Politische Theologie und das globale Schlamassel

Der Unterschied zwischen der politischen Theologie von Jürgen Moltmann, Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz u.a. und einer (neu)rechten politischen Theologie, die wieder bei Carl Schmitt anknüpft, liegt in der Differenz zwischen apokalyptischer und eschatologischer Orientierung:

Apokalyptiker sehnen den Endkampf zwischen Gut und Böse herbei. Eschatologiker hingegen sind von einer Theologie der Hoffnung erfüllt. Sie arbeiten nicht an der Apokalypse, sie verstehen sich vielmehr als geduldige Mitarbeiter am kommenden Reich Gottes.

Rolf Schieder in feinschwarz.net

Was das Motiv vom „Endkampf“ bewirkt, hat sich am Freitag in Christchurch gezeigt. Trotzdem ist das mit den Begriffen, die Schieder hier benutzt, so eine Sache. Wir haben es ja durchaus mit verschiedenen Apokalypsen zu tun: Die rechte Apokalypse ist der angebliche Verrat der globalen Eliten an Volk und Nation. Das rechtfertigt den Ausnahmezustand, fördert eine identitäre „Resakralisierung des Politischen“ und dient als „Radikalisierungsmanual“, erklärt Schieder. Sein Gegenmodell des „Eschatologischen“ trifft sicher auch auf die oben genannten Protagonisten zu, die politische Theologie in den Siebzigern sozial- und institutionenkritisch betrieben.

Fingierte und reale Apokalypsen

Ich bin trotzdem nicht ganz zufrieden mit dieser Differenzierung. Zumindest nicht im Blick auf die Gegenwart. Denn da reden wir ja nicht nur vom rassisch-völkischen Wahn und seinen halluzinierten Abendlandsapokalypsen, sondern von mess- und in groben Zügen auch berechenbaren Apokalypsen, die uns ins Haus stehen – wenn wir nicht gegen die Klimakatastrophe unternehmen, die schon längst im Gang ist. Wo buchstäblich die Elemente der Welt aufbegehren gegen menschliche Gier und politische Verantwortungslosigkeit. Hier ist Geduld ein problematischer Begriff, weil die Zeit tatsächlich drängt. Ungeduldige Beharrlichkeit ist da schon eher angesagt.

Politisch-kulturelle Veränderungen lassen sich umkehren, und viele arbeiten daran ja mit großem Eifer und in unterschiedlichen Richtungen. Sind ökologische Kipppunkte aber erst einmal überschritten, kommt jegliches Umdenken zu spät. Ulrich Beck bezeichnete das kurz vor seinem Tod in Die Metamorphose der Welt schon einmal mit dem Wort „Katastrophismus“. Damit verband er die Hoffnung, es könne ein emanzipatorischer Katastrophismus werden. Ob sie sich erfüllt, ist noch nicht entschieden.

Bruno Latour denkt das in seinem terrestrischen Manifest weiter und spricht vom geosozialen Zeitalter. Erdboden und Atmosphäre werden zu eigenständigen „Attraktoren“, die das Politische neu ausrichten. Und zwar quer zu alten Polaritäten wie konservativ/progressiv oder lokal/global:

„Die Frage stellt sich, ob mit dem Auftauchen und der Beschreibung des Attraktors des Terrestrischen politisches Handeln wieder sinnhaft und richtungsweisend werden kann – und so der Katastrophe zuvorkommt.“

Bruno Latour
Hier nehmen wir diesen Faden von Latour und Beck auf: Con:Fusion 2019

Ausnahmezustände

Entsprechend ist die auch Botschaft der Jugendlichen von Fridays for Future, die (verhältnismäßig junge) Politiker wie Christian Lindner oder Paul Ziemiak und ihre herablassenden Sprüche festgefahren und fossil aussehen lässt, eine Botschaft des Ausnahmezustands. Symbolisch wird das Thema Ausnahme an der Schulpflicht durchgespielt. Vor allem aber werden drastische Schritte eingefordert, um einen noch drastischeren Verlauf der schon im Gang befindlichen Katastrophe noch abzuwenden. Freilich mündet das, anders als bei Carl Schmitt und seinen neurechten Wiedergängern, nicht in den Ruf nach dem starken (und natürlich weißen) Mann. Der hat die Katastrophe mit seiner imperialen Lebensweise ja überhaupt erst herbeigeführt.

Haben sich Forscher, Volksvertreter und Aktivisten beim Klimawandel eher vornehm im Entdramatisieren geübt, während von Rechts Gefahren ebenso unablässig wie hemmungslos beschworen und dramatisiert werden? Viele waren besorgt, nicht zu radikal zu wirken. Die Auto-, Kohle- und Agrarlobby konnte ihr Wunschpersonal derweil in den einschlägigen Ministerien platzieren. Aber nun besteht die Hoffnung, dass der Widerstand lauter, breiter und entschlossener werden könnte.

Dem Schlamassel ins Auge blicken

Schieders Unterscheidung eschatologisch/apokalyptisch trifft also im Zeitalter der Verstockung auf die Frage nach dem „Woher“ zu. Sie greift aber noch zu kurz im Blick auf das „Wohin“. Da liegt noch Arbeit vor uns. Inspirierend erscheint mir etwa diese Analyse von Wolfgang Palaver. Von René Girard angeregt schreibt er über Wege, einer rechten Politik der Angst beizukommen. Er verweist auf eine Spiritualität, die Menschen dezentriert und damit Toleranz fördert, und einem „reiterativen Universalismus“, der Gott auf vielfältige Weise am Werk sieht in der Welt. Das lässt sich mit der Klima-Thematik gut verbinden.

Vielleicht möchten einige von Euch diesen Faden aufnehmen und weiterspinnen. Im September haben wir von Emergent Deutschland aus Con:Fusion 2019 geplant. Als kleinen Beitrag zur großen Aufgabe. Wir brauchen ja nicht nur eine neue Theorie, sondern wir müssen einander Mut machen. Und wir brauchen auch einen spirituellen Ort, wo Klage laut werden darf, Abstumpfung geheilt wird, so dass schließlich wieder Neues gedeihen kann.

Nicht nur in der Politik, auch in der politischen Theologie stehen wir vor neuen Aufgaben.

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Hoffnung kann auch graue Haare tragen

Vor 20 Jahren oder etwas mehr bekam ich eine Einladung in eine Gruppe älterer Damen, die allesamt traditionell kirchlich waren. Das einzige, woran ich mich aus dem Gespräch noch erinnere, war der große Kummer in der Runde, dass wir Jungen die wunderbaren Lieder von Paul Gerhardt verschmähten und lieber irgendetwas Neueres sangen. Er schien die Freude darüber in den Schatten zu stellen, dass junge Menschen Gottesdienste feiern und sich für den überlieferten Glauben begeistern.

Kürzlich wurde ich wieder eingeladen, freilich nicht in dieselbe Gruppe, doch die Altersstruktur war vergleichbar. In dieser Runde traf ich auf ein bemerkenswertes Interesse an neuen Formen von Gottesdienst und Gemeindeleben. In einer Welt, die sich so tiefgreifend verändert hat, fanden einige, hinke die Kirche doch ganz schön hinterher. Und als ich einwarf, dass manche Leute sich wünschen, dass alles in der Kirche so bleibt wie immer (weil ja alles andere nicht mehr ist, wie es immer war), war die Reaktion ein energisches Kopfschütteln.

