Ein Engel in Schwarz

Kürzlich begleitete ich einen Mitarbeiter der Kirchengemeinde in eine Flüchtlingsunterkunft. Es wurde allmählich dämmrig, als wir das abgelegene Gelände betraten. Ein Schlagbaum versperrte die Einfahrt. Als wir den zu Fuß umkurvten, näherte sich ein in Schwarz gekleideter Wachmann und sprach uns an.

Mir kamen sofort diverse Presseberichte in den Sinn, die alle davon handelten, wie Mitarbeiter von Security-Firmen Flüchtlinge schikanierten und Helfer abwimmelten. War das auch so einer?

Steve Halama

Wir kamen ins Gespräch, und unser Gegenüber erzählte uns, wie friedlich und angenehm die Geflüchteten seien. Und zwar nicht nur hier, sondern überall in der Stadt. Niemand brauche sich zu fürchten. Und dass man es doch verstehen müsse, wenn ein Geflüchteter Frust schiebe, weil er von Behördenmitarbeitern unfreundlich behandelt wird, unter miesen Bedingungen lebt und trotz bester Voraussetzungen keine Ausbildung oder Arbeit antreten darf. Er wurde richtig leidenschaftlich, als er auf die Ungerechtigkeit solch arroganter Willkür zu sprechen kam.

Je länger er sprach, desto beschämter betrachtete ich meine anfängliche Voreingenommenheit. Aber dann überwog die Freude, dass da jemand das Herz am rechten Fleck hat. Wenn mir das nächste Mal jemand Unbekanntes in Security-Uniform begegnet, werde ich mich an dieses Erlebnis erinnern. Und erst mal das Beste über ihn denken.

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Freiheit – ein Gedankenpuzzle

Freiheit war das Stichwort, das mich am zurückliegenden Wochenende beschäftigte. Es begann mit einer Diskussion in einer Gruppe. Je länger wir redeten, desto größer wurde für mich die Spannung. Auf der einen Seite stand der bürgerlich-liberale Begriff von Freiheit, der das Individuum in den Mittelpunkt stellt und Freiheit im Wesentlichen negativ bestimmt, als Abwesenheit von äußerem Zwang: Frei bin ich, wenn ich tun und lassen kann, was ich will. Es ist eine asoziale Vorstellung von Freiheit. Denn andere Menschen schränken diese meine Willkür fast unweigerlich ein. Beziehungen, die über das Instrumentelle hinausgehen und Kompromisse erfordern, erweitern oder vertiefen die Freiheit nicht.

Sozial oder solitär?

Ich erinnerte mich an eine Bildersuche zum Stichwort „Freiheit“. Es tauchten darin fast ausnahmslos menschenleere Szenen auf oder eine solitäre Person – bestenfalls noch mit Hund. David Foster Wallace nennt das „die Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreichs zu sein, allein im Mittelpunkt der Schöpfung.“

Die biblischen Vorstellung von Freiheit beginnt nicht mit dem Individuum, sondern immer mit einer Gemeinschaft. Sie ist von Grund auf sozial angelegt. Der Gott Israels befreit keine Ansammlung von Individuen aus der Knechtschaft in Ägypten, sondern sein Volk. Und wenn Paulus im Galaterbrief die Freiheit so mächtig betont, dann spricht er auch da im Plural, nicht im Singular. Biblische Bilder und Schilderungen von Freiheit handeln von Gemeinschaften. Und sie machen ein Aussage über das „wofür“ der Freiheit, nicht nur das „wovon“. Oder, um es noch einmal mit Foster Wallace zu sagen:

Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.

Von Paulus zu Banksy

Parallel hatte ich für den Sonntag noch den Predigttext aus Römer 7 im Kopf. Der thematisiert den Zwiespalt und die Zerrissenheit, die jemand erlebt, der das Gute kennt und eigentlich auch will, aber es einfach nicht tut. Der Grund dafür ist die Macht der Sünde, die alle guten Ansätze korrumpiert und pervertiert. Da wird das Problem der Freiheit insofern verschärft, als der Ursprung der Unfreiheit auch in der Person selbst lokalisiert wird: Wir können die besten Absichten haben und das Schlimmste bewirken.

Das, freilich, hat seine Ursache nicht allein in der menschlichen Psyche: Eine aktuelle Analogie ist vielleicht der Wirbel, den Banksy jüngst mit der Schredder-Aktion seines Werkes Girl with Balloon verursachte. In ersten Kommentaren wurde das als Protest gegen den Kapitalismus und gegen irre Phantasiepreise auf dem Kunstmarkt gefeiert. Dann aber wurde der Ton nachdenklicher und kritischer. Hat Banksy seinen eigenen Rebellen-Mythos (der zum Wert seiner Kunst nicht unwesentlich beiträgt) damit weiter gesteigert? Schließlich las ich, dass die Käuferin das zerschnittene Bild behält (es ist ja noch berühmter). Und dass der Wert durch die Aktion eher gestiegen als gesunken sein dürfte. Der Punkt ist: Ganz egal, was Banksy nun im Sinn hatte, als er seine Aktion bei Sotheby’s einfädelte – der kapitalistische Kunstbetrieb im Zeitalter des Neoliberalismus versilbert es so oder so. Der Protest, wenn es einer war, greift zu kurz.

Verschiedene Dimensionen

Die Sehnsucht nach Freiheit wird nur dann eine Chance auf Erfüllung haben, wenn wir das ganze Bild im Blick behalten. Faire Gesetze und Strukturen, Geschlechter- und Verteilungsgerechtigkeit gehören als äußere Bedingungen ebenso dazu wie der Mut, den Blick in die eigenen Abgründe zu wagen und sich an der eigenen Nase zu fassen. Das schafft Freiheit, den über- und außermenschlichen Inkarnationen von Sünde wie dem Turbokapitalismus ein Schnippchen zu schlagen. Also all jenen Mechanismen, Stimmungen und Strukturen, die menschliches Leid und die Zerstörung der Schöpfung verursachen, verschärfen und verstetigen.


