the all-knowing, all-powerful maker of the universe who still rules that creation today.

Klar muss man pragmatisch verkürzen, aber die Schwächen dieses überhaupt nur für Insider verständlichen Sprachspiels sind offensichtlich und zeigen den Übergang vom Glauben zur Ideologie, wie man es sich schöner nicht wünschen kann:

Erstens steht das „Ich“ derart auffällig am Anfang jedes Satzes, dass der Individualismus und Subjektivismus einen regelrecht anspringt.

Zweitens haben zwei (und wenn man die Sündlosigkeit Jesu und die Pflicht zum „Zeugnis“ dazu nimmt, vier) seiner Kennzeichen mit Moral zu tun – Kant hätte seine helle Freude gehabt.

Drittens fehlt jede Vorstellung biblischer Offenbarung als Geschichte, stattdessen wird uns hier die Existenz zeitloser Prinzipien in einem unfehlbaren Buch vorgegaukelt.

Viertens steht deswegen die Schöpfung (und, wenn man es genau nimmt, auch Gott) am Ende und nicht am Anfang dieser Aufzählung.

Fünftens fehlt jeder Hinweis auf den Heiligen Geist und damit auch auf die Trinität, dafür aber kommt

… sechstens der Satan als negativer Glaubensgegenstand ins Spiel. Der fehlt in den Bekenntnissen der alten Kirche ja wohl nicht von ungefähr. Dass er offenbar konstitutiv ist für Barnas frommes Weltbild, spricht also auch Bände.

Man muss denn zuerst an die Moral, die Bibel und den Teufel glauben, bevor Gott ins Spiel kommt? Und wo war nochmal die Auferstehung geblieben? Nun mag es ja sein, dass Barna all das stillschweigend voraussetzt, was ich vermisse – vielleicht weil es christliches Gemeingut ist, das in diesem Zusammenhang nicht eigens erwähnt werden muss. Wär‘ doch schön…

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Klar erKant…

Manfred Lütz zur Krise der aufgeklärten Gottesglaubens nach dem Erdbeben von Lissabon 1752 (nett: die freche Anspielung im ersten Satz):

… hier wurde die Aufklärung Opfer ihrer eigenen selbstverschuldeten Verdunkelung. Sie hatte sich nämlich mit den Mitteln der menschlichen Vernunft einen vernünftigen Gott gebastelt, der als Weltbaumeister und Sicherer der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung fungierte und mit dem man kleinen Kindern Angst machen konnte, wenn sie ihre noch kleineren Geschwister verprügelten. Die Aufklärung hatte einen Gott konstruiert, von dem der stets ums eigene Wohlergehen besorgte Voltaire sogar sagte, man müsse ihn erfinden, wenn er nicht existieren würde. (…) Dieser tönerne Gott brach beim ersten Erdbeben auseinander. Eines ist freilich unübersehbar: Dieser Gott ist ein Kunstprodukt und meilenweit entfernt zum Beispiel vom christlichen Gottesbild.

(Gott: Eine kleine Geschichte des Größten, S. 57)

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Podcast: Radikale Orthodoxie

Interessantes Interwiew mit John Milbank von der Uni Nottingham und Catherine Pickstock aus Cambridge über ihren Ansatz der Radical Orthodoxy und ihre Kritik an modernen, säkularen Konzepten und Denksystemen und deren Entzauberung der Welt, einem distanzierten Gott und absolutistischer, willkürlicher Macht in den politischen und sozialen Systemen – und einer Bürokratisierung der Kirche.

Im Grunde, sagt Milbank dort, vertritt Benedikt XVI in seiner Regensburger Ansprache einen ähnlichen Standpunkt, wenn er die folgenreiche Spaltung von Glaube und Vernunft beklagt. Die schlüsseln Milbank und Pickstock dann auf, ob es nun um Politik geht, den Zusammenhalt der Gesellschaft, das Wesen und den Sinn von Sprache oder die Frage nach dem Wesen und der Gestalt von Kirche.

Spannend – am besten, Ihr hört selbst hinein…

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Heilige Familie?

