Ich habe die letzten paar Jahre hier deutlich weniger geschrieben als vorher. Das hatte auch damit zu tun, dass ich an der Frage dran war, wie eine theologische und sprituelle Antwort auf die Klimakatastrophe und das Anthropozän aussehen könnte: Eine Theologie der Ermächtigung und eine Spiritualität des Engagements.
Ich habe dafür unter dem Motto „Wild und unaufhaltsam. Mutig leben auf einem erschöpften Planeten“ eine neue Website gebastelt, auf der die Texte dann sukzessive und aufeinander aufbauend erscheinen. Wenn Ihr einsteigen mögt: Hier sind die ersten paar Kapitel, es werden noch einige:
Ich war diese Woche bei einer Gesprächsrunde über Naturspiritualität. Viele motivierte Menschen, tolle Ideen und interessante Konzepte. Viel positive Energie schwappte hin und her durch den Raum.
Wenn man in dem Bereich unterwegs ist, muss man sich oft rechtfertigen. Oder besser: Hat man es mit vielen kritischen Anfragen zu tun. Eine davon ist, ob die Natur nicht naiv verklärt wird, wenn wir sie als Weg zu Gott oder „Spiegel der Seele“ betrachten. Ob wir sie, anders gesagt, also nicht einfach nur so sehen, wie wir sie gerne hätten.
Gestern begegnete mir das – die Abwehr dieses vermuteten Einwands – anhand zweier Beispiele: Dass es jetzt gerade so viele Nacktschnecken gibt und dass es Viren und Pandemien gibt – das ist zum Beispiel nicht gut.
Das hat mich auf dem Heimweg noch länger beschäftigt, weil beide Beispiele das meines Erachtens nicht hergeben. Die Nacktschnecken sind erstens hauptsächlich ein Problem für unsere Gärten und Parks, also die domestizierte Natur (auch unsere Wälder sind überwiegend Nutzwälder, also Holzplantagen. Nur etwa ein Drittel gelten noch als naturnah, echte Naturwälder machen weniger als 5% aus!).
Sie sind zweitens eine Klimafolge, weil die wärmere Atmosphäre zu ergiebigeren (und in diesem Sommer auch viel häufigeren) Niederschlägen führt.
In beiden Fällen bekommen wir also eine verwundete, beschädigte Natur zu spüren, die Folgen unserer Verwüstung. Vorletztes Jahr kam ich von einer Wild Church mit einer dicken Auwaldzecke zurück. Eine Borreliose musste anschließend mit Antibiotika niedergeknüppelt werden. Wäre das vielleicht ein besseres Beispiel? Nur bedingt, denn die Verbreitung von Zecken hat eben auch damit zu tun, dass das Rotwild in unseren Wäldern bei weitem nicht ausreichend bejagt wird. Auch da ist das Gleichgewicht längst gestört.
Die Aussage „in der Natur ist auch nicht alles gut“ ist oft eben nur Ausdruck unseres verqueren Blicks auf die Natur, in dem sich immer noch alles um unsere Bedürfnisse und unser Wohlbefinden dreht und alles übrige Leben daran bemessen wird.
Eine Lektion in der Begegnung mit der Natur könnte sein, dass wir aufhören, alles auf unmittelbare Nützlichkeit hin zu bewerten und in ein Gut/Schlecht-Schema einzuordnen. Sie hat nicht erst dann ihren Wert, wenn sie erkennbar „zu etwas gut“ ist. Das wäre ja auch eine wichtige spirituelle Grundhaltung, das Urteil auszusetzen, um einen klareren Blick auf die Dinge und uns selbst zu bekommen. Sehen, was da ist.
Auf diesem Weg gibt es noch eine Menge zu entdecken. Je weniger blinde Flecken im Spiel sind, desto interessanter könnte es werden.
An einem nieseligen Sonntagnachmittag warte ich vor der Nürnberger Lorenzkirche. Da höre ich, wie sich knapp hinter mir ein Schwall Wasser geräuschvoll auf das Pflaster ergießt. Ich springe zur Seite und blicke nach oben. Hoch über mir reißt ein grimmig dreinblickendes Wesen aus Stein sein Maul auf: Ein Wasserspeier, wie er an vielen mittelalterlichen Kirchen zu finden ist.
Die Steinmetze hatten ganz offensichtlich ihren Spaß an den finsteren Gestalten. Drinnen in der Kirche, auf den Altären und in den Fenstern, sind Heilige und Szenen aus der Bibel abgebildet. Für böse Geister gilt also: „Wir müssen draußen bleiben.“ Da aber haben sie ihren Platz: Als Erinnerung daran, dass in dieser Welt nicht nur gute Kräfte am Werk sind. Und vielleicht auch daran, dass wir nicht immer alles verstehen und einordnen können, was um uns herum passiert.
Auf der Leinwand und zwischen den Buchseiten haben Geister und Dämonen an den Rändern unseres aufgeklärten Denkens überlebt. Draußen statt drinnen, ordentlich aufgeräumt, dürfen sie sie ihr Maul aufreißen wie die Wasserspeier an alten Kirchen. Ein bisschen Gruseln ist ganz nett.
Da kann man nichts machen…?
Ganz so aufgeräumt ist die Welt freilich nicht. Denn die konkrete Erfahrung, dass es zerstörerische Kräfte gibt, oder Orte mit einer bedrückenden Atmosphäre, das kenne ich ja auch. Momente, in denen ich mich ganz bewusst dagegen stemmen muss, um nicht von Angst und Hoffnungslosigkeit überwältigt zu werden. Und ich höre, wie andere vom „Ungeist“ des erstarkenden Rechtsextremismus reden. Oder von den „Dämonen der Vergangenheit“, wenn Rassisten aufmarschieren und Nazi-Parolen auf Partys gegrölt werden. Dämonen, das ist und bleibt ein schillernder Begriff. Offenbar aber einer, auf den wir nicht ganz verzichten können, wenn wir darüber reden wollen, wie es uns hin und wieder ergeht.
Wenn die Bibel von Dämonen erzählt, dann handeln diese Geschichten immer von Menschen, die sich als hilflos und ohnmächtig erleben und von etwas scheinbar Übermächtigem bedroht werden. So wie in dieser Episode aus dem Markusevangelium, in der Jesus mit seinen Jüngern den See Genezareth überquert und im Gebiet der „Zehn Städte“ landet. Die Leute dort sind keine Juden. Sie sprechen Griechisch und verehren die Götter der Griechen. Aber manche Probleme gleichen sich hüben wie drüben.
Und sie kamen ans andre Ufer des Sees in die Gegend der Gerasener. Und als Jesus aus dem Boot trat, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist, der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen.
Als er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder und schrie laut: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht!
Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen!
Jesus begegnet einem Menschen, der außer Rand und Band ist. Er lebt abseits der Stadt, vor allem aber gefährdet und verletzt er sich ständig selbst. Die Leute haben vor ihm Angst und wissen sich nicht anders zu helfen, als ihn zu fesseln. Sie bekommen ihn allerdings nicht so recht in den Griff. Vielleicht haben sie auch ein schlechtes Gewissen; jedenfalls sind die Stricke und Fesseln locker genug, dass er sich immer wieder befreien kann. Resignation macht sich breit: Wir haben alles versucht, nichts hat geholfen.
„Besessenheit“ und Besatzung
Der Mann bei den Grabhöhlen scheint nicht zu wollen, dass andere ihm nahekommen. Aber Jesus tut genau das: Kaum setzt er – vom jüdischen Ufer des Sees kommend – seinen Fuß auf heidnischen Boden, kommt Bewegung in die festgefahrene Situation. Unwiderstehlich zieht es den Mann zu Jesus hin. Oder wird er von dem bösen Geist getrieben? Es klingt fast so! Und Jesus? Der wirkt kein bisschen überrascht. Er scheint gespürt zu haben, dass da unheilvolle Kräfte wirken, die er mit seiner Ankunft aufscheucht. Jesus fragt seelenruhig:
Wie heißt du? Und er sprach: Legion heiße ich; denn wir sind viele. Und er bat Jesus sehr, dass er sie nicht aus der Gegend vertreibe.
Der kurze Wortwechsel ist aufschlussreich:
Die Dämonen geben sich als „Legion“ zu erkennen. Also die militärische Formation, mit der das römische Imperium seine knallharte Besatzungspolitik durchsetzt in dieser unruhigen Region. Gerasa war ursprünglich eine Ansiedlung mazedonischer Kriegsveteranen durch Alexander den Großen und seine Nachfolger. Und tatsächlich ist auch zu der Zeit, als Markus sein Evangelium niederschrieb, ganz in der Nähe eine Legion stationiert. Wirtschaftlich und psychisch ist das eine riesige Belastung für die einfachen Leute. Liebend gern hätten sie die Soldaten aus der Gegend vertrieben. Zwischen „Besessenheit“ und „Besatzung“ besteht offenbar ein Zusammenhang.
Und der Mann, aus dem die Geisterarmee gerade zu sprechen scheint, ist keineswegs der einzige Betroffene. In seiner Person verdichten sich sämtliche Ohnmachtsgefühle der ganzen Umgebung, von allen, die hier leben. Manchmal kann halt nur einer, der sich wie ein Verrückter benimmt, ungestraft den Wahnsinn aussprechen, den alle tagein, tagaus erleben.
Im Neuen Testament ist viel häufiger von Dämonen die Rede als im Ersten Testament, der hebräischen Bibel. Die stammt überwiegend aus der Zeit, in der Israel nicht besetzt war, sondern eigenständig. Es war für mich ein echtes Aha-Erlebnis, als ich auf Berichte aus der Kolonialzeit in Afrika aufmerksam wurde. Dort häuften sich mit dem Eindringen der Europäer die Fälle von Menschen, die unter Dämonen litten. Oft trugen die Geister Namen, die mit den Besatzern zu tun hatten. Manche imitierten das Geräusch einer Lokomotive. Und umgekehrt verwendeten die Heilkundigen Motoröl, Konservendosen oder Weißbrot, um die Geister fernzuhalten oder zu besänftigen: Typische Gegenstände jener Kultur, die ihre eigene bedrohte.
Jedes gewaltsame Aufbegehren gegen die reale Besatzung wäre glatter Selbstmord gewesen. Und jedes friedliche wurde gewaltsam niedergeschlagen. Im Scheingefecht mit den Dämonen war die Ohnmacht vorübergehend aufgehoben. Eine tödliche Eskalation äußerer Gewalt war trotzdem nicht zu befürchten.
Die Dämonen, auf die Jesus hier trifft, sind also keine paranormalen Spukphänomene, und auch keine wüsten Poltergeister wie bei Ghostbusters. Sie sind keine immateriellen Kobolde oder spirituellen Parasiten, die man sich wie Zecken oder Fußpilz irgendwo einfängt. Es geht auch nicht um die Seelen Verstorbener, die keine Ruhe finden und deshalb die Lebenden heimsuchen. In der Ein-Mann-Legion spiegelt sich vielmehr jener Teil der Wirklichkeit, den alle am liebsten vergessen und ausblenden würden: Das Ausgeliefertsein an fremde Eindringlinge, die Einschüchterungen und Demütigungen, die Angst vor Willkür und Gewalt, die angestaute Wut über die eigene Schwäche und der verzweifelte Hass auf die Warlords/Kriegstreiber und ihre Handlanger.
„Wenn du dich so machtlos fühlst, was wirst du dann tun?“, fragt Nelly Furtado. Sie fragt das als Kind von Einwanderern aus den Azoren. Soll sie sich an die weiße Mehrheit in Kanada anpassen, ihre Fotos retuschieren lassen und damit ihre Herkunft ausradieren? Oder riskiert sie, als fremd und störend ausgegrenzt zu werden – von einer Gesellschaft, die es sich noch immer nicht abgewöhnt hat, nicht-weiße Menschen als „Wilde“ zu betrachten. Dafür, findet sie, ist das Leben zu kurz.
Und plötzlich eskaliert das Ganze…
Zum Glück nicht: Mit dem Augenblick der Wahrheit über die „Legion“, die ihm so zusetzt, geht die Action erst richtig los. Und für einen kurzen Augenblick erinnert die Szene doch an Ghostbusters, wenn es da (Landwirte und Tierschützerinnen bitte kurz weghören) heißt:
Es war aber dort an den Bergen eine große Herde Säue auf der Weide. Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter ins Meer, etwa zweitausend, und sie ersoffen im Meer.
