Vom Zauber des Zeitstaubs

Ich öffne die Haustüre und bleibe einen Augenblick zwischen den Büschen und Bäumen im Vorgarten stehen. Mein Blick wandert hinaus auf die Straße. Ich entdecke gelbe Ränder im Rinnstein und an den Pfützen – oder da, wo kürzlich noch Pfützen waren. Auf den Autos hat sich eine goldene Staubschicht abgesetzt. Und auf unseren Fenstern. Oh, und auf meiner Brille auch. So richtig sichtbar wird der Staub oft erst dann, wenn ich versuche, ihn abzuwischen. Dann gibt es Streifen und Schlieren.

Es ist Frühling – Blütezeit. Kirschen und Äpfel sind schon durch, aber Fichten und Kiefern legen jetzt erst richtig los. Wenn bald Gräser und Getreide dazu kommen, werden meine Augen ein bisschen jucken und es wird in der Nase kitzeln. Nicht nur da draußen. Der feine Staub kommt überall hin. Ich trage ihn in meinen Haaren und meiner Kleidung nach Hause. 

Das ist ja auch das Schöne am Blütenstaub: Er kommt wirklich überall hin. Weil die Pflanzen ihn in so verschwenderischen Mengen abgeben, findet er auch auf große Entfernungen noch sein Ziel. Er trübt nicht den Himmel ein wie Saharastaub, er schädigt den Organismus nicht wie Feinstaub. Gut, für Allergiker ist es zeitweise anstrengend. Aber Blütenstaub in der Luft garantiert eben auch, dass in den Gärten, auf den Felder und im Wald neues Leben wächst.

Zeitstaub

Und jetzt, gerade in diesem Moment, fliegt er wieder durch die Luft. Und noch ein anderer Staub ist unterwegs, unsichtbar: Zeitstaub. Nein ich meine nicht den, der sich im Lauf der Zeit auf Büchern und Möbeln ansammelt. 

Der Zeitstaub ist eine Entdeckung der Französin Madeleine Delbrêl – einer Meisterin der Alltagsmystik. Zeitstaub macht nicht krank und löst keine Allergien aus. Und er hat mit dem Beten zu tun.

Betet! Diese Aufforderung findet sich öfter in der Bibel. Einmal lautet sie sogar, ganz schön ambitioniert, „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicher 5,17) 

Ich schlucke erst mal: Wie soll das gehen? Den ganzen Tag mit gefalteten Händen herumsitzen und Gott ein Ohr abkauen, das kann ja wohl kaum gemeint sein. Auch damals hatten die Menschen alle Hände voll zu tun. 

Dass für Däumchendrehen keine Zeit ist, weiß auch Madeleine Delbrêl. Sie weiß aber auch, dass zu dem Appell, unablässig zu beten noch ein anderer Satz gehört: „Freut euch zu jeder Zeit!“. Beten soll keine ermüdende Pflichtübung sein. sondern eine Kraftquelle. Und für beides, die Freude und das Beten, gibt es den Zeitstaub:

„In das beschäftigtste, umtriebigste Leben dringen aber doch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein […] Wenn wir behaupten, Beten sei unmöglich, so müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn so, wie er ist, verwerten.“

Wenn uns beim Beten unsere Maßstäbe und Ideale in die Quere kommen, hat die Freude es schwer. Madeleine Delbrêl spürt: Wenn ich mich mit Vollzeitchristen – also Ordensleuten oder Pfarrpersonen – vergleiche, schneide ich selten gut ab. Sich selbst und die Menschen um sie her nennt sie „die Leute von der Straße“. Diese „Normalos“ sind nicht weniger heilig oder interessant für Gott. Ganz selbstbewusst kann sie sagen:

„Wir anderen, wir Leute von der Straße, sind ganz sicher, dass wir Gott so sehr lieben können, wie er Lust hat, von uns geliebt zu werden. […] Wir denken, dass wir, wenn wir für Gott ganz kleine Dinge tun, ihn ebenso lieben können wie mit großen Aktionen. Im Übrigen halten wir uns für schlecht informiert, was das Format unserer Taten angeht. Wir wissen bloß zweierlei: zum einen, dass alles, was wir tun, nur klein sein kann; zum anderen, dass alles, was Gott tut, groß ist. Das beruhigt uns angesichts dessen, was zu tun ist.

Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, unsere Taten nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren.“

Der Zeitstaub hängt sich in die Fasern des Alltags, von dem er nicht zu trennen ist. Ein feines Geflecht entsteht, in dem das Beten ins Tun und das Tun ins Beten übergeht. Alles, was wir tun können, ist nur Kleinkram, sagt sie. Nichts Besonderes. Pillepalle. Aber man nie wissen,  was aus diesem heiligen Pillepalle noch alles wird, wenn sich unser Kleinkram mit Gottes Möglichkeiten verbindet. 

Die Menge macht’s – nicht unbedingt 

Das Bild vom Zeitstaub erinnert mich an ein bekanntes Selbsthilfe-Buch für Manager. Dort erzählt der Autor von einem Professor, der seinen Studierenden einen großes, leeres Glas präsentiert. Dann nimmt er große Flusskiesel und füllt sie hinein. Als er fertig ist, fragt er in die Runde, ob das Glas jetzt voll sei. Die Studis nicken. Da holt er einen Krug mit kleinen Schottersteinchen und schüttet die ins Glas. Sie verteilen sich in den Zwischenräumen. Als der Schotter bis zum Rand reicht, fragt er nochmal, ob das Glas nun voll sei. Wieder lautet die Antwort ja. Der Professor wiederholt die Prozedur noch zweimal – erst mit Sand, dann mit Wasser. Am Schluss passt wirklich gar nichts mehr hinein. 

Die ursprüngliche Pointe an der Geschichte vom vollen Glas lautet, dass man die großen Steine zuerst ins Glas legen muss. Wenn erst mal lauter Wasser und Sand drin sind, passen sie nicht mehr rein. Ich muss also Prioritäten setzen. Und ich mache das richtig, wenn ich nicht die dringenden Sachen zuerst einplane (die drängen sich von selbst auf), sondern die wichtigen: First things first.

Eine ganze Reihe Freunde und Bekannte haben sich das zu Herzen genommen und feste Zeiten für das Gebet in ihren Tag eingeplant: Früh am Morgen, vor dem Schlafengehen, in der Mittagspause oder gleich nach der Arbeit. Martin Luther soll ja mal gesagt haben, er betet jeden Morgen eine Stunde. Und wenn ganz viel los ist, dann zwei Stunden.

Bei vielen hat das so mittel funktioniert, das Beten als großer Stein, als „first thing“, als die besondere Zeit. Vielleicht auch, weil dabei oft die Quantität – also die Dauer, womöglich noch in Stunden – im Mittelpunkt steht. Statt sich zu freuen, dass es ab und zu gelingt und gut tut, haben viele ein schlechtes Gewissen, dass sie es mindestens so oft nicht schaffen. Aber wenn ich jemand gegenüber ein schlechtes Gewissen habe, weil ich befürchte, dass ich seine oder ihre Erwartungen nicht erfülle, dann freue mich nicht auf die nächste Begegnung, sondern gehe der Person aus dem Weg. 

Das Bild vom Zeitstaub hat mir geholfen, die Sache anders zu sehen. Madeleine Delbrêl war Sozialarbeiterin im sozialen Brennpunkt; sie wusste genau, dass ich nur ganz begrenzt bestimmen kann, was ich heute mache. Ich habe Verpflichtungen – beruflich, familiär, gesellschaftlich. Andere verlassen sich auf mich oder sind von mir abhängig – Kinder, pflegebedürftige Angehörige, Nachbarn und Bekannte, die gerade in der Krise stecken. Anders gesagt: Jeden Tag plumpsen, ob ich will oder nicht, etliche dicke Klopse in mein Glas. Große Frei- oder Spielräume haben Seltenheitswert. Das ist anstrengend und oft frustrierend. 

Zum Glück ist da noch der Zeitstaub. Wie der Sand oder das Wasser im Glas des Selbsthilfe-Professors passt der in jede noch so kleine Ritze. Und weil es eine ganze Menge von denen gibt, steht auch eine Menge Zeitstaub zur Verfügung – jeden Tag wieder. Kleine Momente, in denen ich einen Schritt zur Seite treten kann, durchatmen, und Kontakt aufnehmen mit Gott. 

