Wochenend-Links

Ein paar Artikel aus der zurückliegenden Woche fand ich lesens- und bedenkenswert. Da ist zum einen Kopflos Glücklich von Bernd Ulrich in der Zeit, der darüber nachdenkt, warum die für viele Beobachter unfähigste Regierung der letzten Jahrzehnte den Deutschen die gute Stimmung nicht verdirbt.

Zum anderen ein spannender Artikel in der taz, wo Peter Unfried sich Gedanken über Winfried Kretschmann und die Grünen als Regierungspartei macht, der die andere Seite ausleuchtet, und das (da wird mir vielleicht nicht jeder zustimmen) differenziert und hoffnungsvoll.

Drittens ein deprimierender Bericht aus Kenia über sexuellen Missbrauch, der sich trotz der Wendungen bei Kachelmann und aktuell Strauss-Kahn eher düster darstellt.

Auch nicht sehr ermutigend: Das Thema Klimaschutz, schreibt Fritz Vorholz in der Zeit kommt nicht voran. Erfolge in den reichen Ländern werden von den ärmeren Ländern zunichte gemacht, allerdings ist dann doch wieder unser Konsum daran schuld, dass dort mehr CO2 produziert wird.

Zum Schluss etwas Theologisches und zugleich auch erfreuliches: Der Ökumenische Rat der Kirchen, der Päpstliche Rat für interreligiösen Dialog und die Weltweite Evangelischen Allianz ein gemeinsames Dokument veröffentlicht, in dem man sich auf gemeinsame Werte und Prinzipien einigt und Empfehlungen für die Praxis des „christlichen Zeugnisses in einer multireligiösen Welt“ gibt. Das Dokument ist – bisher nur auf Englisch – hier einzusehen.

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Wer was so sieht…

Neulich – es ist schon eine Weile her – kam das Gespräch auf Person x, die ich kannte. Person y sagte, man sehe x seine Schwierigkeiten ja schon von weitem an und sie frage sich, was dahinterstecke und warum sich da eigentlich nichts spürbar verändere. Das mit dem deutlich sichtbaren Problem war ein zutreffende Beobachtung. Allerdings galt sie auch für y, das hatte ein paar Wochen zuvor Person z einmal besorgt angemerkt.

Ich musste mir deshalb kurz auf die Zunge beißen. Dann fiel mir ein: Bestimmt sind sich sowohl x als auch y der Tatsache bewusst, dass sie keine problemlosen Persönlichkeiten sind. Andererseits haben beide ihre guten Seiten und ausgesprochene Stärken. Wie wir alle.

Manchmal wüsste ich zwar auch gern, wie es ihnen im Einzelnen so geht mit diesen Baustellen, die man von außen sehen kann. Und dann denke ich: Vermutlich auch nicht sehr viel anders als mir mit den Baustellen, die ich bei mir mit einigem Unbehagen sehe – wenn ich sie sehe Vielleicht gibt es bei ihnen aber auch noch ganz andere Themen, von denen ich nichts weiß, die jedoch mehr Kraft kosten und Vorrang haben.

Gut also, wenn man sich in einer Umgebung befindet, in der Probleme weder ignoriert oder totgeschwiegen werden, noch großes Gerede (oder gar Geschrei) entsteht, wenn sie hier und da zum Vorschein kommen, wo aber vielleicht mal ein freundlicher Hinweis kommt, ob man sich dieser oder jener Sache auch selbst bewusst ist.

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Jesus in der Hölle?

Ein interessantes Interview mit Prof. Peter Schäfer über das antike Judentum, den babylonischen Talmud, dessen Jesusbild bzw. -kritk und parallele Entwicklungen jüdischer und christlicher Gotteslehre (da taucht auch der Engel Metatron auf, den mancher noch aus dem Film „Dogma“ kennt).

Einzig die laute Werbung zwischendurch nervt leider etwas.

