Schlaumeiereien dies- und jenseits des Rheins

Nachdem ich diese Woche ein paar Tage in der Schweiz verbringe, habe ich mich gefragt, wie ich vermeiden kann, dort als hässlicher Deutscher aufzufallen – neuerdings scheint das ja wieder mal ein Problem zu sein. Bemerkenswert fand ich den Kommentar des Schweizer Schriftstellers Axel Campus in der SZ zum Thema deutsche Kavallerie und Alpenindianer:

Und eines muss jeder aufrichtige Schweizer zugeben: dass Steinbrück in der Sache recht hat. Selbstverständlich weiß jeder Schweizer, dass das Bankgeheimnis in seiner bisherigen Form den Steuerbetrügern dient – nicht nur, aber auch. Jeder weiß, dass es nicht recht ist, wenn reiche Leute ihre Steuern nicht bezahlen, und unausgesprochen ist allen klar, dass die schweizerische Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug eine Schlaumeierei war – eine Schlaumeierei, die man aufrechterhielt, solange es eben ging, um auf Kosten der Nachbarn so lange als möglich so viel wie möglich zu profitieren.

Da war ich dann schon etwas beruhigt. Aus Liechtenstein, so war heute auch zu lesen, wurde ein Priester nach (wegen?) kapitalismuskritischen Predigten nach Südamerika versetzt.

Ganz nebenbei habe ich beim Herumklicken dort auch einige Aussprüche von (und über) Deutschlands vermutlich dümmsten Kaiser gelesen – damit man als Deutscher schön demütig bleibt. Da finden sich nämlich Weisheiten wie diese:

Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.

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Offene Wunden

Gestern abend bekam ich eine e-Mail von einem Freund aus Winnenden, der die Betroffenheit in der Nachbarschaft und unter den Freunden seiner Kinder (bzw. deren Familien) beschrieb. Ich war erleichtert, dass seine Familie verschont geblieben ist, aber der Amoklauf hat die ganze Stadt natürlich traumatisiert, schreibt er.

Noch ein Gedanke ließ mich den ganzen Tag nicht los, nämlich der an die Eltern des jugendlichen Täters. Über ihre möglichen Fehler will ich bewusst nicht spekulieren. Aber während alle anderen Eltern, die um ihre Kinder trauern, sich der grenzenlosen Solidarität aller sicher sein können, hat dieses Paar Hausdurchsuchungen, Vernehmungen und Verdächtigungen (von denen manche zutreffen mögen und andere nicht) ertragen müssen. So mancher, der schon mal ein Problem mit ihnen hatte, wird sich bestätigt fühlen. Reporter werden aus den Nachbarn pikante Details herauskitzeln, aus denen sie uns ihren eigenen auflagenträchtigen Aufguss der Geschichte servieren. Wer aber hört ihnen einfach einmal zu, ohne zu urteilen? Wer gesteht ihnen das Recht und den Raum zu, selbst zu trauern, wer nimmt die Tragik der Situation, die auch sie überrollt hat, ernst? Und wenn es jemand wagt, ihnen beizustehen, was wird er sich so alles anhören dürfen?

Selbst wenn die Untersuchungen später einmal mit einer Entlastung enden sollten, die Familie wird immer mit der Bluttat identifiziert werden. Eigentlich kann man in einer solchen Situation nur noch wegziehen und seinen Namen ändern. Und dann lebt man in der Fremde mit einem dunklen Geheimnis, denn die Bilder gingen ja um die ganze Welt. Es sei denn, das Unmögliche gelingt in Winnenden, freilich nicht über Nacht: dass die Eltern der Opfer ihnen die Hand zur Versöhnung reichen. So etwas kann man nicht fordern. Aber es ist auch nicht undenkbar.

Deutschland, so las ich gestern in einem der vielen Berichte, ist nach den USA das Land mit den meisten Amokläufen in den letzten Jahren. Das will so gar nicht zu unserem kollektiven Selbstbild passen. Die Antwort auf dieses Rätsel werden wir nur finden, wenn wir nicht einfach mit dem Finger auf den einzelnen Täter und sein unmittelbares Umfeld zeigen.

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Ein Brief, der nie ankam

Dies ist keine Anregung für die Volxbibel, sondern nur ein „Abfallprodukt“, als ich gestern den Konfis bei der Gottesdienstvorbereitung zu Lukas 5,1-11 über die Schulter schaute:

Sehr geehrter Herr Simon Barjona,

in den vergangenen Tagen sind verschiedene Beschwerden bei uns eingegangen, zu denen wir Sie hiermit um eine Stellungnahme bitten.