Dass Gott allgegenwärtig ist – immer und überall da – das sagt sich leicht. Aber oft geht mir in der Hektik des Alltags das Gespür dafür verloren. Mag ja sein, dass er da ist, aber ich merke nichts davon, weil ich in diesem Augenblick nicht da bin. Ich bin im Kopf in der Zukunft, bei Zielen, Sorgen und (was für ein verräterisches Wort!) Deadlines, oder in der Vergangenheit bei dem, was alles an innerem Lärm noch nachklappert. Manchmal bin ich meilenweit weg, total abwesend und überhaupt nicht präsent. Der Alltag rauscht an mir vorbei. Ich funktioniere. Und versuche zugleich, auch meine Umgebung funktionieren zu lassen – indem ich sie kontrolliere, manage und mir zu nutze mache. Das viele Müssen und Tun lässt kaum noch Platz für das Einfach-So-Sein. 

Gott sei Dank für den Zeitstaub. Die Momente, in denen ich nicht produktiv sein und liefern muss. In denen ich die Augen nicht auf die vielen Bälle richte, die ich in der Luft halte. Und wenn ich dann alles mal sein lasse und auch selber einfach mal da bin, dann wird – nicht immer, aber erstaunlich oft – vieles kinderleicht. 

Alltagsgebete

Auf der Suche nach dem Zeitstaub in meinem Leben habe ich einen kleinen Schatz entdeckt:Die „Carmina Gadelica“ – Gedichte, Gebete und Lieder der Menschen auf den äußeren Hebriden. Von Menschen, die sehr bescheiden lebten und alte Bräuche über viele, viele Generationen hinweg weitergaben. Vor gut 100 Jahren hat man sie dann gesammelt und aufgeschrieben. 

Die Art des Betens, die mir dort begegnet, ist durch und durch bodenständig. Sie findet in keiner Kirche statt, sondern während der Arbeit. Bauern und Fischer an der rauen Atlantikküste, bei denen das Gebet in alles verwoben ist, was sie tun. Es ist bei allen Entbehrungen auch ein festliches Leben, nicht verbissen fromm oder bitterernst. Das Besondere daran ist, dass es nichts Besonderes sein will. Es sortiert Beten und Handeln nicht auseinander – und nimmt sich eine weitere Aufforderung aus dem Neuen Testament zu Herzen: „Alles, was ihr tut, tut es von Herzen für Gott.“ (Kolosser 3,23)

Das sieht dann so aus: Am Anfang des Tages wird das Herdfeuer, das über Nacht abgedeckt war, wieder entfacht, damit es in der zugigen Hütte warm wird. Dafür gibt es ein eigenes Gebet. Wenn das Feuer brennt und alle ihren Beschäftigungen in Haus und Hof nachgehen, werden die Betten gemacht. Und auch dafür gibt es ein Gebet; Gott und alle Engel sind mit von der Partie:

Ich mache dieses Bett
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes
Im Namen der Nacht, als wir gezeugt wurden
Im Namen der Nacht, als wir geboren wurden
Im Namen des Tages, als wir getauft wurden
Im Namen jeder Nacht, jedes Tages,
jedes Engels, der im Himmel ist.

Erde, Engel und Himmel, Geburt und Tod, Einschlafen und Aufwachen – alles ist um das Bett versammelt in diesem Gebet. Betten machen wir heute immer noch, das hat sich nicht geändert. Und es gibt andere wiederkehrende Situationen wie diese in meinem Alltag. Zum Beispiel, wenn ich eine vielbefahrene Straße in meinem Viertel überquere. Da stehe ich manchmal ewig an der Ampel für Fußgänger und Radfahrerinnen, während die Autos gefühlt endlos grün haben. Sie fahren und fahren – und fahren – und ich sehe zu, während kostbare Lebenszeit verrinnt. Neulich ist sogar eine Seniorin mit Rollator bei Rot gegangen, weil sie die Geduld verlor. 

An der Ampel sammelt sich ordentlich Zeitstaub an. Und manchmal bin ich wach genug, zu merken: Anstatt ungeduldig nach eine Lücke im Verkehr zu suchen, kann ich auch einfach die Einladung zum Gebet annehmen, die in dieser Situation steckt. 

Also habe ich mein eigenes Alltagsgebet geschrieben: 

Ewiger Gott, Ursprung der Zeit,
Erfinder der Gelassenheit, Ziel aller Wege.
In mir und um mich her staut sich die Ungeduld,
zappelt der Zeitdruck, drängt die Eile.
Du aber lässt dich aufhalten,
lässt uns selbst dann die Vorfahrt,
wenn wir deine Wege durchkreuzen,
statt deinen Spuren zu folgen.
Hier stehe ich –
lass mich erkennen, was mich treibt;
hilf mir ablegen, was mich bremst,
und gib mir den Schwung deiner Liebe,
für den Weg, der heute noch vor mir liegt.