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Weisheit der Woche: Die Agenten-Regel

Wir würden die Eucharistie […] zutiefst missverstehen, wenn wir sie nur als ein Sakrament der Umarmung Gottes begreifen, dessen glückliche Empfänger wir sind. Ins Herz der Gnade Gottes eingraviert ist die Regel, dass wir nur dann ihre Empfänger sein können, wenn wir uns auch nicht dagegen sträuben, ihre Agenten zu werden. Weil wir von Gott umarmt wurden, müssen wir anderen in uns Raum schaffen und sie einladen – sogar unsere Feinde. Indem wir den gebrochenen Leib Christi und sein vergossenes Blut empfangen, empfangen wir in gewisser Weise alle, die Christus durch sein Leiden angenommen hat.

aus: Miroslav Volf, Exclusion and Embrace, S. 129

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Exzesse und Erklärungen

Neulich kam das Gespräch in einer Runde auf das Phänomen des Vandalismus bei Partys, zu denen Jugendliche ahnungslos oder leichtfertig im Internet einladen. Was sind das für Menschen, war die Frage, die da sinnlos die Häuser der Gastgeber verwüsten?

Ganz normale vermutlich. Vielleicht gibt dieses Interview auf Zeit Online eine Antwort darauf. Der Historiker Hannes Wehr und der Sozialpsychologe Harald Welzer haben sich mit den Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Russland befasst. Ihr Ergebnis: Anders als vermutet, brauchen Soldaten keineswegs eine gewisse „Eingewöhnungszeit“, um zu extremer Gewalt fähig zu werden. Welzer sagt:

Es genügt aber offenbar schon eine Situation, in der Menschen so etwas tun können und dürfen – Gewalt als Erlebnis absoluter Macht. In vielen Truppen herrschte außerdem ein regelrechtes Gewaltklima, in dem es goutiert wurde, wenn Soldaten mit ihren Exzessen prahlten.

Das Angeben in der Gruppe und die Aussicht, ungestraft zu bleiben, sind die entscheidenden Faktoren. Nazi-Ideologie kam freilich noch dazu, war aber wohl von nachrangiger Bedeutung. Vielleicht lässt sich das für die Genozide in jüngerer Zeit auch auch sagen, oder eben für große, unübersichtliche Feten irgendwo nachts, wo eine Clique von Vandalen unerkannt einfallen kann, um hinterher im kleinen Kreis mit der Verwüstung anzugeben, die man hinterlassen hat: auch da ist mehr der Macht- als der Alkoholrausch entscheidend.

Die beunruhigende Frage dabei lautet natürlich auch: Wie stabil ist eigentlich das, was wir „Charakter“ nennen, wenn es vielfach nur die richtigen Umstände braucht, damit aus „anständigen Bürgern“ brutale Monster werden?

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Dreifach beunruhigend

Derzeit beherrscht Griechenland die Schlagzeilen der Nachrichtenseiten. Da gehen andere Dinge unter, die von großer Tragweite sein könnten. Leider gibt es zu keinem dieser Themen gute Nachrichten im Augenblick. Ohne öffentlichen Druck (auf den ist man ja sehr empfindlich in Berlin) wird sich unsere Regierung vermutlich nicht besonders energisch darum kümmern.

Statt sich also zum x-ten Mal unersprießliche Berichte über Streitereien um Kachelmann oder Ballack und Löw reinzuziehen oder uns zu fragen, was Gottschalk nach „Wetten Dass“ nun macht, sollten wir gemeinsam die Erinnerung an folgende Themen der letzten Tage wach halten – und falls jemand für Sonntag noch ein Fürbittengebet schreiben muss, findet er hier reichlich Stoff:

Der ökologische Kollaps der Weltmeere mit unabsehbaren Folgen ist alles andere als unabsehbar. Was dringend nötig wäre: Wirklich nur noch nachhaltig fischen, keine Rohstoffgewinnung in den Ozeanen, keine Schadstoffe mehr einleiten.

Der Meeresspiegel steigt seit Ende des 19. Jahrhunderts schneller als je zuvor in der Geschichte. Alles spricht dafür, dass Treibhausgase die Ursache dafür sind.