Heute wurde ich in einem Gespräch über alternative Lebensstile gefragt, wie es gehen kann, dass Singles und kinderlose Paare in einer eher zahlenmäßig eher familiendominierten Gemeinde einen Platz haben, wo sie nicht nur geduldet, sondern als gleichwertig behandelt werden. Also nicht als defizitär, und es ist ja für viele ein Kampf, sich angesichts subtiler alltäglicher Taktlosigkeiten und Diskrimierungen nicht so zu fühlen (welche Eltern träumen nicht von glücklich verheirateten Söhnen und Töchtern und süßen Enkeln – und agieren nicht gerade sehr konstruktiv, wenn sie allmählich merken, dass ihnen die Erfüllung des Wunsches vielleicht versagt bleibt?).

Die Frage traf mich an einem Punkt, der mich seit Tagen beschäftigt. Es begann neulich in einer Gesprächsrunde, wo wir aufgefordert wurden, zu erklären, was wir an „der Ehe“ großartig finden. Ich konnte nicht genau erklären warum, aber ich brachte keinen Satz heraus. Vielleicht erschienen mir manche Beiträge als zu abstrakt (ich muss ja nicht die Ehe lieben, sondern meinen Partner, und das fällt je nach Tagesform mal leichter und mal schwerer). Viele Aussagen wiederholten sich dann auch erwartungsgemäß: Die Anwesenden waren alle verheiratet und damit offenbar ausnahmslos glücklich, das ist für heutige Verhältnisse ja eine eher atypische Konstellation.

Ohne dieses Glück jetzt in Abrede zu stellen oder die Leistung dahinter zu schmälern (denn oft genug haben es sich die Paare auch hart erarbeiten müssen), das „Hohelied der Familie“ klingt eben doch schnell zwiespältig, wenn wir damit über das Ziel hinaus schießen. Man kann es verstehen, weil auf evangelischer Seite noch der historische Frontstellung gegen die katholisch-mittelalterliche Verklärung des Zölibats und die moderne Unverbindlichkeit situativer Lebenspartnerschaften oder hoher Scheidungsraten und verbreiteter Resignation zu einer Art Trotzreaktion führten, eben so wie die Tatsache, dass manche Leute (vor allem Männer) die Verantwortung für Kinder scheuen und keine Abstriche an ihrem materiellen Lebensstandard machen wollen.

Da neigt man schon mal dazu, zu übersehen, dass Jesus selbst unverheiratet war (Dan Brown zum Trotz, der sich das als typisches Kind unserer Zeit offenbar gar nicht vorstellen kann) und den traditionellen Wert von Ehe (vgl. Mt 22,30) und Familie (Mt 12, 46ff) kräftig relativierte, und dass Paulus große Vorteile darin sah, auf die Ehe (und folglich auch Kinder) zu verzichten – freilich aus anderen Gründen, als es heute oft der Fall ist. Und mit dem Virus des modernen Individualismus sind ohnehin alle infiziert, ob verheiratet oder nicht, denn unsere Kernfamilien sind nur ein müder Rest der Großfamilie, die zu biblischen Zeiten die Norm war und mehr als zwei Kinder und zwei Generationen einschloss. Manche Ehen zerbrechen heute nicht nur an den Schwächen und Fehlern der Partner, sondern auch an dem gewaltigen Druck der instabilen Lebensumstände. Der etwas unbeholfene Versuch, hier eine christliche Gegenkultur zu schaffen (der von konservativen Politikern gern zum Stimmenfang genutzt wird), misslingt ebenfalls leicht, wenn man zu theologischen Überhöhungen der Ehe greift und/oder wenn Kirche sich vor den Karren der Hochzeits- und Romantikindustrie spannen lässt (vgl. den kleinen Rundumschlag von Ben Myers)

Echte Gegenkultur wäre ein durchdachtes, ehrliches und gleichwertiges Miteinander von Singles und Paaren, Geschlechtern und Generationen, für das es noch nicht so viele funktionierende Modelle gibt. Können Gemeinden das leisten oder bleibt das den alten und neuen Orden und Lebensgemeinschaften überlassen? Was muss geschehen, damit alle gemeinsam das Hohelied der Liebe singen, das eben weitaus mehr ist als das Hohelied der Ehe und Familie?

