Hops über den Kanal

Die nächsten Tage wird es hier wohl etwas ruhiger, spätestens ab Montag. Da bin ich für vier Tage bei der Northumbria Community zu einer “private retreat”. Da bleibt das Notebook zu und das Handy aus. Es ist übrigens schon mein zweiter Anlauf, die Gemeinschaft kennen zu lernen. Der erste scheiterte vor ein paar Jahren in einem Blizzard.

Zuvor werde ich ein paar alte und neue Freunde besuchen (Jason Clark, die Cliffords und Roger Ellis) und dann auf dem Weg in den Norden Deborah im Lake District für einen Tag sehen. Donnerstag abend geht es via Glasgow dann zurück. Bin schon gespannt…

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Die Zukunft der emerging church

Phyllis Tickle (vielleicht das weibliche Pendant zu Richard Foster) hat sich interessante Gedanken zu der Frage gemacht, wohin die emerging church unterwegs ist. Vielleicht etwas holzschnittartig und vielleicht auch sehr aus der US-Perspektive betrachtet, aber trotzdem interessant:

Der eine ist, dass die postkonfessionelle und damit auch postprotestantische Ära anbricht. Der Protestantismus hat die Führungsrolle von der katholischen Kirche, diese hatte sie wiederum von der Ostkirche übernommen. Eine kirchengeschichtliche Verschiebung nach Westen bzw. Norden, die nun am Ende angekommen ist bzw. vor einer neuen Verzweigung steht.

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In den USA sieht Tickle vier “Quadranten” der Christenheit:

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Blindes Vertrauen

Den Programmierern von Akismet sei Dank. Es fängt die ständig anschwellende Flut von Spam zuverlässig ab. Inzwischen sind es bis zu 1.000 Spam-Kommentare am Tag, die hier reinkommen.

Ich hoffe, dass echte Kommentare dabei nicht auf der Strecke bleiben (wenn doch, bitte melden!), aber ich kann die endlose Spam-Liste gar nicht mehr im Detail durchsehen. Manchmal erscheinen während des Löschens schon wieder neue. Ich vertraue also blind auf das digitale Helferlein – was bleibt mir auch anderes übrig? 🙁

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Sennett (5): Der kurze Weg zum Brudermord

Ein Glück, dass es das in christlichen Gemeinden ü-ber-haupt nicht gibt, was Richard Sennett über ein Gemeinschaftsleben schreibt, das sich gegen Fremde abschottet, nach innen aber unter dem Widerspruch leidet, dass man sich einerseits vor einander durch emotionale Offenheit offenbart und andererseits auf einander achtet und eine gewisse (das ist gar nicht negativ gemeint) soziale Kontrolle herrscht. Aus einem Ort der vermeintlichen Brüderlichkeit wird ein Ort des Brudermords:

Brüder gehen auf einander los. Sie offenbaren sich voreinander, sie entwickeln aufgrund dieser Selbstenthüllungen gegenseitige Erwartungen, und sie stellen fest, dass der andere Mängel hat. Mit dieser Haltung treten sie auch der Außenwelt gegenüber. Wir sind eine Gemeinschaft; wir sind wirklich; die Außenwelt reagiert nicht auf das, was wir als Gemeinschaft sind; der Fehler muss bei ihr liegen, sie verfehlt uns; deshalb wollen wir mit ihr nichts zu tun haben. Beide Prozesse folgen dem gleichen Rhythmus von Enthüllung, Enttäuschung und Isolation.

(Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, S. 379)

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Reichlich verhoxrt

Matthias Horx gibt in einem Essay für die Welt Entwarnung: Die Klimakatastrophe wird gar keine. Schließlich sei der Mensch adaptionsfähig. Die Gattung wohlgemerkt, nicht das einzelne Exemplar. Von denen dürften einige auf der Strecke bleiben, aber das kümmert den Meister aller Trends nicht.

Die Megatrends nämlich sprechen in Horx‘ Sicht der Dinge eine andere Sprache – und zeigen anschaulich, was geschieht, wenn Evolution von wissenschaftlicher Hypothese zur ideologischen Weltanschauung mutiert: Der Mensch ist ein “Terraformer”, wie schon die Dinosaurier, und gehört zu dem Prozess der evolutionären Veränderung der Erde, der kein gut und böse kennt, nur die Notwendigkeit des Fortschritts. Dass sich der Mensch in diesem Prozess des Terraformens (wie die Dinos?) sein Grab schaufeln könnte, dass millionenhaftes menschliches Elend droht und einige andere Spezies auch auf der Strecke bleiben – scheinbar alles Peanuts.

