Freiheit – ein Gedankenpuzzle

Freiheit war das Stichwort, das mich am zurückliegenden Wochenende beschäftigte. Es begann mit einer Diskussion in einer Gruppe. Je länger wir redeten, desto größer wurde für mich die Spannung. Auf der einen Seite stand der bürgerlich-liberale Begriff von Freiheit, der das Individuum in den Mittelpunkt stellt und Freiheit im Wesentlichen negativ bestimmt, als Abwesenheit von äußerem Zwang: Frei bin ich, wenn ich tun und lassen kann, was ich will. Es ist eine asoziale Vorstellung von Freiheit. Denn andere Menschen schränken diese meine Willkür fast unweigerlich ein. Beziehungen, die über das Instrumentelle hinausgehen und Kompromisse erfordern, erweitern oder vertiefen die Freiheit nicht.

Sozial oder solitär?

Ich erinnerte mich an eine Bildersuche zum Stichwort „Freiheit“. Es tauchten darin fast ausnahmslos menschenleere Szenen auf oder eine solitäre Person – bestenfalls noch mit Hund. David Foster Wallace nennt das „die Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreichs zu sein, allein im Mittelpunkt der Schöpfung.“

Die biblischen Vorstellung von Freiheit beginnt nicht mit dem Individuum, sondern immer mit einer Gemeinschaft. Sie ist von Grund auf sozial angelegt. Der Gott Israels befreit keine Ansammlung von Individuen aus der Knechtschaft in Ägypten, sondern sein Volk. Und wenn Paulus im Galaterbrief die Freiheit so mächtig betont, dann spricht er auch da im Plural, nicht im Singular. Biblische Bilder und Schilderungen von Freiheit handeln von Gemeinschaften. Und sie machen ein Aussage über das „wofür“ der Freiheit, nicht nur das „wovon“. Oder, um es noch einmal mit Foster Wallace zu sagen:

Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.

Von Paulus zu Banksy

Parallel hatte ich für den Sonntag noch den Predigttext aus Römer 7 im Kopf. Der thematisiert den Zwiespalt und die Zerrissenheit, die jemand erlebt, der das Gute kennt und eigentlich auch will, aber es einfach nicht tut. Der Grund dafür ist die Macht der Sünde, die alle guten Ansätze korrumpiert und pervertiert. Da wird das Problem der Freiheit insofern verschärft, als der Ursprung der Unfreiheit auch in der Person selbst lokalisiert wird: Wir können die besten Absichten haben und das Schlimmste bewirken.

Das, freilich, hat seine Ursache nicht allein in der menschlichen Psyche: Eine aktuelle Analogie ist vielleicht der Wirbel, den Banksy jüngst mit der Schredder-Aktion seines Werkes Girl with Balloon verursachte. In ersten Kommentaren wurde das als Protest gegen den Kapitalismus und gegen irre Phantasiepreise auf dem Kunstmarkt gefeiert. Dann aber wurde der Ton nachdenklicher und kritischer. Hat Banksy seinen eigenen Rebellen-Mythos (der zum Wert seiner Kunst nicht unwesentlich beiträgt) damit weiter gesteigert? Schließlich las ich, dass die Käuferin das zerschnittene Bild behält (es ist ja noch berühmter). Und dass der Wert durch die Aktion eher gestiegen als gesunken sein dürfte. Der Punkt ist: Ganz egal, was Banksy nun im Sinn hatte, als er seine Aktion bei Sotheby’s einfädelte – der kapitalistische Kunstbetrieb im Zeitalter des Neoliberalismus versilbert es so oder so. Der Protest, wenn es einer war, greift zu kurz.

Verschiedene Dimensionen

Die Sehnsucht nach Freiheit wird nur dann eine Chance auf Erfüllung haben, wenn wir das ganze Bild im Blick behalten. Faire Gesetze und Strukturen, Geschlechter- und Verteilungsgerechtigkeit gehören als äußere Bedingungen ebenso dazu wie der Mut, den Blick in die eigenen Abgründe zu wagen und sich an der eigenen Nase zu fassen. Das schafft Freiheit, den über- und außermenschlichen Inkarnationen von Sünde wie dem Turbokapitalismus ein Schnippchen zu schlagen. Also all jenen Mechanismen, Stimmungen und Strukturen, die menschliches Leid und die Zerstörung der Schöpfung verursachen, verschärfen und verstetigen.


Nick Fewings

Paulus spricht in Römer 7,6 vom „neuen Wesen des Geistes“. Es werden nicht nur Werte und Regeln ausgewechselt, sondern das gesamte Empfinden einer Person ändert sich. Von innen heraus, gewiss, aber mit handfesten Folgen.  Aus einer Haltung der Aufmerksamkeit und Empathie erwächst die Bereitschaft, in aller Freiheit und um der Freiheit willen (der eigenen wie der der anderen) Opfer zu bringen. Es ist die Freiheit, sich hinzugeben und zu verschenken. Ihr Ursprung ist das Herz Gottes, ihr konzentriertester Ausdruck in der Welt das Kreuz Christi.

Share

Das Reich Gottes – und warum man es nicht „bauen“ kann

In den letzten Wochen habe ich mir die Frage gestellt, was für mich theologisch wesentlich ist. Immer wieder bin ich bei Jesu Botschaft vom Reich Gottes gelandet. Wenn mich jemand nachts aufwecken würde und fragen, welcher Bibelvers mir der wichtigste ist, würde ich sagen: Matthäus 6,33 „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann wird auch das alles [was man sonst noch zum Leben braucht] zufallen“. Man könnte sagen, das ist eine Einladung zum Leben nach dem „Zufallsprinzip“.

Rosie Kerr

Immer wieder mal höre ich jemanden davon reden, dass er/sie/wir „Reich Gottes bauen“ würde. Dieser unbiblische Sprachgebrauch zeigt schon, dass es da noch mächtig mit dem Verstehen hapert: Gottes Reich lässt sich nämlich nicht bauen. Schon gar nicht von uns! Es ist kein menschliches Projekt, keine religiöse Institution, auch keine interkonfessionelle Aktion oder übergemeindliche Struktur. Das Reich Gottes ist vielmehr die Kritik aller menschlichen Projekte. Es kommt, es bricht an, es wächst, es breitet sich aus (auch durch unser Zutun), aber wir bekommen es nicht zu fassen. Im Buch Daniel löst sich ein Felsbrocken im Gebirge und poltert in die Ebene hinab. Dort legt es eine Statue in Trümmer, die für die Supermächte der alten Welt steht. Menschen sind durchaus verwickelt in dieses Geschehen, aber es geht nicht auf menschliche Initiative zurück.

Wir können Kirche und Gemeinde bauen. Wir können Projekte durchführen, und viel Gutes kann dabei geschehen – nur sollten wir das nicht mit Gottes Reich verwechseln. Diese Dinge laufen vielmehr Gefahr, zu unserem Reich zu werden, wenn wir sie nicht klar vom Reich Gottes unterscheiden und von dort her kritisch betrachten. Das Reich Gottes stellt sie alle unter Vorbehalt. Und manchmal stellt es sie einfach auf den Kopf. Es hat eine ausgesprochen subversive Ader. Und das ist auch wichtig: Ein Blick nach Venezuela oder Zimbabwe zeigt, dass der Revolutionär von gestern zum Diktator von heute werden kann und das Projekt zum Problem. Kirchlich gilt das natürlich auch, Beispiele schenke ich mir an dieser Stelle.

Deshalb schickt uns Jesus in der Bergpredigt auf die Suche nach dem Reich Gottes. Es liegt oft abseits den Offensichtlichen: Im Verborgenen und Unscheinbaren, an den Rändern von Kirche und Gesellschaft, nicht in den Zentren der Macht und Aufmerskamkeit und nicht an der Spitze der Hierarchien. Unsere Bauten (das ist die Crux dieser Metapher) sind Immobilien – statisch und unbeweglich. Gottes Reich hingegen ist mobil, es lässt sich nicht dingfest machen. Es entzieht sich jeder Art von Verzweckung aus persönlichen oder politischen Motiven.

Es entzieht, wenn alles richtig läuft, mich am Ende mir selbst.

Share

Abschied vom Priester-Paradigma: Das „geistliche Amt“ neu denken

Das Vikariat ist nun fast vorbei, nur ein paar Dinge sind noch zu tun: In den letzten Tagen saß ich über meiner obligatorischen Stellungnahme zu den Themen Schrift und Bekenntnis, Amt und Ordination. Und wäre diese Reihenfolge nicht vorgegeben gewesen, wären mir die Frage vielleicht nie gekommen, ob wir die Theologie rund um „das geistliche Amt“ nicht komplett neu durchdenken sollten. Ich schreibe das hier einfach mal ins Unreine und freue mich auf Kommentare und Rückmeldungen.

Kurz zurück zur Schrift, denn da setzt meine Frage an. Ich habe hier schon einmal ausführlich beschrieben, warum für mich die „Mitte der Schrift“ (oder, um mich als gute Lutheraner auszuweisen, „das, was Christum treibet“) nicht die Metapher vom Sühnetod ist, sondern das Exodus-Motiv der Befreiung aus vielfältigen Formen von Zwang und der egalitären Sozialcharta des mosaischen Bundes. Diese Tradition wird von den Schriftpropheten gegen das Königtum (und vielfach auch die mit dem Königtum eng verbandelte Priesterschaft) neu akzentuiert. Die Linie führt über weiter Johannes den Täufer zu Jesus. Beide üben prophetische Kritik am herodianischen Königshaus und der reichen Priesteraristokratie des (von Herodes prunkvoll errichteten) Jerusalemer Tempels.

So.