Nick Fewings

Paulus spricht in Römer 7,6 vom „neuen Wesen des Geistes“. Es werden nicht nur Werte und Regeln ausgewechselt, sondern das gesamte Empfinden einer Person ändert sich. Von innen heraus, gewiss, aber mit handfesten Folgen.  Aus einer Haltung der Aufmerksamkeit und Empathie erwächst die Bereitschaft, in aller Freiheit und um der Freiheit willen (der eigenen wie der der anderen) Opfer zu bringen. Es ist die Freiheit, sich hinzugeben und zu verschenken. Ihr Ursprung ist das Herz Gottes, ihr konzentriertester Ausdruck in der Welt das Kreuz Christi.

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Jesus und die Erstklässler

Der Unterrichtsentwurf für die erste Klasse sah vor, den Kindern drei Personen zu zeigen: Ein armes Kind, ein wohlhabendes Kind und eine berühmte Person. Dann sollten die Kinder die drei der Wichtigkeit nach ordnen wie auf einem Siegertreppchen. Das erste Kind legte noch die Berühmtheit auf die Eins. Fast alle weiteren Vorschläge aber zogen das arme Kind vor.

Ich hatte Mühe, beim Zuhören nicht dahinzuschmelzen, musste mich aber im Zaum halten. Denn die Lösung am Ende war so gedacht, dass alle – ob reich oder arm oder normal – gleich wichtig sind: Alle auf die Eins.

Dieser Vorschlag kam gar nicht gut an bei den Kindern. Sie beharrten darauf, dem armen Kind einen Bonus zu geben. Und ich frage mich, ob sie nicht goldrichtig damit liegen: Jesus sagt immerhin im Evangelium, dass die Letzten die ersten sein werden. Das ist etwas anderes als „alle werden die Ersten sein“ oder „es wird keine Letzten mehr geben“.

Im besten Fall wird es die Privilegierten dieser Weltzeit am Ende nicht stören, wenn all jene, die ein härteres Los hatten, einen Ausgleich bekommen. Ganz sicher sind auch sie Gott wichtig. Aber auf dem Weg zu einer gerechten Welt haben manche mehr zu verlieren und andere mehr zu gewinnen. Jesus und die Erstklässler erinnern uns: An der Option für die Armen kommen wir nicht vorbei.

Ich glaube, St. Martin wird ein Festtag für die Kleinen

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Geistreiches Weltbild

Eher zufällig dominiert gerade das Thema Evolution im (stets evolvierenden) Bücherstapel auf meinem Schreibtisch. Irgendwie passend dazu hörte ich neulich den Comedian Michael Mittermeier im Fernsehen sagen, dass Gott, „als er die Evolution erschuf (!)“, sich dieses oder jenes aktuelle Ergebnis auch nicht so vorgestellt hatte. Klar, muss man nicht so ernst nehmen. Trotzdem ein bemerkenswerter Satz: Dem Prozess der Evolution wird eine zielgerichtete Absicht unterstellt. Kein blindes Würfeln. Zufällig oder nicht: Vielleicht können wir Menschen kaum anders reden und denken als so?

Jaredd Craig

Thomas Nagel gehört zu den bekannten Stimmen in der Philosophie. Vor ein paar Jahren riskierte er seinen guten Ruf, indem er sich kritisch mit dem reduktiven Materialismus als der bevorzugten Erklärung für die Evolution der Welt befasste: Geist und Kosmos heißt sein Versuch. Der Untertitel – „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ – liest sich wie eine kleine Kampfansage. Entsprechend ungnädig fielen die Reaktionen aus, als das Buch 2012 in den USA erschien. Dabei verzichtet Nagel in seiner nüchternen Darstellung auf Polemik. In Deutschland verlief die Rezeption hingegen positiver.

Auch für Theologen von Interesse

Spannend ist die Lektüre deswegen, weil Nagel sich explizit von allen religiösen Erklärungen distanziert – auch von Kreationismus und Intelligent Design. Er sucht nicht den Dialog mit Glaube und Religion. Stattdessen diskutiert er als Philosoph mit seiner eigenen Zunft und das Verhältnis zu den Naturwissenschaften. Für Theologen gleichwohl interessant ist dabei

  • erstens seine Kritik am gegenwärtigen Geltungsanspruch strikt materialistischer Welterklärung,
  • zweitens seine Suche nach alternativen Ansätzen und
  • drittens seine Aussagen zum Verhältnis von Geist und Materie (er ist eher Monist als Dualist, folgt mehr Spinoza als Descartes) wie auch zum Problem von Leib und Seele.

Seine durchdachte Dekonstruktion der strikt materialistischen Erzählung finde ich interessanter als die Spekulationen und Andeutungen einer möglichen Alternative. Er möchte das Problem teleologisch lösen, nicht intentional (wie Mittermeier, wenn er Gott ins Spiel bringt). Letzteres würde bedeuten: Die Absicht eines Schöpfers ist der Grund dafür, dass die Welt ist, wie sie ist. Ersteres bedeutet: Es liegt in der Natur der Dinge, dass sie sich nicht nach dem Muster eines blinden Zufalls entwickelt haben. Sondern relativ zielgerichtet, nämlich in Richtung auf Richtung Geist, Bewusstsein, Vernunft und Moral.

Denn – und damit sind wir bei den Kulturkämpfen unserer Zeit, die sich 2012 bestenfalls vage abzeichneten – wenn Wahrheit und Werte nicht realistisch verstanden werden können (d.h. sie existieren unabhängig davon, ob sie mir bewusst sind oder ich sie anerkenne), sondern rein subjektivistisch oder konstruktivistisch (im pragmatischen Sinne evolutionärer Nützlichkeit und Vorteilhaftigkeit oder einer rein willkürlichen kulturellen Präferenz), dann werden das Zusammenleben und alle Konfliktlösungen schwierig.

Wichtige Unterscheidungen

Ein paar Sätze zu Nagels methodischem Vorgehen: Mit der Urknall-Hypothese ist nach der Biologie (da war es Darwin) auch die physikalische Kosmologie zu einer historischen Wissenschaft geworden. Das rückt sie in die Nähe von und bringt sie ins Gespräch mit den Geisteswissenschaften. Das Vorhandensein von Leben, Bewusstsein (bzw. Geist) und Werten als Resultat dieser Geschichte verlangt nach einer Erklärung:

Eine angemessene Konzeption des Kosmos muss mit ihren Mitteln erklären können, wie er zur Entstehung von Wesen führen konnte, die fähig sind, erfolgreich darüber nachzudenken, was gut und schlecht, richtig und falsch ist,  und die moralische und evaluative Wahrheiten entdecken können, die nicht von ihren eigenen Überzeugungen abhängen. (S. 152)

Alle wissenschaftlichen Erklärungen, sagt Nagel, müssen sowohl konstitutiv als auch historisch funktionieren: Sie müssen sowohl die Bedingung der Möglichkeit vernünftiger Wesen plausibel machen als auch den konkreten Prozess, der schließlich dazu geführt hat, dass Menschen heute über Evolution, Politik und Werte diskutieren.

