In all the churches I’ve attended over the years, I’ve heard prayers offered for Presidents and other political leaders, victims of war and natural disaster, and relatives and congregants. But I’ve never heard anyone pray for an enemy, despite the fact that it’s an admonition from Jesus himself. Maybe that’s the best place to start.
Barth missional (17): Prophetische Gemeinde
Ein schöner Aspekt reformierter Tradition ist die Wertschätzung der prophetischen Dimension. Barth sieht sie nicht nur bei Christus, sondern auch im Handeln der Gemeinde:
Prophetie beruht auf einem besonderen Vernehmen und besteht in einer besonderen Kundgebung des von Gott je und je in seinem Werk, nämlich in der von ihm regierten Geschichte seines Volkes und der Welt gesprochenen Wortes: des Wortes, in welchem er, was er in Begründung des Bundes ein für allemal gesprochen, nicht etwa durch etwas Anderes ersetzt, ergänzt oder überbietet, wohl aber zu bestimmter Zeit neues Gehör und neuen Gehorsam fordernd, in neuer Klarheit wiederholt und bestätigt. Im prophetischen Element und Charakter ihres Dienstes blickt, greift, schreitet die Gemeinde in der jeweiligen Gegenwart und aus ihr hinaus hinüber in die Zukunft: nicht willkürlich, nicht auf Grund eigener Analysen, Prognosen und Projekte, wohl aber lauschend auf die Stimme ihres Herrn, der auch der Herr der Welt ist, welcher eben das, was er sprach, indem er sie berief, begründete und beauftragte, wieder und neu spricht in dem, was in ihr und in der Welt jetzt und hier als in seinem Machtbereich geschieht, der sie eben damit in die Zukunft weist und führt, ihr eben damit das ihr anvertraute Zeugnis, ohne daß es ein anderes würde, in neuer Gestalt auf die Lippen legt.
Im prophetischen Zeugnis sagt Gott nichts anderes, aber er sagt es anders. So neu und überraschend, dass es – Barth sagt das schön – neues Gehör findet und neuen Gehorsam bewirkt. Um dieses Wort so sagen zu können, muss die Gemeinde „lauschen“ – die Ohren spitzen und geduldig hinhören. Dann wird aus dem „alten“, überlieferten ein neues und vor allem zukunftsweisendes Wort. Wenn sich die Gemeinde dieses „Vorwärts!“ zu eigen macht, schreibt Barth, wird sie von ihrer Umwelt auch eher als Störung empfunden:
Der Konflikt zwischen dem christlichen Zeugnis und der Welt wird dann – wahrscheinlich wirklich erst dann, wenn es sich unmißverständlich in jenem Vorwärts! konzentriert, dann aber sicher – unvermeidlich und manifest werden. […] Die Folgen werden, wenn die Gemeinde – und wäre es auch nur eine einigermaßen gewichtige Fraktion innerhalb der Gemeinde – es wagt, ihren Zeugendienst auch in dessen prophetischem Charakter aufzunehmen, unübersehbar sein.
Eben weil das so ist, darf die Gemeinde – und das ist im Blick auf Pfingsten vielleicht der wichtigste Gedanke – diesen Auftrag nicht ein paar Außenseitern überlassen:
Dieses Zeugnis kann in der Gemeinde unmöglich bloß beiläufig, willkürlich und zufällig laut werden, unmöglich Sache einer bestenfalls mit Kopfschütteln zu duldenden Narrenfreiheit einiger Weniger sein. Es geht auch hier um den Dienst der ganzen Gemeinde, um eine Gabe und Möglichkeit, von der Gebrauch zu machen grundsätzlich alle Christen eingeladen und aufgerufen sind. […] Es könnte … weder natürlich noch in Ordnung sein, wenn nicht mindestens mit einer die ganze Gemeinde beherrschenden Aufgeschlossenheit, Bereitschaft und Willigkeit für das prophetische Vorwärts! zu rechnen wäre.
w
Barth missional (16): Singende Gemeinde
Den Dienst der Gemeinde an Gott und der Welt beschreibt Barth grundsätzlich als Verbindung von Sprechen und Handeln. Das gilt auch für den Gottesdienst, zum Beispiel für das unentbehrliche Singen:
Das kann und muß man mit Sicherheit sagen: eine Gemeinde, die nicht sänge, wäre gar nicht Gemeinde. Und wo sie nicht in ihrer Sprache singt, oder nur archaisierend in Wiederholung der Texte und Weisen ihrer Vorfahren zu singen weiß, wo sie nur beiläufig, unfreudig, verschämt mehr seufzt und brummt als singt – da ist sie mindestens eine betrübte, ihrer Sache offenbar nicht recht sichere Gemeinde, von deren Dienst und Zeugnis gewiß auch sonst nicht viel zu erwarten ist.