Nachdem ich mir das alles noch einmal vergegenwärtigt hatte, schlage ich die Handreichung der VELKD „Ordnungsgemäß berufen“ auf. Und plötzlich lese ich fast nur noch „Priester“ und „Priestertum“: Zwölfmal erscheint das Stichwort allein im Inhaltsverzeichnis.

Klar: Wenn man die Frage von Kirche und Amt, Klerus und „Laien“ vom Priestertum her aufbaut, dann ist man einerseits ökumenisch anschlussfähig, andererseits lässt sich die reformatorische Tradition über ein „allgemeines Priestertum“ nach 1. Petr. 2 einspielen. Wobei es den Bischöfen, die hier schreiben, erkennbar schwer fällt, die Alltagschristen auf echter Augenhöhe mit der Pastorenkirche zu sehen. Immer wieder rutschen ihnen dabei paternalistisch anmutende Formulierungen über die Rolle der „Laien“ heraus.


Josh Applegate

Dabei gab es in den paulinischen Gemeinden und im frühen Christentum keine Priester: Die Abkehr vom Tempel ist spätestens in Apg 6-7 greifbar. Seit 70 n.Chr. gibt es auch im Judentum weder Tempel, noch Opfer, noch Priester. Priester üben ihre Tätigkeit am Altar in einem abgegrenzten heiligen Bezirk aus, und ein ganz wesentliches Element ist der Opferkult. Daran erinnert der Hebräerbrief – und erklärt fortan alle Opferrituale durch den Tod Christi für überholt. Wenn überhaupt von „Priestern“ die Rede ist, dann entweder ganz exklusiv und im Singular von Christus oder ganz inklusiv und strikt im Plural vom Gottesvolk. Der Begriff „Tempel“ bezeichnet entsprechend dynamisiert im die leibliche Existenz und Präsenz der Christen in der Welt, und die gottesdienstliche Gemeinschaft der lebendigen Steine, aber gerade keinen festen Ort, keinen Prunk und kein Kirchengebäude: Wir sind alle Tempel und wir sind alle Priester und jeder Gedanke eines „mehr oder weniger“ würde diese biblische Zusage konterkarieren.

Die Sakramente Taufe und Abendmahl sind von ihrer Entstehung her eher prophetische Zeichenhandlungen, die mit der Zeit in eine liturgisches Gewand gekleidet wurden. Das Passah wird im Haus gefeiert, und erst in zweiter Linie im Tempel. Also auch ohne Priester und ohne Altar. Jesus und der Täufer stehen in kritischer Distanz zum Tempel und der Priesterschaft, aber sie identifizieren sich eindeutig mit den Propheten.

Priester waren im Judentum stets Männer – daher kann die katholische Kirche, die Orthodoxie (und die Lutheraner in Lettland) immer noch Frauen von geistlichen Ämtern ausschließen und einfach auf das Priestertum verweisen. Prophetinnen (und ja, Apostelinnen) sind uns hingegen aus der Schrift durchaus bekannt.

In den wenigen Aufzählungen geistlicher Ämter tauchen „Priester“ nicht auf. Nicht in 1. Kor 12 (Apostel, Propheten, Lehrer), nicht in den Pastoralbriefen („Bischöfe“ und Diakone), nicht in Eph 4 (Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer). Anregend finde ich Umschreibung dieser fünf Rollen bei Frost und Hirsch: Pioneer – Disturber – Recruiter – Humanizer – Systematizer. Sie lassen sich als funktionale Aspekte des einen Amtes denken, praktisch freilich wohl nur dann, wenn es mehr als eine Amtsträger*in gibt.

Mir geht es an dieser Stelle um das „Framing“ der Diskussion um Ämter und Funktionen. Gehen wir vom Priestertum aus, dann wird es wahrscheinlich sehr statisch, zeremonial und tendenziell männlich ausfallen.

Warum nicht einmal anders herum denken? 

Während sich aus Calvins Dreiklang der Ämter Christi das Priesterliche und das Messianisch-Königliche nur auf das gesamte Gottesvolk beziehen lassen, sieht es bei der dritten (im Luthertum vernachlässigten) Funktion anders aus. Es kann durchaus von einer prophetischen Kirche und von prophetischen Individuen beiderlei Geschlechts die Rede sein.

Denken wir also Kirche von ihrem prophetischen Auftrag her. Damit steht sie in der Nachfolge Jesu, des Täufers und über die hebräischen Propheten zurück bis Mose. Sie kündigt das Kommen des Reiches (der herrschaftsfreien Ordnung) unter den Augen der Imperien dieser Welt an und ringt zugleich mit der ständigen  Versuchung, selbst zum Imperium zu degenerieren, das Menschen benutzt, um seine Macht zu festigen und sein Überleben zu sichern. Damit die Kirche ihre prophetische Rolle nach außen spielen kann, braucht es prophetische Stimmen in ihrem Inneren. Hier lässt sich an Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Oscar Romero und andere, kleine Propheten („disturber“!) denken. Menschen, die sich und andere in Bewegung halten, die allzu Selbstverständliches in Frage stellen, die falsche Harmonie und faule Kompromisse beim Namen nennen, die Abstumpfung und Schweigen angesichts von Unrecht und Gleichgültigkeit überwinden helfen. Menschen, die Hoffnung auch in finsteren Zeiten sehen und verbreiten. Ronald Marstin hat in „Beyond the Tribal Gods“ geschrieben:

„Prophetische Religion ist die eines Volkes, das nicht an Grund und Boden gebunden ist, ein Volk im Aufbruch, ein Volk, das eine historische Aufgabe vor sich hat – die Aufgabe, Grenzen zu überwinden.“

Und Walter Brueggemann fügt der räumlichen eine zeitliche Dimension hinzu, wenn er schreibt:

„Der Prophet engagiert sich im Ausmalen der Zukunft. Der Prophet fragt nicht, ob die Vision umgesetzt werden kann, denn Fragen der Umsetzung sind ohne Folgen, bis man sich die Vision vorstellen kann. […] Unsere Kultur kann fast alles implementieren, aber fast nichts imaginieren.“

Karl Barth wundert sich gegen Ende von KD IV,3 §72, dass die Neuentdeckung des prophetischen Amtes Christi für Calvin bislang ohne Folgen für die Ekklesiologie blieb. Und er schickt sich an, die Lücke zu schließen:

„Das Handeln der Gemeinde im Dienst ihres Zeugnisses ist ein prophetisches Handeln, wobei wir unter «prophetisch» verstehen: ein Handeln in Erkenntnis des Sinnes der jeweils gegenwärtigen Ereignisse, Verhältnisse und Gestalten ihrer eigenen Geschichte und auch der ihrer Umwelt in ihrer positiven und negativen Beziehung zu dem von ihr bezeugten nahe herbeigekommenen Reiche Gottes und also in ihrer Tragweite für die konkrete Gestalt dieses ihres Zeugnisses.“ (S. 1026)

Vom nahenden Reich Gottes her bestimmt Barth den prophetischen Impuls (wie Marstin und Brueggemann) als ein „Vorwärts!“, das mitunter den Widerspruch der „Allianz der Priester [!], der falschen Propheten, der Fürsten und des Volkes“ herausfordern wird:

Prophetie beruht auf einem besonderen Vernehmen und besteht in einer besonderen Kundgebung des von Gott je und je in seinem Werk, nämlich in der von ihm regierten Geschichte seines Volkes und der Welt gesprochenen Wortes: des Wortes, in welchem er, was er in Begründung des Bundes ein für allemal gesprochen, nicht etwa durch etwas Anderes ersetzt, ergänzt oder überbietet, wohl aber zu bestimmter Zeit neues Gehör und neuen Gehorsam fordernd, in neuer Klarheit wiederholt und bestätigt.

Im prophetischen Element und Charakter ihres Dienstes blickt, greift, schreitet die Gemeinde in der jeweiligen Gegenwart und aus ihr hinaus hinüber in die Zukunft: nicht willkürlich, nicht auf Grund eigener Analysen, Prognosen und Projekte, wohl aber lauschend auf die Stimme ihres Herrn, der auch der Herr der Welt ist, welcher eben das, was er sprach, indem er sie berief, begründete und beauftragte, wieder und neu spricht in dem, was in ihr und in der Welt jetzt und hier als in seinem Machtbereich geschieht, der sie eben damit in die Zukunft weist und führt, ihr eben damit das ihr anvertraute Zeugnis, ohne daß es ein anderes würde, in neuer Gestalt auf die Lippen legt.

Barth hält fest, dass der prophetische Dienst Sache der ganzen Gemeinde ist und nimmt doch auch zur Kenntnis, dass die Rollen der einzelnen Gemeindeglieder dabei variieren.

Statisch und hierarchisch wird sich dieses „Vorwärts!“ gewiss nicht strukturieren und organisieren lassen. Zum Trost für alle Sanften, Stetigen und Strukturierten unter uns, die befürchten, es könnten Chaos und Unordnung ausbrechen: Barth hält Prophetie für „nicht ekstatisch, nicht enthusiastisch, nicht tumultuarisch“. Aber gerade in Zeiten, in denen die eine historische Gestalt von Kirche dem Ende entgegengeht und die andere noch nicht (oder nur punktuell) sichtbar geworden ist, liegt in dieser Rückbesinnung auf die prophetische Dimension eine große Chance.

Ein solches Reframing, ein Paradigmenwechsel vom Priesterlichen zum Prophetischen, hätte durchaus das Potenzial, die Lehre und Praxis des geistlichen Amtes aus alten Sackgassen herauszuführen.

Share

Strafe, Stellvertretung und Sühne – wie lässt sich Jesaja 53 verstehen?