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Schönes Schlagwort

In einem Vortrag von N.T. Wright bin ich auf den Begriff „collaborative eschatology“ gestoßen, den Wright von Dominic Crossan übernommen hat. Die Vorstellung gefällt mir gut, weil sie es erleichtert, Gottes und unser Handeln zusammenzudenken und keine falschen Alternativen aufzumachen: Weder fauler Fatalismus („wir können ja doch nichts ändern“) noch atemloser Aktionismus („alles liegt an uns“) sind angesagt. Wir müssen nicht alles tun, aber manches können wir. Die Zukunft ist in der Gegenwart schon angebrochen, die neue Welt mitten in der alten schon da. Also gibt es auch eine gewisse Kontinuität zwischen Gegenwart und Zukunft – eine schöne und motivierende Vorstellung…

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Omissionsrechte?

Alle Dogma-Fans aufgepasst: Anlässlich des internationalen Paulusjahres, das am 28. Juni beginnt, hat die katholische Kirche einen Sonderablass ausgerufen. Es könnte also spannend werden…

Fraglich ist natürlich aus evangelischer Sicht, was Paulus dazu sagen würde. Konkret heißt es nämlich zum Thema Ablass auf paulusjahr.info:

Der Ablass (lateinisch „indulgentia“) gehört zur Bußpraxis der Kirche und ist Teil der Verwirklichung des dritten Aspekts des Sakraments der Buße. Neben dem reumütigen Herzen („contritio cordis“) und dem ausgesprochenen Bekenntnis der Sünden („confessio oris“) bedarf es zur Sündenvergebung der Genugtuung durch Werke („satisfactio operis“). Das Gesetzbuch der lateinischen Kirche (Codex Iuris Canonici, can. 992) und der „Katechismus der Katholischen Kirche“ (Nr. 1471) bestimmen den Ablass als „Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet“.

Die Vorstellung ist, dass die Kirche hier ein Guthaben verwaltet und ermächtigt ist, bestimmte Transaktionen zu tätigen. In diesem Fall: zeitliche Strafen zu erlassen. Das erinnert irgendwie an den Handel mit Emissionsrechten, und weil Sünden häufig in Unterlassungen bestehen, könnte man von Omissionsrechten reden (lat. omissio: Auslassung). Insofern ist es wieder sehr modern.

Auch eine Art ancient future faith… 🙂

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„Evangelikal sein“ (4): Gesellschaft und Politik

Abschließend fragen die Verfasser des Manifesto nach dem Platz der Evangelikalen in Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik. Wieder nehmen sie eine doppelte Abgrenzung vor: Glaube darf weder privatisiert noch politisiert werden. Klar erkennbar fällt die Abgrenzung gegenüber dem letztgenannten Abweg, sich einer bestimmten politischen Agenda zu verschreiben, umfangreicher aus.

Evangelicals see it our duty to engage with politics, but our equal duty never to be completely equated with any party, partisan ideology, economic system, or nationality.

Das hat Folgen für das Verhältnis zu Staat: Der Staat soll Religionsfreiheit gewähren und Toleranz fördern, zu der sich auch die Unterzeichner klar und deutlich bekennen: Sie achten andere Standpunkte und akzeptieren den gesellschaftlichen Pluralismus. Den Kulturkampf zwischen den unterschiedlichen Fundamentalismen, die den Staat entweder unter das Diktat der Bibel oder des Atheismus stellen wollen, lehnt das Manifest ab.

Das Dokument endet mit Appellen in alle möglichen Richtungen: an die eigene Bewegung, an die Öffentlichkeit, an andere Christen, andere Religionen u.v.m.

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Was bedeutet „evangelikal sein“? (3. Selbstkritik)

Bislang hat man schon sehr zwischen den theologisch nicht besonders aufregenden Zeilen lesen zu müssen, um zu sehen, worauf die Autoren des Manifesto (darunter Dalles Willard und Miroslav Volf) eigentlich hinaus wollen. Im nächsten Abschnitt lassen sie nun die Katze aus dem Sack, es geht um die Änderung des eigenen Verhaltens – mit erheblichen theologischen Implikationen, um das gleich vorweg zu nehmen:

Es beginnt mit einem kleinen Paukenschlag: Die evangelikale Bewegung muss sich reformieren und erneuern. Sie ist unglaubwürdig geworden:

But if the Evangelical impulse is a radical, reforming, and innovative force, we acknowledge with sorrow a momentous irony today. We who time and again have stood for the renewal of tired forms, for the revival of dead churches, for the warming of cold hearts, for the reformation of corrupt practices and heretical beliefs, and for the reform of gross injustices in society, are ourselves in dire need of reformation and renewal today. Reformers, we ourselves need to be reformed. Protestants, we are the ones against whom protest must be made.