Die Holz- und Agrarmafia in Brasilien lässt ihre Gegner systematisch ermorden, um den Regenwald ungestört abholzen zu können. Jüngstes Opfer: José Claudio Ribeiro da Silva. 2005 war es die Ordensschwester Dorothy Stang, die mit dem Leben bezahlte. Hier ein Video, in dem José Claudio Ribeiro da Silva sein Engagement vorstellt:

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Evangelium, Mission und Privatdetektive

Eine nette Analogie stand heute in dieser Meldung der Süddeutschen Zeitung, vielleicht braucht sie jemand mal als Beispiel in einem Gespräch oder einen Predigt:

Ein Mann im US-Bundesstaat Utah hat monatelang als Obdachloser gelebt, obwohl ein dickes Erbe seines Bruders auf ihn wartete. Die Familie des Mannes hatte eigens einen Privatdetektiv angeheuert, um ihn zu finden – doch erst als lokale Medien über den Fall berichteten, kam laut „Deseret News“ der entscheidende Hinweis auf ein Obdachlosenheim in Salt Lake City. Der Mann lebte demnach jahrelang auf der Straße. Künftig werde er genügend Geld haben, „um sich selbst zu versorgen oder jemanden anzustellen, der sich um ihn kümmert“, sagte der Detektiv der Zeitung. Die genaue Erbsumme blieb geheim.

Ich kommentiere das jetzt nicht; wer möchte, kann dazu Römer 8,17 und 10,14ff lesen.

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Tempel und Tümpel

Im Blick auf die ökumensiche Landschaft mit ihren Strömungen wurde ich gestern an das Bild aus Ezechiel 47 erinnert. Dort entspringt im Tempel ein Fluss, der dann nach Osten hinunter ins Jordantal fließt, alles zum Blühen bringt und schließlich das Tote Meer gesund macht – es wird reich an Fischen. Um das Bild völliger Harmonie abzurunden, schiebt der Prophet in Vers 11 dann noch nach:

Die Lachen und Tümpel aber sollen nicht gesund werden; sie sind für die Salzgewinnung bestimmt.

Heute entdecken viele Christen, dass sie bei allen Unterschieden im Grunde zu einem gemeinsamen Strom gehören. Zugleich gibt es überall Gruppen und einzelne, die so viel Einigkeit und die hohe Fließgeschwindigkeit für gefährlich halten und die „klare“, harte Abgrenzung fester Standpunkte suchen. Ins Schwimmen wie der Prophet geraten sie nur sehr ungern. Manchmal wirbeln sie mit ihrem Protest viel Staub auf und manch einer investiert viel Zeit und Kraft, ihnen gut zuzureden – oft mit sehr überschaubarem Erfolg.

Vielleicht sollten wir uns an Pfingsten auf den Strom der Heilung konzentrieren und die ätzende Salzlauge ignorieren. Sie darf in Tümpeln fortbestehen und erfüllt so auch einen Zweck in Gottes Plan. Denn die salzige Brühe. die ungenießbar ist und in größeren Mengen lebensfeindlich wäre, dient nun der Salzgewinnung. In diesen Nischen wird etwas konserviert, was von Zeit zu Zeit und in sehr behutsamer Dosierung wieder nützlich werden kann – Mineralien, die sonst verlorengehen würden. Das spricht dafür, auch mit verbohrten Kritikern gelassen umzugehen. Man muss zwar nicht gutheißen, was sie tun und wie sie es tun, andererseits fließt der große Strom weiter und an seinen Ufern gedeiht so viel Interessantes, dass man sich nicht allzu lange mit ihnen aufzuhalten braucht. Irgendwann entdeckt man bei ihnen dann doch einmal eine (vielleicht sehr einseitige und ungeschickt vertretene) Einsicht, die allen wieder nützt.

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Pfingsten, die Pfingstler und der Zeitgeist

Ich hatte es letzte Woche ja schon erwähnt: an Pfingsten die Misere der Kirchen zu beklagen, ist ein beliebter, aber alles andere als origineller und wohl auch nicht geistreicher Akt. Exemplarisch dieses Zitat eines traditionalistischen Katholiken, Kardinal Brandmüller, aus der SZ online:

In Afrika und Asien sieht der Kardinal den „Geist des Herrn“ noch mächtig wirken, während in Deutschland „das Schiff der Kirche mit schlaffen Segeln zum Spielball des Meeres, das heißt des Zeitgeistes, wird“.

