im Augenblick fragen sich viele Menschen, wie es sein kann, dass die vielen Hitzetoten, die brennenden Wälder und die ausgetrockneten Flüsse von der überwältigenden Mehrheit achselzuckend hingenommen werden. Weshalb die Vertreter der Bundesregierung es sich auch leisten können, dazu zu schweigen und nichts zu unternehmen.
Ein Gespräch gestern hat mir geholfen, das zu verstehen. Ich wartete an einer Autowaschanlage darauf, dass die dicke Partina von meinem Kleinwagen verschwindet. Hinter mir stand ein Mensch mit einem schwarzen Mercedes Roadster. Der sah eigentlich blitzsauber aus, sein Fahrer beharrte aber darauf, dass er gewaschen gehört.
Ich sagte zu ihm: Na, wenigstens warten wir hier im Schatten. Er antwortete, eigentlich seien ihm die 30+° heute lieber als solche Sommer mit 15° und Regen. Ich erwiderte, dass es solche Sommer ja schon lange nicht mehr gibt. Er fand, der letzte Sommer, der sei viel zu kalt gewesen. Ich hielt dagegen, dass auch der Sommer 2025 deutlich (fast 1°) über dem langjährigen Mittel lag. Aber offenbar haben sich die paar kühlen und verregneten Tage bei ihm stärker ins Gedächtnis eingeprägt als die warmen und trockenen.
Kann sein, sagte er, man merkt sich ja oft besser, was einen stört. Aber 2003 sei der Sommer heiß gewesen, das wisse er noch. Ich sagte, dass fast alle Sommer in diesem Jahrtausend deutlich über dem bisherigen Schnitt lagen. Und dass wir in diesem Sommer schon fast 12.000 Hitzetote hatten.
Mein Gegenüber wandte ein, da seien doch wohl auch Vorerkrankungen im Spiel gewesen. Ja, sagte ich, aber dann war es die Hitze, die ihnen den Rest gegeben hat. Die wären aber trotzdem früher oder später gestorben, bekam ich zu hören. Kranke Leute sterben doch ständig irgendwo. Vielleicht hat es ihr Leiden ja auch verkürzt.
Ich erklärte, dass die Statistiken zur Übersterblichkeit einen klaren Zusammenhang mit der Hitze aufwiesen und dass an den heißen Tagen bis zur doppelt so viele Menschen gestorben waren, wie normal. Anders gesagt: Dieses kontinuierliche Sterben an all den anderen Ursachen erklärt die Häufung an den heißen Tagen nicht. Die allermeisten hätten noch Monate, vielleicht Jahre gelebt.
Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast, sagte der Mercedesfahrer augenzwinkernd. Oder keiner, deren Ergebnis dir nicht passt, gab ich zurück. An der Stelle war die Autowäsche beendet, und wir verabschiedeten uns freundlich.
Der Gedanke, dass es nicht so schlimm sei, wenn ein paar Alte und Kranke den Löffel abgeben, ging mir noch eine ganze Weile nach. Mit dieser Logik lässt sich praktisch jede Form von Vernachlässigung im Gesundheitssystem und der Pflege rechtfertigen.
Diese indirekte Vernachlässigung durch Abschreiben und Wegsehen ist, anders als die direkte, nicht strafbar. Aber sie trägt ihre Strafe mittelbar in sich selbst. Denn das Abstumpfen, das sie befördert und beschönigt, kann jeden treffen.
Das Ganze wird jetzt als ein tragisches, aber unabwendbares Schicksal hingestellt. Denn wenn es das ist, dann ist niemand verantwortlich. Niemand kann zur Rechenschaft gezogen werden.
Thomas Metzinger schreibt in „Bewusstseinskultur“ davon, dass im Blick auf die Krisen unserer Zeit viele so tun, als schliefen sie. Dass man aber Leute, die vorgeben zu schlafen, nicht aufwecken kann.
"Ich meine die privilegierte Gruppe, die weiterhin heimlich Klimaleugner-Parteien wählt, wenn es ihren individuellen Interessen dient; die, bevor es zu spät ist, schnell noch einen SUV kauft oder eine Ölheizung installiert und ansonsten den Kopf so lange wie möglich in den Sand steckt. Diese Gruppe versucht einfach, sich so lange dumm zu stellen, wie es irgend geht, in der unausgesprochene Hoffnung, irgendwann später, gerade noch rechtzeitig, dem allgemeinen Trend zur ökologischen Umkehr folgen zu können."
Wenn sie sich da mal nicht verrechnet haben…
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