Dabei können sie drei unterschiedliche Wege verfolgen:

  • Den kausalen Ansatz der Analyse der Ursachen und Elemente,
  • den teleologischen Ansatz, der vom komplexen Ergebnis her nach den Prinzipien der Selbstorganisation des Lebens fragt,
  • oder den intentionalistischen, der die Absicht eines Schöpfers im Vorhandensein und den Strukturen der Welt erkennt.

Die dritte Lösung lehnt Nagel für sich persönlich ab. Aber er merkt auch an, dass er die erste Variante einer quasi geistlosen, weil rein materiellen Kausalität für ein ebenso großes Wunder hält – und damit für äußerst unwahrscheinlich. Bewusstsein, Vernunft, Wahrheit und Verantwortung als vom Zufall generierte Epiphänomene zu beschreiben, hält er für unangemessen (in eine ähnliche Richtung denkt Patrick Spät in „Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein“, auf das ich vor ein paar Jahren durch die Rezension von Michael Blume stieß).

Theologisch  interessant ist gleichwohl Nagels Vorschlag, Geist als etwas zu verstehen, das der Materie weder geschichtlich noch sachlich nachgeordnet ist. Sondern als etwas, das die Evolution des Kosmos von Anfang an bestimmt und das überall wirkt. Das wäre doch ein Projekt, an dem sich unter Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftlern gemeinsam arbeiten ließe. Und auch wenn ich das Stichwort bei Nagel nicht explizit gefunden habe – ist das Bemühen um eine holistische Sicht der Welt nicht auch ein Schritt in diese Richtung?

Nachtrag (13.10.): Harald Lesch geht als Physiker in diesem Vortrag den von Nagel aufgeworfenen Fragen  nach. Er bewertet das Konzept der Emergenz positiver als Nagel, teilt aber dessen Kritik am Reduktionismus. Immaterielle Dinge haben kausalen Einfluss, sagt Lesch, und höhere Ebenen beeinflussen niedrigere, während sie umgekehrt nicht von den niedrigeren Ebenen umfassend bestimmt werden.

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Barmherzigkeit triumphiert

Diese Formulierung aus dem Predigttext von heute klingt immer noch nach. In einer Zeit, in der sich Gesellschaften spalten und in der viele politische Auseinandersetzungen immer unbarmherziger geführt werden, klingt das wie eine Stimme aus einer fremden Welt.

Vielleicht ist es ja das, was wir wieder neu in den Mittelpunkt rücken müssen. Barmherzigkeit heißt doch: Auch die Person auf der anderen Seite des Grabens, der sich zwischen uns auftut, hat Anspruch auf mein Mitgefühl. Der Graben ist zudem weit weniger tief und fundamental, als er oft scheint. In Wirklichkeit verbindet uns viel mehr, als uns trennt: Meinungen und Überzeugungen trennen uns, aber die können wir verändern und auswechseln. Was unveränderlich bleibt, das ist unser verletzliches Menschsein, unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste und Schmerzen.

Joey Yu

Vielleicht erleben wir das noch einmal: Barmherzigkeit triumphiert über das Verurteilen. Denen gegenüber, die andere besonders vehement verurteilen, barmherzig zu bleiben, ist freilich ein Kunststück. Recht geben können wir ihnen ja nicht. Sie mit derselben Abscheu zu verurteilen, mit der sie anderen begegnen, würde aber bedeuten, denselben Fehler zu begehen wie sie. Nein, diese Unterschiede werden erst einmal bleiben und man darf sie auch offen benennen.

Aber parallel dazu könnte es Wege geben, im Kleinen wie im Großen, die Gemeinsamkeiten wieder stark zu machen. Kirche wäre ein Ort, das auch abseits der Tagespolitik immer wieder geduldig zu üben und andere dazu einzuladen.

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Memento

Im Umkleideraum eines Nürnberger Friedhofes steht ein Kassettenrecorder auf dem Fenstersims.  Er ist alt, etwas staubig und die Abdeckklappe ist herausgebrochen. Schwer zu sagen, ob er noch benutzt wird oder nur deswegen nicht in den Müll gewandert ist, weil niemand mehr weiß, wem er gehört.

Eigentlich passt er gar nicht so schlecht an diesen Ort: Auf seine Art ist er auch ein Memento Mori.  Es ist schon Jahre her, dass ich eine Kassette in der Hand hatte. Und dann auch nur, um sie wegzuwerfen.

Ich spüre einen Anflug von Nostalgie: So vergänglich ist Technik. Immerhin, Vinylplatten erleben ein Comeback im Smartphone-Zeitalter. Es gibt also in der Welt der Tonträger so etwas wie eine Auferstehung.

Steht der traurige Kassettenrekorder noch lange genug herum, um die Auferstehung seines Systems zu erleben? Ich kann gut ohne die ollen Magnetbänder leben. Es gibt ja die Vorstellung, dass Gott uns Menschen bis zur Neuschöpfung der Welt im Gedächtnis hält. Quasi ein Speichermedium, das seit Milliarden von Jahren funktioniert, ohne an Kapazitätsgrenzen zu stoßen, dem Verschleiß zu erliegen oder inkompatibel zu werden.

Als wäre ich ein Song auf seinem großen Mixtape. Und irgendwann holt er es hervor, spielt es ab und singt dazu. Und während er singt, passiert das, was immer passiert: Seine Worte werden fassbare und fühlbare Wirklichkeit.

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Paradoxe Heimat

Inzwischen wirbt sogar die Piratenpartei mit dem Thema Heimat. Eine weitgehend grüne Landschaft von oben ist zu sehen. Wahrscheinlich ist das piratentypische daran, dass es von einer Drohne fotografiert wurde.

