Yes we can … think different

Wer bisher noch daran gezweifelt hat, dass unter Obama ein neues Zeitalter anbricht und ein echter Systemwechsel kommt, kann sich bei Spiegel Netzwelt davon überzeugen. Die PCs im weißen Haus mit Software, die seit 6 Jahren nicht mehr aktualisiert wurde, werden früher oder später durch Macs ersetzt, es heißt:

Die Macs werden kommen, genau wie Open-Source-Software. Nur nicht über Nacht.

Für alle Mac-User heißt das: Wir sind Präsident 🙂

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Obama und das „messianische Experiment“

Ich bin noch tief bewegt von der Antrittsrede des 44. US-Präsidenten. Das hohle nationale Pathos der Bush-Ära ist endlich passé. Obama appelliert ernst und entschlossen an das Beste, das Amerika der Welt und sich selbst zu geben hat. Ein Grund mehr, uns diese Worte von Jürgen Moltmann ins Gedächtnis zu rufen. Vielleicht sind sie aktueller als je zuvor:

Die amerikanischen Bürgerrechte sind von den Menschenrechten abgeleitet und weisen darauf hin, dass »alle Menschen frei und gleich geschaffen sind«. Die USA sind in dieser Hinsicht ein – der erste – Menschheitsstaat. Ihr Anspruch und ihr Versprechen ist der auf Menschenrechten für alle und jeden gegründete Menschheitsstaat, der die Nationalstaaten überwindet und den Weltfrieden garantiert. Darum bleiben die USA in der Geschichte unfertig und unvollkommen, bis dieses politische Experiment der Menschheit mit sich selbst gelingt oder misslingt. Die amerikanische Demokratie ist unvollständig, so lange nicht die ganze Welt für die Demokratie gewonnen worden ist. Das macht dieses politische Experiment zu einem messianischen Experiment. Gelingt es, kommt ein Zeitalter des Friedens für alle Menschen; misslingt es, dann geht nicht nur die menschliche Welt, sondern auch die natürliche Welt in Gewalt, Unrecht und Kriegen unter.

… Die experimentelle Lebenshaltung entspricht der Zukunftsoffenheit der eigenen Geschichte, an die man glaubt. Leben als Experiment heißt, seine Zukunftschancen immer neu ergreifen. das Experiment des Lebens muss angesichts veränderter Situationen dann tatsächlich immer neu »erfunden« werden.

Jürgen Moltmann: Das Kommen Gottes: Christliche Eschatologie S. 200f.

 

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Wahrheit oder Strafe?

Ich lese gerade in Desmond Tutus No Future Without Forgiveness. Im Blick auf den Konflikt in Palästina ist das ja höchst aktuell. Tutu schildert dort, dass ein Tribunal wie die Nürnberger Prozesse unmöglich gewesen wäre. Es hätte quälend lange gedauert, hätte Millionen gekostet, den friedlichen Wandel gefährdet und in vielen Fällen wäre zudem die Beweislage nicht ausreichend gewesen. Die Strafandrohung führte zu immer hartnäckigerem Leugnen.

Was deutlich besser funktionierte, waren die Kommissionen, vor denen die Täter ihre Verbrechen eingestehen konnten, weil ihnen zuvor für ein vollständiges Geständnis Amnestie zugesichert worden war. Im Prinzip verfährt Gott mit uns ja auch nicht anders: Erst die Zusage der Rechtfertigung (und das heißt ja: der Freispruch) versetzt uns in die Lage, der eigenen Schuld ins Gesicht zu schauen und die Dinge beim Namen zu nennen.

So kam wenigstens die Wahrheit ans Licht. Im Zweifelsfall ist das wichtiger als die Strafgerechtigkeit. Oder um es mit Römer 2,4 zu sagen, Güte führt zur Umkehr, nicht Härte.