Es folgt eine Aufzählung evangelikaler Untugenden: „Theologische“ Rechtgläubigkeit, der zum Gemeindewachstum aber fast jedes Mittel Recht ist, Verurteilungen und Spaltungen, selbstgerechte Urteile über andere, synkretistische Kompromisse mit Materialismus, Individualismus und Konsumkultur, eine Verengung des Evangeliums durch Vernachlässigung biblischer Themen wie der Schöpfung, Bildungsfeindlichkeit, ein Mangel an Sensibilität gegenüber rassistischer Ausgrenzung und sozialer Kälte.

Der Ruf zur Umkehr wirkt sich auch auf die Einstellung zur Politik aus:

We call for an expansion of our concern beyond single-issue politics, such as abortion and marriage, and a fuller recognition of the comprehensive causes and concerns of the Gospel, and of all the human issues that must be engaged in public life. Although we cannot back away from our biblically rooted commitment to the sanctity of every human life, including those unborn, nor can we deny the holiness of marriage as instituted by God between one man and one woman, we must follow the model of Jesus, the Prince of Peace, engaging the global giants of conflict, racism, corruption, poverty, pandemic diseases, illiteracy, ignorance, and spiritual emptiness, by promoting reconciliation, encouraging ethical servant leadership, assisting the poor, caring for the sick, and educating the next generation.

Nach dem Fundamentalismus wird hier nun auch die Agenda der religiösen Rechten verworfen. Wie die Neupositionierung in der Öffentlichkeit konkret aussehen könnte, das beschreibt dann der dritte Abschnitt.

(Fortsetzung folgt)

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Was bedeutet „evangelikal sein“? (2)

Das Manifest zählt nun „defining features“ auf:

  1. Die Glaubenshaltung der Hingabe ist so wichtig wie die Glaubensinhalte
  2. Glaube drückt sich in Gottesdienst und Handeln genauso aus wie im (theologischen) Bekenntnis
  3. Die evangelikale Bewegung ist nicht auf definierbare Bewegungen begrenzt, sie ist nicht hierarchisch, vielfältig und anpassungsfähig – kulturell wie konfessionell
  4. Weil evangelikales Christsein nicht an eine Kultur gebunden ist, kann es auch nicht kulturell (etwa im Gegensatz von konservativ und progressiv), sondern es muss theologisch definiert werden
  5. Es definiert sich nicht aus der Abgrenzung heraus, sondern von Gottes Ja zu menschlichem Leben mit seinen Hoffnungen (und nur deshalb einem Nein zu allem, was Gottes Ebenbild in Menschen zerstört).
  6. Daher existiert evangelikales Christsein in einem doppelten Gegensatz: Zur Kapitulation des Liberalismus vor modernistischer Wissenschaftsgläubigkeit und der spiegelbildlichen Reaktion des konservativen Fundamentalismus, der seine problematischen, weil militanten Entsprechungen in anderen Religionen und im Atheismus/Säkularismus hat.
  7. Evangelikale sind gleichermaßen der Vergangenheit verbunden und offen für die Zukunft – innovativ, ohne dabei alles Neue automatisch als besser zu betrachten.

So verstanden (das hat mich beim Lesen überrascht) ist der Begriff Evangelikal weiter als „protestantisch“ und das evangelikale Prinzip der selbstkritischen Reflexion und Bereitschaft zu nötigen Veränderungen reicht weiter als es der Begriff „Protestant“ auszudrücken vermag.

Was es bedeutet, das protestantische Prinzip in der heutigen Situation anzuwenden, das wird im folgenden Abschnitt erklärt.

