Halbzeit

Vor 18 Monaten habe ich den Dienst an der Auferstehungskirche angetreten. Nun ist mein Arbeitsverhältnis entfristet und die offizielle dienstliche Beurteilung eingetütet. Ein Meilensteinchen also…

Photo by Agê Barros on Unsplash

In diesen 18 Monaten habe ich eine Menge herzlicher und engagierter Menschen kennengelernt: Gemeindeglieder, Mitarbeitende, Kolleg*innen. Das erste Jahr über waren meine Arbeitsbereiche kaum definiert (zu tun gab’s dennoch genug). Zum Herbst habe ich dann quasi intern die Stelle gewechselt, nun steht das Normalprogramm im Vordergrund.

Neben dem, was im kirchlichen Alltag eben auch getan werden muss (Schule, Sitzungen, Organisatorisches), tun sich hier und da kreative Spielräume auf. Die Atmosphäre in der Kirchengemeinde zwischen Dutzendteich und Tiergarten, Clubgelände und Businesstower hat sich verbessert, sagen etliche. Manches Neue ist gewachsen, und das mitzuerleben ist schön. Viele Leute haben dazu beigetragen; ich habe eigentlich nur versucht, möglichst wenig im Weg zu stehen.

Mittlerweile habe ich eine Vorstellung davon, wie diese Gemeinde tickt, was sie braucht und wohin es sie zieht. Die nächste größere Veränderung steht an, wenn mein Kollege im Herbst in Pension geht. Dann wird es darum gehen, den Laden ordentlich zusammenzuhalten. Und wenn dann irgendwann im nächsten Jahr sein(e) Nachfolger*in da ist, sehen wir weiter.

Am vergangenen Sonntag haben wir im Gottesdienst den Propheten Ezechiel gelesen, der (in einer Vision) eine Schriftrolle essen sollte. Dazu haben wir während der Predigt Esspapier verteilt und alle, groß und klein, haben an ihrem Blatt geknabbert, während sie weiter zuhörten. So intensiv hat es im Gottesdienst schon lange nicht mehr geknistert.

Von mir aus darf es feste weiterknistern…

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Jona, der Brexit und die Zukunft in stürmischen Zeiten

Am vergangenen Sonntag habe ich in der Predigtreihe „Heldengeschichten“ über den Propheten Jona gesprochen – vielleicht die größte Witzfigur in der Bibel.

Die Jona-Geschichte ist nicht nur bissig, sondern auch aktuell. Zum Ende dieser Woche kommt ja nun der Brexit – und da gibt es eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Gemütslage heutiger Engländer und des Propheten vor Ninive.

Der bockige Prophet – Predigt vom 26. Januar 2020

Im Spiegel beider Geschichten lässt sich dann auch ein Blick auf uns selbst werfen. Wir Wirtschaftswunderkinder stehen vor der Aufgabe, einen Weg in die Postwachstumsgesellschaft zu finden. Der Seegang wird rauer. Doch auch da hilft die Konfrontation zwischen Gott und Jona weiter.

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Viel Vernunft im Wagen

So ein S-Bahn-Zug bringt die unterschiedlichsten Charaktere zusammen. Oft nur still, aber hin und wieder auch hörbar. Letzte Woche war die abendliche Bahn gut gefüllt. Kurz vor Abfahrt am Hauptbahnhof stieg noch jemand zu und suchte einen Platz. Es gab hier und da noch freie Sitze, allerdings nicht im Bereich für Kinderwägen und Fahrräder. Da standen schon zwei Drahtesel.

Der Mann begann die Mitreisenden zu fragen, ob man die beiden Fahrräder nicht zusammenstellen könnte, um weitere Sitzplätze frei zu bekommen. Als er keine Reaktion bekam, sagte er laut und mit hörbar osteuropäischem Akzent „Scheiß Fahrräder!“. Worauf ein brummiger, korpulenter Franke prompt – noch lauter – mit einem „Scheiß Ausländer!“ antwortete.

Die anwesende Pendler-Community reagierte routiniert mit Deeskalation. Etliche Passagiere boten dem Osteuropäer einen Platz neben sich an und widersprachen damit dem fremdenfeindlichen Polterer. Der Fahrradmuffel allerdings schmollte und blieb lieber stehen. In Erlangen dürfte er dann seinen Klappsitz bekommen haben. Da steigen die meisten Radfahrer nämlich aus. Ich hingegen war froh, dass ich das Rad nicht im vollen Zug dabei, sondern am Bahnhof geparkt hatte. Und ein bisschen stolz, dass neben den zwei Hitzköpfen so viel Vernunft im Wagen war.

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Der Advent ist ein kleiner Pudel

Als ich heute mit Tüten voller Kinderpunsch aus dem Supermarkt kam, saß vor dem Eingang ein kleiner Pudel in einem goldbronzenen Daunenjäckchen und fiepte unablässig vor sich hin. Ich fand den Anblick erst skurril, irgendwie amüsant. Dann schaute ich noch einmal hin. Der Hund wandte seinen sehnsüchtigen Blick nicht von der Tür ab, hinter der sein Frauchen (vermutlich – oder würden auch Männer Hunde so anziehen?) verschwunden war. Und ich war mit einem Mal ziemlich gerührt.

Warten fällt uns schwer. So gespannt zu warten allemal. Wir haben weitgehend aufgehört, im Advent noch zu warten. Er ist, auch im kirchlichen Kontext, längst die Zeit der Vorwegnahme von Weihnachten. Wir singen Weihnachtslieder, wir essen Weihnachtsgebäck, wir öffnen kleine Geschenke aus unseren Adventskalendern, wir hören tausend Vorabversionen der Weihnachtsgeschichte. Wenn Weihnachten dann endlich kommt, ist es nur noch mehr vom Selben. Dieser Advent geht mir, obwohl erst halb vorbei, ziemlich auf den Spekulatius.

