Politische Theologie und das globale Schlamassel

Der Unterschied zwischen der politischen Theologie von Jürgen Moltmann, Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz u.a. und einer (neu)rechten politischen Theologie, die wieder bei Carl Schmitt anknüpft, liegt in der Differenz zwischen apokalyptischer und eschatologischer Orientierung:

Apokalyptiker sehnen den Endkampf zwischen Gut und Böse herbei. Eschatologiker hingegen sind von einer Theologie der Hoffnung erfüllt. Sie arbeiten nicht an der Apokalypse, sie verstehen sich vielmehr als geduldige Mitarbeiter am kommenden Reich Gottes.

Rolf Schieder in feinschwarz.net

Was das Motiv vom „Endkampf“ bewirkt, hat sich am Freitag in Christchurch gezeigt. Trotzdem ist das mit den Begriffen, die Schieder hier benutzt, so eine Sache. Wir haben es ja durchaus mit verschiedenen Apokalypsen zu tun: Die rechte Apokalypse ist der angebliche Verrat der globalen Eliten an Volk und Nation. Das rechtfertigt den Ausnahmezustand, fördert eine identitäre „Resakralisierung des Politischen“ und dient als „Radikalisierungsmanual“, erklärt Schieder. Sein Gegenmodell des „Eschatologischen“ trifft sicher auch auf die oben genannten Protagonisten zu, die politische Theologie in den Siebzigern sozial- und institutionenkritisch betrieben.

Fingierte und reale Apokalypsen

Ich bin trotzdem nicht ganz zufrieden mit dieser Differenzierung. Zumindest nicht im Blick auf die Gegenwart. Denn da reden wir ja nicht nur vom rassisch-völkischen Wahn und seinen halluzinierten Abendlandsapokalypsen, sondern von mess- und in groben Zügen auch berechenbaren Apokalypsen, die uns ins Haus stehen – wenn wir nicht gegen die Klimakatastrophe unternehmen, die schon längst im Gang ist. Wo buchstäblich die Elemente der Welt aufbegehren gegen menschliche Gier und politische Verantwortungslosigkeit. Hier ist Geduld ein problematischer Begriff, weil die Zeit tatsächlich drängt. Ungeduldige Beharrlichkeit ist da schon eher angesagt.

Politisch-kulturelle Veränderungen lassen sich umkehren, und viele arbeiten daran ja mit großem Eifer und in unterschiedlichen Richtungen. Sind ökologische Kipppunkte aber erst einmal überschritten, kommt jegliches Umdenken zu spät. Ulrich Beck bezeichnete das kurz vor seinem Tod in Die Metamorphose der Welt schon einmal mit dem Wort „Katastrophismus“. Damit verband er die Hoffnung, es könne ein emanzipatorischer Katastrophismus werden. Ob sie sich erfüllt, ist noch nicht entschieden.

Bruno Latour denkt das in seinem terrestrischen Manifest weiter und spricht vom geosozialen Zeitalter. Erdboden und Atmosphäre werden zu eigenständigen „Attraktoren“, die das Politische neu ausrichten. Und zwar quer zu alten Polaritäten wie konservativ/progressiv oder lokal/global:

„Die Frage stellt sich, ob mit dem Auftauchen und der Beschreibung des Attraktors des Terrestrischen politisches Handeln wieder sinnhaft und richtungsweisend werden kann – und so der Katastrophe zuvorkommt.“

Bruno Latour
Hier nehmen wir diesen Faden von Latour und Beck auf: Con:Fusion 2019

Ausnahmezustände

Entsprechend ist die auch Botschaft der Jugendlichen von Fridays for Future, die (verhältnismäßig junge) Politiker wie Christian Lindner oder Paul Ziemiak und ihre herablassenden Sprüche festgefahren und fossil aussehen lässt, eine Botschaft des Ausnahmezustands. Symbolisch wird das Thema Ausnahme an der Schulpflicht durchgespielt. Vor allem aber werden drastische Schritte eingefordert, um einen noch drastischeren Verlauf der schon im Gang befindlichen Katastrophe noch abzuwenden. Freilich mündet das, anders als bei Carl Schmitt und seinen neurechten Wiedergängern, nicht in den Ruf nach dem starken (und natürlich weißen) Mann. Der hat die Katastrophe mit seiner imperialen Lebensweise ja überhaupt erst herbeigeführt.

Haben sich Forscher, Volksvertreter und Aktivisten beim Klimawandel eher vornehm im Entdramatisieren geübt, während von Rechts Gefahren ebenso unablässig wie hemmungslos beschworen und dramatisiert werden? Viele waren besorgt, nicht zu radikal zu wirken. Die Auto-, Kohle- und Agrarlobby konnte ihr Wunschpersonal derweil in den einschlägigen Ministerien platzieren. Aber nun besteht die Hoffnung, dass der Widerstand lauter, breiter und entschlossener werden könnte.

Dem Schlamassel ins Auge blicken

Schieders Unterscheidung eschatologisch/apokalyptisch trifft also im Zeitalter der Verstockung auf die Frage nach dem „Woher“ zu. Sie greift aber noch zu kurz im Blick auf das „Wohin“. Da liegt noch Arbeit vor uns. Inspirierend erscheint mir etwa diese Analyse von Wolfgang Palaver. Von René Girard angeregt schreibt er über Wege, einer rechten Politik der Angst beizukommen. Er verweist auf eine Spiritualität, die Menschen dezentriert und damit Toleranz fördert, und einem „reiterativen Universalismus“, der Gott auf vielfältige Weise am Werk sieht in der Welt. Das lässt sich mit der Klima-Thematik gut verbinden.

Vielleicht möchten einige von Euch diesen Faden aufnehmen und weiterspinnen. Im September haben wir von Emergent Deutschland aus Con:Fusion 2019 geplant. Als kleinen Beitrag zur großen Aufgabe. Wir brauchen ja nicht nur eine neue Theorie, sondern wir müssen einander Mut machen. Und wir brauchen auch einen spirituellen Ort, wo Klage laut werden darf, Abstumpfung geheilt wird, so dass schließlich wieder Neues gedeihen kann.

Nicht nur in der Politik, auch in der politischen Theologie stehen wir vor neuen Aufgaben.

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Die Macht der Worte

Was Worte doch alles ausrichten: Gute Worte richten auf und machen Mut, geben Energie und sind der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: Liebeserklärungen, Komplimente, Aufmunterungen, oder gar Visionen wie die des Mose von Milch und Honig oder Martin Luther Kings Traum. Böse Worte zerstören Beziehungen, Vertrauen, Selbstwertgefühl, sie können uns sogar den Lebensmut rauben, wenn wir sie verinnerlichen.

Dass durch Worte etwas wird, was noch nicht war, das verbindet uns Menschen mit Gott. In der biblischen Schöpfungsgeschichte spricht Gott, und etwas wird, und Gott sieht dann, dass es gut ist. Am Anfang was das Wort: Er ruft die Welt und uns ins Leben. Jeder einzelne Mensch ist gewissermaßen so ein Wort Gottes. „Menschen“, hat Edward Schillebeeckx einmal gesagt, „sind die Worte, in denen Gott seine Geschichte erzählt.“

Ist ein Wort erst einmal in der Welt, dann führt es ein Eigenleben. Seit wir es aufschreiben und mitschneiden können, kann uns unser Wort vorauseilen. Es überlebt sogar unseren Tod. Es wandert durch die Welt der Gedanken und Gespräche und verändert sich dabei. Manchmal erkennen wir dann nicht wieder, was wir gesagt haben sollen. Auch da geht es Gott wie uns: Vieles von dem, was er meint, kommt gar nicht an oder eben ziemlich verzerrt. Seine Worte auf zwei Beinen gehen eigene Wege.

