Glücklicher ohne Hopium

Über die Hoffnung werden viele wunderbare Geschichten erzählt. Gerade ist eine uralte Geschichte wieder im Kino: Odysseus kehrt nach vielen Jahren Irrfahrt endlich heim zu seiner Penelope. Ein Klassiker der Weltliteratur, immer noch aktuell. Hoffnung macht Mut, und Mut macht Helden.

Heute reden wir von einer Odyssee, wenn unsere Bürokratie jemand von einem Amt zum nächsten schickt oder wenn Patient:innen erst beim x-ten Versuch jemand finden, der ihnen hilft. Bei allem Frust reicht die Hoffnung noch immer aus, um weiter zu suchen. Auch da wird am Ende das hartnäckige Dranbleiben belohnt.

Manchmal.


Die dunkle Seite der Hoffnung

Aber eben weil Hoffnung so gefragt ist in düsteren Zeiten, gibt es auch eine dunkle Seite der Hoffnung. Viele Politiker, die eine Wahl gewinnen wollen, reden die Gegenwart betont schlecht, um sich dann als Hoffnungsträger für die Zukunft ins Spiel zu bringen. Donald Trump verspricht ein goldenes Zeitalter, Helmut Kohl verhieß blühende Landschaften; und in England ist es gerade der neue Premierminister Andy Burnham, der bei seinen gefrusteten Landsleuten in großem Stil Hoffnung verbreiten möchte. 

Ich merke inzwischen: Je dicker aufgetragen der Zweckoptimismus daherkommt, desto mehr fühle ich mich wie ein Kleinkind behandelt. Traut man mir die Wahrheit nicht zu? Vielleicht ist mir deshalb der Buchtitel „Hoffnung ist Gift“ gleich ins Auge gesprungen, weil er zu so vielen Situationen passt, die ich erlebe:

Hoffnung ist Gift, denke ich mir, als die junge Angestellte mir erzählt, wie sie von ihrem Chef mit vagen Versprechen auf Gehaltserhöhungen und Beförderungen hingehalten wird. Es gibt stets einen neuen Grund, warum es diesmal nicht geklappt hat. Noch nicht, aber vielleicht beim nächsten Mal, wenn sie sich weiter reinkniet in die Arbeit. Hofft ihr Chef. Aber ihr geht die Hoffnung allmählich aus.

Hoffnung ist Gift, denke ich, als ich dem trauernden Ehemann zuhöre. Seine krebskranke Frau hatte es sich und der Familie verboten, über das Sterben zu reden. Von einem Arzt oder Heiler zum anderen sind sie zusammen gehetzt, monatelang. Bis es kaum noch möglich war, ein paar schöne Dinge zusammen zu machen und bewusst Abschied zu nehmen. 

Die Hoffnung, meint Friedrich Nietzsche, ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Was wird jetzt aus uns, die auf eure Hoffnung hereingefallen sind? What about us?

Das ist die dunkle Seite der Hoffnung: Die rosa Brille, die billigen Illusionen, das Vertrösten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. „Hopium“ heißt so etwas auf Englisch. Also Hope und Opium verbunden. Hoffnung als Droge und Betäubungsmittel. Sie dämpft den Schmerz und benebelt das Hirn.


Warten auf das Wunder

Die alten Griechen kannten nicht nur die Odyssee. Im Theater erlebten sie den Auftritt des „Deus ex Machina“, den „Gott aus der Maschine“: Mit Hilfe einer Hebevorrichtung erscheint da eine Gottheit auf der Bühne und greift in die menschlichen Dramen ein, die sich dort abspielen. Aus heiterem Himmel. Ein Wunder ändert den Lauf der Dinge. 

Diese Wundergläubigkeit gibt es immer noch. Besonders populär ist der Deus ex Machina in den Märchenerzählungen der Fortschrittsoptimisten und Technokraten. Eines Tages wird eine neue Erfindung wundersam alle Probleme  lösen: Die KI, die Kernfusion, die Gentechnik, der „hocheffiziente Verbrenner“, das Geo-Engineering. Oder wir ziehen einfach um auf einen anderen Planeten. Und deshalb müssen wir heute nichts ändern. Nicht umsteuern, nicht bremsen, einfach nur weiter Vollgas geben. Da ist vom Deus Ex nur die „Machina“ übrig geblieben. Von der Maschine erhofft man sich das Wunder – aber der Wunderglaube bleibt schwindelerregend.

Ich würde an dieser Stelle jetzt gern sagen, dass wir Kirchen- und Christenmenschen mit Hoffnung besser umgehen. Glaube, Liebe, Hoffnung – das sind ja unsere Kernthemen. 