Fulbert Steffensky habe ich heute vom „Zwang zur lärmenden Heutigkeit“ sprechen hören, „in der kein Herr des Hauses mehr erwartet wird, der zu Mitternacht zum Gericht oder zur Hochzeit kommen könnte“. Recht hat er.

Vielleicht haben wir uns einfach schon zu viel genommen, um noch so eine tiefe Sehnsucht zu empfinden wie der kleine Pudel. Und geben uns genau deshalb mit viel zu wenig zufrieden. Wir warten, wenn wir Gott richtig verstanden haben, darauf, dass diese Welt eine andere wird. Dieses Warten ist am 24. Dezember noch lange nicht zu Ende.

Und Weihnachten bedeutet dann: Warten lohnt sich. Er kam schon einmal in eine Welt, die nicht (mehr) mit ihm gerechnet hatte.

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Nicht so unerlöst, Kollege!

Neulich hat sich ein Kollege zur Klimakatastrophe geäußert. Die Dramatik ist, wenn man nur einmal die Nachrichten dieser Woche Revue passieren lässt, ja kaum zu überschätzen:

Doch auch und gerade in den Kirchen gibt es Stimmen, die versuchen, jegliche Aufregung darüber zu dämpfen. „Unerlöst“ sei seine Sorge und Niedergeschlagenheit, musste der Kollege sich von einem kirchlichen Medienmenschen anhören.

Ich finde es theologisch wie pastoral unverantwortlich, wie hier oft argumentiert wird. Wenn in der Kirche kein Raum mehr ist, über bestens begründete Ängste und dystopische Zukunftsszenarien zu sprechen, wo denn dann? Wir leben in einer Gesellschaft, in der ein großer Teil des politischen Spektrums – von den C-Parteien über die FDP bis zur AfD – „mehr Angst vor dem Klimaschutz als vor der Klimakatastrophe hat.“ Da wird auf Teufel komm raus verdrängt, verharmlost und beschwichtigt. Und wo das nicht greift, werden die Mahner als hysterische Spinner, selbstgerechte Fanatiker und wirtschaftspolitische Geisterfahrer hingestellt.

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Was da nämlich als „erlöst“ propagiert wird, ist einfach nur die Fortsetzung der Verdrängung mit anderen Mitteln: Religion als Valium fürs Bürgertum. Ist es schlicht Wurstigkeit, oder die Angst vor einer Angst, die sich nicht wegmoderieren lässt? Spricht hier die Aversion der vermeintlich Gemäßigten gegen jede Art von Radikalität? Ist für die noch Platz in einer bürgerlichen Theologie und wohltemperierten Kirchlichkeit, die in der biblischen Apokalyptik und im Alarmismus der Protestbewegungen nur noch Gefahr und Schrecken erkennt?

Theologisch angemessen und pastoral verantwortlich wäre es, sich der Verzweiflung zu stellen und durch sie hindurch zu gehen, statt sie überspringen zu wollen. Wenn Menschen um Verstorbene trauern oder mit einer Depression kämpfen, kann ich ihnen ja auch nicht einfach zurufen, sie sollten doch erlöster aus der Wäsche schauen. Dasselbe Muster finden wir auch in der Tiefenökologie (ich habe hier darüber schon etwas geschrieben): Aktivismus wird nur dann nachhaltig sein können, wenn er dem Leid und der Verzweiflung – der eigenen und der anderer – nicht ausweicht, sondern sie an sich heranlässt.

Es führt also kein direkter Weg von der Verdrängung hin zum inneren Frieden und der Gelassenheit des Glaubens. Es gibt keine Luftbrücke, bei der mich Engel auf Händen tragen würden; bleibt nur der Weg der Konfrontation mit der Realität, vor der wir seit über 40 Jahren kollektiv die Augen verschließen.

Johann Georg Hamann (1730-1788) hat aus eigener Erfahrung heraus gesagt: „Es gibt keine Himmelfahrt der Gotteserkenntnis ohne die Höllen­fahrt der Selbsterkenntnis.“ Glaube an den Gekreuzigten und Auferstandenen bedeutet, mich auf diesen Weg einzulassen und alle anderen Sicherheiten und Gewissheiten aufzugeben.

Und falls es jemand lieber sozialwissenschaftlich-säkular möchte: Altmeister Ulrich Beck schrieb in „Die Metamorphose der Welt“ über einen „emanzipatorischen Katastrophismus„, der den entscheidenden Wandel zum Besseren herbeiführt. Über eine Welt, die erkennbar und nachweislich aus dem Gleichgewicht geraten ist, lässt sich nicht mehr ausgewogen im herkömmlichen Sinn reden. Warum also nicht klagen, trauern, protestieren und provozieren?

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Alltägliches zum Aufhorchen

Manchmal habe ich angesichts der täglichen Nachrichtenlage das Gefühl, es gibt mehr negative Überraschungen als positive; oder dass all das Negative eigentlich auch schon keine Überraschung mehr ist, sondern nur die logische Folge des bisherigen Geschehens.

Doppelt aufhorchen lassen hat mich diese Woche Coldplay. Zum einen, weil die Band bekannt gab, auf ihre nächste Tour zu verzichten und daran zu arbeiten, ihre Auftritte klimaneutral zu organisieren. Die Musiker sind sicher nicht arm, aber sie verzichten eben auch auf beträchtliche Einnahmen.

Respekt!

Zum anderen ist es das neue Album von Chris Martin & Co: Everyday Life. Schöne Musik, eher leise, recht vielfältig im Stil. Nachdenkliche Texte, aber nicht kopflastig. Nach dem ersten Hören habe ich den Eindruck, damit ließen sich gleich mehrere Gottesdienste bestücken.

BrokEn ist ein guter Einstieg:

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Columbas Küste

Kintyre im Westen Schottlands ist eine Ecke, an der die ganz großen Touristenströme vorbei fließen. Um so größer mein Staunen, als ich diesen Sommer entdeckte, dass es dort nicht nur prähistorische Steinkreise zu besichtigen gibt, sondern auch Spuren der frühen iroschottischen Kirchengeschichte.