In einem Gespräch über René Girards Interpretation des Sündenbocks kamen wir auf das Gottesknechtslied aus Jesaja 53. In der christlichen Tradition wurde es häufig so auf den Tod Jesu am Kreuz bezogen, dass es zur Theorie des stellvertretenden Strafleidens passte. Und in der Tat sind alle Stichworte dafür vorhanden. Fraglich ist freilich, ob das eine angemessene oder gar (auch das denken etliche) die einzig mögliche Auslegung dieser oft zitierten Worte ist.

eberhard grossgasteiger

Im ersten Vers ist davon die Rede, dass Gott sich auf eine verblüffende Weise offenbart. Die folgenden Zeilen machen deutlich, dass es dabei um eine kranke und entstellte Person geht, deren Umwelt sich mit Ekel und Verachtung von ihr abwendet („Verachtet war er und von Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut“). Der Rückschluss scheint unausweichlich, dass es sich dabei um Gottes gerechte Strafe für irgendein Vergehen handelt: „Wir aber hielten ihn für einen Gezeichneten, für einen von Gott Geschlagenen und Gedemütigten.“

In Vers 5 dreht sich die Perspektive plötzlich um: Nicht der Kranke ist schuldig, sondern die, die aufgrund jener Krankheit seine Schuld konstatieren oder postulieren. Das Kollektive „Wir“ seines Umfelds, das hier spricht, erkennt seinen Irrtum an. Und jetzt dreht sich alles um die Frage, wie man die folgenden Worte deutet: „auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren.“ Man kann hier entweder eine schlichte Schilderung des Sündenbock-Mechanismus sehen, die nüchtern aussagt, dass zerstörerische Aggressionen auf einen Sündenbock (den Kranken) abgewälzt wurden, und dass das insofern dem gesellschaftlichen Frieden dient, als die Schuldfrage damit vordergründig erst einmal vom Tisch ist. Die Schuld des Kollektivs besteht dann ganz konkret in seinem Umgang mit dem Sündenbock, dessen unverschuldete Krankheit auch noch mit Ausgrenzung und Verachtung belegt wird.

Oder man kann es als gottgegebene Notwendigkeit betrachten, Schuld – und das wäre dann keine konkrete, sondern eine diffuse, nicht näher umrissene – unbedingt zu strafen, notfalls auch an einem unschuldigen Stellvertreter. Das allerdings verklärt und sakralisiert letztlich die Ausgrenzung des Sterbenskranken: Sogar Gott „braucht“ dann einen Sündenbock, und sei es auch nur, um Schlimmeres zu verhindern und den Frieden zu retten, indem er ein kleineres Übel verursacht.

Aber das Bekenntnis der vormals selbstgerechten Verfolger weist in eine ganz andere Richtung: Gott stellt sich auf die Seite des unschuldig Leidenden. Er hebt damit das Urteil auf, hier habe jemand seine gerechte Strafe erhalten. Im Vergleich der Übersetzungen der Zürcher Bibel und von Buber-Rosenzweig spiegelt sich das deutlich wider:

  • Zürcher: „Dem HERRN aber gefiel es, ihn mit Krankheit zu schlagen. Wenn du ihn zur Tilgung der Schuld einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er lange leben, und die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn.“ Gott hat hier also die Krankheit als Strafe verfügt.
  • Buber-Rosenzweig: „So wollte es Er: sein Zermalmter, den er verkränkt hatte, setzt seine Seele das Schuldopfer ein, soll noch Samen sehen, Tage längern, und durch seine Hand gerät Sein Wille.“ Gott stellt sich zu dem „Zermalmten“, der ihm im Leiden die Treue hält, und hebt die vermeintliche Strafe auf. Gottes Wille ist die ganze Zeit über, dass sein Knecht lebt und Nachkommen hat. Zweifel daran bestehen nur bei denen, die verächtlich auf ihn zeigen, um selbst gut dazustehen.

Nicht irgendwer trägt nämlich die Schuld der Vielen, sondern präzise der, der von eben diesen Vielen – selbst noch im Tod (V.9) – verdächtigt, beschuldigt, diffamiert und verachtet wird. Die Schuld ist der unehrliche Umgang mit sich selbst: Die Verleugnung eigener Konfliktanteile, die Härte gegen den Schwachen und Entstellten (der nicht der sozialen Norm von Ansehnlichkeit entspricht), und das ungehemmte Ausleben eines vermeintlich gerechten Zorns.

Gott lässt all diese Dinge erst einmal geschehen, um dann die Selbsttäuschung der Ankläger und Richter aufzudecken. Das ist bei Hiob so, das geschieht hier durch den Gottesknecht, und von da aus lässt sich auch die Passion Christi deuten. Wenn wir sie so lesen, wird sie auch zum Schlüssel für das Verstehen unserer Gegenwart. „Sühne“ besteht dann nicht darin, dass eine negative moralische oder spirituelle Bilanz ausgeglichen wird, sondern dass das keine Schuld mehr verschoben und keine Gewalt mehr verübt werden muss, weil kein Ausgleich gefordert wird. Sie besteht im Verzicht auf Gewalt, auch auf sakrale Gewalt.

Mögen sich auch einzelne Formulierungen aus Jesaja 53 zur Konstruktion bestimmter Sühnetheorien eignen, der Duktus des Gottesknechtsliedes weist in eine hilfreichere Richtung. Von da aus kann auch noch einmal neu überlegt werden, wie sich Jesaja 53 sinnvoll auf die Passion beziehen lässt und welchen Beitrag es zur Deutung der erlösenden Wirkung des Todes Christi am Kreuz leistet.

Wichtig ist das auch deswegen, weil Christen auch nach 2000 Jahren immer noch versucht sind, in eine „vergeltungssüchtige Klagereligion“ abzurutschen, die aus einem falschen Opferkomplex heraus Ausgrenzung und Gewalt legitimiert, wie Wolfgang Palaver zutreffend schreibt. Diese setzt die mimetische (aus Nachahmung entstehende) Gewalt unter anderen Vorzeichen einfach fort. Dabei werden freilich, wie Girard schrieb, „Verfolgungstaten im Namen der Verfolgungsbekämpfung ausgeführt“ und Gottes Absichten auf den Kopf gestellt.

In dieser Woche findet Gott im Berg zum elften Mal statt. Jede der Kreuzwegstationen haben wir über zehn Jahre hinweg in ganz unterschiedlichen Varianten gestaltet. Kein einziges Mal jedoch haben wir das als stellvertretendes Strafleiden dargestellt. Es war auch gar nicht nötig: Die vielen Besucher und Mitwirkenden haben es gar nicht vermisst.

Share

Batman und der brennende Busch

Vielleicht lag es daran, dass ich letzte Woche „Black Panther“ im Kino gesehen hatte. Als ich nun darüber nachdachte, wie sich der Name Gottes – je nach Gusto „Ich bin, der ich bin“, „Ich werde sein, der ich sein werde“, „Ich bin der Ich-bin-da“ – für Grundschulkinder erschließen lässt, fiel mir jedenfalls Batman ein.

Paul Green

Wir sprachen im Unterricht über die merkwürdige Selbstbezeichnung JHWHs gegenüber Mose in der Wüste am brennenden Busch. „Ich bin, der ich bin“, das könnte jede(r) von uns auch von sich sagen, ohne dabei viel von sich preis zu geben. Dann zeigte ich das Batman-Logo und fragte, welche Gemeinsamkeit der Comic-Held mit Gott hat.

Die Antwort kam prompt: „Auch Batman verrät nicht, wie er heißt.“

Es steckt offenbar doch einiges an Theologie in den Superhelden-Stories:

  • Weil Batman keine Adresse hat, kann er überall auftauchen, aber er lässt sich auf keine fixe Position festlegen.
  • Das einzige, womit die Leute rechnen können, ist, dass er zu Hilfe kommt, wenn sie in Not sind und dass er auf der Seite der Gerechtigkeit steht.
  • Und weil niemand seinen bürgerlichen Namen kennt, wahrt er dabei stets sein Geheimnis.

Israels Gott hat im Unterschied zu Bruce Wayne keinen bürgerlichen Namen. Auch da waren die Kinder gestern großartige Theologen. Eins vermutete, Gott habe überhaupt keinen Namen, ein anderes meinte, Gott habe zu viele Namen, um nur einen nennen zu können. Beide haben Recht.

In der paradoxen Spannung, dass seine vielen Namen jeweils einzelne Facetten von Gottes Wesen erhellen (und gleichzeitig andere verhüllen), dass aber kein einzelner Name alles abbilden könnte, was Gott ist – geschweige denn den Wandlungen unseres Gottesbildes im Laufe eines Lebens gerecht zu werden – darin liegt schon viel Wahrheit und Weisheit.

Das Beste aber ist, dass es schon Kinder verstehen. Und Batman wird sie von jetzt ab immer dran erinnern.

Share

Das Exodus-Muster

Gibt es eine stimmige theologische Alternative zum heilgeschichtlichen Muster von Schöpfung, Fall und Sühne, das die westliche Theologie seit Augustinus dominiert und dafür gesorgt hat, dass Erlösung primär als Beseitigung individueller moralischer Schuld und notwendige Weichenstellung für die himmlische Seligkeit verstanden wurde?

Es gibt sie, und wir finden sie in der Bibel – wenn wir, statt im Buch Genesis anzufangen, mit dem Exodus beginnen. Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten ist das Urdatum der Geschichte Israels. Er führt zum Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai. Das mosaische Bundesrecht stellt dabei, wie Richard Horsley zeigt, eine Art sozialökonomische Charta dar. Es wird zum Ausgangspunkt einer Traditionslinie, die sich durch die gesamte hebräische Bibel zieht. Sie bildet einen Gegenpol zu den königlich-priesterlichen Traditionen (Palast und Tempel waren, auch in der Sicherung des eigenen Einflusses, stets eng verbunden).