Die Sache mit den Paul-Gerhardt-Liedern lässt sich mit dem Begriff „Minimalskandal“ aus Nils Minkmars heutigem Kommentar im Spiegel ganz treffend beschreiben. Dahinter, diagnostiziert Minkmar, verbirgt sich eine schwache Identität. Im Blick auf die Politik hierzulande notiert er: »Manchmal konnte man den Eindruck haben, dass die ganze Republik zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte, so veränderungsphobisch gaben sich Politik und Öffentlichkeit in diesem Jahrhundert.« Es gibt auch kirchliche Verlautbarungen, die exakt so gestrickt sind.

unsplash-logoRoman Kraft

Mit diesem Ansatz, das hat mich der Abend mit der Frauengruppe gelehrt, kann man nicht mal mehr Seniorinnen hinter dem Ofen vorlocken. Die Frage nach neuen Formen von Gottesdienst und kirchlichem Leben ist immer auch eine Frage nach der Identität, die, öfter als wir es uns eingestehen, an Musikstile, liturgische Traditionen und Gewänder, sakrale Gebäude und institutionelle Ordnungen gekoppelt ist. Um Minkmar noch einmal für den Bereich der Politiker und Parteien zu zitieren: »…augenblicklich steht zu befürchten, dass sie die [Identität] in ihrer Vergangenheit suchen, in Kruzifix-Aktionen und Sozialpolitik statt, wie es Willy Brandt so meisterlich sagte, „auf der Höhe der Zeit“ zu sein.« Da hätten die Ladies zustimmend genickt, das kennen sie von Kirchens auch. Und an ihren Kindern und Enkeln sehen sie, was es bewirkt hat.

Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich in den letzten Jahren zu hören bekam, dass Veränderungen in den Kirchen nach Möglichkeit zu vermeiden seien, um die Älteren nicht zu irritieren. Die Hürden, die man den Jüngeren damit in den Weg stellt, wurden dagegen nur selten thematisiert, oft beschränkt auf Fachtagungen zum Thema Jugendarbeit und andere Nischen. Aber es geht längst nicht mehr um einzelne Generationen, sondern ums Ganze.

Bruno Latour hat in „Jubilieren“ den ebenso schönen wie provozierenden Gedanken zum Umgang mit religiösen Traditionen im Spiel von Wiederholung und Abwandlung formuliert: » … es geht nicht darum, einen Schatz unbeschädigt durch die Zeit zu transportieren, sondern die Truhen zu füllen, um sie erneut insgesamt – banco! – aufs Spiel zu setzen.«

Dass Großmütter (sie waren es zumindest mehrheitlich…) damit kein Problem haben, ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Jede Gemeinde braucht solche Stimmen!

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Der kleine Musikant

Eine Urnenbeisetzung letzte Woche. Die Februarsonne wärmt die Gesichter. Schneeglöckchen recken sich ihr entgegen. Auf den Pfützen am Boden schwimmt noch das Eis der letzten Nacht.

Wir versammeln uns um das Grab. Und mit uns ein Buchfink. Er sitzt direkt über uns, ungewohnt nahe, auf dem Zweig einer Tanne.

Und dann singt das kleine Wesen aus vollen Hals. Inzwischen sind alle Worte gesagt und alle Blumen abgelegt. Als letzte steht die Witwe des Verstorbenen noch da. Sie lauscht dem fröhlichen Gezwitscher, und dann schaut sie auf und sagt: „Wie schön er singt. Als hätte ihn jemand bestellt“.

Und auch ich denke mir: Den kleinen Musikanten hat uns einer geschickt. Und er hat mit seiner Lebensfreude die Herzen erreicht.

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Fahrräder segnen – geht das?

Im Anhang von „Holy Spokes“ der fahrradfahrenden Methodistenpfarrerin Laura Everett aus Boston findet sich eine Liturgie zur „Segnung der Fahrräder“. Die Idee hat sie von Lutheranern (!) aus Denver übernommen, dem House for all Dinners and Saints.

Kritische Fragen

Ich habe kürzlich in kleiner Runde den Vorschlag gemacht, etwas Ähnliches in Nürnberg auszuprobieren. Zu meiner Überraschung bekam ich zu hören: Fahrräder können wir nicht segnen, nur Fahrradfahrer*innen. Dinge zu segnen sei doch unevangelisch. Am Ende würde jemand auch wieder Fahnen und Waffen segnen wollen.

Klar, ich kenne das Argument: Wir segnen nicht die Sparkassenfiliale, die eingeweiht (!) wird, sondern die Mitarbeiter*innen dort. Und so weiter.

Andererseits geht für mein Empfinden etwas Entscheidendes verloren, wenn ich einfach nur die Leute segne. Und zwar deshalb, weil ich sie nicht aufspalten kann in ihre unterschiedlichen Rollen. „Radfahrer“ ist ja nur ein Aspekt unter vielen, wenn es um die ganze Person geht. Und in der Regel nicht einmal der Entscheidende.

In der Segnung der Fahrräder aber geht es aber genau darum, eine bestimmte Art der Fortbewegung zu fördern und zu stärken. Eine bestimmte Haltung gegenüber der Mitwelt und den Mitmenschen. Wer sich mit Muskelkraft fortbewegt statt mit dem SUV durch die Gegend zu brettern, schont einerseits die Ressourcen. Andererseits macht man sich damit auch verletzbar: Es besteht die Gefahr, von anderen über den Haufen gefahren zu werden. Das Symbol für all diese Zusammenhänge ist der Helm, das Rad, der Roller, Rollator, Rollstuhl, Skateboard, oder was sonst noch Räder hat.

Dualismus oder Symbol?

Unser neuzeitlicher Dualismus von Geist und Materie kommt uns hier leicht in die Quere. Entweder segne ich einen Gegenstand oder eine Person, das Rad oder die Fahrerin.

Aber wie im Abendmahl auch ist ein Gegenstand nicht immer einfach nur ein Gegenstand. Er kann auch Symbol sein. Brot und Wein sind Symbole der Tischgemeinschaft unter Menschen und der Gastmahle Jesu. Im Abschiedspassa vergegenwärtigt Jesus den Auszug aus Ägypten, seinen Tod am folgenden Tag und das Mahl der Erlösten auf dem Zion aus Jesaja 25. Und damit gibt er diesem Abschied (und unserer Erinnerung daran) seine spezifische Bedeutung.

Ich bemühe die lutherischen Formel „in, mit und unter“ nicht so oft. Aber so stelle ich mir die Segnung der Fahrräder vor: Menschen kommen zusammen, verbunden in ihrer Verwundbarkeit als Verkehrsteilnehmer und ihrer Absicht, achtsam mit den Mitgeschöpfen umzugehen. Dazu bringen sie ihren fahrbaren Untersatz mit. „Drahtesel“ können zwar nicht sprechen wie Bileams Eselin, aber natürlich ist das eine Geste, eine stumme Aussage, wenn ich mit Rad und Helm erscheine. In, mit und unter Menschen, Helmen, Rädern, guten Vorsätzen und mitunter traumatischen Erfahrungen suchen wir Gott. Und wenn dabei symbolisch (und das heißt: nicht magisch) auch die Räder gesegnet werden, haftet an ihnen die Erinnerung an Gott, dessen Schutz wir suchen und dessen Liebe uns verpflichtet.

Zeichen setzen

Ein sakraler Raum ist seltsamerweise für die meisten von uns kein befremdlicher Gedanke. Manchmal gehen wir auch an symbolträchtige Orte und feiern dort einen Gottesdienst. Oft wollen wir damit auch atmosphärisch etwas bewirken, indem wir Zeichen setzen. Das Fahrrad und der Helm (und in verschärfter Form das Ghostbike) sind nichts anderes als mobile Zeichen – Mahnmale und Mutmacher. Wir kleben keine Christophorusplaketten drauf, aber wir machen ein Kreuz aus ein paar Tropfen Öl. Obwohl das bald wieder verschwunden ist – eine flüchtige Angelegenheit.

Nennt mich meinetwegen katholisch – ich würde es gern machen. Ich würde (in dem hier beschriebenen Sinne) auch Rettungswagen segnen, Seenotkreuzer und Blauhelme. Um Gottes und der Menschen willen. Das sind nicht einfach nur irgendwelche Dinge.

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Die Macht der Worte

Was Worte doch alles ausrichten: Gute Worte richten auf und machen Mut, geben Energie und sind der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: Liebeserklärungen, Komplimente, Aufmunterungen, oder gar Visionen wie die des Mose von Milch und Honig oder Martin Luther Kings Traum. Böse Worte zerstören Beziehungen, Vertrauen, Selbstwertgefühl, sie können uns sogar den Lebensmut rauben, wenn wir sie verinnerlichen.