Er stellt aber auch gleich klar:
Mit einer Konzertveranstaltung kann ihr Singen nichts zu tun haben. Sie singt aber, und das aus innerer, sachlicher Notwendigkeit. Singen ist menschliche Aussage in ihrer höchsten Potenz.
Und im Blick auf die Tendenz einer sich verselbstständigenden Kirchenmusik – das wird für Diskussionen sorgen, zum Glück nennt er weder Gitarren noch Schlagzeug! – schreibt der Mozart-Liebhaber doch tatsächlich:
Daß daneben auch noch Orgel oder Harmonium gespielt werden muß, ist jedenfalls nicht als notwendig einzusehen. […] wenn es nur gewiß wäre, daß die Geister, denen mit den uns nur allzu vertrauten Klängen gerade jener Instrumente gerufen wird, lauter reine Geister sind! Für Orgelsolovorträge jedenfalls dürfte in der kirchlichen Liturgie kein Raum sein – auch nicht in Form der so beliebten Vor- und Nachspiele! (KD IV,3, S. 994)
Aufschlussreiche Funde
Wer diesen Blog öfters liest hat vielleicht meine Abneigung gegen plumpe “Steinzeit-Theorien“ mitbekommen, die zur Erklärung der Unterschiede zwischen Frauen und Männern herangezogen werden. Für mein Empfinden wurden da wahllos und willkürlich Vermutungen angestellt und moderne Stereotypen zurückprojiziert. Etwa die Vorstellung, die Frauen hätten in der Höhle Feuer und Kind gehütet, während die Männer hinaus zogen in die große Welt, weshalb sie auch heute noch besser einparken, sich dafür im Kühlschrank nicht zurechtfinden. Solche (wenigstens im Blick auf heutige Verhältnisse) fixen Ideen hat nun ein Forscherteam widerlegt: Bei den frühen afrikanischen „Vorfahren“ des homo sapiens kamen die Frauen deutlich weiter herum als die Männer.
Ein andere Abneigung gilt den gelegentlich arg funktionalen und simplen „Erklärungen“ zum Ursprung von Glaube und Religion. Und auch hier scheint sich eine Wende anzudeuten. In der aktuellen Ausgabe berichtet National Geographic von den Ausgrabungen in Göbekli Tepe, unweit der Quelle von Euphrat und Tigris. Dort wird gerade die älteste Tempelanlage der Welt ausgegraben, und die Funde deuten darauf hin, dass die bisherige Annahme – Ackerbau führt zur Siedlungsgründung und diese ist die Voraussetzung für die Entstehung der ersten Religionen – revisionsbedürftig ist. Es könnte gut sein, dass „Religion“ der Grund dafür war, dass viele Menschen sich versammelten und Ackerbau in größerem Stil nötig wurde, um sie zu versorgen.
Menschen sind also nicht einfach irgendwann religiös geworden, vielleicht waren sie es schon immer – was im Umkehrschluss auch bedeuten könnte, dass sie es womöglich auch bleiben und kaum als „Krankheit“ (Dawkins etwa spricht polemisch von einem „Virus“) gedeutet werden können, die eine ursprünglich „gesunde“ Menschheit irgendwann einmal befallen hat. Der deutsche Archäologe Klaus Schmidt sagt im Interview kurz und knapp: „Der Mensch hatte immer religiöse Gedanken. Das unterscheidet ihn vom Tier.“
Vielleicht gibt es früher oder später auch wieder andere Entdeckungen und neue Thesen. So oder so finde ich es gut, dran zu denken, dass es in all diesen Fragen keineswegs immer so einfach und eindeutig ist, wie es oft dargestellt wird.
Kapstadt und eine christliche Postmoderne
Beim gestern schon erwähnten „Runden Tisch“ war eine gewisse Grundspannung hörbar. Da war einerseits Volker Gäckles eher (er)nüchtern(d)e Frage, ob sich der Kongress von Kapstadt und das Cape Town Commitment in seinen „ethischen Passagen“, die den Schwerpunkt bilden, nicht nur der gewachsenen und verstärkt wahrgenommenen Weltverantwortung der Bewegung gestellt, sondern sich mit der Fülle und Komplexität der Themen nicht zu viel vorgenommen und zugemutet haben könnte. Auch die Frage nach einem „Machbarkeitswahn“ eher reformiert-angelsächsischer Provenienz stand im Raum, deren Kontrast die lutherisch-teutonische Selbstbescheidung der Kirche auf die Rechtfertigung des Sünders bildet.
