Stadt – Land – Flut…

Zwei Meldungen aus den letzten Tagen beschäftigen mich in dieser Woche. Zum einen ein Bericht der Zeit aus dem Bergstädtchen Saint-Martin-Vésubie. Dort schlug der Sturm Alex im Oktober derart schwere Wunden, dass manche Einwohner bis heute nicht wissen, ob sie noch einmal nach Hause zurückkehren können.

Die Sommer sind immer heißer und trockener geworden. In Südfrankreich ist es jetzt schon gut zwei Grad wärmer im Schnitt. Und die Regenfälle werden durch die Verdunstung aus dem Mittelmeer immer ergiebiger. In St.-Martin kamen pro Quadratmeter mehr als sechs Badewannen Wasser zusammen.

Die andere Nachricht kam aus der Antarktis. Die Region hat sich um drei Grad erwärmt in den letzten 50 Jahren. Der Pine-Island-Gletscher enthält etwa zehn Prozent des antarktischen Eises und er fließt bereits immer schneller. Forscher schätzen, er überschreitet gerade seinen Kipppunkt. Damit ist der gesamte westantarktische Eisschild bedroht. Dessen Kollaps könnte den Meeresspiegel um drei Meter ansteigen lassen.

Drei Meter!

Verschärfte Gangart

Was gestern noch schriller Katastrophismus oder ferne Zukunftsmusik war, könnte jetzt nach und nach Wirklichkeit werden.

Wie gehen wir mit solchen Nachrichten um? Derzeit werden sie überlagert vom kurzatmigen, coronabedingten „Schimpfdesaster„. Wir hatten übrigens eine Art Jahrtausenddürre in den letzten Jahren. Aber auch das haben nur wenige überhaupt zur Kenntnis genommen. Das ist schon verrückt, wenn man sich das ungeheure Gefahrenpotenzial vor Augen hält, das sich gerade aufbaut.

Vermutlich aber hat die Rat- und Tatenlosigkeit auch mit der richtigen Ahnung zu tun, dass wir unseren gesamten Lebensstil überdenken und ändern müssen. Und ein Blick auf die Nervosität und Ungeduld, die uns Covid-19 beschert hat, stimmt da wenig hoffnungsvoll. Sind unsere sozialen und politischen Systeme und Strukturen dem Druck gewachsen, der sich im Zuge der Klimakrise aufbaut?

Mayday

Am 1. Mai findet das Emergent Forum digital statt. Da geht es um das Stichwort „Meta:Krise“ – die Krise der Krisenbewältigung. Wie kommt es, dass wir in entscheidenden Zukunftsfragen so wenig geregelt kriegen? Und was könnte eine gesunde Reaktion auf diese Beobachtung sein? Wenn Ihr könnt und mögt, sehen wir uns da.

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Ostern ist nichts für Kinder

In diesen Tagen geht mir immer wieder ein Gedicht von Steve Turner im Kopf herum. Ich habe es einfach mal übersetzt. Das Original steht auf poemhunter.com

Weihnachten ist echt was für Kinder.
Vor allem für Kinder,
die Tiere mögen, Ställe, Sterne
und in Windeln gewickelte Babies.
Dazu gibt es noch Weise,
Könige in edlen Gewändern,
redliche Hirten und einen
Hauch teuren Parfums.

Ostern ist eigentlich
nichts für Kinder
es sei denn, man versüßt es
mit Schokoladeneiern.
Es gibt Peitschen, Blut, Nägel,
einen Speer und Gerüchte
über einen Leichenraub.
Es enthält Politik, Gott
und die Sünden der Welt.
Es tut Leuten nicht gut,
die zu Nervosität neigen.
Sie sollten besser an Hasen, Küken
und die ersten Schneeglöckchen
des Frühlings denken.

Oder sie sollten warten,
bis die Wiederholung von Weihnachten läuft –
ohne groß zu fragen,
was Jesus tat, als er erwachsen war
oder wie das zusammenhängt.

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Stop-and-Go in der Zeitschleife

Neulich war ich seit geraumer Zeit mal wieder auf der Autobahn unterwegs. Es kam ein längerer Streckenabschnitt mit einer Baustelle, verengter Fahrbahn, Tempo 80 und streckenweise darunter. Am Fahrbahnrand erschienen in regelmäßigen Abständen jene gelben Schilder, die anzeigen sollen, wieviel Baustelle schon hinter mir liegt und wieviel noch vor mir. Leider hatten die Menschen, die die Schilder aufgestellt hatten, die Positionsmarker überall gleich gesetzt. Es war kein Fortschritt erkennbar. Ich fühlte mich wie in einer Art Zeitschleife gefangen. Wir schlichen dahin und kamen nicht erkennbar vom Fleck.

Das trifft die allgemeine Corona-Gemütslage ganz gut, dachte ich mir.

Weil es aber keine Zeitschleifen gibt auf deutschen Autobahnen, kam irgendwann doch das Ende der Baustelle in Sicht. Und all die dunklen Audis, BMWs und Mercedes hinter mir fuhren immer dichter auf, um sich in Position zu bringen. Der angestaute Baustellenfrust war quasi messbar von Stoßstange zu Stoßstange. Und das Bedürfnis, den gefühlten Verlust zu kompensieren, immens. Kaum herrschte freie Fahrt, brach ein wüstes Gedrängel und Gerangel aus, vor dem man nur auf der rechten Fahrspur halbwegs sicher war.

Alle wollen wieder Gas geben – oder?

Die Kanzlerin und die Ministerpräsident:innen scheinen sich gefühlt zu haben wie ein alter Opel Corsa mit lauter Touaregs, Q7 oder X5 im Nacken, die ungeduldig aufblenden. Sie haben sich zu eiligen Öffnungen drängen lassen, obwohl die Mehrheit der Bürger:innen das gar nicht wollte, schrieb Thomas Fricke bei SPON und nannte es ein „Demokratiedesaster„.

Das Chaos, das sich daraus ergibt, lässt sich vor Ort besichtigen: Als ich am 14. März mittags den Inzidenzwert für Erlangen suchte, konnte ich auswählen zwischen 67,5 (Zeit Online), 63,1 (Süddeutsche und RKI), 59,5 (Spiegel, da war es eine Stunde zuvor noch 37), oder 55,1 (Erlanger Nachrichten). Zwei Tage vorher hatte die Stadt verkündet, dass die Schulen wieder geöffnet werden. Da lag der Inzidenzwert beim RKI bei 47, während das LGL schon einen Wert weit über 50 meldete. Von „Übermittlungsfehlern“ war in Online-Diskussionen die Rede. Was die Frage aufwirft:

• Warum bekommen wir es nach einem Jahr immer noch nicht hin, solch wichtige Daten täglich und zuverlässig zu übermitteln?
• Und wenn wir es nicht schaffen, warum knüpfen wir folgenreiche Öffnungsbeschlüsse an Daten, die derart unzuverlässig erhoben werden? (Und wer glaubt allen Ernstes, dass eine Taskforce mit den Ministern Spahn und Scheuer die Misere in den Griff kriegt?)

Ausgebremst

Jetzt, eine Woche später, rudern wieder alle zurück. Es ist gerade so, als würde auf der Autobahn des gesellschaftlichen Lebens die Anzeige auf den Schilderbrücken flackern und jedesmal eine andere Höchstgeschwindigkeit anzeigen. Und so nimmt im Stop-and-Go auch unter denen, die sich bemühen, ruhig zu bleiben, der Frust zu. Denn andere treffen Entscheidungen über das Tempo meines Lebens und allzu oft wirken sie dabei fahrig und überfordert. Die pandemiebedingte Ungeduld bringt die grundlegende Ungeduld und das Getriebensein ans Licht, das in mir steckt:

„Je mehr man das Gefühl hat, Oh Gott, ich muss eigentlich schon dieses und jenes erledigt haben, Oh Gott, ich muss schon hier sein, desto ungeduldiger und aggressiver wird man natürlich, wenn man durch diese Wartesituation ausgebremst wird. Das ist ja oft ein Grund für diesen großen Ärger, dieses Gefühl, ich werde plötzlich in meiner wunderbaren Erledigungsschlange ausgeknockt – und das erzeugt Ärger.“

Friederike Gräff kürzlich im DLF (Es lohnt sich, diesen Beitrag ganz zu lesen oder zu hören!)
Nichts für Eilige, diese Nebenstraße…

Kann man Ungeduld fasten?

Einige Freunde haben geschrieben, dass sie in diesem Jahr nicht fasten wollen in der Fastenzeit. Wir verzichten ohnehin auf so vieles. Das stimmt natürlich. Ich überlege unterdessen, wie ich Ungeduld fasten kann. Indem ich das Warten auf eine Rückkehr zur Normalität (was auch immer das dann ist) annehme? Dazu brauche ich die Situation ja nicht künstlich zu beschönigen. Und ich kann mir bewusst machen, wie sehr mein Leben, Glück und Wohlergehen von anderen abhängt.

Das anzuerkennen hat seine schmerzhafte Seite, aber auch seine schöne. Wenn mir beides zusammen vor Augen steht, setze ich mich und meine Mitmenschen hoffentlich weniger unter Druck.

Im oben erwähnten DLF-Beitrag ist mit Simone Weil vom Warten Gottes die Rede: Gott wartet darauf, dass wir ihm Liebe und Aufmerksamkeit schenken. Schon immer – oder auch immer noch. Er drängelt nicht, aber er hat auch nicht aufgegeben. Da hätten wir also schon etwas gemeinsam, Gott und ich. Und während ich darauf warte, dass alle möglichen anderen Dinge wieder möglich werden, kann ich im Warten auf und mit Gott meiner Ungeduld immer wieder ein Schnippchen schlagen.

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Siedler und Pioniere – ein Herzensthema zum Jahreswechsel

Von Lederstrumpf bis Lucky Luke: Der Wilde Westen hat die Fantasie vieler kleiner und großer Jungs beschäftigt. High noon und das Lied vom Tod, Büffelherden und Bürgerwehren, Lagerfeuer und Lynchjustiz, reichlich Feuerwasser und am Ende immer ein einsamer Cowboy, der in den Sonnenuntergang reitet. 

Man kann sich über die Klischees, die in dieser Männerwelt drinstecken, amüsieren. Oder kritisieren, wie historisch ungenau und vorurteilsbeladen da erzählt wird – etwa wenn die amerikanische Urbevölkerung abwechselnd als edle Wilde oder zähnefletschende Barbaren auftaucht. Aber vielleicht hatte das alles ja schon immer damit zu tun, dass wir Europäer uns selbst in diesen Geschichten wiederfinden wollten. Ein literarischer Spiegel unserer Ideale und Abgründe, Abenteuerlust und Albträume.

Kürzlich habe ich mich wieder an einen Text von Brennan Manning erinnert. Er greift die Gegenüberstellung von Siedlern und Pionieren aus einem älteren Buch, Western Theology von Wes Seliger, auf. Und weil bekanntlich das Sein das Bewusstsein bestimmt, sehen diese beiden Communities Gott und die Welt ziemlich unterschiedlich.

Western ist freilich nicht jedermanns Sache. Wer damit Mühe hat, kann beim Weiterlesen genauso gut an Star Trek mit seinen Kapitänen Kirk und Picard und ihrer Crew denken. Die Zivilisationsgrenze wird da vom amerikanischen Kontinent in den Weltraum verlegt: „The final frontier“, sagt der Vorspann. Und dann folgt das berühmte „to boldly go where no man has gone before“.