  1. Die Fischereiinnung von Kapernaum beklagt einen Verstoß gegen die Arbeitszeitbestimmungen. Sie und Ihr Mitarbeiter Andreas wie auch ihre Geschäftspartner der Firma Zebedee & Sons sollen außerhalb der dafür üblicherweise vorgesehenen Nachtstunden beim Fischen gesehen worden sein. Die Innung beruft sich auf zahlreiche Zeugen im Gefolge des durchreisenden Nazareners J.C., der für Ihr Unternehmen als Berater tätig sein soll.
  2. Die Umweltschutzbehörde ist besorgt, dass Ihre unorthodoxen Fangmethoden (die offenbar eine beträchtliche Steigerung des Fangvolumens zur Folge hatten) binnen kurzer Zeit zu einer bedenklichen Überfischung unserer Gewässer führen könnten, die den Fischbestand bedroht und damit auch die Lebensgrundlage von Mensch und Tierwelt am Seeufer gefährdet.
  3. Schließlich hat das Sport- und Freizeitamt besorgte Anfragen erhalten, dass eine Gruppe von „Menschenfischern“ die Badegästen und Wassersportlern nachstellen soll. Auch in diesem Zusammenhang ist Ihr Name gefallen, ebenso wie der Ihrer Mitarbeiter und der Unternehmensberater J.C. aus N.

Wie Sie vielleicht verstehen, macht uns die plötzliche Häufung dieser Klagen große Sorge. Wir bitten Sie daher um Ihr Verständnis dafür, dass wir Ihre Betriebserlaubnis so lange suspendieren, bis Ihre Stellungnahme vorliegt und die gegen Sie erhobenen Vorwürfe geklärt bzw. ausgeräumt werden können.

Mit freundlichen Grüßen,

Kommunalverwaltung Kapernaum, Ordnungsamt

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Gezwitscher an allen Orten

(Nein, ich meine nicht die heimische Vogelwelt, die nach der Winterpause ab 5.30 Uhr täglich wieder zu vorfrühlingshafter Aktivität übergeht) Ich freunde mich mit dem Medium gerade erst an, aber Twitter macht diese Woche mächtig von sich reden:

Man konnte die dramatische Rettung eines Skifahrers in den Schweizer Alpen verfolgen, der per iPhone seine GPS-Daten an die Bergwacht sandte.

Auf TED erklärt Evan Williams, was Leute mit dem neuen Dienst so alles anzufangen wussten.

Heise Online berichtet, wie sich das Verhältnis der „Holzmedien“ zu Twitter verändert hat, und Facebook will nach einem gescheiterten Übernahmeversuch selbst Statusmeldungen in Echtzeit anbieten.

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Prinzipienreiter

Das ist so empörend, das kann man eigentlich gar nicht mehr kommentieren. Erinnert fatal an diese Geschichte.

Nachtrag: Anscheinend wurden „nur“ die Mutter und die Ärzte exkommuniziert. Danke an felix.h für den Hinweis.

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Bibel in heutiger Sprache

Heute fiel mir eine aktuelle Anregung für das nächste Update der Volxbibel zu Mt 5,27 ein:

Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als in der Nähe ein U-Bahn Tunnel gegraben wurde…

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Es lebe der Konflikt…

Beim Nachdenken über Daniels inspirierende Predigt heute zu Matthäus 18,15-17 fiel ein, dass ich neulich irgendwo gelesen hatte, es sei ein Papyrusschnipsel mit einer textkritischen Variante aufgetaucht. Meiner Erinnerung nach lautete das im Urtext dann so (oder so ähnlich?):

Wenn dein Bruder sich einer Verfehlung schuldig macht, dann lass dir auf keinen Fall etwas anmerken und sprich es nicht an. Nicht direkt jedenfalls, denn er könnte sich ja entschuldigen oder das Missverständnis zwischen euch beiden aufklären. Am Ende hat er sich sogar richtig verhalten, aber du hast es nicht kapiert. Du könntest erstens nicht mehr sauer sein und zweitens müsstest du dir selbst auch noch unangenehme Fragen stellen.

Wenn er jegliches prophetisches Gespür vermissen lässt und nicht von selbst und zerknirscht auf dich zugekommen ist, dann zieh andere zu Rate. Aber bitte nicht irgendwen! Achte darauf, dass die Person dich versteht. Das wird erstens dann der Fall sein, wenn sie – egal warum! – auch noch ein Hühnchen zu rupfen hat mit deinem Konfliktpartner oder ihn noch nie leiden konnte, zweitens hilft es, wenn sie den Anlass des Streites nicht mitbekommen hat und ihn daher ausschließlich aus deiner Warte sieht. Beschreibe das beanstandete Verhalten möglichst so, dass deutlich wird: Er war schon immer so und wird auch so bleiben. Entdeckt ähnliche Verhaltensmuster dieser Person in möglichst vielen anderen Zusammenhängen. Auch das Unscheinbare zählt! Nehmt euch ausreichend Zeit um Euch auszumalen, wohin das noch alles führt.