Den Gegenpol bildete Ansgar Hörstings engagierter Aufruf, doch endlich „Maximalisten“ zu werden, wobei die konkrete Näherbestimmung seines Schlagwortes so ausfiel, dass sich kaum jemand noch freiwillig als „Minimalist“ geoutet hätte, der Gott weniger zutraut, als dass er über Bitten und Verstehen unvorstellbar viel Gutes bewirken möchte.
Zwischendurch geisterte auch immer wieder der Begriff „postmodern“ durch die Debatte, in der Regel als vages Synonym für Dinge, die uneinheitlich, widersprüchlich oder einfach nur fremd erscheinen.
Vielleicht könnte das Neue, das alle zu fassen suchten, besser mit der vorsichtigen (mehr ist es noch nicht) Abkehr von Totalitätsansprüchen aller Art beschrieben werden. Wenn das so ist, und wenn die ethischen Appelle gar nicht darauf abzielen, den Himmel auf Erden zu schaffen, sondern nur darauf, das jeweils Mögliche zu tun und damit ein Zeichen zu setzen, dass Gott (und mit ihm sein Volk) sich nicht einfach abfindet mit Unrecht, Leid und heilloser Zerrüttung, deren endgültiges Ende zwar erst Gottes neue Welt bringt, die aber auch jetzt unter den Bedingungen der alten Welt – freilich immer wieder von Neuem – überwunden werden können. dann könnte man doch gut damit leben. Und wenn das einherginge mit dem Verzicht auf theologische Totalitätsansprüche (z.B. auf Unfehlbarkeiten jeglicher Art), dann wäre damit nur die Türe für vertiefte Ökumene und einen respektvollen, aber auch klaren Dialog mit anderen Religionen geöffnet.
Der für (die Postmoderne kennzeichnende) Verzicht auf einen Totalitätsanspruch – darauf, sich der irreduzibel komplexen Welt in einer umfassenden Theorie oder auch einer alle Probleme lösenden Praxis zu bemächtigen – muss keineswegs in einen radikalen oder auch nur naiven Relativismus führen, wie mancher vielleicht minimalistisch-pessimistisch argwöhnt. Man kann ihn christlich auch als die Demut interpretieren, dass unser Tun und Erkennen Stückwerk bleibt. Als dieses Stückwerk ist es aber keineswegs wertlos und kein Grund, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Insofern wäre Capetown 2010 mit seiner Tendenz zu einer Hermeneutik der Liebe und deren Praxis vielleicht tatsächlich ein Schritt in eine christliche Postmoderne.
Himmel, Hölle und die „Reichen“
Mich beschäftigt immer noch ein Beitrag zum Runden Tisch Evangelisation im Rückblick auf den Kongress von Kapstadt. Die Frage, die dort aufgeworfen wurde, lautete: Immunisiert unser Wohlstand Menschen gegen das Evangelium? Wie gehen wir mit Menschen um, die – so weit wir sehen können – ganz zufrieden leben und materiell gesichert sind? Müsste man, so die Frage, nicht wieder mehr über Himmel und Hölle predigen?
Mag sein. Gern über die real und global existierende Hölle der Armut (die wir nur zu gern ignorieren, wo wir auf sie stoßen), biblische (Sozial-)Kritik an Gier und Reichtum und über die quälenden Sorgen, die sowohl der Mangel als auch der Reichtum (man könnte ihn ja verlieren) hervorrufen. Die Drohung mit einer rein jenseitigen Hölle bliebt aber (zumal wenn man ihre Ansätze oder Spuren in der Gegenwart nicht aufzeigen kann, sei also nicht auch eine schon gegenwärtige wäre) ebenso unbefriedigend wie das Winken mit einem rein jenseitigen Himmel, dessen Schilderungen zudem oft nach endlosen Gottesdiensten klingen, die viele schon im irdischen Kurzformat als langweilig empfinden.