Dass durch Worte etwas wird, was noch nicht war, das verbindet uns Menschen mit Gott. In der biblischen Schöpfungsgeschichte spricht Gott, und etwas wird, und Gott sieht dann, dass es gut ist. Am Anfang was das Wort: Er ruft die Welt und uns ins Leben. Jeder einzelne Mensch ist gewissermaßen so ein Wort Gottes. „Menschen“, hat Edward Schillebeeckx einmal gesagt, „sind die Worte, in denen Gott seine Geschichte erzählt.“

Ist ein Wort erst einmal in der Welt, dann führt es ein Eigenleben. Seit wir es aufschreiben und mitschneiden können, kann uns unser Wort vorauseilen. Es überlebt sogar unseren Tod. Es wandert durch die Welt der Gedanken und Gespräche und verändert sich dabei. Manchmal erkennen wir dann nicht wieder, was wir gesagt haben sollen. Auch da geht es Gott wie uns: Vieles von dem, was er meint, kommt gar nicht an oder eben ziemlich verzerrt. Seine Worte auf zwei Beinen gehen eigene Wege.

„Rede, dass ich dich sehe“, hat Sokrates einmal gesagt. Was sich im Innersten einer Person verbirgt, das kann nur die Person selbst sagen. Auch das gilt für Gott und Menschen gleichermaßen. Gott läuft durch den Garten und ruft „Adam, wo bist du?“. Er braucht weder Brille noch Fernglas. Aber Adam will sich nicht zeigen, sich nicht erklären, also schweigt er erst einmal.

Manche unserer Probleme mit einander entstehen daraus, dass wir uns im Schweigen verstecken. Sich zu offenbaren heißt, sich verwundbar zu machen. Andere können meine Aussage über mich selbst verdrehen, verspotten oder verreißen. Dann überlege ich mir ganz genau, was ich von mir preisgebe. Manchen Zeitgenossen steht ja quasi auf die Stirn geschrieben: „Alles, was sie sagen, kann gegen sie verwendet werden“.

Den vielen unzuverlässigen Worten dieser Welt setzt Gott das eine entgegen. Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, schreibt der Evangelist Johannes. Es bringt Gnade und Wahrheit in die Welt. Gott erlaubt uns, tief in sein Herz zu blicken. Sünden können bekannt werden, weil die Vergebung gewiss ist und die Verurteilung nicht mehr zur Debatte steht.

In der Bergpredigt lehrt uns das Wort, wie wir mit unseren Worten umgehen sollen:

Redet nicht abfällig. Die Gewalt der Worte ist an sich schon Gewalt und oft auch noch der Auslöser für die Gewalt der Füße und Fäuste. Wer andere beschimpft, disst, verletzt und niedermacht, ob auf Twitter, ins Gesicht oder hinter ihrem Rücken, der steht im Widerspruch zu Gott. Konkretes Verhalten kann und muss man sehr wohl kritisieren, Jesus tut das ja auch. Aber die Würde der Person muss erhalten bleiben und die Tür zur Veränderung und Versöhnung offen.

Das ist viel verlangt, und Jesus setzt noch eins drauf: „Richtet nicht!“ Schreibt keinen Menschen ab, schließt keinen aus der Gemeinschaft aus. Du wirst an deinen eigenen Worte gemessen werden. Also entscheide dich jetzt für Barmherzigkeit oder für Härte. Was du über andere sagst, fällt auf dich zurück. Deine Worte kehren zurück und zerren dich vor Gericht.

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Ein bisschen sind wir alle beschädigt durch das, was wir und andere gesagt haben. Manche brauchen viel Zeit und noch mehr Gespräche, um sich davon zu lösen, was ihnen unter die Haut gegangen ist.

Sprich nur ein Wort – das klingt wie das biblische Pendant zu dem Song von „Wir sind Helden“. Ein römischer Hauptmann bittet den jüdischen Heiler um Hilfe für seinen Diener. Und weil er die Macht der Worte kennt, reicht ihm ein Satz von Jesus. Du musst nicht zu mir nach Hause kommen. Gib mir bitte nur ein Wort.

Er bekommt es. Und ein Lob von Jesus obendrauf. So gut hatte das noch niemand verstanden mit den heilenden Worten.

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Hiobs Botschaft?

Ab und zu gibt es diese Gespräche über das Bibelverständnis, die mich ratlos zurücklassen angesichts der Kluft, die zu überbrücken ist. Kürzlich erklärte mir mein Gegenüber, im Buch Hiob seien an einigen Stellen Erkenntnisse vorweggenommen, für die die Wissenschaft erst in den letzten Jahren den Beweis erbracht hat. Es ging um Quellen in der Tiefsee und Sternbilder, die auseinanderdriften. Das sei doch ein klarer Beweis für die göttliche Inspiration der Schrift.

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Ich antwortete, dass die Tiefseequellen dem dreistöckigen Weltbild mit Erde, Himmelsgewölbe und Wasser auf allen Seiten entsprechen, das wir in Genesis 1 finden. Klar speist sich das Meer da auch von unten. Wir sprachen auch noch kurz und ergebnislos über Astronomie, dann wurden wir unterbrochen.

Es hat mich trotzdem noch beschäftigt. Was mich an dieser Haltung irritiert, ist der eklektische Umgang mit Naturwissenschaften. Wenn ich die Bibel für die höhere (weil göttliche und damit unfehlbare) und empirische Wissenschaft für die niedrigere (weil menschliche und damit fehlbare) Wahrheit halte, kann ich letztere ja schlecht als Begründung der ersteren ins Feld führen.

Das funktioniert ohnehin nur unter zwei Bedingungen: Erstens muss der geschichtlich-kontextuelle Charakter biblischer Texte ausgeblendet werden, da es ja um vermeintlich zeitlose, absolute Wahrheiten geht. Zweitens lassen sich solche Übereinstimmungen immer nur punktuell finden. Sie dienen dann dazu, die Differenzen und Widersprüche an anderen Stellen zu negieren. Nach dem Motto: Irgendwann wird die Wissenschaft auch da noch ihre Meinung ändern und die Wahrheit anerkennen, die wir schon haben. Oder auch: Der naive Bibelleser, der alles wortwörtlich nimmt, ist klüger als alle Professoren dieser Welt. Dieses Überlegenheitsgefühl hat schon seinen trotzigen Reiz.

Aber was wäre das eigentlich für ein Gott, der zu den damaligen Menschen nicht so redet, wie sie es verstehen, sondern ihnen Botschaften schickt, die erst zweieinhalbtausend Jahre später einen Sinn ergeben?

Was ich zum Thema „Irrtumslosigkeit“ der Schrift denke, habe ich hier vor einer ganzen Weile schon festgehalten. In diesem Gespräch blieb die Differenz stehen, die Diskussion ging nur in meinen Gedanken noch weiter. Ich fürchte, dass die eigentliche Botschaft biblischer Texte – Gottes Zuneigung zu seiner Schöpfung in Genesis 1 oder bei Hiob das Rätsel menschlichen Leides und göttlicher Macht – bei der Suche nach solchen absoluten Wahrheiten und der Bestätigung eines fixen Dogmas in den Hintergrund rückt und gar nicht mehr richtig im Herzen des Bibellesers ankommt.

Dann wären die tiefen Quellen für den Glauben verschüttet. Denn die Bibel ist nicht die finale Beschreibung all dessen, was es objektiv über die Welt zu sagen gibt. Sie konkurriert nicht mit den Naturwissenschaften. Sondern sie erzählt eine Geschichte so subjektiver Dinge wie Ungewissheit und Vertrauen, Streit und Versöhnung, Sehnsucht und Freiheit.

Und genau deswegen ist sie auch nie überholt.

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Askese auf Lutherisch

Lutheraner sind unter den Kirchen der Ökumene nicht als große Asketen bekannt. Andere mögen heftig fasten und büßen, wir scheuen eher den Verdacht der Werkgerechtigkeit oder den Vorwurf einer zur Schau gestellten Frömmigkeit. Und verzichten ganz demütig (freilich keineswegs demonstrativ!) aufs Verzichten.