Und die Sauhirten flohen und verkündeten das in der Stadt und auf dem Lande. Und die Leute gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, wie er dasaß, bekleidet und vernünftig, den, der die Legion unreiner Geister gehabt hatte; und sie fürchteten sich.
Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, was mit dem Besessenen geschehen war und das von den Säuen. Und sie fingen an und baten Jesus, aus ihrem Gebiet fortzugehen.
Die „Legion“ verhandelt wie eine echte Armee über ihren Abzug. Oder besser: Nicht-Abzug. Die Dämonen möchten nämlich in der Gegend bleiben. Sie bieten an, in ein anderes „Quartier“ umzuziehen – beziehungsweise, das trifft es wohl besser, ihre derzeitige Geisel gegen andere einzutauschen. Schweine gelten für Juden als unrein, vielleicht ist ja der Rabbi aus Nazareth bereit, sich auf einen Deal zu einzulassen?
Und tatsächlich – Jesus stimmt zu. Doch im nächsten Moment zerschlägt sich schon jede Hoffnung, ungeschoren davonzukommen: Hat Jesus es geahnt, hat er es vielleicht so geplant, oder passiert das alles spontan – wir erfahren es nicht. Wir lesen nur, dass die Schweine prompt den Hügel hinunterrasen und im Wasser untergehen. Die Geisterarmee versenkt sich selbst auf ihrer Flucht nach Westen.
Nach Westen, und das ist kein Zufall. Von Westen über das Meer kamen nämlich die römischen Schiffe, die Soldaten brachten und den größten Teil dessen mitnahmen, was Land und Leute erwirtschaftet hatten. Viele Menschen in der Region – Juden wie Griechen – hätten die Besatzer liebend gern nach Westen ins Meer zurückgedrängt. Und jetzt spielt sich genau das vor ihrer Nase ab, nur dass keine Menschen zu Schaden kommen. Zweitausend Schweine, das sind eine gewaltige Herde. Nicht ganz so viele, wie eine römische Legion Soldaten hat, aber die Richtung stimmt, und darauf kommt es an. Das ist mehr als ein Scheingefecht. Es ist ein Paukenschlag für die Freiheit, der weit ins Land hinein zu hören ist.
Schon einmal hat ein jüdischer Prophet eine Armee im Meer untergehen lassen. Aber an den Showdown zwischen Mose und den Ägyptern am Schilfmeer denkt im Augenblick nicht jeder. Denn alle staunen, dass der „Besessene“ plötzlich wie ausgewechselt erscheint: Er ist anständig gekleidet, seine Stimmung ausgeglichen, die Kontrollverluste überstanden.
Er ist sogar ganz erschreckend normal!
Freiheit, die nicht alle freut
Das kleine Drama weckt bei dem Umstehenden die Neugier und verursacht zugleich eine Menge Unbehagen. Es bleibt auch unklar, ob das Unbehagen eher dem Verlust der Schweine zuzuschreiben ist oder der Veränderung des Mannes, mit dem die Dämonen ihr böses Spiel getrieben hatten. Vielleicht wissen die Menschen es selbst nicht. Mit der veränderten Lage tut sich für sie ein Problem auf: Solange da ein „Besessener“ herumläuft, kann man sich daran abarbeiten. Oder sich daran gewöhnen und irgendwie damit arrangieren. So oder so braucht man keine Fragen zu stellen, auf die man die Antwort gar nicht wissen will.
In der Familientherapie ist das ein bekanntes Phänomen. In dysfunktionalen Familien, wo Menschen nicht miteinander klar kommen und einander immer wieder verletzen, gibt es oft ein „schwarzes Schaf“. Ein Familienmitglied, das sich auffällig verhält und auf das alle zeigen, wenn es um die Probleme im Miteinander geht. Es ist aber nur der Symptomträger, und nicht der Hauptverursacher der bestehenden Probleme. Das ist oft die einzige Person, die nicht am Rad dreht. Jesus hat das Schwarze Schaf aus seiner Rolle entlassen. Und plötzlich kriegen alle anderen die Krise.
Die Situation erinnert ein bisschen an jenen alten Witz von dem Betrunkenen, der im Lichtkegel einer Straßenlaterne seinen Haustürschlüssel sucht. Eine Nachbarin kommt vorbei und hilft suchen. Nach einer Weile fragt sie: „Bist du sicher, dass du den Schlüssel hier verloren hast?“ Er antwortet: „Nein, da hinten. Aber da ist es viel zu dunkel.“
Den Symptomträger in eine Klinik zu stecken, ihn mit Medikamenten ruhigzustellen, während alles bleibt, wie es ist, das wäre so eine Schlüsselsuche unter der Laterne. Ihn im desolaten Zustand bei den Gräbern hausen zu lassen, auch. Aber das geht jetzt nicht mehr. Nicht, so lange Jesus da ist. Und ich merke: Kein Wunder, dass nicht nur die Schweinehirten möchten, dass er verschwindet. Der Schlüssel zur Lösung ihrer Probleme liegt im dämonischen Dunkel ihrer Ängste und Albträume. Da wird man ganz schnell überwältigt.
Es sei denn…
Kleine Aufstände allenthalben
Es sei denn, die Gerasener könnten in dem ganzen Tumult auch erkennen, dass sich das un- und übermenschliche Böse gerade selbst zerstört hat. Dass im Untergang der Schweinelegion sogar schon der Untergang der römischen Militärdiktatur durchschimmert. Dass da schon jemand im Namen Gottes unterwegs ist, der ganz erstaunlich furchtlos und handlungsfähig ist, und der Menschen aus ihrer Ohnmacht und Verzweiflung herausholt.
Wir leben derzeit zum Glück nicht unter fremder Besatzung oder in einer Diktatur. Ohnmachtsgefühle und alles, was sie begleitet, kennen wir trotzdem. Sie entstehen bei uns durch Probleme, die wir als einzelne lösen sollen, obwohl sie viel zu groß sind für jede und jeden einzelnen:
Wenn durch Inflation und Spekulation die Mietpreise explodieren und die Armut zunimmt, ist Obdachlosigkeit nicht einfach nur das Problem einzelner, die irgendwie versagt haben.
Die Klimakrise trifft die am härtesten, die am wenigsten dafür können. Egal wie radikal ich meinen persönlichen Konsum ändere, es reicht noch lange nicht aus, um sie zu stoppen.
Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt von Männern werden, erleben diese Übergriffe als etwas ganz Persönliches und Intimes. Es dauert oft lange, bis sie aufhören, den Fehler bei sich selbst zu suchen. Bis sie Worte finden für das, was ihnen angetan wurde. Erst dann zeigt sich: Nicht nur ein paar wenige sind betroffen. Und die Täter finden immer wieder Wege, ihre Schuld zu verschleiern, weil es Denkmuster und Machtkonstellationen gibt, die das fördern und begünstigen. (Auch in unserer Kirche.)
Wenn die Autor:innen der Bibel von Dämonen erzählen, dann zeigt es, wie ernst sie die Schadensmächte nehmen, die Menschen anfallen. Die sie so lange drangsalieren, bis sie sich nicht mehr vorstellen können, dass sich etwas ändert – bis ihnen die Kraft abhanden kommt, sich zu wehren. Das sind keine bloßen Wahnvorstellungen, kein primitiver Aberglaube, und wer so empfindet, ist nicht verrückter als alle anderen.
Diese krasse Geschichte tut mir richtig gut. Ich staune erleichtert darüber, wie das Böse, das manchmal so übermächtig auftrumpft, sich selbst zerstört. Gegen die Resignation ist also doch ein Kraut gewachsen: Gott selbst hat den destruktiven Mächten und Gewalten dieser Welt den Kampf angesagt. Er hat sich in Jesus auf die Seite der Ohnmächtigen und Traumatisierten geschlagen. Er erleidet am Kreuz dieselbe brutale Gewalt wie sie. Aber er zerbricht nicht daran. Er kommt mit dem verlorenen Schlüssel in der Hand aus der tiefsten Dunkelheit zurück und schließt die Tür zur Freiheit auf. Am Ende seines Evangeliums erzählt Markus die verrückteste Geschichte von allen: Vom leeren Grab. Und deutet damit an: Niemand ist jetzt vor Jesus mehr sicher. Er könnte wer weiß wo auftauchen…
Denn so wie der irdische Jesus auf Schritt und Tritt kleine, gewaltlose Aufstände vom Zaun gebrochen hat, so tut der Auferstandene das nun überall da, wo sich Menschen auf ihn einlassen und mit ihm zusammentun. Da endet die Machtlosigkeit und die Isolation. Da geht was. Und manchmal, manchmal auch ein bisschen mehr.
Ich komme gerade zurück von einer „Pilgerreise“ nach England und Schottland. An- und Abreise hat unsere Gruppe, um möglichst klimaschonend unterwegs zu sein*1, mit der Bahn unternommen. Dabei haben wir den ganzen Katalog der Widrigkeiten erlebt: Kaputte Weichen, verpasste Anschlüsse, verfallene Reservierungen, total überfüllte Züge (hinwärts mit Fans von Manchester City und United, rückwärts mit Fans des BVB). Buchungen für zwei Unterkünfte platzten und um ein Haar hätten wir an einem Reisetag die letzte Fähre verpasst.
Nichts für schwache Nerven!
Wir hatten aber auch wunderbar ruhige Tage mit unverschämt gutem Wetter – an Orten, wo sich Himmel und Erde schon besonders nahe sind. Und als es an die Rückreise ging, war es ganz schwer zu sagen, was davon nun eindrücklicher war: Die Highlights oder all die Hindernisse, die wir gemeinsam bewältigt haben.
Jemand hat mal gesagt: „Eine Unannehmlichkeit ist nur ein missverstandenes Abenteuer. Ein Abenteuer ist eine richtig verstandene Unannehmlichkeit“. Mir scheint, wir haben entdeckt: Bei einer Pilgerreise gehört sowas wohl einfach dazu. Jedenfalls haben wir jetzt eine Menge zu erzählen.
kleiner Nachtrag: Ich finde, Pilgern lässt sich mit Flugreisen nur schwer bis gar nicht vereinbaren. Es geht ja gerade darum, nicht möglichst schnell und bequem möglichst weit zu kommen. Und darum, anderen Menschen und dem Planeten nicht zur Last zu fallen. Es gibt genug Pilgerwege und -stätten, die mit der Bahn erreichbar sind. Lassen wir es doch einfach dabei. Und wenn diese Anreise länger dauert als der Flug, kann man sich einfach entsprechend mehr Zeit dafür nehmen und es als integralen Bestandteil des Pilgerweges betrachten. ↩︎
„Wann ist ein Mann ein Mann?“ fragt – mal wieder – ein Beitrag in der Arte-Mediathek im Anschluss an Herbert Grönemeyer. Und deutet damit im Titel an, dass es nicht ausreichen könnte, auf ein Y-Chromosom zu verweisen und/oder auf testosteronbasierte Geschlechtsmerkmale. Dass also zu Genetik und Anatomie noch etwas kommen muss, um ein „echter“ Mann zu sein. Und das das, was dazukommt, sogar irgendwie das Eigentliche sein könnte.
Lässt man sich auf den Gedanken ein, dann geht es ab da nicht einfach um Eigenschaften, nicht um ein bestimmtes So-Sein, sondern um das Tun: Männlichkeit wird ganz überwiegend performativ aufgefasst, und zwar absurderweise ganz besonders nachdrücklich von denen, die sich strikt gegen jede gendertheoretische Relativierung physischer Gegebenheiten verwahren.
Am sogenannten „Vatertag“ werden gewisse Stereotypen performativer Männlichkeit besonders zelebriert. Andere haben mit Bier und Bollerwagen weniger zu tun, aber auch da gilt: Man ist nur (oder vor allem) dann ein „richtiger“ Mann, wenn man dieses oder jenes tut.
Es gibt eine ganze Männlichkeitsindustrie, die Männern „hilft“, sich als Männer zu fühlen, indem Sie irgendwelche Männerdinge tun. Irgendeinem Ideal nacheifern, das mal so und mal so aussieht. Grölen, Grillen, irgendwas verbrennen oder irgendwas jagen … ach, und vor allem scheinen viele „richtige“ Männer sich dadurch auszuzeichnen, dass sie anderen nur allzu bereitwillig unter die Nase reiben, dass sie gar keine echten Männer sind, solange sie das nicht tun, was Männer angeblich ausmacht. Oder üble Ressentiments gegen Frauen entwickeln und verbreiten, die vermeintliche Männerdinge tun und deshalb als Bedrohung der Männlichkeit insgesamt wahrgenommen werden.
