Drei ??? und die Unheilspropheten

In dieser Woche wurde ich gleich mehrmals auf eine nach eigenem Anspruch prophetische Botschaft von David Wilkerson angesprochen, die gerade die Runde macht. Wilkerson kündigt eine gewaltige, nicht näher erläuterte Katastrophe an, die zu weltweitem Chaos führen werde und dann empfiehlt, einen Vorrat an Nahrungsmitteln und Toilettenartikeln für 30 Tage anzulegen.

Schon vor ein paar Monaten geisterte eine Botschaft des Berliner Pastors Joh.W. Matutis durchs Netz, die in eine ähnliche Richtung wies, aber deutlich langatmiger ausfiel. Natürlich haben in Zeiten globaler Krisen solche Stimmen Hochkonjunktur, nicht nur unter Christen. In jüngster Zeit haben aber oft auch die Recht behalten, die vor Monaten noch als Schwarzseher bezeichnet wurden.

Muss man diesen Stimmen also glauben, wenn man nicht selbstsicher ausschließen kann, dass sich irgendwo gewaltiges Unheil zusammenbraut? Andererseits habe ich heute wieder Jesu Wort über die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Feld gelesen und mich gefragt, wie die Anweisung zum Bunkern von Vorräten dazu passt. Mir sind beim Lesen dieser Botschaften drei Fragezeichen gekommen:

Fragezeichen 1: Die Dominanz des Spektakulären

Es ist ja nicht so, dass wir keine globalen Krisen hätten, die eine schnelle, besonnene und entschlossene Reaktion von uns verlangen. Meine Sorge ist, dass das Warten und die Vorbereitungen auf ein nebulöses (aber offenbar unausweichliches) Unglück uns davon abhalten, uns um die längst absehbaren, aber in der mittel- und langfristigen Konsequenz möglicherweise nicht minder heftigen Katastrophen zu kümmern, so lange noch Zeit ist.

Diese anderen Problemfelder werden auch dann bestehen bleiben, wenn eine Katastrophe welcher Art auch immer eintritt, nur würden sie nicht mehr beachtet (wie etwa der Klimaschutz angesichts drohender Arbeitslosigkeit). Das Kaninchen ist am Ende so auf die Bedrohung der Schlange gepolt, dass es für den Fuchs zur leichten Beute wird. Das „Wissen“ um ein Unglück, an dem ich nichts ändern kann, wird mich so noch anfälliger für andere, eigentlich offensichtliche Probleme machen.

Fragezeichen 2: Die politische Agenda

Bei Wilkerson scheint sie nur zwischen den Zeilen durch und bleibt unklar wie der Rest seiner Botschaft:

God is judging the raging sins of America and the nations. He is destroying the secular foundations.

Der Verweis auf die Sünden ist recht allgemein. Ist die Kernsünde der USA der säkulare Staat, die pluralistische Gesellschaft? Liebäugelt Wilkerson mit einer Art Theokratie, und wie müsste man sich die vorstellen? Hätte er das zu Bush-Zeiten auch geschrieben? Matutis schreibt diesen interessanten Absatz:

Wenn man die Entwicklung verfolgt, stellt man fest, dass es seit dem 14. Juli 2007 mit den Börsen und Banken permanent berg-ab geht. Wie der Zufall es will, flattert mir gerade eine ältere Pressemeldung in die Hände, und darin wird berichtet: Am 13.Juli 2007 wurde die neue Sitzungsperiode des US-Senats durch Gebete eines Hindu-Priesters eröffnet und damit ganz Amerika und die Wirtschaftswelt den Hindu Göttern geweiht. Ein Skandal und eine Schande für das so „christliche Amerika“. Der Hindu Priester las aus den Veden und rief die Geister der Erde, des Meeres und des Windes an. Ein Gläubiger im Saal schrie auf: O Gott, vergib uns diese Gräuel“. Sofort fielen Ordner über ihn her und trugen ihn aus dem Auditorium hinaus. Der Hindu-Priester fing seine Zeremonie und das Weihe-Ritual noch einmal ganz von vorne und vollendete sie in aller Ruhe. Und was passierte dann? In meinem Archiv fand ich noch eine Pressemeldung vom 13.Juli 2007: „Riesen-Hornissen /Wespen überfallen das US-Parlament“. Etwa 16 Schwärme von ca.5 cm großen Hornissen ließen sich im Parlaments-Ge-bäude nieder. In 2.Mose 23.27-29 sagt Gott „…ich werde Angst und Schrecken senden…und Hornissen , die sich so vermehren werden, dass ihr darüber nicht Herr werdet…