Aber genau da liegt vielleicht das Problem, dass wir uns zu sehr dafür verantwortlich fühlen, Hoffnung zu liefern. Zwei Erlebnisse haben mir das deutlich gemacht:

Vor einer Weile wurde in meinem näheren persönlichen Umfeld jemand viel zu früh aus dem Leben gerissen. Mich hat das ziemlich mitgenommen. Und es hat mir überhaupt nicht geholfen, wie der Kollege, der die Trauerfeier hielt, gleich zu Beginn schon anfing, von der Auferstehung der Toten zu reden. Damit ließ er mir keine Zeit, erst einmal den Schock und die Tragik des Augenblicks ein bisschen sacken zu lassen. Ich dachte beim Zuhören: Das ist ja alles irgendwie richtig, aber das Timing stimmt nicht. Man kann mit der Hoffnung zu schnell um die Ecke kommen. Manchmal ist jemand untröstlich. Und dann darf er oder sie das auch sein. Mir fällt ein Satz von Dietrich Bonhoeffer ein:

Nur wenn man das Leben und die Erde so liebt,
dass mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint,
darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben.

Und dann erinnere ich mich sehr gut daran, wie die Klimaproteste der „Letzten Generation“ sich zugespitzt haben. Als junge Menschen plötzlich anfingen, sich auf Straßen zu kleben. Sie haben gehofft, dass es noch gelingt, die coronamüde Öffentlichkeit aufzurütteln, und haben dafür Anfeindungen, Schmerzgriffe der Polizei und unerbittliche Verfolgung durch die Justiz in Kauf genommen. Heute wissen wir: Hätten sie Kreuzungen und Autobahnen mit Traktoren statt mit Sekundenkleber lahmgelegt – und gefordert, dass alles bleibt, wie es ist –, wäre ihnen nichts passiert. Damals schlugen die Wogen der Empörung hoch. Und leider haben auch eine ganze Reihe von Kirchenleuten die ungestümen Aktionen als Ausdruck von Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit kritisiert. Und dem eine „christliche Hoffnung“ entgegengesetzt, die alles Düstere, Alarmistische oder Apokalyptische vermeidet. Harmlose Hoffnungsbilder aus der Kinderbibel wie Noahs Regenbogen werden stattdessen ausgepackt. Ich glaube, die reichen nicht.

Viele solche gut gemeinten, aber eben vagen und schwammigen Bekundungen sind im Grunde Beschwichtigungen: „Es wird schon nicht ganz so schlimm kommen, wie es derzeit den Anschein hat. Lasst uns um Himmels willen positiv bleiben.“ Aber was ist das anderes als frommes Wunschdenken – Hopium? 

Eher Bequemlichkeit und Konfliktscheu als echtes Gottvertrauen, oder? Sind wir am Ende deswegen so flott mit dem Trostpflaster der Hoffnung zur Stelle, weil wir Angst haben, dass wir der Trauer, der Wut, dem Leid und dem immer größeren Berg an ungelösten Fragen nicht gewachsen sind? 

Vielleicht braucht die Hoffnung eine Pause, Bedenkzeit. Vielleicht brauchen wir ein Hoffnungsmoratorium. Und müssen so lange von der Hoffnung schweigen, bis sie uns nicht mehr so geschmeidig über die Lippen kommt. Vielleicht müssen wir als Kirche den Anspruch an uns selbst aufgeben, immer schon Hoffnungsträger zu sein und nie verzweifelt. Vielleicht darf es immer wieder einmal so aussehen, als wäre alles verloren und zu Ende.


Dunkle Zeiten und blinde Flecken

 Eine Geschichte über den Traum vom Deus Ex Machina erzählt auch die Bibel. Die Menschen in Jerusalem haben schon erlebt, dass Gott ihre Stadt vor dem Untergang bewahrt. Sie fangen an zu glauben, dass Jerusalem unantastbar ist. Immerhin steht dort ja Gottes Tempel. Und der garantiert wie eine Art Talisman, dass Gott seine heilige Stadt nicht fallen lässt. Auch dann nicht, wenn sein auserwähltes Volk sich verantwortungslos verhält und alle Warnungen in den Wind schlägt. 

Eines Tages schickt Gott den Propheten Jeremia an das Tor zum Tempel, um ein paar Dinge klarzustellen. Jeremia hat keine Lust darauf, er hält sich für zu jung. Aber dann geht er doch. Gott sagt zu ihm: 

Stell dich an das Tor des Hauses des Herrn! Dort ruf dieses Wort aus und sprich: Hört das Wort des Herrn, ganz Juda, alle, die ihr durch diese Tore kommt, um dem Herrn zu huldigen. So spricht … der Gott Israels: Bessert euer Verhalten und euer Tun, dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort. Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! 

Ein Tempel schützt nicht vor selbstverschuldeten Katastrophen, sagt Jeremia, und erinnert an das zerstörte Heiligtum in einer anderen Stadt. Wenn ihr euch darauf verlasst, seid ihr verloren. Gott ist kein Deus ex Machina, er kommt nicht auf Knopfdruck. Und ihr seid nicht unantastbar. Aber das können sich die Leute in Jerusalem nicht vorstellen. 

Bis es passiert. Bis Jerusalem verwüstet wird von der Großmacht Babylon und die Überlebenden verschleppt werden. 

