Verräterische Parole

Gestern auf der Autobahn: Vor mir ein schwarzer Ford Kombi aus Leipzig, auf dessen Heckscheibe in fetter Fraktur „Todesstrafe für Kinderschänder“ prangte. Der Fahrer: um die 30, Sonnenbrille, keine erkennbaren Haare auf dem Haupt. Und drinnen (im Haupt) sieht es bei dem Kameraden vermutlich ähnlich öde aus – wirbt er doch für eine Bewegung, die krampfhaft Sündenböcke suchen muss, an denen sie ihre Gewaltphantasien auslassen und sich dabei auch noch irgendwie „gut“ oder moralisch überlegen fühlen kann.

Nicht dass sexueller Missbrauch ein Kavaliersdelikt wäre. Aber das hier erinnert eher daran, dass Kinderschänder im Knast von den anderen Häftlingen drangsaliert werden – nicht zuletzt deshalb, weil die froh sind, endlich jemanden gefunden zu haben, der noch abscheulichere Dinge getan hat, als sie selbst. Also – wie tief das Niveau der Rechten inzwischen ist (oder immer schon war), verrät dieser Aufruf nur zu deutlich: Drei braune Finger zeigen zurück…

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Rechtfertigung: Wright or wrong? (2)

Wright befasst sich im dritten Kapitel von Justification mit der Frage von Bund, Gesetz und Gericht im Judentum des ersten Jahrhunderts. Dabei merkt er an, dass die Fragen der Zeitgenossen von Jesus und Paulus andere waren, als die der Reformatoren im Spätmittelalter an der Grenze zur Neuzeit. Es ging weniger um Probleme wie Heiligung und Synergismus oder die Frage, wer in den Himmel kommt. Vielmehr herrschte eine große Erwartung, dass Gottes endzeitliches Eingreifen in die Geschichte zu Gunsten Israels bevor stand. Und wie etwa Daniel 9 zeigt, war diese Erwartung eng verbunden mit dem Bund zwischen Gott und seinem Volk. Konkret betont Wright dabei zwei Dinge:

  1. Die meisten Juden lebten in einer einzigen großen Geschichte, die noch nicht abgeschlossen war, sondern auf ihren Höhepunkt, die Befreiung Israels, zusteuerte.
  2. Bis dahin lebte Israel, wenn auch nicht mehr im geografischen Sinne, im „Exil“. Das war die Folge des Bundesfluchs (Dtn. 27-29), der Israel wegen seiner Untreue getroffen hatte – gerechter Weise, wie Daniel 9 sagt.

Dann nimmt Wright dem Ansatz von John Piper (vgl. dazu auch diesen älteren Post bei Tony Jones) kritisch in den Blick. Piper, der Rechtfertigung so versteht, dass Gott seine Gerechtigkeit dem Glaubenden zukommen lässt, versteht unter dikaiosyne nicht wie Wright Gottes Bundestreue, sondern sieht in der Wortbedeutung „Gottes Sorge um seine Ehre“ den Ansatz eines tieferen Verständnisses. Das wirft einige Fragen auf:

  1. Piper ignoriert damit den gängigen hebräischen Wortsinn und Sprachgebrauch und unterstellt Paulus eine begriffliche Verschiebung.
  2. Es bleibt unklar, wie Pipers Vorstellung von Rechtfertigung mit seinem Verständnis von „Gerechtigkeit“ funktioniert.
  3. Wenn Piper versucht, Gerechtigkeit anders zu fassen, ignoriert er den größeren Zusammenhang in Römer 3 und 4: Gott hat verheißen, die Welt durch Israel zu segnen und Israel ist eben diesem Auftrag untreu gewesen – darin besteht Israels Unrecht.
  4. Piper spielt den Gerichtshof als Metapher herunter, obwohl es zahlreiche Belege dafür gibt und die Paulusstellen von „gerecht“ und „Rechtfertigung“ sich damit mühelos lesen lassen: Gerecht ist, wer vor Gericht gerecht gesprochen wird bzw. dessen Recht (oder „im Recht Sein“) vom Gericht bestätitgt wird.
  5. Während sich Gott in Pipers Definition von Gerechtigkeit also primär um sich selbst dreht, eröffnet Gerechtigkeit im Sinne von Bundestreue eine ganz andere Perspektive, sie

… ist ein nach außen gewandtes Charakteristikum Gottes, natürlich mit Gottes Bedachtsein auf seine Ehre verknüpft, aber im Kern geht sie in die entgegen gesetzte Richtung, nämlich der schöpferischen, heilenden, wieder herstellenden Liebe Gottes. Gottes Bedachtsein auf seine Ehre wird so vor dem Anschein des göttlichen Narzissmus gerettet, weil Gott, nicht zuletzt als der dreieinige Gott, sich immer verschenkt, immer ausgießt, mit großzügiger Liebe Menschen, die es nicht verdient haben, Israel, das es nicht verdient hatte, und eine Welt, die es nicht verdient hat, überhäuft. (S. 52)