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Keine Zukunft ohne Versöhnung

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Mut im Angesicht des Terrors

In Sri Lanka wurde letzte Woche der Gründer der Zeitung „The Sunday Leader“ ermordet. Lasantha Wickrematunge hatte das vorhergesehen und sich dennoch dagegen entschieden, den Beruf zu wechseln oder ins Ausland zu gehen. Die FAZ veröffentlicht seinen Abschiedsbrief auszugsweise. Das Original steht hier.

Wickrematunge zitiert Martin Niemöllers berühmtes Diktum („Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist…“) und erklärt, warum er bereit ist, diesen hohen Preis zu bezahlen. Es ist ein Glaubensbekenntnis:

Die Leute fragen mich oft, warum ich ein solches Risiko eingehe, und sagen mir, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich umgelegt werde. Ich weiß – es ist unausweichlich.

Viele von uns müssen noch ermordet werden, bevor der „Leader“ seinen Geist aufgibt. Ich hoffe, dass meine Ermordung nicht als Niederlage der Freiheit gesehen wird, sondern als Ansporn für diejenigen, die überleben, um weiterzukämpfen. Ich hoffe auch, dass es unserem Präsidenten die Augen dafür öffnet, dass, ganz gleich, wie viele Menschen im Namen des Patriotismus abgeschlachtet werden, der Geist der Menschlichkeit wachsen wird.

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Viva la Vida – ein Abgesang auf die Moderne?

Sylvia Lee fragt in dran, was Chris Martin von Coldplay wohl mit seinem Hit Viva la Vida sagen wollte. Ich habe mich das auch immer wieder gefragt, wenn der Song im Radio oder auf iTunes hier lief. Man kann ihn nämlich auch als einen Abgesang auf die Moderne lesen – die Ära, in der das christliche Abendland den Globus mit seinem kulturellen Sendungsbewusstsein kolonisierte:

I hear Jerusalem bells are ringing

Roman Cavalry choirs are singing

Be my mirror my sword and shield

My missionaries in a foreign field

Rom und Jerusalem sind die beiden Orte, an denen dieses christliche Imperium seinen Ursprung hat. Christlicher Glaube verband sich mit römischer Macht, Glocken mit Kavallerie. Und der Begriff „Mission“ und „Missionar“ entstand im Zusammenhang mit der Christianisierung Südamerikas, dem „fremden Feld“. Vielleicht sind aber nicht nur die kirchlichen Missionare gemeint, sondern auch die Advokaten des grenzenlosen Fortschritts durch Vernunft, Vermessung Berechnung und Objektivierung der Welt und ihrer Lebewesen.

I used to rule the world

Seas would rise when I gave the word

Dieses Experiment ist nun gescheitert – an seinem eigenen Größenwahn. In Wirklichkeit hat der Mensch die Natur nie beherrscht und schon der Versuch, es Gott gleichzutun, war pure Vermessenheit. Doch selbst im Rückblick mag man sich das nicht eingestehen, dass alles nur eine Illusion war („never an honest word, that was when I ruled the world“). Fulbert Steffensky schreibt dazu:

Vielleicht hat die Entzauberung der Welt dazu geführt, dass wir in grenzenlos imperialer Geste uns alles unterwerfen. wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Dinge nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer.

Aber die globalen Krisen wachsen der Menschheit über den Kopf. Einschüchterung durch militärische Macht („I used to … see the fear in my enemies eyes“) und überlegene Technik ist wertlos geworden. Nicht näher beschriebene Revolutionäre warten nun, dass sie den Kopf des Despoten auf einem silbernen Teller geliefert bekommen. Das Leben geht weiter (daher „Viva la Vida“), nur hat das Glück die Seiten gewechselt. Und dann wird mit einem biblischen Bild beschrieben, woher der Sturz rührt:

One minute I held the key, next the walls were closed on me

And I discovered that my castles stand upon pillars of salt, and pillars of sand

Das Haus – Schloss – war auf Sand gebaut und der Sturm („the wicked and wild wind“) fegte es weg. Eine Form des Gerichts, die für das ewige Gericht – das abschließende Urteil über dieses Kapitel der Weltgeschichte – nichts Gutes ahnen lässt. Daher ist auch nicht klar, ob Petrus einen Grund hat, den gestürzten König beim Namen zu rufen.