Wobei – nicht ganz. Denn vor allem, wenn Altar und Kanzel lila tragen, während der Advents- und Passionszeit, verzichten wir auf das österlich-frivole Halleluja. Und das ist – überschwänglich und ausgelassen wie wir nun mal sind – wirklich verdammt hart für den gewöhnlichen Lutheraner, sich den Jubel über Wochen hinweg zu verkneifen.

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Wir wissen eben, was wirklich weh tut: Dieses kleine Wort zu verschweigen.

Aber nicht nur uns selbst gegenüber sind wir streng, sondern auch gegenüber Gott. Der ist ja der Adressat des entfallenden Halleluja. Ich frage mich manchmal, wie es ihm damit geht, dass wir auch mit auf seine Kosten fasten. Oder ob er sich still und heimlich ein bisschen amüsiert über unsere beeindruckende Enthaltsamkeit?

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Jesus und der Spätbucherbonus

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg brachte mich gestern zum längeren Nachdenken. Worum geht es da eigentlich? Gleicher Lohn für gleiche Leistung ist ja auch heute ein Thema, das völlig zu Recht für Diskussionen sorgt. Das wäre trotzdem eine eher vordergründige Betrachtungsweise.

Ich habe mich gefragt, was das Gleichnis für den Gemeindeaufbau bedeutet. Da ist es ja oft genug so, dass die Arbeiter der ersten Stunde alle Schlüsselpositionen besetzen. Wer dann später dazustößt (weil er/sie jünger ist, neu zugezogen, oder bisher mit anderen Dingen befasst war), muss sich einfügen und hat geringere Spielräume. Die „Kerngemeinde“ hat das Sagen, die anderen müssen mit den Vorlieb nehmen, was an Zeit, Kraft, Geld und Gestaltungsspielraum übrig bleibt. Als gäbe es einen Frühbucherrabatt (bzw. -bonus), mit dem man sich die besten Plätze sichern könnte.

Und nun kommt Jesus daher mit einer Geschichte, in der Frühbucherbonus auf den Kopf gestellt wird. Die neu dazu kommen, haben genauso viel zu melden wie die alten Hasen. Verständlich, dass letztere verschnupft reagieren. War der ganze Stress umsonst?

Kirche ist keine Meritokratie

Was sie freilich nicht sehen (der Winzer allerdings schon), ist, dass die Kerntruppe viel zu klein ist, um die Lese auf dem Weinberg zu stemmen. Also nimmt er, wen er kriegen kann und zahlt den Neuen einen absurd großzügigen Lohn. Weil er will, dass sie bleiben. Weil ihre Familien genauso hungrig sind wie die der anderen. Weil er nicht Leistung bezahlt, auch nicht Zeit, sondern Menschen an sich bindet.

Wie wäre das: Kirche, in der die Newcomer sich nicht erst das Recht verdienen müssen, gehört zu werden. Die jeden, der neu mit anpackt, freudig aufnimmt. Die nicht Buch führt über Verdienste sondern fragt, was jeder braucht, um gut arbeiten zu können. In der keine Besitzstände gewahrt werden, weil dafür angesichts der vielen Arbeit, die vor uns liegt, einfach keine Zeit ist. In der die Neuen ihren Musikgeschmack, ihren Arbeitsstil, ihre Prägung und ihre Ideen ebenso selbstverständlich einbringen können wie die, die seit Jahr und Tag schon in dem Laden aktiv sind: Kirche ist keine Meritokratie, auch keine Meritokratie der Treuen und Beständigen. Und „das war schon immer so“ ist einfach nur die Vermeidung eines guten Arguments.

Ich bin ja selbst gerade einer dieser Neuen. Als Pfarrer ist das freilich noch einmal etwas ganz anderes als für „normale“ Gemeindeglieder. Ich kann, darf und muss vieles mitbestimmen. Meine Fragen und Vorschläge werden nicht so schnell vom Tisch gewischt wie die einer Konfirmandin oder eines neu Zugezogenen. Und ja – in jedem sozialen System braucht man Geduld und Fingerspitzengefühl, wenn man etwas verändern will.

Wie alle gewinnen

Aber es gibt eben auch diesen Spätbucherbonus, auf den die Kirche nicht verzichten darf. All die Neuen, die bei uns hereinschnuppern und andocken (oder es versuchen), sind ein Bonus, ein Geschenk. So, wie sie sind, und nicht erst, wenn sie sich mühsam assimiliert und wir ihnen alle Flausen ausgetrieben haben. In einer Gesellschaft, die immer bunter und vielfältiger wird, wären wir ohne die Fragen, die sie stellen, und die Irritationen, die sie auslösen, bald völlig betriebsblind. Unseren Beschreibungen vom Auftrag der Kirche, unsere Einschätzung des eigenen Beitrages dazu wären wertlos.

Im Gleichnis Jesu behandelt der Winzer die Newcomer so, als hätten sie schon immer dazugehört. Vielleicht gelingt uns dieses Kunststück ja auch. Genug zu tun gibt es allemal vor unserer Nase.

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Alltagsgebete (3): Blaulicht

Eine unregelmäßig wiederkehrende Situation in meinem Alltag ist das Geräusch des Martinshorns auf der Straße oder des Rettungshubschraubers im Anflug auf die Klinik. Eine dieser Unterbrechungen, die Anlass geben zum Gebet. Was hätten die alten Iren gesagt? Mein Stoßgebet fällt so aus:

Himmlischer Tröster und Beistand!
Blaulicht und Sirene ziehen vorüber
Rotoren schlagen gegen den Himmel.

Retter kämpfen um ein Leben,
die Zeit drängt
jeder Griff muss sitzen.

Schenke klare Köpfe,
beherztes Anpacken,
freie Bahn und Rettungsgassen.

Lass uns – Gaffer, Weggucker und Irritierte –
unsere Verwundbarkeit spüren
und sachte weitergehen.

Jemand weint.
Jemand hat Angst.
Jemand leidet Schmerzen.
Kyrie eleison.

unsplash-logowhoislimos


PS: Wer seine Kenntnisse in erster Hilfe auffrischen möchte, kann sich hier umschauen

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Sterngucker sehen mehr

Wir Stadtmenschen erhaschen nur ganz selten einen ungetrübten Blick auf den Nachthimmel. Im Hochgebirge, an der Küste und abseits der modernen Zivilisation gibt es das eher noch so wie in der Welt, in der Jesus lebte: Der Himmel ist klarer zu sehen. Und man hat, wenn man ohne Strom und Internet die Nacht nicht zum Tag macht, auch mehr Zeit, sich damit zu befassen. In Bethlehem, auf fast 800m Höhe und meist in trockener, klarer Wüstenluft muss der Anblick des Himmels für unsere Verhältnisse spektakulär gewesen sein.

Für die Menschen im Altertum war ganz selbstverständlich: Zwischen Himmel und Erde existiert ein Zusammenhang. Was oben passiert, hat mit dem zu tun, was unten passiert. Alles steht in Verbindung, alles kommuniziert. Das müssen wir heute erst wieder entdecken, dass die Atmosphäre (der „erste Himmel“) und die Erdoberfläche nicht Rohstoff oder Kulisse ist, sondern dass es Wechselwirkungen hin und her gibt (Simon de Vries schrieb diese Woche über Bruno Latour und sein Terrestrisches Manifest, in dem das eine große Rolle spielt).

Die Weisen (Mt 2,1-12) waren Sterndeuter, keine Esoteriker, sondern Intellektuelle der damaligen Zeit, die nicht unterschied zwischen Astronomie und Astrologie. Wir unterschieden das heute zu Recht. Außer Mond und Sonne haben die Himmelskörper keinen erkennbaren Einfluss auf das private und öffentliche Leben. Horoskope sind Humbug. Den Himmel sehen wir trotzdem gern an – ich komme später darauf zurück.