Ähnliche Töne waren auch im evangelikalen Umfeld des Kapstadt-Kongresses immer wieder zu hören: Anderswo boomen die Kirchen, hier nicht, und das liegt natürlich am Zeitgeist. Von dem müssen wir wieder weg. Die Rhetorik erinnert an den Antimodernismus des 19. Jahrhunderts und dessen evangelikales Gegenstück, den Fundamentalismus Anfang des 20. Jahrhunderts.

Dabei spielt der Zeitgeist eben auch eine gewichtige Rolle beim Boom. Brian McLaren hat schon bei seinem Besuch 2007 darauf hingewiesen, dass das kirchliche Wachstum fast immer im Zuge von Modernisierungsprozessen stattfindet. Deswegen Afrika und Asien. Und Yan Suarsana beschreibt in dem hier schon erwähnten Buch Christentum 2.0, dass der Erfolg der Pfingstbewegung (zu der er auch charismatische Bewegungen in den historischen Kirchen rechnet), genau damit zu tun hat, dass sie Menschen beim Übergang aus einer vormodernen in eine moderne Welt dabei hilft, ihre Identität neu zu bestimmen: Manche alten Elemente, etwa des Animismus, werden in die (z.B. in ihrer Nutzung von Technik und Kommunikationsmitteln oder Offenheit für Bildung und sozialen Aufstieg) westlich-modern geprägten, dogmatisch nicht festgelegten Theologie und Spiritualität integriert, etwa im Heilungs- und Befreiungsdienst mancher Prediger und Gemeinden. Sein Fazit:

In vielen afrikanischen Ländern fungiert das pfingstliche Christentum so als „Brücke zwischen zwei Welten“, indem es lokale religiöse Vorstellungen integriert und es damit kompatible macht zu den „sogenannten primitiven Religionen, die charakterisiert sind durch Animismus, Geistbesessenheit, Vergöttlichung, Schamanismus und Prophetie“, sich jedoch gleichzeitig von der alten, vermeintlich überholten Symbolwelt distanziert, indem „Ahnen, Geister, Fetische, Zauberei, Jujus und andere Große Götter von nun allesamt an mit dem Werk des Teufels gleichgesetzt werden“. Um diesen Teilverlust im Vergleich zur bisherigen Plausibilitätsstruktur zu kompensieren, wird auf der anderen Seite das Tor zu Neuem geöffnet: Zum einen ist dies eine neue religiöse, dezidiert christliche Plausibilitätsstruktur, zum anderen die Befähigung zur Partizipation an der […] neuen Lebensrealität, die geprägt scheint durch einen westlichen Lebensstil (S. 63)

Kaum jemand, den ich kenne, will nun einer plumpen, unkritschen Kontextualisierung des Evangeliums im 21. Jahrhundert das Wort reden und die Fehler der liberalen Theologie oder des Kulturprotestantismus wiederholen. Nur kann man beim Thema „Zeitgeist“ eben auch den gegenteiligen Fehler machen. In der Spät- und Postmoderne sind die meisten Kirchen noch gar nicht angekommen. Es gibt noch keine „funktionierenden Modelle“, die „reproduzierbar“ wären, und es ist noch nicht einmal sicher, dass sie in dem Maße, wir wir das kannten, wieder existieren werden.

Dass das Christentum dort wächst und hier nicht, ist nämlich beides dem Zeitgeist geschuldet. Die Aufgaben, die es hier zu lösen gilt, bekommen wir nicht in den Griff, indem wir versuchen, diese Erfolgsgeschichten zu imitieren. Das ist der Fehler an der konservativen Rolle rückwärts. Auch dieses Denkmuster der Verweigerung ist übrigens keineswegs typisch christlich – es blüht überall da, wo die Angst vor dem sozialen und gesellschaftlichen Abstieg die Runde macht.

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Ist Gott grün?

Diese Frage warf jemand letzte Woche in einer e-mail auf. Seither habe ich immer mal wieder darüber nachgedacht. Mein erster Gedanke dazu war: Einen farblosen Gott kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Man kann Gott nun mit allen möglichen Farben in Verbindung bringen. Ich fand ja immer, blau müsse seine Lieblingsfarbe sein, dicht gefolgt von Grün, wenn der Blick an den Himmel bzw. von oben auf die Erde etwas zu sagen hat.