Viva la Vida kann man so gesehen nicht nur als Kommentar zur Finanzkrise lesen und dem Absturz der allmächtigen Finanzjongleure, für die es keine Grenzen mehr gab, sondern auch als Neuauflage von Jesaja 14,12ff. Dort heißt es über einen anderen selbstherrlichen Herrscher und seine Hybris:

Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie wurdest du zu Boden geschlagen, der du alle Völker niederschlugst! Du aber gedachtest in deinem Herzen: »Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen, ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung im fernsten Norden. Ich will auffahren über die hohen Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten.« Ja, hinunter zu den Toten fuhrst du, zur tiefsten Grube! Wer dich sieht, wird auf dich schauen, wird dich ansehen und sagen: »Ist das der Mann, der die Welt zittern und die Königreiche beben machte, der den Erdkreis zur Wüste machte und seine Städte zerstörte und seine Gefangenen nicht nach Hause entließ?«

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Frischer Wind

So eine Nachricht bekommt man nicht alle Tage ins e-Mail Postfach: Mein Freund Steve Clifford wird Generaldirektor der Evangelischen Allianz in Großbritannien. In den letzten Jahren arbeitete er mit bzw. für Pioneer, Soul Survivor und Hope 08 und ich denke, er ist für diese Aufgabe eine gute Besetzung: Er ist ein guter Moderator und Netzwerker, hat theologisch und menschlich ein weites Herz, kennt sich mit den Medien aus und kann im kleinen wie im großen Rahmen sehr gewinnend auftreten. Wo er hinkommt, bringt er frischen Wind hinein.

Natürlich hoffe ich auch, dass der neue Job ihm noch Luft lässt, den einen oder anderen Besuch hier einzuschieben. Für uns als Gemeinde, vor allem für unser Leitungsteam, war er ein wertvoller Berater und – wie gesagt – ein guter Freund und Mentor über inzwischen 15 Jahre.

Alles Gute und Gottes reichen Segen, Steve, für all das, was nun vor Dir liegt!

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Der Preis des Krieges

Zwei lesenswerte Hintergrund-Artikel aus den vielen Meldungen zum Krieg im Gaza-Streifen haben mich in den letzten Tagen sehr bewegt:

  • Der norwegische Arzt Mads Gilbert berichtet über Zivilopfer und die erschütternde Lage in den Krankenhäusern. Hier ein kleiner Ausschnitt:
  • Einem Kind habe ich heute eine Hand amputiert, das Kind verlor elf Familienmitglieder. Wir haben ein neunmonatiges Baby, dessen ganze Familie von Israelis getötet wurde. Die Zahl der zivilen Opfer steigt rapide an. Am Montagabend waren es 540 Tote und 2550 Verletzte. 30 Prozent der Toten und 45 Prozent der Verletzten sind Frauen und Kinder. Unter den Toten sind 117 und unter den Verletzten bisher 744 Kinder.

  • Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery macht seiner Regierung schwere Vorwürfe: Sie handele aus wahltaktischen Gründen, sei nie an ernsthaften Schritten zum Frieden interessiert gewesen und werde die Hamas (beziehungsweise die Spirale der Gewalt) nur stärken.

Deutschland „steht fest an der Seite Israels“, ist immer wieder zu lesen und zu hören. Ob wir damit den Israelis wirklich einen Gefallen tun?