Sterne spielten anders als heute auch in der Politik eine Rolle. Im Jahr 44 v. Chr., kurz nach der Ermordung Cäsars, stand Berichten zufolge ein Komet am Taghimmel über Rom. Das Volk glaubte damals, Cäsar sei aufgenommen worden unter die Götter. Augustus sah es als günstiges Zeichen über die Spiele, die er zu der Zeit als Nachfolger und Erbe Cäsars abhalten ließ. Der Historiker Plinius kommentiert: „ …in seinem Innern aber war er mit Freude davon überzeugt, dass der Stern für ihn aufgegangen sei, und dass er mit ihm aufgehe – und zwar, wenn wir die Wahrheit sagen wollen, zum Heile der Welt.“ Ein Stern, ein Heilsbringer, eine neue Zeit.

unsplash-logoAlexander Andrews

Der König kriegt die Krise

Aber nun, vierzig Jahre später, strahlt ein neuer Stern am Himmel. Weise machen sich auf den Weg – aus Persien oder dem Zweistromland – und kommen nach Jerusalem. Und wir erleben ein Drama mit vertauschten Rollen: Die Heiden haben lange vor Herodes und seinen Leuten kapiert, dass der Messias geboren wird.

Das jedoch wäre das letzte, was Herodes brauchen kann. Der hat weder einen Stern gesehen, noch Besuch von einem Engel bekommen, und wohl auch von ganz anderen Dingen geträumt: Prunkbauten, die seinen Namen tragen eventuell…

Herodes erwartet von dem kommenden Messias alles das, was er selber tun würde und worin er geübt war: einen blutigen Machtkampf. Im Übrigen hat er keine Ahnung vom voraussichtlichen Geburtsort des Messias. Er hält sich selbst für den Messias – oder möchte zumindest so gesehen werden. Dafür hat er den Tempel in Jerusalem prunkvoll erneuert, schöner und größer als je zuvor. Und nun herrscht er von Gottes – und mindestens so sehr von Augustus’ – Gnaden in Jerusalem. Mit harter Hand.

Daher der Schrecken. Wir wissen, was folgt: Blutvergießen im großen Stil.

Geschichte wiederholt sich

Herodes ist in dieser Erzählung des Matthäus der Schurke. Die größte Gefahr droht dem Messias also aus den eigenen Reihen. So weit ist es mit Israel gekommen.

Aber vielleicht ist das ja öfter der Fall: Den schlimmsten Schaden haben unserem Land die Nationalsozialisten zugefügt. Nicht die Russen, Franzosen oder Amerikaner.

Den schlimmsten Schaden haben den Kirchen nicht die Christenverfolgungen zugefügt, sondern machtgierige, prunksüchtige Kirchenfürsten, kontrollwütige Kleriker, verlogene und selbstgerechte Fromme.

Hier steht nun der wahre König der Juden gegen den falschen. Und der wahre Heilsbringer für den Erdkreis gegen den falschen.  All die Geschichten, die jetzt noch folgen, werden das entfalten. 

Dieser Messias „gehört“ nicht seinem Volk und auch keinem anderen. Er ist größer als der Gegensatz zwischen Juden und Heiden und die Konflikte, die daraus folgen. Er gehört auch nicht den christlichen Kirchen. Er ist niemandes Besitz. Wenn, dann verhält es sich genau umgekehrt. Wieviel darf er von mir haben, von uns, von dieser Welt?

Nochmal von vorn

Herodes tritt hier in die Fußstapfen des Pharao aus dem Buch Exodus. Auch der ließ um des Machterhalts willen kleine Jungs umbringen. Und Jesus ist der neue Moses, der dem Gemetzel entgeht, der in der Wüste verschwindet und als Prophet zurückkommt, um sein Volk in die Freiheit zu führen.

In Jesus nimmt Gott die Geschichte Israels auf, er rekapituliert sie und führt sie seinem großen Ziel entgegen. Die Weisen sind ein Hinweis darauf, dass wir uns dieses Ziel nicht zu klein vorstellen dürfen.

Wahre Weisheit

Herodes ist also nicht das Vorbild in dieser Geschichte, die Weisen sind es. Sie machen eine ganze Menge richtig. Das zum Beispiel:

  • Sie suchen Gott (bzw. den Messias / die Wahrheit) um seiner selbst willen, ohne ihn für sich vereinnahmen zu wollen.
  • Sie hören auf ihre jüdischen Kollegen, die Schriftgelehrten und führen (so würden wir das heute sagen) ein respektvolles, fruchtbares interreligiöses Gespräch.
  • Sie bringen Geschenke, ohne sie mit Erwartungen zu verbinden. Ein Neugeborenes hat ohnehin nichts, was es zurückgeben könnte.
  • Sie denken nicht nur analytisch, sondern sie stehen auch in gutem Kontakt mit ihrem Inneren. So können sie aus Träumen die richtigen Schlüsse ziehen. Sie lassen Jerusalem und Herodes links liegen und gefährden das Kind nicht.

Wir haben heute keinen Stern am physischen Himmel, der uns hilft bei der Suche nach Gott. Aber wir haben unsere Sehnsucht als Kompass. Es könnte sich lohnen, ihr zu folgen. Sehnsucht nach dem Wahren, Schönen und Guten (für die Intellektuellen und Ästheten), nach Frieden und Gerechtigkeit (für die Aktivisten), nach der Heilung der Welt (für die Leidenden und Mitfühlenden) kann uns auf die richtige Spur bringen.

Und weil auch uns Aufgeklärte mit all der Naturwissenschaft im Hinterkopf der Blick zu den Sternen, wenn sie mal wieder gut zu sehen sind, an diese Sehnsucht erinnert, sollten wir uns den Nachthimmel, so oft es geht, gönnen. Und uns von Gott ergreifen lassen.

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Was für ein Jahr…

Das Jahr mit den größten Veränderungen seit langer Zeit ist zu Ende. Viele haben gefragt, wie es so geht. Ganz gut soweit eigentlich. Ich versuche einfach mal einen kurzen Abriss für alle, die mehr Details möchten:

Der Examenstunnel

Die erste Hälfte verlief eher anstrengend. Das zweite Examen überschattete alles ein bisschen. Insgesamt lief es ganz okay, ich war wegen einiger privater Sorgen allerdings reichlich zerstreut. Die eigentliche Prüfung lag für mich (und für viele der Kolleg*innen) darin, es auszuhalten, von Leuten bewertet zu werden, die nicht allesamt den souveränsten Eindruck machten. Kurz: Ich war froh, als alles vorbei war. Ein paar Tage nach der letzten Prüfung ging ich eine Runde spazieren und hatte dabei das Gefühl, wieder ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. Schon seltsam, wie der Körper auf all das reagiert.

Naturgemäß waren Prüfungsstress, Prüfungsfrust oder Prüfungsangst immer wieder ein Thema im Kollegenkreis. Und wenn das Stichwort „Examen“ fällt, erzählen auch nicht akut Betroffene – die Älteren.  Dabei hat mich erstaunt, wie nachhaltig belastend solche Prüfungen offenbar sind, und wie sehr das bei ganz vielen Jahrzehnte später noch sehr präsent ist. Da handeln wir uns Probleme ein, indem wir das staatliche Prüfungswesen zum Vorbild nehmen. Der Staat aber möchte – im Unterschied zur Kirche, wo das häufig beschworen wird – von seinen Vertreter*innen nicht geliebt werden. Insofern kann er sich das leisten.

Der Abschied

Es folgten Wochen des Abschieds. ELIA-Gottesdienste, Teamsitzungen, Gemeindeversammlungen, auf denen schon Dinge verhandelt wurden, die ich nicht mehr miterleben werde. Das letzte Mal predigen, die letzte Seminarreihe, alles bekam ein anderes Gewicht und eine besondere Stimmung. Im Juli fand dann das große Abschiedsfest statt. Menschen und Erinnerungen aus 25 Jahren kamen zusammen; mehr gute Worte, als ich in so kurzer Zeit richtig aufnehmen konnte. Ich brauchte erst wieder ein paar Tage, um emotional Boden unter die Füße zu bekommen.