Wenn er trotz deines eifrigen Getuschels immer noch nicht ahnt, dass er der Grund für deine ständige Leidensmiene ist, und in Sack und Asche vor dir auftaucht, finde einen guten Anlass, den Konflikt öffentlich zu machen. Am besten sollte einer deiner verständnisvollen Freunde dein Leid schildern, und weil das ein selbstloser Akt ist, darf man beim Anprangern untragbaren, gemeinschaftsschädigenden Verhaltens auch keinesfalls etwas beschönigen. Vergesst nicht, diskret (also ohne Nennung von Namen und konkreten Details) darauf hinzuweisen, dass auch viele (Definition: n>1) andere Leute ein Problem haben mit diesem Menschen. Wenn dein Gegner von den Vorwürfen total überrascht ist, werte das als Bestätigung dafür, dass er herzlos und unsensibel ist. Wenn es ihn verletzt, sieh es als Beweis dafür an, dass er nur seinen eigenen Schmerz sieht, aber nicht deinen. Wenn er scheinbar fassungslos schweigt, geh zur Sicherheit mal davon aus, dass er schon die nächste Untat plant.

Mach dir bei allem bewusst, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder hast du in allem Recht, oder dein Gegner. Dann suche so lange, bis du irgendeinen Aspekt eures Streites findest, den du ganz sicher richtig einschätzt (oder, alternativ, irgendein Missverständnis des Gegners). Nun hast du den Beweis, dass du hundertprozentig richtig liegst. Bedenke, welch hohes Gut die Wahrheit ist. Du darfst keinen Millimeter von deiner Position abrücken, wenn du dich nicht schuldig machen willst vor Gott – und du tust dem anderen einen wirklichen Dienst, wenn du ihn mit seinen Lügen und Verdrehungen konfrontierst.

Wenn du diesen Rat beherzigst, wird die Gemeinde immer genug Anlass haben, sich mit sich selbst zu befassen. Eine blühende Landschaft von aktiven Freundeskreisen und Parteien wird entstehen und niemand käme vor lauter Langeweile auf die Idee, sich um fremde Menschen zu kümmern. Und hier liegt das eigentliche Ziel: Nur wenn kein Fremder in die Gemeinde kommt, können wir ganz sicher sein, dass sie moralisch und geistlich rein bleibt. Und darauf kommt es Gott schließlich an. Oder?

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Dies & das

Die angekündigte Frühlingssonne bohrt sich noch immer nicht ganz durch den Nebel. Zeit, ein paar interessante Links zum Besten zu geben:

Die SZ über Wirtschafts- und Sinnkrisen: Wie schlecht geht’s Dir?

Ein interessantes Portrait von Erzbischof Rowan Williams: The Velvet Reformation

Die Zeit spöttelt über das kultige Markenimage von Saab: Das Querdenker-Auto

Die Welt über die ganz konkrete CO2-Bilanz eines ganz normalen Tages: Und zum Frühstück ein paar Klimakiller

Was kein Regierungspolitiker sich im Wahljahr unumwunden zu sagen traut, sagt Michael Kuntz: Für Opel gibt es keine Chance

Die Oskar-Verleihung war letzte Woche, hier kommt der WebFish Award 2009 und Simon de Vries ist mit PastorBuddy in der Endauswahl gelandet!

PS: Beim Klima-Artikel bitte nicht in die Kommentare gucken. Habe ich mich je über das Niveau von idea-Leserbriefen beklagt? Das wird hier spielend unterboten…

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Profilbilder

Ich habe mich zu einem Online-Spiel auf Facebook verführen lassen und bei der Gelegenheit inzwischen viele hundert Profilbilder dort betrachtet, nicht nur die meiner Freunde. Und ganz allmählich scheint mir, man kann da ein paar Kategorien ausmachen, selbst wenn man die Menschen hinter den Bildern nie näher kennenlernt:

Der Handy-Schnappschuss: Verträumt im Cafe oder verschwitzt mit Sportgerät, der Bildhorizont unbegradigt und mit leichten perspektivischen Verzerrungen vom Weitwinkel des Geräts. Botschaft: Ich bin ein unkomplizierter Typ