Wenn „der Himmel“ – die Herrschaft Gottes, seine neue Welt – schon jetzt eine (wenn auch erst in Ansätzen) erfahrbare Wirklichkeit ist, dann wäre doch die theologische Arbeit, die es im Blick auf Wohlhabende (die Definition des Begriffs lassen wir mal dahingestellt sein) zu leisten gilt, die Beantwortung der Frage: Welche gute Nachricht haben wir eigentlich jemandem zu sagen, der materiell schon “alles hat“? Anders herum gefragt: Ist unser Evangelium beziehungsweise unsere Verkündigung so defizitorientiert, dass wir, wie Bonhoeffer schon bemängelte, immer nur beim Mangel ansetzen können, um dann „Lösungen“ anzubieten? Und könnte das ein Indiz für eine theologische Engführung sein, die schon seit Generationen besteht? Immerhin stammen die folgenden Worte aus dem Jahr 1944:
Die Religiösen sprechen von Gott, wenn menschliche Erkenntnis (manchmal schon aus Denkfaulheit) zu Ende ist oder wenn menschliche Kräfte versagen – es ist eigentlich immer der deus ex machina, den sie aufmarschieren lassen, entweder zur Scheinlösung unlösbarer Probleme oder als Kraft bei menschlichem Versagen, immer also in Ausnutzung menschlicher Schwäche bzw. an den menschlichen Grenzen: das hält zwangsläufig immer nur solange vor, bis die Menschen aus eigener Kraft die Grenzen etwas weiter hinausschieben und Gott als deus ex machina überflüssig wird; das Reden von den menschlichen Grenzen ist mir überhaupt fragwürdig geworden (ist der Tod heute, da die Menschen ihn kaum noch fürchten, und die Sünde, die die Menschen kaum noch begreifen, noch eine echte Grenze?), es scheint mir immer, wir wollten dadurch nur ängstlich Raum aussparen für Gott; – ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, nicht in den Schwächen, sondern in der Kraft, nicht also bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen. An den Grenzen scheint es mir besser, zu schweigen und das Unlösbare ungelöst zu lassen. Der Auferstehungsglaube ist nicht die „Lösung“ des Todesproblems. Das „Jenseits” Gottes ist nicht das Jenseits unseres Erkenntnisvermögens!
Verfolgte Unschuld?
Ratko Mladic ist – das entbehrt nicht einer gewissen Ironie – in den Niederlanden eingetroffen und die Welt wartet auf den Prozess wegen Völkermords. Der Mann behauptet natürlich, er sei unschuldig. Anlass genug, hier einen kleinen Auszug aus Mirolsav Volfs „Exclusion and Embrace“ zu posten. Das Buch entstand Ende der Neunziger aus den Erfahrungen der Balkankriege. Der Mord fängt – das lässt im Blick auf die Rhetorik der erstarkten FPÖ in Österreich auch Sorgen aufkommen – schon mit dem Reden an:
Wenn die Sprache und Denke der Exklusion – wir können das „symbolische Exklusion“ nennen – moralisch dazu dient, die Praxis der Exklusion zu untermauern, sollten wir davor gewarnt sein, sie auf „Ignoranz“ zurückzuführen, in ihr ein „fehlendes Wissen“, „Uneinsichtigkeit“ oder „verarmte Phantasie“ zu sehen […] Bosheit als Ignoranz setzt zu viel falsche Unschuld voraus und erzeugt zu viele trügerische Hoffnungen. Es impliziert, dass die Verderbnis der Übeltäter in erster Linie eine Frage des Verstandes ist, dem mit anständiger Aufklärung abgeholfen werden kann. Sowohl die christliche Tradition als auch die Erfahrung lehren uns, das dies selten der Fall ist. Symbolische Exklusion ist oft eine Entstellung des anderen, nicht bloßes Unwissen in Bezug auf ihn; sie ist eine willentliche Fehlkonstruktion, kein Versagen der Erkenntnis. Wir dämonisieren und bezeichnen andere als Tiere, nicht, weil wir es nicht besser wüssten, sondern weil wir uns weigern, das Offensichtliche anzuerkennen, und uns dafür entscheiden, nur das zu wissen, was unseren Interessen dient. Dass wir unsere Verzerrungen dennoch für schlichte Wahrheiten halten ist kein Gegenargument; es unterstreicht nur, dass das Böse fähig ist, ein gedankliches Umfeld zu erzeugen, in dem es unerkannt gedeihen kann.
Die „Praxis der Exklusion“ und die „Sprache der Exklusion“ gehen Hand in Hand mit einer ganzen reihe von emotionalen Reaktionen auf den anderen, die von Hass bis Gleichgültigkeit reichen; diese Exklusionen rufen emotionale Reaktionen hervor und werden zugleich von ihnen aufrecht erhalten. Bevor Jitzchak Rabin 1995 ermordet wurde, trugen rechtsgerichtete israelische Demonstranten Plakate herum, auf denen er wie Yassir Arafat dargestellt wurde, mit einer Kufiya auf dem Kopf und Blut, das von seinen Händen tropfte. Das Bild diente dazu, Hass zu erzeugen, den Widerwillen gegenüber dem anderen, der sich aus dem Gefühl, Schaden oder Unrecht erlitten zu haben, nährt, und von der Demütigung befeuert wird, das nicht verhindert haben zu können […]. Einige der brutalsten Akte von Exklusion beruhen auf Hass, und wenn die allgemeine Geschichte der Menschen und Gruppen nicht genug Gründe zum Hass liefert, werden die Meister der Exklusion die Geschichte umschreiben und Unrecht erfinden, um Hass zu erzeugen.