Wäre also am Ende einfach dies das Wesen des Männlichen, dass man immer einem (reichlich wandelbaren) Ideal hinterherhechelt? Ein Ideal, das deshalb auch unerreichbar sein muss, weil man in dem Augenblick, wo man es erreichte, nichts mehr tun könnte und sich die zugrundeliegende Performativität damit selbst erledigt hätte?
Oder ist dieser Anspruch, das eigene Mannsein immer und immer wieder zu verwirklichen oder zu unter Beweis zu stellen, eher eine als Problemanzeige zu sehen und eine Beeinträchtigung – wenn schon nicht der Männlichkeit, dann auf jeden Fall der Lebensqualität?
Was würde wohl passieren, wenn Männer die Nonchalance an den Tag legen könnten, einfach die zu sein, die sie gerade sind: Jetzt, in diesem Augenblick, ohne nach rechts und links zu schielen und auf Bestätigung von irgendwem zu warten, wie männlich ich dabei erscheine? Gottes Erlaubnis dazu habe ich. Aber gestehe ich mir es auch selbst zu?
Selten hatte ich das Gefühl, dass ein Perikopentext besser in die Zeit passt, als gestern am Palmsonntag. Wir sind ja ständig dabei, Privilegien auszuhandeln. Aber seit ein paar Jahren erleben wir ein besonders zähes, immer verbisseneres Ringen: Die einen möchten ihre Privilegien zementieren, die anderen reduzieren. Mit gravierenden Folgen für die Demokratie und den gesamten Planeten.
Was das Ganze mit Jesus zu tun hat und auf welche Spur es seine Nachfolger*innen in den gegenwärtigen Kulturkämpfen setzt, dazu habe ich mir gestern ein paar Gedanken gemacht. Hier könnt Ihr sie anhören.
Ein stiller Moment im winterlichen Wald. Ich stehe neben einem kleinen Wasserlauf, der fast unmerklich vor sich hin tröpfelt. Als ich mich umdrehe, sehe ich am Stamm einer schlanken Rotbuche Spuren eines Sonnenbrandes. Benachbarte Bäume sind umgefallen oder geschlagen worden, das Kronendach hat dadurch ein Loch bekommen und der Stamm hat die Hitze der Sommersonne nicht gut verkraftet. Die RInde ist aufgeplatzt und hat um die offene Stelle eine dicke Wulst gebildet.
Ich lege meine Hand ein paar Augenblicke in die vernarbte Wunde. Mein Blick wandert umher. Der Schnee verbirgt etliche Baumstümpfe und die vielen am Boden liegenden Äste und Zweige. Aber es ist immer noch deutlich, dass da ein verwundeter Baum in einem verwundeten Wald steht.
Ich habe aus zwei Ästen ein Kreuz auf dem Waldboden gelegt. Das erscheint mir ein passender Ort, um an einen verwundeten Gott zu erinnern. Einer, von dem es rätselhafterweise heißt, dass wir in seinen Wunden Heilung finden. Wie sie wohl aussehen wird? Wie lange wir noch auf sie warten müssen? Was noch alles verwundet oder zerstört wird, bis es so weit ist?
Aber die Buche steht noch, und für eine Weile stehen wir hier zusammen. Eine tröstliche Weile.
Weil es im Sommer öfter geregnet hat als in den vorausgehenden Dürrejahren, haben viele Leute hier das gar nicht zur Kenntnis genommen. Gefühlte und gemessene Temperaturen –davon könnte der Frosch ein Lied singen, wenn er den Kochtopf denn überlebte – sind zwei Paar Stiefel.
Ich habe die Messwerte des letzten Jahres für Nürnberg hier mal in der Übersicht. Mit Ausnahme des – nur gefühlt eisigen – April liegen alle weit über dem Mittel der 30 Jahre vor 1990. Doch selbst der April ist nur Durchschnitt, also eigentlich doch nicht kalt gewesen.
Neun von zwölf Monaten waren mindestens zwei Grad wärmer. Da kann man nicht mehr von Einzelfällen, Anomalien und Ausreißern sprechen. Bei drei Grad Erwärmung wären mindestens 20% mehr Regen nötig, um den ansteigenden „Dampfhunger“ der Atmosphäre auszugleichen. Das haben wir in Nürnberg gerade mal so erreicht, aber es war eben nicht genug, um die niedrigen Grundwasserstände in der Region wieder aufzufüllen. Und weil ein Teil dieser Niederschläge als Starkregen fiel, floss das Wasser ab, bevor es in den Bödern verscikern konnte.
Unsere Parteien streiten derzeit über die Schuldenbremse im Staatshaushalt. Die Verengung auf das Monetäre ist in dieser Form verantwortungslos, verrückt und kurzsichtig, weil wir täglich weiter Klimaschulden auftürmen, die uns in Form von immens kostspieligen Klimafolgen viel teurer zu stehen kommen als alle Kredite und Anleihen, die zum ökologischen Umbau der Wirtschaft und Gesellschaft nötig wären. Geldschulden kann man zurückzahlen, aber wenn die Kippunkte unserer Ökosysteme erreicht sind (und etliche sind bereits überschritten), wird diese Schuldenspirale sehr schnell und vor allem unwiderruflich außer Kontrolle geraten.
Wenn Jesus in den Evangelien mit dem Kernsatz zitiert wird „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“, dann würde die Entsprechung angesichts der Risiken, die wir heute gemeinschaftlich entfesseln, jetzt lauten:
Es ist möglich, unsere destruktive Art zu leben und zu wirtschaften zu verändern. Aber dazu müssen wir bereit sein, umzudenken und uns einzugestehen, dass es so nicht weitergehen kann. Und wir müssen eine Haltung gegenüber Menschen und Mitgeschöpfen einüben, die nicht darauf aus ist, sie uns anzueignen und zu unterwerfen. Denn selbst wenn wir das nicht vorsätzlich tun, darauf läuft es derzeit hinaus. Und dass es nicht so bleiben darf, ist einfach nur fair und gerecht.
Was wäre die Weihnachtszeit ohne Märchenköniginnen und Märchenkönige. Im familientauglichen Fernsehprogramm vertreiben sie uns die Zeit, wenn es draußen nasskalt ist und viel zu früh dunkel wird. Man kennt die Geschichten schon auswendig, und trotzdem – oder genau deshalb? – schauen wir sie immer wieder an. Ein liebgewonnenes Ritual – ganz besonders, wenn alle zusammen auf dem Sofa sitzen.
Eine neue Variante dieses Festtagsbrauchs hat mich neulich amüsiert. Sie funktioniert so: Die Familie (oder der Freundeskreis) schaut alle drei Sissi-Filme hintereinander an. Jedesmal, wenn das Wort „Majestät“ fällt, erheben sich alle und rufen „lang lebe die Kaiserin“. Und stoßen miteinander an.
Früher war mehr Märchen
Während Sissi, Artus, oder Kleopatra eher um Weihnachten herum Konjunktur haben, ist hier in Bayern das ganze Jahr Märchensaison. Der Märchenkönig überhaupt, Ludwig II. von Bayern, Sissis Cousin, hat sich mit seinen Prachtbauten unauslöschlich in die bayerische Landschaft eingezeichnet. Millionen von Urlaubern bewundern seine Schlösser jedes Jahr.
Ludwig II. hatte ja ein kompliziertes Verhältnis zur Wirklichkeit. In einer Zeit, in der die Monarchie ihre besten Tage längst hinter sich hatte, überließ er das Tagesgeschäft seinem Personal und strickte an seiner eigenen Legende. Bis ihm das Geld ausging. Denn nicht einmal Könige verfügen über grenzenlosen Reichtum.
Das mit dem Mythos funktionierte dennoch glänzend: Bis heute ist kein bayerischer Regent, mag er noch so sehnsüchtig davon träumen und noch so viel Geld in den heimischen Sand setzen, auch nur annähernd so bekannt wie Ludwig. „Ein ewiges Rätsel bleiben will ich mir und anderen,“ hat er von sich gesagt. Das ist ihm gelungen wie kaum einem anderen. Sein Tod im Starnberger See unter mysteriösen Umständen hat diesen Mythos endgültig besiegelt.
Heute ist Epiphanias, im Volksmund auch „Dreikönigstag“. Mich erinnert das daran: Königssehnsucht und Königsfrust gibt es nach wie vor. Es gibt sie schon seit biblischen Zeiten. Auch die Bibel erzählt nämlich von einem Märchenkönig – dem König Salomo. Vielleicht lässt sich daraus etwas lernen. Vielleicht entdecke ich hier sogar einen Königsweg?
König Salomo war legendär für die Weisheit, mit der er einen verfahrenen Streit schlichtete, für Reichtum und Luxus, für Weltgewandtheit und – wer hätte das gedacht? – für seine großartigen Bauwerke. Allen voran der Tempel in Jerusalem, Tür an Tür mit dem Königspalast: Thron und Altar, Gott und Regent wie in einer großen Wohngemeinschaft.
Pomp and Circumstance
Hätte es das Goldene Blatt schon vor dreitausend Jahren gegeben, er wäre Dauergast auf der Titelseite gewesen. Aber auch die Schreiber am Königshof von Jerusalem sind großartige Geschichtenerzähler. Um ihren Monarchen ins rechte Licht zu rücken, lassen sie die Königin von Saba auftreten. Denn wer kann einen wahren Märchenkönig besser von einem Möchtegern unterscheiden als eine waschechte Märchenkönigin?
Salomos Ruhm machte den Namen des Herrn bekannt. Die Königin von Saba hörte davon und kam, um Salomo mit Rätseln zu prüfen. Sie kam mit einem gewaltigen Gefolge nach Jerusalem: Kamele trugen Balsam, Gold und Edelstein in unvorstellbar großen Mengen. So kam sie zu Salomo und redete mit ihm über alles, was sie sich vorgenommen hatte. Und Salomo beantwortete alle ihre Fragen. Es gab nichts, was dem König verborgen war. Auf alles fand er eine Antwort. So erkannte die Königin von Saba seine ganze Weisheit. Auch der Palast, den Salomo gebaut hatte, beeindruckte die Königin von Saba. Dazu kamen noch die Speisen an seiner Tafel, die Rangordnung seiner Beamten, das vornehme Auftreten seiner Diener und ihre Kleidung, seine Trinkgefäße und seine Opfergaben, die er im Haus des Herrn darbrachte. Das alles sah sie, und es verschlug ihr den Atem. Da sagte sie zum König: »Es ist wirklich alles wahr, was ich in meinem Land über dich gehört habe. Man spricht von deinen Taten und deiner Weisheit. Ich wollte es nicht glauben, bis ich hierher kam und es mit eigenen Augen sah: Nicht einmal die Hälfte hatte man mir berichtet! Deine Weisheit und dein Wohlstand übertreffen alles, was ich von dir gehört habe.
Die Märchenkönigin zieht in Jerusalem ein mit einer Karawane kostbarster Geschenke. Und sie ist hingerissen von ihrem geistreichen Gesprächspartner, den ihre sorgfältig ersonnenen Rätselfragen nie in Verlegenheit bringen. Salomos Berater werden ihn gut gebrieft haben. Palast und Tempel genügen augenscheinlich allerhöchsten Standards. Und das Personal in dem Land, das zwei Generationen zuvor weder eine Hauptstadt noch einen Königshof hatte, ist makellos gekleidet und zeigt beste Manieren. Salomo besteht die Prüfung mit Bravour: Fünf Sterne für seinen Auftritt, und wenn es zehn gäbe, bekäme er die auch. Er spielt von jetzt an in der Liga der ganz Großen. Und er lässt sich auch bei den Geschenken nicht lumpen: Die Königin von Saba kehrt beladen mit allem, was ihr Herz begehrt, in ihre Heimat zurück. Und mit ihr zieht Salomos Ruhm hinaus in die weite Welt. Pomp and Circumstance, so weit das Auge reicht – eine Supernova am Königshimmel des alten Orients. Und die Erzähler beeilen sich zu erwähnen, dass natürlich auch Gottes Ansehen richtig Auftrieb bekommt durch den Erfolg seines royalen Senkrechtstarters.