„Rede, dass ich dich sehe“, hat Sokrates einmal gesagt. Was sich im Innersten einer Person verbirgt, das kann nur die Person selbst sagen. Auch das gilt für Gott und Menschen gleichermaßen. Gott läuft durch den Garten und ruft „Adam, wo bist du?“. Er braucht weder Brille noch Fernglas. Aber Adam will sich nicht zeigen, sich nicht erklären, also schweigt er erst einmal.

Manche unserer Probleme mit einander entstehen daraus, dass wir uns im Schweigen verstecken. Sich zu offenbaren heißt, sich verwundbar zu machen. Andere können meine Aussage über mich selbst verdrehen, verspotten oder verreißen. Dann überlege ich mir ganz genau, was ich von mir preisgebe. Manchen Zeitgenossen steht ja quasi auf die Stirn geschrieben: „Alles, was sie sagen, kann gegen sie verwendet werden“.

Den vielen unzuverlässigen Worten dieser Welt setzt Gott das eine entgegen. Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, schreibt der Evangelist Johannes. Es bringt Gnade und Wahrheit in die Welt. Gott erlaubt uns, tief in sein Herz zu blicken. Sünden können bekannt werden, weil die Vergebung gewiss ist und die Verurteilung nicht mehr zur Debatte steht.

In der Bergpredigt lehrt uns das Wort, wie wir mit unseren Worten umgehen sollen:

Redet nicht abfällig. Die Gewalt der Worte ist an sich schon Gewalt und oft auch noch der Auslöser für die Gewalt der Füße und Fäuste. Wer andere beschimpft, disst, verletzt und niedermacht, ob auf Twitter, ins Gesicht oder hinter ihrem Rücken, der steht im Widerspruch zu Gott. Konkretes Verhalten kann und muss man sehr wohl kritisieren, Jesus tut das ja auch. Aber die Würde der Person muss erhalten bleiben und die Tür zur Veränderung und Versöhnung offen.

Das ist viel verlangt, und Jesus setzt noch eins drauf: „Richtet nicht!“ Schreibt keinen Menschen ab, schließt keinen aus der Gemeinschaft aus. Du wirst an deinen eigenen Worte gemessen werden. Also entscheide dich jetzt für Barmherzigkeit oder für Härte. Was du über andere sagst, fällt auf dich zurück. Deine Worte kehren zurück und zerren dich vor Gericht.

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Ein bisschen sind wir alle beschädigt durch das, was wir und andere gesagt haben. Manche brauchen viel Zeit und noch mehr Gespräche, um sich davon zu lösen, was ihnen unter die Haut gegangen ist.

Sprich nur ein Wort – das klingt wie das biblische Pendant zu dem Song von „Wir sind Helden“. Ein römischer Hauptmann bittet den jüdischen Heiler um Hilfe für seinen Diener. Und weil er die Macht der Worte kennt, reicht ihm ein Satz von Jesus. Du musst nicht zu mir nach Hause kommen. Gib mir bitte nur ein Wort.

Er bekommt es. Und ein Lob von Jesus obendrauf. So gut hatte das noch niemand verstanden mit den heilenden Worten.

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Askese auf Lutherisch

Lutheraner sind unter den Kirchen der Ökumene nicht als große Asketen bekannt. Andere mögen heftig fasten und büßen, wir scheuen eher den Verdacht der Werkgerechtigkeit oder den Vorwurf einer zur Schau gestellten Frömmigkeit. Und verzichten ganz demütig (freilich keineswegs demonstrativ!) aufs Verzichten.

Wobei – nicht ganz. Denn vor allem, wenn Altar und Kanzel lila tragen, während der Advents- und Passionszeit, verzichten wir auf das österlich-frivole Halleluja. Und das ist – überschwänglich und ausgelassen wie wir nun mal sind – wirklich verdammt hart für den gewöhnlichen Lutheraner, sich den Jubel über Wochen hinweg zu verkneifen.

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Wir wissen eben, was wirklich weh tut: Dieses kleine Wort zu verschweigen.

Aber nicht nur uns selbst gegenüber sind wir streng, sondern auch gegenüber Gott. Der ist ja der Adressat des entfallenden Halleluja. Ich frage mich manchmal, wie es ihm damit geht, dass wir auch mit auf seine Kosten fasten. Oder ob er sich still und heimlich ein bisschen amüsiert über unsere beeindruckende Enthaltsamkeit?

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Alltagsgebete (3): Blaulicht

Eine unregelmäßig wiederkehrende Situation in meinem Alltag ist das Geräusch des Martinshorns auf der Straße oder des Rettungshubschraubers im Anflug auf die Klinik. Eine dieser Unterbrechungen, die Anlass geben zum Gebet. Was hätten die alten Iren gesagt? Mein Stoßgebet fällt so aus:

Himmlischer Tröster und Beistand!
Blaulicht und Sirene ziehen vorüber
Rotoren schlagen gegen den Himmel.

Retter kämpfen um ein Leben,
die Zeit drängt
jeder Griff muss sitzen.

Schenke klare Köpfe,
beherztes Anpacken,
freie Bahn und Rettungsgassen.

Lass uns – Gaffer, Weggucker und Irritierte –
unsere Verwundbarkeit spüren
und sachte weitergehen.

Jemand weint.
Jemand hat Angst.
Jemand leidet Schmerzen.
Kyrie eleison.

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PS: Wer seine Kenntnisse in erster Hilfe auffrischen möchte, kann sich hier umschauen

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Sterngucker sehen mehr

Wir Stadtmenschen erhaschen nur ganz selten einen ungetrübten Blick auf den Nachthimmel. Im Hochgebirge, an der Küste und abseits der modernen Zivilisation gibt es das eher noch so wie in der Welt, in der Jesus lebte: Der Himmel ist klarer zu sehen. Und man hat, wenn man ohne Strom und Internet die Nacht nicht zum Tag macht, auch mehr Zeit, sich damit zu befassen. In Bethlehem, auf fast 800m Höhe und meist in trockener, klarer Wüstenluft muss der Anblick des Himmels für unsere Verhältnisse spektakulär gewesen sein.

Für die Menschen im Altertum war ganz selbstverständlich: Zwischen Himmel und Erde existiert ein Zusammenhang. Was oben passiert, hat mit dem zu tun, was unten passiert. Alles steht in Verbindung, alles kommuniziert. Das müssen wir heute erst wieder entdecken, dass die Atmosphäre (der „erste Himmel“) und die Erdoberfläche nicht Rohstoff oder Kulisse ist, sondern dass es Wechselwirkungen hin und her gibt (Simon de Vries schrieb diese Woche über Bruno Latour und sein Terrestrisches Manifest, in dem das eine große Rolle spielt).

Die Weisen (Mt 2,1-12) waren Sterndeuter, keine Esoteriker, sondern Intellektuelle der damaligen Zeit, die nicht unterschied zwischen Astronomie und Astrologie. Wir unterschieden das heute zu Recht. Außer Mond und Sonne haben die Himmelskörper keinen erkennbaren Einfluss auf das private und öffentliche Leben. Horoskope sind Humbug. Den Himmel sehen wir trotzdem gern an – ich komme später darauf zurück.