Soll man das als Signal der Verzweiflung verstehen, oder als Aufhänger für einen eigenständigen Diskussionsbeitrag? Es scheint, dass auch die Piraten um dieses Thema nicht herumkommen. Beispiellos unpopulär indes: Heimatminister Seehofer. Irgendwas ist faul mit dieser Heimat. Nicht nur im Wahlkampf.

Mehrfach habe ich in den letzten Wochen gehört: Christen haben ihre Heimat „im Himmel“. So weit, so korrekt. Die Tageslosung vom 13. September wirft ein interessantes Licht darauf: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.“ (2.Mose 23,20) Sie ist eine Art Pendant zu dieser Aussage aus dem Pentateuch.

Für Israel zur Zeit des Exodus galt das, was für Christen heute noch gilt: Die eigentliche Heimat haben wir noch gar nicht gesehen. Sie kann also gar nicht in einer verklärten Vergangenheit bestehen. Sondern in einer Zukunft, die sich erst in der Begegnung mit Gott klärt. Heimat ist nicht das Bekannte, sondern das Unbekannte. Nicht das Erwartbare, sondern das Überraschende. Und so wie beim Geburtsort suche ich mir die endgültige, ultimative Heimat nicht selber aus. Nur die Zwischenstationen.


Sweet Ice Cream Photography

Immer noch suchen (und finden) Menschen Heimat in den Kirchen. Wenn wir das falsch anpacken, nämlich reaktionär, werden unsere Gemeinden zum Heimatmuseum. Wenn wir es richtig verstehen, dann werden aus ihnen Weggemeinschaften, die miteinander unterwegs sind. In unwegsamem Gebiet, hin zu einem Ziel, das sie noch gar nicht richtig kennen. Aber mit einem Vorgeschmack in der Nase und auf den Lippen: Frisches Brot und neuer Wein, das Salz getrockneter Tränen und abgewischten Schweißes, oder ein gebratener Fisch.

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Wie Achtsamkeit und Absichtslosigkeit zusammengehören

Gestern las ich auf Spektrum.de das hilfreiche Interview mit Thomas Joiner über die Vermarktung von Achtsamkeit. Dabei erinnerte ich mich wieder an eine Gesprächsrunde über Spiritualität vor einigen Wochen. Dort standen wir schon vor der Schwierigkeit, dass Spiritualität (die viel mit Achtsamkeit zu tun hat, aber noch mehr umfasst) eigentlich in dem Moment schon kompromittiert ist, wo ich sie als Mittel zum Zweck verstehe.

Absichtlich Absichtslos?

Absichtslosigkeit ist hier das Stichwort. Ich muss das kurz erklären. Absichtslos zu handelt, bedeutet: Ich tue, was ich tue, nicht um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Zweck – wenn man überhaupt davon reden will – liegt vielmehr in dem, was ich tue. Nehmen wir ein Seelsorgegespräch. Ich denke, es verläuft anders, wenn es nicht meine Absicht ist, mein Gegenüber in einer bestimmte Richtung zu lenken. Dann kann ich einfach da sein, Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Ich muss aber hinterher meine Performance nicht bewerten und auch nicht den therapeutischen Ertrag. Beim Gebet ist es dasselbe. Statt von »Absichtslosigkeit« könnte man (mit Einschränkungen) auch von »Ergebnisoffenheit« oder (besser) von »Selbstvergessenheit« reden.

Mein Eindruck ist, dass viele der Wirkungen von Meditation eigentlich Nebenwirkungen dessen sind, dass ich mich für eine tiefere, spirituelle Wirklichkeit öffne. In dem Augenblick, wo diese Effekte nicht mehr unbeabsichtigt sind, verändert sich der Charakter dessen, was ich tue. Die biochemischen und neurologischen Wirkungen etwa von Atemübungen sind durchaus real. Aber ich bleibe dabei immer noch der Mittelpunkt meiner Realität, mein Befinden das Maß der Dinge.

Daniil Kuželev

Empfänglich werden

Ich denke, es ist völlig in Ordnung, Dinge zu tun, von denen ich merke, dass sie mir gut tun. Das an sich lässt sich mit einer absichtslosen Haltung durchaus verbinden. Spaziergänge im Grünen etwa tun mir gut. Schwierig wird es, wenn diese Spaziergänge dazu dienen, mich in anderen Bereichen und zu anderen Zeiten mit einem Lebensstil zu arrangieren, der Raubbau an meinen Ressourcen und denen der Natur bedeutet. Also draußen in der Schöpfung „aufzutanken“, um danach meiner Natur und der Natur um mich herum zu schaden. Aber es könnte ja auch sein, dass mich der Spaziergang sensibilisiert für das zarte Gleichgewicht, für die vielen verschiedenen Lebewesen und deren Bedürfnisse. Vielleicht stellt sich sogar eine Harmonie ein.

Ich bin, so betrachtet, nicht darum bemüht, eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Vielmehr werde ich empfänglich für Einwirkungen, die das Alltagsbewusstsein oft ausblendet. Manche kommen tief aus meinem Inneren, vom Grund der Seele. Andere kommen eher von außen, oder von „oben“. Räumliche Metaphern sind da etwas schwierig, aber als körperliche Wesen kommen wir kaum ohne sie aus.

Indem ich die wertende Dauerfrage des Alltagsbewusstseins („Was bringt’s mir?“) zurückstelle, schaffe ich die Möglichkeit, dass sich Unerwartetes ereignet. Absichtslose Achtsamkeit dezentriert mich also in gewisser Weise. Ich trete einen Schritt zu Seite, um zu defokussieren und den inneren Richter auszuschalten. So können andere Seiten meiner selbst und meiner Beziehungen zu dem, was mich umgibt, in den Blick kommen. Das ist dann schon etwas anderes als die von Joiner bemängelte Achtsamkeitspraxis, die im Selbstbezug stecken bleibt.

Zuletzt: Auch Gott kann sich mir dabei zeigen oder zu mir sprechen. Freilich ist  das weder machbar, noch kann ich es zur Bedingung dafür erheben, still zu werden. Kontemplation ist in erster Linie eine Haltung, keine Technik. Und Übungen können helfen, diese Haltung einzunehmen und zur Gewohnheit zu machen.