Vielsagendes Schweigen
Über eine Sache bin ich beim Lesen der Geschichte gestolpert: Gott, der sich in der Bibel gern selbst zu Wort meldet, bleibt in der Geschichte vom Besuch der Königin eigenartig stumm. Aber warum? Verweist Gottes Schweigen auf das, was bisher nicht erzählt wurde? Auf den Preis, den Salomos Untertanen – denn das sind sie jetzt: Untertanen, keine Landsleute – für seinen Luxus bezahlen?
Auch davon berichtet die Bibel nämlich: Dass Salomo seine Leute schwer mit Frondiensten belastet. Wochenlang sind die erwachsenen Männer auf seinen Landgütern und Baustellen am Schuften und fehlen schmerzlich zuhause, wo sie eine Familie zu ernähren haben. Das Ganze fliegt erst nach Salomos Tod so richtig auf, und prompt wählen zehn von zwölf Stämmen einen neuen Anführer. Salomo ist, als er stirbt, zwar nicht bankrott wie König Ludwig, aber sein Königtum ist moralisch und politisch am Ende.
Die Königin von Saba interessiert sich für diese Schattenseiten nicht. Ihr reicht die fesche Fassade, sie ist wie der Stargast im Luxusresort, der sich nicht darum schert, ob dem Hauspersonal der Mindestlohn bezahlt wird oder welche Umweltstandards hier eingehalten werden. „Wenn die Leute kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“ – der böse Ausspruch wurde verschiedenen europäischen Prinzessinnen nachgesagt, aber die Überheblichkeit, die aus ihm spricht, könnte auch schon viel älter sein. Rückblickend wird klar: Salomos Reichtum beruht auf knallharter und gar nicht märchenhafter Ausbeutung der eigenen Leute. Und er trägt schon den Keim des Zerfalls in sich.
Panik im Palast
Und was hat das Ganze nun mit Weihnachten und dem Kommen Gottes zu tun? Nun, fast tausend Jahre nach Salomo schickt sich wieder einer an, in Salomos Fußstapfen zu treten. Er baut Gott einen neuen, noch viel prächtigeren Tempel in Jerusalem, seine Burgen und Paläste ziehen heute noch ähnlich viele Menschen an wie Bayerns Märchenschlösser. Der Kaiser in Rom schätzt ihn als treuen und spendablen Gefolgsmann. Zugleich ist der Mann, der als „Herodes der Große“ in die Geschichtsbücher eingeht, mehr als nur ein bisschen paranoid. Wer auch nur den Anschein erweckt, an seinem Stuhl zu sägen, den räumt er unbarmherzig aus dem Weg. Da das auch für enge Verwandte gilt, soll Augustus über ihn gesagt haben: „Es ist besser, das Schwein des Herodes als sein Sohn zu sein.“ Weil er seine Entmachtung so sehr fürchtet, macht Herodes zu Lebzeiten kein richtiges Testament. Er lässt alles im Unklaren, und deshalb zerfällt auch sein Reich, als er stirbt.
Maria, die Mutter Jesu, hat all das schon vor Augen, als sie hört, dass sie ein Kind bekommen soll. „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron“, singt sie in ihrem berühmt gewordenen Magnificat.
Noch aber lebt Herodes, und er bekommt überraschend Besuch. Kultivierte Menschen aus einem fernen Land im Orient, und wie die Königin von Saba haben sie Gold und “Spezereien“ – genauer: Weihrauch und Myrrhe – als fürstliche Geschenke im Gepäck. Sie werden bei Hofe empfangen, aber anders als sein Vorgänger Salomo kann Herodes die Frage nicht beantworten, die ihm gestellt wird. Man muss fairerweise dazu sagen, dass es keine der üblichen Rätselfragen war. Sie erwischt ihn eiskalt:
Sie fragten: »Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten.« Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm alle in Jerusalem.
Panik im Palast, anders kann man es nicht sagen. Herodes setzt sein Pokerface auf und murmelt etwas wie „Ich lass das mal überprüfen und gebe Ihnen Bescheid“. Als die Sterndeuter die Audienz verlassen, holt er alle verfügbaren Berater zusammen. Die Antwort der Schriftgelehrten ist eindeutig: Jemand, der Anspruch auf den Thron Davids erheben könnte, kommt sehr wahrscheinlich aus Bethlehem. Da leben noch Nachkommen und Verwandte. So steht es geschrieben bei den Propheten.
Für Herodes, der zeitlebens damit zu kämpfen hatte, dass er für einen König der Juden keinen standesgemäßen Stammbaum vorweisen konnte, besteht nun Alarmstufe rot. Aber ausländische Zeugen eines politischen Attentats wären schlecht für den angekratzten Ruf. Für den Augenblick bleibt nur List und Lüge. Der Wolf frisst Kreide. Er zeigt sich betont erfreut und kooperativ:
Später rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich. Er erkundigte sich bei ihnen genau nach der Zeit, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: »Geht und sucht überall nach dem Kind! Wenn ihr es findet, gebt mir Bescheid! Dann will auch ich kommen und es anbeten.«
Und so ziehen die Sterndeuter los. Nirgendwo steht in der Bibel übrigens, dass es drei sind. Es können zwei oder zwölf oder zwanzig gewesen sein. Unmissverständlich schreibt der Evangelist Matthäus freilich auch: Sie sind keine Könige, sondern Gelehrte. In einer Zeit, in der Politiker sich gern über Forscherinnen hinwegsetzen, wenn ihnen die Fragen und Ergebnisse nicht in den Kram passen, ist das auch eine Erwähnung wert: Manchmal schickt Gott Wissenschaftler – Leute, die genau hinschauen und sagen, was wirklich ist, und die dafür Strapazen auf sich nehmen und weite Wege zurücklegen.
Bethlehem – wo sonst?
Bis Bethlehem sind es nur noch ein paar Kilometer. Als sie ankommen, steht der Stern schon über einem der Häuser. Ich bin gestern Abend mal rausgegangen und habe versucht zu sehen, welcher Stern über welchem Haus steht. Es wird Sie nicht überraschen, liebe Hörerinnen und Hörer, dass ich gescheitert bin. Und als ich es zwei Stunden später noch einmal versuchen wollte, standen die Sterne schon wieder wo anders.
Aber ich bin ja auch kein Sterndeuter aus dem alten Persien. Die führt der Stern sicher ans Ziel. Gut, vielleicht hat auch der Rat der schriftkundigen Kollegen aus Jerusalem geholfen; und natürlich war es damals in Bethlehem viel leichter, jemanden zu finden, als in unseren Großstädten heute. Sie kommen an, und jetzt müssen wir schon wieder unsere folkloristisch übermalten Bilder von Weihnachten korrigieren: Es gibt hier keinen Stall, keinen Engeleinchor und keine Tiere; die Weisen stehen vor einem richtigen Haus. Das bescheidene Ambiente mag unerwartet gewesen sein, aber jetzt zögern sie keine Sekunde:
Als sie den Stern sahen, waren sie außer sich vor Freude. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind mit Maria, seiner Mutter. Sie warfen sich vor ihm nieder und beteten es an. Dann holten sie ihre Schätze hervor und gaben ihm Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Und dann kommt der Moment, in dem Gott spricht. Keine donnernde Stimme vom Himmel, sondern ganz leise durch einen Traum. Da sind die üblichen Filter meines Alltagsbewusstseins ausgeschaltet. Ahnungen, Wünsche und Sehnsüchte werden im Traum zum Leben erweckt. Und ich habe die Freiheit, mir am Morgen die Augen zu reiben und den Kopf zu schütteln und alles wieder zu vergessen. Aber die weisen Frauen und Männer in der Bibel haben ein Gespür dafür, wenn Gott ihnen einen Traum schickt. Wie das wohl war: Haben alle Sterndeuter dasselbe geträumt? Oder hat einer die anderen überzeugt? Jedenfalls verabschieden sie sich leise aus Bethlehem und machen auf ihrem Rückweg einen weiten Bogen um Jerusalem. Der Königsweg führt nicht wieder zu Herodes.
Jetzt wird auch klar, warum es Bethlehem sein musste: In Jerusalem scheitert das Königtum gerade zum wiederholten Mal – an seinem Größenwahn, an seinem Hang zur Gewalt, an seiner Paranoia. In Bethlehem, so erzählt es die Bibel, hat Gott schon einmal einen Jungen, dem niemand etwas zutraute, zum Antikönig gemacht: Nämlich David, von dem – Ironie der Geschichte! – Salomo sein großes Reich geerbt hatte Und jetzt wird hier in Bethlehem das Ende der Mörder- und Märchenkönige besiegelt. Pomp und Überheblichkeit müssen draußen bleiben.
„Er kam nicht, um uns einzuschüchtern, zu verurteilen oder von oben herab zu behandeln. Nicht um uns seine Knechte zu nennen, sondern um uns als Freunde an seiner Seite zu haben. Ein für allemal, als Gott Mensch wurde“.
So heißt es im Christmas Song von Don Francisco…
Diese, die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte schärft meinen Blick für das, was Märchenköniginnen und -könige gern ausblenden und verschleiern: Ungleiche und ungerechte Machtverhältnisse, von denen die Welt erlöst werden muss, wenn sie nicht mit ihren Despoten untergehen soll. Der neugeborene Messias wird später alle Hoheitstitel zurückweisen, außer dem einen, der ihn mit uns allen verbindet: „Menschensohn“.
Ich staune zugleich, wie stark die Königssehnsucht trotzdem noch ist. Schon nach wenigen Jahrhunderten wurden aus den biblischen Weisen die „Heiligen Drei Könige“. Als nächstes nahm man dem Heiligen Nikolaus den Sack mit Süßigkeiten und Spielsachen für die Kinder weg und drückte ihn dem Christkind in die Hand. Und noch etwas später kamen immer mehr dekorative Elemente dazu wie Schnee, Rentiere mit roten Nasen, Tannenbäume und goldene Lichtlein.
Bei Kindern ist das ja sehr charmant und liebenswert, wenn sie sämtliche Lieblingsfiguren um die Krippe herum aufstellen, bis man Mutter und Kind kaum noch sieht im Gedränge. Wären da halt nicht jene verbissenen Erwachsenen, die jedem, der etwas von dem üppigen Beiwerk weglässt, einen „Krieg gegen Weihnachten“ andichten. Dieses Jahr traf es eine Kita in Hamburg – die nicht etwa Weihnachten abschaffte, sondern lediglich auf den Baum verzichtete. Ohne Skrupel treten diese Platzhirsche in Medien und Politik eine Lawine von Hassbotschaften und Drohungen über die arglosen Eltern und Erzieher:innen los – alles im Namen der Märchenweihnacht. Was würden die Weisen, was würde Maria dazu sagen, dass unser „Weihnachten“ Kulturgrenzen nicht mehr durchlässig macht, sondern oft noch vermint?
Im Evangelium von den Weisen blitzt nämlich eine andere Welt auf. Eine Welt, die wir mehr denn je brauchen: In der junge Mütter voller Hoffnung in die Zukunft ihrer Kinder schauen, in der Soldaten ins Leere laufen, in der die Rechte der Wehrlosen gewahrt und in der die Fragen von Fremden und die kritischen Stimmen ein offenes Ohr finden.
Und in der Gott zu seinen Leuten redet und sie auf überraschende Wege schickt. Königswege. Ohne allen Pomp, auf den ersten Blick gänzlich unscheinbar, aber voll großer Freude mitten in der herben Wirklichkeit. Auch heute noch zum Niederknien schön.
Heute hat ELIA 30. Geburtstag gefeiert. 25 Jahre davon habe ich miterlebt und mitgewirkt. Vor 30 Jahren hat diese Gründung ordentlich Staub aufgewirbelt und es ist wohltuend zu sehen, wie viele Hoffnungen sich erfüllt haben und wie viele Befürchtungen nicht. Wir haben heute einen fröhlichen Gottesdienst mit vielen wunderbaren Menschen genossen. Ich habe einen kurzen Beitrag dazu verfasst. Ein Brief an ELIA, inspiriert von Bruno Latours Brief an sein jüngstes Enkelkind. Vielleicht interessiert er auch ein paar, die nicht dabei waren:
Liebe ELIA,
als Du auf die Welt kamst, war ich fast so alt, wie Du jetzt bist, und gerade junger Vater. Seit ein paar Wochen bin ich nun Vater eines jungen Vaters. Eine ganze Generation liegt zwischen damals und heute.