Mehr von Miroslav Volf über das Thema Versöhnung nächstes Jahr beim Studientag Gesellschaftstranformation am 18. Februar 2012.
Barth Missional (15): Die Vielfalt der Gemeinde
Lange vor fresh expressions und mixed economies ging Karl Barth in KD IV,3 dem Wirken des Geistes in der Gemeinde nach und erkundete die charakteristisch christliche Spannung von Einheit und Vielfalt. Auf der Seite der Gemeinde ist Letzteres für ihn der Ausgangspunkt:
Der Heilige Geist ist nun einmal kein Gleichmacher. Und so kann die christliche Gemeinde auch ganz abgesehen von der natürlichen Individualität ihrer Angehörigen und von deren Gefahren keine Kaserne, können ihre Angehörigen nicht deren uniformierte Bewohner, kann ihr Tun nicht die Ausführung eines ihnen allen gleichmäßig eingedrillten Manövers sein. (KD IV,3 S. 981)
Von daher ist es nur noch ein kurzer Schritt zum folgenden Gedanken, dass die Gemeinschaft der Kirche aus unterschiedlichen Gemeinschaften besteht, die den allgemeinen Auftrag in vielfältigen Formen und Konkretionen leben, ohne dass
die die ganze Gemeinde konstituierende «Gemeinschaft des Heiligen Geistes» ( 2. Kor. 13, 13), in der die Einzelnen sich allein ernsthaft an ihrem Dienst und Zeugnis beteiligen können, aus der sie also unter keinen Umständen heraustreten dürfen, wird sich konkret immer in Gestalt von besonderen Gemeinschaften derer darstellen, die sich im Rahmen des einen Tuns der einen Gemeinde im Besonderen zu einem gleichen oder doch ähnlichen Tun berufen und begabt finden. Sie darf, sie muß sich entfalten in besonderen Arbeitsgemeinschaften, zu denen dann nicht ohne weiteres alle Christen gehören können und werden,
Diese besonderen Gemeinschaften sind erwünscht und nötig, gerade weil es um den einen Auftrag der einen Kirche geht. Und wo es um den tatsächlich geht, ist es auch völlig in Ordnung, dass nicht alle Christen dort ihren Platz sehen und sich an dieser konkreten Form des Dienstes beteiligen. Dabei ist nun gerade nicht ein ausgedehntes Filialnetz gemeint, wo überall alles dasselbe tun und die Unterschiede nur geografischer Natur sind, sondern ganz unterschiedliche Typen von kirchlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Freilich dürfen sie nie zum Selbstzweck werden, keine „auf die Befriedigung gewisser gemeinsam empfundener seelischer Bedürfnisse bedachte Zusammenrottungen von Gleichgesinnten oder Gleichgestimmten“. Wo diese Gefahr nun gesehen wird,
… da ist es nicht nur zu begrüßen, sondern zu fordern, daß es im Rahmen der allgemeinen Gemeinschaft aller Christen auch zur Entstehung und zum Bestand besonderer Gemeinschaften Einiger oder Vieler unter ihnen kommt. Gerade in der Vielzahl solcher Arbeits-, Dienst- und Zeugnisgemeinschaften wird dann die Einzahl der lebendigen Gemeinde des lebendigen Jesus Christus nur um so kräftiger wirksam und sichtbar werden.
Barth missional (14): Ein Gleichnis zum Mitmachen
Der Auftrag der christlichen Gemeinde ist es, der Welt das „Gleichnis der suchenden Vaterliebe Gottes“ vor Augen zu stellen, schreibt Barth. Sie kann dabei nicht mehr als ein Zeichen geben, einen „innerweltlichen Anstoß“, der Menschen zum Aufbrechen und Aufmerken veranlasst, mehr nicht. Die Mneschen, an dies sie sich wendet, soll sie dabei in dieses Gleichnis einbeziehen. Sie überschreitet oder verwischt damit bestehende Grenzen. Wie diese Art der Mit-Teilung gemeint ist, beschreibt er so:
Evangelische Anrede als Zeugendienst der Gemeinde heißt: alle Menschen, jeden Menschen nah und fern zum vornherein und ohne Federlesens zu machen (als die großen Sünder, die sie, wie übrigens auch die Glieder der Gemeinde selbst, sind), im wörtlichsten Sinn «ins Bild setzen», d. h. einbeziehen in das ihnen vorzuführende Gleichnis des Reiches Gottes, in den Umkreis der Gültigkeit des Inhalts des Evangeliums – der Gnade also, des Bundes, der Versöhnung, der in Jesus Christus der Welt zugute geschehenen Erniedrigung Gottes zur Erhebung des Menschen.