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Scharfmacher auf allen Seiten

In den letzten Tagen habe ich von befreundeten Christen in der Türkei gehört, dass in ihrer Stadt ein islamistischer Kongress gegen christliche Gemeinden und Missionare stattfindet. Auf dem Plakat (das inzwischen verboten, aber nicht vollständig abgehängt wurde) war eine Schlange mit Kreuz um den Hals abgebildet. Steinwürfe auf das Gemeindehaus und Drohungen gab es ohnehin schon. Und an die Morde von Malatya erinnert sich jeder noch gut – denen ging offenbar ähnliche Propaganda voraus.

Die Entrüstung über solche Vorgänge blieb mir allerdings fast im Halse stecken, als ich gestern in der Tageszeitung von einem „christlichen“ Hilfswerk las, dessen Leiter in einem Spendenbrief kritisierte, dass Türken die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen, und unterstellte, dass in allen (!) Moscheen gegen Deutsch gehetzt und für den Terror trainiert werde.

In beiden Fällen – hier wie in der Türkei – sind nun die Behörden aktiv geworden. Das ist gut zu wissen. Beunruhigend bleibt die Tatsache, dass es überall Scharfmacher gibt, und dass wohl auch im konservativen Christentum die Abgrenzungen am rechten Rand viel zu spät und viel zu lasch erfolgen. Wir können es uns gerade im Blick auch Christen in islamischen Ländern nicht leisten, dass der Unterschied zwischen den Parolen von Rechtsradikalen und einem „christlichen Missionswerk“ nicht mehr erkennbar ist. Wir können es uns – zumal als Nachfolger des Friedefürsten – auch nicht leisten, die Taten der Extremisten auf der einen Seite als Rechtfertigung für pauschale Verdächtigungen und Panikmache auf den anderen heranzuziehen.

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Wahrheitsfindung im Internet-Zeitalter

Kürzlich erfuhr ich zum ersten Mal, dass die Existenz des HIV-Virus umstritten sei. Alles nur eine Lüge der Pharmakonzerne, um ihre teuren und schädlichen Produkte unters ahnungslose Volk zu bringen? Als medizinischer bzw. molekularbiologischer Laie habe ich nur die Wahl, wem ich glauben will, nicht ob ich etwas davon glaube.

Das wiederum ist nichts Besonderes: Die Erderwärmung wird – ebenfalls von einer Minderheit – bestritten, die jedoch behauptet, von der Medienmacht der Mehrheit (zumindest außerhalb des Einflussbereichs von George W. Bush) mundtot gemacht zu werden, ebenso wie die AIDS-Dissidenten oder die Holocaust-Leugner. Die Auflistung allein zeigt schon, dass ich dazu neige, diese Position als eine weitere absurde Verschwörungstheorie einzustufen. Während ich mir beim Holocaust relativ sicher bin (und der Mondlandung, denn die habe ich ja selbst im Fernsehen gesehen als kleiner Junge…), kann ich mich bei AIDS irren. Oder beim Klima. Derzeit halte ich es für unwahrscheinlich, weil ich nicht so ganz sehen kann, wie eine solche umfassende Manipulation hätte geschehen können.

Zu Weihnachten wird wieder eine Illustrierte mit einem Jesus-Artikel aufwarten, der unter Berufung auf eine seit 50 Jahren überholte Theorie behauptet, nun sei der Beweis erbracht, dass damals alles ganz anders war, als wir immer glaubten. Das Ganze beleuchtet die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung im pluralistischen Internet-Zeitalter: In jeder wissenschaftlichen Disziplin gibt es zu jedem beliebigen Thema mehr als eine Meinung. Das ist erst einmal eine gute Sache, denn die Alternative wäre totalitärer Meinungsterror. Aber es stellt mich vor die Frage, an welchen Kriterien ich „Wahrheit“ nun erkenne, wenn ich die jeweils behaupteten „Fakten“ nicht kenne (bzw. es gar keine reinen, objektiven, absoluten und eindeutigen Fakten gibt). Es gibt schlicht keine Autorität, die in diesem Meinungsstreit entscheidet.