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Sind wir mehr? Warum Zahlen weniger zählen, als man meinen könnte

In den Gesprächen und Diskussionen mit allen möglichen Leuten tauchte in letzter Zeit immer wieder die Frage nach Mehr- und Minderheiten auf.

Mit #wirsindmehr haben sich viele Bürger gegen rechte Aufmärsche gestellt. Und deren Versuch, eine autoritäre und rassistische Politik durchzusetzen, zurückgewiesen.

Viele Christen (auch und gerade in volkskirchlichen Leitungsaufgaben) erleben, wie sie sich mit ihren Überzeugungen und Gewohnheiten immer öfter in einer Minderheitensituation wiederfinden: »Wir« werden weniger, von einzelnen Ausnahmen abgesehen. Was bedeutet das für die Kirchen in 20 Jahren? Auf was bereiten wir uns vor, worauf stellen wir uns ein? Und werden wir ob des schwindenden gesellschaftlichen Einflusses zaghafter und leiser oder mutiger und deutlicher den Mächtigen gegenüber?

Justin Snyder Photo

Christen brauchen sich vor einer Minderheitenkirche nicht zu fürchten und Demokraten sollten sich auf ihren Mehrheiten nicht ausruhen. So zumindest würde es wohl Yuval Noah Harari sagen. In »Homo Deus« vertritt der Historiker die These, dass es in größeren sozialen Gebilden eine untergeordnete Rolle spielt, wer in der Mehrheit ist. Gut organisierte Minderheiten erreichen deutlich mehr als desorganisierte Massen:

Revolutionen werden üblicherweise von kleinen Netzwerken von Agitatoren in Gang gesetzt, nicht von den Massen. Wenn man eine Revolution anzetteln möchte, fragt man nicht; »Wie viele Menschen unterstützen meine Ideen?«, sondern: »Wie viele meiner Anhänger sind zu effektiver Zusammenarbeit fähig?« […] 1917, zu einer Zeit, da die russische Ober- und Mittelschicht mindestens drei Millionen Menschen umfasste, zählte die kommunistische Partei lediglich 23.000 Mitglieder. Trotzdem erlangten die Kommunisten die Kontrolle über das riesige russische Reich… (184f.)

Ob in Sachen Demokratie oder Kirche, und natürlich auch überall da, wo Kirche Anwältin der Demokratie ist: Es geht also darum, den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zu fördern und zu stärken. Man muss damit freilich nicht warten, bis man zur Minderheit geschrumpft ist. Aber als Mehrheiten leisten wir uns Eitelkeiten, Exzesse und Egotrips, die den Zusammenhalt schwächen oder stören. Weil wir meinen, es zu können. An dem Punkt ließe sich sofort ansetzen.

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Katastrophenwerbung

Ich komme zum Taufgottesdienst in eine alte Dorfkirche im Umland. Beim Betreten der Kirche wundere ich mich, dass Stufen von draußen in das Kirchenschiff hinab führen. Der Mesner erklärt, dass liege an der Pest im Mittelalter. Um die vielen Toten alle begraben zu können, musste der Friedhof um die Kirche herum „aufgestockt“ werden. Man schüttete zusätzliche Erde auf, und dabei blieb es bis heute.

In Homo Deus, das auf meinem Schreibtisch liegt, las ich diese Woche, wie verheerend solche Epidemien bis vor rund 100 Jahren tobten. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung Eurasiens starb an der Pest, in England überlebten von 3,7 Millionen Menschen nur 2,2 Millionen, schreibt Yuval Noah Harari und spricht von einem „Seuchen-Tsunami“.

Ich mache mich auf den Heimweg. Ein paar hundert Meter entfernt von der Kirche steht ein Wahlplakat der FDP. Dort lese ich:

Geschenkt: Keinen Empfang zu haben, ist ärgerlich. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher, und der Netzausbau kommt unter dem CSU-Minister Scheuer – wie so vieles – bisher nicht vom Fleck. Darauf könnte man hinweisen.

Aber was, bitteschön, hat das mit der Pest im Mittelalter zu tun? Wo genau soll der Vergleichspunkt liegen? Und was will der stramm gescheitelte junge Kandidat damit sagen? Dass es uns heute besser geht als damals? Wohl eher nicht, auch wenn es natürlich stimmt. Dass Funklöcher lebensgefährlich sein können? Beschämend, aber es betrifft nur einzelne. Vermutlich hat er einfach nur einen dramatischen Aufhänger gesucht. Irgendeine Katastrophe musste halt her. In Bayern am besten etwas, das mit Schwarz assoziiert wird, also schwarzer Tod, Pest, fertig und ab in den Druck.

Die Toten auf dem erhöhten Friedhof werden sich in ihren Gräbern umdrehen. Und froh sein, dass sie damals wenigstens keine Wahlplakate der FDP ertragen mussten.

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Das Reich Gottes (3) – es bewegt sich was

Ein letzter Gedanke zum Thema Reich Gottes (bzw. der Gottesherrschaft). Es ist kein Projekt und es lässt sich nicht ohne weiteres lokalisieren, objektivieren oder definieren. Das hat mit dem Beziehungs- und dem Ereignis- oder Widerfahrnischarakter zu tun, der Gottes Handeln ausmacht. Wenn es in die Gegenwart einbricht, dann als Vorwegnahme der Zukunft Gottes. Es weckt eine bleibende Sehnsucht nach dieser Zukunft, es schafft Erwartung und Hoffnung, es lässt Gottes Möglichkeiten erkennen. Kurz: Es setzt etwas in Bewegung auf diese Zukunft hin.

Mir sind dafür vier Beschreibungen eingefallen:

Von der Trennung zur Verbindung

Wo immer Gottes Reich anbricht, da schafft es Verbindungen. Jesus sammelt und beruft Menschen. Andere Bindungen werden dafür gelockert oder gar gelöst, aber unter dem Strich bleibt ein Zuwachs an Beziehung, kein Schwund. Das macht es so problematisch, wenn ganze Kirchen sich in die gesellschaftliche oder ökumenische Isolation begeben und wenn einzelne Menschen sich aus Angst oder Verachtung der „Welt“ gegenüber aus dieser zurückziehen. Gottes Reich schafft Offenheit für neue Verbindungen, freilich ohne dabei bei einer Beliebigkeit zu landen. Denn es geht um generative Beziehungen, nicht um autoritäre und parasitäre Verhältnisse. Oder anders gesagt: Es geht um Liebe und Fürsorge, nicht um Ausbeutung und Unterdrückung.