Aus der Traum. Stumme Verzweiflung, bittere Klage, zähneknirschende Rachephantasien bleiben übrig. Es wird Jahre dauern, bis sich die Hoffnung wieder regt. Bis dahin schweigen die Harfen, wie im 137. Psalm:

An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land. Dort verlangten unsere Bewacher […]: «Singt uns Lieder vom Zion!» 

Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?

Auf dem Grund meiner Tränen, auf der Rückseite meiner Ängste, mittendrin in meinem Schmerz höre ich mich deinen Namen rufen. Mitten in dieser Nacht, diesem Ozean der Finsternis, ist es dunkel genug, dass ich die Sterne sehen kann. So klingt ein moderner Psalm von Mary Gauthier. Sie singt von einer Erfahrung am absoluten Nullpunkt. Sie beschönigt nichts, und gerade deshalb klingt sie hoffnungsvoll. Dark enough to see the stars – dunkel genug, die Sterne zu sehen.

Die Unfähigkeit, sich die eigene Zerstörung vorzustellen, sei der blinde Fleck einer jeden Kultur, schreibt der Psychoanalytiker Jonathan Lear. Lear ist Jude und hat bei Jeremia, der auf diesen blinden Fleck aufmerksam macht, etwas entdeckt, was uns heute weiterhelfen kann.

Der blinde Fleck – das ist die Stelle in meiner Netzhaut, wo die Sehnerven zum Gehirn abgehen. Eigentlich müsste da eine dunkler Punkt im Bild erscheinen, aber mein Gehirn vertuscht den Bildausfall mit einer eleganten Illusion. Beim Selbstbild funktioniert es ganz ähnlich: Die Flecken und Störungen kann ich unter Umständen so gründlich ausblenden, dass ich vergesse, was ich vertusche. 

Die blinden Flecke einer Kultur sind die unbequemen Wahrheiten und schmutzigen Geheimnisse, die wir kollektiv leugnen und verdrängen. Zum Beispiel, dass wir unseren Wohlstand nicht nur harter Arbeit und Disziplin verdanken, sondern auch der Ausbeutung von Menschen in anderen Weltregionen und der Plünderung der Erde. Oder dass grenzenloses Wachstum auf einem begrenzten Planeten auf Dauer nicht funktionieren kann. In den ratlosen Reaktionen auf verbrannte Wälder und ausgetrocknete Flüsse zeigt sich gerade, dass wir uns ein Ende der Welt problemlos vorstellen können. Aber das Ende des Konsumkapitalismus, der uns das alles eingebrockt hat, ist für die allermeisten unvorstellbar.

Schon 1972 hat der Club of Rome diesen blinden Fleck erkannt. Die Wissenschaftler:innen haben vorhergesagt, dass die Erde, wenn alles einfach so weitergeht, Mitte der 2020er Jahre – also jetzt – überlastet ist. Und wenn das eintritt, könnte die globale Zivilisation bis 2040 zusammenbrechen. Nicht unbedingt mit einem großen Knall, eher wie ein ständig zunehmendes Bröckeln.


Ein Traum, ein Baum und eine Meise
Den eigenen Untergang zu denken, das braucht Mut. Und es ist der erste Schritt zu einer radikalen Hoffnung, sagt Jonathan Lear. Er  entdeckt ihn wieder, als er die erstaunliche Geschichte der Crow erforscht, eines indianischen Volkes in Nordamerika. Da hört er von einem kleinen Jungen. „Plenty Coups“ heißt er.

Im Alter von neun Jahren hat Plenty Coups einen prophetischen Traum. Die Büffelherden verschwinden darin spurlos und das Milchvieh der weißen Siedler bevölkert die Prärie. Dann sieht er sich selbst als alten Mann vor einem Wald sitzen. Die Bäume sind alle umgerissen. Nur ein Baum hat überlebt. Eine menschliche Gestalt erscheint und ermahnt ihn: Nimm dir die Meise zum Vorbild. Die Meise ist klein und klug. Sie hört aufmerksam zu und lernt von den anderen, die ihr überlegen sind.

Er erzählt seinen Traum den Stammesältesten. Es ist ein bisschen wie beim zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die Crow glauben an einen gütigen Schöpfergott, der dem Gott Israels in vielem ähnlich ist. Was sie von Plenty Coups hören, bestätigt ihre düstersten Ahnungen. Aber es zeigt ihnen auch einen Weg durch Katastrophe und Untergang hindurch. Der Stamm erkennt diese Botschaft als echt an. 

Eine gewaltige Leistung der Crow, denke ich mir: Welcher Stadtrat, welcher Kirchenvorstand, welcher Aufsichtsrat hier bei uns würde einem Neunjährigen auch nur eine Minute lang zuhören? Wer hätte den Mut und die Größe, weitreichende Entscheidungen auf so ein Gespräch zu gründen und das auch noch gegen Kritik zu vertreten?

Es kommt wie im Traum vorhergesagt: Die Bisons werden ausgerottet. Die stolzen Jäger und Krieger werden in Reservate gepfercht. Auf ihrem Land machten sich unter dem Schutz der Armee weiße Siedler breit. Immer wieder brechen die Eindringlinge ihre Versprechen. Niemand zieht sie zur Rechenschaft.