Dagegen steht für Wright fest, dass Luther (und mit ihm, statt hier Calvin zu folgen, viele Protestanten) Paulus irrigerweise durch die Brille der Frontstellung gegen selbstgerechte mittelalterliche Leistungs- und Verdienstfrömmigkeit las, die er im jüdischen Gesetz wieder zu erkennen glaubte. Dagegen betonten schon Sanders und andere, dass jüdische Gesetzesfrömmigkeit gerade die Antwort auf das geschenkte Heil darstellten, nicht etwa dessen Voraussetzung. Das Heil bzw. die Erlösung des einzelnen war dabei fast uninteressant, die Frage war eben, wann Gott seine Verheißungen erfüllen würde. Und die Torah war das Zeichen für die Zugehörigkeit zu Gottes auserwähltem Volk.

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Zitat zum Karfreitag

Wir fürchten uns wohl vor dem Schmerz,
Mehr aber vor der Stille, denn kein grausamer Alpdruck
Könnte furchtbarer sein als diese Öde.
Dies ist die Verdammnis. Dies ist der Zorn Gottes.

(aus: W.H. Auden, Weihnachtsoratorium)

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Erste Eindrücke

Es ist schon verrückt, einen solch strahlenden Tag die meiste Zeit im Dunkeln zu verbringen. Wir haben heute viele Stunden den Kreuzweg für morgen aufgebaut. Hier ein paar Eindrücke aus dem mehrere hundert Meter langen Bierkeller.

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Rechtfertigung: Wright or wrong? (1)

Es war eine Streitschrift von John Piper, die N.T. Wright gegen seine ursprüngliche Absicht dazu brachte, Justification zu schreiben. Man kann, wie Brian McLaren im Klappentext zu Recht sagt, Piper dafür nur dankbar sein. Spürbar genervt von der Tatsache, dass Piper und andere hartgesottene US-Reformierte (sogar der friedliebende Scot McKnight schlägt da inzwischen harte Töne an) ihn einfach nicht verstehen (wollen? können? beides?), macht sich Wright nun erneut daran, seine Sicht der paulinischen Rechtfertigungslehre darzustellen. Allerdings treibt ihn eher die Hoffnung, dass künftige Generationen es mit dem Verstehen leichter haben, als dass er auf ein Umdenken der alten Garde setzen würde. Der Umgangston gegenüber Piper ist sportlich, aber respektvoll, was das Lesen spürbar erleichtert.

Im ersten Kapitel geht Wright auf methodische Fragen ein. Kurz umrissen heißt das: Gute Exegese folgt den biblischen Texten und lässt sich von deren Gedankenfluss und Fragestellungen leiten, in dem Wissen, dass sie nur auf die Fragen antworten, die die Autoren damals auch selbst beschäftigten. Statt den Römerbrief zum alleinigen Maß der paulinischen Theologie zu machen und alles in diesem Licht zu betrachten, schlägt Wright vor, die kosmische Soteriologie (Erlösungslehre) des Epheser- und Kolosserbriefes als Bezugsrahmen der Betrachtung anzusetzen, die er – anders als manche deutschen Kollegen – trotz gewisser sprachlich-stilistischer Eigenheiten für nicht „deuteropaulinisch“ hält. Zudem besteht Wright auf der Notwendigkeit, die Texte und Begriffe aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Da es keinen „neutralen“ Standpunkt gibt, würde alles andere nur dazu führen, dass sich nur noch mehr Vor-Urteile in unser Verständnis einschleichen. Warum er solch eine scheinbare Selbstverständlichkeit betont, zeigt das zweite Kapitel. Dazu in Kürze mehr.

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Düstere Poesie

Eben stolperte ich beim Stöbern nach Zitaten für den Kreuzweg am Freitag über diesen Text von Clemens Brentano:

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,

Er mäht das Korn, wenn’s Gott gebot;

Schon wetzt er die Sense, Daß schneidend sie glänze,

Bald wird er dich schneiden, Du mußt es nur leiden;

Mußt in den Erntekranz hinein,

Hüte dich schöns Blümelein!

Das erste Mal begegnete er mir in der Grundschule, im Notenheft für den Blockflötenunterricht. Kein Wunder, dass ich mit dem Instrument auf Kriegsfuß stand. Wer will denn – als Kind – so etwas Morbides hören. Ganz davon abgesehen: In welch seltsamem Licht erscheint eigentlich Gott hier?