Anders Jildén

Von der Ohnmacht zum Mutanfall

Wo immer Gottes Reich sich ausbreitet, da werden Menschen von Ohnmacht befreit. Sie entdecken sich nicht nur als Empfänger von Gottes Wohltaten und denen anderer Menschen, sondern sie erleben, dass auch ihr eigener Beitrag zählt und wirkt. Oft gehören sie ja nicht zur überschaubaren Gruppe der mover and shaker. Alles ist möglich, wenn jemand glaubt sagt Jesus – nichts ist mehr alternativlos. Selbst in aussichtslosen äußeren Situationen wie einem Gefängnis oder einer Diktatur ist da noch das Gebet, das Kraft entfaltet. Und zwar nicht nur auf die betende Person selbst, sondern (zumindest nach biblischen Aussagen und Vorstellungen) darüber hinaus auf Gott und die Außenwelt. Sophie Scholl, die durch ihren Mut wahrlich viel bewegt hat, schrieb am 15. Juli 1942:

„O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich. Dir in die Hand will ich meine Gedanken legen an meinen Freund, diesen kleinen Strahl der Sorge und der Wärme, diese winzige Kraft, verfüge Du mit mir nach Deinem besten, denn Du willst es, dass wir bitten und hast uns auch im Gebet für unseren Bruder verantwortlich gemacht. So denke ich an alle anderen. Amen.“

Von der Konkurrenz zur Kooperation

Die dritte Bewegung folgt aus den ersten beiden. Wenn neue Verbindungen  und neue Optionen entstehen, dann hören all die Nullsummenspiele auf, bei denen der Gewinn des einen zum Verlust des anderen führt. Sie waren schon immer ein Irrtum. Aus dem Gegeneinander kann ein Miteinander werden: sozial, wirtschaftlich, kulturell und politisch. Bei den ersten Christen hat das funktioniert. Sie haben die destruktiven Gegensätze zwischen Ethnien, Geschlechtern und Klassen (vgl. Gal 3,28) in ein Miteinander verwandelt, in dem keiner ohne den anderen sein wollte und sollte. Und wenn die Schätze der Völker der Erde in der Offenbarung des Johannes ins neue Jerusalem gebracht werden, dann ja gerade nicht von einem Siegervolk, das alle anderen unterworfen hat.

Vom Mangel zur Fülle

Jesus hielt sich viel unter der armen Landbevölkerung auf. Immer wieder erzählen Geschichten von plötzlichen Erfahrungen der Fülle und des Überflusses. Bei der Hochzeit zu Kana, der Speisung der Fünftausend, der extravaganten Salbung. Immer wieder klingt in seiner Verkündigung des Reiches Gottes die Erwartung und das Vertrauen an, dass gieriges Hamstern nicht reicher und glücklicher und großzügiges Teilen nicht ärmer und elender macht. Aus einem winzigen Senfkorn wächst ein riesiger Baum. Dahinter steht die Vorstellung von Gottes unerschöpflicher Großzügigkeit. Sie macht es möglich, einander die Schulden zu erlassen. Anders gesagt: Sie ist die Grundlage menschlicher Freiheit.

Gewiss lassen sich noch weitere Bewegungen bestimmen, die Gottes Reich charakterisieren. Für mich sind das Sehhilfen in Momenten, wo es mir gerade schwer fällt, Gott am Werk zu sehen. Und Entscheidungshilfen, wenn ich mich frage, wo hinein ich meine begrenzte Kraft investieren soll. Und wenn wir beten „Dein Reich komme“, dann stelle ich mir solche Veränderungen und Bewegungen vor.

 

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Showtime am Altstadtring

Freitagabend am Altstadtring in Nürnberg. Ein schwarzer Lambomaserrari nimmt an der Ampel beim Kartäusertor mit brachialem Gedröhne Fahrt auf. Der Fahrer jagt die Drehzahl nach oben und der Motor prügelt den Boliden über den Asphalt.

Freilich viel zu schnell: Zweihundert Meter weiter ist die nächste Ampel noch rot. Sie ist an solche Beschleunigungen nicht gewöhnt. Im Normalbetrieb hat sie es mit Opels und Golfs, Fiats und Kias zu tun. Also muss er vom Gas, was der Motor mit drei oder vier ohrenbetäubenden Fehlzündungen quittiert. Vermutlich sind die ein bewusster Effekt und kein Defekt. Die Ampel schaltet auf Grün, das Ritual beginnt von vorn. Zwei Minuten später erscheint ein Kollege mit einem getönten und getunten Mercedes, in weiß.

Showtime!


Oscar Sutton

Die Typen wirken ein bisschen wie Raubtiere in viel zu kleinen Zoogehegen. Der Auslauf reicht vorne und hinten nicht. Keine Chance, die tatsächliche Höchstgeschwindigkeit je zu erreichen. Aber sie haben noch etwas gemeinsam mit den Zootieren: Das Publikum. Ein Leopard in der Savanne wird ja von niemandem gesehen. Der im Zoo schon.

Der Unterschied zwischen Leopard und Lambofahrer hingegen ist, dass letzterer freiwillig da ist. Gesehen zu werden ist ihm so wichtig, dass er den albernen, absurden Auftritt in Kauf nimmt.

Bleibt wohl nur zu hoffen dass solch benzingetränkten Balzritualen und PS-Potenzgeprotze der evolutionäre Erfolg versagt bleibt. Vielleicht sollte man eine Art Zoo einrichten für solche Show-Bedürfnisse. Aber bitte Abseits des Altstadtrings.

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Das Reich Gottes (2) – und warum man nicht drauf zeigen kann

Das Reich Gottes ist nichts, was Menschen „bauen“ könnten, sondern die Kritik aller menschlichen Projekte, hatte ich vor ein paar Tagen geschrieben.