Wilkerson muss man zu Gute halten, dass er derart grobe Vereinfachungen und Bibelauslegung qua Stichwortassoziation meidet. Für Matutis lag es offenbar nicht etwa an der seit Monaten schwelenden Subprime-Krise, sondern am Auftritt des Hindupriesters, dass die Wirtschaft lahmt. Aus einer zeitlichen Abfolge wird ein kausaler Zusammenhang konstruiert. Und natürlich hat er aus den vielen Ereignissen des 13. Juli 07 dieses eine ausgewählt. Das war kein Zufall – mein zweites Fragezeichen ist also in beiden Fällen, welche politischen Anschauungen die jeweiligen Propheten vertreten und ob sich da konkret nicht eine zumindest latente Aversion gegen eine pluralistische Gesellschaftsordnung andeutet (die sicher nicht perfekt ist, aber derzeit ohne überzeugende Alternative). Wenn ich nämlich solche Botschaften verbreite, muss ich auch deren Tendenzen und Nebenwirkungen im Blick haben.

Fragezeichen 3: Der fehlende Zusammenhang

Wenn Wilkerson am Ende seinen praktischen Ratschlag erteilt, dann ist dieser ja nicht als Krisenprävention, sondern als Maßnahme zum Überleben zu verstehen. Es wird aber auch keine nachträgliche Verarbeitung des Unglücks vorbereitet (von dem uns – im Unterschied zur Ankündigung des Exils durch die Propheten und zu Jesu Ankündigung der Zerstörung Jerusalems ja nicht gesagt wird, was es sein wird). Mir scheint auch den Vergleich mit der Josephsgeschichte von den fetten und mageren Jahren unzureichend. Da ging es ja gerade nicht darum, dass einzelne ihren Vorrat aufstocken, sondern dass eine ganze Gesellschaft überlebt. Und diese Dimension fehlt hier weitgehend.

Um noch einmal Dietrich Dörner zu bemühen: Hier besteht zumindest die Gefahr einer horizontalen wie vertikalen Flucht. Die „vertikale Flucht“ besteht in der Ausrichtung auf ein völlig unbestimmtes, jedoch alles andere an Bedeutung übertreffendes Ereignis. Die „horizontale Flucht“ besteht darin, dass man sich auf einen beherrschbaren Teilbereich (Vorräte) beschränkt und das Ganze (bzw. die damit verbundene Ohnmacht und Unzulänglichkeit) dabei vergisst.

Bei manchen medizinischen Impfungen wird unter Fachleuten heftig diskutiert, ob die Probleme und Nebenwirkungen nicht den Nutzen übersteigen. Irgendwie frage ich mich das bei diesen Warnungen auch.

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Deregulierung

Dietrich Dörner betrachtet die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, bei der die erfahrenen Ingenieure nicht zum ersten Mal die Sicherheitsvorschriften sehr frei interpretierten und sich dabei mächtig verschätzten. Und er zieht daraus Schlüsse, die nicht nur für die Finanzwirtschaft interessant sein können, sondern auch unsere ganz persönlichen Tendenzen, in bestimmten Lebenssituationen den Ausnahmezustand zu erklären und uns zum eigenen Schaden und zum Nachteil anderer über sinnvolle Regeln hinwegzusetzen, von Straßenverkehr angefangen bis zum Umgang mit den zehn Geboten:

Verletzungen der Sicherheitsvorschriften aber werden im lerntheoretischen Sinne gewöhnlich «verstärkt», das heißt: Es lohnt sich; man hat etwas davon. Wenn man Sicherheitsvorschriften verletzt, wird gewöhnlich dadurch das Leben leichter. (…) Sicherheitsvorschriften sind in der Regel so ausgelegt, dass man bei ihrer Verletzung keineswegs unmittelbar in die Luft fliegt, sich verletzt oder sonst irgendwie zu Schaden kommt, sondern so, dass das Leben leichter wird. Die positiven Folgen der Verletzung von Sicherheitsvorschriften führen dazu, dass sich die Tendenz erhöht, sie zu übertreten. Damit aber steigt die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich etwas passiert. Und wenn dann tatsächlich etwas passiert ist, hat man unter Umständen nie mehr Gelegenheit, daraus Folgerungen für sein zukünftiges Handeln zu ziehen.