Über Generationen wird gerade fast schon inflationär geschrieben. Alle paar Jahre (nicht etwa Jahrzehnte…) erfinden Medienschaffende und Marketingabteilungen wieder eine neue. Lassen wir das also beiseite.
Ich erspare dir auch nostalgisch-rührselige Geschichten darüber, wie süß Du warst, als Du noch klein warst. Davon kriegen meine Kinder schon genug ab.
Aber vielleicht können wir ein bisschen drüber reden, was nach dem 30. auf dich zukommt. Davon habe ich inzwischen ein bisschen Ahnung.
Reden wir also übers Älterwerden. Am Montag war ich im Seniorenheim. Auf einer Bank saßen ein paar Bewohnerinnen, und als ich vorbeiging, fragte eine die anderen halblaut, wer „der junge Mann“ denn sei. Alter ist relativ. In den nächsten Jahren wirst Du merken, dass das mit der Selbstbeschreibung „jung“ nicht mehr so einfach ist. Ich wünsche Dir, dass es dir gelingt, nicht jugendlicher sein zu wollen, als du bist. Dann wird es auch leichter auszuhalten sein, dass andere frischer, hipper und cooler sind als du selbst. Und wenn Du Dich zwischendurch trotzdem mal richtig jung fühlen willst, mach’ einfach mal einen Besuch im Altersheim.
Die gute Nachricht lautet: Künftig rückt sowas wie „Weisheit“ in greifbare Nähe. Die Schwaben sagen ja: „Mit 40 wird man gescheit“. Ungeduld und Übermut lassen sich besser zügeln, und Illusionen sind zwar noch möglich, aber es wird immer anstrengender, sie aufrechtzuerhalten.
Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief des Philosophen Bruno Latour an seinen jüngsten Enkel Lilo gehört. Er sagt, die nächsten 20 Jahre werden höchstwahrscheinlich sehr schwer. Die Krisen werden sich verschärfen und die Versäumnisse früherer Generationen (vor allem beim Klimaschutz) werden sich bitter rächen. Aber dann, in 20 Jahren, könnte sich die Zivilisationskrise vielleicht doch lösen lassen. In der Zwischenzeit ist es ganz wichtig, dass sie Mittel und Wege kennt, sich selbst und andere zu heilen.
Mich hat das ins Nachdenken gebracht: Früher, als viele von uns noch dachten, die Welt wird quasi automatisch immer besser, ging es mal darum, progressiv zu sein. Setz dich an die Spitze der Bewegung, sei Schrittmacher und Motor. Wo es hingeht, war klar: Fortschritt wird von Forschung und Technik angetrieben, Wissen und Innovation nehmen stetig weiter zu, das Leben wird besser und die Menschen glücklicher. Das glauben heute nur noch die paar Prozent im Lande, die FDP wählen.
Seit ein paar Jahren bröckelt dieses Bild. Technischer Fortschritt findet immer noch statt, aber plötzlich sind es Viren und Waldbrände, Fluten und Hitzewellen, die uns in Atem halten (oder ihn uns nehmen). Plötzlich nehmen sich die Autokraten der Welt wieder ein Vorbild an Stalin, Hitler, Mussolini und Mao. Die Geister einer längst überwunden geglaubten Vergangenheit sind zurück. Und wir sind unvorbereitet, die Regierung arbeitet vielfach im Panikmodus – und die Opposition erst recht.
Was gestern noch „progressiv“ war, ist morgen schon obsolet. Es gibt keine klare Richtung mehr, kein Vorne und Hinten, die Schläge treffen uns aus dem toten Winkel, von rechts und links, oben und unten.
Ich glaube, Jesus war nicht progressiv, sondern prophetisch. Wie die großen Propheten vor ihm sieht er die Welt in einem Zustand der Disruption, der Erschütterung, voller Brüche und Risse. Und wie sie stellt er sich auf die Seite derer, die bereits unter diesen Erschütterungen leiden. Denen gehört das Reich Gottes.
Er warnt die Sorglosen und Selbstzufriedenen, dass es auch sie treffen wird. Er unterbricht die Gleichgültigkeit der Mehrheit mit seiner Forderung nach einer besseren Gerechtigkeit und konfrontiert sie mit den Folgen ihrer destruktiven Lebensweise. Er klagt, er weint, er droht, er rüttelt auf. Und ja, manchmal heilt und tröstet er dann auch.
Wenn ich Gott also irgendwo „vorne“ und auf kontinuierlichen Linien suche, könnte das künftig schwer werden. Die gute Nachricht ist: In den Brüchen und bei denen, die nicht mehr sagen können, was morgen kommt und wo vorne und hinten ist, wird es reichlich Gelegenheit geben, ihm zu begegnen.
Und wenn wir uns dann in 30 Jahren wiedersehen (und ich dann noch da bin), können wir einander davon erzählen.
Die Schönen und die Reichen… Welche Namen von reichen Leuten fallen Ihnen/Euch so ganz spontan ein? Ich könnte mir vorstellen: Bill Gates ist dabei, Elon Musk und Jeff Bezos, vielleicht Warren Buffett. Der reichste Mann der Welt – übrigens interessant, dass die ganz Reichen immer Männer sind – heißt Bernard Arnault. Er verdient sein Geld mit Luxusartikeln, die er anderen Reichen verkauft. Von dem bisschen Geld der Armen wird man nicht so schnell Milliardär. Es sei denn, man betreibt einen Lebensmittel-Discounter wie der reichste Deutsche: Dieter Schwarz, dem Lidl gehört. Arnault ist allerdings sechsmal so reich wie Schwarz oder die Aldi-Erben, Tendenz stark steigend.
Manche zeigen ihren Reichtum gern, andere verstecken ihn ein bisschen, aber die intensive Aufmerksamkeit der Medien und diskreter (manchmal auch unverhohlener) Einfluss auf die Politik sind ihnen so oder so sicher. Es werden Ranglisten geführt und ständig aktualisiert, als wäre reich Sein so etwas wie Tennis oder Golf: Eine sportliche Übung, die im fairen Wettstreit um die Anerkennung des Publikums geführt wird. Und zur eigenen Genugtuung.
In der Bibel steht auch eine Geschichte über märchenhaften Reichtum. Jesus erzählt sie (Lukas 16,19-31). Sie beginnt so:
Einst lebte ein reicher Mann. Er trug einen Purpurmantel und Kleider aus feinstem Leinen. Tag für Tag genoss er das Leben in vollen Zügen. Aber vor dem Tor seines Hauses lag ein armer Mann, der Lazarus hieß. Sein Körper war voller Geschwüre. Er wollte seinen Hunger mit den Resten vom Tisch des Reichen stillen. Aber es kamen nur die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.
Einst, sagt Jesus: Es war einmal. Zeit und Ort tun, wie im Märchen, nichts zur Sache. Reiche damals lebten nicht wesentlich anders als Reiche heute mit ihren Privatjets, ihren Luxusyachten, den abgeriegelten Anwesen mit Kameras und Wachpersonal. Ganz unbedingt zur Sache gehört freilich dieses Detail: vor der Tür des Reichen liegt ein Armer. Der hat Hunger und ist krank und entstellt.
Der Name des Reichen interessiert Jesus nicht. Es geht nicht um das, was diesen Reichen von anderen Reichen unterscheiden würde, sondern um das, was Reiche gemeinhin so tun und denken. Natürlich gibt es sympathische Reiche und unsympathische, bescheidene und gierige, fromme und gottlose. Das weiß Jesus. Doch der Reiche erscheint in dieser Geschichte nicht als Individuum, sondern als Vertreter seiner Klasse.
Zwischen dem Reichen und dem Armen existiert eine Kluft. Nicht räumlich, da ist die Entfernung gering, aber sozial. Der eine lebt in Saus und Braus, und beim Gedanken an den anderen, dem die Straßenköter seine offenen Beine abschlecken, wird mir nach drei Sekunden schon ganz flau im Magen. Ekel rührt sich. Lässt sich Armut nicht etwas dezenter schildern? Das tut ja schon beim Zuhören weh. Ich mag mir das gar nicht weiter ausmalen. Und über den Gestank, der zu dieser Szene gehört, haben wir noch gar nicht gesprochen.
Ach, Jesus, jetzt hast Du mir den Appetit verdorben!
Ein Blick in den Abgrund
Jesus ist schmerzfrei, wenn er von dem Armen erzählt. Und er kennt seinen Namen: Lazarus. Und ich frage mich: Wie viele Arme kenne ich mit Namen? In den Medien erscheint ein Armer ja höchstens, wenn mal wieder ein Aufreger über Betrug bei Sozialleistungen gebraucht wird. Dabei ist das nicht (wie gern unterstellt wird) die Regel, sondern die Ausnahme. Viele Arme nehmen Geld, das ihnen von Rechts wegen zusteht, gar nicht in Anspruch: Weil sie sich schämen, weil sie mit dem Papierkram nicht klarkommen oder weil sie resigniert haben und nichts mehr erwarten vom Rest der Gesellschaft.
Reiche hingegen haben sich in ganz anderem Umfang aus den öffentlichen Kassen bedient. Der Volkszorn darüber hält sich freilich in engen Grenzen. Wenn ein Kavalier – erkennbar an der gepflegten Erscheinung – ein Delikt begeht, kann es ja nur ein Kavaliersdelikt sein. Er macht sich dabei selten die Hände schmutzig, denn seine Lobbyisten haben die Gesetze zu seinen Gunsten umschreiben lassen. Er hat Zeitungen und Fernsehsender gekauft, die für seine Interessen Stimmung machen. Und falls es doch mal brennt, handeln seine Anwälte einen vorteilhaften Deal mit der Staatsanwaltschaft aus.
Jesus fühlt sich unter den Armen weder fremd noch unwohl. So wie Pater Benigno Beltran, der 30 Jahre auf „Smokey Mountain“, dem Müllberg von Manila lebte. Bei Menschen, die in dem stinkenden, qualmenden Wust nach Metall und Plastik suchten, das sie verkaufen konnten; und dem, was noch essbar erschien. Wenn Beltran mit dem Bus in die Stadt fuhr, blieb der Platz neben ihm oft leer: Der strenge Geruch haftete seinem Ordensgewand an.
Der schwelende Müllkippe mit ihren giftigen Dämpfen erinnerte ihn an das Feuer und den Schwefeldampf der biblischen Apokalypse. Auf dem Müllberg zeigt sich die Kluft zwischen arm und reich in aller Deutlichkeit: Die Reichen produzieren den meisten Abfall und die Armen bekommen die Folgen zu spüren. Beltran schreibt:
„Hinter jedem Stück Plastik auf der Müllkippe liegt das ganze Universum. In der stickigen Hitze des knisternden Infernos, dem tödlichen Geruch, dem ständigen Dröhnen der Müllautos, die ihre Ladung erbrachen, wurde ich daran erinnert, dass Smokey Mountain eine Metapher ist für eine Welt, die völlig aus den Fugen ist.“ (Faith and Struggle on Smokey Mountain, S. 10)
Ein Inferno. Auch Jesus scheint in diese Richtung zu denken. So geht seine Geschichte weiter:
Dann starb der arme Mann, und die Engel trugen ihn in Abrahams Schoß. Auch der Reiche starb und wurde begraben. Im Totenreich litt er große Qualen. Als er aufblickte, sah er in weiter Ferne Abraham und Lazarus an seiner Seite. Da schrie er: ›Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir! Bitte schick Lazarus, damit er seine Fingerspitze ins Wasser taucht und meine Zunge kühlt. Ich leide schrecklich in diesem Feuer!‹
Der Tod setzt für beide, für den Reichen wie für Lazarus, alles auf Null. Was bisher war, ist aus und vorbei. Jesus bedient sich hier großzügig bei Vorstellungen der Volksfrömmigkeit. Ein bisschen so wie die Witze, in denen jemand an die Himmelstür klopft und von Petrus hereingelassen wird – oder nicht. Der „arme Mann“ wird von Gottes Engeln dahin eskortiert, wo alle Israeliten herkommen: in „Abrahams Schoß“. Da findet er Ruhe und Geborgenheit. Da lebt er auf.
Der Reiche erhält noch ein standesgemäßes Begräbnis und wandert ins Totenreich – die Unterwelt, das Inferno, die Müllkippe der Geschichte. So weit keine große Überraschung für alle, die Jesus zuhören. Reichtum, Geiz und Egoismus, das haben schon seit Jahrhunderten die jüdischen Propheten angeprangert. Amos etwa beschimpft die High Society Israels als gefräßige fette Kühe. Ein Ausgleich ist überfällig.