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Fleischliches in der Karwoche

Die Nachrichten passen in die Fastenzeit: Fleisch sinkt zum Nahrungsmittel der Unterschicht herab, schreibt die Welt. Vor ein paar Tagen machte schon die Entdeckung die Runde, dass der Verzehr von rotem Fleisch die Lebenserwartung sinken lässt.

18 Prozent der Treibhausgasemissionen weltweit gehen auf das Konto der Fleischproduktion, der Verkehr dagegen insgesamt nur 13 Prozent. Man muss nicht einmal Vegetarier werden, um diese Quote sinken zu lassen. Dauerhaft weniger Fleisch zu essen ist schon ein guter Anfang.

Im Blick auf Gründonnerstag ist es da doch ein zukunftsweisendes Zeichen, dass das Neue Testament im Blick auf das Abendmahl zwar (vgl. Johannes 6) von „Fleisch“ reden kann, konkret aber Brot gegessen wird. Steckt da noch eine Lektion drin für uns?

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Komischer Guru

Auf dem Bahnsteig in Aarau setzte sich ein Inder mit Bart und blauem Turban neben mich, etwa 60 Jahre alt und untersetzt. Er erklärte mir, dass er ein Guru ist und spüre, dass bei mir die innere Balance nicht ganz stimme. Ich war eigentlich ganz guter Dinge (nur etwas müde). Aber die Neugier siegte. Er bot mir an, er würde mir erst meine Vergangenheit erzählen, dann meine Gegenwart, und dann meine Zukunft. Und wenn die ersten beiden richtig seien und mir seine Zukunftsprognose zusage, könne ich ihm hinterher Geld geben.

Ich fand die Vorstellung komisch und amüsant zugleich. Wir stiegen in den Zug, und in den nächsten 20 Minuten kritzelte er vor meinen Augen auf einem Blatt ein Zahlenquadrat und einzelne Buchstaben. Über meine Vergangenheit wusste er nichts konkretes zu sagen. Einmal merkte er an meinem Gesicht, dass er einen Zufallstreffer hatte („look at me“), aber er versemmelte die Fährte im nächsten Satz, der einer wahrscheinlichen, aber in meinem Fall falschen Vermutung folgte.

Dann riss er von dem Blatt zwei kleine Zettelchen ab, beschrieb einen, faltete ihn zusammen und gab ihn mir in die Hand. Über meine Gegenwart wusste er gar nichts Konkretes zu sagen, stattdessen stellte er mir Fragen nach meinen Wünschen. Ich suchte drei halbwegs authentische, aber harmlose aus und musste ihm diese dann erzählen, um gleich darauf von ihm zu hören, dass ich eigentlich Geld brauche, dann bekäme ich all diese Dinge dafür. wenn ich genügend Geld hätte, wäre auch mein Verhältnis zu Gott besser. Na, sehr spirituell, dachte ich mir.

Vor den drei Wünschen sollte ich eine Zahl zwischen 10 und 100 wählen und eine Farbe. Beides schrieb ich – den kleinen Zettel in der linken Hand – auf das Blatt mit seinen Zahlen und Buchstaben schreiben. Nachdem ich meine Wünsche beschrieben hatte (wir waren schon am Stadtrand von Zürich angekommen), sollte ich den kleinen Zettel auf das Blatt mit den Zahlen legen. Ich tat das, aber er schubste den Zettel zurück: Ich sollte es bewusst auf eine bestimmte Zahl platzieren.

Da lag dann also der Zettel auf der 9 und er sagte, wenn darauf nun die Farbe und die Zahl stünden, die ich vorhin genannt hätte (den Zettel hatte ich ja schon in der Hand), dann sei das der Beweis, dass seine Voraussage einträfe. Ich sagte, dass er den Zettel eben auch hätte austauschen können. Der Guru war etwas pikiert, wollte das Spiel aber doch zu Ende bringen. Natürlich stand da die richtige Antwort, als wir das Papier aufwickelten. Aber ich hatte ja gesehen, dass er zwei Zettelchen gemacht hatte. Vom anderen gab es keine Spur.

Natürlich werde mein wichtigster Wunsch in Erfüllung gehen, erklärte er mir dann, und schrieb auf einen neuen Zettel die folgenden Buchstaben: F 100, F 200, F 300. Wie viele Franken ich ihm nun geben wolle? Ich hatte erstens gar keine mehr einstecken und erklärte zweitens, dass mich seine Vorstellung auch nicht sehr beeindruckt hätte. Im Wesentlichen war es halt ein Taschenspielertrick. Der Frust stand dem Guten ins Gesicht geschrieben. Ich gab ihm ein paar Euro, damit er sich etwas zu Essen kaufen konnte. Er bettelte noch um ein paar mehr (die Mitreisenden waren schon ausgestiegen), dann trollte er sich.