Mull of Kintyre

Besonders hängen geblieben sind bei der Gelegenheit die Orte, an denen St. Columba (oder Columcille) der Gründer des Klosters von Iona genannt wird. Der südlichste davon liegt unweit des Mull of Kintyre und damit, selbst bei mittelprächtigem Wetter, in Sichtweite der irischen Küste: Keil Caves und St. Columba’s Footprints. Wenn jemand von Ulster aus übersetzt, dann ist das tatsächlich ein geeigneter Ort, um an Land zu gehen.

Ein ganzes Stück weiter nördlich, bei Ellary am Loch Caolisport, liegt St. Columba’s Cave. Auf dem Weg von Tarbert dorthin kommt man in Kilberry vorbei und kann dort ein paar alte Steinkreuze und Grabplatten mit keltischen Ornamenten besichtigen.

Die Spur führt weiter nach Norden, ins Zentrum des Königreichs Dal Riata, auf dem Burgfelsen von Dunadd. Columba stammte aus dem Adelsgeschlecht der Ui Neill, und hier regierten Verwandte. In den Ruinen der Burg findet sich wieder ein Fußabdruck. Man vermutet, dass Könige den Fuß zur Einsetzung in ihr Amt dort hineinstellten. Und von Columba ist bekannt, dass er bei Krönungszeremonien mitwirkte.

Von Dunadd aus sind es nur noch wenige Meilen zu den uralten Steinkreisen im Tal von Kilmichael. Das nahegelegene Museum lockt mit einem Coffeeshop und einer informativen Ausstellung zur wechselhaften Geschichte dieses Landstrichs. Und wenn man sich an der Mündung des malerischen Crinan Canal einschifft, dann ist Iona schon nicht mehr weit mit seiner Abbey (übrigens ab Juni 2020 wieder offen für Gäste) und den Königsgräbern.

Es war für mich ein unerwarteter Pilgerweg. Wer es gern still mag, ist hier gut aufgehoben.

Kilmartin

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Die Frau in der Nische

Manchmal lässt sich ein ganzes Kapitel Kirchengeschichte in einem Symbolbild beschreiben. So erging es mir, als ich kürzlich in der Kathedrale von Lichfield hinter dem Hochaltar stand. Er ist auf beiden Seiten von jeweils sechs Figuren eingerahmt. Wenn ich das richtig gesehen habe, sind das fast alles Männer.

Fast, weil ein Bildhauer (wohl erst im 19. Jahrhundert) die Heilige Perpetua hineingeschmuggelt hat. Sie ist auf meinem Foto ganz rechts zu sehen. Aus dem Kirchenschiff bzw. Chor heraus kann man sie allerdings nicht erkennen, weil sie von einem Pfeiler verdeckt wird – und weil sie dem Betrachter den Rücken zukehrt. Nur von hinten ist sie sichtbar.

Vorne also die Männer, die Frau ganz am Rand, in der Nische. Ein Anblick, der eigentlich alles sagt. Über die Zeit, aus der er stammt, und über ein beschämendes Erbe, das noch nachwirkt.

Und ich denke mir: Luthers berühmtes Diktum aus der Heidelberger Disputation, dass man Gott eigentlich nur von hinten richtig sieht, lässt sich auch auf diesen Hochaltar anwenden. Wer nur von vorn draufschaut, der hat die Kirche (für die die Statuen ja stehen) noch gar nicht richtig erkannt.

Ebenso gilt: Aus der Sicht dieser Frau sieht diese Kirche ganz anders aus als aus der Perspektive der männlichen Kollegen. Der weibliche Blick ist der hinter die Fassaden der Hierarchie. In diesem Fall zumindest, aber das dürfte eben längst nicht der einzige sein.

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Baumtheologie – die Hoffnung ist grün

Was sagt die Bibel eigentlich über Bäume und Wald? Ist das eher so ein germanisches Ding, Gott, Geist und Bäume zusammenzubringen, oder wussten auch die Hebräer dazu schon etwas zu sagen?

Die Frage stellte sich mir im Blick auf den letzten Waldgottesdienst in Zabo. Zugleich ist eine ArboTheologie vielleicht auch ein Baustein für eine christliche Haltung zu all den ökologischen Aufgaben, vor denen unsere Zivilisation steht. Ich versuche mich mal an ein paar Thesen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und umfassende Geltung. Vielleicht wird ja irgendwann eine veritable Feld-Wald-und-Wiesen-Theologie draus. 🙂

Mitgeschöpfe

In der Alten Welt wussten die Menschen noch nicht, dass wir den Sauerstoff in der Luft den Pflanzen verdanken. Aber in Genesis 1,29 sagt der Schöpfer zu den Menschen: „Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.“ In der Idealvorstellung, die dort beschrieben wird, leben Menschen von den Früchten, die auf Feldern und Bäumen wachsen: Getreide, Oliven, Datteln, Granatäpfel, Wein, Hülsenfrüchte und einiges mehr. Fleischkonsum ist da überhaupt nicht vorgesehen.

Insofern könnte man sogar sagen, dass das Verhältnis zu den Tieren (die bekommen alles „Kraut“ als Nahrung, obwohl die Schreiber natürlich wussten, dass ein Löwe kein Gras frisst) weniger wichtig und innig ist. Und prompt spielt ein (freilich ganz besonderer) Baum auch eine wichtige Rolle in der Begegnung mit der Stimme der Versuchung ein paar Kapitel später.

Bäume als Mitgeschöpfe sind dazu aufgerufen, in das Lob Gottes einzustimmen („Jubeln sollen alle Bäume des Waldes“- Ps 96,12). Auch das spricht dafür, dass sie mehr sind als nur ein Rohstoff.

Platzhalter

Der Unterschied zu den Germanen dürfte darin liegen, dass Bäume in der Bibel nie als Chiffre für Gott und das Göttliche dienen. Sie sind fest verwurzelt in der Sphäre des Geschöpflichen.