Die Propheten klagen sie gegen die Könige ein, als in Israel und Juda eine Feudalisierung einsetzt. Sie stellen das Scheitern des Bundes fest und kündigen das Ende des Königtums an. Und als dieses dann gekommen ist, beginnen sie von einem neuen Exodus zu reden, der einer Auferweckung des Gottesvolkes gleichkommt.

Clem Onojeghuo

Und auf just diese Exodustraditionen bezieht sich Jesus exklusiv, wenn er die Schrift zitiert – gern auch gegen das herodianische Königshaus und die Priesteraristokratie in Jerusalem. Das Matthäusevangelium stellt Jesus als den neuen Mose dar, beginnend mit der Geburt unter einem kindermordenden Herrscher, der Flucht und Rückkehr, der Taufe (Schilfmeer!), dem neuen Gesetz, das auf einem Berg in Kraft gesetzt wird und das inhaltlich an die egalitäre Ordnung des mosaischen Bundes anknüpft, die unter der armen Landbevölkerung Galiläas noch hoch im Kurs stand. Es gipfelt in der Feier des Passafestes, in der Jesus seinen Tod mit einem neuen Exodus verbindet.

Frank Crüsemann hat die Spur des Exodus durch das neue Testament in einem feinen Beitrag („Gott und Menschen handeln – wie ist das Verhältnis?“) zu dem Band „Befreiung vom Mammon“ (hg. V. Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich, Die Reformation radikalisieren, Bd. 2) nachgezeichnet. Er entdeckt sie im Lukasevangelium, in den Reden der Apostelgeschichte, und auch in den Aussagen des Römerbriefs über die Befreiung von der Schreckensherrschaft der Sünde. Im Gegensatz dazu (zur Sünde und der Unfreiheit unter römischer Herrschaft) sind „die Beziehungen, die Gott eingeht … nicht von Macht bestimmt.“ Jede Reich-Gottes-Theologie, die sich selbst ernst nimmt, müsste eine dezidierte Exodus-Theologie sein.

Vergebung ist der Befreiung dann theologisch nach- und nicht vorgeordnet. Sie ist im Exodus eingeschlossen und sie ist notwendig, um ihn zu vollenden – Freiheit muss sich bewähren und sie bleibt vorläufig auch noch gefährdet.

Das Problem mit der herkömmlichen Vorstellung von Sünde als moralischem Versagen und individueller Schuld und einer primär jenseitsbezogenen Erlösung ist ja die Frage, wie man das dann wieder mit sozialen und politischen Verhältnissen – also dem öffentlichen Leben statt nur dem privaten – zusammenbringt. Denn wenn es in der Bibel vor allem um „Gott und die Seele“ geht, bleiben die Lebensverhältnisse außen vor oder sie dienen nur als austauschbare Kulisse für die Bewährung des Glaubens bis zur endgültigen Heimkehr zu Gott. Genau das passiert, wenn man – etwas überspitzt formuliert – aus dem „alten“ Testament nur die ersten drei Kapitel der Genesis, die zehn Gebote und ein paar messianische Verheißungen in den Kernbestand christlichen Denkens integriert.

Macht man hingegen das Exodus-Muster zur Grundstruktur von Theologie, dann ist damit die Frage nach dem inneren Zusammenhang der hebräischen und griechischen Bibel besser beantwortet, als wenn man diesen in der priesterlichen Sühnetheologie sucht – oder gleich aufgibt. Zugleich wird es möglich, einen kritischen Blick auf die biblischen Texte zu werfen, die andere Vorstellungen von Gott, Gerechtigkeit, Macht und Freiheit vermitteln. Und nicht zuletzt finden wir hier eine Sprache, um die Lebens- und Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren – und zu verändern: „Speaking Truth to Power“, nennt Walter Brueggemann das.

Share

Öde Ewigkeit?

Im Konfiunterricht gestern kam die Rede auf das ewige Leben und prompt fragte einer, ob das eigentlich wünschenswert sei, ewig zu leben. Immerhin könnte es ja schrecklich langweilig werden.

Das freilich ist die Horrorvorstellung, nicht erst seit Ludwig Thomas Münchner im Himmel – wobei den ja weniger die Ewigkeit schreckte, im Hofbräuhaus hielte er es durchaus ewig aus, sondern eher das ätherisch-Immaterielle der himmlischen Existenz. Die Ewigkeit als bloße Endlosschleife des ewig Gleichen gehört eher in die Reihe der Höllenvisionen. „Schlechte Unendlichkeit“, schreibt Bernhard Waldenfels, und erinnert an den Sisyphus-Mythos.

201802070915.jpg

Uroš Jovičić

Wie antwortet man auf so einen Einwand? Mir fiel spontan Folgendes ein:

Seit es Menschen gibt, machen sie Musik. Sie singen, sie spielen Instrumente, sie komponieren – Jahrtausende lang. Die Musik der letzten 500 Jahre ist großteils aufgeschrieben, wir kennen sie also. Es sind immer dieselben 8 oder 12 Töne der diatonischen bzw. chromatischen Tonleiter. Und doch ist uns noch nicht langweilig geworden. Im Gegenteil, wenn deine Lieblingsband ein neues Album herausbringst, bist du voller Spannung und Vorfreude. Niemand stellt Berechnungen an, wann der Tag erreicht ist, an dem alles komponiert ist, was komponiert werden kann.

Wenn schon unsere menschliche Kreativität so groß ist, dass wir mit zwölf Tönen 500 Jahre Musik machen können, ohne uns zu langweilen und ohne dass sich alles nur wiederholt, warum sollte es in Gottes Ewigkeit und mit seinem Erfindungsreichtum jemals langweilig werden?

Wäre etwas mehr Zeit gewesen, hätten wir auch noch über G.K. Chestertons Beobachtung reden können, dass kleine Kinder von Wiederholungen kaum genug bekommen können, während Erwachsene davon genervt sind. Für ihn ist das ein Zeichen abnehmender Vitalität. Also stellt er sich Gott in dieser Hinsicht vor wie ein Kind, „jünger als wir“: Er wird nie müde, Gänseblümchen einzeln zu machen und sich jeden Morgen Sonnenaufgänge anzusehen. Und ich denke mir: Vielleicht ist ja auch deshalb Gottes Barmherzigkeit „jeden Morgen neu“.

Irgendwo zwischen diesen beiden Überlegungen spannt sich das weite Feld der ewigen Freude auf.

Share

Gibt es so etwas wie „identitäres Christentum“?

Vor ein paar Wochen sah ich in der 3Sat-Mediathek einen Bericht über „Die rechte Wende“. Dort kommt die identitäre Bewegung um Götz Kubitschek ausführlich zu Wort, unter anderem auch Martin Sellner.

Bei Zusehen fühlte ich mich, vor allem bei Sellner, immer wieder mal an Vertreter neokonservativen Christentums erinnert, mal vom Inhalt her und öfter noch war es der Habitus. Seither denke ich nach, woran das liegt. Man sieht die Kubitscheks im Film beim Tischgebet mit Kreuzzeichen.

Edwin Andrade

Gibt es also eine Schnittmenge, und wenn ja, wo liegt sie? In einem autoritären Weltbild? In der Vorstellung einer ehernen Schöpfungsordnung mit fixen Geschlechterrollen und Lebensräumen, die den Völkern und Kulturen seit jeher zugewiesen sind?

Liegt sie in einer bestimmten Art, Identität zu konstruieren – über die ausschließende Differenz,  über essentialistische Vorstellungen (Identität ist etwas Gegebenes und nicht das Resultat vielschichtiger Identifikationsprozesse), über die Naturalisierung historisch bedingter Konstellationen – die sind dann nicht mehr kontingent, sondern notwendig immer schon so, wie sie sind, und wer daran etwas ändert, greift fahrlässig in die gute Ordnung ein?

Und wenn das so ist, wie gehen wir dann mit kirchlichen Bewegungen um, die einen ähnlichen Rollback im Sinn haben wie die Identitären?

Share

Lieder:liche Beobachtungen

Immer wieder mal beschäftigt mich die Frage, was wir so alles singen und was das transportiert. Und in diesem Jahr wird das Ganze noch etwas eingefärbt durch die vielen Erinnerungen und Rückbesinnungen auf die Reformation. Vor ein paar Wochen habe ich mit Grundschülern Mike Müllerbauers Bratkartoffel-Superpfanne-Song betrachtet und mit Luthers reformatorischer Erkenntnis verglichen. Alle Kinder fanden, Luther hätte das Lied gemocht und eines fügte noch nachdenklich hinzu, wenn es damals schon solche Lieder gegeben hätte, hätte Luther nicht so lange mit seinen Ängsten und Gewissensnöten kämpfen müssen.

Gestern nun habe ich noch eine Weile über Albert Freys „Jesus Erlöser der Welt“ nachgedacht. Das Lied – kein Kinderlied – beginnt ja mit „Was für ein Mensch“ und spielt damit auf Joh 19,5 an. Die folgenden Zeilen stellen mir allerdings nicht den gefangenen und geschundenen Jesus vor Augen, sondern sie sind eine Aufzählung der massivsten Wundergeschichten, die die Evangelien hergeben: Sturmstillung, Seewandel, Weinwunder und Brotvermehrung. Das Übernatürliche steht ganz im Mittelpunkt. Die Heilungswunder, die Gottes Barmherzigkeit im Kontext menschlichen Leides sichtbar machen, fehlen hier zu meiner Überraschung auch.

Im Sinne der Zweinaturenlehre intoniert dann der zweite Vers „Was für ein Gott…“ und handelt von Menschwerdung, Demut und Selbsthingabe. Wobei das konkrete Leiden hier nur angedeutet wird, es bleibt implizit („der alle Schuld dieser Erde … auf sich nimmt“).