Sterne spielten anders als heute auch in der Politik eine Rolle. Im Jahr 44 v. Chr., kurz nach der Ermordung Cäsars, stand Berichten zufolge ein Komet am Taghimmel über Rom. Das Volk glaubte damals, Cäsar sei aufgenommen worden unter die Götter. Augustus sah es als günstiges Zeichen über die Spiele, die er zu der Zeit als Nachfolger und Erbe Cäsars abhalten ließ. Der Historiker Plinius kommentiert: „ …in seinem Innern aber war er mit Freude davon überzeugt, dass der Stern für ihn aufgegangen sei, und dass er mit ihm aufgehe – und zwar, wenn wir die Wahrheit sagen wollen, zum Heile der Welt.“ Ein Stern, ein Heilsbringer, eine neue Zeit.

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Der König kriegt die Krise

Aber nun, vierzig Jahre später, strahlt ein neuer Stern am Himmel. Weise machen sich auf den Weg – aus Persien oder dem Zweistromland – und kommen nach Jerusalem. Und wir erleben ein Drama mit vertauschten Rollen: Die Heiden haben lange vor Herodes und seinen Leuten kapiert, dass der Messias geboren wird.

Das jedoch wäre das letzte, was Herodes brauchen kann. Der hat weder einen Stern gesehen, noch Besuch von einem Engel bekommen, und wohl auch von ganz anderen Dingen geträumt: Prunkbauten, die seinen Namen tragen eventuell…

Herodes erwartet von dem kommenden Messias alles das, was er selber tun würde und worin er geübt war: einen blutigen Machtkampf. Im Übrigen hat er keine Ahnung vom voraussichtlichen Geburtsort des Messias. Er hält sich selbst für den Messias – oder möchte zumindest so gesehen werden. Dafür hat er den Tempel in Jerusalem prunkvoll erneuert, schöner und größer als je zuvor. Und nun herrscht er von Gottes – und mindestens so sehr von Augustus’ – Gnaden in Jerusalem. Mit harter Hand.

Daher der Schrecken. Wir wissen, was folgt: Blutvergießen im großen Stil.

Geschichte wiederholt sich

Herodes ist in dieser Erzählung des Matthäus der Schurke. Die größte Gefahr droht dem Messias also aus den eigenen Reihen. So weit ist es mit Israel gekommen.

Aber vielleicht ist das ja öfter der Fall: Den schlimmsten Schaden haben unserem Land die Nationalsozialisten zugefügt. Nicht die Russen, Franzosen oder Amerikaner.

Den schlimmsten Schaden haben den Kirchen nicht die Christenverfolgungen zugefügt, sondern machtgierige, prunksüchtige Kirchenfürsten, kontrollwütige Kleriker, verlogene und selbstgerechte Fromme.

Hier steht nun der wahre König der Juden gegen den falschen. Und der wahre Heilsbringer für den Erdkreis gegen den falschen.  All die Geschichten, die jetzt noch folgen, werden das entfalten. 

Dieser Messias „gehört“ nicht seinem Volk und auch keinem anderen. Er ist größer als der Gegensatz zwischen Juden und Heiden und die Konflikte, die daraus folgen. Er gehört auch nicht den christlichen Kirchen. Er ist niemandes Besitz. Wenn, dann verhält es sich genau umgekehrt. Wieviel darf er von mir haben, von uns, von dieser Welt?

Nochmal von vorn

Herodes tritt hier in die Fußstapfen des Pharao aus dem Buch Exodus. Auch der ließ um des Machterhalts willen kleine Jungs umbringen. Und Jesus ist der neue Moses, der dem Gemetzel entgeht, der in der Wüste verschwindet und als Prophet zurückkommt, um sein Volk in die Freiheit zu führen.

In Jesus nimmt Gott die Geschichte Israels auf, er rekapituliert sie und führt sie seinem großen Ziel entgegen. Die Weisen sind ein Hinweis darauf, dass wir uns dieses Ziel nicht zu klein vorstellen dürfen.

Wahre Weisheit

Herodes ist also nicht das Vorbild in dieser Geschichte, die Weisen sind es. Sie machen eine ganze Menge richtig. Das zum Beispiel:

  • Sie suchen Gott (bzw. den Messias / die Wahrheit) um seiner selbst willen, ohne ihn für sich vereinnahmen zu wollen.
  • Sie hören auf ihre jüdischen Kollegen, die Schriftgelehrten und führen (so würden wir das heute sagen) ein respektvolles, fruchtbares interreligiöses Gespräch.
  • Sie bringen Geschenke, ohne sie mit Erwartungen zu verbinden. Ein Neugeborenes hat ohnehin nichts, was es zurückgeben könnte.
  • Sie denken nicht nur analytisch, sondern sie stehen auch in gutem Kontakt mit ihrem Inneren. So können sie aus Träumen die richtigen Schlüsse ziehen. Sie lassen Jerusalem und Herodes links liegen und gefährden das Kind nicht.

Wir haben heute keinen Stern am physischen Himmel, der uns hilft bei der Suche nach Gott. Aber wir haben unsere Sehnsucht als Kompass. Es könnte sich lohnen, ihr zu folgen. Sehnsucht nach dem Wahren, Schönen und Guten (für die Intellektuellen und Ästheten), nach Frieden und Gerechtigkeit (für die Aktivisten), nach der Heilung der Welt (für die Leidenden und Mitfühlenden) kann uns auf die richtige Spur bringen.

Und weil auch uns Aufgeklärte mit all der Naturwissenschaft im Hinterkopf der Blick zu den Sternen, wenn sie mal wieder gut zu sehen sind, an diese Sehnsucht erinnert, sollten wir uns den Nachthimmel, so oft es geht, gönnen. Und uns von Gott ergreifen lassen.

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Was für ein Jahr…

Das Jahr mit den größten Veränderungen seit langer Zeit ist zu Ende. Viele haben gefragt, wie es so geht. Ganz gut soweit eigentlich. Ich versuche einfach mal einen kurzen Abriss für alle, die mehr Details möchten:

Der Examenstunnel

Die erste Hälfte verlief eher anstrengend. Das zweite Examen überschattete alles ein bisschen. Insgesamt lief es ganz okay, ich war wegen einiger privater Sorgen allerdings reichlich zerstreut. Die eigentliche Prüfung lag für mich (und für viele der Kolleg*innen) darin, es auszuhalten, von Leuten bewertet zu werden, die nicht allesamt den souveränsten Eindruck machten. Kurz: Ich war froh, als alles vorbei war. Ein paar Tage nach der letzten Prüfung ging ich eine Runde spazieren und hatte dabei das Gefühl, wieder ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. Schon seltsam, wie der Körper auf all das reagiert.

Naturgemäß waren Prüfungsstress, Prüfungsfrust oder Prüfungsangst immer wieder ein Thema im Kollegenkreis. Und wenn das Stichwort „Examen“ fällt, erzählen auch nicht akut Betroffene – die Älteren.  Dabei hat mich erstaunt, wie nachhaltig belastend solche Prüfungen offenbar sind, und wie sehr das bei ganz vielen Jahrzehnte später noch sehr präsent ist. Da handeln wir uns Probleme ein, indem wir das staatliche Prüfungswesen zum Vorbild nehmen. Der Staat aber möchte – im Unterschied zur Kirche, wo das häufig beschworen wird – von seinen Vertreter*innen nicht geliebt werden. Insofern kann er sich das leisten.

Der Abschied

Es folgten Wochen des Abschieds. ELIA-Gottesdienste, Teamsitzungen, Gemeindeversammlungen, auf denen schon Dinge verhandelt wurden, die ich nicht mehr miterleben werde. Das letzte Mal predigen, die letzte Seminarreihe, alles bekam ein anderes Gewicht und eine besondere Stimmung. Im Juli fand dann das große Abschiedsfest statt. Menschen und Erinnerungen aus 25 Jahren kamen zusammen; mehr gute Worte, als ich in so kurzer Zeit richtig aufnehmen konnte. Ich brauchte erst wieder ein paar Tage, um emotional Boden unter die Füße zu bekommen.