Theologisch korrekter wäre vielleicht die Orientierung am Regenbogen: Das sind so ziemlich alle Farben drin. Mit einer Ausnahme: Schwarz!

Also lautet die korrekte Antwort auf die Frage, ob Gott grün ist: Ich weiß es nicht genau. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er nicht schwarz sein kann. Das sollte zur Orientierung doch ausreichen, oder?

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Allah (7): Hybride Religiosität

Ich habe ein paar Wochen mit anderen Dingen zugebracht und nun wieder Miroslav Volfs Allah. A Christian Response aus dem Regal gezogen.

Nachdem Volf sich viel Zeit genommen hat für die Frage, ob Christen und Muslime zu einem Gott beten, wenn auch in unterschiedlicher Form und mit nur teilweise übereinstimmenden Vorstellungen von diesem Gott, fragt er nun in Kapitel 10, ob damit auch gesagt sei, dass es sich um dieselbe Religion handele.

Das Thema ist ja seit Lessing kontrovers diskutiert worden: Progressive neigen dazu, die Frage zu bejahen und alles vielleicht etwas diffus als Einheit zu betrachten, während Konservative auf allen Seiten den Identitätsverlust fürchten und stark die Abgrenzungen betonen. Aber die eher abstrakte Diskussion hilft nur bedingt weiter. Schon Lessing interessierte sich weniger für die Wahrheitsfrage, sondern die nach dem konkreten Zusammenleben.

Spannungen im konkreten Zusammenleben haben viel mehr mit den konkreten, tatsächlich gelebten Ansichten und Praktiken zu tun als mit dogmatischen Vergleichen. Und praktisch stellt sich durchaus für manche Menschen die Frage, inwiefern man in beiden Welten – der christlichen und muslimischen – zugleich leben kann.

Volf verwirft diesen Gedanken nicht und versucht eine nähere Bestimmung, zunächst mit einer Eingrenzung der Fragestellung. Es ist nicht die Frage, ob Menschen Elemente verschiedener Glaubenstraditionen verknüpfen dürfen (es steht ihnen frei), ob Glaube kulturell verschiedene Formen haben darf (darf er), ob man von anderen religiösen Gemeinschaften Dinge lernen und übernehmen kann (auch das ist legitim und manchmal sogar wünschenswert) oder schließlich eine religiöse Identität gegen eine andere tauschen darf (das ist ohnehin immer fluider geworden).

Es geht immer um Zugehörigkeit, Praktiken und Glaubensansichten zugleich, nicht nur um eines davon. Fragt man von da aus, ob und inwiefern sich Christusnachfolge und eine Identifikation als Muslim (das erforscht Volfs Kollege in Yale, Joseph Cumming) kombinieren lassen, so ist von christlicher Seite aus zu fragen:

  • ob jemand im Namen des dreieinigen Gottes getauft ist
  • ob er sich zu Jesus Christus als Herrn bekennt, in dem Gott menschliches Fleisch angenommen hat
  • ob er Gottes Geschenk des neuen Lebens durch Christus angenommen hat

Damit wäre Christsein auch dann konstituiert, wenn es sich um ein unreifes, uninformiertes oder gelegentlich auch unethisches Christsein handelt. Wenn jemand diese Bedingungen erfüllt, dann kann er fünfmal am Tag beten oder den Ramadan Einhelten und Mohammed als einen (!) Propheten betrachten und trotzdem Christ sein. Offen bliebe lediglich die Frage, ob er aus islamischer Sicht als genuiner Muslim gelten kann.

Die Schwierigkeiten, die solche eine hybride Religiosität mit sich bringt (Volf bestreitet das gar nicht) sind angenehmer als die, die durch Verachtung, Feindseligkeit und Gewalttätigkeit entstehen – und die gelegentlich auch die Missionspraxis geprägt haben (darum geht es im folgenden Kapitel).

(Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6  dieser Reihe. Wer unten kommentieren möchte, kann sich dort über den bisherigen Verlauf der Diskussion und ihre Grenzen orientieren)

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Richard Rohr: der Mittschnitt vom Dienstag

Es war eine sehr anregende und angenehme Begegnung am Dienstag mit Richard Rohr. In mancher Hinsicht hat er mich an Brian McLaren erinnert. Die beiden können provokativ denken und reden, zugleich aber sind sie sehr freundliche, warmherzige und aufgeschlossene Menschen, in deren Nähe zumindest ich mich sehr wohl fühle.

Aber damit sich jeder selbst ein Bild machen kann, hier der Mitschnitt aus der leider etwas „halligen“ Kirche (vielen Dank an Daniel Siegel fürs Aufnehmen und Daniel Ehniss fürs Online stellen!):

 

Richard Rohr – Emerging Christianity from EmergentDE on Vimeo.

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Feuerwerks-Spiritualität

wordfoto.jpgPfingsten ist insofern ein anderer Fall als die anderen Feste des Kirchenjahres, als sich an diesem Tag die Frage der Wiederholbarkeit – besser noch: der Reproduzierbarkeit – des gefeierten Ereignisses stellt. Während das bei Weihnachten und Ostern gelegentlich in der Sprache der Mystik oder Herzensfrömmigkeit noch gesagt wird, dass Christus im Innern des Glaubenden geboren werden oder auferstehen müsse, erwartet doch niemand im Weihnachts- oder Ostergottesdienst irgendein kollektives Erleben, das einer tatsächlichen Wiederholung entspräche, vielmehr geht es um eine vertiefte Aneignung der Botschaft schon geschehener Dinge.

An Pfingsten jedoch wird das Ereignis im jerusalemer Obergemach oft mit der dunklen Folie der eigenen kirchlichen Schwachheit, Leere, Müdigkeit oder Resignation in ein Kontrastverhältnis gesetzt („in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit“) und dann der Kontrast zur vitalen Urchristenheit (“die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit“) aufgemacht. Oder gern auch zum Wachstum der Kirchen in der südlichen Hemisphäre, aber eben nicht hier.

Kann man sicher so machen. Nachdem ähnliche Geistausgießungen zwar immer wieder vorkommen, aber weder produzierbar sind noch sich dabei am Verlauf des Kirchenjahres orientieren, könnten wir ja auch einmal den anderen Weg einschlagen, und Gott dafür danken, wo der Geist auch bei uns überall schon wirkt. Das muss ja nicht in geistlose Selbstzufriedenheit münden. Und die in diesem Zusammenhang besonders beliebte Rhetorik des halbleeren Glases kann genauso geistlos sein, weil sie allzu oft suggeriert, die Gegenwart des Geistes sei ein andauerndes Feuerwerk des Außergewöhnlichen.

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Männer und das Väterproblem

Aus der Begegnung mit Richard Rohr ist mir noch sein Schlagwort Men as Learners and Elders (MALEs) im Kopf geblieben. Ich fand das sehr sympathisch. „Elders“ ist dabei schwer zu übersetzen. Gerade im Zusammenhang mit Männern ist ja sonst oft von „Vätern“ die Rede.

Und dann beschleicht mich immer das ungute Gefühl, dass sich hinter diesem Begriff (von dem Jesus ja nun expressis verbis abrät!) ein ähnliches Ziel verbirgt, allerdings mit einem problematischen Beigeschmack: „Väter“ impliziert ein gewisses, vor allem bleibendes, Autoritätsgefälle und zumindest in manchen Kontexten auch keine klare Abgrenzung gegen ungute emotionale Abhängigkeiten, die sich daraus entwickeln können, gerade wenn jemand mit Defiziten und Traumata in jemand anderem seinen „Vater“ entdeckt und dieser die väterliche Rolle einnimmt.

Zugleich halte ich die Spannung, Lernender zu bleiben und mit der schon erlangten vorläufigen Weisheit oder dem eigenen Beispiel anderen behutsam zu helfen, für ziemlich gesund. Auch das wird ja bei denen, die so gern und oft von „Vaterschaft“ reden, nicht immer ebenso nachdrücklich betont.

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