Ich bin in den letzten Jahren aus einem eher pionierhaften Kontext in eine mehrheitlich (aber keineswegs ausschließlich) von Siedlern geprägte Kultur umgezogen. Fun fact am Rande: Mitten durch die Kirchengemeinde, in der ich jetzt arbeite, zieht sich die Siedlerstraße. Auf der einen Seite die Siedlerhäuschen, auf der anderen der Wald: Eine stetige Erinnerung an diese Western-Typologie.

Meine Eltern, eher stetige Wesen, haben einmal gefragt, wie es eigentlich kommt, dass ich immer diesen Drang über das Gewohnte hinaus habe und mich mehr für das Morgen interessiere als für das Gestern. Kurz darauf stieß ich auf das Familienwappen meines im Krieg verschollenen Großvaters. Dort steht als Wahlspruch: „Immer vorwärts“. Wir sind uns zwar nie begegnet, aber ausgehend von dem Wenigen, was ich über ihn weiß, würde ich sagen: Das passt.

Und damit zurück in den Wilden Westen.

Die Typologie

Siedler sehen das Leben als einen Besitz an, der sorgsam gehütet werden muss. Pioniere sehen es an als ein abenteuerliches, wundersames Geschenk.

In der Welt der Siedler dreht sich alles um Sicherheit. Das Weideland wird eingezäunt, die Haustüre verriegelt, das Geld auf die Bank gebracht. Kirche ist für sie wie das Rathaus der Westernstadt. Mit seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern gleicht es einer Festung. Drinnen werden Akten geführt, Steuergelder aufbewahrt und Bösewichten der Prozess gemacht. 

Gott ist in dieser Welt der Bürgermeister. Eine ehrwürdige Erscheinung in seriösem Schwarz. Er residiert gut abgeschirmt ganz oben im Rathaus. Von dort hat er die ganze Stadt im Blick. Er zeigt sich selten. Aber die Ordnung, die in der Stadt herrscht, beweist ja, dass es ihn gibt. Die Siedler fürchten ihn, andererseits halten sich deshalb aber auch alle an die Regeln. Wenn mal wieder ein Zug von Pionieren näherkommt, schickt er den Sheriff hin, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wer hier den Ton angibt.

Bei den Pionieren ist alles in Bewegung. Ihre Kirche ist der Planwagen, immer unterwegs in die Zukunft. Das ganze Leben spielt sich dort ab: Sie essen, schlafen, lieben, kämpfen und sterben dort. Der Planwagen knarzt und holpert, ist eng und unbequem. Aber den Siedlern ist das egal. Denn Gott ist der Zugführer, der Trail Boss. Er ist ungehobelt und voller Leben, kaut Tabak und trinkt den Whisky unverdünnt. Immer wieder zieht er die Karren mit aus dem Dreck. Und wenn jemand schlapp machen will, nimmt er ihn sich zur Brust. 

Foto: Jon Toney auf unsplash.com

Für die Pioniere ist Jesus der Scout. Er reitet voraus und setzt sich damit noch größeren Gefahren aus als die anderen. Er weiß wie kein anderer, was der Trail Boss vorhat. An ihm können alle ablesen, was es bedeutet, ein Pionier zu sein. Der Heilige Geist ist für sie der Büffeljäger. Ein rauer, unberechenbarer Geselle mit einem höllisch lauten Schießeisen. Er versorgt die Pioniere auf ihrem Zug mit lebenswichtiger Nahrung. Aber man weiß nie genau, was er als nächstes anstellt.

Am Sonntagmorgen zieht es den Büffeljäger in die Stadt. Da treffen sich nämlich die Siedler im Rathaus zum Kaffeekränzchen. Er schleicht bis unters Fenster und lauscht. Plötzlich ballert er in die Luft. Fenster klirren, Hunde bellen und die Leute drinnen verschlucken sich an der Torte. 

Für die Siedler ist Jesus der Sheriff. Er reitet mit seinem weißen Hut durch die Stadt, verjagt das Gesindel und buchtet die Störenfriede ein. Und der Heilige Geist ist das Mädchen im Saloon. Bei ihr suchen die Siedler Trost, wenn sie einsam sind oder vor etwas Angst haben. Sie krault die Siedler unterm Kinn, damit sie sich besser fühlen. Und wenn im Saloon die Fetzen fliegen, kreischt sie so laut, dass der Sheriff kommt. Sünde ist für die Siedler, wenn jemand sich nicht an die Ordnung hält. Für die Pioniere ist es Sünde, wenn jemand aufgibt und umkehren will.

Wild West Reloaded

Unsere Welt hat sich in den letzten drei Jahrzehnten massiv Richtung Wildwest 2.0 verändert. Vieles, was Orientierung, Halt und Sicherheit gab, ist weggebrochen. In der SZ schrieb Sebastian Gierke kürzlich: „Der Marktliberalismus will vor allem das selbstbestimmte, kreative, atomisierte Individuum. Narzissten, Egomanen und Selbstausbeuter.“ Die Politik der Deregulierung hat den fürsorglichen Sozialstaat der Nachkriegszeit entkernt. Unternehmensgewinne wurden privatisiert, die Aktienmärkte hingegen mit Steuergeldern gerettet. Mittlerweile beschert uns der globale Plünderungskapitalismus eine Krise nach der anderen – wirtschaftlich, ökologisch und sozial. Und kriminelle Postkutschenräuber wie die Chefs von Wirecard. Oder einen US-Präsidenten, den der Philosoph Cornel West als Gangster bezeichnet.

Seit 2008 bröckelt daher weltweit das Vertrauen, dass die liberale Demokratie ihren Bürgern Wohlstand und Chancengleichheit garantiert. Populisten versprechen uns auf Facebook und Twitter die Sicherheit und Stabilität von früher – wenn wir nur einfach alle wieder Diesel fahren und mit deutscher Kohle heizen, die Grenzen mit Stacheldraht dichtmachen und Solidarität strikt auf gesunde und fleißige Biodeutsche beschränken. 

Die Zivilisationsgrenze des 21. Jahrhunderts verläuft im Internet. Wie damals im Wilden Westen hat die Digitalisierung uns heute Situationen beschert, für die es noch keine guten Regeln und Ordnungen gibt oder in denen das Recht nicht durchgesetzt werden kann. Und nun auch noch die Pandemie, die vieles verschärft. Australiens Milliardäre sind im letzten Jahr um 50% reicher geworden, meldet der Guardian. Auf der anderen Seite rutschen gerade 207 Millionen Menschen in extreme Armut ab. Da kann einem wirklich Angst und Bange werden. Die Sonne geht unter, wir sind allesamt einsame Cowboys – und nichts daran ist romantisch.

Verunsicherte Kirchen

Hier und da sind Kirchen der Versuchung erlegen, sich im Strudel der Veränderung als Inseln der Stabilität anzubieten. Das ist verständlich, weil wir in den Großkirchen eine sehr seßhafte und solide Gestalt von Kirche entwickelt haben. Seit Jahrzehnten, oft seit Jahrhunderten stehen die Kirchen mitten im Dorf. Fest gegründet im bürgerlichen und bäuerlichen Milieu, mit verbeamtetem Personal zur Pflege traditionellen Brauchtums. Konrad Adenauers berühmtes Motto „Keine Experimente“ steht auch 60 Jahre später noch hoch im Kurs. Wenn in dieser kirchlichen Binnenkultur ein Vorschlag als „abenteuerlich“ bezeichnet wird, kann man sicher sein, dass das kein Kompliment war. 

Für immer mehr Menschen erweist sich das als fremde, unzugängliche Blase, in der die Unsicherheit ihres Alltags vielleicht bedauert wird, aber Antworten und Lösungen (eben weil sie Experimente erfordern) Mangelware sind. Das hat zur oft thematisierten Krise der Kirchen hierzulande beigetragen, und nun zeigt sich, dass sich die alte Normalität (und von Corona reden wir hier noch gar nicht…) nicht mehr lange aufrecht erhalten lässt, weil das Geld und das Personal knapp wird. Wenn wir aber so verunsichert sind, dass wir keine Sicherheit mehr bieten können, was haben wir dann noch – außer ein zaghaft-trotziges „Fürchte dich nicht“?

Der heikle Flirt mit der Ökonomie

Die Diskussion um eine Umgestaltung und Reform der Kirchen ist in vollem Gange, aber sie verläuft nicht immer glücklich oder konstruktiv. Manche Akteure haben Sprache und Konzepte aus der New Economy übernommen. Schlagwörter wie „StartUp“, „Entrepreneur“ oder „Flexibilisierung“ erinnern aber nicht nur hartgesottene Traditionalisten an die Ich-AGs der Agenda 2010, an Entsolidarisierung und die Ideologie der „kreativen Zerstörung“. Kurz: All das, was unser gesellschaftliches Schlamassel mit verursacht hat. Ich denke nicht, dass dieser Reflex den Absichten und Vorschlägen der Reformer gerecht wird. Aber ich kann verstehen, wie manche auf die Idee kommen, hier finde ein Angriff statt und sie müssten die Kirche vor der totalen Ökonomisierung retten. Die hat schließlich schon im Sozialsystem und im Bildungswesen massive Schäden verursacht. Droht also eine Zerschlagung der Gemeinden und kommt am Ende eine Art marktkonforme Kirche heraus – flexibel und verflüssigt bis zur baldigen Unkenntlichkeit – oder ist das nur falscher Alarm aus der Siedlerecke?

Wir könnten uns freilich auch an den Megachurches amerikanischen (oder australischen) Zuschnitts orientieren. Sie glänzen mit unverschämt gut aussehenden Typen in Designerklamotten, professionellem Corporate Design und positiv-sentimentaler Wohlfühlmusik. In Sachen Marketing macht ihnen jedenfalls keiner etwas vor: Sie liefern die perfekte Synthese aus Bibel und Konsumgesellschaft. Zwischen den Zeilen wird kommuniziert: Schließ dich uns an, dann bist du bald auch so attraktiv wie wir. Wenn ich ihnen eine Weile zuhöre, entdecke ich da reichlich Tipps zur spirituellen Selbstoptimierung, aber meistens fehlt mir die ernsthafte Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Ursachen unserer Sorgen, Selbstzweifel, Müdigkeit und Resignation. Auch hier wird mir signalisiert: Gott begegnest du im Vertrauten, Beherrschbaren und Reproduzierbaren – und eher nicht im Unbekannten und Fremden.

Pioniere des wilden Ostens

Die großen, prägenden Gestalten der Bibel haben das ganz anders erlebt: Der seßhafte Abraham verlässt seine Heimat auf Geheiß eines unsichtbaren Gottes, der ebenfalls keinen festen Wohnsitz hat. Mose führt die Israeliten aus Ägypten in das verheißene Land. Er selbst sieht es nur noch aus der Ferne. Aber Gott zieht die ganze Zeit voraus, in Wolke und Feuer gehüllt. Jesus und seine Jünger folgen diesem Muster. Ständig sind sie unterwegs. Am Ende stirbt auch Jesus draußen, vor den Toren Jerusalems. Nach Pfingsten wandern die ersten Christen unermüdlich durch das römische Reich. Die Verfasser*in des Hebräerbriefes blickt zurück auf diese Pioniere:

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, 
Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. 
Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, 
wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; 
und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. 

Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder 
im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf 
und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; 
denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, 
die Gott selbst geplant und gebaut hat. 

Hebr 11,1ff

Die Mütter und Väter des Glaubens, ohne die es kein Evangelium und keine Kirche gäbe, waren allesamt Menschen, die ihr Leben lang auf dem Weg durch den wilden Osten waren. Ihre Zelte waren die Vorläufer der Planwagen.  Und sie lebten als „Gäste und Fremdlinge“, sagt die Bibel. Oder um ein anderes Wort zu verwenden: Sie waren Pilger. 

Und so gilt auch für uns:

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Hebr 13,14

Was die Pioniere des wilden Ostens und Westens verbindet (und zugleich von heutigen Rotstift-Reformern, Monaden und Selbstvermarktern unterscheidet), das ist die Einsicht, wie sehr sie auf einander angewiesen sind. Dasselbe gilt für die Pilger: Sie sind ja keine Einsiedler. Die vielen Begegnungen auf dem Weg sind mindestens so heilsam und bereichernd wie die Stille und die Konfrontation mit dem inneren Schweinehund. Der Weg, der uns aufgegeben ist, ist so weit und so entbehrungsreich, dass er nur gemeinsam gemeistert werden kann. Und wenn wir die großen Herausforderungen anschauen, vor denen unsere Gesellschaft steht – die ungelöste Klimakrise, Konflikte, die in Hass und Gewalt umschlagen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich – dann wird das mit Siedlermethoden (alles bleibt wie es war) nicht zu lösen sein.

Zeit zur Erkundung

Religionssoziologen haben beobachtet, dass über die letzten Jahrzehnte immer mehr Menschen eine „Spiritualität der Seßhaftigkeit“ aufgeben und eine „Spiritualität des Suchens“ vorziehen: Erfahrungen statt Wissen, Vorläufiges statt Fixiertes, ausgehandelte statt vorgegebene Deutungen. Dass wir in den Kirchen das Pilgern neu entdeckt haben, fügt sich gut in dieses Bild. Weil vieles Gewohnte in den Kirchen seit Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr funktionierte, haben viele Gemeinden munter experimentiert. Plötzlich geht etwas!

Kann es also sein, dass im Lärm der Krisen, der unsere Kirchenfenster klirren lässt, der Schuss des Büffeljägers zu hören ist? Der will den Siedlern ja nicht einfach nur einen Streich spielen. Sondern sie aufwecken und daran erinnern, dass sie selbst (oder ihre Eltern und Großeltern) irgendwann einmal Auswanderer und Pioniere waren. 

T.S. Eliot schreibt: 

We shall not cease from exploration, 
and the end of all our exploring 
will be to arrive where we started 
and know the place for the first time. 

Four Quartets

Das Ankommen, das Erkennen und Erkanntwerden steht uns allen erst bevor. Bis dahin gibt es noch viel zu erkunden. Je nach Tagesform bin ich mal mehr Siedler und mal mehr Pionier. Im Alltag ist das gar kein so klares Entweder-Oder. Ich merke aber, dass es mir besser geht, wenn ich öfter auf den Pionier in mir höre. Und wie ich aufblühe, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die sich in den Umbrüchen dieser Zeit nicht verkriechen, sondern zum Aufbruch bereit sind. 

Wenn ich anfange, Gott außerhalb des Bekannten und Gewohnten zu suchen, dann habe ich mit den Menschen um mich herum – ob sie religiös sind oder nicht – diese eine Sache schon einmal gemeinsam: Ich weiß nicht genau, was mich erwartet. Wie ich mit diesem Nichtwissen umgehe, ist für die anderen Bewohner des WildWest 2.0 womöglich interessanter als das, was ich schon weiß. 

Ging es nicht genau darum an Weihnachten? In dieser ganzen Ungewissheit ist uns der Sohn Gottes nahe. Geboren zwischen Tür und Angel. Bei den underdogs, im prekären Milieu der Hirten und Tagelöhner. Seine merkwürdigen Gäste aus dem Morgenland standen in Jerusalem unter Spionageverdacht und mussten untertauchen. Die Weihnachtsgeschichte redet die Welt nicht schön. Aber sie weiß von der Herrlichkeit Gottes darin zu erzählen.

Der Pionier in mir

Wenn in jedem von uns ein Pionier schlummert, wie kann er wachgeküsst werden?

Pioniere können Pioniere wachküssen. Sie sind freilich nicht automatisch netter oder unkomplizierter als Siedler. Wenn mir das nächste Mal welche begegnen, kann ich ein eventuell auftretendes Unbehagen zur Kenntnis nehmen. Aber dann kann ich es auch zurückstellen und fragen: Was treibt dich an? Was hast du entdeckt? Wolltest du schon mal aufgeben und warum hast du es nicht getan? Wo ist dir Gott begegnet?

Kann ich Pilger sein, wenn die Welt im Lockdown ist? Ja, natürlich. Ich muss ohnehin auf vieles Gewohnte verzichten: Reisen, Aktivitäten, Fortbildungen oder Feste. Da ist Platz für neue Routinen und spirituelle Suchbewegungen: Stillhalten und Lauschen. Horizontwerweiternde Lektüre. Die liebevolle Aufmerksamkeit, mit der ich meine inneren Widerstände und Fluchttendenzen wahrnehme, ohne ihnen nachzugeben. Und der Zuspruch von Weggefährt*innen – funktioniert auch mobil und digital.

Gilbert K. Chesterton, der Schöpfer des listigen Pater Brown, hat einmal festgestellt:

Ein Abenteuer ist bloß eine recht verstandene Unannehmlichkeit. 
Eine Unannehmlichkeit ist bloß ein missverstandenes Abenteuer. 

Das neue Jahr wird erst einmal mit allerhand Ungewissheit und Unannehmlichkeiten losgehen. Daran können wir nichts ändern. Aber wir könnten die Einladung annehmen, die pionierhaften Wurzeln unseres Glaubens wieder neu zu entdecken – abseits der gewohnten Pfade.

Also da, wo wir alle gerade herumstolpern.

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Allein im Advent

Als die Welt im März die Begriffe „Lockdown“ und „Social Distancing“ lernte, erschien im Fair Observer ein Artikel von Kate Bracht über Hannah Arendt. Der Inhalt hat auch in der zweiten Welle nichts an Aktualität verloren. Für den nun beginnenenden Advent wurden die Beschränkungen gerade verlängert. Weihnachtsmärkte und Geselligkeit an Glühweinständen fallen aus. Die Stille und Leere sind wir nicht gewohnt. Kann Hannah Arendt uns dafür einen Leitfaden geben?

Arendt unterscheidet in „Origins of Totalitarianism“ zwischen Isolation, Einsamkeit (loneliness) und Alleinsein (solitude). Letzteres könnte man vielleicht auch mit „Stille“ übersetzen, um den Unterschied zur Einsamkeit deutlicher zu machen.

Photo by Kristina Tripkovic on Unsplash

Isolation und Einsamkeit wirken sich destruktiv aus auf Menschen. Isolation entsteht, wenn Tyrannen Angst und Misstrauen verbreiten, so dass Bürger nicht mehr zusammenfinden, um sich für eine bessere Gesellschaft stark zu machen. Donald Trumps unablässige Diskreditierung der US-Wahlen ist nur das jüngste Beispiel für diese Strategie.

Einsamkeit entsteht, wenn eine Person Feindseligkeiten ausgesetzt ist oder es ihr nicht gelingt, von sich aus Verbindung zu anderen aufzunehmen. Das ist eine existenzielle Notlage. Und sie hatte schon Mitte des 20. Jahrhunderts epidemische Ausmaße erreicht.

Im Alleinsein steckt Potenzial

Überraschenderweise ist nicht Geselligkeit, sondern das Alleinsein für Hannah Arendt die Arznei gegen Einsamkeit und Isolation. Das Selbst ist zwar physisch allein, aber es leistet sich selbst Gesellschaft und vergegenwärtigt sich die Welt – und ist damit gerade nicht von ihr abgeschnitten, isoliert oder verlassen. Im Alleinsein entsteht der Raum zum Denken, das immer eine Art fruchtbares Selbstgespräch ist und dessen Ertrag dann ins Gespräch mit anderen einfließen kann. Ohne die Kunst des Alleinseins verflacht auch die Konversation.

Gedanken- und Gewissenlosigkeit gehören für Arendt eng zusammen. Insofern ist die Stille auch der Ort, wo sich das Gewissen melden kann und der moralische Kompass sich neu justieren lässt. Und weil Alleinsein uns auch schöpferisch und erfinderisch macht, liegt hier die Quelle zur Erneuerung der Welt, des Gemeinwesens und des öffentlichen Lebens. Ohne stetige Erneuerung – das haben die letzten Jahre bewiesen – erodieren Institutionen und stabilisierende Selbstverständlichkeiten mit der Zeit.

Erwartung kultivieren

Jetzt im Advent, wo die Tage kurz und die Nächte kalt werden, könnten wir das Alleinsein kultivieren. Wir könnten uns im Warten und in der Erwartung üben. Nicht nur der Erwartung, dass ein Impfstoff und die Frühjahrssonne die ersehnte Corona-Wende bringen und alles wieder wird wie früher. Es wäre zu wenig, nur etwas Auszusitzen. Es geht um so viel mehr. Kate Bracht schreibt dazu:

Our world is sorely in need of renewal, but renewal most likely won’t come from the top. It will come from below, in the everyday choices made by individuals. Ultimately, what solitude restores is the capacity for beginning, the ability to bring something new into the world. For Arendt, this capacity to bring something unique into a world needing renewal is a gift each of us receives at birth. For her, it constitutes a sort of miracle and is a source of faith and hope.

Kate Bracht im „Fair Observer“

Da wir schon bei Glaube und Hoffnung sind: Wenn wir das Alleinsein als ein Alleinsein im Angesicht Gottes verstehen, finden wir einen zusätzlichen Anreiz, die Stille zu suchen. Und gibt es einen stärkeren Gegensatz zum dauertweetenden Lügenpräsidenten, der sich pausenlos Nachrichten über sich selbst ansieht, oder zu den dauerempörten Querdenkern, deren Erregungsspirale keine Unterbrechung duldet?

Ganz ähnliche Gedanken wie Hannah Arendt kenne ich von Henri Nouwen. In seinem Klassiker „Reaching Out“ beschreibt er unter anderem das Potenzial in der Bewegung von der Einsamkeit zur Stille. Hier, hier und hier habe ich einiges davon zusammengefasst.

In diesem Sinne – einen nachdenklichen, empfänglichen und schöpferischen Advent Euch allen!

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Die himmlische Feuerwehr streikt

Bibeltexte können unfassbar aktuell sein. Nicht jeder Text zu jeder Zeit, aber zu fast jeder Zeit einer oder mehrere. Vor ein paar Tagen bin ich über ein Stück aus dem Buch Jeremia gestolpert. Inzwischen verdeckt die herbstliche Laubfärbung ja die vielen braunen Stellen, die im Frühjahr und Sommer dieses Jahres überall sichtbar waren. Lokal und zeitlich begrenzt ist Extremwetter wie Dürre und Trockenheit kein neues Phänomen. Aber solche Zeilen, wie sie der Prophet vor über 2.500 Jahren niederschrieb, werden im Zuge des Klimawandels und dauerhaft sinkender Grundwasserpegel noch viel eindringlicher:

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor.

Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter.

Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.

Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.

Jeremia 14,1ff

Bis in die Villen der Reichen hinein reicht die Dürre. Brunnen und Zisternen sind leer, der Ackerboden bekommt Risse, wilde Tiere verenden, weil sie keine Nahrung mehr finden. Sie verlassen sogar ihre Jungen. Verhüllte Häupter und erloschene Augen, keine Zukunft für nachfolgende Generationen: Dieselben Reaktionen ruft das Wald- und Artensterben unserer Zeit hervor. Es vollzieht sich nur langsamer – und es ist unumkehrbar. Der Spuk ist nicht nach ein paar Monaten wieder vorbei, wenn sich die gewohnten Wetterzyklen zurückmelden. Noch können wir uns – entsprechenden Wohlstand vorausgesetzt – gegen manche Folgen isolieren. Es kommt uns aber immer teurer zu stehen.

Der 93jährige David Attenborough hat das jüngst in seiner Dokumentation „Mein Leben auf unserem Planeten“ eindringlich dargestellt und dies als sein Vermächtnis an die Nachwelt bezeichnet:

Dass wir – und wie damals ist das kein homogenes „Wir“: die Reichen mehr als die Armen, der globale Norden mit seinen (neo)kolonialen Zentren mehr als der Süden, (weiße) Männer mehr als Frauen – ursächlich verantwortlich sind für die Misere, ist nicht zu widerlegen. Eher schon ist es verwunderlich, dass das Volk zu Jeremias Zeiten an dieser Stelle auf die eigenen Sünden zu sprechen kam:

Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Gott wird in den Gebeten und Klagen an seine Rolle erinnert. Die ist in der Erwartung der Menschen glasklar definiert: Trost und Nothelfer. Das ist bis heute nicht anders: Dass Psalm 91,11 bei weitem der beliebteste Taufspruch ist, belegt überdeutlich, wie wenig sich geändert hat.

Wie schön wäre es, wenn Gott angesichts der epochalen Waldbrände dieses Jahres in Kalifornien, Australien, Sibirien und Brasilien seinen kosmischen Feuerlöscher (wahlweise auch einem ergiebigen Landregen) ausgepackt hätte. Aber er nimmt die Rolle des Feuerwehrmanns nicht an. Er tut so, als hätte er mit dem ganzen Chaos nichts zu tun. Als wäre das nicht sein Land und seine Leute. Oder – und hier keimt ein neuer, beängstigender Verdacht auf – ist er nicht gar unbeteiligt, sondern genauso rat- und hilflos wie wir?

Noch einmal wird Gott beschworen, sich an seine Pflichten zu erinnern. Aber offenbar ist die Beziehung an jenem Punkt angekommen, an dem ein Partner den anderen ständig verletzt, dann mit Krokodilstränen beschwichtigt, nur um kurz darauf wieder übergriffig zu werden. Darauf hat Gott offenkundig keine Lust mehr. Er streikt. Heute würden wir sagen: Er mischt sich unter die immer zahlreicheren Klimaflüchtlinge. Das Herumgeeirere geht ihm auf die Nerven. Der Prophet protokolliert:

So spricht der HERR von diesem Volk: Sie laufen gern hin und her und schonen ihre Füße nicht. Darum hat der HERR kein Gefallen an ihnen, sondern er denkt nun an ihre Missetat und will ihre Sünden heimsuchen.

Wir sollten es uns also nicht so leicht machen mit der Frage, wo Gott steht im Blick auf den Klimakollaps, auf den wir feste und nahezu ungebremst hinarbeiten. Vieles haben wir – die Menschheit – selbst in der Hand. Vielleicht brauchen wir Gott derzeit mehr als distanzierten Kritiker denn als Ausputzer? Mehr auf der Seite der aussterbenden Arten, unbewohnbaren Landstriche, kollabierenden Gleichgewichte – und kommender Generationen?

So viel ist klar: Hier gehts nicht mehr darum, lästige Klimafolgen durch ein paar Windräder und etwas Aufforstung zu reparieren. Sondern um eine grundlegend andere Art zu leben und zu wirtschaften.

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Glaube, Genuss, Gerechtigkeit und das gute Gewissen

Fleisch ist gerade in aller Munde. Wieder mal. Die Corona-Pandemie hat die Missstände der Fleischindustrie, bei denen Ministerien und Behörden bis jetzt gern beide Augen zugedrückt hatten, unübersehbar gemacht. Im Wirtschafts- und Landwirtschaftsminsterium werden wieder einmal die einschlägig bekannten Beschwichtigungsroutinen aktiviert. Vermutlich um Tatkraft zu simulieren, bis die Aufregung sich legt, alle wieder wegschauen und business as usual wieder möglich ist.

Die Liste der Probleme, die der gewohnte Fleischverzehr verursacht, ist ja lang. Neben Infektionen und Ausbeutung beim Personal der Schlachthöfe ist das zum Beispiel

Letzteres bringt uns wieder zurück zum Anfang – den massenhaften Ansteckungen mit Covid-19 bei Tönnies & Co. Oder wie der katholische Kollege Peter Kossen diese Woche im DLF sagte: „Man verbraucht Menschen„. Wie in anderen Bereichen billiger Massenware auch werden hier die Armen gegeneinander ausgespielt. Die Tönnies‘ dieser Welt streichen derweil satte Gewinne ein und inszenieren sich gleichzeitig noch als Wohltäter, die billige Burger, Flugtickets oder T-Shirts unters darbende Volk bringen.

Photo by Sebastian Holgado on Unsplash

Bibel und Billigfleisch

Es mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, hier einen Streit unter den ersten Christen aufzugreifen. Aber vielleicht können wir daraus ja doch etwas lernen über Glaube, Fleischverzehr, Gerechtigkeit und das gute Gewissen? Im Römerbrief und im ersten Brief an die Korinther befasst sich Paulus mit der Frage, ob Christen Fleisch von Tieren essen sollten, die als Opfer für die heidnischen Götter geschlachtet wurden.

Richard Horsley hat in seiner Studie „Jesus and the Powers“ den sozialgeschichtlichen Hintergrund der frühen Christenheit im römischen Reich ausgeleuchtet. Er bezeichnet das politische System als „military-agribusiness complex“. Die Patrizier kauften Land im großen Stil auf und bewirtschafteten ihre riesigen Latifundien mit Sklaven. Kleinbauern, die nicht zuletzt wegen der damals geltenden Wehrpflicht verarmten, verloren ihre Lebensgrundlage und wanderten in die Städte ab, wo sie die Unterschicht bildeten. Der römische Senat stimmte einer Deregulierung zu, die Privatpersonen unbegrenzten Landbesitz ermöglichte und die Zwangsenteignung verschuldeter Familien billigte. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert verloren so die Hälfte der Bauern Italiens ihr Land.

In den Städten ließen die reichen Patrone Getreide an die Proletarier verteilen, um den sozialen Frieden zu wahren. Diese freiwilligen Sozialleistungen der Reichen betrafen auch die religiösen Feste, die im Wesentlichen aus Wagenrennen im Zirkus, Theateraufführungen und üppigen öffentlichen Festmählern bestanden – zu Ehren der Götter, die die bestehende Ordnung garantierten. Diese Feste dauerten, alles zusammengerechnet, etwa vier Monate im Jahr, schreibt Horsley. Und sie waren für viele Arme, die sich das sonst nicht leisten konnten, die einzige Möglichkeit, Fleisch zu essen.

Mit anderen Worten: Billigfleisch sichert den sozialen Frieden im Reich. Es wird in Sklavenarbeit hergestellt, von der hauptsächlich die steinreiche Oberschicht profitiert. Die hat sich den Staat unter den Nagel gerissen und verteilt nun Almosen, um keine Macht abgeben zu müssen. Nach 30 Jahren neoliberaler Umverteilung von unten nach oben erscheint uns Heutigen das nicht mehr völlig fremd.

Unter den Christen in Rom und Korinth scheint die Frage, ob man Opferfleisch essen darf, vor allem unter dem Gesichtspunkt kultischer Reinheit verhandelt worden zu sein. Macht sich jemand, der (wenn auch indirekt) an rituellen Handlungen teilnimmt oder davon profitiert, dadurch unrein? Wird er schuldig, weil er gegen das erste Gebot verstößt, keine anderen Götter zu haben? Muss er mit Zorn und Strafe rechnen?

Was steht auf dem Spiel?

Paulus unternimmt hier eine subtile Diskursverschiebung. Für ihn ist es kein kultisches Problem, sondern ein zwischenmenschliches. Es geht nicht um rein und unrein, Schuld und Strafe. Es geht aber sehr wohl darum, Lösungen zu finden, mit denen alle gut leben können. Wenn mein Fleischkonsum – aus welchem Grund auch immer! – für andere zur Last wird, dann stellt sich die Frage nach Rücksichtnahme. Fleisch zu essen ist also nicht absolut richtig oder falsch, aber es kann durchaus relativ problematisch sein.

Und so rät Paulus dann zu einem bedingten Verzicht. Nicht weil Fleischverzehr an sich „pfui“ wäre. Wohl aber weil die sozialen Kosten zu hoch sein können und weil die Solidarität nicht auf der Strecke bleiben darf. Wir kennen und praktizieren das ja auch: Wenn etwa ein Familienmitglied eine Unverträglichkeit hat, dann passen alle anderen ihre Ernährung ein Stück weit an. Nicht aus Zwang, sondern weil es dem Zusammenhalt dient und sich alle damit wohler fühlen. So lässt sich auch die Maxime des Paulus verstehen:

Was für euch gut ist, soll nicht schlechtgemacht werden. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist. Wer darin Christus dient, findet Wohlgefallen bei Gott und Anerkennung bei den Menschen.

Römer 14,16-18

Verbissen war gestern

Auf einem Werbeplakat der Tabakindustrie hieß es vor ein paar Monaten: „Gemüse vom Grill? Und ich dachte, wir sind Freunde“. Als wären Vegetarier*innen und Veganer*innen Vertreter eines elitären Lifestyles, die ihren freudlosen Verzicht dadurch kompensieren, dass sie anderen ihre absurde Moral aggressiv aufs Auge drücken. So funktioniert die klassische Gutmenschen-Polemik, sie entschuldigt die eigene Ignoranz mit dem Verweis auf die angebliche Arroganz der anderen.

Das Körnchen Wahrheit darin kennt auch Paulus: Verzicht fällt uns weniger schwer, wenn er von Freude getragen wird. Wer eine Diät macht, freut sich auf seine Wohlfühlfigur und die Komplimente der anderen, wer hart trainiert auf den Leistungszuwachs und den sportlichen Erfolg. Hier geht es um Frieden und Gerechtigkeit – lebensförderliche Verhältnisse zwischen Menschen. Wenn wir daran Gefallen finden, darauf Lust bekommen, dann funktioniert auch der Verzicht. Ganz ähnlich argumentiert Paulus beim finanziellen bzw. materiellen Teilen: einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

Die Forderung ist übrigens nicht: Du musst Rücksicht nehmen und es muss dir auch noch Spaß machen. Sondern die Einladung lautet: Stell dir vor, was Deine Solidarität für andere bedeutet, die um ihre Gesundheit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen- und Lebensbedingungen kämpfen müssen. Auch dann, wenn sie für sich allein genommen und auf kurze Sicht noch keine spürbare Veränderung bewirkt. Aber es ist ja kein Schaden, stastlichen Regelungen (die wir natürlich auch brauchen!) zuvorzukommen oder über sie hinauszugehen. Die werden ohnehin erst dann kommen, wenn eine ausreichend große Zahl vom Menschen bereit ist, sie mitzutragen. Bis dahin gilt:

Selbst wem Tiere wurscht sind, dem können Menschen nicht egal bleiben. Das Problem ist komplex, die Konsequenz ist simpel: Wir brauchen ein nachhaltigeres Nahrungsmittelsystem, mit keinem oder kaum Fleisch und vielen Pflanzen auf dem Teller.