Und doch war es kein schwerer Abschied. Das lag im Wesentlichen daran, dass ich nie ins Zweifeln oder Grübeln kam, ob das der richtige Schritt zur richtigen Zeit war. Parallel wurde die Frage entschieden, wo ich ab September eingesetzt werde. Das waren noch ein paar spannende Wochen im Sommer. Und mit ein paar Verzögerungen hat sich auch die Nachfolge bei ELIA geklärt – im März kommt Martin Benz aus Basel/Lörrach mit seiner Familie, nicht nur für mich eine gute Nachricht.

Plötzlich Pfarrer…

Vier Monate sind inzwischen vergangen seit meinem Dienstantritt zum ersten September an der Auferstehungskirche in Zerzabelshof. Mitte September war die Ordination durch Regionalbischof Ark Nitsche zusammen mit drei Kolleg*innen im idyllischen Barthelesmaurach. Mein Freund Jason Clark war eigens aus London gekommen, das war ein ganz wunderbares Geschenk. Zwei Tage vor dem Termin starb mein Schwiegervater mit 83 Jahren und meine erste Amtshandlung nach der Ordination war dann auch, ihn zu beerdigen. Freude und Trauer waren nicht zu trennen.

Ein Platz bleibt leer…

Da es meine Stelle bisher gar nicht gab, gibt es in Zabo auch keine Dienstwohnung. Was bedeutet, dass ich von Erlangen aus pendele. Kenne ich schon, nur ist es noch ein bisschen weiter als zuletzt nach Sündersbühl. Ich versuche, das Auto möglichst stehen zu lassen und bin mit Öffentlichen und/oder Fahrrad unterwegs. Im Schnitt bleibt so etwa eine Stunde in jeder Richtung auf der Straße/Schiene liegen.

Es war natürlich auch kein zusätzliches Büro vorhanden. Meine Zelte vor Ort schlage ich nun im Jugendhaus „Arche“ auf. Da ist von Mittags bis halb vier überwiegend fröhlicher Kinderlärm um mich herum und es riecht nach Essen auf dem Flur – zuletzt Fisch. Schrank, Schreibtisch und Sofa stehen inzwischen, ein paar Bilder hängen an der Wand und das eingerostete WLAN tut es auch wieder. Es fühlt sich trotzdem noch etwas nach Camping an. Das hat auch mit der zeitlichen Befristung auf drei Jahre zu tun. Aber ich habe ja Erfahrung mit Provisorien und Unschärfen.  

Die Gemeinde hat mich sehr freundlich aufgenommen. Schnell bekam ich Hilfsangebote für Konfirmandenarbeit und andere Projekte, etwa das Krippenspiel im Familiengottesdienst am Heiligabend. Hin und wieder spricht mich jemand auf der Straße oder beim Einkaufen an, der mein Bild im Gemeindebrief gesehen hat. Auch das ist für mich eine neue Erfahrung und eigentlich gar nicht großstadttypisch.

„Zabo ist ein ein Dorf“

Der Satz fällt oft im Gespräch mit Zaboranern. Er bedeutet je nach Kontext, dass man einander kennt, dass man Anteil nimmt und hilft, dass man gute oder auch schwierige Vorgeschichten miteinander hat. Und dass hier und da auch kräftig geratscht wird, oder Gerüchte sich in Windeseile verbreiten.

Im Zerzabelshofer Forst

Wer nach Zabo hinein möchte, muss entweder durch den Wald oder durch den Tunnel einer der vielen Bahnunterführungen. Das – die klaren Konturen und baulichen Barrieren – erklärt vielleicht auch, warum viele sagen, der Stadtteil sei „doch recht für sich“. Es gibt tatsächlich einen winzigen dörflichen Kern mit einer Handvoll alter Häuser. Darum herum gruppieren sich heute allerlei Geschäfte. Stilprägend sind jedoch die Genossenschaftsbauten aus den zwanziger Jahren. Die Straßennamen deuten das noch an: Heimgartenweg, Waldluststraße, Siedlerstraße. Dazu passen Restaurant- und Kneipennamen wie „Heidekrug“ oder „Sängerlust“. Mittendurch fließt der Goldbach, und seit der nasse Dezember die hartnäckige Dürre beendet hat, ist er auch wieder mehr als nur das kleine braune Rinnsal auf dem Foto.

Niedrigwasser im September

Ein paar Premieren

Zu den neuen Erfahrungen gehört das erste Clubspiel, das ich live miterlebte: Die Wasserschlacht gegen Leverkusen vom November. Immerhin unentschieden.

Oder die Waldweihnacht im Tiergarten am dritten Advent, mit echtem Schnee und echten Schafen um mich herum.

Es war Zeit, ein paar Radioandachten zu schreiben und aufzunehmen – in Nürnberg mit Christoph Lefherz und in München mit Melitta Müller-Hansen.

Auch ein Novum, freilich weniger erfreulich, war die Brandstiftung in der Auferstehungskirche nach dem dritten Advent, als ein Transparent, das wir in der 11-Uhr-Kirche zuvor aufgehängt hatten, von Unbekannten abgefackelt wurde. Zum Glück entstand kein größerer Schaden. Aber es war für alle ein Schreck und die Kirche bleibt tagsüber nun erst einmal geschlossen.

Der im Herbst neu gewählte Kirchenvorstand nimmt nun seine Arbeit auf und dann werden wir im neuen Jahr sehen, wohin die Gemeinde sich entwickelt und wie unternehmungslustig alle sind. Ich bin ganz zuversichtlich, dass ich etwas Sinnvolles dazu beitragen kann.

Im Vikariat habe ich meine Gitarre wieder öfter ausgepackt und bin auf den Geschmack gekommen. Meine bescheidenen Fertigkeiten möchte ich im neuen Jahr ein bisschen kultivieren. Seit vorgestern steht eine neue neben meinem Schreibtisch. Jetzt muss die Hornhaut auf den Fingerkuppen schnell zulegen.

Draußen böllert es immer lauter. Das neue Jahr ist nicht mehr weit. Wer weiß, was es in 365 Tagen zu erzählen gibt… Ich wünsche Euch allen Gottes Segen auf Schritt und Tritt. 

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Das Wort, die Widerworte und eine gefährliche Nachbarschaft (Weihnachten 2018)

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Joh 1,14

Worte werden Fleisch

Das ist eine alltägliche Sache, im Großen wie im Kleinen. 

Parolen, Polemik und Propaganda setzen Dinge – Ideen, Forderungen, Stimmungen – in die Welt. Sie bewegen Menschen, gehen ihnen schließlich in Fleisch und Blut über und führen ein Eigenleben. Dann folgen menschliche Köpfe, Hände und Füße einem Aufruf zum Streik, sie begehren auf, stimmen ab, randalieren. Und weil Propaganda immer ein problematisches Verhältnis zur Wirklichkeit hat, kommt dabei derzeit oft nichts Gutes heraus.

Aber auch Lieder und Liebeserklärungen „werden Fleisch“. Menschen fassen Vertrauen und versprechen sich einander. Sie bekommen Kinder, für die sie sorgen und die irgendwann ihre eigenen Liebeserklärungen wagen. Keine glückliche Beziehung ohne Gesten und Worte der Zuneigung. Keine soziale Bewegung ohne diesen Treibstoff.

Entscheidend ist, welches Wort genau Fleisch wird. Und wo. Und wozu.