In evangelischer Anrede greift die Gemeinde also im vollen Bewußtsein dessen, was sie damit wagt – sie muß es aber wagen! – über die das nicht-christliche Menschenvolk von ihr selbst als dem erwählten und berufenden Volk Gottes unterscheidende Grenze hinaus, nimmt sie diese Grenze gerade damit ernst, daß sie die da draußen – von Optimismus und Pessimismus in ihrer Beurteilung gleich weit entfernt, aber ihrer Sendung getreu – nicht als Juden oder Heiden dieser oder jener Farbe, nicht als Atheisten, Skeptiker oder Indifferente, nicht in ihrem Irrglauben, Aberglauben und Unglauben, auch nicht als die ganzen oder halben Heuchler, als die sie sich ihr darstellen mögen, sondern als das Volk der christiani designati ernst nimmt und anspricht (KD IV,3 S. 978)
Pssst…!
„… sag’s bloß keinem weiter!“, hatte eine Bekannte diese Woche zu ihrer Freundin gesagt, als sie hörte, dass Richard Rohr am 7. Juni zwischen Kirchentag und einem Seminar in Müsterschwarzach in Erlangen Station macht. Sie fürchtete, wenn sich das zu weit herumspricht, könnte die Hütte überfüllt sein.
Den Mann muss man eigentlich nicht vorstellen, seine Bücher sprechen für sich. In den letzten Jahren hat er sich aus katholischer Perspektive mit dem Thema „Emerging Christianity“ befasst, und dazu haben wir Ihn auch eingeladen. Es gibt eine weltweite Konvergenzbewegung – verschiedene Flügel der Christennheit bewegen sich aufeinander zu. Was das bedeuten könnte, auch hier in Deutschland, werden wir am 7. Juni mit ihm bedenken (19.00 Uhr Markuskirche, Sieglitzhofer Str. 4 in Erlangen).
Wer Englisch versteht und sich schon mal einstimmen möchte, kann hier seinen Vortrag am Fuller Seminary ansehen:
Emerging Christianity from Fuller Seminary on Vimeo.
Und wer möchte, darf es selbstverständlich weitersagen. Die Kirche hat ein paar hundert Plätze. Nur zu spät kommen sollte man besser nicht.
Barth Missional (13): Lust und Ernsthaftigkeit
Barth spricht vom dienenden Zeugnis der Gemeinde. Ein Aspekt des Dienstes liegt darin, das Evangelium so zu verkünden, dass es für andere Menschen nachvollziehbar ist. Zu hoch schrauben sollte man die Erwartungen an den „Erfolg“ dabei zwar nicht:
Sie [die Gemeinde] wird sich davor hüten, das, was sie in dieser Richtung tun kann, zu überschätzen, ihr bißchen Erklären für ein göttliches Offenbaren zu halten und auszugeben, um dann enttäuscht und betrübt zu werden, wenn es nicht die Wirkung eines solchen hat. Sie wird sich aber erst recht davor hüten, ihr Pfund zu vergraben, dem Evangelium und den Menschen, an die es sich richtet, den beschränkten, aber bestimmten Dienst nicht zu leisten, den sie in Gestalt der Erklärung ihrer Aussage und also des Evangeliums leisten kann.
Nur weil etwas (die „göttliche Offenbarung“ nämlich) nicht machbar ist, bedeutet nicht, dass man gar nichts dazu beizutragen hätte. Also fügt Barth umgehend hinzu, dass man sich nicht zu schnell damit abfinden darf, nicht verstanden zu werden. Ungeteilte Zustimmung zu erwarten, wäre ein Fehler. Aber wenn einem völliges Unverständnis entgegenschlägt, dann sollte man dies nicht als Zeichen interpretieren, dass man auf dem richtigen Weg ist:
Das dürfte nämlich bei allen … Menschen, ob sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können oder nicht, erreichbar sein, daß ihnen wenigstens die innere Konsistenz und insofern der Sinn der evangelischen Botschaft einleuchte. Erreichte die Gemeinde auch das nicht, dann dürfte ihr zu raten sein, sich zu fragen: ob das nicht an einem Versagen ihres eigenen Aufmerkens auf die innere Klarheit, die Rationalität, die Vernünftigkeit des Evangeliums einerseits und an einer Vernachlässigung der ihr zu Gebote stehenden menschlichen Mittel anderseits liegen möchte? Es dürfte ihr dann zu raten sein, den Fehler bei sich selbst und nicht bei der bösen Welt zu suchen, und darum mit neuer Lust und Ernsthaftigkeit zu neuen Anstrengungen und Versuchen in dieser Richtung aufzubrechen. (KD IV,3 S. 972f.)