Unter der Führung von Plenty Coups – er wird später Häuptling der Crow – bewältigen sie diese Katastrophe vergleichsweise unblutig, geschlossen und gut organisiert. Sie behalten einen wesentlichen Teil ihres Gebietes. Das gewaltsame Ende ihrer Lebensweise, sagt Jonathan Lear, hat die Crow nicht gebrochen, weil sie sich darauf vorbereitet hatten in radikaler Hoffnung. Das Bild von der klugen Meise half ihnen, sich in einer veränderten Welt zu orientieren und neu zu erfinden. Die Nacht war stockdunkel, aber die Sterne standen hell am Himmel. 

Radikale Hoffnung. Bei den Crow, bei Jeremia. Radikale Hoffnung ist ein Geschenk. Ich kann sie nicht schon vorab besitzen, konservieren und im Ernstfall dann aus der Tasche ziehen. Ich finde sie nur da, wo ich meine gewohnte Lebensweise, meine Identität, meine Privilegien nicht krampfhaft festhalte.

Besser ausgedrückt: Die radikale Hoffnung findet uns. Da, wo ein Neunjähriger (oder ein Neunzehnjähriger wie Jeremia, oder vielleicht eine Neunzigjährige) unsere Selbstverständlichkeiten in Frage stellen darf und Gehör findet. Wo wir in einer zunehmend instabilen Welt all die Katastrophen und die Verzweiflung, nicht ausblenden oder gedanklich überspringen, sondern sie gemeinsam durchstehen.

Die jüdischen Propheten sagen den Leuten, die ins Exil nach Babylon ziehen, nicht „Halb so schlimm, in 70 Jahren ist alles vorbei.“ Aber als Jahre später sich kaum noch jemand vorstellen kann, dass es eine Rückkehr gibt, da malen sie diese radikale Hoffnung in leuchtenden Farben für alle aus.

Ich will kein Hopium. Ich möchte wissen, wann es ernst wird. Ich möchte wach sein, wenn die echte Hoffnung aus irgendeiner Ritze gekrochen kommt, weil sie sich zu mir durchgebissen hat. Dann kann und will ich radikal hoffen. 

Aber schon jetzt spüre ich, und viele andere auch, eine Erleichterung darüber, dass die trügerische Hoffnung passé ist. Dass wir miteinander über den möglichen Kollaps reden und nachdenken können. 

Denn das Verdrängen kostet so wahnsinnig viel Kraft. Und beim Versuch, all das Beängstigende auszublenden, verliere ich den Kontakt zur Wirklichkeit. Wenn ich mich dagegen der schmerzhaften Wahrheit stelle, dann spüre ich auch all das Schöne und Gute wieder und kann mich daran freuen. Und für andere da sein, die meine Hilfe brauchen. 

Vor ein paar Tagen haben wir im Gottesdienst über all das gesprochen, was ich hier schreibe. Ich blickte in viele ernste Gesichter. Am Ende kommt eine ältere Frau auf mich zu, lächelt mich an und sagt: „Wir haben immer noch den Glauben und die Liebe.“ 

Wie wahr, denke ich. Die Meise von Plenty Coups hätte es nicht schöner singen können.

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Egozentrik oder Geozentrik?

Ich habe kürzlich noch einmal einen TED-Talk (s.u.) angeschaut, in dem es eigentlich um Sprache geht. Dort erzählt die Referentin von einem Aborigines-Stamm, dessen Sprache keine Worte für rechts und links hat. Alle Orientierung erfolgt in Himmelsrichtungen. Statt „dein rechter Fuß“ würden sie zum Beispiel sagen „dein nordwestlicher Fuß“.

Rechts und links – da mache ich mich zum Mittelpunkt oder Ausgangspunkt aller Orientierung. Eine „egozentrische“ Welt. Die Aborigines in dieser Geschichte haben eine „geozentrische“ Orientierung. Und da fällt mir auf, dass die Himmelsrichtungen ja eigentlich „Erdrichtungen“ sind.

Wenn die Erde die Matrix liefert, in die wir alles eintragen, dann wirkt sich das auf allen Ebenen aus. Wir Europäer können rechts und links sagen – und das ist auch lebenswichtig, wenn ich aufs Fahrrad steige – aber unser menschlicher Körper ist darüber zum Maß aller Dinge geworden. „Der Mensch steht im Mittelpunkt“ gehört zum Credo jeder anständigen Firmenphilosophie – aber irgendwie auch zum Hintergrund unserer ökologischen Katastrophen.

Und dann fällt mir mein Hebräischkurs wieder ein. Da habe ich vor Ewigkeiten gelernt, dass der Name „Benjamin“ entweder „Sohn zur Rechten“ (das wurde später als „Ehrenplatz“ gedeutet) oder aber„Sohn im Süden“ heißen kann. Wenn jemand nach Osten schaut, sich also orientiert, dann sind Süden und rechts dasselbe. Es scheint so, als wäre die Himmels-/Erdrichtung die ursprüngliche Bedeutung und die Körperrichtung kam dann als sekundäre Bedeutung dazu.