Wasserträger und Extrawürste
Aber nun fängt der Reiche an zu verhandeln. Er bittet den guten alten Abraham darum, seine Qualen zu lindern. Auf einmal kennt auch er den Namen des Armen, für den er zu Lebzeiten keinen Finger krumm gemacht hatte. Schick’ doch den Lazarus, damit er mir ein bisschen Abkühlung verschafft.
Wasser herbeibringen, das können die Armen gut. Auf Smokey Mountain, erzählt Beltran, mussten die Frauen zu Fuß weite Wege zurücklegen, um Trinkwasser für ihre Familien zu kaufen und mühsam heimzuschleppen. Und teuer war es auch noch: Sie zahlten zehnmal so viel wie die Reichen in ihren Villenvierteln.
Mir scheint, der Reiche aus Jesu Geschichte/der Geschichte von Jesus lebt immer noch ein bisschen in jener Welt, in der Arme die Wasserträger sind. Wo ihm seine Dienstboten die Wünsche von den Augen ablesen. Oder wenigstens seinen Anweisungen folgen. Im Grunde ist es ja auch ein Sonderwunsch, der sich an Gott richtet.
Doch Abraham antwortete: ›Kind, erinnere dich: Du hast deinen Anteil an Gutem schon im Leben bekommen – genauso wie Lazarus seinen Anteil an Schlimmem. Dafür findet er jetzt hier Trost, du aber leidest. Außerdem liegt zwischen uns und euch ein tiefer Abgrund. Selbst wenn jemand wollte, könnte er von hier nicht zu euch hinübergehen. Genauso kann keiner von dort zu uns herüberkommen.‹
Mit spürbarem Bedauern erklärt Abraham dem Reichen, warum sein Wunsch nicht erfüllt werden kann. Als wäre der ein Kind, das alle seine Süßigkeiten schon gegessen hat und nun ein Auge auf die Schokolade wirft, die sich sein sparsamer Bruder aufgehoben hat: Du hattest Deinen Anteil, jetzt ist Lazarus auch mal dran.
Und dann verweist Abraham auf den Abgrund zwischen beiden: Da gab es die Kluft im Herzen, als der Reiche zu Lebzeiten dachte: Was geht mich der Arme an? Dann die Kluft im Kopf, als der Reiche den Armen selbst im Jenseits noch für seine Zwecke einspannen will. Und nun erweist sich der Abgrund zwischen denen, die Leid erfahren, und denen, die es verursachen oder ungerührt geschehen lassen, als unüberwindbar.
Aber der Reiche lässt seinen Anspruch auf bevorzugte Behandlung nicht einfach fallen. Es geht ja nichts über einen guten Draht nach ganz oben. Diesmal nicht für ihn persönlich, aber für seine Angehörigen. Einen derart selbstlosen Wunsch wird ihm der gute Abraham doch bestimmt nicht abschlagen?
Da sagte der Reiche: ›So bitte ich dich, Vater: Schick Lazarus doch wenigstens zu meiner Familie. Ich habe fünf Brüder. Lazarus soll sie warnen, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen!‹ Aber Abraham antwortete: ›Sie haben doch Mose und die Propheten: Auf die sollen sie hören!‹ Der Reiche erwiderte: ›Nein, Vater Abraham! Nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie ihr Leben ändern.‹ Doch Abraham antwortete: ›Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören – dann wird es sie auch nicht überzeugen, wenn jemand von den Toten aufersteht.‹
Reiche bekommen keine Extra-Einladung in den Himmel. Abraham bleibt dabei. Alles, was es zu sagen gibt, ist gesagt. Die Reichen kennen die Gebote Gottes und die Mahnungen und Warnungen der Propheten. Und so wiederholt auch Jesus nur das, was andere vor ihm gesagt haben. Freilich in einer neuen Dringlichkeit: »Glückselig seid ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.« Und umgekehrt: »Wehe euch Reichen! ihr habt euren Trost schon erhalten.«
Harsche Worte – harte Realität
Warum ist Jesus, der mit allen möglichen Leuten so barmherzig umgeht, bei den Reichen so kompromisslos? Und warum hält er, der Freund der Armen, sich in dieser Geschichte so lange mit dem Reichen auf?
Die Antwort auf diese Frage hilft uns ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, wir seien eine Firma mit 100 Leuten, die gerade 100.000 Euro Gewinn gemacht hätte. Und dann bekommt aus irgendeinem Grund der Mitarbeiter, der jetzt schon am meisten verdient, 81.000 von den 100.000 Euro als Bonus. Die restlichen 19.000 Euro würden unter die anderen 99 verteilt, die genauso hart gearbeitet haben wie er. Aber deren Leistung spielt kaum eine Rolle. Wer würde da noch lange und gern arbeiten?
Die Wahrheit ist: Wir alle arbeiten da, denn das ist Deutschland. Das sagt eine Studie von Oxfam, die im Januar veröffentlicht wurde: Vom Vermögenszuwachs, der 2020 und 2021 bei uns in Deutschland erwirtschaftet wurde, entfielen satte 81 Prozent auf das reichste eine Prozent der Bevölkerung. Der überschaubare Rest wird – ungleich natürlich – unter allen anderen verteilt.
Hinzu kommt, dass Reiche auf ihre riesigen Kapitalgewinne meist deutlich weniger Steuern zahlen als Normalverdiener auf ihren Lohn. Die Bundesregierung sagt zwar, sie möchte den Armen helfen. Aber sie will den Reichen auf keinen Fall etwas wegnehmen – etwa durch angemessene Steuersätze auf deren stattliches Vermögen. Die Spielräume im Staatshaushalt reichen längst nicht mehr aus, um die Armut im In- und Ausland wirksam zu bekämpfen. Und freiwillige Spenden sind sicher ein Segen, aber auch da können immer weniger von uns aus dem Vollen schöpfen.
Kein Wunder, dass sich die Armut ständig weiter verschärft. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist mittlerweile arm. Jedes fünfte hat beispielsweise kein eigenes Zimmer, keinen Rückzugsort für Schularbeiten oder bekommt seltener ausgewogenes Essen. Und wenn andere Kinder in der Klasse vom exotischen Urlaub oder ihrem Pferd erzählen, steht es beschämt daneben.
Das stinkt doch zum Himmel!
Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte
Wahrscheinlich war die Mehrzahl der Zuhörer Jesu weder reich im Sinne des einen Prozent noch völlig mittellos wie Lazarus. Vermutlich sind auch die meisten von uns irgendwo zwischen diesen Extremen. Was hat die Geschichte uns Durchschnittsverdienern zu sagen?
„Die Wahrheit liegt in der Mitte“ ist eine Redensart, die häufig strapaziert wird. Jesus erinnert uns daran, dass die ganze Wahrheit über die Welt damals und heute nicht zu erfassen ist ohne den Blick auf die Extreme, die er hier schildert.
Den Armen gegenüber spüre ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir besser geht, und weil das reine Glückssache ist. Wäre ich an einem anderen Ort in eine andere Familie hineingeboren worden, sähe es womöglich ganz anders aus. Manchmal beruhige ich mein Gewissen, indem ich etwas spende. Aber ich weiß, dass das allein die Not der vielen nicht wesentlich lindern wird.
Und diese Hilflosigkeit ist das andere Problem: Wenn ich es mit Armen zu tun bekomme, wäre ich gern tatkräftig und kompetent. Ich würde ihre Probleme gern lösen, damit es ihnen endlich besser geht. Naja, wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich in diesem Momenten auch, dass es mir selbst besser geht. Wäre ihr Leid ein bisschen erträglicher, würde ich es in ihrer Nähe bestimmt besser aushalten. Doch so lange ich die Not nicht ändern kann – wenigstens nicht von heute auf morgen –, will ich nicht ständig mit meiner Ohnmacht und meinen Grenzen konfrontiert werden.
„Ich scheiss dich sowas von zu mit meinem Geld…“ Wie sicher kann ich sein, dass dieser legendäre Satz von Mario Adorf aus „Kir Royal“ nicht auch auf mich zutrifft? Als Normalo gerate ich nicht nur Armen, sondern auch Reichen gegenüber in Verlegenheit. Die Bilder und Videos von ihrem Hochglanz-Lebensstil zeigen irgendwann Wirkung. Als einer, dem es deutlich besser geht als vielen Armen, möchte ich mir ja nicht nachsagen lassen, ich würde eine kleinliche „Neiddebatte“ – so das beliebte „Argument“ bestimmter Politiker – vom Zaun brechen: Die Armen nur deshalb vorschieben, um selber mehr vom Kuchen zu kriegen.
Während ich meinen inneren Aufruhr betrachte, denke ich noch einmal an Pater Benigno Beltran. Er schreibt von der ständigen Versuchung, sich von Smokey Mountain zurückzuziehen. Und erklärt, warum er ihr nicht nachgab:
„Viele Leute haben mich gefragt, warum ich mich entschieden habe, auf Smokey Mountain zu bleiben. Sie unterstellen dabei, dass ich eine Wahl hatte. Ich erzähle ihnen dann immer: […] Ich bin nicht auf den Smokey Mountain gezogen, um die Müllsammler zu retten. Ich ging da hin, damit die Müllsammler mich retten.“ (Faith and Struggle on Smokey Mountain, S. 4)
Er hat entdeckt: Den Bezug zu den Armen zu verlieren heißt, den Bezug zu Gott zu verlieren. Und damit einer Hölle näher zu kommen, die nicht aus Pech und Schwefel besteht. Sondern aus nicht enden wollendem Kreisen um sich selbst, unstillbarer Angst und der Unfähigkeit, sich noch über irgendetwas richtig zu freuen.
Mut zum Aufmachen
Aber nun steht Jesus da und sagt ganz unverblümt: Reich Sein ist leider kein harmloser Sport, sondern ein gravierendes Problem. Es ist auch für die Reichen schlecht. Und für die Armen, für das Gemeinwesen, die Demokratie – für das Klima und die Natur sowieso. Hat Gott dem Reichen Lazarus vor die Tür gelegt, um ihn zu retten?
Denn arm sein ist kein Makel. Arme wünschen sich in der Regel auch kein Mitleid, sondern Respekt. Sie möchten nicht Objekt gut gemeinter Hilfsaktionen sein. Echte Begegnung auf Augenhöhe, aber dazu muss ich mich aufmachen, raus aus der schrumpfenden Wohlstandsblase. Und dann können wir gemeinsam überlegen, was wirklich hilft. Jetzt, hier, in diesem Leben.
Aufmachen muss ich, wenn ich Jesus ernst nehme, auch meinen Mund. Zum krassen Missverhältnis von Reichtum und Armut hier und weltweit kann ich nicht schweigen. Gewiss, Reden allein ändert noch nichts. Aber es wird sich erst recht nichts ändern, wenn wir verlegen und verschämt still halten.
Vielleicht beginnt dieser Mut zum Aufmachen im Gebet. Wenn ich Gott als den Gott der Armen anspreche, so wie Graham Kendrick in „God of the Poor“: Gott der Armen, Freund der Schwachen, lass Tränen wie Regen fallen und mache aus dem Funken unserer Liebe ein Feuer. Hier ist der Song mit einer Einleitung vom Meister persönlich…
Ob die Verstorbenen wohl sehen können, was wir Lebenden so anstellen? Freuen sie sich mit, sind sie traurig oder ärgern sie sich vielleicht über uns? Für Menschen, die nicht der Meinung sind, dass mit dem Tod alles aus ist, ist das ja eine spannende Frage.
Wenn ein Angehöriger stirbt, erzählen Eltern ihren Kindern manchmal, der Opa sei jetzt so eine Art Engel, der auf sie acht gibt und sie beschützt. Ich kann den Wunsch und das Tröstliche hinter dieser Vorstellung gut verstehen. Vor ein paar Wochen ist mein eigener Vater gestorben. Auch er hat sich immer sehr dafür interessiert, wie es uns Kindern und Enkeln denn geht. Sitzt er jetzt gerade vor seiner himmlischen Webcam und schaut mir zu?
Aber vielleicht sind wir Lebenden ja gar nicht so interessant, wie wir meinen. Vielleicht trifft mein Vater da, wo er jetzt ist, alle möglichen Leute, die er schon immer mal kennenlernen wollte. Vielleicht unternehmen sie gemeinsam spannende Sachen und die Zeit vergeht wie im Flug. Und abends vor dem Schlafengehen schaut er nochmal in den himmlischen Nachrichtenticker, ob es heute etwas Wichtiges von uns zu berichten gab.