Menschen können, sagt der “Optimist” Horx, den Wandel gestalten. Wir sehen allenthalben, wie gut das funktioniert. Für Horx scheint Gestaltung wie für George W. Bush zu bedeuten, im Zweifelsfall erst mal alles laufen zu lassen. Sonst hätte er diesen Essay kaum so geschrieben (gut, vielleicht fürchtet er auch, die Krisenstimmung könnte seinem neuen Buch schaden). Die Schäden für Deutschland werden aktuell auf 800 Milliarden Euro geschätzt, und darunter werden die Armen überall auf der Welt viel mehr leiden als gut situierte Erfolgsautoren. Ich jedenfalls finde diesen Optimismus zynisch, weil er die Reichen bevorzugt.

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Sennett (4): gesellschaftlicher Voyeurismus

Die Suche nach Intimität und der Rückzug ins Private haben mit einer ganz anderen Wahrnehmung des Fremden in unserer Kultur zu tun. In anderen Regionen der Welt werden Fremde auch heute noch neugierig beäugt und angesprochen, bei uns werden sie, vor allem in den Metropolen, wie Luft behandelt:

…um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in (…) westlichen Hauptstädten ein Verhaltensmuster, das sich von allem unterschied, was man hundert Jahre zuvor (…) gekannt hatte oder heutzutage im größten Teil der nichtwestlichen Welt kennt: Die Vorstellung, dass Fremde kein Recht hätten, miteinander zu sprechen, dass jedermann das öffentliche Recht auf einen unsichtbaren Schutzschirm besitze, das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Das öffentliche Leben wurde zu einer Sache des Beobachtens, der passiven Teilnahme, zu einer Art von Voyeurismus.

Die Ursachen dieser Haltung (Sennett stellt sie ausführlich dar, ich kann das hier leider nicht) kann man beschreibend nachvollziehen. Fremde sind zu Unberührbaren geworden. Wenn mich ein Fremder anspricht, habe ich (nicht ganz zu Unrecht) die Sorge, dass er mir entweder etwas verkaufen will oder ein – vorsichtig gesagt – leicht exzentrischer Typ ist.

Wenn wir nun ein Ideal christlicher Gemeinschaft haben, das auf Intimität fußt, dann führt das fast zwangsläufig dazu, dass Gemeinden Fremde offen oder unterschwellig abweisen. Und zwar mit der folgenden Logik:

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Blogstock – mein Wurf

Daniel hat mir den Ball – pardon: das Stöckchen – zugespielt, und fast hätte ich es nicht gemerkt. Fangen wir also mit den technischen Dingen an: Dank Thomas und WordPress kann ich mich darauf beschränken, alles ganz unkompliziert über ecto abzuwickeln. Das lässt mir Raum für Ideen, und um die geht es ja eigentlich.

Ideen – da gibt es vielfältige Quellen, aber nachdem es nicht sooo schrecklich originell ist, mache ich es kurz:

  • Analog: Bücher, die ich lese (meistens mehrere parallel, mehr Englisch als Deutsch)
  • Digital: Blogs und Nachrichten der online-Redaktionen großer Zeitungen und einiger Fernsehsender
  • Verbal: anregende Gespräche mit Freunden und Leuten aus der Gemeinde über dies und das
  • Real: kleine oder größere alltägliche Erlebnisse

Manche Posts sind auch “Abfallprodukte”, etwa wenn ich an einer Predigt oder einem Referat arbeite und dabei Dinge entdecke, die interessant sind, aber nicht zwingend zum Thema gehören. Oder wenn hinterher die Gedanken noch weiter laufen, nachdem alles schon gesagt ist.

Apropos Laufen: Viele Gedanken klären sich für mich auf einer Runde Joggen durch “meinen” Wald. Wenn ich heimkomme und abkühle, schreibe ich sie dann auf.

Immer wieder mal lese ich dann hier selbst nach und entwickle einen Gedanken weiter. Eine Art geistige Zwischenablage mit Suchfunktion.