Die Orientierung an der Erde. Wenn ich an einem neuen Ort bin, bin ich innerlich immer unruhig, bis ich wieder weiß, wo Norden, Süden, Osten und Westen sind. Bis ich mich an und in der Landschaft orientiert habe. Der Aborigene oder der Hebräer in mir braucht das.

Aber um eine geerdete Grammatik für unsere Gespräche über das richtige und gute Leben auf dem gestressten Planeten müssen wir ringen. Der Spätkapitalismus hat sich längst von der Erde gelöst und alle Orient:ierung aufgegeben. Nun fehlen uns wichtige Begriffe und Kategorien in der öffentlichen Dikussion, und das beeinträchtigt die Verständigung ganz massiv.

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Die Stunde der Misfits

Der Advent beginnt mit einer Kerze. Und je dunkler die Tage werden, desto mehr festliche Lichter kommen dazu. Leuchtende Kinderaugen, Süßigkeiten, Geschenke. So weit, und hoffentlich so gut. Schön, dass bald Weihnachten ist. Aber davon wird die Welt ja nicht automatisch besser. Das Gute in meinem Leben und in der Welt kennt leider weder Kalender noch Jahreszeiten. Es hält sich an überhaupt keinen Fahrplan. Krisen und Katastrophen beherrschen nach wie vor die Schlagzeilen. Fast drei Viertel der Deutschen gehen wenigstens zeitweise den Nachrichten aus dem Weg. So viele waren es noch nie. Und ich kann das gut verstehen. Es ist schwer auszuhalten.

Da hilft nicht einmal Urlaub. Selbst im idyllischen Irland haben stoplere ich dieses Jahr über die eindringlichen Mahnmale der großen Hungersnot. Das erste gleich auf dem Weg vom Hafen in die Innenstadt von Dublin, das andere tags darauf ganz im Westen am Fuß des Croagh Patrick, des Heiligen Berges der Iren. In Irland brach 1845 die Kartoffelfäule aus. Eine Million Iren verhungerten, auch weil die englischen Grundherren keinen Finger krumm machten. Seit sieben, acht Generationen arbeiten sich die Iren an ihrem nationalen Trauma ab. Der Anblick erinnert mich sofort wieder an himmelschreiendes Elend heute, vor allem den Hunger der Menschen in Gaza und im Sudan. Und ich frage mich: Wie lange wird der dunkle Schatten auf den Kindern und Kindeskindern derer liegen, die das jetzt alles durchmachen?

Was kann ich von Gott erwarten? Einen Hinweis darauf habe ich in einer Geschichte aus der Bibel entdeckt, die vor fast dreitausend Jahren spielt. Sie erzählt dramatisch von Hunger, Krieg und Tragödien; aber sie steckt auch voll rebellischem Humor. So, dass ich das Gefühl habe: Nicht ich lese diese Geschichte, sondern diese Geschichte liest mich und meine Gegenwart.

Von Feinden umzingelt

Wir befinden uns in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Auch da gibt es Krieg und Hungersnot (2. Könige 6,24-7,20): Die feindlichen Aramäer haben einen Belagerungsring um die Stadt Samaria gezogen. Es herrscht Hyperinflation bei Lebensmitteln, schließlich gehen sie ganz aus. Die Leute schwanken zwischen Resignation und Panik. Ein Fall von Kannibalismus sorgt für Aufsehen. Und mittendrin der König von Israel, der erschüttert die aussichtslose Lage besichtigt.

Als der König … auf der Mauer entlangging, sah das Volk, dass er ein Bußgewand auf dem bloßen Leib trug. Er rief: Gott soll mir dies und das antun, wenn Elischa … bis heute Abend seinen Kopf behält.

Bevor er verhungert oder kapituliert und vermutlich getötet wird, hat der König noch eine alte Rechnung zu begleichen. Sein treuester Kritiker, der Prophet Elischa, ist auch in der Stadt. Immer wieder hat Elischa den selbstherrlichen Monarchen die Leviten gelesen, ihr Unrecht angeprangert und vor den Folgen gewarnt. Ihn sterben zu sehen, würde die Gefahr zwar nicht abwenden, aber dem König ein bisschen Genugtuung verschaffen. Und die Illusion aufrechterhalten, dass er ein mächtiger und tatkräftiger Mann ist – wenigstens noch ein paar Stunden lang.

Und ich, der fast 3.000 Jahre später davon liest, staune nicht schlecht über die Parallelen: Damals wie heute leiden die großen und kleinen Despoten unter einem Belagerungssyndrom. Alles, was ihnen nicht unterwürfig genug ist, deuten sie als Generalangriff und Majestätsbeleidigung. Kritik im Inneren wird, wenn der Druck von außen zunimmt, nur um so brutaler bekämpft. Und nicht selten versuchen diese Machthaber, ihre Racheakte und Rechtsbrüche religiös zu bemänteln. Sie benutzen Gott, um ihre Willkür zu legitimieren. Aber sie pfeifen auf sein Recht, das die Schwachen schützt.