(Fortsetzung folgt)

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Was bedeutet „evangelikal sein“? (1)

Gestern stieß ich auf das Evangelical Manifesto. Es möchte angesichts von Missverständnissen und Verzerrungen helfen bei der Suche nach einer tragfähigen Identität und dabei alte Fehler vermeiden. Ich finde, das ist den Amerikanern gut gelungen. Und weil auch andernorts diskutiert wird, wie der Begriff zu verstehen und zu füllen ist und welche Art von Identifikation er (noch?) bietet, greife ich hier ein paar Punkte heraus, die der Diskussion bei uns (zuletzt u.a. in Der E-Faktor. Evangelikale und die Kirche der Zukunft) vielleicht auch weiter befruchten könnten.

Der Anfang des 20-seitigen Dokuments dient der Position: „Hier stehen wir“. Was an Luther erinnert, soll hier vor allem mit möglichst wenig Negation geschehen, prägend ist, wofür Evangelikale einstehen, und nicht, wogegen sie sind. Und die Anliegen, die Evangelikale positiv ausmachen, werden auch nicht exklusiv verstanden, sondern verbinden Evangelikale und andere christliche Traditionen:

Evangelicals are committed to thinking, acting, and living as Jesus lived and taught, and so to embody this truth and his Good News for the world that we may be recognizably his disciples.

Es folgen dann sieben theologische Bestimmungen, die recht traditionell und ausgesprochen christozentrisch (d.h. für mein Empfinden nicht ebenso explizit trinitarisch) daherkommen: Das Bekenntnis zur Göttlichkeit Christi, zur Versöhnungstat am Kreuz, neuem Leben aus dem Geist Gottes, zur Autorität der Schrift, zu einem ganzheitlichen Verständnis von Nachfolge, zur eschatologischen Hoffnung auf das Kommen Christi und siebtens finden sich die fünf Aufträge aus Rick Warrens Ekklesiologie auf der Liste.

(Fortsetzung folgt)

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Sinnloses Opfer

Ich lese gerade Slavoj Zizek (wo sind eigentlich die Häkchen für das „z“ auf meiner Tastatur versteckt?), der ein paar im besten Sinne provokative Gedanken zum Tod Christi anbietet, die auch an einige Aussagen von David Bentley Hart erinnern:

Genausowenig wie Duchamps Urinoir oder Fahrrad Kunstwerke aufgrund der ihnen innewohnenden Eigenschaften sind, sondern aufgrund ihres Ortes, an dem sie sich befinden, ist Christus aufgrund seiner inhärenten „göttlichen“ Eigenschaften Gott, sondern deswegen, weil er als Mensch Gottes Sohn ist. Aus diesem Grund ist die genuin christliche Haltung gegenüber dem Tod Christi nicht die melancholische Anbindung an seine verlorene Gestalt, sondern grenzenlose Freude: der eigentliche Horizont der heidnischen Weisheit ist die Melancholie, letztlich wird alles zu Staub, man muss also lernen, sich davon zu befreien und seinem Begehren zu entsagen. Wenn es jemals eine nicht melancholische Religion gab, dann ist es das Christentum (…)

Das Opfer Christi ist daher in einem radikalen Sinne sinnlos: kein Tauschakt, sondern eine überflüssige, exzessive, ungerechtfertigte Geste, die Seine Liebe zu uns, zur sündigen Menschheit beweisen soll. Es ist so, wie wenn wir in unserem Alltagsleben jemandem »beweisen« wollen, dass wir ihn/sie wirklich lieben, und dies nur mittels einer überflüssigen Geste der Verausgabung tun können. Christus »zahlt« nicht für unsere Sünden; Paulus hat deutlich gemacht, dass eben diese Logik der Bezahlung, des Tausches, gewissermaßen die Sünde selbst ist und die Wette von Christi Tat darin besteht, zu zeigen, dass diese Kette des Tausches durchbrochen werden kann.

Christus erlöst die Menschheit nicht dadurch, dass er den Preis für unsere Sünden entrichtet, sondern indem er uns zeigt, dass wir aus dem Teufelskreis von Sünde und Vergeltung ausbrechen können. Statt für unsere Sünden zu bezahlen, löscht Christus sie buchstäblich aus und macht sie durch seine Liebe rückwirkend »ungeschehen«.


„Die gnadenlose Liebe“ (Slavoj Zizek)

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