Minze und Dill

Nicht unbedingt meine Lieblingszutaten im Essen, aber es geht auch nicht um Kochrezepte, sondern um einen Ausspruch Jesu, mit dem er gegen eine Art Glauben protestiert, der bei Kleinigkeiten im Nahbereich pingelig ist und dabei fundamentale Schieflagen und Absurditäten im weiteren Zusammenhang unseres Lebens toleriert. Alibi-Aktionen, mittels derer wir uns um das Eigentliche drücken:

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. (Matthäus 23,23)

Ich habe mich gefragt, wie das heute klingen würde. Ein paar Dinge sind mir dazu eingefallen:

  • Ihr spendet an eure christlichen Einrichtungen – und wählt Politiker, die armen Ländern die Entwicklungshilfe kürzen
  • Ihr protestiert gegen Abtreibungskliniken – und feiert Soldaten als „Helden“, die den Ölnachschub gewaltsam sichern und massive „Kollateralschäden“ in Kauf nehmen
  • Ihr werft kein Stück altes Brot weg – und fahrt jeden noch so kurzen Weg mit eurem spritfressenden Autos, die nicht nur die Atmosphäre aufheizen, sondern auch die Nachfrage nach Biosprit steigern und riesige Flächen von Regenwald vernichten

Die Reihe lässt sich in den Kommentaren fortsetzen, hoffentlich ohne dabei aus „Minze und Dill“ plötzlich das Spiel „Splitter und Balken“ werden zu lassen. Es geht ja nicht darum, selbstgerecht eine gute Sache gegen eine andere auszuspielen – das eine tun, ohne das andere zu lassen, sagt Jesus. Wie wäre zum Beispiel dieser Satzanfang: Ihr trinkt fair gehandelten Kaffee – und …

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Schönes Signal

Nach der US-Wahl haben einige Kommentatoren gefragt, ob das hier auch denkbar wäre: Ein politisches Spitzenamt für jemanden „mit Migrationshintergrund“ (schreckliches Wort), noch konkreter: einen anatolischen Schwaben. Heute haben die Grünen Cem Özdemir zum Parteichef gewählt, nachdem er zuletzt noch einige Kröten von Seiten der Parteifreunde hatte schlucken müssen. Ob der Obama-Faktor da eine Rolle gespielt hat?

Deutschland tut es auf jeden Fall gut, finde ich, auch wenn es keine echte Überraschung war.

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Endlich!

Obama hat es geschafft und schlägt mit seinem überwältigenden Sieg wahrscheinlich ein neues Kapitel amerikanischer Geschichte auf. Die hohe Wahlbeteiligung und die Begeisterung in den Städten Amerikas spricht dafür, dass er ein zerrissenes Land zusammenführen kann. Dieser Wandel wurde sehnsüchtig erwartet und konnte auch mit fiesen Aktionen einiger Gegner nicht mehr verhindert werden.

Die Freudentränen bei Obamas Rede in Chicago haben ihren Grund – die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist geweckt. Und wenn Obama von Europa mehr Engagement in der Welt erwartet als sein Vorgänger, dann ist das auch für uns nur gut, auch wenn es anstrengender wird. Mehr dazu bei Haso und im Spiegel von Matthias Matussek.

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Hitler, Billy Graham und Obama?

Eben noch machte unter all den republikanischen Schlammwerfern auch „Focus on the Family“ mobil mit einem düsteren (na ja, aus ihrer Sicht…) Horrorszenario für den Fall eines demokratischen Wahlsieges, indem man einen fiktiven Brief aus Obamas Amerika 2012 schrieb, in dem u.a. dreist behauptet wird, dass dann kleine Jungs bei den Pfadfindern gezwungen werden sollen, mit homosexuellen Betreuern in einem Zelt zu schlafen (die üble Gleichung Homosexuelle = Kinderschänder ist da wohl impliziert). Ganz, ganz tiefer Griff in die Gruselkiste so kurz vor Halloween…

Ehrlich gesagt, Bushs Amerika 2008 hätte schon genug Horror zu bieten – und dazu hätte man den schwarzen Pinsel stecken lassen können.

