Egozentrik oder Geozentrik?

Ich habe kürzlich noch einmal einen TED-Talk (s.u.) angeschaut, in dem es eigentlich um Sprache geht. Dort erzählt die Referentin von einem Aborigines-Stamm, dessen Sprache keine Worte für rechts und links hat. Alle Orientierung erfolgt in Himmelsrichtungen. Statt „dein rechter Fuß“ würden sie zum Beispiel sagen „dein nordwestlicher Fuß“.

Rechts und links – da mache ich mich zum Mittelpunkt oder Ausgangspunkt aller Orientierung. Eine „egozentrische“ Welt. Die Aborigines in dieser Geschichte haben eine „geozentrische“ Orientierung. Und da fällt mir auf, dass die Himmelsrichtungen ja eigentlich „Erdrichtungen“ sind.

Wenn die Erde die Matrix liefert, in die wir alles eintragen, dann wirkt sich das auf allen Ebenen aus. Wir Europäer können rechts und links sagen – und das ist auch lebenswichtig, wenn ich aufs Fahrrad steige – aber unser menschlicher Körper ist darüber zum Maß aller Dinge geworden. „Der Mensch steht im Mittelpunkt“ gehört zum Credo jeder anständigen Firmenphilosophie – aber irgendwie auch zum Hintergrund unserer ökologischen Katastrophen.

Und dann fällt mir mein Hebräischkurs wieder ein. Da habe ich vor Ewigkeiten gelernt, dass der Name „Benjamin“ entweder „Sohn zur Rechten“ (das wurde später als „Ehrenplatz“ gedeutet) oder aber„Sohn im Süden“ heißen kann. Wenn jemand nach Osten schaut, sich also orientiert, dann sind Süden und rechts dasselbe. Es scheint so, als wäre die Himmels-/Erdrichtung die ursprüngliche Bedeutung und die Körperrichtung kam dann als sekundäre Bedeutung dazu.

Die Orientierung an der Erde. Wenn ich an einem neuen Ort bin, bin ich innerlich immer unruhig, bis ich wieder weiß, wo Norden, Süden, Osten und Westen sind. Bis ich mich an und in der Landschaft orientiert habe. Der Aborigene oder der Hebräer in mir braucht das.

Aber um eine geerdete Grammatik für unsere Gespräche über das richtige und gute Leben auf dem gestressten Planeten müssen wir ringen. Der Spätkapitalismus hat sich längst von der Erde gelöst und alle Orient:ierung aufgegeben. Nun fehlen uns wichtige Begriffe und Kategorien in der öffentlichen Dikussion, und das beeinträchtigt die Verständigung ganz massiv.

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