Ariane Sommer in der taz

Egal, ob ich an meine Urenkel denke, an die Ureinwohner des Amazonasgebietes, an die Tiere und Beschäftigten in den Schlachthöfen: Es hilft mir bei der Entscheidung, was ich kaufe und zu mir nehme. Auch das ist im Grunde recht einfach zu begründen:

… stehle [ich] nicht, weil das gesetzlich verboten ist? Ich glaube nicht, dass das der Grund ist, warum ich nicht stehle. Ich denke nicht, dass ich es tun würde, wenn es morgen nicht mehr verboten wäre. Ich will einfach nicht jemand sein, der stiehlt. Der Trick ist, das jetzt zu übertragen, sodass wir auch nicht jemand sein wollen, der den Planeten bestiehlt oder die Zukunft. 

Jonathan Safran Foer

Wir haben auf viele Dinge in dieser Welt keinen Einfluss. Beim Fleischverzehr ist das erfreulich anders. Da senden wir wie sonst kaum mit einem sehr überschaubaren Aufwand gute Impulse in viele Richtungen auf einmal. Was für eine Gelegenheit, der Gerechtigkeit und dem Frieden Vorschub zu leisten! Und der Glaube an einen Gott, der alle seine Geschöpfe fürsorglich liebt, hilft der Motivation ja zusätzlich auf die Sprünge.

Diesen Sommer fallen die meisten Gemeindefeste aus. Zeit zu überlegen: Was kommt bei uns nächstes Jahr auf den Tisch? Und wie erklären wir das unseren Gästen?

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Über Windstille, Wellentäler und die Frage nach dem Wesentlichen

Die Infektionskurven sind nach zehn Wochen Covid-19-Beschränkungen tatsächlich flacher geworden, die öffentliche Irritationskurve hingegen ist immer noch zackig. Ist das nur ein Wellental oder ebbt die Pandemie allmählich ab? Eilige und drastische Entscheidungen haben in dieser Zeit wie lange nicht mehr die Tagesordnung bestimmt. Alard von Kittlitz hat in einem lesenswerten Beitrag auf Zeit Online die Lücken und Leerstellen benannt, die das hinterlässt. Und die Fragen, die sich jetzt in der allgemeinen Erschöpfung stellen:

Es herrscht, Corona sei Dank, eine Sekunde der Windstille. Und ich bin keiner, der jetzt einfach nur um auffrischenden Wind betet. Ich will wissen, wo das Land liegt, in das wir segeln wollen. Ich will, dass darüber breit geredet wird, dass die Parteien sich mal aus dem Fenster lehnen. Nicht erklären, welche Gesetze sie durchbringen wollen, sondern wozu. Was für eine Welt fändet ihr schön? Wie sähe die aus? Wo wollt ihr hin, jetzt, wo alles stillsteht? Woran dürfen wir Euch messen? Für welche Vision sollen wir euch wählen? Für welche Utopien habt ihr Kraft?

A. von Kittlitz
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Auch Hartmut Rosa spricht im Interview mit dem DLF von der Chance auf eine Neubesinnung und wünscht sich dazu einen wesentlichen Beitrag religiöser Stimmen. Die könnten Alternativen aufzeigen zu überzogener medizinisch-technischer Kontrolle einerseits und einem (bisweilen auch klerikalistisch gefärbten) Verschwörungsglauben andererseits, der wenigstens kognitiv die Oberhand behalten möchte. Beide Zugriffe sind der Versuch, sich eine Welt, die unberechenbar geworden ist, wieder verfügbar zu machen. Die Frage nach dem guten, gelingenden Leben indes haben wir in die Privatsphäre und ins Belieben der einzelnen verwiesen. Kein Wunder, dass Gespräche über Visionen und Utopien uns so schwer fallen. Aber auch Rosa sieht diese „Windstille“, die eine Besinnung auf den künftigen Kurs möglich macht:

Wir haben nämlich in den letzten Jahrzehnten die Erfahrungen gemacht, politisch mehr oder minder ohnmächtig zu sein. Das beste Beispiel ist die Klimakrise, wo es eigentlich einen breiten Konsens gibt, dass da etwas geschehen muss. Schon sehr viele Menschen sagen, das ist eigentlich das wichtigste und vordringlichste Problem. […]
Und jetzt haben wir gesehen, dass man sehr wohl politisch handeln kann und eigentlich innerhalb weniger Wochen und auch ohne Katastrophe. Denn es ist ja nicht das Virus, das die Flugzeuge vom Himmel geholt hat. Wir sind politisch handlungsfähig, wenn die Entschlossenheit groß genug ist, wenn der politische Wille auch groß genug ist.

Hartmut Rosa

Glauben und Handeln

Statt im Blick auf Covid-19 nur die Frage zu diskutieren „Wie kam es dazu – und wie werden wir es wieder los (oder wer ist schuld)?“, wäre es angebracht zu überlegen: „Wozu kann das gut sein?“. Kann all das Verstörende und Schmerzhafte, das sich nicht schönreden lässt, dennoch positive Nebenfolgen haben? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Das scheint mir der neutestamentliche Blickwinkel zu sein: Nicht die Frage, ob das so kommen musste (als Strafe, als Prüfung, als Machterweis Gottes), sondern die Frage, ob im Vertrauen auf Gottes schöpferische Kraft unnötiges und sinnloses Leid zum Ausgangspunkt einer heilsamen Entwicklung werden kann (Römer 8,28; Johannes 9,3).

Hier gibt es also eine (mögliche) Verbindung von Glauben und Handlungsfähigkeit. Auf eine andere interessante Brücke hat – ebenfalls in der vergangenen Woche – Jonathan Safran Foer in der taz hingewiesen: „Wissen reicht nicht, um zu glauben“. Unsere Untätigkeit und Passivität im Blick auf den drohenden Klimakollaps rührt nicht von einem Mangel an Wissen oder Information her. Sondern daher, dass diese Dinge gefühlt noch weit weg sind:

Meine Großmutter war nicht die Einzige, die wusste, was auf sie zukam. Jeder wusste, dass die Nazis kommen würden, sie wussten nicht, was passieren würde, aber sie wussten, was kommen würde. So wie wir alle wissen, dass das Klima sich erwärmt. Meine Großmutter war die Einzige, die ging, die entschied, dass das nicht nur ein historisches Ereignis in einer Serie von historischen Ereignissen sein würde, sondern fast so etwas wie das Ende der Geschichte. Ich habe sie sehr, sehr oft gefragt, was es genau war, wodurch sie wusste, dass sie etwas tun musste. Sie hatte immer Schwierigkeiten, es zu erklären.

Jonathan Safran Foer

Transformation und Veränderung sind also zu einem gewissen Grad auch Glaubensfragen. Das fängt damit an, welchen Informationen und Stimmen ich Gehör schenke, was ich für glaubwürdig halte. Und geht weiter mit der Frage, für welche Utopien wir Kräfte mobilisieren oder wie weit die Entschlossenheit und der politische Wille reicht.

Ein Ort zum Fragen, Hören, Üben und Antworten

Wir haben das Emergent Forum im September mit „Klima:Krise“ überschrieben, als wir noch nicht wussten, wie sich das gesellschaftliche Krisenklima durch die Corona-Pandemie anheizen würde. Aber das Thema hat nichts von seiner Brisanz verloren. Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich beschleunigt, die Kosten fossiler Energiegewinnung sind eine immense Last. Passend dazu lautet der Untertitel denn auch „Make or break“ – jetzt geht’s ums Ganze.

Krise bedeutet, dass eine Katastrophe oder ein Kollaps möglich sind, aber (noch) nicht unausweichlich. Über eine Krise nachzudenken bedeutet, sich der Wirklichkeit zu stellen, die Handlungsoptionen abzuwägen und eine Entscheidung zu treffen. Oder, um die Metapher der Windstille aufzugreifen: Den bisher gefahrenen Kurs zu überdenken und das Reiseziel gegebenenfalls zu ändern. Wissen und Information spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber auch die Suche nach einem – beziehungsweise das Einüben in ein – Resonanzverhältnis, das empfänglich ist für die Schönheit der Natur, ebenso wie für das Leiden unserer Mitgeschöpfe und künftiger Generationen von Menschen. Und von da aus ins neue Handeln findet.

Vom 18. bis 20. September findet das Emergent Forum in Nürnberg statt. Haltet Euch das Wochenende also schon mal frei. In den nächsten Tagen und Wochen werden wir dann Details zu Inhalten, Personen, Programm und Anmeldung posten.

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Nur ein New Deal hilft weiter

Nicht jede Krise wird zum Kollaps. Einige aber schon. So geschehen zur Zeit des Propheten Jeremia. Gott antwortet darauf mit einem New Deal. Kann uns das – zweieinhalb Jahrtausende später und mitten in einer Pandemie – konstruktiv weiterbringen?

Wie kann Neues werden? Wie müsste es sich vom Bisherigen unterscheiden? Und welche Rolle spielen wir alle miteinander dabei?

Wer gestern nicht in die Auferstehungskirche kommen konnte, findet hier ein paar Anregungen für die Woche vor Pfingsten (und darüber hinaus).

Photo by Michael Fenton on Unsplash
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Angespannte Atmosphäre

Als ich vor 14 Tagen zum ersten mal seit Wochen wieder in einem Zug saß, erinnerte die Stimme aus dem Lautsprecher an die Pflicht, eine Gesichtsmaske zu tragen. Auf DB-Englisch hieß das dann „please cover your mouse and nose“. Ein paar Fahrgäste schräg gegenüber hatten das offenbar weder auf Deutsch noch auf Englisch verstanden. Ihr Mundschutz baumelte unterm Kinn, damit sie sich besser unterhalten konnten.

Zwei Welten

Dieses Gefühl, in zwei Welten gleichzeitig zu leben, werde ich gerade nicht los. Da ist die Welt der Behutsamen und Verantwortungsbewussten. Diese Woche tauschte sich unser Pfarrkapitel über Hygienemaßnahmen aus. Sie sind oft beschwerlich einzuhalten, es gibt Änderungen in kurzer Abfolge und immer wieder stellt sich die Frage, ob das bisher übervorsichtig war oder inzwischen schon wieder fahrlässig ist. Aber alle sind sich einig darin, dass wir die geltenden Regeln einhalten und niemanden gefährden wollen. Die meisten haben mit Menschen aus Risikogruppen zu tun, manche gehören selber dazu.