Aber wer das schon für den Gipfel der Geschmacklosigkeit hielt, wird eines besseren belehrt: Gestern bekam ich dann eine E-Mail über einen christlichen „Gebetsverteiler“, in der ein ehemaliger Mitarbeiter von Billy Graham sich auf Barack Obamas großen Anklang bei der Bevölkerung bezieht, und unter anderem mit folgenden Worten zitiert wird (der Text erscheint auch auf einigen McCain Websites):

The power of speech from a charismatic person truly can be a powerful thing. Certainly Billy Graham had charisma. Both his manner of speech and particularly the content changed millions. On the extreme other hand, the charisma of Adolph Hitler, too, inspired millions and the results were catastrophic. Barack Obama certainly is no Hitler or a Billy Graham, but for many Americans riding on the Obama Tidal Wave it is just like a surfer who might be ecstatic and euphoric while riding a tidal wave, but the reality of the ride is what happens when it hits shore.

Der echte Bill Brown hat sich inzwischen davon distanziert. Irgendwer hat eine Angstkampagne mit Schlamm-Spam gestartet und dabei, um Obama als Rattenfänger zu diffamieren, indirekt Billy Grahams Namen genutzt. Wohl wissend, dass viele verängstigte Christen diese Propaganda ungeprüft verbreiten würden – und das bis zu Wahl auch keiner mehr klären kann. Vielleicht eine gute Gelegenheit zur Selbstprüfung, bevor ich das nächste Mal auf „Weiterleiten“ klicke. Von dem Verteiler habe ich mich abgemeldet. Spam habe ich auch so schon genug.

(Ganz nebenbei zeigt sich heute wieder einmal: in den USA kommt der Terror von Rechts, nicht von links oder von außen)

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Andere Zeiten?

Gestern im Gottesdienst hatten wir es von David, der schon zum König gesalbt wurde, während sein glückloser Vorgänger noch im Amt war. Und ich dachte beim Zuhören, dass das alles gar nicht so weit weg ist.

Die Anklänge an die aktuelle Landespolitik sind unüberhörbar. Ob Seehofer allerdings seinen Goliath (das Mammutloch der Bayern-LB) mit einem Schuss erledigt und dann 40 Jahre regiert? Zumindest hatte er von Hubers und Becksteins Mäntelchen auch nur den Zipfel abgeschnitten. Den Rest hat Edis Söldnertruppe erledigt…

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Sinn-Krise

Das musste schiefgehen: Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut vergleicht die Kritik an den Bankenmanagern mit dem Antisemitismus der Weimarer Zeit. Klar fallen im Moment alle über die Banker her, und nicht immer sehr fair. „Sündenböcke“ sind sie deswegen trotzdem nicht, denn im Unterschied zu den Juden in Deutschland waren sie alle direkt beteiligt am Schlamassel und haben lange von dem System, dem Sinn nun die Schuld gibt, mächtig profitiert.

Und zwischen kritischen Kommentaren in Zeitungen (oder der drohenden Kürzung des Gehalts auf armselige 500.000 Euro) und dem Schicksal der Juden im Dritten Reich gibt es noch ein paar klitzekleine Unterschiede…

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Bekenntnis-Bewegung

Die Wahlen in den USA kommen näher und es sieht gut aus für den Rest der Welt, denn die „Country First“ Kampagne scheint derzeit deutlich im Hintertreffen. Ein ganz schwerer Schlag für McCain war Alan Hirschs Blogpost (gefunden bei Haso), für den die Entscheidung am 4. November ein no-brainer ist. Nicht alle (US-) Kommentatoren auf Alans Blog stimmen zu, aber das wäre auch zuviel erwartet.

Und dann hat gestern auch noch Colin Powell sein Körnchen in die Waagschale geworfen, und zeigt, dass er nach seinem Ausstieg aus der Bush-Regierung das Herz wieder am rechten Fleck hat, nämlich (für US-Verhältnisse) leicht links. Zugleich – und das zeichnet Powell aus – redet er sehr respektvoll über McCain. Hoffentlich macht beides Schule: Stil und Substanz von Powells Bekenntnis.

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Der erste Stein

Meine Angst

in deinen Augen

Meine Scham

in deinem Erröten

Mein Schweiß

auf deiner Stirn

Mein Zittern

in deinen Händen

Mein Zwiespalt

in deinem Abgrund

Mein Hochmut

in deinem Fall

Meine Sehnsucht

in deinem Herzen

Mein Kurzschluss

in deiner Reaktion

Meine Last

auf deinen Schultern

Mein Chaos

in deinen Trümmern.

Dein Blut

an meinen Händen?

Ich

kann

diesen Stein

nicht werfen.

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Unmoralische Moral?