Und weiter geht es mit Alex, Mike und Stephan. Ich hoffe, das überschneidet sich jetzt nicht mit anderen Stockwürfen 🙂

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Frühling – ohne Bienen?

Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr… (Einstein)

Letzte Woche habe ich mit einem Imker gesprochen. Ich mag Bienen, nicht nur wegen dem Honig. Und nun das: Die SZ berichtet über das mysteriöse Verschwinden der Bienen und die unabsehbaren Folgen für den Menschen. Sie sind unser drittwichtigstes Haustier. In den USA sind 70% der Bienen einfach weg. Irgendetwas scheint da gerade zu “kippen”. Komisch: Alle schreiben über Terrordrohungen, aber das Fehlen der Bienen könnte uns viel härter treffen…

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Taktvoll

Heute morgen im Zug fand ich mich in einem Abteil mit einer jungen Mutter und zwei lebhaften Kleinkindern wieder. Es gelang mir nicht so recht, mich auf mein Buch zu konzentrieren, und ich hatte das Gefühl, die leicht genervte Mutter wäre auch etwas entspannter, wenn sie nicht meinetwegen für Ruhe sorgen müsste.

Andererseits wollte ich nicht einfach aufstehen und gehen, weil ich fürchtete, das sähe auch blöd aus und würden als ungnädiges Urteil über das redliche (wenngleich aussichtslose) Bemühen um so etwas wie Ruhe missverstanden. Also wartete ich den nächsten Halt ab, verabschiedete mich und zog zwei Waggons weiter. Nicht in Richtung Speisewagen, weil die drei (wenn sie es wagen würden, ihr Gepäck allein zu lassen) vielleicht noch einen Ausflug in diese Richtung unternehmen würden, sondern zum Ende des Zuges hin.

Dumm gelaufen: Eine halbe Stunde später kamen die drei an meinem Platz vorbei. Ich hoffe nur, die Mutter hat mich vor lauter Kleinkindgewackel übersehen. Wahrscheinlich hatte sie den Ausflug zum Speisewagen für später aufgehoben.

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Wenn Du es eilig hast…

Gut, es lag auch am Wetter. Als ich aus meiner Sitzung zum Bahnhof Wilhelmshöhe eilte (danke fürs Mitnehmen, Frank!) hatte ich nur den Zug im Kopf und das interessante Gespräch auf dem Rückweg. Erst auf dem Bahnsteig fiel mir auf, dass ich meine Jacke in der CVJM-Tagungsstätte vergessen hatte. Bei der frühlingshaften Wärme hatte ich sie (anders als bei der Anreise am Morgen) nicht weiter vermisst. Also, nochmal den ganzen Weg zurück. So kann’s gehen, wenn man Zeit sparen will.

Neulich auf dem Passamt musste ich meinen neuen Ausweis unterschreiben. Die freundliche Beamtin meinte, als sie mir zusah: “Jetzt glaube ich Ihnen den Doktor” (der stand nämlich im alten PA noch nicht drin). Das mit der Jacke heute geht aber schon in Richtung Professor, so rein vom Klischee her…

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Tiefe Gemeinschaft?

Sennetts beunruhigende Beobachtungen gehen weiter. Das überzogene Interesse am eigenen Innenleben und dem des Gegenübers hat unmittelbare soziale Auswirkungen. Beziehungspflege wird zum Selbstzweck, aus einer Gruppe, die über sich hinaus sieht, wird eine abgeschlossene Clique.

In dem Maße, wie das Interesse an der Frage nach dem Selbst gewachsen ist, ist die gemeinsame Arbeit mit Fremden im Dienste sozialer Zwecke zurückgegangen. (…) In lokalen Vereinen und Zusammenschlüssen z.B. haben die Menschen oft das Gefühl, sie müssten einander als Personen kennen lernen, um miteinander handeln zu können; sie geraten dann in einen Prozess der gegenseitigen Selbstoffenbarung, der Immobilität hervorruft, und nach und nach verlieren sie die Lust, gemeinsam zu handeln. (S. 27)

Gemeinschaft kann also so “tief” werden, dass sie nicht mehr über den eigenen Tellerrand blickt. Ich fürchte, das geht schneller, als wir ahnen. Schon mal erlebt?