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Auf dem Heimweg komme ich an einer Imbissbude vorbei, die auf dem Parkplatz eines Baumarktes steht. Die Kund*innen stehen alle mit Gesichtsbedeckung an, drinnen hängt zwei fröhlichen Mitarbeitern der Mundschutz lässig unterm Stoppelbart. Als ich einen darauf anspreche, sagt er, es sei halt einfach zu warm dafür. Als wäre das eine Empfehlung, der man nur so lange zu folgen braucht, wie es einen nicht stört. Er zieht den Mundschutz widerwillig ein Stück hoch, aber die Nase schaut immer noch heraus. Es ist nicht das erste Mal, dass mir diese Reaktion begegnet. Letzte Woche grinste mich das Personal eines anderen Straßenverkaufs ebenso unverhüllt wie unverhohlen an und fragte, ob ich denn ernsthaft glaube, was die Regierung sagt.

Der garstige breite Graben

Ab und zu überrascht mich diese Spaltung auch im Bekanntenkreis. Da wird natürlich wie überall munter diskutiert und die einen drängen auf mehr Lockerungen während andere das Risiko einer zweiten Welle im Blick haben. Doch dann gibt es vereinzelt Stimmen, die offenbar jegliches Vertrauen in Politik, öffentliche Institutionen und gesellschaftliche Diskurse verloren haben. Zugleich aber berufen sie sich auf „Forschungs“-Websites ohne Impressum und obskure Youtube-Experten, die alles viel besser wissen als Christian Drosten und das RKI. Und werfen mir vor, ich würde unkritisch den Mainstream nachplappern statt differenziert und selbständig zu denken. Da stehen wir nun vor dem garstigen breiten Graben. Bei Lessing verläuft er zwischen Glaube und Vernunft. Ist es heute Verschwörungsglaube und Vernunft? Hilft diese Polarität überhaupt noch weiter?

Brüche über Brüche

Seit ein paar Jahren scheint jede neue Krise neue garstige Gräben mit sich zu bringen. Ich denke an Gespräche mit einem Bekannten, er links und Agnostiker, ich grün und Theologe, genug gemeinsame Perspektive auf das Leben für lange, gute Gespräche. Irgendwann entdeckte er das Thema „Islamkritik“ und die Verständigung wurde zusehends schwieriger. Nach 2015 ging dann gar nichts mehr. Der Bruch lag quer zur alten Frontstellung von konservativ und progressiv, wie auch dem jüngeren Antagonismus von Kapitalismuskritik und Neoliberalismus. Freilich profitierte die extreme Rechte enorm von der neuen Entfremdung. Auch deshalb, weil (das soll hier nicht unerwähnt bleiben) zahlreiche Vertreter „bürgerlicher“ Parteien (sprich: Union und FDP) versuchten, aus den Ressentiments gegen Zuwanderer und Muslime Kapital zu schlagen.

Die nahende Klimakatastrophe brachte die nächste Spaltung. So weit ich sehe, hat sich das rechte Lager weitgehend geschlossen auf der Seite der Klimaleugner versammelt. Aber es bildeten sich zusätzliche Empörungsbrüche, bei denen nun auch Alter und Geschlecht eine Rolle spielten. Kein Wunder, das Ganze fiel ja in die Ära narzisstischer Alpha-Männchen mit problematischen Beziehungen zu Frauen, zur Gewaltenteilung und zur Wahrheit.

Die Gretas und Luisas von Fridays for Future hören auch dann, wenn es ihrem Anliegen kurzfristig schadet, auf die Wissenschaften. Sie protestierten daher während der letzten Wochen im Netz. Doch nun kapern andere die verwaiste Bühne. Sie beklagen die große Freiheitsberaubung unter dem Deckmantel des Seuchenschutzes. Und wieder sind es vor allem Männer, die die Welt „retten“: Attila Hildmann, Sido, Gerhard Ludwig Müller. Eben wurde noch vor der drohenden Ökodiktatur gewarnt, jetzt ist auf einmal das Virus der Knüppel der Herrschenden. Eine neue Echokammer tut sich auf. Und wieder verlieren wir ein paar Mitstreiter, weil die den Corona-Knoten lieber durchschlagen würden als sich auf mühsame Diskussionen und langwierige Prozesse einzulassen. Sie haben nach zwei Monaten Krise und Verunsicherung schon wieder den Boden absoluter Wahrheiten unter den Füßen. Und erleben nach dem Stillhalten im Lockdown wieder das gute Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Vernunft im Rückwärtsgang

Bei „Swiss Propaganda Research“ berufen sich die anonymen Betreiber und Autoren auf die Vernunft, indem sie aus einem NZZ-Interview mit Slavoj Žižek (für seine Bücher hat’s leider nicht gereicht) zitieren: »Das Großartige an der Aufklärung bestand ja von Anfang an darin, dass rationale Argumente ihren Wert unabhängig davon haben, wer sie äußert.« Freilich stellen sie damit Žižeks Intention auf den Kopf. Der meinte, dass alle Menschen verdienen, gehört zu werden – auch die, die keine Macht und keinen Status haben. Hier dient das Zitat als Vorwand, die Selbstdarstellung als „Fachleute“ jeglicher Überprüfung von außen zu entziehen. Auf den Status legen die Unkenrufer also durchaus Wert. Aber wie Donald Trump scheuen sie davor zurück, echte Verantwortung für ihre Aussagen zu übernehmen. Im Grunde machen sie die Gleichung auf anonym = rational/glaubwürdig – und die Gegengleichung etabliert = irreführend/unglaubwürdig. Das ist – mit Nils Markward gesprochen – eine Form von relativistischer Denunziation, die nur noch Meinungen kennt und überall niedrige Motive unterstellt.

Žižeks letzter Satz an seinen neoliberalen Gesprächspartner aus der Steueroase lautete übrigens ebenso passend wie ernüchternd: „Wir leben – sorry – in ziemlich beschissenen Zeiten.“ Der grimmige Ausblick trifft auch jetzt noch zu, vier Jahre später. Weil die Klimakrise ja nicht verschwunden sein wird, wenn Covid-19 irgendwann gebändigt wurde. Sie wird selbst bei mildem Verlauf, der kaum noch erreichbar scheint, mehr Menschen betreffen und deutlich länger anhalten als ein paar Jahre. Wenn wir uns jetzt nicht einmal kurzfristig zusammenraufen können, um gemeinsam Lösungen zu finden, wie wird es dann erst aussehen? Wer demonstriert nach all dem falschen Alarm noch, wenn die Demokratie eines Tages wirklich in Gefahr ist?

Düstere Aussichten?

George Packer beschrieb die Lage in den USA kürzlich so: „Im ganzen Land eine von Zynismus und Erschöpfung geprägte Stimmung, ohne jegliche Vision einer gemeinsamen Identität oder Zukunft.“ Davon sind wir zum Glück noch ein ganzes Stück entfernt. Merkel und Steinmeier sind erfreulich anders als Trump. In Bund und Ländern sind Parteien und Mandatsträger zu Koalitionen und zur Kooperation fähig und nicht nur auf Krawall gebürstet. Ehrlich: Wie kann man noch von Corona-Diktatur schwadronieren, wenn man dieses Interview mit Bodo Ramelow liest?

Aber Zynismus und Erschöpfung nehmen auch unter uns zu. Die Ohnmachtsgefühle angesichts der von all diesen garstigen breiten Gräben zerfurchten Gesellschaft machen müde und mutlos. Am Vernünftigsten ist es wohl, nicht allzu viel Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit zu verbrennen im Umgang mit Meinungen, die wir offenbar nicht ändern können, und Geraune, das aus dubiosen Quellen aufsteigt.

Hygiene für den gestressten Geist

Ein anderer Kommentar aus diesen Tagen brachte es für mich gut auf den Punkt:

Die zentrale Frage der nächsten Monate lautet mit großer Wahrscheinlichkeit nicht: Wie bescheuert sind eigentlich diese Aluhutträger? Sondern vielmehr: Wie vertrauenswürdig, ehrlich, gewaltfrei und ernsthaft solidarisch wird sich der angeblich aufgeklärte Rest verhalten?

Anselm Neft

Und da sind durchaus Überraschungen möglich. Heute kam eine solche von Sven Giegold aus dem Europäischen Parlament: Eine breite Mehrheit der Abgeordneten sprach sich für einen solidarischen Corona-Wiederaufbaufonds aus, der den Green New Deal unterstützt.

Und mir fällt auf einmal ein Satz aus dem Philipperbrief ein. Paulus hatte in seiner noch jungen Bewegung mit Spaltungen, Misstrauen und Rivalität zu kämpfen. Seine apostolische Version des „please cover your mouse and nose“ – was wir aus der belasteten Atmosphäre aufnehmen und in sie abgeben – lautet so:

Was wahr ist, was achtenswert, was gerecht, was lauter, was wohlgefällig, was angesehen, wenn immer etwas taugt und Lob verdient, das bedenkt!

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Ein Denkmal für die Sehnsucht

Mein Arbeitszimmer ist so aufgeräumt wie schon Jahre nicht mehr: In der Isolation der letzten Wochen (und mit viel mehr Vorlauf als gewohnt) eine Predigt zu schreiben, ließ jedes Staubkorn interessant erscheinen. Dass gefühlt alles gerade im Ungewissen und in der Schwebe ist, macht es schwer, etwas zu niederzuschreiben, ohne es umgehend wieder unter Vorbehalt zu stellen. Aber irgendwann klärten sich die Gedanken und die Worte auf dem Bildschirm dann doch.
Die Ausnahmesituation setzt sich beim Sprechen im sterilen Studio fort: Keine Gemeinde vor Augen, kein Tageslicht, schalltoter Raum. Dank der moralischen und fachlichen Unterstützung von Melitta Müller-Hansen ließ sich zum Glück noch etwas Restadrenalin mobilisieren. Und die ersten Rückmeldungen waren ganz positiv. Aber hört (oder lest) selbst, wenn Ihr mögt…

Der rastlos Reisende sitzt fest. Paulus, der Apostel, hat gerade einen Gefängnisaufenthalt überstanden. Und jetzt muss er in Athen schon wieder warten, bis sein Team nachkommt. Erst dann kann es weitergehen übers Meer. Nun sitzt er am Hafen von Piräus, und sieht, wie die Schiffe an- und ablegen. So wie ich in den letzten Wochen den wenigen Flugzeugen am Himmel hinterhergeschaut habe. Voller Fernweh. Und voller Ungeduld: Wann werde ich mich wieder wie gewohnt frei bewegen können? Reisen? Besuche machen?

Irgendwann entschließt Paulus sich, in die Stadt zu gehen. Athen im ersten Jahrhundert nach Christus, das ist so eine Art Weimar des römischen Reiches. Politisch und wirtschaftlich unbedeutend, aber voller Erinnerungen an ein goldenes Zeitalter der Kunst und Philosophie. Und die Wiege der Demokratie – auch wenn das schon längst wieder Geschichte ist.

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Kein ganz einfaches Pflaster

Dieses Athen bietet großartige Architektur, wohin man auch schaut. Als Tourist oder Flaneur käme Paulus jetzt voll auf seine Kosten. Aber er sucht nicht den Kunstgenuss, sondern Gott auf den Straßen und Plätzen. Sein Blick fällt auf die zahllosen Götterbilder und Tempel. Er sieht sie nicht nur als kulturgeschichtliche Attraktionen. Für ihn sind sie in Stein gemeißelte Machtverhältnisse. Die Götter des Olymp sind Sinnbilder der antiken Klassengesellschaft: Freie stehen über den Sklaven, Männer über den Frauen, Eingesessene über den Zugewanderten. Diese Götter sind Schutzmächte jenes Systems, in dessen Namen er kürzlich erst verhaftet und ausgepeitscht wurde.