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Spruch des Tages (11)

Die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen, seien sie nun richtig oder falsch, sind mächtiger als man gemeinhin annimmt. Tatsächlich regiert kaum etwas anderes die Welt. Praktiker, die sich für weitgehend frei von intellektuellen Einflüssen halten, sind in der Regel Sklaven irgendeines veralteten Ökonomen.

John Maynard Keynes (1883-1946), zitiert bei Dallas Willard in Divine Conspiracy

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Trügerische Sicherheit

Unsere Unfähigkeit, angesichts komplexer Situationen Unbestimmtheit zu ertragen, spielt uns immer wieder böse Streiche, sagt der Psychologe Dietrich Dörner in Die Logik des Mißlingens:

Wenn man schwer lösbare Probleme einfach fallen lässt oder sie durch «Delegation» scheinbar löst; wenn man sich allzu bereitwillig durch neue Informationen von dem gerade behandelten Problem ablenken lässt; wenn man die Probleme löst, die man lösen kann, statt derjenigen, die man lösen soll; wenn man die Reflexion des eigenen Verhaltens und damit die Konfrontation mit der eigenen Unzulänglichkeit scheut, so liegt es nahe, den gemeinsame Nenner für all diese Verhaltens- und Denkformen in der Tendenz zu suchen, der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit in einer schwierigen Situation nicht ansichtig zu werden, sich in Bestimmtheit und Sicherheit zu flüchten.

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Neue Fragen, alte Einsichten – oder doch nicht?

Unter dem Titel Der neue Mensch trägt Matthias Mattusek die aktuellen Versuche einiger Intellektueller zusammen, die richtigen Konsequenzen aus der Wirtschaftkrise zu ziehen. Schon interessant, was dort gedacht wird.

Natürlich klingt der Titel erst einmal nach paulinischer Paraklese. Andererseits kann man auch mit Dietrich Dörner argwöhnen, dass der Ruf nach dem „neuen Menschen“ daher rührt, dass die eigenen politischen Konzepte (konkret nennt er den Kapitalismus, der zum Egoismus degeneriert und den Sozialismus, der Lethargie verursacht) gescheitert sind und man nun nicht deren falsche Prämissen in Frage stellt, sondern beklagt, die Menschheit sei dafür noch nicht reif.

Doch Ralf Dahrendorf scheint eher die paulinische Denkrichtung zu wählen, wenn er eine Rückkehr zur protestantischen Arbeitsethik fordert, wie Max Weber sie klassisch definiert hat: Bedürfnisaufschub, Disziplin, Pflicht und Dienst als Gegenstück zum bisherigen Hedonismus, der in Verbindung mit dem Pumpkapitalismus für die Krise ursächlich verantwortlich ist.

Wolfram Weimer, der Chefredakteur von Cicero, spricht ähnlich eindringlich von „Glaube statt Gold“, Familie, Sparsamkeit und Bescheidenheit – eine Art „neuer Bürgerlichkeit“. Radikaler denkt Peter Sloterdijk, der eine Abkehr von den bisherigen Exzessen der Weltgesellschaft fordert und Künstler, Mönche und Asketen zum Prototypen des neuen Menschen werden, dessen Kampf nicht um ein größeres Stück des immer begrenzteren Kuchens geführt wird, sondern sich gegen die eigenen ausufernden Ansprüche und Bedürfnisse richtet.

Was ich mich beim Lesen gefragt habe, war nun dies: Haben diese drei Autoren eigentlich selbst umgedacht aufgrund der Krise, oder haben sie diese nur zum Anlass genommen, ihre bisherigen Ansichten wieder aufzuwärmen und neu in Umlauf zu bringen? Ich bin mir nicht sicher. Aber mir wäre wohler beim Lesen, wenn letzteres der Fall wäre. Sie werden dadurch nicht richtiger, aber irgendwie einen Tick glaubwürdiger.