Oder vielleicht doch? Wird die Meinungsbörse Internet heimlich von Google und seinen Konkurrenten (aber wer sagt, dass es nicht Komplizen sind?) so manipuliert, dass in der vermeintlichen Vielfalt die tatsächliche Wahrheit als einzige doch unterschlagen wurde? Dann wäre die Suche reine Zeitverschwendung. Umgekehrt kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass im Zweifel die Mehrheit Recht hat. Man darf nur nicht daran zweifeln, dass die Meinung der Mehrheit irgendwo tatsächlich erkennbar abgebildet ist. Wer glaubt schließlich noch Statistiken, die er nicht selber gefälscht hat?

Trotzdem: Jeder glaubt irgendwas – auch der, der meint, niemandem glauben zu können. AIDS und der Holocaust sind ja kein rein logisches Problem. Ich muss mir also neben den Argumenten auch die Vertreter der jeweiligen Positionen ansehen und mich fragen, wen ich warum für glaubwürdig halte. Da spielt dann neben der Ratio auch die Intuition eine Rolle, ebenso wie der Austausch mit anderen Menschen. Trotzdem – kein Wunder, dass viele Menschen resignieren und nur noch die subjektive Wahrheit des eigenen Erlebens für wichtig halten. Verheerend dagegen, wenn die Skepsis dazu führt, dass wir nicht entschlossen auf die tatsächlich vorhandenen Probleme reagieren.

Zu allem Unglück gibt es christliche Subkulturen, die eine gewisse Außenseiter- und Verfolgungsmentalität pflegen und daher eine psychologische Affinität zu Dissidenten aller Art entwickelt haben. Früher war es der Solidarisierungsreflex mit Antikommunisten aller Art, der sie in die Arme der rechten Diktatoren von Hitler bis Pinochet trieb. Aber die Protagonisten der Weltverschwörung sind austauschbar. Von Al Gore über den Ökumenischen Rat bis zur Europäischen Kommission (z.B. beim Thema Gender Mainstream) ist alles möglich.

Radikale Skepsis und Leichtgläubigkeit sind dabei keine Gegensätze mehr, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Denn um so skeptisch sein zu können, muss man ja der felsenfesten Überzeugung sein, dass man getäuscht oder belogen wird. Dazwischen liegt ein vorsichtiges Tasten und Abwägen und die anstrengende Bereitschaft, den eigenen Standpunkt immer wieder einmal auf die unvermeidlichen Fehler zu überprüfen. Anders geht es wohl nicht…

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Sinn-Fragen

Terry Eagletons The Meaning of Life: A Very Short Introduction liegt vor mir (das Original war mir lieber, aber es gibt auch eine deutsche Übersetzung. Gleich zu Anfang greift er die Frage auf, warum überhaupt etwas existiert. Interessant, wie er dabei die Antwort der Theologie darstellt (meine Übersetzung):

Gott ist kein himmlischer Konstrukteur, der ein strategisch kalkuliertes Ziel im Kopf hatte, als er die Welt schuf. Er ist ein Künstler, der sie nur dazu schuf, um sich daran zu freuen, und damit sich die Schöpfung selbst auch freut.

Eagleton beleuchtet die unterschiedlichen Aspekte der Sinnfrage und auch, wozu sie sich nicht eignet. Zum Beispiel eignet sie sich nicht dazu, Atheisten zu unterstellen, dass sie aufgrund ihres Glaubens, es gebe keinen Gott, zwangsläufig Nihilisten werden müssten, so wie das etwa Manfred Lütz in „Gott“ ansatzweise versucht. Eagleton schreibt:

Religiöser Fundamentalismus ist die neurotische Angst, dass es ohne einen Sinn der Sinne gar keinen Sinn gibt. Es ist lediglich die Kehrseite des Nihilismus. Dieser Anschauung liegt der Gedanke vom Leben als Kartenhaus zugrunde: schnalzt man unterste Karte weg, dann klappt die ganze wacklige Struktur zusammen. Jemand, der so denkt, ist ein Gefangener seiner Metapher. Tatsächlich lehnen auch viele Gläubige diese Ansicht ab. Kein religiöser Mensch mit Gespür und Verstand stellt sich vor, dass Nichtglaubende sich zwangsläufig in völliger Absurdität festfahren. Ebenso wenig glauben sie zwangsläufig, dass der Sinn des Lebens sich schlagartig erhellt, weil es einen Gott gibt. Im Gegenteil, manche Glaubenden finden, dass Gottes Gegenwart die Welt auf geheimnisvolle Weise noch unergründlicher macht. Wenn er ein Ziel hat, ist das beachtlich schwer zu durchschauen.

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Das menschliche Element

Spannend: Die New York Times berichtet von einem Gelehrtenstreit unter Muslimen über den göttlichen Ursprung des Korans: Der Korankenner und iranische Dissident Abdulkarim Soroush stellt die im Islam gängige These einer ganz strikten Verbalinspiration in Frage. Mohammed ist für ihn nicht nur passiver Empfänger („kein Papagei“), sondern aktiver Mitgestalter des Textes. Diese menschliche Dimension sei beim Lesen spürbar. Das bedeutet für Soroush auch, dass manche Vorstellungen und Vorschriften zeitgebunden sind und man heute einem Dieb nicht mehr die Hand abhacken muss.

Interessant ist auch die Reaktion der Ayatollahs im Iran: Die Auseinandersetzung mit „Philosophie und Pseudophilosophie“, die „das Denken des Volkes verderben“, sollte nicht mit Todesdrohungen geschehen, sondern Soroush solle durch die „religiösen Wahrheiten“ widerlegt werden. Irgendwie kommt mir diese Begrifflichkeit bekannt vor…

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Spruch der Woche

Aber im Allgemeinen könne man sagen, dass die Schönheit der Welt in der christlichen Tradition fast keinen Platz habe. Das ist befremdend. Die Ursache schwer verständlich Es ist eine furchtbare Lücke.

Simone Weil (Danke an Reiner für den Tipp)

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Minze und Dill

Nicht unbedingt meine Lieblingszutaten im Essen, aber es geht auch nicht um Kochrezepte, sondern um einen Ausspruch Jesu, mit dem er gegen eine Art Glauben protestiert, der bei Kleinigkeiten im Nahbereich pingelig ist und dabei fundamentale Schieflagen und Absurditäten im weiteren Zusammenhang unseres Lebens toleriert. Alibi-Aktionen, mittels derer wir uns um das Eigentliche drücken:

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. (Matthäus 23,23)

Ich habe mich gefragt, wie das heute klingen würde. Ein paar Dinge sind mir dazu eingefallen:

  • Ihr spendet an eure christlichen Einrichtungen – und wählt Politiker, die armen Ländern die Entwicklungshilfe kürzen
  • Ihr protestiert gegen Abtreibungskliniken – und feiert Soldaten als „Helden“, die den Ölnachschub gewaltsam sichern und massive „Kollateralschäden“ in Kauf nehmen
  • Ihr werft kein Stück altes Brot weg – und fahrt jeden noch so kurzen Weg mit eurem spritfressenden Autos, die nicht nur die Atmosphäre aufheizen, sondern auch die Nachfrage nach Biosprit steigern und riesige Flächen von Regenwald vernichten

Die Reihe lässt sich in den Kommentaren fortsetzen, hoffentlich ohne dabei aus „Minze und Dill“ plötzlich das Spiel „Splitter und Balken“ werden zu lassen. Es geht ja nicht darum, selbstgerecht eine gute Sache gegen eine andere auszuspielen – das eine tun, ohne das andere zu lassen, sagt Jesus. Wie wäre zum Beispiel dieser Satzanfang: Ihr trinkt fair gehandelten Kaffee – und …

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