Mich hat die Verschiebung des Kontextes interessiert, die in der ersten Strophe gegenüber dem Johannesvangelium stattfindet. Und da kommt wieder Luther ins Spiel, nämlich die Heidelberger Disputation von 1518 und die Frage nach dem Ort der Gotteserkennntnis. Zugegeben – ein strenger Maßstab. Da heißt es unter anderem:

Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift. Das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes – d.h. seine Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit – ist dem unsichtbaren entgegengesetzt, wie 1.Kor 1,25 von der göttlichen Schwachheit und Torheit sagt. Weil die Menschen nämlich die Erkenntnis Gottes aufgrund seiner Werke mißbrauchten, wollte nun Gott aus dem Leiden erkannt werden.

Luther wendet sich hier gegen eine metaphysische Gottesvorstellung, die Gott in Gegensatz zu menschlicher Schwäche, Verwundbarkeit und Ohnmacht stellt. Wenn man ausgerechnet das ecce homo so aus der Passion löst, dann liegt der Schluss nahe, dass sich das Göttliche im Menschen Jesus am deutlichsten in den Augenblicken zeigt, wo er souverän die Naturgesetze überstimmt.

Auf der persönlichen Ebene lässt mich das Lied dann auch eher ratlos zurück: Weinwunder und Seewandel gehören nicht zu meinen persönlichen Glaubenserfahrungen. Der Verweis darauf im Lied konfrontiert mich daher mit einer Leerstelle im Erleben. Es weist mich auch nicht an die alltäglichen, im Bereich des Natürlichen und Kreatürlichen angesiedelten Gottesbegegnungen. Es bietet mir an, in die Bewunderung aus der Ferne einzustimmen. Um Nähe und Trost zu finden, muss ich auf ein anderes Lied warten – und erst einmal meine Irritation verdauen.

Hat jemand einen Vorschlag, was ich stattdessen singen könnte? Oder sollte ich mir einfach weniger Gedanken machen?

Share

Er spricht wieder

Zum Ende des Kirchenjahres kommen düstere Themen und Gestalten zur Sprache – Dämonen zum Beispiel. Liegt’s am trüben Novemberwetter, braucht es diesen Griff in die Gruselkiste? Ganz sicher brauchen können wir die Haltung, die aus den biblischen Texten dazu spricht: Alles andere als resignativ ist sie, kämpferisch und voller Hoffnung. Wie zum Beispiel in diesem Abschnitt aus dem Lukasevangelium:

Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

An der Fassade vieler älterer Kirchen gibt es Wasserspeier. Dämonen wurden da aus dem Stein gemeißelt als skurrile Fabelwesen, aus deren Rachen einst das Regenwasser spritzte. Wer unachtsam darunter stand, konnte empfindlich nass werden. Die Steinmetze hatten ganz offensichtlich ihren Spaß an den finsteren Gestalten. Drinnen in der Kirche, auf den Altären und den Fenstern, sind Heilige und Szenen aus der Bibel abgebildet. Draußen aber haben die bösen Geister ihren Platz – als Erinnerung daran, dass in dieser Welt nicht nur gute Kräfte am Werk sind. Und vielleicht auch daran, dass wir nicht immer alles verstehen und exakt einordnen können, was um uns herum passiert.

Diese Faszination für skurrile Fratzen und Fabelwesen begegnet uns heute eher in der Fantasyliteratur – von Harry Potter bis zum Herrn der Ringe und von der Twilight-Saga bis Game of Thrones. Dort haben Geister und Dämonen an den Rändern unseres aufgeklärten Denkens – auch irgendwie „draußen“ – ganz genüsslich überlebt. Aber die konkrete Erfahrung, dass es zerstörerische Kräfte draußen in der Welt gibt, oder Orte mit einer bedrückenden Atmosphäre, die teilen wir mit Jesus und seinen Zeitgenossen. Wir reden ja auch ab und zu vom „Ungeist“ des erstarkenden Rechtsextremismus oder der Rechthaberei in der Kirche, und von den „Dämonen der Vergangenheit“, wenn Rassisten ihre Fackelzüge abhalten und ihre Macht wieder öffentlich zur Schau stellen.

* * *

Wenn in der Bibel von Dämonen die Rede ist, dann geht es dabei um Erfahrungen von Ohnmacht. Wir sehen das hier ganz konkret: Ein Mensch, der keinen Ton mehr herausbringt, ist in vieler Hinsicht hilflos. An den Gesprächen seiner Umgebung nimmt er nicht mehr teil. Aber auch seine Familie und Freunde sind hilflos. Sie müssen erraten, was er braucht und wie es ihm geht, sie bleiben im Ungewissen darüber, was er von ihnen hält und was ihn quält. Beziehungen, in denen nicht mehr geredet wird (oder in denen nur noch einer redet), sind voller Leid. Wer sich als ohnmächtig erlebt, der hat – so sagen wir – nichts zu melden.

cristian-newman-364529.jpg

Cristian Newman

Nicht alle, die glauben, nichts zu melden zu haben, verstummen freilich darüber. Manche werden tatsächlich wütend. Leider auf die falschen Leute. Die Zeit schrieb dazu jüngst:

„In letzter Zeit scheint es doch so, dass immer mehr Menschen wütend sind, auf die Politik, auf die Eliten. Sie sind es aber weniger, weil das oberste Prozent ihnen seit Jahrzehnten gigantische Summen wegnimmt, sondern eher aus Angst, dass ihnen die  – zuwandernden – untersten Prozente in Zukunft etwas wegnehmen könnten. Dabei haben die sprichwörtlichen 99 Prozent hier einen gemeinsamen Gegner.“

Einstweilen also bekämpfen Schwache die noch Schwächeren: Geringverdiener lassen sich gegen Hartz-IV-Empfänger aufhetzen, Osteuropäer und Russlanddeutsche gegen Muslime und so weiter. Auch das ist eine Form von Aberglauben: Schlag den Schwächeren, dann geht’s dir bestimmt besser. Ein Aberglaube, die Ohnmacht eher steigert als überwindet. Das Geld der Reichen und Mächtigen liegt derweil unangetastet irgendwo zwischen Panama und Paradise.

* * *

Zurück zu unserer Geschichte: Besatzung und Besessenheit, Übermacht und Ohnmacht hängen offenbar zusammen. Es ist wohl kein Zufall, dass in weiten Teilen des Alten Testaments von Dämonen nicht die Rede ist; damals war Israel zwar gefährdet, aber relativ frei. Jesus dagegen hat im von den Römern – einer brutalen Militärdiktatur – besetzten Palästina häufig solche verstörenden Begegnungen mit Besessenen. Allerdings wird das alles nicht genüsslich ausgemalt und breitgetreten. Nüchterner, ja einsilbiger lässt sich der Vorfall kaum beschreiben, als Lukas das hier tut: Der Besessene ist stumm. Jesus treibt den Geist aus. Der Mann redet wieder. Die Leute staunen. Fertig. Null Gruseleffekte. Keine sensationelle Action.

Manche von Ihnen würden vielleicht zustimmen, wenn ich sage: Dass Männer den Mund nicht aufbekommen, ist ja innerhalb gewisser Grenzen nichts Ungewöhnliches. Hier freilich stellt sich die Frage: Wann hat dieser Mann aufgehört, sich mitzuteilen? Fand er nichts Bedeutsames mehr zu sagen, verzweifelte er am Sinn des Redens, fehlten ihm die Worte für den Schmerz oder die Leere? Und was waren die ersten Worte, die dann sprach: Hat er sich bei Jesus bedankt? Hat er nach seiner Frau und seinen Kindern gefragt? Hat er endlich verraten, was ihm die Sprache verschlagen hatte?

Wir erfahren all das auch deshalb nicht, weil die Geschichte schon weitergegangen ist: Es entbrennt nämlich ein Streit darüber, wie das alles zu deuten ist – wie die Dämonen wirken, und vor allem durch wen.

* * *

Jesu Kritiker, die nicht näher charakterisiert werden, bedienen sich einer waschechten Verschwörungstheorie. Kurz zusammengefasst lautet sie: Alles nur Theaterdonner, alles nur üble Maskerade. Jesus bringt nur scheinbar Befreiung von den bösen Geistern, in Wirklichkeit ist er der gerissenste Agent des Bösen. Die Nebenwirkungen seiner Therapie sind schlimmer als die Krankheit, die er damit zu kurieren scheint: Er führt Menschen noch weiter weg von Gott und einem gelingenden Leben. Er nimmt ihnen auch noch das letzte bisschen Kraft und Würde.

Einen Gegner zu dämonisieren, ihn als das absolut Böse oder dessen williges Werkzeug hinzustellen, war damals ein beliebtes Mittel der Auseinandersetzung, das war es im Mittelalter und während der Reformation, und das ist es heute noch. Mehr Misstrauen geht nicht. Diese Woche haben wir uns an die Reichspogromnacht erinnert. Sie hat gezeigt, wohin so etwas führt. Auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts kennen solche Verschwörungstheorien. Sie erklären angeblich alles und ändern nichts. Im Bus, beim Friseur, in der Kantine sind sie zu hören. Sie ergießen sich über das Internet in die Köpfe und Gespräche wie der Schwall kalten Novemberregens aus einem Wasserspeier:

  • Die Anschläge vom 11. September wurden von der CIA oder vom Mossad inszeniert.
  • Die Bundesregierung holt Flüchtlinge ins Land, weil sie das „Staatsvolk“ austauschen will.
  • Die Kirchenleitung will Bibel und Bekenntnis abschaffen.
  • Die Kondensstreifen am Himmel bestehen nicht aus harmlosen Eiskristallen, sondern giftigen Chemikalien.
  • Und wenn jemand diesen wirren Spekulationen widerspricht, beweist das bloß, dass die Presse lügt und wie mächtig und allgegenwärtig die Feinde längst schon sind.