Für den König von Israel ist Elischa, der ihm ständig widerspricht, ein Verräter. Doch Elischa ist erstens ein Prophet, und er kennt den König zweitens gut genug, um dessen Mordgedanken vorauszuahnen. Die Tür ist fest verbarrikadiert, als der König mit Leibgarde vor seinem Haus aufkreuzt. Er steht draußen – frustriert, dass er seinen Kontrahenten nicht zu fassen kriegt.

Und da entfährt ihm der vermutlich ehrlichste Satz seit Langem:

„Dieses Elend kommt vom Herrn. Was soll ich noch vom Herrn erwarten?“

Was soll ich noch vom Herrn erwarten? Das haben sich damals vermutlich alle in Samaria gefragt. Mit dieser Frage bin auch ich heute am ersten Advent garantiert nicht allein. Was kann ich von Gott erwarten angesichts der harschen, bitteren Realitäten im Advent 2025? Die ungelöste Klimakrise, die wackeligen Demokratien, die wachsende Armut und Ungleichheit, die Rückkehr des Faustrechts in die Weltpolitik – und von den persönlichen Krisen und Tragödien in meiner Umgebung haben wir noch gar nicht geredet. Hat Gott sich aus der Welt zurückgezogen und überlässt uns unserem mal mehr, aber oft auch weniger verdienten Schicksal? Wer kann sich ohne rosa Brille einen Advent – Gottes Ankunft in der Welt, dieser Welt – vorstellen?

Was kann ich von Gott erwarten? Wenn irgendwer auf diese Frage eine Antwort weiß, dann vermutlich der Prophet. Und tatsächlich hat Elischa dem König etwas zu sagen. Es kommt schroff und unverblümt heraus wie immer, wenn er spricht, aber diesmal sind es unverschämt gute Neuigkeiten:

Elischa entgegnete: Hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr: Morgen um diese Zeit kostet am Tor von Samaria ein Eimer Feinmehl nur noch einen Schekel und auch zwei Eimer Gerste kosten nur noch einen Schekel.
Der Adjutant, auf dessen Arm sich der König stützte, antwortete dem Gottesmann: Selbst wenn der Herr Schleusen am Himmel anbrächte, könnte das nicht geschehen. Elischa erwiderte: Du wirst es mit deinen eigenen Augen sehen, aber nicht davon essen.

Elischa ist doppelt belagert, von den Aramäern und seinem König. Trotzdem ist er wohl die einzige Person in der Stadt, die nicht am Belagerungssyndrom leidet. Der nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starrt oder blind um sich schlägt, wenn er nicht weiter weiß. Aber was er da von sich gibt, ist für den König und seine Offiziere einfach zu gut um wahr zu sein. Der Stabschef winkt ab. Das letzte, was er jetzt brauchen kann, ist so ein vollmundiges Versprechen, das die Enttäuschung nur noch verschlimmern könnte, falls es nicht in Erfüllung geht. Besser den Ball flach halten…

Hier bricht das Gespräch zwischen König und Prophet ab. Es gibt nichts mehr zu sagen und zu tun. Alle warten ab, was als nächstes geschieht. Und als es dann geschieht, bekommt es erst einmal niemand mit.

Vor dem Eingang des Stadttors saßen vier aussätzige Männer. Sie sagten zueinander: Warum sitzen wir hier, bis wir sterben? Wollten wir in die Stadt gehen, in der Hungersnot herrscht, dann sterben wir in ihr. Bleiben wir draußen, dann sterben wir auch. Kommt, wir gehen in das Lager der Aramäer hinüber! Wenn sie uns am Leben lassen, bleiben wir am Leben. Wenn sie uns töten, so sterben wir.

Draußen vor dem Tor, im Niemandsland zwischen Freund und Feind, sitzen die vier Aussätzigen. In der Stadt sind sie unerwünscht, weil die Leute drinnen Angst haben, sich anzustecken. Und weil manche finden, sie schaden dem Stadtbild. Hunger und Krieg treffen die Kranken, Schwachen und Fremden immer als erste und am härtesten. Aber bei den Vieren ist erstaunlich viel Lebenswille vorhanden. Und der Mut der Verzweiflung: Mehr als umbringen können sie uns nicht. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Aber einen letzten Versuch haben wir noch. Mit den letzten Sonnenstrahlen im Rücken wagen sie sich vorsichtig ans Heerlager heran. Schlafen die alle schon, oder warum ist es so ruhig? Nein, der Ort sieht verlassen aus. Und der Erzähler weiß auch warum: Die Aramäer hatten in der Dämmerung verdächtige Geräusche gehört und waren in Panik verfallen, weil sie dachten, die Ägypter oder eine andere benachbarte Großmacht käme dem König von Israel zu Hilfe. Hatte es alles schon gegeben. Also – nichts wie weg!