Eigentlich wünsche ich ihm, dass es so ist. Und uns allen auch.
Zum einen waren das Judith Butlers Gedanken über Gewaltlosigkeit, in denen sie das Kriterium der „Betrauerbarkeit“ eingeführt hat. Manche Opfer von Gewalt und Zerstörung werden betrauert, andere sind anscheinend unsichtbar oder bedeutungslos. Ihnen kann folglich Gewalt angetan werden, ohne dass man dafür zur Rechenschaft gezogen wird.
Die andere große Lernerfahrung war die Vorlesungsreihe von Timothy Snyder über die Geschichte der Ukraine. Sie ist in 23 Teilen auf Youtube zu sehen, und er nimmt darin ständig Bezug auf den Krieg, der dort gerade tobt, und dessen ideologische Rechtfertigung durch die russische Seite: Die Ukraine sei kein richtiges Land und sei es nie gewesen, sie habe nur unter russischer Führung eine Daseinsberechtigung, sie sei korrupt und/oder faschistisch, Teil einer jüdischen/liberalen/westlichen Weltverschwörung gegen das heilige Russland, das seinerseits Erbin des Byzantinischen Weltreichs und Bewahrerin des wahren Christentums sei.
Deutschland, sagt Snyder, hat zwar bei der Aufarbeitung der Shoah viel geleistet, aber die imperialen und kolonialen Aspekte beider Weltkriege im Blick auf Osteuropa und ganz besonders die Ukraine blieben unterbelichtet. Ebenso wie die Tatsache, dass sehr viel mehr osteuropäische als deutsche Juden ermordet wurden. Und die Aussöhnung mit der UdSSR ließ das Unrecht, das Deutsche und Russen den anderen Osteuropäern (Polen, Ukrainer, Balten…) gemeinsam oder je für sich zugefügt haben, weitgehend unerwähnt. In dem Video unten fasst Snyder das alles griffig und nachvollziehbar zusammen.
Diese Woche ist Holocaustgedenktag, da kommt dieser Schmerz (und seine jahrzehntelange Verdrängung) wieder in den Blick. Nicht betrauertes, verschwiegenes und vertuschtes Leid begünstigt offenbar neue Katastrophen. Wiedemann skizziert zu Beginn des Buches die Verwicklungen und Verbindungen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Den hatten die Siegermächte England und Frankreich auch deshalb gewonnen, weil sie Truppen aus ihren Kolonien in Afrika und Asien einsetzten.
Omar Sy, den meisten von uns eher durch Action und Komödien bekannt, hat sich des Themas in seinem aktuellen Film Tirailleurs angenommen:
Als diese Kämpfer in ihre Heimat zurückkehrten, hofften sie mit Recht, dass das erstrittene Selbstbestimmungsrecht der Völker demnächst auch für sie gelten würde. Aber ihre Unabhängigkeitsbestrebungen wurden brutal unterdrückt. Frankreich etwa setzte dafür die Fremdenlegion ein. Einen Großteil der Legionäre hatte man nach Kriegsende aus deutschen Kriegsgefangenen rekrutiert. So kam es dazu, dass viele Menschen aus den Kolonien, die Frankreich von Hitlers Truppen befreit hatten, von deutschen Söldnern im Auftrag ihrer Kolonialherren mit Kriegsverbrechen überzogen wurden. Sie erlebten genau das, was sie in Europa bekämpft hatten. Kein Wunder also, dass damals immer wieder Parallelen zwischen dem Algerienkrieg und dem Zweiten Weltkrieg gezogen wurden.
Um solche Verkettungen bewusst zu machen und hoffentlich auch zu unterbrechen, ist es wichtig, sich Rechenschaft zu geben über die „Ökonomie der Empathie“, wie Wiedemann es nennt. Da existieren vielfach blinde Flecken. Im Nachkriegsdeutschland haben wir so lange das eigene Leid in den Vordergund gerückt, dass die Aufarbeitung des Holocausts und deutscher Kriegsverbrechen erst nach Jahrzehnten in Gang kam. Nicht eingeschlossen waren lange Zeit russische Kriegsgefangene, noch etwas länger Sinti und Roma. Und mit den Verbrechen der Kolonialzeit haben wir Deutsche uns sehr viel mehr Zeit gelassen.
Das Gemeinsame all dieser Taten liegt für Wiedemann darin, „den Anderen … aus dem gemeinsamen Menschsein auszuschließen“. Wiedemann erinnert daran, dass es im Blick auf die Shoah eine innerjüdische Debatte zwischen Simon Wiesenthal und Elie Wiesel gab. Wiesenthal wollte die Erinnerung an das eigene Leid in dem Zusammenhang des Leidens anderer Gruppen und Ethnien stellen, Wiesel lehnte das ab und setzte seine Position durch, dass jeder Vergleich eine inakzeptable Relativierung dieses singulären Verbrechens darstellt. Aber Vergleiche werden ständig angestellt und nicht alle sind so empörend und unangemessen wie die Judensterne auf Querdenker-Demos.
Zur Mitte des Buches zieht Wiedemann eine Art Zwischenfazit mit einem Zitat von Fabian Wolff:
Nur wenn die Shoah nicht als hermetisch versiegelter Fakt außerhalb jeder Geschichte verstanden wird, sondern als radikalste Konsequenz einer gewalttätigen Aussonderung und Unterwerfung, als Teil von historischen Prozessen, die nicht 1933 begonnen und nicht 1945 aufgehört haben und in denen es nicht nur um Jüdinnen/Juden und Deutsche geht, kann die Erinnerung an sie die Grundlage dafür sein, dass Auschwitz nie wieder sein wird, egal für wen."
Der Bundestag erinnert diese Woche, 27 Jahre nach Einführung des Holocaust-Gedenktages, in seiner Feierstunde erstmals an die Gräueltaten gegenüber queeren Menschen. In der Aufarbeitung von Völkermord, Staatsterror und Totalitarismus muss die Anerkennung des Leids der unterschiedlichen Gruppen Betroffener jedes einzelne Mal mühsam erkämpft werden, schreibt Wiedemann. Sie erzählt dazu reichlich Beispiele. Wenn es aber einmal geschafft ist, wenn das Gedenken einen Ort und eine Gestalt bekommen hat, dann wundern sich alle, warum es so lange gedauert hat.
Ich bin gespannt, was die zweite Hälfte des Buches noch an Einsichten bringt.
Als am vergangenen Samstag die Sonne aufging – ich war schon wach und hatte wenig geschlafen – war draußen alles von einer dicken Schneeschicht überzogen, die den Lärm der Stadt dämpfte. Die Stille, die über Nacht vom Himmel gefallen war, tat gut. Meine Gedanken gingen zurück zum Vortag, als sich die Familie am Totenbett meines Vaters im Forchheimer Klinikum versammelte. Zwei Tage zuvor sollte er noch entlassen werden, dann verschlechterte sich sein Zustand wieder. Meine Mutter und Schwester hatten ihn am Nachmittag noch besucht, dann war alles ganz schnell gegangen.
Aber sie hatten sich noch einmal gesehen. Und ihm ein Bier mitgebracht, das hatte er sich gewünscht. Und zwei Wochen zuvor hatte er mit Freunden noch einmal Unterlaimbach besucht, den Ort seiner Kindheit. Väter und Söhne, Vergangenheit und Zukunft. Ich erinnerte mich an „In the Living Years“ von Mike Rutherford und B.A. Robertson. Ein Song über eine verfahrene Vater-Sohn-Beziehung und einen verpassten Abschied. Da heißt es:
„Ich weiß, ich bin ein Gefangener all dessen, was meinem Vater am Herzen lag, ich weiß, ich bin eine Geisel seiner Hoffnungen und Ängste.“
Wir müssen uns alle mit dem auseinandersetzen, was unsere Eltern an- und umgetrieben hat. Das prägt uns als Kinder, bevor wir es reflektieren können. Freilich, ein Gefängnis muss es nicht zwingend sein (oder bleiben). Werfen wir also zusammen einen Blick auf das, was ihm am Herzen lag. Ich möchte das unter ein Wort aus dem 2. Timotheusbrief stellen:
Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. (2.Tim 4,7)
Beginnen wir mit der Treue
Mein Vater Udo war ein konservativer Mensch. Er lebte in dem Bewusstsein, dass ihm ein Erbe anvertraut war, das es zu bewahren gilt. Den Vätern und Müttern, Kindern und Enkeln gegenüber empfand er eine Verpflichtung. Die eigene Person machte er demgegenüber nur selten und zögernd zum Thema. Fragen nach seinen Gefühlen beantwortete er oft, indem er auf Sachthemen auswich. Je nach Tonlage dieser Exkurse konnte ich dann rückschließen, ob es ihm eher gut ging oder schlecht. Dann wieder gab es seltene Momente der Rührung, gern in Gottesdiensten, wo er sich eine Träne aus den Augen wischte und ihm die Stimme stockte. Aber insgesamt hatte er eine Scheu vor dem Subjektiven, das er für unzuverlässig hielt. Meine Kinder verblüffte er mit der Aussage, er lese keine Romane (und erst recht keine Fantasy-Literatur, die sie meterweise verschlangen), das sei doch alles „erstunken und erlogen“.
Das Konservative, die Suche mit der Vernunft nach dem Objektiven, hatte er von seinem Vater. Die beiden haben am gleichen Tag Geburtstag. Er kam 1938 als zweites Kind auf die Welt, was bedeutete, dass der Platz an Muttis Seite im elterlichen Bett vom großen Bruder schon belegt war, und er beim „Vati“ Unterschlupf fand.
Den Vätern und Vorfahren also galt sein Eifer mit zunehmender Tendenz. Er litt, wie wir scherzhaft sagen, am „Buirette-Syndrom“: Seine Enkel beglückte er mit Büchern über Jung-Stilling oder eben den Hugenotten Isaac Buirette von Oehlefeldt, der Ende des 17. Jahrhunderts in Erlangen ein Palais und eine Brauerei errichtete und dessen Familie als Wohltäter der Erlanger Neustadt in die Geschichte einging. Die Buirettes sind in der Altstädter Kirche beigesetzt, in der meine Eltern (freilich ohne das schon zu wissen) 1964 geheiratet haben. Meine Mutter hatte ihr Abitur im Marie-Therese-Gymnasium gemacht, das die Geschwister Vömel (Ur-Urgroßtanten meines Vaters, auch das wussten die beiden damals noch nicht) gegründet hatten.
Ahnen, Erbe und Geschichte, Erlangen ist voll davon…
Ich habe den Lauf vollendet
Für einen konservativen Menschen ist der Lauf der Zeit, der Fortschritt, die Bewegung und das Neue eine zwiespältige Sache. Als Vor-Achtundsechziger waren ihm revolutionäre Brüche und Tendenzen eher suspekt. Wie weit darf man sich von den Wurzeln entfernen? Neugier hilft, die hatte ihn schon zum Theologiestudium gebracht. Er wollte sich sein eigenes Bild machen von Gott, Gottes Willen und Reich. Er wollte der Wahrheit auf den Grund gehen. Die Wurzeln freilegen. Und damit war er nie fertig. Aus dem Studium hat er von Günter Bornkamm und Edmund Schlink erzählt, im Ruhestand hat er dann Moltmann gelesen, mit der Allversöhnung geliebäugelt und sich für die Umwelt-Enzyklika „Laudatio Si“ von Papst Franziskus begeistert. Und als der Konservativismus in Deutschland unter Horst Seehofer fremdenfeindlich wurde, wählte er grün. Die Erde muss vor der Zerstörung bewahrt werden, und das Recht der Schwachen gegenüber den Starken gewahrt.
Er hat sich etwas sagen lassen, er hat Positionen überdacht und verändert. Das unterscheidet ihn von jenen sprichwörtlichen, dauergekränkten „alten weißen Männern“, die keinen Widerspruch ertragen und ständig in aller medialen Öffentlichkeit darüber klagen, dass ihre Meinung – und natürlich sprechen sie immer für die schweigende Mehrheit! – angeblich unterdrückt wird.
Für einen Menschen seiner Generation hat er einen weiten Weg zurückgelegt. Und jetzt ist der lange Lauf vollendet. Andere sind in seine Fußstapfen getreten und nun schauen wir, wohin uns der Geist Gottes und der Zustand der Welt ruft und treibt.