Immer wieder werden Menschen und menschliche Verhältnisse im Bild von Bäumen beschrieben: Der Gerechte aus Psalm 1 ist ein immergrüner Baum am Wasserlauf, beständig und voller Lebenskraft. Die jungen Männer etwa werden mit aufstrebenden Bäumen verglichen (Sirach 39,13; Psalm 144,12).

Das funktioniert auch im Negativen: In Richter 9 wählen die Bäume einen Herrscher aus ihren Reihen – die Karikatur des Königtums in Israel. Und bei Ezechiel (vgl. Kapitel 31) und Daniel (4,7ff) können Bäume zur Chiffre für Großkönige und ihre Reiche werden, beziehungsweise für deren drohenden Sturz. Dieses Motiv des Gerichts reicht bis in die Passionsgeschichte – da lässt Jesus als Zeichen desselben einen Feigenbaum verdorren.

Leidensgenossen

Menschen und Bäume leiden unter denselben Dingen: Dürre und Hitze, Sturm und Hagel, Krieg und Plünderung. Für letztere sind die Menschen verantwortlich.

Dass den Menschen, wie es in Psalm 8 heißt, „alles zu Füßen gelegt“ ist, bedeutet freilich nicht, dass es mit Füßen getreten werden darf. Das spiegelt sich auch in anderen, für uns freilich befremdlichen, Zusammenhängen wider. Deuteronomium 20,19 legt fest, dass sich Belagerungstruppen nicht am Baumbestand der belagerten Stadt vergreifen dürfen. Gegen Bäume soll kein Krieg geführt werden. Eine Strategie der verbrannten Erde wäre also ein Kriegsverbrechen. Ich denke unwillkürlich an Bolsonaros Plünderungsfeldzug gegen den Regenwald im Amazonasbecken. Seine pentekostalen Anhänger nehmen die Bibel offenbar nur sehr selektiv zur Kenntnis.

Freilich kam es auch damals regelmäßig vor, dass Wälder von Kriegs- oder Bautrupps gerodet wurden. Jesaja 10,34 spielt darauf an: „Und der dichte Wald wird mit dem Eisen umgehauen werden“. Wenn es den Bäumen ans Leder (oder besser: an die Rinde) geht, dann ist das auch für die Menschen bedrohlich.

Hoffnungsverstärker – die pfingstliche Dimension

In den Texten über die Rückkehr aus dem Exil taucht das Motiv der Neuschöpfung immer wieder auf. Und wieder spielen Bäume eine Rolle darin. Wenn die Verbannten zurückkehren, dann jubeln auch Bäume und Wälder:

Jauchzet, ihr Himmel, denn der Herr hat’s getan! Jubelt, ihr Tiefen der Erde! Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darin! Denn der Herr hat Jakob erlöst und ist herrlich in Israel.

Berge und Hügel brechen bei eurem Anblick in Jubel aus, alle Bäume auf dem Feld klatschen Beifall.

Jes 44,23 und 55,12

Ausgesprochen pfingstlichen Charakter hat unter all diesen Aussagen Jesaja 32,15: „Wenn aber der Geist aus der Höhe über uns ausgegossen wird, dann wird die Wüste zum Garten und der Garten wird zu einem Wald.“ Mit anderen Worten: Gottes Geist hebt das Leben insgesamt auf ein neues Niveau: Aus Ödland wird Ackerland und aus Ackerland Wald. Der Wald ist höchste Stufe dieses künftigen „Upgrades“ an Fruchtbarkeit und Reichtum. Ein Reichtum, der allen zugute kommt und nicht, wie im Landgrabbing des Plünderungskapitalismus, nur wenigen Superreichen und deren Günstlingen.

An der Heilung der Welt haben die Bäume auch einen aktiven Anteil. In der großen Tempel-Vision des Ezechiel wachsen entlang des stetig anschwellenden Stromes aus Gottes Tempel Bäume, deren Blätter Heilkraft besitzen:

An beiden Ufern des Flusses wachsen alle Arten von Obstbäumen. Ihr Laub wird nicht welken und sie werden nie ohne Frucht sein. Jeden Monat tragen sie frische Früchte; denn das Wasser des Flusses kommt aus dem Heiligtum. Die Früchte werden als Speise und die Blätter als Heilmittel dienen. 

Ezechiel 47,12

Ein Fazit

Das theologische Waldbaden ergibt also:

  1. In der Bibel gibt es so etwas wie eine Solidarität der Geschöpfe. Und darin eine Verbundenheit zwischen Bäumen und Menschen, in denen die einen auf die anderen angewiesen sind: Die Menschen auf Bäume als Nahrungsquelle (und Holz als Werkstoff); die Bäume auf Menschen, die maßvoll und nachhaltig wirtschaften. Bäume sind ein Zeichen der Fürsorge des Schöpfers – man könnte womöglich von „Realsysmbolen“ sprechen, denn Gottes Fürsorge vermittelt sich durch die Atemluft und Nahrung, die sie spenden.
  2. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, leiden die Wälder ganz ähnlich wie die Menschen. An ihrem Zustand lässt sich also etwas ablesen über den Zustand der Welt ingesamt. Damit sind sie – als seufzende Kreatur, wie Paulus in Römer 8,22 sagt – ein Spiegel unserer Verhältnisse: Von Mensch und in Mitleidenschaft gezogener Natur und des sozialen Gleichgewichts unter den Menschen.
  3. Bäume sind einbezogen in die Erlösung der Welt. Wir teilen mit ihnen auch Gottes Zukunft. In ihnen schlummert ein Potenzial, das noch nicht geweckt wurde. So wie in uns und der übrigen Schöpfung. Wenn Gott die Welt heilt, werden viele Bäume sprießen.

Insofern ist jeder Baum auch eine lebende Verheißung. Die Farbe der Hoffnung ist grün.