Als nun die Aussätzigen in den Bereich des Lagers kamen, gingen sie in ein Zelt, aßen und tranken, nahmen Silber, Gold und Kleider und entfernten sich, um die Beute zu verstecken. Dann kamen sie zurück, gingen in ein anderes Zelt, machten auch hier ihre Beute und entfernten sich wieder, um sie zu verstecken. Dann aber sagten sie zueinander: Wir handeln nicht recht. Heute ist ein Tag froher Botschaft. Wenn wir schweigen und bis zum Morgengrauen warten, trifft uns Schuld. Kommt also; wir gehen und melden es im Palast des Königs.

Nichts zu verlieren

Über Nacht werden die Aussätzigen zu den Hauptpersonen dieser Geschichte. Menschen, die eine infektiöse Hautkrankheit von einem Tag auf den anderen aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen hat. Sie halten sich in einer Art Quarantäne-WG unter freiem Himmel über Wasser. Abgeschoben an den Rand, ausgeschlossen vom sozialen Leben, ohne Perspektive auf Rückkehr. Die Gesunden machen einen Bogen um sie und tuscheln hinter ihrem Rücken: Die Krankheit sei bestimmt die Strafe für irgendeine böse Tat, man wisse nur nicht, was genau. In heutigen Kategorien hieße das: Chronisch krank, erwerbsunfähig, geduldet ohne Aufenthaltserlaubnis. Die Gescheiterten, von denen niemand mehr etwas erwartet.

Die Szene erinnern mich an die Antihelden der Streaming-Serie „Slow Horses“. In dem schwarzhumorigen Spionagethriller nach der Buchvorlage von Mick Herron retten ein paar ausgemusterte Agenten des britischen MI5 ihr Land und die Welt vor Verbrechern und Terroristen. Und zwar gerade weil niemand mit den verkrachten Existenzen mehr rechnet. Mick Jagger hat mit Strange Game den Titelsong dazu geschrieben: „Losers“ und „Misfits“ nennt er die Slow Horses: Sonderlinge, die nirgendwo hineinpassen. Aber in diesem merkwürdigen Spiel haben sie die blutige Nase vorn.

Die Misfits von Samaria stehen auch mit einem Schlag im göttlichen Rampenlicht. Sie haben eine Entdeckung gemacht, die über Leben und Tod all der Gesunden und Gesettelten entscheidet.

Verlierer und Abgeschriebene erinnern mich auch an Sätze aus dem Neuen Testament über Glaube und Nachfolge. An die Worte von Jesus, der sagt:

Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. (Mt 16,25)

Paulus umschreibt das ein paar Jahre später in einem Brief und sagt sinngemäß: „Als Jesus damals gekreuzigt wurde, da bin ich, ohne dass ich es wusste, mitgestorben. Eigentlich bin das gar nicht mehr ich, der hier spricht und handelt. Sondern er – Christus.“ Und eben darin findet er die Freiheit, alle möglichen Gefahren und Strapazen auf sich zu nehmen, um von diesem Leben aus Gott zu erzählen. Das da erst richtig anfängt, wo man denkt, alles geht zu Ende. Manchmal spüre ich das auch: Wie ich am Ende meiner Kräfte, meiner Geduld oder meiner Weisheit nicht zusammenklappe und ins Bodenlose falle. Mit einem Mal ist da eine Kraft und ein Wille, der nicht aus mir selbst kommt. Egal, was ich gerade verliere, Gott hat mich nicht verlassen. Ein Freund erinnerte mich passend dazu diese Woche an den Satz von Kris Kristofferson: „Freedom’s just another word for nothing left to lose.“


Belagert im Kopf

Von ihrer aberwitzigen Entdeckung, dass niemand mehr da ist im feindlichen Lager und dass es dort genug zu essen und zu trinken gibt, wollen auch die Aussätzigen erzählen: Nach halb durchzechter Nacht und mit vollen Taschen und Bäuchen legen sie sich also nicht schlafen. Sie gehen zurück zur Stadt. Aber der König will ihre Wahrheit nicht hören. Er verbreitet eine andere.

Da schlugen die Wächter Lärm und man meldete es drinnen im Palast des Königs. Noch in der Nacht stand der König auf und sagte zu seinen Leuten: Ich will euch erklären, was die Aramäer gegen uns planen. Sie wissen, dass wir Hunger leiden, und haben das Lager nur verlassen, um sich auf dem freien Feld zu verstecken mit dem Hintergedanken: Wenn sie die Stadt verlassen, nehmen wir sie lebendig gefangen und dringen in die Stadt ein.