Gefragt sind also „neue Anstrengungen und Versuche in dieser Richtung“. Sie beginnen mit dem „eigenen Aufmerken“, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich selbst etwas nicht richtig verstanden habe, wenn ich es anderen nicht erklären kann. Das zuzugeben, ist keine Schande, es zu verdrängen dagegen wäre kirchliche Selbstsabotage. Zweitens geht es um die “Wahl der Mittel“. Welche Formen und Räume der Kommunikation stehen uns offen? Sind die bisher genutzten noch erste Wahl? Das wäre doch etwas, wenn viele Gemeinden sich aufmachten, diese Fragen mit „neuer Lust und Ernsthaftigkeit“ anzugehen!
Unanständige Werbung
Heute flatterte mir mal wieder ein Flyer für ein christliches Trainingsprogramm ins Haus, der rhetorisch nicht gerade bescheiden daherkam. Dinge, an denen manche Leute, die ich lange kenne und deren geistliche Reife ich wirklich schätze, Jahre arbeiten (und auch dann mit recht unterschiedlichem „Erfolg“) erschienen da als Resultate eines recht überschaubaren (aber nicht ganz billigen) Prozesses.
Und ich fragte mich beim Durchlesen: Darf man so etwas eigentlich versprechen, wenn dass zum Teil doch eher Dinge sind, die nur Gott tun kann? Gibt es eine Art freiwiliige Selbstkontrolle christlicher Einrichtungen, die solche Dokumente prüft und gegebenenfalls beanstandet, oder kann jeder schreiben und versprechen (beziehungsweise mehr oder weniger unverblümt in Aussicht stellen), was er will?
Um nicht falsch verstanden zu werden: Manche Dinge können wir tatsächlich „machen“ und das darf man auch gern versprechen. Gute pädagogische Konzepte zum Beispiel oder professionelle Musik. Andere Dinge können wir nicht machen: Ob jemand die professionelle Musik schön findet oder davon emotional tief berührt wird, ob Gemeinschaft tatsächlich als authentisch empfunden wird, das liegt nicht in unserer Hand. Noch viel schwieriger ist es, wenn wir mit göttlichen Offenbarungen und Einblicken winken.
Wir dürfen uns gern vor Gottes Karren spannen lassen. Aber umgekehrt geht das eben nicht. Wie bei dem unsäglichen „die Bibel garantiert es“ zum inzwischen sang- und klanglos verstrichenen Weltuntergangstermin am letzten Wochenende. Die Leute, die darauf hereingefallen sind, haben vielleicht schon lang zu viel fromme Propaganda konsumiert, die mit nicht gerade bescheidenen sprachlichen Mitteln ihre von keinem Zweifel angenagten Gewissheiten von sich gab.
Auch deswegen wäre eine Selbstkontrolle gut. Sie hilft, unnötigen Frust zu verhindern.
Knackiger Dreisatz
Rob Bell und Dallas Willard habe davon gesprochen, dass Gott die Christen retten muss, beziehungsweise dass sie ihm ab und zu verloren gehen, weil sie sich um sich selbst drehen und Kirche zum Selbstzweck machen. Ein paar Jahrzehnte zuvor hat Barth das schon auf diesen prägnant-provokativen – und für seine Verhältnisse unglaublich kurzen – Nenner gebracht:
(1) Die Welt wäre zwar ohne Jesus Christus, ohne sein Werk und Wort verloren.
(2) Die Welt müßte aber nicht verloren sein, wenn es keine Kirche gäbe.
(3) Wogegen die Kirche, ohne in der Welt ihr Gegenüber zu haben, verloren wäre.