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Good News

Zum Motto des Sommerfestes in Zabo habe ich einen kleinen Text geschrieben – als Antwort auf die Frage „Ist da jemand“ von Adel Tawil und auf die Frage, was denn die gute Nachricht ist, von der unter Christen immer die Rede ist. Bisschen zu lang, um es noch unter „elevator pitchlaufen zu lassen. Aber das war auch nicht die Vorgabe für den Festgottesdienst. Andere sagen das garantiert anders, aber das Ziel ist ja eher, es auf möglichst viele unterschiedliche Weisen zu sagen.

Photo by Jon Tyson on Unsplash

Da ist jemand, der uns und unsere Welt mit ihrer Schönheit und ihrem Wahnsinn liebevoll anschaut. Mitfiebert, ob wir im Leben klarkommen, sich manchmal eher unmerklich einmischt und manchmal merklich zurückhält. Jemand, der sich bei allem, was wir so treiben, mitfreut und mittrauert. Jemand, dessen Wesen es ist und schon immer war, Anteil zu nehmen.

Da ist jemand, dessen Energie und Einfühlungsvermögen unerschöpflich ist, der sich nicht müde, gelangweilt oder wütend zurückzieht. Jemand, der immer wieder neue Versuche unternimmt, auf uns Erdlinge zuzugehen, die guten Kräfte zu stärken und die Zerstörung zu begrenzen.

Da ist jemand, der in seiner Liebe – wie alle Liebenden – immer schon wehrlos und verletzlich war. Und der sich schließlich als verletzlicher, wehrloser, einfacher Mensch ohne Bodyguards unter die Leute mischt und alles abkriegt: Freundschaft und Verrat, Beifall und Spott, die Liebe der Kinder und die Brutalität eines Regimes, das Menschen kreuzigt. Seine Anteilnahme kennt keine Grenzen, nicht die zwischen Freund und Feind, auch nicht den Tod.

Da ist jemand, der Hoffnung verbreitet und Menschen die Augen öffnen für eine bessere, gerechtere, gewaltfreie und menschenfreundliche Welt. Er überwindet den Tod und zeigt, dass die Liebe – seine Liebe – größer und mächtiger ist als alles Dunkle und Böse. Diese ebenso hartnäckige wie zärtliche Anteilnahme hat die Kraft, Menschen und Verhältnisse zu verändern.

Da ist jemand, dessen unerschöpfliche göttliche Energie Menschen dazu bringt, über sich hinauszuwachsen: Not zu lindern, Versöhnung zu wagen und Frieden zu stiften. Kein Ort der Welt ist vor ihm sicher, keine Schuld zu groß, keine Verzweiflung zu tief, keine Resignation zu endgültig. Er startet eine Bewegung, die auch nach 2.000 Jahren nicht gestoppt ist. Jede*r kann dabei sein: Plätze sind frei, Türen stehen offen, alle Begabungen sind gefragt.

Und weil Gott noch nicht fertig ist mit uns und der Welt, sind das immer noch Neuigkeiten.

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„Geh aus, mein Herz“ – aber überleg‘ dir, wohin…

Immer schon hat es mich in den Wald gezogen. Grünkraft habe ich gespürt noch lange, bevor ich den Begriff der Hildegard von Bingen kannte. Wenn die Geräusche der Stadt und der Straßen in die Ferne rücken, nur noch die Vögel singen und der Wind rauscht, kommen mir die besten Gedanken. Und manchmal lehne ich mich ganz still an eine der großen Eichen oder Buchen und schließe die Augen. Ich gehe betrübt hinein und komme getröstet heraus. Oder besser: ich ging.

Dieses Jahr funktioniert das nicht mehr so richtig. Ich komme meist mit schwerem Herzen aus dem Wald zurück.

Im Herbst konnte man schon sehen, dass die Dürre ihren Tribut gefordert hat. Im Winter warfen ein paar Tage stürmisches Wetter hundert Jahre alte Fichten einfach um. Die Wurzeln konnten sie nicht mehr im Boden halten. Ein paar hundert Meter von unserem Haus klafft seither ein Loch im Wald, das größer ist als ein Fußballplatz. Als nach dem Winter wieder alles Grün wurde, war das auch längst nicht mehr alles. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben so viele kranke und tote Bäume gesehen zu haben. Überall in der Region: Die Erlanger ereiferten sich im Frühjahr über die kranken Bäume an den Kellern. Und ganz Zabo redete sich die Köpfe heiß über den mächtig ramponierten Siedlerwald.

Der Wald stirbt.

Im Buckenhofer Forst

Und schon wieder ist es heiß und trocken. Die Grundwasserstände sind wieder so niedrig wie vor einem Jahr. In der Zeit lese ich, dass die Förster in Thüringen von einer „schleichenden Katastrophe“ sprechen. Dem Befall durch Borkenkäfer kann man noch etwas Positives abgewinnen. Aber nur noch eine von 20 Eichen ist noch gesund.

Der Waldzustandsbericht sollte doch besser wieder in „Waldschadensbericht“ umbenannt werden. In der aktuellsten Fassung sind die Schäden der letzten Monate noch gar nicht verzeichnet. Aber schon im vergangenen Jahr waren nur 28% der Waldbäume frei von sichtbaren Schäden, im Zeit-Bericht aus Thüringen lese ich von aktuell 19%. Buchen und Eschen sterben von den vertrockneten Wurzeln her.

Die Fieberkurve auf der Website von Robin Wood wird weiter ansteigen. Die Folgen liegen auf der Hand: „Je labiler die Wälder werden, desto geringer ist auch ihr Beitrag, die Klimaerwärmung zu begrenzen.“ Es geht ja nicht um ein bisschen grüne Kulisse zum Relaxen.

Geh aus mein Herz und suche Freud – das fällt schwer im Sommer 2019. Die reine Freude ist es nur noch sehr punktuell.

Ich gehe trotzdem in den Wald und denke an Joana Macys Active Hope. Dort spricht sie davon, dass auch der Schmerz über die Zerstörung einen Raum bekommen muss (Martin Horstmann hat das hier zusammengefasst). Es gibt die Verbindung zu unseren Mitgeschöpfen nicht nur über Empfindungen wie Schönheit, Freude und Dankbarkeit, sondern auch darüber, dem Schaden ins Auge zu sehen und den Kummer mitfühlend auszuhalten. Ohne dieses Aushalten gibt es keine rechte Transformation.