Noch etwas schlimmer im der Webcam-Variante: Blaustich vom Monitior im Gesicht, obere Bildhälfte in der Regel leer) oder bei einem schlechten Blitz (käsiges Gesicht mit schwarzer Umgebung. Botschaft: Ich bin vielleicht blass, aber dafür immer online

Die Partyszene: Man sieht den Betreffenden, an jemanden angelehnt oder in einer Traube von Menschen, mit und ohne Zigarillo oder Bierflasche, an der Bar oder am Pool, das Grinsen meist so breit wie … man eben in diesem Moment war. Botschaft: Mit mir gibts jede Menge Spaß

Das Urlaubsbild: Prinzipiell mit Sonnenbrille und/oder -brand. Am Mittelmeer oder Grand Canyon, vor der Freiheitsstatue oder unter dem Eiffeltum. Botschaft: Ich bin ein Mensch von Welt

Der Platzhalter: Ein Kinderfoto (von sich selbst oder dem – eigenen? – Nachwuchs), ein Haus- oder Stofftier, ein Cartoonbild im South-Park-Stil, das Logo einer Firma, für deren Produkte man schwärmt. Irgendein Promi muss auch ab und zu als Strohmann herhalten. Botschaft: Kein Foto würde mir wirklich gerecht

Das Hochglanzfoto: Perfekt ausgeleuchtete Pose, besonders die Körperpartien, die der Abgebildete als wichtig oder vorteilhaft empfindet, gern schwarz-weiß oder (gähn) das digitale Passbild, das von der letzten Bewerbung oder der Anmeldung bei Xing noch im Rechner war. Botschaft: Und wie siehst Du aus?

Das Statussymbol: Hat in der Regel zwei oder vier Räder und frisst Sprit (Haus und Pool sind zu groß, um richtig in Szene gesetzt zu werden, die Rolex zu klein). Botschaft: Wer hat gesagt, ich sei unwichtig?

Und jetzt im Fasching natürlich aktuell: Kostümiert, vermummt, bemalt….

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Ausbleibende Frühlings-Gefühle: Ideen gesucht

Am 22. März findet in der Innenstadt der Erlanger Frühling statt. Ich finde verkaufsoffene Sonntage nicht besonders toll, aber wir haben uns als Gemeinde vorgenommen, uns regelmäßig in einer geeigneten Form in der Stadt blicken zu lassen. Und da bietet so ein Tag eine Gelegenheit.

Ich habe in der letzten Woche etliches an Material zu solchen Aktionen durchgesehen, mit beschränktem Erfolg. Entweder sind das Dinge, die man nur mit ganz wenigen Leuten machen kann. Manchmal sind sie zu konfrontativ missionarisch, selbst wenn es witzig ist. Andere Dinge funktionieren in Amerika, aber nicht hier. Verkauft und verteilt wird an einem solchen Sonntag auch genug und letzteres wäre bei so vielen Leuten auch richtig teuer.

Wie also kann man in mehreren kleinen und größeren Gruppen

  • originell und kreativ
  • freundlich und positiv
  • interessant und möglichst ohne Peinlichkeit
  • mit überschaubarem Aufwand

im innerstädtischen Trubel Flagge zeigen? Ich würde gern mit Eurer Hilfe eine kleine Ideensammlung anlegen, die dann auch anderen wieder nützt.

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Fernsehen bildet doch

Medizinstudenten in Marburg lernen aus den (offenbar gut recherchierten) Fällen von Dr. House. Der Professor legt allerdings großen Wert auf folgende Feststellung:

Die durchgeknallte Persönlichkeit des Dr. House entspricht in keinster Weise dem Arztbild und dem Leitbild der Philipps-Universität Marburg.

Das hätte Dr. Lisa Cuddy für das fiktive Princeton-Plainsboro Hospital auch unterschrieben. Also, beim nächsten Zipperlein auf nach Marburg. Da gibt es nur liebe Ärzte 🙂

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Doppelt bittere Geschichte

Spiegel Online würdigt das römische Kolosseum als Todesmaschine. Für mich neu war diese Information: Der Ort, an dem geschätzte 300.000 Menschen den Tod fanden, unter anderem auch viele Christen, wurde aus der Beute des jüdischen Krieges 66-74 n.Chr. finanziert, und die bestand im Wesentlichen aus den Reichtümern des Tempels in Jerusalem. Einmal mehr ist das Schicksal von Juden und Christen miteinander verwoben, diesmal im gemeinsamen Leid. Vielleicht ist das ja auch eine gute Erinnerung daran, dass die einen das Leid der anderen nicht herunterspielen dürfen, ohne sich selbst damit auch zu gefährden.

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