Sascha Lobo bezeichnete diese Geisteshaltung vor einiger Zeit als „Pseudoskepsis“. Diese “zweifelt an allem außer an sich selbst.“ Das trifft auch auf Jesu Kritiker zu: Sie zweifeln an allem außer an sich selbst. Wenn jemand anders als sie Macht über Dämonen hat, kann diese nur aus einer dunklen Quelle kommen. Ihre Welt der Dämonen ist genauso militärisch organisiert wie das römische Weltreich. Sie folgt derselben Einteilung der Welt in oben und unten, Freund und Feind, nach der auch das heidnische Imperium funktioniert.

* * *

Jesus dreht den Spieß nicht um, er dämonisiert seine Gegner nicht. Sondern er zeigt ihnen, dass ihre Behauptungen erstens widersprüchlich sind, und dass sie zweitens darüber den Blick für Gottes Wirken verloren haben. Denn jemand, der keine Stimme hat, vor aller Welt wieder spricht, dann ist das kein böser Trick, sondern erkennbar Gottes Werk. Es hat eine geistliche Dimension: Der stumme Mann war ein Ebenbild jener „stummen Götzen“, die Griechen und Römer anbeten. Jetzt spricht er. So ist er Ebenbild des Gottes Israels, der zu uns Menschen spricht und sich mitteilt: Vom Beginn der Welt an bis jetzt, wo er sich in Jesus aufmacht, die Welt neu zu machen.

In den alten und neuen Verschwörungstheorien begegnet uns die ungesunde Faszination des Bösen. Es erscheint übermächtig und allgegenwärtig. Jesu Gegner sind ihr erlegen. Sie finden nichts zu sagen über Gott. Sie erkennen Gottes Wirken selbst dann nicht mehr, wenn es vor ihrer Nase geschieht. Sie sehen nicht, dass das gewünschte „Zeichen vom Himmel“ längst da ist. In dieser Hinsicht sind sie genauso blockiert wie der Stumme.

Jesus setzt dagegen die Faszination des Reiches Gottes. Es überwältigt nicht den Menschen, sondern die Ohnmacht. Es kommt von unten und aus dem Nichts, durch einen Wanderprediger aus der galiläischen Provinz. Es kommt klein und punktuell, immer umkämpft, aber es kommt unaufhaltsam. Das Bollwerk der Macht bekommt Risse – einen nach dem anderen.

* * *

Jesus schließt mit dem Angebot, sich von dieser unguten Fixierung auf das Böse und die Ohnmacht befreien zu lassen, Ohnmacht und Passivität zu überwinden und sich ihm anzuschließen. Wie wäre es also, wenn wir in der neuen Woche nicht nach Missständen und Problemen suchen – die gibt es zuhauf –, sondern nach Zeichen für Gottes Wirken? Vielleicht können wir dabei sogar zu seinen Komplizen werden, selbst Zeichen setzen?

Menschen, die keine Stimme haben, gibt es genug: Arme ziehen sich verschämt aus dem öffentlichen Leben zurück, Fremde werden bestenfalls geduldet und können sich kaum wehren gegen Behördenwillkür, politische Häftlinge werden von auoritären Regimes mundtot gemacht, psychisch Kranke reden nicht über ihr Leiden, weil sie nicht in den Verdacht geraten wollen, verrückt und gefährlich zu sein.

Wenn wir in solchen Momenten nicht stumm bleiben, sondern ein Wort für andere einlegen und mit ihnen sprechen, dann kann das viel bewirken. Darin steckt nicht nur ein Vorgeschmack auf Gottes Reich, dann ist es schon angebrochen.

Und wenn mal wieder jemand Verschwörungstheorien zum Besten gibt, erzählt von solchen Erfahrungen. Erfahrungen, die zeigen, dass Gott nicht fern ist und das Böse nicht übermächtig.

Selbst wenn (was unwahrscheinlich ist!) niemand anders Euch hören will – Gott hört zu. Macht mutig den Mund auf. Dafür hat er Euch eine Stimme gegeben.

Share

Lässt Gott mit sich reden?

Wenn man über das Gebet nachdenkt, namentlich das bittende und vor allem für-bittende Gebet, dann steht man vor der Frage, wie sich Gottes Wirken und menschliches Tun zu einander verhalten. Dazu kursieren alle möglichen Vorstellungen. Viele haben mit abstrakt-philosophischen Fragen zu tun: Greift Gott überhaupt in die Eigengesetzlichkeit der Welt ein, den Lauf der Dinge, dem wir unterworfen sind? Oder wäre es übergriffig, wenn Menschen Gott auf ihre Seite zu ziehen versuchten?

Verändert das Gebet (nur) den Betenden, und wenn ja, wäre das schon ein Erfolg oder eher ein Problem (nämlich eine Kapitulation vor dem Unvermeidlichen)? Wenn Gott „allmächtig“ ist, geschieht sein Wille dann nicht automatisch? Ist es sinnvoll oder notwendig, ihn um irgendetwas zu bitten? Ist die Tatsache, dass es Leid und Böses in der Welt gibt, ein Indiz dafür, dass Gott entweder nicht allmächtig ist oder aber kein ausgeprägtes Interesse an uns hat?

praying by t-bet, on Flickr
praying“ (CC BY-ND 2.0) by t-bet

Zugleich stehen wir in unserer Welt vor Herausforderungen, die so gewaltig sind, dass wir kaum anders können, als Gott um Beistand und Hilfe zu bitten. Und im Kleinen, im Persönlichen, ist es oft auch nicht anders. Was können wir, biblisch begründet, dazu sagen? Und was folgt praktisch daraus?

In den letzten Wochen habe ich dazu bei einer ganzen Reihe von Autoren nachgelesen.  Von Abraham Heschel bis Frank Crüsemann, von Walter Wink bis Rowan Williams und von Ezechiel bis J.R.R. Tolkien. Sie kommen zu erstaunlich ähnlichen Schlussfolgerungen über die Partnerschaft zwischen Gott und Menschen. Wer mag, kann sich das Ergebnis hier anhören.

Share

Zweite Wahl, erste Sahne

Matthäus 22,1-10 (NGÜ):

Jesus fuhr fort, ihnen Gleichnisse zu erzählen. Er sagte: »Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn das Hochzeitsfest vorbereitet hatte. Er sandte seine Diener aus, um die, die zum Fest eingeladen waren, rufen zu lassen. Doch sie wollten nicht kommen.
Daraufhin sandte der König andere Diener aus und ließ den Gästen sagen: ›Ich habe das Festessen zubereiten lassen, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!‹ Aber sie kümmerten sich nicht darum, sondern wandten sich ihrer Feldarbeit oder ihren Geschäften zu. Einige jedoch packten die Diener des Königs, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig. Er schickte seine Truppen und ließ die Mörder töten und ihre Stadt niederbrennen.
Dann sagte er zu seinen Dienern: ›Das Hochzeitsfest ist vorbereitet, aber die Gäste, die ich eingeladen hatte, waren es nicht wert, daran teilzunehmen. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet alle zur Hochzeit ein, die ihr dort antrefft.‹ Die Diener gingen auf die Straßen und holten alle herein, die sie fanden, Böse ebenso wie Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen.«

Am Montag spielte die deutsche Nationalmannschaft beim Confed Cup im russischen Sotschi. Der Stellenwert des Turniers ist, sagen wir: überschaubar, und die Karten waren teuer, das Stadion wäre ziemlich leer gewesen. Kein Anblick, mit dem man die Welt hätte beeindrucken können; also ließ man tausende Tickets verschenken, um das trostlose Bild etwas aufzuhübschen.

Ist das die Botschaft dieses Gleichnisses, dass Gott so jemand ist wie Wladimir Putin, vor dessen Einladung man sich besser drücken sollte, weil man dafür einen hohen Preis bezahlen würde – und weil man eh nur Statist bliebe in einer hohlen und verkrampften Inszenierung von Größe, Glanz und Macht?


Andreas Rønningen

Vielleicht lässt sich diese Frage – was Jesus denn nun über Gottes Wirken in der Welt sagen will – beantworten, wenn wir ein bisschen eintauchen in die Geschichte. Stellen wir uns vor, wir sind einer der Gäste im Hochzeitssaal, der sich zusehends füllt:

Ich blicke mich um und sehe wenige bekannte Gesichter. Ich frage mich, ob das so eine gute Idee war, zuzusagen, als ich auf der Straße angesprochen wurde. Aber nachdem ich eh nichts vorhatte heute war die Aussicht auf ein Festessen und etwas fröhliche Gesellschaft nicht so schlecht. Und es duftet ja wirklich großartig aus der Küche. Jetzt merke ich erst, wie lange ich schon nichts Anständiges mehr gegessen habe. Bestimmt kennen sich alle anderen Gäste und nur ich bin ein Außenseiter. Es könnte ein anstrengender Aufenthalt werden, aber jetzt kann ich nicht nicht einfach wieder verdrücken.

Ich stelle mich mit meinem Aperitif in der Hand zu zwei anderen Gästen, die sich unterhalten. Sie sind gerade dabei, sich bekannt zu machen. Ruben ist Wanderarbeiter auf einer nahen Großbaustelle des Königs. Für das Fest heute hat er frei bekommen. Und Joseph ist ein Samaritaner, der geschäftlich in der Stadt ist. Er versucht, seinen Dialekt zu unterdrücken, um nicht angefeindet zu werden, aber es misslingt ihm zwischendurch immer wieder. Dann kommt noch Mosche hinzu. Er ist Wachsoldat im Tempel und hat gerade ein paar Tage frei, weil seine Frau ein Kind zu Welt gebracht hat. Er wollte erst gar nicht kommen, dann ließ er sich doch breitschlagen.