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Spannende Langeweile

Vor ein paar Wochen auf den Konfirmandenfreizeit gab es einen „langweiligen Abend“ – als Programm. Die Aufgabe war, möglichst gelangweilt langweilige Dinge zu tun und dabei auf keinen Fall zu lachen. Wer trotzdem und vorschriftswidrig lachte, musste eine Papiertüte über den Kopf ziehen.

Eine Möglichkeit, sich zu langweilen, bestand darin, dass wir das regionale Telefonbuch (Oberfranken in diesem Fall) herumliegen hatten und jeder konnte darin blättern. Ich griff mir also das Buch und konzentrierte mich auf den Inhalt, um ja nicht lachen zu müssen. Und plötzlich war ich zum Erstaunen aller anderen total versunken in dieses Telefonbuch. Ich las und blätterte und las und blätterte und dachte nach und las weiter.

Was war geschehen? Ich hatte das Dorf gefunden, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Und dann fand ich einen bekannten Namen, einen zweiten, ich hatte plötzlich Gesichter vor Augen, Geschichten tauchten auf aus der Erinnerung. Wer heute wohl noch dort wohnte und wohin es wohl den Rest verschlagen hatte? Wie würden die alten Freunde heute wohl aussehen? Was ist aus ihnen geworden? Ob sie Kinder haben?

Dieses Telefonbuch wurde ganz überraschend zum Spiegel meiner eigenen Geschichte und zum Sprungbrett für eine innere Reise in die Vergangenheit und zurück. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder davon losriss.

Ok, manch einer ahnt die Pointe schon: In der Bibel gibt es Stellen, die lesen sich ungefähr so spannend wie ein Telefonbuch. Zum Glück gibt es auch viele sehr spannende Geschichten. Aber selbst die Telefonbuch-Passagen können urplötzlich eine Faszination entwickeln, wenn wir entdecken, was das mit uns und unserer Geschichte zu tun hat. In Bezug auf die große Geschichte, die uns die biblischen Bücher erzählen, ist das natürlich noch leichter.

In dem Moment, wo ich erkenne, dass diese ganze Story meine Story ist, und dass die großen Fragen meines Lebens (wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich, worum geht es im Leben?) im Licht dieser Geschichte neu gestellt und anders beantwortet werden können, da ist Schluss mit Langeweile und die Aha-Erlebnisse fangen an. Nicht jedes Mal, wenn ich in der Bibel lese. Aber je mehr alte Freunde mir darin begegnen, desto interessanter wird es. Und es wird nicht einmal langweilig sein, diese Geschichten wieder und wieder zu hören. Alte Freunde können es unermüdlich tun und jedes Mal wird nicht nur ein Stück Vergangenheit lebendig, sondern es strahlt auch auf die Gegenwart aus.

Gottes Geschichte mit uns ist noch nicht zu Ende. Aber das Blättern in den früheren Kapiteln schärft den Blick für das Ziel und die alltäglichen kleinen Schritte in diese Richtung.

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Das sollte ein richtig guter Blogpost werden…

… ich hatte auch schon alles ganz klar im Kopf. Statt es sofort aufzuschreiben, bin ich ins Büro geradelt, habe mich dort verleiten lassen, noch schnell eine e-Mail zu beantworten. Dann folgte eine Besprechung, und nun habe ich keine Ahnung mehr, was ich schreiben wollte.

War wohl nicht so wichtig, denkt jetzt der eine oder andere. Andererseits: Schön wär’s, wenn man immer nur unwichtige Dinge vergäße…

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Mission – aber wie?

Die SZ hat (wie so oft) den Streit um den Religionsunterricht in Berlin klug kommentiert. Die Kirchen haben sich mit dieser Kampagne in eigener Sache nicht unbedingt einen Gefallen getan, findet der Kommentator Matthias Drobinski:

„Pro Reli“ war in Berlin populär, solange die Initiative als Nothilfe gegen einen übermächtigen, ungerechten und ignoranten Senat galt. Die Stimmung kippte, als Schüler in Religionsunterricht zum Unterschriftensammeln angehalten wurden, als Plakate die Stadt zupflasterten, und Pfarrer, die für Ethik waren, Ärger mit den Bischöfen bekamen – es ging ja schließlich um die Freiheit, da kann man sich keine Abweichler leisten.