Und dann gehen mir biblische Aussagen über Bäume durch den Kopf: Die stolzen Zedern des Libanon, die „Bäume der Gerechtigkeit“. Wenn Gott seinen Geist ausgießt, sagt Jesaja, dann wird Wüste zu Ackerland und Ackerland zum Wald. Was für ein Upgrade der Botanik: Ein Wald, der jubelt und Bäume auf dem Feld, die in die Hände klatschen.

Aber das liegt in der Zukunft. Stoff für einen neuen Blogeintrag vielleicht. Und für Hoffnungsbilder, die ich dem neuen Waldsterben entgegenhalte, um die schmerzliche Gegenwart aushalten zu können.

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Der Staub an den Füßen

Es gibt theologische (und andere) Debatten, bei denen man sich verkämpfen kann. Ob es der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt ist oder der (öffentlich sanfter formulierter, hinter verschlossenen Türen häufig unverblümte) Ausschluss gleichgeschlechtlich Liebender, es haben sich vielfach Fronten gebildet, die einen hohen Grad von Verhärtung aufweisen. Dass die theologische Auseinandersetzung dann zuweilen auch noch über Facebook und Twitter stattfindet, macht es nicht einfacher. Man beißt auf Granit. Wie Flüchtlingshelfer oder Fahrradfahrer in der CSU.

Hier und da sind Menschen, die ich kenne und schätze, in solche Konflikte verstrickt. Sie möchten ihre kirchliche Heimat nicht verlieren, aber sie finden kein Gehör, erst recht keine Zustimmung, bei den Entscheidungsträgern. In der „Eule“ hat Thomas Wystrach kürzlich die Spannung aufgegriffen, in der sich die Bewegung Maria 2.0 befindet. Er zitiert darin einen Satz, der sich mit meinen Empfindungen deckt:

Warum bist du noch dabei, werde ich immer häufiger gefragt. Ich stammle dann etwas von Nostalgie und Biografie. Aber eigentlich denke ich ganz böse: Wir Geduldigen sind Komplizen. 

aus einem Blogpost von Christiane Florin

Taktische Selbstkritik

Ich bin kein katholischer Insider und ich möchte auch kein Zyniker sein. Aber die Aussichten, innerhalb dieser und/oder der nächsten Generation die Dominanz der Männer in den Ämtern der Weltkirche aufzubrechen, erscheinen mir herzlich gering. Immer wieder mal wird sich ein anderes Mitglied der deutschen Bischofskonferenz vor ein Mikrofon stellen und sagen, dass er Priesterinnen nicht für unvorstellbar hält, während seine Kollegen in Rom oder Regensburg business as usual machen. Etwa, indem sie im nächsten Atemzug gemeinsam alte Karikaturen und Vorurteile über Genderforschung verbreiten.

Oder jemand aus dem Hauptvorstand der Evangelischen Allianz (ähnlich wie die Bischofskonferenz ein Gremium, das nicht durch Wahlen von der Basis, sondern Berufung von oben bzw. von innen heraus konstituiert wird) sagt etwas Nachdenklich-Selbstkritisches über Homophobie. Laut genug, um den loyalen Dissident*innen einen Funken Hoffnung zu geben, leise genug, um das System nicht in Aufruhr zu versetzen. Das Beschwichtigungsritual ist erprobt und bewährt.

Was könnte man mit der Energie, die da seit vielen Jahren schon verloren geht, nicht alles positiv bewegen? Gerade wenn man Kirche von ihrer Sendung her denkt, kann man sich mit diesen Selbstblockaden schwerlich abfinden. Jesus weist seine Jünger an, den Staub von den Füßen zu schütteln, wenn sie mit ihrer Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft in der Dorfgemeinschaft auf taube Ohren stoßen. Eine radikale, schroffe Geste.

unsplash-logoBen White

Wenn Weitergehen nicht reicht

Aber sie deutet etwas Wichtiges an. Weitergehen alleine reicht nämlich nicht, wenn ich dabei die alten Frontstellungen verinnerliche und mitnehme. Auch nicht in der treuen oder reflexhaften Negation – wie Jan Fleischhauers Abschiedsworte auf Spiegel Online diese Woche schön zeigen:

Mir bleibt einstweilen nur, mich bei meinen Lesern zu bedanken: bei denen, die mich geschätzt haben, und bei denen, die mich hassten. Sie haben mir über all die Jahre die Treue gehalten.

Jan Fleischhauer

Der „Shitstorm“ gehört bei ihm ja zum Geschäftsmodell. Er dient als Beweis der Ignoranz und Intoleranz seiner Kritiker. Daher zählt Fleischhauer auch genüsslich die Millionen Klicks auf, die seine Beiträge erzielten. Man kann ihn lesen und sich verstanden fühlen oder sich ärgern. Brücken der Verständigung, Bewegung im Diskurs entstehen dabei allerdings kaum. Es geht nicht genug weiter. Die Blockade bleibt – im Kopf.

Gesucht: fruchtbare statt furchtbare Debatten

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade „Digital Minimalism“ von Cal Newport lese: Solche Debatten mit hohem Erregungsgrad haben ein gewisses Suchtpotenzial. Man kann auch als Repräsentant der Minderheitenmeinung eine Menge Aufmerksamkeit und Zuspruch bekommen. Fleischhauer zeigte das bisher als Konservativer im Spiegel-Milieu, andere eben vor dem Hintergrund des römischen Klerikalismus oder im Lager der „Evangelikaner“ (um mal eine ausgesprochen passende Wortschöpfung des ZDF zu verwenden).