Auf dem Marktplatz, wo einst schon Sokrates die Passanten mit seinen Fragen nervte, kommt Paulus ins Gespräch mit den Einheimischen. Gebildet sind sie und kunstbeflissen, die Athener. Kritik und Skepsis wurden hier erfunden und in alle Welt exportiert. An die alten Göttermythen indes glaubt hier kaum noch einer. Eher, dass die Vernunft es möglich macht, sich dem Wahren, Guten und Schönen zuzuwenden. 

Ein bisschen verwöhnt sind sie auch. Jeden Augenblick könnte eine antike Version des Philosophen Richard David Precht um die Ecke kommen – gutaussehend, wohlsituiert und eloquent. Wahrheitssuche darf in Athen gern unterhaltsam sein: „Wo du schon mal da bist: Beeindrucke uns, wenn du kannst!“, sagen die Gesten und Gesichter. „Was hast du zu sagen über Gott und den Kosmos? Über das Glück und das tugendhafte Leben?“

Der Newcomer Paulus schlägt sich in seiner ersten Diskussion auf dem Markt in Athen so gut, dass er zur Begutachtung auf den Areopag geladen wird. Hier, unterhalb der Akropolis wird nicht Smalltalk, sondern Politik gemacht und Recht gesprochen. Es wird ernst:

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. 

 (Apg 17, 22-28)

Die Anspannung, der Missmut und die Ungeduld über das unfreiwillige Warten erscheinen wie weggeblasen, als Paulus zu dieser Rede ansetzt. Ich bin ein bisschen beschämt darüber. Wie oft ist mir das in den zurückliegenden Wochen nicht gelungen, meine Verstimmung über die ernste bis deprimierende Corona-Pandemie aus persönlichen Gesprächen herauszuhalten? Auch wenn völlig klar ist, dass mein Gegenüber genauso unter der Situation leidet und ebensowenig dafür kann wie ich. Ich spüre, wie ich einsilbiger werde, wenn ich genervt bin.

Paulus hingegen schimpft und droht nicht, er zieht sich aber auch nicht zurück. Er hat etwas Positives entdeckt, etwas Verbindendes. Und das rückt er jetzt in den Mittelpunkt. Hat ihn das Kraft gekostet? Ich stelle mir vor, wie er auf dem Weg vom Markt zum Areopag tief durchatmet. Wie er ein Stoßgebet um die richtigen Worte zum Himmel schickt. Wie er in Gedanken nach dem richtigen Einstieg sucht und plötzlich diesen Moment vor Augen hat: Auf seinem Streifzug durch Athen steht er vor dem Altar eines unbekannten Gottes. Ohne die üblichen Bilder, ohne klangvollen Namen. Welches Geheimnis verbirgt sich hier?

Gott als Joker?

In Athen gibt es für alles einen Gott. Selbst für das, was man nicht bedacht hat. So gesehen ist dieser Altar für den unbekannten Gott wie der Joker in einem Kartenspiel, der für jede beliebige andere Karte zum Einsatz kommen kann. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der vor 75 Jahren ermordet wurde. Er hat es abgelehnt, Gott als Joker zu benutzen. Ihn als „Gott der Lücken“ ins Reich des Unerklärlichen, Unbeherrschbaren und Übernatürlichen abzuschieben. Da erfüllt er durchaus noch seinen Zweck, da brauchen wir ihn noch: An den Außengrenzen, wo wir nicht weiterwissen, absolut ratlos sind, wo nichts mehr beherrschbar oder berechenbar ist. Da brauchen wir ihn als „Gott der Lücken“, um uns abzusichern. Zugleich aber überlassen wir das Alltägliche, das Natürliche, das Politische und alles Zwischenmenschliche sich selbst. 

Photo by Quentin Rey on Unsplash

Die Lücken in unserem Wissen und die Grenzen unserer Welt- und Selbstbeherrschung rücken gerade wieder in den Blick. Das Corona-Virus macht sie sichtbar. Schlagzeilen wie „Ökonomen im Blindflug“ gehören inzwischen zum Alltag. Man könnte auch manch andere Zunft hier einsetzen, Virologen vielleicht ausgenommen. Noch vor wenigen Wochen schien ein Kontrollverlust dieser Größenordnung völlig undenkbar. 

Manche Prediger sehen eben darin Gott am Werk und wittern neue Chancen für den Glauben. Aber wenn wir Gott als Krücke und die Verheißung ewigen Lebens als Beruhigungspille anpreisen, dann werden viele ihm den Rücken kehren, wenn die Lage sich wieder stabilisiert. Dann hat Gott seinen Zweck ja auch erfüllt. So wie wir heute für Menschen in Pflegeberufen Beifall klatschen und uns morgen darüber beschweren, dass der Beitrag für die Krankenkasse steigt oder der Staat uns die Steuern erhöht, um sie besser zu bezahlen. 

Bonhoeffer wollte dieses Spiel nicht mitspielen. Er schrieb: 

„Ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, nicht in den Schwächen, sondern in der Kraft, nicht also bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen … Gott ist mitten in unserm Leben jenseitig. Die Kirche steht nicht dort, wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen, sondern mitten im Dorf.“ 

Er hatte seinen Paulus gut gelesen, denn das ist genau der Weg, den der Apostel  einschlägt – mitten auf dem Areopag.

Ein Fragezeichen aus Stein

Paulus deutet den Altar des unbekanntes Gottes positiv: Als Fragezeichen hinter den vermeintlichen Gewissheiten der Athener. Der Altar markiert eine Leerstelle: Was haben wir übersehen? Gibt es noch mehr zu entdecken als das, was wir schon kennen? Kluge Menschen haben auch ein Gespür für das, was sie alles nicht wissen.

Zugleich ist der Altar ohne Bild Ausdruck einer Sehnsucht. Wie bei Fernweh: du siehst ein Schiff, ein Flugzeug, du suchst mit deinen Augen den offenen Horizont. Aber du weißt nicht, wohin es dich zieht. So auch die Sehnsucht nach dem unbekannten Gott: Sie kann noch gar keine genauen Koordinaten für das Ziel der Expedition nennen. Das Unbekannte hat keine Adresse, keinen Namen und kein Gesicht. Wie der geheimnisvolle Gott, der in der Wüste aus dem brennenden Busch zu Mose, dem Nomaden, über die Freiheit in einem fernen Land spricht. Der Gott der Juden, und damit auch der Gott Jesu von Nazareth.

Manchmal spüren Menschen so eine Sehnsucht, aber bringen sie nicht mit Gott in Verbindung. In der Popkultur etwa stoße ich auf Texte, die sich an eine zukünftige Partnerin oder einen Partner richten. Die Titel heißen „Dear Future Husband“ oder „I Haven’t Met You Yet“. Da geht es um die Suche nach jemandem, der mich spüren lässt, dass ich etwas Besonderes bin. Und ein bisschen auch die Sehnsucht nach jemand, der mich vor mir selbst rettet. Wie beim „Gott der Lücken“ wird da im Grunde aber jemand gesucht, der all das liefert, was mir gerade fehlt.

Das Gegenstück dazu wäre jemand – Gott oder Mensch –, mit dem ich alles teilen kann, nicht nur meine Leerstellen und Defizite. Die zarte, tastende Sehnsucht nach einem solchen Gegenüber besingt das Folkduo „The Civil Wars“:

Du hast mir gefehlt
Aber ich bin dir noch nie begegnet
Doch das würde ich so gern
Liebe(r) Wer-immer-du-auch-bist
Noch warte ich geduldig

Ich habe in diesen Tagen der allgemeinen Zwangsentschleunigung auf vieles gewartet und warte noch: Auf den ersten Friseurtermin seit Ewigkeiten. Dass es irgendwo Hefe zu kaufen gibt. Aufs Anstoßen mit Freunden im Biergarten. Und darauf, meine alten Eltern in den Arm zu nehmen. Im Moment empfinde ich das erzwungene Warten so anstrengend, dass das freiwillige Warten – die Stille, das Gebet, die Meditation – unter dem Sehnsuchtsstau leidet. Ich bete in diesen Tagen lieber draußen, unter den Bäumen, die da ruhig und unverrückbar stehen, und bei den Vögeln, die über den offenen Himmel fliegen.

Sympathische Sehnsucht

Die Sehnsucht ist eine besondere Art der Verbindung. Es gibt sie nur in Beziehungen, in denen man das Gegenüber nicht besitzt und im Griff hat. Deswegen ist die Sehnsucht nach Gott auch nie ganz zu stillen. Die Sehnsucht, der Durst nach Geist und Leben macht Menschen anziehend und schön. So lange wir träumen, ist in aller Traurigkeit noch Kraft und Hoffnung auf Veränderung. Vielleicht sagt meine Sehnsucht ja mehr über mich aus als das, was ich schon erreicht habe.

Der Altar des unbekannten Gottes ist das Eingeständnis, dass man nicht alles wissen kann oder noch nicht alles erkannt hat. Eines interessierten Nichtwissens. So sieht Paulus die Athener. Er sieht ihre Sehnsucht und sie ist ihm sympathisch. Gott nicht ganz erkannt zu haben ist keine Schwäche, deren man sich schämen müsste. Statt belehrend und besserwisserisch aufzutrumpfen, betont er noch einmal die Gemeinsamkeit: Gott braucht kein Haus, schon gar kein prunkvolles, sagt er. Und er braucht auch keine Priesterkaste, die ihn hofiert wie die Lakaien ihren Kaiser. Was für ein Gott wäre das, der das nötig hätte? 

Paulus weiß, das die Athener das wissen. Er zeigt es ihnen, indem er aus den „Himmelserscheinungen“ eines damals bekannten und beliebten Dichters, Aratus von Soloi, zitiert: „In ihm leben, weben und sind wir“, und „Wir stammen von ihm ab“: Der eine, wahre Gott ist überall am Werk, mitten im Leben und im Guten. Im Menschsein, das uns alle verbindet. Nicht in den Dingen, die uns unterscheiden und trennen. Wozu noch Tempel? Wozu noch andere Bilder? Gott lässt sich auch nicht mit Konzepten oder Begriffen dingfest machen. Wenn wir ihn in solche Gräber sperren, kommt er wieder heraus und sie sind leer.

Gott – mitten im Leben

In den letzten Wochen konnten wir uns nicht wie gewohnt zum Gottesdienst in den Kirchen versammeln. Viele haben das vermisst. Manche sind in eine der offenen Kirchen gegangen, um eine Kerze anzuzünden und still zu beten. Viele beten jetzt wieder, wenn die Kirchenglocken läuten – zuhause, wo sich gerade viel mehr Alltag als sonst abspielt. Neben dem Warten ist auch das eine der Lektionen dieser Tage: Wir leben, bewegen uns und sind in Gott. Gottesdienste und Kirchenräume dienen nicht dazu, dem Alltag zu entfliehen. Sondern mir gerade genug Abstand zu ermöglichen, dass ich Gottes Spuren im Gewöhnlichen entdecke: Beim Einkauf, im Grünen, beim Gespräch über den Gartenzaun oder übers Internet, wenn ich nachts wach liege.  