Ich wechsle den Tisch. Nebenan werden Gerüchte diskutiert, die ursprünglich geladenen Gäste hätten das Fest boykottiert. Der König habe es sich mit ihnen verscherzt, weil er ihre Sonderrechte gegenüber dem gemeinen Volk abschaffen wollte, meint einer aus der Runde. Ich denke mir: Das würde ja ins Bild passen, dass er nun Krethi und Plethi einlädt. Am Ende freut er sich über die neuen Gäste noch genauso wie über die Vertreter des Establishments.

Aber das sind ja wir, fährt mir durch den Kopf. Wann erscheint der Gastgeber denn endlich? Was wird er sagen, wenn er kommt? Hat er sich längst inkognito unter die Leute gemischt und hört zu, was wir über ihn reden? Wird er mir die Hand schütteln – hat er es schon getan? Muss ich mir Sorgen machen, dass ich nicht seinen Erwartungen entspreche – schließlich bin ich ja irgendwie nur Gast zweiter Wahl? Wie redet man überhaupt mit so jemandem? Ich nehme mir vor, zu sagen: „Ein ganz wunderbares Fest, Eure Majestät!“

* * *

Wie hat die Geschichte auf die Jünger gewirkt? Vielleicht ist es so gewesen: Jesus heilt eben noch ein paar Kranke und streitet mit ein paar Schriftgelehrten. Währenddessen sitzen die Zwölf im Schatten und zerbrechen sich die Köpfe:

„Was wollte er damit jetzt sagen?“, fragt Andreas.

„Ich glaube, wir sind die Gäste“, meint Petrus.

„Welche Gäste,“ fragt Johannes, „die erste oder die zweite Wahl?“

„Die zweite Wahl“, sagt Matthäus. „Mich hat er doch an der Mautstation gefunden. Euch vier beim Fischen. Wo er geht und steht, sammelt er Leute. Normale Leute, seltsame Leute, sogar Frauen sitzen mit ihm an einem Tisch, wenn er wieder mal feiert!“

Simon der Zelot sagt: „Du, Matthäus, hast für die Römer gearbeitet, ich habe Anschläge auf sie verübt. Für mich warst du der Böse, für dich war ich es. Aber Jesus hat uns beide berufen.“

„Stimmt“, sagt Matthäus. „Ich habe mich schon öfter gefragt, was er sich wohl dabei gedacht hat. Oder ob er schon einmal das Wort Zielgruppe gehört hat. Wenn du kampagnenfähig sein willst, brauchst du ein klares Profil…“

„Moment mal,“ unterbricht Petrus, „wenn wir die zweite Runde sind, dann wäre Herodes Antipas einer von der ersten Gruppe. Und zwar einer der militanten Typen. Er hat schließlich Johannes den Täufer umbringen lassen. Johannes war ja auch ein Bote Gottes, oder? Dann waren das eben aber keine guten Nachrichten für Herodes…“

„Hat er auch nicht verdient“, sagt Jakobus. „Und lange vor Johannes wurde Jeremia verschleppt und verschwand spurlos. Auch der hatte mit Kritik an den Mächtigen ja nicht gespart. Prophet ist halt ein sehr gefährlicher Job. Ich mache mir immer wieder Sorgen um Jesus. Das geht nicht mehr lange gut hier.“

„Was, wenn wir gar nicht die Gäste sind aus der Geschichte, sondern die Boten?“ fragt Philippus besorgt in die Runde. Und Thomas fügt hinzu: „Sind wir dann auch in Gefahr? In Galiläa hat er uns ja immer wieder mal ausgesandt, genau wie die Diener aus der Geschichte. Zum Glück haben sie uns da freundlich aufgenommen, sogar die schrägen Typen. Aber hier, in Jerusalem, das ist schon ein anderer Menschenschlag.“

„Die denken doch immer, sie seien erste Wahl“, seufzt Judas. „Uns behandeln sie wie nutzlose Trottel. Bestimmt meinen sie, wenn Gott schon redet, dann bestimmt so wie einer von ihnen. Von einem Galiläer lassen die sich nichts sagen.“

Und Philippus antwortet: „Bloß weil hier der Tempel steht meinen sie, sie stünden Gott näher und hätten ihn schon irgendwie in der Tasche. Auch das hat sich seit Jeremias Zeiten nicht geändert. Ganz schön arrogant.“

„Ja, schon,“ sagt Johannes, „aber jetzt sind wir ja schon wieder bei Bösen und Guten, oder?“

* * *

Wechseln wir die Perspektive noch einmal – so wie im Gleichnis die Akteure immer wieder wechseln: Sprechen wir über die Kirche.

Manchmal hat man ja den Eindruck, es gibt unter Christen kaum einen gemeinsamen Nenner. Außer, dass alle eine Einladung angenommen haben, und gerade erst herausfinden, auf was für einer Party sie da gelandet sind.

Dann ist Kirche sogar richtig gut, weil sie nicht einfach nur ein klar umrissenes Milieu oder Segment bedient und dessen Vorlieben und Abneigungen übernimmt. Wir sind ja irgendwie alle Gäste zweiter Wahl. Und irgendwie auch nicht. Paulus schreibt an die Korinther:

Schaut euch doch nur einmal an,
wer bei euch berufen wurde,
zur Gemeinde zu gehören, Brüder und Schwestern!
Nach menschlichem Maßstab
gibt es bei euch weder viele Weise
noch viele Einflussreiche oder viele,
die aus vornehmen Familien stammen!

Nein, was der Welt als dumm erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre Weisen zu demütigen.
Und was der Welt schwach erscheint,
das hat Gott ausgewählt,
um ihre scheinbare Stärke zu beschämen.
Und was für die Welt keine Bedeutung hat
und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt –
also gerade das, was nichts zählt,
um dadurch das außer Kraft zu setzen,
was etwas zählt.

Gott arbeitet offenbar an einem groß angelegten Umsturz. Und dazu sucht er Menschen, die nach menschlichen Maßstäben nicht erste Wahl wären.

Wie kommt das Reich Gottes heute in die Welt? Drei aktuelle Beispiele können uns den Weg weisen:

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat am vergangenen Sonntag eine Aktion durchgeführt, die sich „Deutschland spricht“ nennt. Man konnte sich bewerben, indem man fünf politische Fragen beantwortete, und dann seine Postleitzahl angeben. Dann bekam man einen Gesprächspartner aus der Nachbarschaft zugeteilt, der ganz anders denkt als man selbst. 600 ausgewählte Paare trafen sich also und debattierten unter vier Augen über Flüchtlinge, Atomausstieg, Europas Umgang mit Russland, Ehe für alle und andere heiße Themen, die unsere Gesellschaft spalten und oft zum Abbruch des Kontakts führen. Die Erfahrungen waren so gut, dass viele Teilnehmer sich wieder treffen wollen. Eine Teilnehmerin berichtet: „Je länger wir uns unterhielten, desto weniger unterschiedliche Ansichten kamen zum Vorschein. … Wenn man sich … zusammensetzt und die Themen beleuchtet, auch genau zuhört, was die andere sagt, dann merkt man, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind.“

Mit Unterstützung vieler Wähler wirft Emmanuel Macron, der neue Präsident Frankreichs, das skandalträchtige politische Establishment und dessen nicht weniger zwielichtige Kritiker vom Front National aus der Nationalversammlung. Ein bunter Haufen von Neuen sitzt im Parlament, kaum einer kennt den anderen, viele haben das Gebäude noch nie von innen gesehen. „Kann das gut gehen?“, fragen viele. „Warum eigentlich nicht?“, sagen andere – deprimierender als zuletzt konnte es kaum noch werden.

Im Februar habe ich mit ein paar Kolleg*innen die Vesperkirche in Gustav Adolf besucht. Wir fanden dort in der Südstadt ein wahrhaft biblisches Bankett vor: Alte und Junge, Franken und Migranten, Studierte und Bildungsferne, Schlips- und Jogginghosenträger, Wohlhabende und Hartz-IV-Empfänger, Gläubige und Gottlose (-wobei…?). Ich setzte mich an den ersten freien Platz an einem Tisch und war sofort im Gespräch mit Fremden. Scharen von freiwilligen Helfern tragen die Aktion. Auch das ist ein sehr bunter Haufen. Aber ein Haufen mit einer Mission. Irgendwie alle Gäste des einen Gottes und die meisten irgendwie auch schon seine Diener und Mitarbeiter.

Wenn es nach Gott geht, kann der Festsaal nicht voll genug und die Festgesellschaft nicht bunt genug sein. Und was zunächst aussieht, als wäre es zweite Wahl, das ist ihm dabei das Liebste.

Share

Ein Fest mit Sprengkraft

Wie Sturm und Feuer kommt der Geist an Pfingsten und sprengt die Versammlung der Jünger. Das Rauschen des Sturms erfüllt den Raum, das Feuer verteilt sich auf die anwesenden Menschen. Türen scheinen aufzufliegen, die Fenster sind sowieso offen, Wände spielen keine Rolle mehr. Die Taube, die auf Jesus am Jordan landete, hätte so etwas nicht hinbekommen.

Sturm und Feuer… Ich erinnere mich an Worte aus 1. Könige 19:

Ein starker, heftiger Sturm,
der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus.
Doch der Herr war nicht im Sturm.
Nach dem Sturm kam ein Erdbeben.
Doch der Herr war nicht im Erdbeben.
Nach dem Beben kam ein Feuer.
Doch der Herr war nicht im Feuer.“

Der Herr war nicht im Feuer. Der Herr war nicht im Sturm. Damals.

Aber jetzt ist er im Feuer und im Sturm. So eine Art Feuer jedenfalls, und eine Art Sturm. Kein sanftes Säuseln. Niemand verhüllt sein Gesicht, sondern mit offenen Augen und Mündern stehen alle kurz darauf auf den Straßen Jerusalems.