Und doch war es kein schwerer Abschied. Das lag im Wesentlichen daran, dass ich nie ins Zweifeln oder Grübeln kam, ob das der richtige Schritt zur richtigen Zeit war. Parallel wurde die Frage entschieden, wo ich ab September eingesetzt werde. Das waren noch ein paar spannende Wochen im Sommer. Und mit ein paar Verzögerungen hat sich auch die Nachfolge bei ELIA geklärt – im März kommt Martin Benz aus Basel/Lörrach mit seiner Familie, nicht nur für mich eine gute Nachricht.

Plötzlich Pfarrer…

Vier Monate sind inzwischen vergangen seit meinem Dienstantritt zum ersten September an der Auferstehungskirche in Zerzabelshof. Mitte September war die Ordination durch Regionalbischof Ark Nitsche zusammen mit drei Kolleg*innen im idyllischen Barthelesmaurach. Mein Freund Jason Clark war eigens aus London gekommen, das war ein ganz wunderbares Geschenk. Zwei Tage vor dem Termin starb mein Schwiegervater mit 83 Jahren und meine erste Amtshandlung nach der Ordination war dann auch, ihn zu beerdigen. Freude und Trauer waren nicht zu trennen.

Ein Platz bleibt leer…

Da es meine Stelle bisher gar nicht gab, gibt es in Zabo auch keine Dienstwohnung. Was bedeutet, dass ich von Erlangen aus pendele. Kenne ich schon, nur ist es noch ein bisschen weiter als zuletzt nach Sündersbühl. Ich versuche, das Auto möglichst stehen zu lassen und bin mit Öffentlichen und/oder Fahrrad unterwegs. Im Schnitt bleibt so etwa eine Stunde in jeder Richtung auf der Straße/Schiene liegen.

Es war natürlich auch kein zusätzliches Büro vorhanden. Meine Zelte vor Ort schlage ich nun im Jugendhaus „Arche“ auf. Da ist von Mittags bis halb vier überwiegend fröhlicher Kinderlärm um mich herum und es riecht nach Essen auf dem Flur – zuletzt Fisch. Schrank, Schreibtisch und Sofa stehen inzwischen, ein paar Bilder hängen an der Wand und das eingerostete WLAN tut es auch wieder. Es fühlt sich trotzdem noch etwas nach Camping an. Das hat auch mit der zeitlichen Befristung auf drei Jahre zu tun. Aber ich habe ja Erfahrung mit Provisorien und Unschärfen.  

Die Gemeinde hat mich sehr freundlich aufgenommen. Schnell bekam ich Hilfsangebote für Konfirmandenarbeit und andere Projekte, etwa das Krippenspiel im Familiengottesdienst am Heiligabend. Hin und wieder spricht mich jemand auf der Straße oder beim Einkaufen an, der mein Bild im Gemeindebrief gesehen hat. Auch das ist für mich eine neue Erfahrung und eigentlich gar nicht großstadttypisch.

„Zabo ist ein ein Dorf“

Der Satz fällt oft im Gespräch mit Zaboranern. Er bedeutet je nach Kontext, dass man einander kennt, dass man Anteil nimmt und hilft, dass man gute oder auch schwierige Vorgeschichten miteinander hat. Und dass hier und da auch kräftig geratscht wird, oder Gerüchte sich in Windeseile verbreiten.

Im Zerzabelshofer Forst

Wer nach Zabo hinein möchte, muss entweder durch den Wald oder durch den Tunnel einer der vielen Bahnunterführungen. Das – die klaren Konturen und baulichen Barrieren – erklärt vielleicht auch, warum viele sagen, der Stadtteil sei „doch recht für sich“. Es gibt tatsächlich einen winzigen dörflichen Kern mit einer Handvoll alter Häuser. Darum herum gruppieren sich heute allerlei Geschäfte. Stilprägend sind jedoch die Genossenschaftsbauten aus den zwanziger Jahren. Die Straßennamen deuten das noch an: Heimgartenweg, Waldluststraße, Siedlerstraße. Dazu passen Restaurant- und Kneipennamen wie „Heidekrug“ oder „Sängerlust“. Mittendurch fließt der Goldbach, und seit der nasse Dezember die hartnäckige Dürre beendet hat, ist er auch wieder mehr als nur das kleine braune Rinnsal auf dem Foto.

Niedrigwasser im September

Ein paar Premieren

Zu den neuen Erfahrungen gehört das erste Clubspiel, das ich live miterlebte: Die Wasserschlacht gegen Leverkusen vom November. Immerhin unentschieden.

Oder die Waldweihnacht im Tiergarten am dritten Advent, mit echtem Schnee und echten Schafen um mich herum.

Es war Zeit, ein paar Radioandachten zu schreiben und aufzunehmen – in Nürnberg mit Christoph Lefherz und in München mit Melitta Müller-Hansen.

Auch ein Novum, freilich weniger erfreulich, war die Brandstiftung in der Auferstehungskirche nach dem dritten Advent, als ein Transparent, das wir in der 11-Uhr-Kirche zuvor aufgehängt hatten, von Unbekannten abgefackelt wurde. Zum Glück entstand kein größerer Schaden. Aber es war für alle ein Schreck und die Kirche bleibt tagsüber nun erst einmal geschlossen.

Der im Herbst neu gewählte Kirchenvorstand nimmt nun seine Arbeit auf und dann werden wir im neuen Jahr sehen, wohin die Gemeinde sich entwickelt und wie unternehmungslustig alle sind. Ich bin ganz zuversichtlich, dass ich etwas Sinnvolles dazu beitragen kann.

Im Vikariat habe ich meine Gitarre wieder öfter ausgepackt und bin auf den Geschmack gekommen. Meine bescheidenen Fertigkeiten möchte ich im neuen Jahr ein bisschen kultivieren. Seit vorgestern steht eine neue neben meinem Schreibtisch. Jetzt muss die Hornhaut auf den Fingerkuppen schnell zulegen.

Draußen böllert es immer lauter. Das neue Jahr ist nicht mehr weit. Wer weiß, was es in 365 Tagen zu erzählen gibt… Ich wünsche Euch allen Gottes Segen auf Schritt und Tritt. 

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Das Wort, die Widerworte und eine gefährliche Nachbarschaft (Weihnachten 2018)

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Joh 1,14

Worte werden Fleisch

Das ist eine alltägliche Sache, im Großen wie im Kleinen. 

Parolen, Polemik und Propaganda setzen Dinge – Ideen, Forderungen, Stimmungen – in die Welt. Sie bewegen Menschen, gehen ihnen schließlich in Fleisch und Blut über und führen ein Eigenleben. Dann folgen menschliche Köpfe, Hände und Füße einem Aufruf zum Streik, sie begehren auf, stimmen ab, randalieren. Und weil Propaganda immer ein problematisches Verhältnis zur Wirklichkeit hat, kommt dabei derzeit oft nichts Gutes heraus.

Aber auch Lieder und Liebeserklärungen „werden Fleisch“. Menschen fassen Vertrauen und versprechen sich einander. Sie bekommen Kinder, für die sie sorgen und die irgendwann ihre eigenen Liebeserklärungen wagen. Keine glückliche Beziehung ohne Gesten und Worte der Zuneigung. Keine soziale Bewegung ohne diesen Treibstoff.

Entscheidend ist, welches Wort genau Fleisch wird. Und wo. Und wozu.

Sagen, was wird

Das Wort, von dem hier die Rede ist, ist nicht irgendein Wort unter anderen. Es ist das Wort des schöpferischen Anfangs. Nicht so sehr eines zeitlichen Anfangs, der mit jedem Jahr in größere Ferne rückt, sondern der verlässliche, tragende Grund der Wirklichkeit.