Vor einiger Zeit rief mich ein Redakteur eines stramm konservativ christlichen Blattes an und schlug mir vor, meine Position zu einer damals gerade aktuellen Kontroverse dort darzulegen. Ich entschied mich dagegen. Weder wollte ich als liberales Feigenblatt fungieren, noch anderen einen Anlass geben, ihre ewig gleichen Gegenpositionen erneut breitzutreten. Ich war an einen Punkt gekommen, wo ich meine Energie und Lebenszeit nicht mehr in solche Debatten mit hoher Aussicht auf Erregung, aber geringer Aussicht auf Ertrag investieren wollte. Es war eine gute Entscheidung. Als ich vor ein paar Wochen Frank Rieger auf der re;publica über Fragen von Desinformation und Cyberwar zuhörte, blieb mir diese Schlussfolgerung im Gedächtnis: „Vielleicht liegt die Zukunft in (halb)geschlossenen Benutzergruppen mit freundlichen, vertrauenswürdigen Menschen“. Andere Baustelle, ähnliche Strategie.

Weniger Erregung und Kontroverse bedeutet auch erst einmal weniger Aufmerksamkeit und Dringlichkeit. Auch das kann ein Grund sein, mich aus solchen Debatten nicht zu verabschieden und wenn schon nicht Menschen, dann doch Prämissen und Positionen die Treue zu halten, die ich ablehne.

Noch eine Analogie: In der hitzigen Phase der Flüchtlingsdebatte habe ich einige CSU-Mitglieder erlebt, die unter großen inneren Schmerzen aus ihrer Partei ausgetreten sind, weil ihnen ihre christliche Überzeugung wichtiger war. Auch sie haben ein Stück Heimat aufgegeben. Dabei hätte das Konzept „Bleiben und Verändern“ in einer demokratisch strukturierten Partei ja noch eher Aussicht auf Erfolg als in jenen kirchlichen Institutionen, die von weitgehend geschlossenen Zirkeln geführt werden. Ich fand es trotzdem richtig und konsequent. Und wenn Markus Söder momentan spürbar milder daherkommt als noch vor Monaten, dann liegt das auch am Mut dieser Ehemaligen.

Hier kommt die Frage:

Ist am Ende nicht das Bleiben, sondern das Verlassen der Schritt, der nicht nur den eigenen Seelenfrieden rettet, sondern auch den entscheidenden Impuls zum Wandel der Institution setzt? Also nicht nur ein Akt der Selbstfürsorge, sondern auch der Nächstenliebe? Wir kommen ja alle aus einer spirituellen Tradition, die mit dem Ruf beginnt, die Heimat zu verlassen und dem unsichtbaren Gott zu folgen. Die Frage sollte, biblisch gesprochen nicht sein, mit wem ich die Vergangenheit geteilt habe. Sondern mit wem ich die Zukunft teilen will.

Wann dieser Punkt erreicht ist, das kann nur jede(r) selbst entscheiden. Thomas Wystrach gehört seit 2009 der altkatholischen Kirche an. Er beschreibt das Dilemma derer, die in der katholischen Kirche etwas verändern wollen, mehr als er es kommentiert.

Ich habe hier vor vier Jahren einen Abschiedsgruß an die evangelikale Bewegung geschrieben, in der ich eine Weile zu Gast war. Freundliche Kontakte gibt es nach wie vor, aber im Moment kann ich mir eine Mitarbeit in der Evangelischen Allianz nicht vorstellen. Und am postevangelikalen Gespräch habe ich auch nicht mehr groß teilgenommen. Das hat Disziplin gekostet. Aber wenn man sich auf Fragestellungen wie „Erlaubt die Bibel homosexuelle Beziehungen?“ einlässt, hat man schon verloren. Die Frage ist nicht, was die Bibel „erlaubt“, sondern wie wir heute mit der geschlechtlichen Vielfalt unter uns umgehen und wer dabei über wen bestimmen darf. Dazu würde ich dann auch gern wieder die Bibel ins Spiel bringen.

Die Kirche, in der ich arbeite, hat ihre Schwächen und Fehler. Außer dem faktisch sakrosankten Kirchsteuer- und Beamtenwesen (schade, aber verschmerzbar) gibt es freilich kaum Tabus. Dafür einen halbwegs anständigen Binnenpluralismus. Sie hat eine synodale, demokratisch legitimierte Struktur. Und sie hat sich mit einer recht unabhängigen wissenschaftlichen Theologie genug Läuse in den Pelz gesetzt, um nicht intellektuell träge und selbstzufrieden zu werden. Das sind für mich ausreichende Voraussetzungen für eine Beheimatung.

Keine Zeit mehr zu verschenken

Wir stehen gerade vor gewaltigen Aufgaben. Wenige Jahre bleiben uns noch, unsere Gesellschaften so umzubauen, um der ganz großen Klimakatastrophe zu entgehen. Die Welt gerät an so vielen Stellen aus den Fugen – politisch, sozial, religiös. Was tragen wir Christen zur Lösung dieser Fragen bei? Möchte ich da meine Zeit mit Leuten verplempern, die immer noch meinen, das Höllenfeuer sei schlimmer? Oder die auf dem Islam herumhacken? Die das Patriarchat als Gottes unumstößlichen Schöpferwillen ausgeben? Mit denen werde ich hin und wieder reden, aber nicht auf ihrem Turf und nicht zu ihren Prämissen.

Diesen Staub kann ich an meinen Füßen gerade nicht brauchen.

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Die Sieben-Tage-Schöpfung

Dass die erste biblische Schöpfungserzählung die Erschaffung der Welt in sieben Tagen beschreibt, ist immer wieder belächelt worden. Besonders seit es Naturwissenschaften gibt. Oft genug schwingt dabei das Überlegenheitsgefühl der Modernen gegenüber vermeintlich „primitiven“ Weltbildern und Vorstellungen mit. Hin und wieder auch das des Säkularen gegenüber jeglichem Aberglauben.