Oder wenn mir schlechte Nachrichten unter die Haut gehen. Letzte Woche etwa kommentierte die Journalistin Mely Kiyak die elende Lage tausender Geflüchteter auf Lesbos, darunter viele Kinder: 

Menschsein ist universell und spricht eine Sprache. Kinder sind Schutzbedürftige. Dieses Wissen nicht in seinem Lebenskompass eingeschrieben zu haben, bedeutet einen unglaublichen Verlust von Würde, zunächst einmal sich selbst gegenüber.

Mely Kiyak, 50 ist keine Zahl

Europas Regierungen stehlen sich im Schatten von Corona aus der Verantwortung und ich sitze hier wie tausende andere fest im Homeoffice und unterschreibe Online-Petitionen an die Regierenden.

Die Gerechtigkeitslücke

An diesem Punkt geht Paulus einen Schritt über die Einigkeit mit den Athenern hinaus. Gott ist nicht nur Grund und Urheber der Welt, sondern er verfolgt auch ein Ziel. Ja, Menschen spiegeln Gott oft und in vieler Hinsicht wider. Ja, es gibt Wahres, Gutes und Schönes unter ihnen. Manchmal aber ist es schlichtweg zum Heulen, was sie einander antun. Die Würde aller nimmt Schaden, wenn Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird. Wenn die Gewalt der einen und die Gleichgültigkeit der anderen sich die Hand reichen, folgt die Selbstzerstörung. Und am Umgang mit leidenden Menschen zeigt sich auch, wie es um unser Verhältnis zu Gott bestellt ist.

Deswegen offenbart sich Gott ausgerechnet im leidenden und gekreuzigten Christus. Paulus reißt das nur knapp an, quasi im Telegrammstil, und die Athener haben erkennbar Mühe, ihm zu folgen: 

Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.
Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Apg 17, 29-34

Für diesen sperrigen Christus gibt es keine passende Nische. Er stört, also wird er beseitigt. Gottes Sohn nimmt es in Kauf, selbst unter die Räder zu kommen. Und damit deckt er den herzzerreißenden Zwiespalt der Menschheit auf: So großartig und doch auch so grausam sein zu können. Aber gerade da stößt Gott nun die Tür zu einer neuen Welt auf. Im Auferstandenen erscheint sie, inmitten in der alten, kaputten Welt. Immun gegen das Virus der Unmenschlichkeit.

Unser Licht leuchten lassen

Das also macht die Osterbotschaft aus: Eine andere Welt ist nicht nur theoretisch möglich. Der Anfang ist schon gemacht. Wenn Paulus vom kommenden Gericht spricht, sagt er damit: Gott wird der Unmenschlichkeit ein Ende setzen und seine aus den Fugen geratene Welt zurechtbringen. 

Die Zeit des Leidens ist begrenzt. Aber sie ist – bei aller österlichen Erleichterung und Vorfreude –noch nicht zu Ende. Wir warten nicht auf das Ende der Corona-Krise und darauf, dass dann alles wieder „normal“ wird. Die gefühlte Normalität der Jahre vor Corona war in Gottes Augen schon längst Krise. So kann es nicht weitergehen. Wir warten sehnsüchtig auf ein Ende der Ungerechtigkeit. Wir warten auf eine Welt, in der Kinder und Alte, Frauen und Männer, Menschen und Natur in Würde und Frieden leben. Das Ende der Pandemie ist nur ein Schritt dahin.

Zu Ende ist allerdings die Zeit des Abwartens und Taktierens. „Egal, was ihr vorher gemacht habt,“ sagt Paulus den Athenern, „jetzt ist es Zeit, sich der Bewegung des Auferstandenen anzuschließen.“ Lukas nennt namentlich zwei Personen, die der Einladung folgen: Dionysius, Damaris.

Und ich? Ich muss nicht bis nach Corona warten, um es ihnen gleichzutun. Mit vielen anderen auf dieser Welt bin ich unterwegs. Zum Beispiel Joan Baez, die vom Glauben an Gott singt, der sich zwar oft nicht begreifen lässt, aber uns hilft, unser Licht leuchten zu lassen.

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Corona und der andere Blick für den anderen

Nach all den Tagen im Lockdown, die noch eine ganze Weile abgestuft andauern werden, merke ich, wie sich mein Gefühl für räumliche und körperliche Nähe in der Öffentlichkeit verändert. Eine Art inneres 360° Radar schlägt an, wenn andere sich auf weniger als zwei Meter annähern. Ich werde unruhig. Wer weiß, wie wir alle in einem Jahr über angenehme Distanz und unangenehme Nähe fühlen und denken?

Diese Woche war ich mit meinem Sohn laufen. Hintereinander und nicht nebeneinander, damit andere auf dem Weg gut an uns vorbei passen. Ab und zu mussten wir einen Haken schlagen. Zum Beispiel um ein Kind, das mitten auf dem Weg stand. Prompt mokierte sich der Kleine über die „blöden Männer“, die da an ihm vorbeizogen. Sogar die Kleinen stehen schon unter Strom…

Photo by Evgeni Tcherkasski on Unsplash

Hier und da kamen uns auf diesem Lauf Leute entgegen, und manchmal waren hinter ihnen wieder andere ein paar Schritte schneller unterwegs. Nicht jeder hält in so einem Moment die gebotenen anderthalb Meter Distanz oder wartet kurz. Manche zwängen sich hastig durch zu enge Lücken.

Ich spüre gerade, dass ich das mittlerweile als aggressives Verhalten empfinde. Beinahe wie das Auto, das mich beim Radeln mit 50 Zentimeter Abstand und 50 Kilometer Geschwindigkeitsunterschied überholt. Es gibt offenbar Menschen, für die ist jedes Bremsmanöver ein Stück Sterben.

Vielleicht ist das auch eine Reaktion auf die allgegenwärtige Verlangsamung, dass es manche nun auf Fuß- und Radwegen drauf ankommen lassen; nach dem Motto: Wenn es die anderen stört, werden sie schon Platz machen. Der Unterschied zum SUV-Beispiel ist freilich, dass man sich auch selbst einem erhöhten Risiko aussetzt. Menschen mit ungebremster Wucht nahe zu kommen, wird in Zukunft zunehmend als rüde empfunden werden. Und nicht alle werden mit einem Achselzucken reagieren. Nicht, weil sie Mimosen wären, sondern weil sie ihre Sinne angesichts realer Risiken neu justiert haben.

Gestern habe ich übrigens Freunde nicht erkannt, die mir auf dem Fahrrad im Wald entgegenkamen. Ich war so darauf fixiert, am äußersten Rand des Weges zu fahren. Auch die Sehgewohnheiten ändern sich. Wie wird sich das verändern, wenn demnächst alle Masken tragen und man einander nur noch mit Mühe erkennt?

Was wird es künftig bedeuten, einen Blick für andere Menschen zu haben?

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Halbzeit

Vor 18 Monaten habe ich den Dienst an der Auferstehungskirche angetreten. Nun ist mein Arbeitsverhältnis entfristet und die offizielle dienstliche Beurteilung eingetütet. Ein Meilensteinchen also…

Photo by Agê Barros on Unsplash

In diesen 18 Monaten habe ich eine Menge herzlicher und engagierter Menschen kennengelernt: Gemeindeglieder, Mitarbeitende, Kolleg*innen. Das erste Jahr über waren meine Arbeitsbereiche kaum definiert (zu tun gab’s dennoch genug). Zum Herbst habe ich dann quasi intern die Stelle gewechselt, nun steht das Normalprogramm im Vordergrund.

Neben dem, was im kirchlichen Alltag eben auch getan werden muss (Schule, Sitzungen, Organisatorisches), tun sich hier und da kreative Spielräume auf. Die Atmosphäre in der Kirchengemeinde zwischen Dutzendteich und Tiergarten, Clubgelände und Businesstower hat sich verbessert, sagen etliche. Manches Neue ist gewachsen, und das mitzuerleben ist schön. Viele Leute haben dazu beigetragen; ich habe eigentlich nur versucht, möglichst wenig im Weg zu stehen.

Mittlerweile habe ich eine Vorstellung davon, wie diese Gemeinde tickt, was sie braucht und wohin es sie zieht. Die nächste größere Veränderung steht an, wenn mein Kollege im Herbst in Pension geht. Dann wird es darum gehen, den Laden ordentlich zusammenzuhalten. Und wenn dann irgendwann im nächsten Jahr sein(e) Nachfolger*in da ist, sehen wir weiter.

Am vergangenen Sonntag haben wir im Gottesdienst den Propheten Ezechiel gelesen, der (in einer Vision) eine Schriftrolle essen sollte. Dazu haben wir während der Predigt Esspapier verteilt und alle, groß und klein, haben an ihrem Blatt geknabbert, während sie weiter zuhörten. So intensiv hat es im Gottesdienst schon lange nicht mehr geknistert.

Von mir aus darf es feste weiterknistern…

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Jona, der Brexit und die Zukunft in stürmischen Zeiten

Am vergangenen Sonntag habe ich in der Predigtreihe „Heldengeschichten“ über den Propheten Jona gesprochen – vielleicht die größte Witzfigur in der Bibel.

Die Jona-Geschichte ist nicht nur bissig, sondern auch aktuell. Zum Ende dieser Woche kommt ja nun der Brexit – und da gibt es eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Gemütslage heutiger Engländer und des Propheten vor Ninive.

Der bockige Prophet – Predigt vom 26. Januar 2020

Im Spiegel beider Geschichten lässt sich dann auch ein Blick auf uns selbst werfen. Wir Wirtschaftswunderkinder stehen vor der Aufgabe, einen Weg in die Postwachstumsgesellschaft zu finden. Der Seegang wird rauer. Doch auch da hilft die Konfrontation zwischen Gott und Jona weiter.

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Viel Vernunft im Wagen

So ein S-Bahn-Zug bringt die unterschiedlichsten Charaktere zusammen. Oft nur still, aber hin und wieder auch hörbar. Letzte Woche war die abendliche Bahn gut gefüllt. Kurz vor Abfahrt am Hauptbahnhof stieg noch jemand zu und suchte einen Platz. Es gab hier und da noch freie Sitze, allerdings nicht im Bereich für Kinderwägen und Fahrräder. Da standen schon zwei Drahtesel.

Der Mann begann die Mitreisenden zu fragen, ob man die beiden Fahrräder nicht zusammenstellen könnte, um weitere Sitzplätze frei zu bekommen. Als er keine Reaktion bekam, sagte er laut und mit hörbar osteuropäischem Akzent „Scheiß Fahrräder!“. Worauf ein brummiger, korpulenter Franke prompt – noch lauter – mit einem „Scheiß Ausländer!“ antwortete.

Die anwesende Pendler-Community reagierte routiniert mit Deeskalation. Etliche Passagiere boten dem Osteuropäer einen Platz neben sich an und widersprachen damit dem fremdenfeindlichen Polterer. Der Fahrradmuffel allerdings schmollte und blieb lieber stehen. In Erlangen dürfte er dann seinen Klappsitz bekommen haben. Da steigen die meisten Radfahrer nämlich aus. Ich hingegen war froh, dass ich das Rad nicht im vollen Zug dabei, sondern am Bahnhof geparkt hatte. Und ein bisschen stolz, dass neben den zwei Hitzköpfen so viel Vernunft im Wagen war.

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