Es steht aber auch nicht als etwas vom Himmel Gefallenes neben anderen (nicht vom Himmel gefallenen, also „irdischen“) Dingen in der Welt. Es lässt sich nicht objektivieren als etwas, auf das man zeigen kann. Jesus sagt in Lukas 17,21: „…man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! , oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Nicht „dingfest“ zu machen

Um das zu verstehen, kann man auf ein rein innerweltliches Phänomen verweisen: das Internet.  „Das Internet“ kann man nicht lokalisieren. Freilich besteht es aus Leitungen, Rechnern, Softwareprotokollen, Datenspeichern, Endgeräten und vielen immateriellen Inhalten. Ich kann zwar auf das Display meines Smartphones zeigen und sagen: „Da ist das Internet“. Der Satz ist jedoch zugleich richtig und falsch. Das Internet ist so viel mehr als das, was ich gerade sehe und zeige, und es verändert sich mit jeder Sekunde. Es ist an keinen Ort gebunden. Sondern es besteht in der Verbindung vieler Orte, Geräte und Inhalte, die Menschen dort erzeugen und ablegen. Eine simple Bildersuche zum Thema Internet offenbart die Unmöglichkeit, es anders als pars pro toto oder durch eine völlig unanschauliche Abstraktion zu zeigen. Man kann sich einen Dreck um das Internet kümmern, man kann leugnen, dass es existiert, und es für Spinnerei halten. Und doch wirkt sich das Internet auch im Leben derer aus, die nichts mit ihm zu tun haben wollen.

Wirksame Verbindungen

Ganz ähnlich kann das Reich Gottes auch in jeder Sekunde irgendwo wirksam in Erscheinung treten. Es läuft ja zum Glück auf jeder Hardware. Ich kann dann sagen: „Hier ist es!“ und weiß zugleich, dass es nur ein winziger Ausschnitt ist, der sich hier zeigt. Worauf ich hinauswill ist dies: Das Reich Gottes besteht in Verbindungen. Der Verbindung mit Gottes Geist und den Verbindungen, die dieser zwischen Menschen herstellt. Deshalb sagt Jesus: „es ist mitten unter euch“. Hannah Arendt hat Politik und Philosophie einmal im „dazwischen“ angesiedelt. Gottes Reich hat ja durchaus eine politischen Dimension und es existiert genau da – im Dazwischen.


Mario Purisic

Einen Schritt voraus

Das Reich Gottes ist aber nicht einfach nur „dazwischen“ in einem statischen Sinn. Es ist auch der Bereich Gottes schöpferischer Möglichkeiten. Wo immer es aufbricht, da fordert es uns heraus, über das Bestehende, Normale, Anerkannte und Vertraute hinauszugehen. Es bringt uns dazu, über uns selbst hinauszuwachsen, ohne dabei weniger wir selbst zu werden. Auch deswegen kann man nicht darauf zeigen: Es ist das noch unverwirklichte Potenzial – Walter Wink nannte es einmal „the sphere of creative novelty“. Es ist seiner (oder besser: unserer) Zeit voraus. Wir können uns danach ausstrecken, uns in die Zukunft locken und zum Guten verführen lassen – oder mit den Schultern zucken und business as usual vorziehen.

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Das Reich Gottes – und warum man es nicht „bauen“ kann

In den letzten Wochen habe ich mir die Frage gestellt, was für mich theologisch wesentlich ist. Immer wieder bin ich bei Jesu Botschaft vom Reich Gottes gelandet. Wenn mich jemand nachts aufwecken würde und fragen, welcher Bibelvers mir der wichtigste ist, würde ich sagen: Matthäus 6,33 „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann wird auch das alles [was man sonst noch zum Leben braucht] zufallen“. Man könnte sagen, das ist eine Einladung zum Leben nach dem „Zufallsprinzip“.

Rosie Kerr

Immer wieder mal höre ich jemanden davon reden, dass er/sie/wir „Reich Gottes bauen“ würde. Dieser unbiblische Sprachgebrauch zeigt schon, dass es da noch mächtig mit dem Verstehen hapert: Gottes Reich lässt sich nämlich nicht bauen. Schon gar nicht von uns! Es ist kein menschliches Projekt, keine religiöse Institution, auch keine interkonfessionelle Aktion oder übergemeindliche Struktur. Das Reich Gottes ist vielmehr die Kritik aller menschlichen Projekte. Es kommt, es bricht an, es wächst, es breitet sich aus (auch durch unser Zutun), aber wir bekommen es nicht zu fassen. Im Buch Daniel löst sich ein Felsbrocken im Gebirge und poltert in die Ebene hinab. Dort legt es eine Statue in Trümmer, die für die Supermächte der alten Welt steht. Menschen sind durchaus verwickelt in dieses Geschehen, aber es geht nicht auf menschliche Initiative zurück.

Wir können Kirche und Gemeinde bauen. Wir können Projekte durchführen, und viel Gutes kann dabei geschehen – nur sollten wir das nicht mit Gottes Reich verwechseln. Diese Dinge laufen vielmehr Gefahr, zu unserem Reich zu werden, wenn wir sie nicht klar vom Reich Gottes unterscheiden und von dort her kritisch betrachten. Das Reich Gottes stellt sie alle unter Vorbehalt. Und manchmal stellt es sie einfach auf den Kopf. Es hat eine ausgesprochen subversive Ader. Und das ist auch wichtig: Ein Blick nach Venezuela oder Zimbabwe zeigt, dass der Revolutionär von gestern zum Diktator von heute werden kann und das Projekt zum Problem. Kirchlich gilt das natürlich auch, Beispiele schenke ich mir an dieser Stelle.

Deshalb schickt uns Jesus in der Bergpredigt auf die Suche nach dem Reich Gottes. Es liegt oft abseits den Offensichtlichen: Im Verborgenen und Unscheinbaren, an den Rändern von Kirche und Gesellschaft, nicht in den Zentren der Macht und Aufmerskamkeit und nicht an der Spitze der Hierarchien. Unsere Bauten (das ist die Crux dieser Metapher) sind Immobilien – statisch und unbeweglich. Gottes Reich hingegen ist mobil, es lässt sich nicht dingfest machen. Es entzieht sich jeder Art von Verzweckung aus persönlichen oder politischen Motiven.

Es entzieht, wenn alles richtig läuft, mich am Ende mir selbst.