Es ist keine „Information“, sondern ein Anruf – an die Sterne, das Meer und die Menschen: „Tretet ins Leben“ – „zeigt euch“. Und seither geschieht es, andauernd: Leben entsteht und erneuert sich. Beziehungen entstehen und entfalten sich. Geschöpfe antworten auf die An-Sprache Gottes, der sie beim Namen ruft, mit ihrer eigenen Stimme.

Das Wort, mit dem Gott sagt, was wird, ist also der Grund-Satz, der uns in die Wirklichkeit stellt und dort erdet. Vor aller Zwiespältigkeit, Verzerrung und Lüge, die es nun freilich auch gibt. Die Lüge aber ist eben deshalb ein Skandal, weil es Wahrheit gibt und weil Vertrauenkönnen für uns so wichtig ist.

Die Lüge sagt das, was nicht ist, so, als wäre es der Fall.

Sagen, was (nicht?) ist

„Sagen, was ist.“ Das Motto des Spiegel-Begründers Rudolf Augstein ist das Mantra des deutschen Journalismus. In der vergangenen Woche hat dieser ehrgeizige Anspruch auf Wahrhaftigkeit durch den Skandal über erfundene – erlogene! – Reportagen von Claus Relotius schwer gelitten. Eine Flut von Erklärungen, Kommentaren und Diskussionen war die Folge. 

Die Krisenstimmung hat mit dem Anspruch zu tun. Der Autor Erik Flügge skizziert das Dilemma hinter dem Rauschen im Blätterwald:

„In Sozialen Netzwerken und unwahrhaftigen Medien entstehen Debatten bar jeder Wahrhaftigkeit. Von Lügen angetrieben, lösen sie eine Welle der Empörung aus, die sich in tausenden Kommentaren und Wutausbrüchen Bahn bricht. Getreu der Regel, „Sagen, was ist.“ beziehungsweise „Nachricht oder keine Nachricht“ ist völlig klar, dass die falsche Information nicht berichtet wird, weil sie keine Nachricht ist. Allerdings ist die Empörung im Netz eine wahre Nachricht. So erschaffen Populisten Berichterstattung über Dinge, die nicht sind, indem sie eine Welle aus Wut erzeugen, die dann wahrhaft da ist und damit auch berichtet wird. […] Genau diesem Prinzip folgt die Strategie Donald Trumps. Er lügt und ist sich der Kritik seiner Lüge gewiss. Damit schafft er es, dass jeden Tag gesagt wird, was nicht ist.“


Skrupellose Widerworte und die vergeblichen Erwiderungen darauf. Gnade und Wahrheit verschüttet unter Lügen. Licht mitten in der Finsternis.

Kein Wunder, dass DAS Wort in eine Welt kommt, die nichts begreift, es nicht wahr- und aufnimmt. Es trifft ja nicht auf Stille des Anfangs, sondern auf ein Gewirr von Stimmen und Worten. Zu viele Lügen. Zuviel Misstrauen. Zuviel Resignation. Damals wie heute.

unsplash-logoBreno Assis

Zeltplätze und Nachbarschaften

Übersetzt man Joh 1,14 wörtlich, dann steht da: „Das Wort wurde Fleisch und zeltete unter uns.“ Eine Anspielung auf den nomadischen, vagabundierenden Gott Israels, der mit seinem Volk umherzieht und sich in keinen Tempel einmauern lässt. Und auf den umherziehenden, mobilen Messias, der das Wandern in der Fremde wieder aufnimmt.

Ich wohne in einem Reihenhaus. Ein Bekannter hat einmal gesagt: Im Reihenhaus wohnst du wie auf dem Campingplatz. Und er hat Recht: Man bekommt alles mit: Bellende Hunde, Klavierstunden, Partys, den Qualm vom Grill, maulende Kinder und schimpfende Eltern. Das kann nerven, aber auch tröstlich sein. Eine Nachbarin sagte neulich zur anderen „Es hat mir so gut getan, zu hören, wie du dein Kind angeschrien hast“. Deswegen ist es ganz zutreffend, dass Eugene Peterson hier statt „zeltete unter uns“ übersetzt: „Das Wort wurde Fleisch und Blut und zog in die Nachbarschaft.“

Nachbarschaft. Ich halte diese Predigt ja zweimal, und zwar in benachbarten Gemeinden: Zabo und Mögeldorf.  In Zabo hat es in der jüngeren Vergangenheit mächtig geknirscht. Neulich sagte ein Gemeindeglied traurig und ein bisschen beschämt: „Jetzt reden sogar die Mögeldorfer über uns“. Ich habe dann nur gesagt: „Mag sein. Aber ich könnte  mir vorstellen, die Mögeldorfer sind vor allem froh, dass gerade nicht über sie geredet wird.“ So ist das eben unter Nachbarn. Mal hat die eine die Krise, mal der andere.

Man wird mit seinen Nachbarn häufig in einen Topf geworfen, nach dem Motto: „Mitgefangen, mitgehangen“: „Die Zaboraner zanken.“ „Die Mögeldorfer wollen immer das letzte Wort haben.“ Das kann ärgerlich sein oder lustig, und ab und zu auch gefährlich.

Gefährliche Nachbarschaften

Ich habe in diesem Jahr den Begriff der „gefährlichen Nachbarschaft“ gelernt. Da geht es um gesellschaftpolitische Fragen. Zum Beispiel so: Pegida kapert traditionelle Weihnachtslieder und gibt ihnen damit eine völkische, fremdenfeindliche Bedeutung. Es wird plötzlich schwerer, sie unbefangen zu singen, weil wir ja das genaue Gegenteil damit verbinden: Den menschenfreundlichen Gott, der alles nationale Pathos ins Leere laufen lässt. Aus ähnlich gegensätzlichen Motiven hängen Menschen seit diesem Jahr Kreuze auf (oder lassen es bleiben).

Aber es betrifft nicht nur religiöse Fragen: Die Feministin Antje Schrupp skizzierte vor einer Weile die äußerliche Nähe zwischen den Anstrengungen zur gesellschaftlichen Anerkennung unbezahlter (in der Regel weiblicher) Haus- und Pflegearbeit auf der einen Seite und einer Verklärung des hausfraulichen Apfelkuchenbackens à la Eva Herman auf der anderen. Die einen wollen Gleichbehandlung unterschiedlicher Tätigkeiten, die anderen patriarchale Geschlechterrollen festschreiben. Schrupp stellt fest, dass diese Nachbarschaft zu schwierigen Reflexen führen kann:

»Sagen sie „Heimat“, erklären wir das Wort für prinzipiell unbrauchbar. Kritisieren sie die „Systempresse“ müssen wir die Medien auf jeden Fall in Schutz nehmen. Jede Position, die Rechte vertreten, wird prinzipiell problematisch, weil man damit automatisch in den Verdacht gerät, ebenfalls rechts zu sein: Was, du backst gerne Apfelkuchen? Aber Eva Herman!!!«


Mir fällt ein Bekannter ein, der immer ausgesprochen progressiv (und im damaligen Sinne „links“) war. Dann hat er sich wie Thilo Sarrazin zum zornigen Islam- und Migrationskritiker mit repressiven Tendenzen gewandelt. Wir haben äußerlich immer noch einiges gemeinsam, trotzdem sind wir uns fremd geworden.