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Das verkehrte Gefühl

Ich knüpfe an das gestrige Zitat von Richard Sennett an. Er bezieht seine Beobachtungen nicht explizit auf Gemeindeleben und Spiritualität, aber manche Parallelen liegen doch auf der Hand:

Narzisstische Charakterstörungen haben deshalb so zugenommen, weil die heutige Gesellschaft ihre inneren Ausdrucksprozesse psychologisch organisiert und den Sinn für sinnvolle soziale Interaktionen außerhalb der Grenzen des einzelnen Selbst unterminiert. (S. 22)

Das klingt jetzt noch relativ abstrakt, aber es wird gleich deutlicher, wenn er schreibt:

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Relevanz, Relevanz…

Seit einiger Zeit beschäftigen mich einige Gedanken aus Richard Sennetts Buch Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Seine These ist, dass das Private und Intime das Öffentliche (und damit Politik, soziale Verantwortung, Engagement und Gerechtigkeit) längst verdrängt hat. Tobias hat vor einiger Zeit darüber geschrieben.

Es wäre ein Wunder, wenn das nicht schon längst seinen Weg in die Kultur unserer Gemeinden gefunden hätte. Dies könnte zum Beispiel ein Hinweis sein:

Zum Narzissmus gehört zum Beispiel die bohrende Frage, was diese Person, dieses Ereignis “für mich bedeuten”. Diese Frage nach der “Relevanz” anderer Menschen oder äußerer Handlungen für die jeweilige Person wird immer wieder von Neuem gestellt, so dass die deutliche Wahrnehmung der Personen und Handlungen getrübt wird.

Irgendeiner Sache “da draußen” gestehen wir nur dann einen Wert zu, wenn sie eine Resonanz “hier drinnen” erzeugt. Wir reagieren kaum auf die Nachricht, dass eine Katastrophe oder ein Krieg Tausende das Leben gekostet hat, es sei denn, wir sehen grausige Bilder davon; aber wir können uns endlos Gedanken über das Privatleben unserer Stars machen (und schauen uns die hübschen Bilder dazu an). Wenn der Tsunami keine deutschen Touristen erwischt hätte, wären die Spenden kaum so hoch gewesen. Fürs Klima interessieren sich die Amerikaner erst richtig seit Katrina und wir, seit der Winter einen Bogen um uns macht.

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Heilsame Verfremdung

Die Schrift und die Tradition müssen so gelesen werden, dass ihre Fremdheit herauskommt, das nicht-offensichtliche und unzeitgemäße an ihnen, damit sie von Neuem und wahrhaft gelesen werden können von einer Generation nach der anderen. Man muss sie komplizierter machen, bevor man ihre Einfachheit richtig begreifen kann… Und dieses “Verkomplizieren” – dieses Bekenntnis, dass sich nicht sofort und ohne weiteres erschließt, was das Evangelium in der Schrift und Tradition sagt – ist vielleicht eine der grundlegendsten Aufgaben der Theologie.

Rowan Williams, Arius: Heresy and Tradition (2nd ed.; Grand Rapids: Eerdmans, 2001), p. 236 (gefunden bei Faith & Theology)

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Knecht Rupert schägt zu…

Manchmal braucht es keine Propheten, sondern ein Präsident tut es auch: Horst Köhlers Weckruf zum Klimaschutz hat aber trotzdem nur einen lauten Schnarcher aus Ingolstadt hervorgerufen. Audi-Chef Rupert Stadler findet, seine Firma sei “keine Sozialhilfestation”. Und er fügt hinzu, wie er die Probleme lösen will – durch Aussitzen:

Das Thema Kohlendioxid ist nun hinreichend plattgetreten in der Öffentlichkeit, die Gesellschaft wird in einigen Wochen wieder auf den Boden der Realität zurückkehren.

Brüssel wird sich drei Mal überlegen, ob sie uns ärgern wollen.

Ist das nur ein kurzzeitiger Aussetzer oder schon alarmierender Realitätsverlust? In der Leserbriefspalte der Nürnberger Nachrichten wird heute schon diskutiert, ob man Audi nicht boykottieren sollte. Vermutlich schon, denn einbrechende Gewinne sind scheinbar die einzige Sprache, die man dort versteht.

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