KD IV,3, S. 946
„Wie sag ich’s meinem Kinde?“
Vor kurzem hatte ich hier schon – nicht zum ersten Mal – das Problem von Form und Inhalt bedacht. Man stößt auch bei gut gemeinten, aber naiven (und in dieser Naivität auch problematischen) Versuchen von „Kontextualisierung“ auf die irrige Vorstellung, man kenne den Inhalt des Evangeliums hinreichend gut, um ihn objektivieren zu können. Aus einer Botschaft, deren primäres Subjekt Gott ist und bleibt, wird nun ein „Stoff“, den man bearbeiten kann und darf, ein Prozess, dessen Subjekt dann der jeweilige Mensch wird. Karl Barth sieht darin die Grundversuchung des theologischen Konservativismus und schreibt:
wie man die Menschen dieser Gegenwart mit der Kunde von diesem Objekt am besten erreichen, am sichersten für das gewinnen könne, was man für dessen eigene, sichere, keiner Erneuerung bedürftige Erkenntnis halten zu sollen meint, wurde und wird jetzt die Frage. Vermeintlich schon wissend um das, was in der Bibel steht und dann auch schon wissend um den Sinn der ganzen communio sanctorum, aber eben: auch dem Evangelium selbst gegenüber auf hoher Warte, meinte und meint man, nach dieser Seite mit freiem Rücken, munter verfügend zur Tagesordnung, nämlich zur zeitgemäßen Übersetzung, Interpretation und Applikation jenes bekannten Textes, zur kritischen Verarbeitung und Nutzbarmachung jenes Objektes übergehen zu können. (KD IV,3 S. 937)
Mir begegnet das gar nicht selten, dieser Drang von Menschen, sich einer Sache theologisch zu bemächtigen, um „endlich“ zur Anwendung vorzudringen. Das ungute an diesem Pragmatismus (unpraktisch und vage zu bleiben ist durchaus auch eine Versuchung der Christen) liegt darin, dass man sich dabei in eine Situation bringt, in der nur Gewissheiten zählen. Folglich werden die eigenen Ungewissheiten nicht als Chance erkannt, Gott neu zu hören und zu begegnen, sondern nur als lästige Hindernisse auf dem Weg zur Praxis, die alleine zählt.
So gesehen könnte die größte Versuchung die sein, dass man auf die Frage „Was ist das Evangelium?“ wie aus der Pistole geschossen mit drei Sätzen (um mal nicht von vier Gesetzen zu reden) antworten zu können meint…
Barth Missional (12): Ganz oder gar nicht
Zu Beginn des dritten Abschnitts von KD IV,3 kommt Barth, der ja zwischendurch gern die eine oder andere rhetorische Pirouette dreht, ganz unverblümt auf den Punkt. Man darf das in all seiner Wucht erst einmal auf sich wirken lassen. Über die Konsequenzen für das Selbstverständnis, die Gestalt und das Handeln der jeweils eigenen Gemeinde wird man von da aus lange und gründlich nachdenken müssen. Ich überlege gerade, ob ich den folgenden Abschnitt nicht hier irgendwo im Büro aufhängen sollte:
Die christliche Gemeinde ist nicht von ungefähr, nicht aufs Geratewohl, sondern mit einem ganz bestimmten Auftrag in die Welt gesendet. Sie ist nicht vor ihrem Auftrag da, um ihn dann erst zu bekommen. Und sie ist nicht ohne ihn da, so daß die Frage, ob sie ihn habe und auszuführen habe oder nicht, je offen sein könnte. Sie ist ja eben für die Welt da. Ihr Auftrag konstituiert und formiert sie zum vornherein. Er bildet die Mitte und den Horizont ihrer Existenz. Hätte sie ihn nicht bekommen, so wäre sie gar nicht entstanden. Würde sie ihn verlieren, so könnte sie nicht mehr bestehen. Er ist also nicht so etwas wie eine ihr erst verliehene Würde: sie ist überhaupt nur, indem sie ihn, vielmehr: indem er sie hat.
Und er ist nicht so etwas wie eine ihr erst auferlegte Bürde: er ist das ihr unveräußerliche, das sie tragende Fundament. An ihm ist sie in allen Stunden ihrer Geschichte gemessen. Mit ihm steht und fällt sie in allen ihren Lebensäußerungen, in ihrem ganzen Tun und Lassen. Sie versteht sich entweder von ihrem Auftrag her oder sie versteht sich gar nicht. Sie nimmt sich entweder von ihrem Auftrag her ernst, oder sie kann sich gar nicht ernst nehmen. Sie kann auch der Welt nur entweder im Blick auf ihn oder aber gar nicht respektabel werden – es wäre denn, sie imponierte ihr auf Grund von Eigenschaften und Leistungen, die sie mit anderen geschichtlichen Gebilden gemein hat, die mit ihrem besonderen, ihrem eigentümlichen und eigentlichen Sein nichts zu tun haben. Die christliche Gemeinde lebt von und mit ihrem Auftrag.