Das wird das Dilemma der Kirchen in den bevorstehenden Auseinandersetzungen um die Frage sein, wie viel öffentliche Religion ein säkularer Staat mit einer sich säkularisierenden Gesellschaft braucht. Sie muss die Regeln der Mediengesellschaft kennen und die Instrumente der öffentlichen Auseinandersetzung handhaben. Doch tut sie das, gerät sie immer in den Verdacht, das Eigene zu verraten, den Kern, die christliche Botschaft; ein Akteur wie die anderen Parteien und Verbände auch…

Plötzlich waren es nicht nur ein paar Evangelikale, die sich den Vorwurf anhören mussten, auf diesem Weg missionieren zu wollen. Und sie wollen es tatsächlich: Werte, Denkweisen, Ansichten und Verhaltensmuster prägen. Und natürlich geht es dabei unausgesprochen auch darum, den eigenen Bestand zu wahren.

Anders jedoch als Freikirchler und Pietisten haben die großen Kirchen lange und nahezu alternativlos auf eben jene institutionell privilegierten Wege der Glaubensvermittlung gesetzt (die ich weder in Frage stellen noch schlecht reden möchte, ich halte lediglich die Fixierung auf diese Schiene für problematisch), die aus der Konkursmasse des Staatskirchentums seit 1918 noch vorhanden waren und die von den Vätern des Grundgesetzes nach der Katastrophe des Dritten Reichs bestätigt wurden. Vom Podest dieser Privilegien herab konnte man auch die (zugegeben: oft kritikwürdigen) Missionsstrategien anderer bequem und öffentlich kritisieren, ohne ernsthaft überlegen zu müssen, wie man selbst es besser machen würde.

In der Diskussion sind auch gute Gründe für einen Religionsunterricht an staatlichen Schulen angeführt worden. Der eigenen Glaubwürdigkeit sind die Kirchen es dennoch schuldig, sich zukünftig mit demselben Einsatz von Zeit und Kraft der Frage zuzuwenden, wie Mission ein Thema für die ganze Gemeinde wird, wie alle ihre Glieder im Glauben sprachfähig und -willig werden, und das Ganze nicht einfach an Pfarrer und Religionslehrer wegdelegiert wird, die das auf sich allein gestellt gar nicht leisten könnten. Denn wenn die Rechnung aufgegangen wäre, hätte diese Abstimmung doch wohl zu einem anderen Resultat geführt.

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Liebes ZDF,

Klinsmann musste gehen. Viel zu früh, sagen die einen. Viel zu spät, sagen die anderen. Der ARD war das im Quotenkampf einen „Brennpunkt“ wert, auch wenn es weder der Terroranschlag noch das Erdbeben oder der unerwartete Regierungswechsel war, für das dieses Format bisher stand (sollen wir den Volkstrauertag nun auf den 27. April legen?)

Ihr hättet es besser machen können als die Kollegen von der Eins. Nur: Wer von Euch kam bloß auf die Idee, man müsse ausgerechnet Lothar Matthäus dazu befragen?

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Rechtfertigung: Wright or wrong? (3)

Ich mache es kurz mit dem Überblick über das Kapitel 4 zum Thema „Rechtfertigung“, die Details würden zu weit führen und die groben Linien hatten sich schon angedeutet in den letzten beiden Posts:

Wright zitiert Alistair McGrath mit der Feststellung, dass sich der Begriff „Rechtfertigung“ in der Theologie von seinem neutestamentlichen Ausgangspunkt gelöst hat, um zu einer Bezeichung für das gesamte Heilsgeschehen zu werden. Wenn man aber diese Vorstellung in die Paulustexte zurück projiziert, führt das zu Schwierigkeiten.

Gerechtigkeit bezeichnet keine moralische Qualität, sondern den rechtlichen Status einer Person, zu deren Gunsten das Gericht entschieden hat. Für Paulus ist das untrennbar verbunden mit der langen Geschichte Israels seit dem Bundesschluss Gottes mit Abraham in Genesis 15, dessen Ziel die Überwindung des Bösen und die Wiederherstellung der Welt ist. In Deuteronomium 28-30 ist dargelegt, welche Konsequenzen die Verletzung des Bundes für das Gottesvolk hat, und auch die Katastrophe des Exils stellt nicht das Ende dieser Verheißung Gottes dar. Paulus bezieht sich in Römer 4 und Galater 3 explizit auf Abraham und verwendet Bundesterminologie.