Sagen, was wird

Das Wort, von dem hier die Rede ist, ist nicht irgendein Wort unter anderen. Es ist das Wort des schöpferischen Anfangs. Nicht so sehr eines zeitlichen Anfangs, der mit jedem Jahr in größere Ferne rückt, sondern der verlässliche, tragende Grund der Wirklichkeit.

Es ist keine „Information“, sondern ein Anruf – an die Sterne, das Meer und die Menschen: „Tretet ins Leben“ – „zeigt euch“. Und seither geschieht es, andauernd: Leben entsteht und erneuert sich. Beziehungen entstehen und entfalten sich. Geschöpfe antworten auf die An-Sprache Gottes, der sie beim Namen ruft, mit ihrer eigenen Stimme.

Das Wort, mit dem Gott sagt, was wird, ist also der Grund-Satz, der uns in die Wirklichkeit stellt und dort erdet. Vor aller Zwiespältigkeit, Verzerrung und Lüge, die es nun freilich auch gibt. Die Lüge aber ist eben deshalb ein Skandal, weil es Wahrheit gibt und weil Vertrauenkönnen für uns so wichtig ist.

Die Lüge sagt das, was nicht ist, so, als wäre es der Fall.

Sagen, was (nicht?) ist

„Sagen, was ist.“ Das Motto des Spiegel-Begründers Rudolf Augstein ist das Mantra des deutschen Journalismus. In der vergangenen Woche hat dieser ehrgeizige Anspruch auf Wahrhaftigkeit durch den Skandal über erfundene – erlogene! – Reportagen von Claus Relotius schwer gelitten. Eine Flut von Erklärungen, Kommentaren und Diskussionen war die Folge. 

Die Krisenstimmung hat mit dem Anspruch zu tun. Der Autor Erik Flügge skizziert das Dilemma hinter dem Rauschen im Blätterwald:

„In Sozialen Netzwerken und unwahrhaftigen Medien entstehen Debatten bar jeder Wahrhaftigkeit. Von Lügen angetrieben, lösen sie eine Welle der Empörung aus, die sich in tausenden Kommentaren und Wutausbrüchen Bahn bricht. Getreu der Regel, „Sagen, was ist.“ beziehungsweise „Nachricht oder keine Nachricht“ ist völlig klar, dass die falsche Information nicht berichtet wird, weil sie keine Nachricht ist. Allerdings ist die Empörung im Netz eine wahre Nachricht. So erschaffen Populisten Berichterstattung über Dinge, die nicht sind, indem sie eine Welle aus Wut erzeugen, die dann wahrhaft da ist und damit auch berichtet wird. […] Genau diesem Prinzip folgt die Strategie Donald Trumps. Er lügt und ist sich der Kritik seiner Lüge gewiss. Damit schafft er es, dass jeden Tag gesagt wird, was nicht ist.“


Skrupellose Widerworte und die vergeblichen Erwiderungen darauf. Gnade und Wahrheit verschüttet unter Lügen. Licht mitten in der Finsternis.

Kein Wunder, dass DAS Wort in eine Welt kommt, die nichts begreift, es nicht wahr- und aufnimmt. Es trifft ja nicht auf Stille des Anfangs, sondern auf ein Gewirr von Stimmen und Worten. Zu viele Lügen. Zuviel Misstrauen. Zuviel Resignation. Damals wie heute.

unsplash-logoBreno Assis

Zeltplätze und Nachbarschaften

Übersetzt man Joh 1,14 wörtlich, dann steht da: „Das Wort wurde Fleisch und zeltete unter uns.“ Eine Anspielung auf den nomadischen, vagabundierenden Gott Israels, der mit seinem Volk umherzieht und sich in keinen Tempel einmauern lässt. Und auf den umherziehenden, mobilen Messias, der das Wandern in der Fremde wieder aufnimmt.

Ich wohne in einem Reihenhaus. Ein Bekannter hat einmal gesagt: Im Reihenhaus wohnst du wie auf dem Campingplatz. Und er hat Recht: Man bekommt alles mit: Bellende Hunde, Klavierstunden, Partys, den Qualm vom Grill, maulende Kinder und schimpfende Eltern. Das kann nerven, aber auch tröstlich sein. Eine Nachbarin sagte neulich zur anderen „Es hat mir so gut getan, zu hören, wie du dein Kind angeschrien hast“. Deswegen ist es ganz zutreffend, dass Eugene Peterson hier statt „zeltete unter uns“ übersetzt: „Das Wort wurde Fleisch und Blut und zog in die Nachbarschaft.“

Nachbarschaft. Ich halte diese Predigt ja zweimal, und zwar in benachbarten Gemeinden: Zabo und Mögeldorf.  In Zabo hat es in der jüngeren Vergangenheit mächtig geknirscht. Neulich sagte ein Gemeindeglied traurig und ein bisschen beschämt: „Jetzt reden sogar die Mögeldorfer über uns“. Ich habe dann nur gesagt: „Mag sein. Aber ich könnte  mir vorstellen, die Mögeldorfer sind vor allem froh, dass gerade nicht über sie geredet wird.“ So ist das eben unter Nachbarn. Mal hat die eine die Krise, mal der andere.

Man wird mit seinen Nachbarn häufig in einen Topf geworfen, nach dem Motto: „Mitgefangen, mitgehangen“: „Die Zaboraner zanken.“ „Die Mögeldorfer wollen immer das letzte Wort haben.“ Das kann ärgerlich sein oder lustig, und ab und zu auch gefährlich.

Gefährliche Nachbarschaften

Ich habe in diesem Jahr den Begriff der „gefährlichen Nachbarschaft“ gelernt. Da geht es um gesellschaftpolitische Fragen. Zum Beispiel so: Pegida kapert traditionelle Weihnachtslieder und gibt ihnen damit eine völkische, fremdenfeindliche Bedeutung. Es wird plötzlich schwerer, sie unbefangen zu singen, weil wir ja das genaue Gegenteil damit verbinden: Den menschenfreundlichen Gott, der alles nationale Pathos ins Leere laufen lässt. Aus ähnlich gegensätzlichen Motiven hängen Menschen seit diesem Jahr Kreuze auf (oder lassen es bleiben).

Aber es betrifft nicht nur religiöse Fragen: Die Feministin Antje Schrupp skizzierte vor einer Weile die äußerliche Nähe zwischen den Anstrengungen zur gesellschaftlichen Anerkennung unbezahlter (in der Regel weiblicher) Haus- und Pflegearbeit auf der einen Seite und einer Verklärung des hausfraulichen Apfelkuchenbackens à la Eva Herman auf der anderen. Die einen wollen Gleichbehandlung unterschiedlicher Tätigkeiten, die anderen patriarchale Geschlechterrollen festschreiben. Schrupp stellt fest, dass diese Nachbarschaft zu schwierigen Reflexen führen kann:

»Sagen sie „Heimat“, erklären wir das Wort für prinzipiell unbrauchbar. Kritisieren sie die „Systempresse“ müssen wir die Medien auf jeden Fall in Schutz nehmen. Jede Position, die Rechte vertreten, wird prinzipiell problematisch, weil man damit automatisch in den Verdacht gerät, ebenfalls rechts zu sein: Was, du backst gerne Apfelkuchen? Aber Eva Herman!!!«


Mir fällt ein Bekannter ein, der immer ausgesprochen progressiv (und im damaligen Sinne „links“) war. Dann hat er sich wie Thilo Sarrazin zum zornigen Islam- und Migrationskritiker mit repressiven Tendenzen gewandelt. Wir haben äußerlich immer noch einiges gemeinsam, trotzdem sind wir uns fremd geworden.