Ich könnte diese Aufzählung noch lange fortsetzen. Aber zurück zur Bibel:

In genau solche Nachbarschaften mit ihren Animositäten, Allergien und Vorurteilen begibt sich das Wort: Noch im selben Kapitel lesen wir, wie Nathanael fragt: „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Damit beginnt eine ganze Reihe von Urteilen, die über Jesus gefällt werden:

  • „Was, du willst den Römern nicht an die Gurgel? Dann bist du ein Verräter an der Sache Gottes! Oder einfach nur ein Feigling?“
  • „Was, du gibst dich mit Sündern ab und verurteilst sie nicht? Du setzt dich über die Reinheitsvorschriften unserer Religion hinweg? Du störst den Opfergottesdienst im Tempel? Dann bist du ein falscher Prophet.“
  • „Was, du verkündest das Reich Gottes in dieser Welt? Dann bist Du ein Aufrührer und Terrorist. Besser, wir bringen dich gleich um.“

Das leibhaftige Wort umgibt sich mit Menschen, die ihrerseits eine gefährliche Nachbarschaft bilden: Simon, der Zelot (ein Terrorsympathisant), Levi, der Zöllner (ein Profiteur der Besatzung), Petrus, der Hitzkopf – und natürlich Judas…

Die Tür in der Nähe

In dieser Nähe liegt nicht nur ein Problem, sondern auch eine Hoffnung. „Rechts“ und „links“ liegen nicht Lichtjahre auseinander. Das eine ist nicht in jeder Hinsicht das komplette Gegenteil des anderen. Irgendwann hat sich mein autoritaristischer Nachbar oder Bekannter entschlossen, durch diese problematische Tür ganz in der Nähe zu gehen. Die Nähe braucht mich aber nicht zu irritieren oder zu alarmieren, auch nicht die Gemeinsamkeiten wie der Apfelkuchen.

Weihnachten heißt: Das Wort hat sich auch in meine gefährliche Nachbarschaft begeben. In dem „unter uns“ des Evangelisten Johannes sind ja auch wir Heutigen eingeschlossen. Meine Fehler und Dummheiten, meine Versäumnisse und Verstrickungen fallen auf ihn zurück. Gott nimmt das ganz bewusst in Kauf. Und für mich ist eine Tür offen in ein neues, anderes Leben. Ganz in der Nähe. Überall da, wo ich falsch abgebogen bin und Lügen auf den Leim gehe oder mich selbst betrüge. Denn das mit der Tür funktioniert auch in umgekehrter Richtung – von der Ausgrenzung zur Umarmung, von der Feindschaft zum Frieden.

Kann ich das auch: Zankenden und zeternden, zugänglichen und zauberhaften Menschen ein guter Nachbar sein? Vielleicht handle ich mir das eine oder andere Missverständnis ein. Aber das hier ist nun eben die Nachbarschaft, in die Gott mich stellt. Wie schön, dass Sie alle dazugehören. Und wenn wir dieser Spur folgen – wer weiß, was wir nächstes Weihnachten einander alles über Gnade und Wahrheit erzählen können?

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Die Botschaft des Sterns

Ein Morgen im Spätherbst: Ich wache auf und alles ist noch dunkel und still. Mein Blick geht zum offenen Fenster und wandert über den Sternenhimmel. Über dem östlichen Horizont erkenne ich den Morgenstern. Mir fällt ein: Meine Astronomie-App hat mich kürzlich informiert, dass die Venus ab jetzt wieder morgens zu sehen ist, nicht abends.

unsplash-logoAleks Dahlberg

Den Blick auf die Uhr kann ich mir also schenken. Wenn der Morgenstern leuchtet, ist die Sonne nicht mehr weit. Liegenbleiben und Weiterschlafen lohnt sich nicht mehr. Ich stehe auf, ziehe mich an und bereite mich innerlich auf das vor, was an diesem neuen Tag zu tun ist.

Im letzten Kapitel der Bibel erscheint der auferstandene Christus und spricht von sich als dem Morgenstern. Noch ist die Sonne der Gerechtigkeit über der Welt nicht aufgegangen. Aber der Morgenstern leuchtet schon am Himmel. Und allen, die seine Botschaft verstehen, ist klar: Jetzt ist es Zeit, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, die düsteren oder verschwommenen Träume der Nacht abzuhaken. Die Wirklichkeit, die gleich folgt, stellt sie in den Schatten. Buchstäblich.

Also: Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!

Frohe Weihnachten.


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Erhöhte Radioaktivität

unsplash-logoFelipe Belluco

In den nächsten Tagen könnt Ihr mich, wenn Ihr mögt und Zeit habt, im Radio hören. Diesmal beim Bayerischen Rundfunk in „Auf ein Wort“. Gestern haben wir in München sieben Mini-Andachten aufgenommen. Weihnachten und der Jahreswechsel sind ja keine ganz einfachen Anlässe. Es hat aber bei aller Anstrengung Spaß gemacht und ich hoffe, das merkt man auch, wenn man die Sendungen hört.

Morgen geht es los – abends kurz vor zehn auf Bayern 3 und (außer Sa/So) kurz vor elf auf Bayern 1. Weiter dann am Heiligabend, am 26., 28. und 30. Dezember und am 2. und 4. Januar im neuen Jahr.

Wer da anderweitig beschäftigt ist oder es verpasst hat, kann es im BR-Podcast nachhören. Und wer regelmäßig diesen Blog liest, wird das eine oder andere Motiv vielleicht wiedererkennen.

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Gott spielen

Im Krippenspiel am Heiligabend spielt Gott mit. Er trägt Pferdeschwanz und Brille und geht in die siebte oder achte Klasse.  Anscheinend hat Gott dem Religionslehrer von seiner Rolle erzählt. Der fragte prompt zurück, ob das nicht eine sehr persönliche Vorstellung von Gott sei, wenn er da leibhaftig mitspielt. Gott schaut mich fragend an, ich bin ja der Pfarrer. Wenn das ein Problem sei, antworte ich, dann dürften wir ja auch nicht „Vater unser im Himmel“ beten. Gott nickt zufrieden und spielt weiter.

Natürlich ist Gott in einem anderen Sinn Person als wir. Das Attribut bezeichnet „nur“ eine Ähnlichkeit. Aber ihn als Nichtperson zu betrachten wäre noch viel falscher. Vielleicht sind wir manchmal nicht Person genug, um Gott sinnvoll abzubilden. Eine Grundähnlichkeit bleibt allerdings. 

Ursprünglich hatten wir eine andere Besetzung im Auge, mit erkennbarem Migrationshintergrund, aber der streng (christlich-) religiöse Vater verbot dem Darsteller den Auftritt mit Verweis auf das mosaische Bilderverbot. Dieses bezieht sich jedoch nicht auf Gott allein, sondern auf Lebewesen aller Art. Buber übersetzt: 

„Nicht mache dir Schnitzgebild, — und alle Gestalt, die im Himmel oben, die auf Erden unten, die im Wasser unter der Erde ist.“

Ex 20,4

Jede Art gegenständlicher religiöser Kunst wäre damit streng genommen tabu. Wenn wir aber wie hier über Schauspiel sprechen, darf man ja nicht übersehen, dass Gott im Ersten Testament rituell ständig repräsentiert wird, nämlich durch Priester. Also Menschen. 

unsplash-logoBen Sweet

Das eigentliche Problem liegt darin, dass wir meinen könnten, ein ganz bestimmter Mensch sei exklusiv Gottes Bild und Stellvertreter. Oder dass unsere Inszenierungen von Macht, Reichtum und Schönheit Annäherungen an Gott darstellen. Der Menschensohn, das authentischste Bild Gottes, das wir haben, fällt nicht in diese Kategorie des Spektakulären. Vielmehr weiß der Prophet:

Wie ein Keimling stieg er auf vor sich hin, wie eine Wurzel aus dürrer Erde, nicht Gestalt hatte er, nicht Glanz, daß wir ihn angesehn hätten, nicht Aussehn, daß wir sein begehrt hätten, 

Jes 53,2 (Buber)

Wenn wir dann noch ernst nehmen, dass Gottes Geist auch in Menschenkindern wirkt, die Pferdeschwanz und Brille tragen, in die achte Klasse gehen oder sonst irgendwelche gewöhnlichen Dinge tun – wie wir alle –, dann sollte es auch kein Problem sein, ihn am Heiligabend mitspielen zu lassen. 

Und wenn uns Weihnachten daran erinnert, dass Gott nun ganz viele menschliche Gesichter hat, dann kommen wir vielleicht nicht so schnell auf die Idee, Gott zu spielen. Wie manche Eltern im Leben ihrer Kinder. Wie manche Chefs und Professoren. Wie manche Ärzte und Wissenschaftler oder auch Pfarrer und Bischöfe. Wie manche – nein, alle! – Kriegsherren.

Dann hätte sich der ganze Aufwand gelohnt.

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