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Das Zeitalter der Verstockung

Wenn man sich gegenwärtig in der Welt umsieht, kann man an das alte biblische Konzept der „Verstockung“ denken. Vielleicht muss man sogar. Verstockung, das heißt: Jemand erzwingt den eigenen Untergang. Es fehlt nicht an Warnungen, aber sie kommen nicht an. Die Möglichkeit eines Kurswechsels war da, aber sie wurde nicht genutzt.

Der Pharao aus der Exodustradition wird so beschrieben. Die Könige von Israel und Juda, deren Reiche den Assyern und Babyloniern in die Hände fallen. Paulus bezieht den Begriff dann auf sein eigenes jüdisches Volk, das den prophetischen Ruf Jesu zur Umkehr ignoriert.

Persönliche Tragödien

Im Blick auf einzelne Menschen kennen wir das Phänomen schon lange. Die einen richten ihre Gesundheit zu Grunde, andere zerstören ihre Familien, Freundschaften und Nachbarschaft, wieder andere die Karriere. Wider besseres Wissen, trotz aller Warnungen, blind für die Folgen des eigenen Tuns.

Manchmal erscheint uns das tragisch, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Die Helden der antiken Tragödien scheitern ja daran, dass sie das Verhängnis, dem sie  unbedingt entgehen wollen, durch ihr vorbeugendes Tun erst heraufbeschwören. Die Verstockten sind im Vergleich dazu nur albern und dumm. Verstocktsein hat, anders als echte Tragik, nichts mit Größe und Edelmut zu tun. Sondern mit Hochmut, Kleingeisterei und fehlendem Augenmaß, die ein Ausmaß annehmen, dass der einzelne oder die Gruppe sich nicht mehr davon lösen kann.

Verstockung ist kein psychologischer, sondern ein theologischer Begriff. Gottes Anteil daran ist der, dass er irgendwann die Türe schließt, die einen Ausstieg möglich macht. Es bleibt es Rest, mit dem nach dem Untergang Neues möglich wird. Der Rest, das sind möglichweise all jene, die gegenwärtig noch trauern können. Diese Fähigkeit zu echter Trauer (im Unterschied zu primitivem Selbstmitleid) ist das letzte Zeichen der Hoffnung. Sie markiert den Ort in der Welt, wo Gott angesichts des Untergangs noch zu finden ist.

Aktuelle Beispiele

Aus den Nachrichten der letzten Wochen kommen mir zwei Beispiele in Erinnerung. Das eine ist der Rechtsruck der CSU und die Entfremdung der Parteiführung von den kirchlichen und sozial engagierten Wählern. Eine Weile lang dachte ich, das sei vielleicht eine Show, die auf taktischen Überlegungen beruht. Doch wenn man hört und liest, wie Horst Seehofer die Medienkritik der Rechtsradikalen übernimmt, und wie Kritik an dem immer radikaleren Kurs der Partei zur Hetze gegen sie umetikettiert wird, dann hat das schon diese wahnhaften Züge, die der Begriff der Verstockung in sich trägt. Die Psycho-Logik der AfD, die zwischen Weinerlichkeit und Gehässigkeit oszilliert, hat sich in den Gehirnen der Parteigranden anscheinend fest etabliert. Erst wollten sie nicht anders, jetzt können sie nicht mehr. Die bundesdeutsche Parteienlandschaft ändert sich in diesem Wochen gerade unwiderruflich.

Der Brexit ist die englische und der Waffenwahn in den Staaten ein Aspekt der amerikanischen Version dieses Phänomens. Es ist aber – und das ist neu – die Phase der multiplen Verstockungen angebrochen – mit globalen Auswirkungen.

Die viel größere Sorge sollte nicht der CSU, sondern dem Klima unseres Planeten gelten. Denn da spricht vieles dafür, dass entscheidende „Kippunkte“ schon überschritten sind. Das katastrophale Ausmaß der drohenden Zerstörung und ihrer Folgen für die Weltbevölkerung über viele Generationen hinweg lässt die Kriege der jüngeren Vergangenheit harmlos erscheinen. Seit Jahrzehnten ist die Gefahr bekannt. Sie wurde heruntergespielt und verdrängt, oder erstickt von der neoliberalen Dauerpropaganda gegen Regulierungen aller Art. Immer gab es wichtigere Dinge: Den Primat des Kapitals und dessen Hunger nach kurzfristiger, maximaler Rendite – den „Krieg gegen den Terror“ – die groteske Obsession mit Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlingen.

Dikaseva

Düstere Aussichten

Das Sommerloch und die Hitzewelle werden vorbeigehen. Die Große Koalition in Berlin wird wieder zu ihrer Tagesordnung übergehen, auf der die Klimakrise (weil zu groß, zu komplex und trotz aller Sprünge in letzter Zeit zu langsam) ganz weit unten rangiert. Die Deutschen werden weiter massenhaft Billigflüge buchen, SUVs und andere Spritfresser fahren, ungesund viel Fleisch aus Massentierhaltung futtern und gegen den Netzausbau für grünen Strom demonstrieren. Ein paar Lippenbekenntnisse müssen reichen, damit sehen wir im Unterschied zu Donald Trump (wie Vladimir Putin abhängig von der Kohle- und Ölindustrie) ja schon ganz gut aus. Ein Teil von uns wird nicht aufhören, jedes Bemühen um Nachhaltigkeit als „linksgrüne“ Verschwörung gegen Volk und Kultur hinzustellen, die Sorge um die Opfer der Erdüberhitzung als Verrat am Vaterland zu verleumden und die erschütternden Berichte des Weltklimarates und der Forscher als Fake News.

Das millionenfache Sterben von Mensch und Tieren, von Landschaften und Lebensweisen hat begonnen. Anklagen und Polemik, so berechtigt sie sind, verschärfen die Verstockung eher, als dass sie sie aufbrechen könnten. Vielleicht sollten die Kirchen einen Sonntag im Monat der öffentlichen Trauer widmen. Das klingt nach viel, aber es steht ja auch viel auf dem Spiel – so gut wie alles. Wir sind im Augenblick zu wenige, um einen Kurswechsel herbeizuführen. Aber wir sind zu viele, um einfach nur zu schweigen. Und billigen Trost oder positives Denken, das keinen Anstoß erregt, haben wir nicht im Angebot.

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