Ich könnte diese Aufzählung noch lange fortsetzen. Aber zurück zur Bibel:

In genau solche Nachbarschaften mit ihren Animositäten, Allergien und Vorurteilen begibt sich das Wort: Noch im selben Kapitel lesen wir, wie Nathanael fragt: „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Damit beginnt eine ganze Reihe von Urteilen, die über Jesus gefällt werden:

  • „Was, du willst den Römern nicht an die Gurgel? Dann bist du ein Verräter an der Sache Gottes! Oder einfach nur ein Feigling?“
  • „Was, du gibst dich mit Sündern ab und verurteilst sie nicht? Du setzt dich über die Reinheitsvorschriften unserer Religion hinweg? Du störst den Opfergottesdienst im Tempel? Dann bist du ein falscher Prophet.“
  • „Was, du verkündest das Reich Gottes in dieser Welt? Dann bist Du ein Aufrührer und Terrorist. Besser, wir bringen dich gleich um.“

Das leibhaftige Wort umgibt sich mit Menschen, die ihrerseits eine gefährliche Nachbarschaft bilden: Simon, der Zelot (ein Terrorsympathisant), Levi, der Zöllner (ein Profiteur der Besatzung), Petrus, der Hitzkopf – und natürlich Judas…

Die Tür in der Nähe

In dieser Nähe liegt nicht nur ein Problem, sondern auch eine Hoffnung. „Rechts“ und „links“ liegen nicht Lichtjahre auseinander. Das eine ist nicht in jeder Hinsicht das komplette Gegenteil des anderen. Irgendwann hat sich mein autoritaristischer Nachbar oder Bekannter entschlossen, durch diese problematische Tür ganz in der Nähe zu gehen. Die Nähe braucht mich aber nicht zu irritieren oder zu alarmieren, auch nicht die Gemeinsamkeiten wie der Apfelkuchen.

Weihnachten heißt: Das Wort hat sich auch in meine gefährliche Nachbarschaft begeben. In dem „unter uns“ des Evangelisten Johannes sind ja auch wir Heutigen eingeschlossen. Meine Fehler und Dummheiten, meine Versäumnisse und Verstrickungen fallen auf ihn zurück. Gott nimmt das ganz bewusst in Kauf. Und für mich ist eine Tür offen in ein neues, anderes Leben. Ganz in der Nähe. Überall da, wo ich falsch abgebogen bin und Lügen auf den Leim gehe oder mich selbst betrüge. Denn das mit der Tür funktioniert auch in umgekehrter Richtung – von der Ausgrenzung zur Umarmung, von der Feindschaft zum Frieden.

Kann ich das auch: Zankenden und zeternden, zugänglichen und zauberhaften Menschen ein guter Nachbar sein? Vielleicht handle ich mir das eine oder andere Missverständnis ein. Aber das hier ist nun eben die Nachbarschaft, in die Gott mich stellt. Wie schön, dass Sie alle dazugehören. Und wenn wir dieser Spur folgen – wer weiß, was wir nächstes Weihnachten einander alles über Gnade und Wahrheit erzählen können?

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Erhöhte Radioaktivität

unsplash-logoFelipe Belluco

In den nächsten Tagen könnt Ihr mich, wenn Ihr mögt und Zeit habt, im Radio hören. Diesmal beim Bayerischen Rundfunk in „Auf ein Wort“. Gestern haben wir in München sieben Mini-Andachten aufgenommen. Weihnachten und der Jahreswechsel sind ja keine ganz einfachen Anlässe. Es hat aber bei aller Anstrengung Spaß gemacht und ich hoffe, das merkt man auch, wenn man die Sendungen hört.

Morgen geht es los – abends kurz vor zehn auf Bayern 3 und (außer Sa/So) kurz vor elf auf Bayern 1. Weiter dann am Heiligabend, am 26., 28. und 30. Dezember und am 2. und 4. Januar im neuen Jahr.

Wer da anderweitig beschäftigt ist oder es verpasst hat, kann es im BR-Podcast nachhören. Und wer regelmäßig diesen Blog liest, wird das eine oder andere Motiv vielleicht wiedererkennen.

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Gott spielen

Im Krippenspiel am Heiligabend spielt Gott mit. Er trägt Pferdeschwanz und Brille und geht in die siebte oder achte Klasse.  Anscheinend hat Gott dem Religionslehrer von seiner Rolle erzählt. Der fragte prompt zurück, ob das nicht eine sehr persönliche Vorstellung von Gott sei, wenn er da leibhaftig mitspielt. Gott schaut mich fragend an, ich bin ja der Pfarrer. Wenn das ein Problem sei, antworte ich, dann dürften wir ja auch nicht „Vater unser im Himmel“ beten. Gott nickt zufrieden und spielt weiter.

Natürlich ist Gott in einem anderen Sinn Person als wir. Das Attribut bezeichnet „nur“ eine Ähnlichkeit. Aber ihn als Nichtperson zu betrachten wäre noch viel falscher. Vielleicht sind wir manchmal nicht Person genug, um Gott sinnvoll abzubilden. Eine Grundähnlichkeit bleibt allerdings. 

Ursprünglich hatten wir eine andere Besetzung im Auge, mit erkennbarem Migrationshintergrund, aber der streng (christlich-) religiöse Vater verbot dem Darsteller den Auftritt mit Verweis auf das mosaische Bilderverbot. Dieses bezieht sich jedoch nicht auf Gott allein, sondern auf Lebewesen aller Art. Buber übersetzt: 

„Nicht mache dir Schnitzgebild, — und alle Gestalt, die im Himmel oben, die auf Erden unten, die im Wasser unter der Erde ist.“

Ex 20,4

Jede Art gegenständlicher religiöser Kunst wäre damit streng genommen tabu. Wenn wir aber wie hier über Schauspiel sprechen, darf man ja nicht übersehen, dass Gott im Ersten Testament rituell ständig repräsentiert wird, nämlich durch Priester. Also Menschen. 

unsplash-logoBen Sweet

Das eigentliche Problem liegt darin, dass wir meinen könnten, ein ganz bestimmter Mensch sei exklusiv Gottes Bild und Stellvertreter. Oder dass unsere Inszenierungen von Macht, Reichtum und Schönheit Annäherungen an Gott darstellen. Der Menschensohn, das authentischste Bild Gottes, das wir haben, fällt nicht in diese Kategorie des Spektakulären. Vielmehr weiß der Prophet:

Wie ein Keimling stieg er auf vor sich hin, wie eine Wurzel aus dürrer Erde, nicht Gestalt hatte er, nicht Glanz, daß wir ihn angesehn hätten, nicht Aussehn, daß wir sein begehrt hätten, 

Jes 53,2 (Buber)

Wenn wir dann noch ernst nehmen, dass Gottes Geist auch in Menschenkindern wirkt, die Pferdeschwanz und Brille tragen, in die achte Klasse gehen oder sonst irgendwelche gewöhnlichen Dinge tun – wie wir alle –, dann sollte es auch kein Problem sein, ihn am Heiligabend mitspielen zu lassen. 

Und wenn uns Weihnachten daran erinnert, dass Gott nun ganz viele menschliche Gesichter hat, dann kommen wir vielleicht nicht so schnell auf die Idee, Gott zu spielen. Wie manche Eltern im Leben ihrer Kinder. Wie manche Chefs und Professoren. Wie manche Ärzte und Wissenschaftler oder auch Pfarrer und Bischöfe. Wie manche – nein, alle! – Kriegsherren.

Dann hätte sich der ganze Aufwand gelohnt.

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Vom Himmel hoch?