Die eschatologische Dimension der Rechtfertigung besteht dann darin, dass Paulus wie andere Juden an ein bestimmtes Ziel Gottes mit seinem Volk/der Welt glaubt, dass er anders als sie davon ausgeht, dass Gottes rettendes Handeln in Jesus, dem Messias, kulminiert und (ähnlich wie die Qumran-Sekte) davon ausgeht, dass nun ein neues Zeitalter begonnen hat – und zwar noch mitten im „Alten“.

Das führt zur christologischen Dimension: wenn Paulus von Jesus als dem Christus – d.h. Messias – redet, dann bedeutet das für ihn, dass

  1. sich in Jesus Gottes Ziel mit seinem Volk erfüllt, der entscheidende Sieg gelingt, der neue Tempel geschaffen wird und das messianische Friedensreich anbricht.
  2. das wahre Gottesvolk ist in dem Messias zusammengefasst ist, ähnlich wie das im AT von den Patriarchen bzw. David und Isai auch gesagt wird.
  3. die besondere Leistung des Messias in seiner Treue bzw. seinem Gehorsam besteht (Röm 5,19/Phil 2,8), der den Ungehorsam und die Untreue Israels aufhebt – der eine treue Israelit, durch den sich Gottes Plan schließlich doch erfüllt
  4. der treue Gehorsam des Messias in seinem Tod als Repräsentant seines Volkes  gipfelt, für das er eintritt. Nach Römer 8,3 verurteilt Gott am Kreuz nicht den Messias, aber die Sünde im Fleisch. Wer also in Christus ist, den trifft dieses Urteil nicht mehr.
  5. mit der Auferstehung des Messias (d.h. seiner Rechtfertigung durch Gott) die Neuschöpfung der Welt begonnen hat, die derzeit noch der Vergänglichkeit und dem Verfall unterworfen ist.
  6. der Geist des Messias auf sein Volk ausgegossen wird, damit es wird, was es Gottes Aussage zufolge schon ist – das Vertrauen auf den Messias schließt also das Vertrauen auf den Geist ein und ist von diesem nicht zu trennen. Die Struktur des Rechtfertigungsgeschehens ist trinitarisch
  7. der gekreuzigte Messias auch der kommende Richter der Welt ist, dessen zukünftiges Urteil nach den Werken mit dem jetzigen, vor-läufigen Urteil auf der Grundlage des Glaubens korrespondiert.

Im nächsten Post geht es dann ran an die Texte. Wright beginnt im Galaterbrief.

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Spruch des Tages (9)

Schenke mir eine Gedichtzeile am Tag, mein Gott, und wenn ich sie nicht aufschreiben kann, weil es kein Papier und kein Licht gibt, dann werde ich sie abends leise unter deinem großen Himmel aufsagen. Aber schenke mir ab und zu eine einzige kleine Gedichtzeile.

Etty Hillesum in Das denkende Herz

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Heißes Thema

Mein Sohn brütete am Wochenende über der Deutsch-Hausaufgabe. Thema: Sollten in der Schule auch Nicht-Pädagogen unterrichten? Der Hintergrund ist wohl die Diskussion, ob man Quereinsteiger „aus der Wirtschaft“ an die Schulen holen sollte.

Ich hatte gerade im UniSpiegel diesen Artikel gelesen, der beschreibt, wie mangelhaft die Lehrerausbildung für weiterführende Schulen hinsichtlich der Didaktik etc. ist, und schlug ihm vor, die These aufzustellen, dass der meiste Unterricht an Gymnasien schon die ganze Zeit von „Nichtpädagogen“ gehalten wird. Die haben zwar ihr Fach studiert, aber eben kaum Pädagogik im eigentlichen Sinn. Und selbst im Referendariat müssen sich Nachwuchs-Lehrer, so der Spiegel, das meiste selbst aneignen. Das hätte sicher eine spannende Diskussion gegeben.