Auch das ist Advent: Da erscheint Gott auf der Bildfläche in Gestalt der vier Aussätzigen und bringt die ersehnte Hilfe, aber er bekommt kein fröhliches „Macht hoch die Tür“ zu hören. Stattdessen Rolladen runter, Misstrauen und Verschwörungserzählungen. Die Belagerung im Kopf ist noch in vollem Gange. Ich kenne das aus den Erzählungen der Kriegskinder vor 80 Jahren. Als die Amerikaner kamen, um den Frieden und das Recht wiederherzustellen, verschenkten sie auch Orangen und Schokolade. Nicht selten unkten die propagandahörigen Alten: „Geht bloß nicht hin. Die vergiften euch!“ Die Schwarzmaler, die jedes Geschenk für eine Falle halten, sitzen allzu oft selbst in der Falle – in der Falle ihrer Ängste und Albträume. Die Belagerung im Kopf ist immer noch da, als die äußere Belagerung schon längst vorbei ist.

In Samaria finden sie schließlich eine pragmatische Lösung: Ein paar schnelle Pferdegespanne werden zur Erkundung vorgeschickt. Als die Bestätigung eintrifft, dass die Feinde tatsächlich abgezogen sind, gibt es kein Halten mehr am Stadttor. Und weil der skeptische Stabschef des Königs nicht schnell genug Platz macht, rennt ihn die hungrige und aufgeregte Menge kurzerhand über den Haufen.

Im Advent 1986, vor fast 40 Jahren, habe ich in Amsterdam einen Gottesdienst besucht. Der ist mir seither nicht aus dem Sinn gegangen. Ein Pfingstprediger aus Amerika spricht über die Aussätzigen von Samaria. Davon, dass die Kirche sein könnte wie diese „Misfits“, diese Außenseiter, die einfach mal was riskieren. Aber damit nicht genug: Plötzlich redet er davon, dass der eiserne Vorhang in Kürze fallen wird und die Türen der Länder des damaligen Ostblocks offen stehen. Gott habe ihm das gezeigt.

Das ist der Punkt, wo ich innerlich aussteige. Ich bin als Kind ganz nah an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen. Bei jedem zweiten Sonntagsausflug war irgendwo das bedrohlich schwarze Band des Todesstreifens zu sehen. Der bange Blick auf Wachtürme, Minenfelder, Stacheldraht, Selbstschussanlagen. „Der weiß nicht, wie das ist“, denke ich. „Der hat das nur mal auf der Durchreise gesehen. Das geht nicht von heute auf morgen einfach weg.“

Drei Jahre später, im November 89, sitze ich sprachlos vor dem Fernseher. Jubelnde Menschen fluten den Checkpoint Charlie. Wie damals das Stadttor von Samaria, nur dass hier niemand im Weg steht. Es wird nicht geschossen, niemand wird daran gehindert, die Brücken und Mauern zu überqueren.

Der Prophet war wirklich einer! Er hatte Recht und ich, ich hab’s nicht kommen sehen. Mein Kopf und mein Herz waren belagert.

Ich finde, Samaria ist kein schlechtes Bild für unsere Gegenwart: Wir werden umzingelt von allerlei Feinden, die wir selbst stark gemacht haben.

Drinnen bei uns, den Belagerten, werden die Vorräte knapper und die Verteilungskämpfe härter. Vermeintlich starke Männer poltern wütend herum. Sündenböcke werden durchs Dorf getrieben. Und wenn jemand laut über Lösungen nachdenkt, ertönt der dumpfe Chor derer, die immer eine Falle wittern und sagen, die Schokolade ist bestimmt vergiftet.

Prophetische Vorstellungskraft

Was kann ich noch vom Herrn erwarten? Sehhilfen zum Beispiel: Prophetinnen und Propheten sind selten populär, aber es gibt immer wieder welche. Manchmal sind sie von Traumtänzern nur schwer zu unterscheiden. Jane Goodall zum Beispiel, die am 1. Oktober gestorben ist, sah etwas, was außer ihr niemand sah. Mit ihrem leidenschaftlichen und unermüdlichen Einsatz hat sie nicht nur zum Schutz von Gorillas und Schimpansen beigetragen, sondern vielen Menschen einen neuen Blick auf unsere Mitgeschöpfe ermöglicht – voller Wärme, Staunen und Respekt.

Im Zweifelsfall hilft zur Unterscheidung ein Blick auf einen anderen adventlichen Text, den prophetischen Lobgesang der Maria:

Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort. (Lukas 1,52-53)

Wer den Mächtigen nach dem Mund redet und die Niedrigen verachtet, ist garantiert kein Prophet. Echte Propheten erinnern uns daran, dass Gottes Uhr gegen die Despoten und Diktatoren läuft. Vor gerade mal einem Jahr brach die Gewaltherrschaft von Baschar al-Assad in Syrien zusammen. Kaum jemand hatte damit gerechnet. Es ist auch noch lange nicht alles gut. Aber der Schlächter ist weg. Warum vergesse ich das immer wieder so schnell?

Wie komme ich Gott auf die Spur? Am ehesten, wenn ich bei denen nachsehe, die zwischen allen Stühlen sitzen. Bei den Aussätzigen von Samaria, bei den Hirten von Bethlehem, bei der jungen Familie im Stall. Es gibt keine Garantie und es kann eine Weile dauern.

Aber was habe ich schon zu verlieren? Ich könnte ja einfach mal hingehen und nachsehen.

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