Jetzt also doch Sturm und Feuer. Und falls sich jemand fragt, wo das Erdbeben ist – das folgt in Kapitel 4, als Petrus und Johannes aus dem Gefängnis kommen, alle gemeinsam beten, der Geist erneut „ausbricht“ und die Wände wackeln. Die bedrohte Redefreiheit wird wiederhergestellt.

Alle drei Elemente, mit denen der Prophet es schon zu tun hatte, sind also versammelt. Als würde Gott auf seine Leute zeigen und sagen: Das sind meine Propheten für diese Zeit und diesen Ort. Einfache Leute, die unerschrocken vom auferstandenen Jesus reden und damit die Mächtigen ins Schwitzen bringen. So wie Moses, nachdem der zu lange in ein sprechendes Feuer geschaut hatte.

IMG_3054.jpg

Feuer und Wind ergeben zusammen einen Flächenbrand. Eine bedrohliche Vorstellung, sofern es „richtiges“ Feuer ist. Aber große Hoffnung, wenn es das Feuer ist, das aus den Augen derer scheint, die den Gewaltigen die Wahrheit ins Gesicht sagen: „Eure Macht ist nicht so groß, wie ihr glaubt, und eure Zeit ist abgelaufen.“

Manchmal wird es auch wieder ein sanftes Säuseln sein, ein „verschwebendes Schweigen“ (Buber). Es ist eben der freie Geist des befreienden Gottes. Er sprengt all das, was zu eng und zu starr geworden ist: Kirchenmauern, Konzepte, Gesetze, Erwartungen, Scheuklappen und Angstbarrieren.

Davon gern mehr. Und gern jeden Tag.

Share

Heiligkeit, die sich die Hände schmutzig macht

Kennt wahrscheinlich jeder schon: Das Kreuz lässt sich so deuten, dass der vertikale Balken die Gottes- und der horizontale die Nächstenliebe symbolisiert. Dann steht es entweder für das Doppelgebot der Liebe oder (freilich kein Gegensatz) für die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen untereinander.

So weit, so schön und so passend.

Die beiden Kreuzbalken entsprechen so gesehen auch den beiden Tafeln der Zehn Gebote. Die erste Tafel hat mit dem Verhältnis zu Gott zu tun und schützt seine Integrität vor menschlichen Zugriffen: Die Einzigartigkeit, das Bilderverbot, der Name und der Sabbat (die letzten beiden stehen für alle übrigen Kultgesetze). Die zweite Tafel hat mit den Mitmenschen zu tun: Eltern, Unversehrtheit, Partner, Besitz und Wahrhaftigkeit.

201703211604.jpg

Wenn man nun fragt, was Jesus ans Kreuz gebracht hat, dann stößt man auf ein ganzes Bündel von Konflikten, die sein Wirken nach sich zog. Und interessanterweise lassen diese sich relativ stringent auf die zwei Tafeln verteilen. Jesus verletzt – in den Augen seiner Gegner (ob das nun Pharisäer oder Saddzuzäer waren) – die Gebote der ersten Tafel. Er missachtet die Sabbatruhe, er relativiert gängige Vorstellungen von Reinheit, er kündigt das Ende des Tempels und des Opferbetriebes dort an. Und selbst aus römischer Sicht zeigt er sich auch dem Gottkaiser und dessen irdischen Repräsentanten gegenüber ziemlich respektlos.

Umgekehrt wirft Jesus den Gegnern vor, in ihrer Praxis gegen den Sinn der Gebote der zweiten Tafel zu verstoßen: Statt die Alten zu versorgen, spenden manche das Geld an den Tempel. Männer verstoßen ihre Frauen und die sind dagegen weitgehend wehrlos. Zur Schau gestellte Frömmigkeit soll einen sozialen Vorteil verschaffen, und wer weniger intensiv glaubt, wird verächtlich gemacht und mit Schimpfwörtern belegt. Vergebung für Betrug oder Gewalttaten gibt es auch ohne Opfer und rituelle Reinigung. Das sind nur die Fälle, die mir sofort eingefallen sind.Kreuz:Tafeln

Insofern steht das Kreuz in eben dieser Deutung auch dafür, warum Jesus den Kreuzestod starb und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch kommen sah und in Kauf nahm. Er stellte viele gängige Deutungen und Umsetzungen der Gebote in Frage. Und er verschob die Aufmerksamkeit weg vom Kult und all dem Kleingedruckten der „rechten“ Gottesliebe hin zu einem barmherzigen, offenen und versöhnlichen Umgang mit dem Nächsten, der ethnische und religiöse Grenzen überschreitet.

Interessanterweise gibt es das ja immer noch, auch unter Jesusnachfolgern: Diesen Streit, ob zuviel Nächstenliebe (und damit auch soziales und politisches Engagement) der Reinheit unserer Gottesliebe abträglich ist, oder ob das gar kein Gegensatz ist und auch besser nicht als solcher behandelt werden sollte. Ich finde diese rotznasige, empathische Heiligkeit mit den schmutzigen Händen und den weiten Grenzen jedenfalls viel attraktiver als die sterile, strenge und skrupelhafte Variante.

Share

Das Ding mit dem Lösegeld

Es mag an meinem beschränkten Horizont liegen, dass mir erst jetzt die Frage nach einem Zusammenhang zwischen dem berühmten Lösegeld-Wort aus Markus 10,45 und der folgenden Anweisung aus dem Buch Exodus (30,11-17) kommt. Dort lesen wir:

Und der HERR redete zu Mose und sprach: Wenn du die Israeliten zählst, die gemustert werden, soll jeder dem HERRN ein Lösegeld für sein Leben geben, wenn man sie mustert. Dann wird keine Plage über sie kommen, wenn man sie mustert. Dies sollen sie geben, jeder, der zur Musterung antritt: einen halben Schekel nach dem Schekel des Heiligtums, zwanzig Gera der Schekel, einen halben Schekel als Abgabe für den HERRN.

Jeder, der zur Musterung antritt, der zwanzig Jahre alt ist oder älter, soll die Abgabe für den HERRN entrichten. Der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel geben, wenn ihr die Abgabe für den HERRN entrichtet, um für euer Leben Sühne zu erwirken.

So nimm das Sühnegeld von den Israeliten, und verwende es für den Dienst am Zelt der Begegnung. Und es soll vor dem HERRN die Erinnerung an die Israeliten wachhalten, um Sühne zu erwirken für euer Leben.

Ein bisschen zugespitzt formuliert: Die Tempelsteuer erscheint hier als eine Art „Schutzgeld“, das Schaden („Plagen“) abwendet und mit dem zugleich der Betrieb des Heiligtums gewährleistet wird. Jeder männliche Jude ab dem Alter von 20 Jahren muss sie entrichten, das war auch zur Zeit Jesu noch so, wobei es außerhalb von Judäa eine freiwillige Abgabe war, schreibt Heinz Schröder in „Jesus und das Geld“. Die Abgabe verbindet den einzelnen mit dem Tempel und über den Tempel mit Gott, das funktionierte auch für Diasporajuden und brachte dem herodianischen Tempel keinen geringen Wohlstand ein.

Liberation by jar [o], on Flickr
Liberation“ (CC BY 2.0) by jar [o]

Das Ganze ist trotzdem etwas undurchsichtig: Fällt ein Lösegeld für eine Art generelle Sündhaftigkeit der Israeliten an, also eine pauschale Zahlung mit sühnender Wirkung? Ist das quasi die monetarisierte Variante des Jom Kippur? Und wenn ja, warum sind Frauen und Kinder dann ausgenommen? Oder schwingt hier das Unbehagen im Blick auf Musterungen und Volkszählungen mit, das sich z.B. in 1.Chr 21 deutlich darin ausdrückt, dass Davids Musterung eine Idee des Satans genannt wird und mit schlimmen Konsequenzen belegt wird? Oder beides? Ein Lösegeld an irgendeine andere Instanz (wie im König von Narnia die Winterhexe) scheint jedenfalls keine Rolle zu spielen.

Und was passiert, wenn man das Lösegeldwort Jesu auf diese Situation bezieht? Je nach Vorverständnis ließe sich dann Folgendes sagen:

  1. Der – einmalige – Tod des Menschensohnes tritt an die Stelle der Tempelsteuer. Er erweitert zugleich deren Sinn. Um es mit Andrew Perriman zu sagen: “What’s at stake is not the routine daily or even annual maintenance of the covenant but the future of a people threatened with annihilation by an all-powerful pagan empire.“
  2. Alle weiteren Zahlungen und Transaktionen sind damit überflüssig, der kostspielige Betrieb des prunkvollen Tempels unter Regie der schwerreichen Priesteraristokratie ebenfalls (daher wird dessen Zerstörung wenig später angekündigt).
  3. Die Hingabe des Menschensohnes stiftet Gemeinschaft bis in den letzten Winkel der Diaspora und begründet die Zugehörigkeit zum Volk Gottes neu.
  4. Gott ist nicht etwa Adressat dieser „Sühne“, sondern der, der sie durch sein Handeln in Jesus endgültig ablöst.

Das würde auch den Kontext des Lösegeldwortes erklären, in dem Jesus die Mächtigen der Welt dafür kritisiert, wie sie Menschen knechten und auspressen. Denn das Instrument dieser Knechtschaft sind Bürokratie und Steuereintreiber, autokratische Gesetzgebung, die Konzentration von Kapital, die Aushebung von Truppen und die Einschüchterung von Kritikern durch die Androhung von Gewalt oder Ausschluss aus der Gemeinschaft. All das besteht wohl noch fort, aber es fehlt ihm fortan jegliche religiöse Legitimation.

Wenn das so gemeint war, dann lässt sich jedenfalls leicht vorstellen, warum Jesus in Jerusalem mit so viel Argwohn empfangen wurde.

Share