Zum Glück gibt es dann trotz aller Systemfehler noch gute Lehrer. Es geht hier also nicht darum, den Beruf(sstand) schlecht zu machen. Aber die eigentliche Frage müsste wohl doch eher lauten, wie wir mehr „echte“ (d.h. in dieser Hinsicht gründlich ausgebildete) Pädagogen an die Schulen bekommen. So gesehen erscheint die Frage nach Lehrkräften aus der Wirtschaft (wer eigentlich: arbeitslose Investmentbanker?) schon wieder in einem ganz anderen Licht.

Meinem Sohn war das Thema dann doch zu heiß, er hat ein anderes gewählt…

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Bilderbuch-Väter

Nächstes Wochenende hat mein Sohn das entscheidende Fußballspiel der Saison und ich hoffe, dass ich dabei sein kann. Es ist allerdings das erste Spiel, zu dem ich in diesem Jahr mitkomme. Und als ich daran dachte, fielen mir wieder etliche gehörte Reden und Predigten ein, in denen irgendwer bekannte, nie einen Sportwettkampf, Vorspiel oder Theaterauftritt des eigenen Nachwuchses verpasst zu haben.

Ich muss hier und heute bekennen: Ich habe das nicht geschafft und wüsste auch gar nicht, wie das gehen soll. Ich schaffe es oft nicht einmal, zu den Elternabenden zu gehen (Sprechstunden schon eher), weil meine Abendtermine schon drei Wochen oder länger vorher feststehen und die meisten Schuldirektoren der Meinung sind, man brauche solche Anlässe nur zehn Tage vorher anzukündigen (drei weitere Tage tragen die Kinder das Rundschreiben dann noch in der Büchertasche spazieren…) und alle Eltern stehen jubelnd auf der Matte, weil sie sich abends eh nur langweilen.

Ab und zu beschleichen mich aber auch Zweifel an der Wahrhaftigkeit dieser Aussagen über „immer“ und „nie“. Haben diese Väter eigentlich mehr als ein Kind? Bei zwei aktiven Fußballern mit je ein bis zwei Spielen pro Woche hat man ohnehin nur die Wahl, welches Spiel man sieht, zumal das auch noch mit einer halben bis ganzen Stunde Anreise verbunden sein kann. Vier bis fünf Stunden sind da schon mal weg. Pro Kind. Pro Wochenende. Wie machen die das?

Wie auch immer – auch wenn ich kein Soccer Dad bin, nächste Woche gehe ich mit und mache, was alle „guten“ Fußballeltern machen: Krach für die eigene Mannschaft, die Eltern der anderen Seite provozieren oder mich über sie aufregen, dem Schiedsrichter für einer möglichen Niederlage verantwortlich machen und für den hoffentlich überlegenen Sieg ein Eis ausgeben.

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Ein reisender Schauspieler

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.

… im Gegenteil,
du weißt nicht, was du getan hast.

Die Bühne der Geschichte
wurde errichtet, betreten und erprobt
lange vor deinem kurzen
Ausflug aus der Kulisse

Das Drama der Erlösung
– du wirst das verstehen,
du bist ja religiös –
wird regelmäßig aufgeführt
gehört zum Repertoire
und man findet es in der Regel
erfreulich…
Und zwar ohne einen Erlöser
nur Gott und das System.

Aber du
Emporkömmling von außen
warst entschlossen, das Stück umzuschreiben
die Handlung auf den Kopf zu stellen
das Absolute persönlich zu machen
und, mit dem Publikum improvisierend,
anzudeuten, dass diese Travestie
wahr sei.
Wer bist Du?

Du weißt nicht, was du getan hast.

Aber es ist nicht irreparabel.

Zwei, vielleicht drei Tage
und dein Gesicht wird vergessen sein,
so wie der Schauspieler,
der abends den Clown gespielt hat
und sich ungeschminkt
am Morgen wie ein Narr vorkommt.

Deine Zuhörer werden aufhören, von dir zu reden;
deine Nachfolger werden aufhören, zu folgen
Religion wird wieder die alte sein –
solche Sekten gab es früher schon –
und dein Rundtheater
wird seine unsichtbaren Türen schließen
endgültig
wenn der Held stirbt
und alle gehen ab.

Text by John L. Bell, copyright © WGRG, Iona Community, Glasgow G2 3DH, Scotland.
http://www.wgrg.co.uk/. Reproduced by permission.

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