Ich habe den guten Kampf gekämpft
Der Kampf, von dem Paulus schreibt, ist kein Krieg. Eher ein Ringkampf oder Wettkampf. Etwas Sportliches, so wie der Langstreckenlauf, den wir gerade hatten. Nun war mein Vater kein passionierter Sportler, außer dass er am Samstag seine Sportschau sehen wollte. Er war eher gemächlich unterwegs, die legendären Radtouren aus seiner Jugendzeit vielleicht ausgenommen.
Über den jungen Udo verfasste 1959 eine Graphologin – ich vermute im Auftrag seiner Mutter, die ein Faible für solche Dinge hatte – ein hochgradig spekulatives „Charakterbild“ aufgrund einer Schriftprobe. Ich fand es gestern zufällig. Neben manchen schwurbeligen Passagen las ich dort Sätze, die beim Lesen eine gewisse Resonanz hervorriefen:
„Er geht vorsichtig über die Erde, bildlich gesprochen – verbirgt sich ganz gerne, um umso besser die Wirklichkeit sehen und hören zu können.“
„Seine Natur versteht sich enorm einzuschränken, was materielle Bedürfnisse anbelangt. Und es schadet ihm nicht im Geringsten. Er lebt genauso glücklich, als wenn er in besonderer Wohlhabenheit dahinleben würde“.
„Sein Gerechtigkeitssinn ist gut entfaltet. Er selbst steht sich selbst gut beobachtend gegenüber, aber ohne Zwang. Das macht ihn aufgelockert und zugänglich zur Umwelt.“
„Er erfährt jeden atmosphärischen Druck und Gegendruck, weil er ungemein sensibel im Dasein steht … Er bedarf eines guten Bodens, geistig gesprochen. Und wo er diesen entbehren muss, sinken seine Kräfte.“
Und: „Er hat die Fähigkeit, sich mit dem Göttlichen zu verbinden, ohne das selbst zu wollen. Er ist dafür geboren.“
„Sportlich“ und robust in der Sache war sein Diskussionsstil. Er konnte Redebeiträge und Meinungen anderer schon mal als „Unfug“ vom Tisch wischen. Seine Schwiegermutter hat das Diskutieren der Aschoffs immer als Streiten missverstanden und gescheut, dabei ging es ihm nie um ein Zerwürfnis, sondern strikt um die Sache. Freilich – das Wetteifern und Konkurrieren lag schon auch ein bisschen an der Herkunftsfamilie.
Wer zu früh kommt…
Wahrscheinlich aber haben viele beim Stichwort „Kampf“ an den Kirchenstreit gedacht, in den er vor knapp 30 Jahren hineingeraten war. So richtig hochgekocht ist alles durch einen „Offenen Brief an die Kirche“, den mein Vater schrieb. Seine Vorschläge von damals würden heute keine großen Wellen schlagen. Ein paar Zitate:
„Offensichtlich ist die Struktur des alten volkskirchlichen Angebots an eine Grenze gekommen, die eine Überprüfung und Ergänzung notwendig erscheinen lässt.“ Oder „Die Einheit der Kirche besteht nicht in einer möglichst großen Übereinstimmung in liturgischen oder organisatorischen Formen, sondern in dem einen Herrn Jesus Christus“. Er warb für unterschiedliche Prägungen und Profile in bestehenden und noch zu gründenden Gemeinden.
Vor einem Monat entfaltete Uta Pohl-Patalong vor den Nürnberger Pfarrer:innen ihre Vision von Kirche und sprach dabei von „Kirche als Netz unterschiedlicher kirchlicher Orte“, über „spirituelle Ausstrahlungskraft“ und eine „Kultur des Experiments, der Wertschätzung und der Fehlerfreundlichkeit“. Und die ganze Landeskirche übt sich, passend dazu, in „Profil und Konzentration“. Damit hätte er gut leben können.
Aber vor 30 Jahren waren wir noch nicht so weit. Das Leben bestraft nicht nur den, der zu spät kommt, sondern auch den, der zu früh kommt. Wenn man zu früh mit einer Idee um die Ecke kommt, muss man sehr empathisch und diplomatisch sein. Und das war er nie. Seine Sprache war unverblümt, seine Neigung zu Ironie und Provokation kam nicht bei allen gut an, und übertriebenen Respekt vor Autoritäten konnte man ihm auch nicht nachsagen. In der Landeskirche tobte gerade ein heftiger Streit zwischen „Liberalen“ und Konservativen, auch diese Begleitmusik war nicht hilfreich. Aber die Forderung nach einer Liberalisierung der monolithischen Kirchenstruktur entstammte seinem konservativen Impetus: Es ging ihm um die Rettung der Kirche vor Bedeutungslosigkeit und Verfall.
Aber die Volkskirche wollte gar nicht gerettet werden. Viele sträubten sich kurz nach der Wende noch gegen die Erkenntnis, dass die Zeit stabiler Mitgliederzahlen und selbstverständlicher gesellschaftlicher Geltung zu Ende gehen könnte. Und in der Kirchengemeinde löste der offene Brief bei einigen die Sorge aus, dass der erste Pfarrer hier eine Trutzburg charismatischer Frömmigkeit errichten wollte, in der für nichts anderes mehr Platz ist. Das hatte mein Vater nicht kommen sehen, und die heftigen Reaktionen allenthalben trafen ihn unvorbereitet. Sich zu erklären oder gar zu verteidigen, fiel ihm schwer. Kränkungen und Verletzungen gab es damals auf allen Seiten, doch während andere dabei weitgehend anonym blieben, haftete ihm als öffentlicher Person der Makel des „Umstrittenen“ und der mit seinem Namen verbundenen Spaltung lange an. Druck und Gegendruck, sinkende Kräfte.
Er selbst wäre – auch das hatten viele nicht verstanden – am liebsten Gemeindepfarrer geblieben. In den ersten Jahren bei ELIA hat er für mein Gefühl immer noch zu seiner Brucker Gemeinde gepredigt. Es war dann ein weiter Weg, bis die Verletzungen verheilt und die neue Rolle gefunden war. Die klassische charismatische Führungsgestalt, die emotionalisiert und mitreißt, das war er ja alles gar nicht. Auch das war eine harte Landung. Aber aus aller Verletztheit ging er am Ende nicht verbittert hervor. Die Opferrolle ist nicht an ihm hängengeblieben und er nicht in ihr. Das haben viele, die ihn von früher kennen, nicht mehr mitbekommen. Und deswegen ist es wichtig, davon jetzt noch zu erzählen.
Der Freiräumer
Ich muss noch einmal auf die Treue zu sprechen kommen. Mein Vater war – abgesehen von Theologie und etwas Politik – eigentlich gar nicht der Typ fürs Streiten. Um der Harmonie und des Friedens willen konnte er gut zurückstecken. Ins Leben von uns Kindern mischte er sich selten direktiv ein, er respektierte unsere Vorstellungen und Eigenarten. Meine Schwester Andrea hat es treffend formuliert:
„Du warst nachgiebig und freundlich, Du hast es nicht nötig gehabt, Schwächen zu vertuschen, und du hast Deine Stärken nicht an die große Glocke gehängt. Du warst bescheiden, humorvoll und belesen.“
Er war nicht der große Mentor, der andere an der Hand nimmt, und „Empowerment“ gehörte nicht zu seinem aktiven Wortschatz. Aber er war ein Freiräumer, der Platz schafft und lässt, den andere füllen können. Und das ist manchmal Gold wert. Ob Familie oder Gemeinde: Er fiel dir nicht in den Rücken, stattdessen hielt er ab und zu den Kopf für dich hin.
Bei ELIA war er, um der Nachwuchsförderung willen, viele Jahre lang ein äußerst großzügiger Spender. Auch da hat er sich bewundernswert zurückgenommen. Er hat Musikstile ertragen, die seinem ästhetischen Empfinden und seinem nachlassenden Gehör einiges zumuteten. Er hat unsere Experimente und alle Ideen, die nicht seine eigenen waren, nicht mit Unkenrufen und Besserwisserei torpediert. Und die Missionsprojekte mit Feulners in Yalova und Bine Vogel in Peru hat er stets mit herzlicher, intensiver, in fürbittendes Gebet getränkter Anteilnahme begleitet.
Und dann kamen da, eines nach dem anderen, die zwölf Enkel gepurzelt. Gern hat er mit ihnen Ausflüge gemacht (oft zur Erweiterung des Geschichtsbewusstseins), immer wieder war er als Babysitter gefragt, später dann als Latein-Nachhilfelehrer und schließlich stieg er als Pensionär auch noch in die Studienförderung ein, als die ersten die Schulen verließen. An den Höhen und Tiefen ihres Lebens hat er aufmerksam, zurückhaltend und immer wohlwollend Anteil genommen. Und über das letzte Jahr hat er sich gefreut, dass nun drei Urenkel mit im Haus wohnen.
So sind wir heute hier und betrachten sein Erbe. Eines, das nicht zur Last zu werden droht, weil es in Güte, Bescheidenheit, Mut und Großzügigkeit besteht. Er hat das unverwechselbar verkörpert und wir vermissen ihn. Aber es ist eben auch viel da, das gibt uns Hoffnung. Und ein paar Bilder werden unvergessen bleiben:
Wie er im Garten sitzt und ein Buch liest, während irgendwo Enkel und Urenkel spielen
Wie er seinen Ofen anschürt und sich die Flammen in seinem Gesicht widerspiegeln
Wie er seine Hasen versorgt
Wie er die vielen Kerzen bei „Gott im Berg“ früh anzündet und abends wieder ausbläst
Irgendetwas wird es auch im Himmel zum Anzünden geben. Da bin ich mir sicher.
Als der Prophet Nathan im Alten Testament einmal König David besucht, sagt er zu ihm: „Wenn sich deine Tage vollenden und du dich zu deinen Vorfahren legst…“ Diese Vorstellung hätte ihm gefallen. Die Tage und mit ihnen ihr Tagwerk sind vollendet. Die Ruhe beginnt. Und er ist bei denen, die uns vorausgegangen sind.
Vor genau 40 Jahren hat REO Speedwagon den Song „Keep The Fire Burning“ veröffentlicht. Vordergründig geht es da um eine romantische Beziehung mit viel Leidenschaft und ein paar Problemen. Aber als ich diese Woche so da saß und mir den Text Zeile für Zeile ansah, dachte ich: Man kann das auch anders hören.
Keep the fire burnin' Let it keep us warm The world will keep on turnin' Let it turn you on Let us not stop learnin' We can help one another be strong Let us never lose our yearnin' To keep the fire burnin' all night long
Mal angenommen, die Nacht, von der da die Rede ist, ist die Nacht von Krieg, Armut, Hass, Einsamkeit und was sonst noch aktuell die Hoffnung verfinstert. Und mal angenommen, dass „wir“ ist mehr als nur zwei frisch Verliebte. Nämlich alle, die sich von dieser Dunkelheit nicht unterkriegen lassen wollen.
Ja, die Welt dreht sich weiter, es kommen auch wieder bessere Tage, aber im Augenblick müssen wir das wärmende Feuer am Brennen halten. Damit wir uns dort versammeln können. Hier springt der Funke wieder über, hier kommt die Sehnsucht uns nicht abhanden. Wir stärken einander. Und wir lernen gemeinsam, wie wir verbunden bleiben, heil werden, Gutes bewirken.
In den Versen geht dann darum, dass wir uns ein bisschen fremd geworden sind und dass Redebedarf besteht, damit Vertrauen wiederhergestellt wird.
Und darum, dass Aufgeben zwar möglich wäre, aber keine ernsthafte Option darstellt. Auch wenn es mal hart auf hart kommt. Schließlich geht es darum, das Gute nicht aus dem Blick zu verlieren (vgl. Römer 12,2). Victoria Loorz schreibt passend dazu in Church of the Wild:
»Sich für einen Wandel einzusetzen, den wir innerhalb eines Menschenlebens kaum überblicken – aber wir haben ja nur eines! –, ist an sich schon schwierig. Du kommst an einen Punkt, an dem du Abstand nehmen musst, um wieder zu wissen, wer du bist. Und wofür du kämpfst.«
Klar, das ist wohl nicht die Intention, aus der heraus der Song geschrieben wurde. Aber man kann ihn mit dieser Intention gut singen. Am Sonntag probieren wir es mal aus.
(Danke für das Beitragsbild an Peter John Maridable on Unsplash)
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