Und doch kommen wir heute auch in den Wissenschaften nicht ohne solche erzählerischen Kniffe zur Veranschaulichung aus: 13,7 Milliarden (Universum) oder 4,7 Milliarden Jahre (Erde) sind einfach eine zu gewaltige Zahl. Die meisten Menschen können sich das nicht vorstellen. Also rechnen wir es aus pädagogischen Gründen herunter: Auf ein Jahr, einen Tag oder auch nur 12 Stunden. Je nach gewählter Vergleichsgröße erscheinen wir Menschen in den letzten paar Minuten oder Sekunden(bruchteilen).

unsplash-logoBenjamin Voros

Übrigens reden auch wir erst seit 150 Jahren von „Milliarden“. Diese Zahlenangabe verbreitete sich im Deutschen erst 1870/71 im Kontext von Kriegsentschädigungen. Sollte man vor den jüdischen Priestern also nicht den Hut ziehen für diese didaktische Leistung? Bei allem, was wir an Komplexität und Detailwissen inzwischen dazugewonnen haben, kommen wir ohne solche Übertragungen in überschaubare, vorstellbare Zeiträume noch immer nicht aus.

Sich dafür zu entschuldigen wäre fast genauso daneben, wie darauf zu beharren, es seien buchstäblich sieben 24-Stunden-Tage gewesen (was auch immer der Begriff „Tag“ meint, wenn es noch keine Himmelskörper gibt).

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Mit der Erde im Bunde: Frauen und die solidarische Lebensweise

Mitten in der Offenbarung des Johannes erscheint eine namenlose Frauengestalt, die unter Gefahren ein Kind zu Welt bringt und schließlich vor dem Drachen fliehen muss, der dort wütet. Es ist eine surreale Szene. Der Drache speit ihr einen Wasserschwall hinterher, aber dann schluckt die Erde das Wasser einfach weg und rettet so die Frau.

Mich hat dieses krasse Bild jüngst ganz unmittelbar angesprochen. Erstens, weil sich eine Mutter um das Überleben ihres Kindes in einer aus den Fugen geratenen Welt sorgt. Diese Fürsorge für kommende Generationen (und für alles Schwache und Schutzbedürftige) hat ja auch bei uns ein überwiegend weibliches Gesicht. Nicht nur das von Klima-Aktivistinnen, sondern auch in den meisten, wenn nicht allen sozialen Berufen. Und ehrenamtlichen Funktionen, auch und gerade in den Kirchen.

Der Fotograf Adrien Taylor schreibt: „I was blown away by the beauty of the Bangladeshi people — both in their character and appearance. Bangladesh faces losing 18% of its land, displacing thirty million people, with one metre sea-level rise.“
unsplash-logoAdrien Taylor

Dagegen steht der Drache für alles, was aktuell unter „toxischer Männlichkeit“ thematisiert wird: Aggression, Ausbeutung, Dominanz, Dogmatismus, Unterwerfung. Der Drache erbricht eine Flut von Hass gegen die Frau. Ich finde, es trifft die Situation hier und heute wirklich gut, wenn man betrachtet, wie junge Frauen wie Greta Thunberg von den Alpha-Fachmännern entweder mundtot gemacht oder gleich mit Vernichtung bedroht werden. Auf der re;publica wurde letzte Woche in vielen Foren diskutiert, wie diese Flut zu stoppen wäre.

Es sind sicher nicht ausschließlich Männer, die das betreiben, aber eben vorwiegend. Und die Wurzeln der Klimakatastrophe liegen in einer typisch „männlichen“ Lebensweise, die Fleischverzehr und Verbrennungsmotoren für identitätsstiftend hält. Das haben ja auch Ulrich Brand und Markus Wissen in „Imperiale Lebensweise“ deutlich gemacht. Diese Lebenseinstellung hinterlässt überall verbrannte Erde. Und Eltern, die mit ihren Kindern vor steigendem Meeresspiegel und sich stetig verschärfenden Naturkatastrophen fliehen müssen.

Und nun ist es ausgerechnet die Erde, die der Frau zu Hilfe kommt. „Weibliche“ Kooperation neutralisiert „männliche“ Konkurrenz und Aggression. Eine Partnerschaft zwischen der Erde und der verwundbaren Mutter tut sich auf. Das hat mich an Joana Macys Betonung von Dankbarkeit und Verbundenheit mit der Schöpfung erinnert. Und an Bruno Latours These, dass „das Terrestrische“ inzwischen als eigenständiger Akteur in der globalen Politik auftritt (N.B.: Das Kapital tut das schon längst, einige sprechen daher auch vom „Kapitalozän“).

Die Allianz zwischen der Frau und der Erde ist ein schönes Bild für eine solidarische Lebenweise – das Gegenstück zum imperialen Modus der Existenz.

Wenn wir also heute als Christ*innen und Kirchen fragen, wo unser Platz in diesen Auseinandersetzungen ist, dann legt uns diese Vision nahe, ihn an der Seite all der Frauen (und Kinder) zu finden, die den Großteil der Kosten für die imperiale Lebensweise tragen. Und an der Seite der Erde, die sich gegen den patriarchalen Kapitalismus aufbäumt.

Solche Bündnisse gilt es zu schmieden und zu stärken, zum Beispiel beim Earth Day, der 2020 zum 50. Mal stattfindet. Überall, wo Männerbünde in Politik, Wirtschaft und Kirche dominieren, ist – um Himmels willen – Wachsamkeit und Widerstand angesagt.

Nur dann wird es uns allen besser gehen.

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Gute Hirten und falsche Opfer

Am vergangenen Sonntag habe ich mir (wie viele andere auch) Gedanken über Jesus als guten Hirten gemacht – und was das für den Umgang mit Macht und Verantwortung in den Kirchen und Gemeinden heute bedeutet.

Am Ende habe ich alle meine Vorüberlegungen von letzter Woche in den Wind geschlagen und einen ganz anderen Weg der Auslegung gewählt.

Wer sich fragt, ob es gelungen ist, oder einfach Lust hat, es sich in Ruhe anzuhören, kann hier klicken und sich seinen Reim drauf machen:

unsplash-logoPawan Sharma
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