Vielleicht gibt es in Ihrem Alltag, liebe Hörerinnen und Hörer, auch solche wiederkehrenden Platzhalter-Situationen für ein Gebet. Dann können Sie sich dafür ebenfalls ein paar passende Worte ausdenken und die aufschreiben. 

Oder mal ganz auf Worte verzichten. Das kennen wir ja auch aus zwischenmenschlichen Beziehungen: Wenn zwei sich gut verstehen, können sie auch eine Weile schweigen, einander ansehen oder nebeneinander hergehen, ohne dass es sich verkrampft anfühlt.

„Vergnügter als ein König“

Ohne Worte beten – das geht. Ich kann auch mit den Händen beten. Wenn ich was zu tun habe, wenn ich arbeite. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist Bruder Lorenz. Er kam schwer verletzt aus dem Dreißigjährigen Krieg zurück. Ein paar Jahre später tritt er als Laienbruder in ein Karmelitenkloster in Paris ein. Der Abt dort weiß wenig mit ihm anzufangen und schickt ihn in die Küche. Dort kocht Bruder Lorenz jeden Tag für rund 100 Personen – anfangs mit recht überschaubarer Begeisterung. Es wird auch kein Meisterkoch aus ihm. Aber er wird ein Meister darin, Gott im Herzen zu tragen und die alltäglichen Handgriffe mit ganz und gar nicht alltäglicher Liebe zu tun. Er sagt über sich selbst:

„Ich wende meinen kleinen Pfannkuchen in der Pfanne aus Liebe zu Gott um. Wenn er fertig ist und ich nichts mehr zu verrichten habe, so werfe ich mich zur Erde und bete meinen Gott an, von dem mir die Gnade, diesen Pfannkuchen zu machen, gekommen ist, wonach ich mich dann viel vergnügter als ein König wieder aufrichte. Wenn ich nichts anderes kann, ist es mir genug, einen Strohhalm aus Liebe zu Gott von der Erde aufgehoben zu haben.“

Wenn Bruder Lorenz seinen Strohhalm aufhebt, dann betet er mit seinen Händen. Wenn ich eine achtlos weggeworfene Plastikverpackung aufhebe und in den Mülleimer befördere, kann ich das auch, mit den Händen beten. Oder wenn ich ein Blume gieße, mein Fahrrad repariere, auf der Gitarre spiele.

Ich kann auch mit den Füßen beten, zum Beispiel wenn ich am Abend eine Runde spazierengehe. In den Farben der Gärten, im Duft des Flieders, im Wind und der Sonne oder dem Regen auf der Haut, im Summen der Bienen und Zwitschern der Singvögel kitzelt der Schöpfer aller Dinge meine Sinne wach. Und wenn ich beim Gehen nicht in meinen Grübeleien versinke, sondern mich in die Gegenwart des Einen locken lasse, bin ich mitten drin in dem großen Fest des Lebens. So, wie sich beim Gehen meine Lungen mit unsichtbarem Sauerstoff füllen, so durchströmt Dankbarkeit und Heiterkeit das müde und manchmal sorgenschwere Herz.

Es muss nicht die schöne Natur draußen sein. Auch daheim in den Alltagsräumen. Am Küchentisch. Vielleicht, liebe Hörerinnen und Hörer, steht Ihre Kaffeetasse noch vor ihnen auf dem Tisch. Mein persönliches Herdfeuer-Ritual spielt sich rund um den Kaffee ab. Bis der Thermoblock der Espressomaschine aufgeheizt ist, vergeht genug Zeit, um zu beten:

Gott des erwachenden Lebens,
Licht des neuen Tages:
Lass mich wach werden für deine Gegenwart
in allem, was mir heute begegnet.
Lass mich wach bleiben für deine Gerechtigkeit
für das Seufzen derer, die keine Stimme haben in unserer Welt.
Lass mich unermüdlich sehen und sagen,
was die Hoffnung nährt und dem Frieden dient.
In dieser alten und müden Welt
schlägst du täglich eine neue Seite auf
im Buch Deiner Liebe zu uns.
Sende den frischen Wind deines Geistes,
der das befreiende Aroma der neuen Welt verbreitet.
Amen. 

When will I ever learn to live in God? Van Morrison singt von der Sehnsucht, aus dieser innigen Verbindung mit Gott zu leben: In ihm habe ich alles, was ich brauche und mehr. Und alles, was ist, ist in Gott.

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