Vielleicht gibt es wirklich spirituelle Menschen, aber der sichere Test, sie  von den falschen zu unterscheiden, besteht darin, ob sie ihre Gesprächspartner »nach oben« führen, indem sie versuchen, den Wegen der Information mit anderen Mitteln Konkurrenz zu machen, oder sie im Gegenteil nach und nach herabführen zu Sprechakten, die den Sprecher transformieren, ohne seinen Wissensdurst im geringsten zu schmälern. (…)

Das Beste wäre noch (…) sich ein paar Jahre den Reflex abzugewöhnen, Religion mit Höhe zu verbinden.

Bruno Latour, Jubilieren, S. 53

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Wer ist verloren?

Für Bruno Latour ist die Religion kaputt: Sie ist unverständlich und selbstreferenziell geworden, sie spaltet die Menschen in Insider und Outsider, Gläubige und Ungläubige, statt zwischen ihnen Brücken zu bauen. Es hat vor allem mit der Sprache zu tun. Statt sie lebendig zu halten, haben die Kleriker sie eingefroren und festgeschrieben.

In der Religion gibt es wie in der Wissenschaft Artefakte, die es sorgsam abzubauen gilt. Denn die Zeit vergeht, die Wörter, die Sinn hatten, verlieren ihn. Die aber, deren Beruf darin besteht, die Wörter zu ändern, um den Sinn zu bewahren, die Geistlichen, haben es vorgezogen, die Wörter fromm zu bewahren, auf die Gefahr hin, den Sinn zu verlieren. 
… Indem sie ihr Erbe zu schützen glaubten, verschleuderten sie es.

Inzwischen ist die Distanz kaum noch zu überwinden. Aber damit findet er sich nicht ab:

Ich habe weit Besseres zu tun, als in den Schoß der Gemeinde zurückzukehren, denn nicht mehr ein Schaf hat sich verirrt, die ganze Herde samt Weide, Tal, Gebirge, samt dem ganzen Erdteil ist unterwegs verlorengegangen; ja, es ist am Hirten, zur Herde zurückzufinden, es ist am Schoß, an der Schäferei, am Bauernhof, am Dorf, sich wieder auf den Weg zu machen, um die verlorene Zeit einzuholen, das verheißene Land wiederzugewinnen, das sie brach hinter sich ließen.

Bruno Lautour, Jubilieren

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Barmherzigkeit triumphiert

Diese Formulierung aus dem Predigttext von heute klingt immer noch nach. In einer Zeit, in der sich Gesellschaften spalten und in der viele politische Auseinandersetzungen immer unbarmherziger geführt werden, klingt das wie eine Stimme aus einer fremden Welt.

Vielleicht ist es ja das, was wir wieder neu in den Mittelpunkt rücken müssen. Barmherzigkeit heißt doch: Auch die Person auf der anderen Seite des Grabens, der sich zwischen uns auftut, hat Anspruch auf mein Mitgefühl. Der Graben ist zudem weit weniger tief und fundamental, als er oft scheint. In Wirklichkeit verbindet uns viel mehr, als uns trennt: Meinungen und Überzeugungen trennen uns, aber die können wir verändern und auswechseln. Was unveränderlich bleibt, das ist unser verletzliches Menschsein, unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste und Schmerzen.

Joey Yu

Vielleicht erleben wir das noch einmal: Barmherzigkeit triumphiert über das Verurteilen. Denen gegenüber, die andere besonders vehement verurteilen, barmherzig zu bleiben, ist freilich ein Kunststück. Recht geben können wir ihnen ja nicht. Sie mit derselben Abscheu zu verurteilen, mit der sie anderen begegnen, würde aber bedeuten, denselben Fehler zu begehen wie sie. Nein, diese Unterschiede werden erst einmal bleiben und man darf sie auch offen benennen.

Aber parallel dazu könnte es Wege geben, im Kleinen wie im Großen, die Gemeinsamkeiten wieder stark zu machen. Kirche wäre ein Ort, das auch abseits der Tagespolitik immer wieder geduldig zu üben und andere dazu einzuladen.

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Memento

Im Umkleideraum eines Nürnberger Friedhofes steht ein Kassettenrecorder auf dem Fenstersims.  Er ist alt, etwas staubig und die Abdeckklappe ist herausgebrochen. Schwer zu sagen, ob er noch benutzt wird oder nur deswegen nicht in den Müll gewandert ist, weil niemand mehr weiß, wem er gehört.

Eigentlich passt er gar nicht so schlecht an diesen Ort: Auf seine Art ist er auch ein Memento Mori.  Es ist schon Jahre her, dass ich eine Kassette in der Hand hatte. Und dann auch nur, um sie wegzuwerfen.

Ich spüre einen Anflug von Nostalgie: So vergänglich ist Technik. Immerhin, Vinylplatten erleben ein Comeback im Smartphone-Zeitalter. Es gibt also in der Welt der Tonträger so etwas wie eine Auferstehung.

Steht der traurige Kassettenrekorder noch lange genug herum, um die Auferstehung seines Systems zu erleben? Ich kann gut ohne die ollen Magnetbänder leben. Es gibt ja die Vorstellung, dass Gott uns Menschen bis zur Neuschöpfung der Welt im Gedächtnis hält. Quasi ein Speichermedium, das seit Milliarden von Jahren funktioniert, ohne an Kapazitätsgrenzen zu stoßen, dem Verschleiß zu erliegen oder inkompatibel zu werden.

Als wäre ich ein Song auf seinem großen Mixtape. Und irgendwann holt er es hervor, spielt es ab und singt dazu. Und während er singt, passiert das, was immer passiert: Seine Worte werden fassbare und fühlbare Wirklichkeit.

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Wie Achtsamkeit und Absichtslosigkeit zusammengehören

Gestern las ich auf Spektrum.de das hilfreiche Interview mit Thomas Joiner über die Vermarktung von Achtsamkeit. Dabei erinnerte ich mich wieder an eine Gesprächsrunde über Spiritualität vor einigen Wochen. Dort standen wir schon vor der Schwierigkeit, dass Spiritualität (die viel mit Achtsamkeit zu tun hat, aber noch mehr umfasst) eigentlich in dem Moment schon kompromittiert ist, wo ich sie als Mittel zum Zweck verstehe.

Absichtlich Absichtslos?

Absichtslosigkeit ist hier das Stichwort. Ich muss das kurz erklären. Absichtslos zu handelt, bedeutet: Ich tue, was ich tue, nicht um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Zweck – wenn man überhaupt davon reden will – liegt vielmehr in dem, was ich tue. Nehmen wir ein Seelsorgegespräch. Ich denke, es verläuft anders, wenn es nicht meine Absicht ist, mein Gegenüber in einer bestimmte Richtung zu lenken. Dann kann ich einfach da sein, Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Ich muss aber hinterher meine Performance nicht bewerten und auch nicht den therapeutischen Ertrag. Beim Gebet ist es dasselbe. Statt von »Absichtslosigkeit« könnte man (mit Einschränkungen) auch von »Ergebnisoffenheit« oder (besser) von »Selbstvergessenheit« reden.

Mein Eindruck ist, dass viele der Wirkungen von Meditation eigentlich Nebenwirkungen dessen sind, dass ich mich für eine tiefere, spirituelle Wirklichkeit öffne. In dem Augenblick, wo diese Effekte nicht mehr unbeabsichtigt sind, verändert sich der Charakter dessen, was ich tue. Die biochemischen und neurologischen Wirkungen etwa von Atemübungen sind durchaus real. Aber ich bleibe dabei immer noch der Mittelpunkt meiner Realität, mein Befinden das Maß der Dinge.