Die „Welt“ kommentiert Sarah Palins Verhalten im Troopergate, ich spare mir jetzt die passenden Bibelstellen dazu, nachdenklich stimmt das ganze allemal (und natürlich gilt das auch für alle, die sich jetzt über Palin entrüsten):

Wie kommt es aber, dass ein Mensch, der so viel Wert auf die Moral legt, ja, der die Frage der Moral – allerdings vor allem der Sexualmoral – wieder zum Thema des Wahlkampfs machte, selbst so unmoralisch handeln konnte? Die Antwort ist, gerade weil Palin sich für moralischer hält als ihre politischen Gegner, sieht sie ihre eigenen Handlungen als moralisch an.

(…) Weil diese Einstellung bei Gutmenschen die Regel ist, gilt auch die Regel. Wer aus politischen Fragen moralische oder aus moralischen Fragen politische macht, dürfte in der Regel ein paar miese kleine Geheimnisse haben. Wohlgemerkt: Die haben andere auch, die haben wir alle. Aber die kann man jenen verzeihen, die nicht so tun, als wären sie bessere Menschen.

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Evangelisation: bitte mehr – und besser…

Neulich saß ich in einer Gesprächsrunde über christliches Engagement in der Gesellschaft. Mehrere Leute hatten Ideen und Wünsche, und ab und zu kam zwischen den Zeilen oder auch ganz explizit durch, dass man diese oder jene Sache nicht als „Evangelisation“ (meine Worte) verstanden wissen wollte. In dem Kontext dieses Gesprächs war das auch richtig: Freundschaften sind keine Mittel zum missionarischen Zweck, sonst sind sie keine echten Freundschaften. Dasselbe gilt für praktische Nächstenliebe und Diakonie in allen ihren Formen.

Trotzdem war ich am Ende sehr nachdenklich. Hat Evangelisation allgemein (also nicht einfach die peinlichen Karikaturen, die wir auch alle kennen und gerne vermeiden) bei diesen Überlegungen auf der Strecke, weil wir es gar nicht mehr wagen, uns zu wünschen (Karl Valentin lässt grüßen), dass Menschen zum Glauben finden? Keiner aus unserer Runde hat das so verstanden. Aber es ist nötig, dass wir neu bestimmen, was genau wir meinen.

Brian McLaren nennt in Finding Our Way Again vier Ansätze, Gottes Absichten mit uns zu verstehen:

A. Gott geht es darum, die Welt zu heilen. Er sucht dafür Mitarbeiter, die gesund sind (und nicht noch mehr Krankheiten verbreiten) und Krankenpfleger, die ihre Gesundheit nicht als Selbstzweck verstehen. Leider gibt es das nicht in Reinkultur, also fängt Gott mit Kranken an, die allmählich genesen, um dann anderen (und damit der Welt) zu besserer Gesundheit zu verhelfen.

B. Gott geht es primär darum, einzelne zu heilen. Je mehr einzelne sich heilen lassen, desto heiler wird auch die Welt

C. Gott interessiert sich nur für die Welt, einzelne sind ihm egal. Mein „Privatleben“ spielt keine Rolle, so lange ich mich nur für soziale Gerechtigkeit einsetze, je nach System oder Ideologie sieht das anders aus.

D. Gott geht es nur um einzelne, die Welt geht irgendwann bald zugrunde.

Die beiden letzten Standpunkte sind natürlich indiskutabel, kommen aber vor. Die Positionen A und B verbinden die Gegensätze von C und D, allerdings mit verschiedener Akzentuierung. A ist für mein Empfinden die bessere Lösung, weil es deutlich macht, dass Evangelisation und Diakonie, persönliche Transformation und Gesellschaftstransformation von Anfang an zusammen gehören.

Also brauchen wir Evangelisten, die Leute davon überzeugen, dass es auch für sie höchste Zeit ist, ein Teil der Lösung der Probleme unserer Welt zu werden, weil genesende Heiler gesucht werden und mehr als unsere eigene Kraft und unser wankelmütiger guter Wille nötig sein wird, um tatsächlich etwas zu bewegen und damit gute Nachricht zu sein. Dazu fehlt vielen die Hoffnung, dass ihr Beitrag mehr ist als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und wäre wir nur isolierte Individuen und hätten wir nicht Gott auf unserer Seite (besser noch: wir auf seiner Seite), dann wäre vielleicht wirklich der Fall. Die gute Nachricht ist also auch die: Du kannst etwas bewegen, zusammen mit Gott und vielen anderen. Lass Dir nichts anderes einreden!

Leute wie Nicky Gumbel und Bill Hybels haben diesen Ansatz längst übernommen. Nun müssen wir alle dafür sorgen, dass er sich auch überall an der Gemeindebasis und in der Verkündigung durchsetzt.

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