Daniil Kuželev

Empfänglich werden

Ich denke, es ist völlig in Ordnung, Dinge zu tun, von denen ich merke, dass sie mir gut tun. Das an sich lässt sich mit einer absichtslosen Haltung durchaus verbinden. Spaziergänge im Grünen etwa tun mir gut. Schwierig wird es, wenn diese Spaziergänge dazu dienen, mich in anderen Bereichen und zu anderen Zeiten mit einem Lebensstil zu arrangieren, der Raubbau an meinen Ressourcen und denen der Natur bedeutet. Also draußen in der Schöpfung „aufzutanken“, um danach meiner Natur und der Natur um mich herum zu schaden. Aber es könnte ja auch sein, dass mich der Spaziergang sensibilisiert für das zarte Gleichgewicht, für die vielen verschiedenen Lebewesen und deren Bedürfnisse. Vielleicht stellt sich sogar eine Harmonie ein.

Ich bin, so betrachtet, nicht darum bemüht, eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Vielmehr werde ich empfänglich für Einwirkungen, die das Alltagsbewusstsein oft ausblendet. Manche kommen tief aus meinem Inneren, vom Grund der Seele. Andere kommen eher von außen, oder von „oben“. Räumliche Metaphern sind da etwas schwierig, aber als körperliche Wesen kommen wir kaum ohne sie aus.

Indem ich die wertende Dauerfrage des Alltagsbewusstseins („Was bringt’s mir?“) zurückstelle, schaffe ich die Möglichkeit, dass sich Unerwartetes ereignet. Absichtslose Achtsamkeit dezentriert mich also in gewisser Weise. Ich trete einen Schritt zu Seite, um zu defokussieren und den inneren Richter auszuschalten. So können andere Seiten meiner selbst und meiner Beziehungen zu dem, was mich umgibt, in den Blick kommen. Das ist dann schon etwas anderes als die von Joiner bemängelte Achtsamkeitspraxis, die im Selbstbezug stecken bleibt.

Zuletzt: Auch Gott kann sich mir dabei zeigen oder zu mir sprechen. Freilich ist  das weder machbar, noch kann ich es zur Bedingung dafür erheben, still zu werden. Kontemplation ist in erster Linie eine Haltung, keine Technik. Und Übungen können helfen, diese Haltung einzunehmen und zur Gewohnheit zu machen.

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Das Reich Gottes (3) – es bewegt sich was

Ein letzter Gedanke zum Thema Reich Gottes (bzw. der Gottesherrschaft). Es ist kein Projekt und es lässt sich nicht ohne weiteres lokalisieren, objektivieren oder definieren. Das hat mit dem Beziehungs- und dem Ereignis- oder Widerfahrnischarakter zu tun, der Gottes Handeln ausmacht. Wenn es in die Gegenwart einbricht, dann als Vorwegnahme der Zukunft Gottes. Es weckt eine bleibende Sehnsucht nach dieser Zukunft, es schafft Erwartung und Hoffnung, es lässt Gottes Möglichkeiten erkennen. Kurz: Es setzt etwas in Bewegung auf diese Zukunft hin.

Mir sind dafür vier Beschreibungen eingefallen:

Von der Trennung zur Verbindung

Wo immer Gottes Reich anbricht, da schafft es Verbindungen. Jesus sammelt und beruft Menschen. Andere Bindungen werden dafür gelockert oder gar gelöst, aber unter dem Strich bleibt ein Zuwachs an Beziehung, kein Schwund. Das macht es so problematisch, wenn ganze Kirchen sich in die gesellschaftliche oder ökumenische Isolation begeben und wenn einzelne Menschen sich aus Angst oder Verachtung der „Welt“ gegenüber aus dieser zurückziehen. Gottes Reich schafft Offenheit für neue Verbindungen, freilich ohne dabei bei einer Beliebigkeit zu landen. Denn es geht um generative Beziehungen, nicht um autoritäre und parasitäre Verhältnisse. Oder anders gesagt: Es geht um Liebe und Fürsorge, nicht um Ausbeutung und Unterdrückung.


Anders Jildén

Von der Ohnmacht zum Mutanfall

Wo immer Gottes Reich sich ausbreitet, da werden Menschen von Ohnmacht befreit. Sie entdecken sich nicht nur als Empfänger von Gottes Wohltaten und denen anderer Menschen, sondern sie erleben, dass auch ihr eigener Beitrag zählt und wirkt. Oft gehören sie ja nicht zur überschaubaren Gruppe der mover and shaker. Alles ist möglich, wenn jemand glaubt sagt Jesus – nichts ist mehr alternativlos. Selbst in aussichtslosen äußeren Situationen wie einem Gefängnis oder einer Diktatur ist da noch das Gebet, das Kraft entfaltet. Und zwar nicht nur auf die betende Person selbst, sondern (zumindest nach biblischen Aussagen und Vorstellungen) darüber hinaus auf Gott und die Außenwelt. Sophie Scholl, die durch ihren Mut wahrlich viel bewegt hat, schrieb am 15. Juli 1942:

„O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich. Dir in die Hand will ich meine Gedanken legen an meinen Freund, diesen kleinen Strahl der Sorge und der Wärme, diese winzige Kraft, verfüge Du mit mir nach Deinem besten, denn Du willst es, dass wir bitten und hast uns auch im Gebet für unseren Bruder verantwortlich gemacht. So denke ich an alle anderen. Amen.“

Von der Konkurrenz zur Kooperation

Die dritte Bewegung folgt aus den ersten beiden. Wenn neue Verbindungen  und neue Optionen entstehen, dann hören all die Nullsummenspiele auf, bei denen der Gewinn des einen zum Verlust des anderen führt. Sie waren schon immer ein Irrtum. Aus dem Gegeneinander kann ein Miteinander werden: sozial, wirtschaftlich, kulturell und politisch. Bei den ersten Christen hat das funktioniert. Sie haben die destruktiven Gegensätze zwischen Ethnien, Geschlechtern und Klassen (vgl. Gal 3,28) in ein Miteinander verwandelt, in dem keiner ohne den anderen sein wollte und sollte. Und wenn die Schätze der Völker der Erde in der Offenbarung des Johannes ins neue Jerusalem gebracht werden, dann ja gerade nicht von einem Siegervolk, das alle anderen unterworfen hat.

Vom Mangel zur Fülle

Jesus hielt sich viel unter der armen Landbevölkerung auf. Immer wieder erzählen Geschichten von plötzlichen Erfahrungen der Fülle und des Überflusses. Bei der Hochzeit zu Kana, der Speisung der Fünftausend, der extravaganten Salbung. Immer wieder klingt in seiner Verkündigung des Reiches Gottes die Erwartung und das Vertrauen an, dass gieriges Hamstern nicht reicher und glücklicher und großzügiges Teilen nicht ärmer und elender macht. Aus einem winzigen Senfkorn wächst ein riesiger Baum. Dahinter steht die Vorstellung von Gottes unerschöpflicher Großzügigkeit. Sie macht es möglich, einander die Schulden zu erlassen. Anders gesagt: Sie ist die Grundlage menschlicher Freiheit.

Gewiss lassen sich noch weitere Bewegungen bestimmen, die Gottes Reich charakterisieren. Für mich sind das Sehhilfen in Momenten, wo es mir gerade schwer fällt, Gott am Werk zu sehen. Und Entscheidungshilfen, wenn ich mich frage, wo hinein ich meine begrenzte Kraft investieren soll. Und wenn wir beten „Dein Reich komme“, dann stelle ich mir solche Veränderungen und Bewegungen vor.

 

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