Ich war ein bißchen enttäuscht: Sind Leute so verzweifelt auf der Suche nach Glück und Geld, dass man sie derart simpel übertölpeln kann? Die nicht unbedingt neue Quintessenz dieser Episode: Wenn einer Geld will, dann ist er ein falscher Prophet.

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Playmobilderverbot

Passionszeit ist Leidenszeit: Pfarrer Markus Bomhard hat Ärger mit Playmobil bekommen, weil er die Figuren des Herstellers für manche Szenen seiner playmo-bibel verändert hat. Dagegen durfte Harald Schmidt, wie die SZ süffisant anmerkt, unbehelligt den Spielzeugmännchen einen Hitlerbart anmalen. Und Weihnachtskrippen verkauft die Firma aus Zirndorf sogar selbst. Nur Eva und Adam  (in selbigem Kostüm) gab es dort noch nicht und für die Kreuzigungsszene musste Bomhard die Arme des „Darstellers“ etwas hinbiegen.

Bei Geobra Brandstätter war man offenbar not amused. Inzwischen steht alles (?) unter einem neuen Domainnamen im Netz. Vielleicht meldet sich demnächst noch der Kamerahersteller, mit dessen Ausrüstung die Bilder gemacht wurden, und protestiert? Oder wenn (zugegeben: das wäre eine blöde Retourkutsche) die Bibelgesellschaft Playmobil untersagt, Weihnachtskrippen herzustellen? Sachen gibts…

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Frühling mit Frost!

Die Tage mit Michael Frost waren ein echtes Highlight. Demnächst wird einiges von der Konferenz in Aarau online zu hören sein, aber wer es noch einrichten kann, sollte diese Woche in Essen vorbeischauen.

Michael sprach über missionale Gemeinde und fragte, was geschieht, wenn man nicht mehr wie bisher den Gottesdienst zum organisierenden Faktor des Gemeindelebens macht, sondern die gemeinsame Sendung. Und dann die anderen Grundfunktionen von Kirche – es sind vier: Gottesdienst (worship), Gemeinschaft (community), geistliche „Bildung“ (formation), Sendung (mission) – um die Sendung herum gruppiert.

Das führt direkt zu Fragestellungen wie: Zu wem sind wir gesandt? Wer geht mit mir? Wo begegnen wir diesen Menschen? Wie könnte/müsste/würde die universale Herrschaft Gottes bei diesen Menschen konkret aussehen?

Mike vermittelt diese Dinge authentisch, lebhaft und leidenschaftlich. Wer Alan Hirschs Ausführungen manchmal als etwas abstrakt und schematisch empfand, findet bei Mike einen gesunden Pragmatismus, der gleichwohl theologisch gründlich reflektiert ist. Sehr wohltuend war auch, dass Michael nicht die „ich-bin-missional-aber-nicht-emergent“-Karte gespielt hat. Ich denke, in Aarau ist bei vielen der Funke übergesprungen. Vielleicht kommt nun der missionale Frühling für Deutschland und die Schweiz. Hoffentlich dauerhaft!

Peter_Michael_III.jpg (Vielen Dank für das Foto an Mike Bischoff)

PS: Wer nicht nach Essen kann, kann jetzt – ganz neu – auf Deutsch Der wilde Messias: Mission und Kirche von Jesus neu gestaltet lesen.

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Propheten des 21. Jahrhunderts

Die Zeit interwiewt den Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber aus Potsdam. Manches davon liest sich wie ein Gespräch mit dem Propheten Jeremia, nur dass der Feind nicht die Babylonier sind. Denn er sieht, wie seine Zeitgenossen auf eine Katastrophe zusteuern (und sitzt selbst mit im Boot, zumal als Vater eines kleinen Jungen, der gut noch das Jahr 2100 erleben könnte). Er warnt und mahnt, aber das ist alles, was er tun kann. Er beobachtet, wie Menschen die Krise mit Symptomkosmetik behandeln wollen oder komplett ignorieren, wie (von den Mächtigen gut bezahlte) falsche Propheten die Leute beruhigen wollen und zusätzlich Verwirrung stiften. Er weiß, dass sich die Tür für einen Ausstieg aus der Klima-Apokalypse bald schließen wird, und mitten in dem allen hofft er fast schon verzweifelt immer noch selbst darauf, dass er sich täuscht – dass er irgend etwas übersehen hat und es doch nicht so schlimm kommt, wie er jetzt mit guten Grund annimmt.

Ich wollte hier eigentlich ein paar Zitate einfügen, aber es steckt derart viel Sprengstoff in diesem Text, den muss man ganz lesen und sich davon beunruhigen lassen. Der Titel „Manchmal könnte ich schreien“ sagt eigentlich alles.

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Lebensweisheiten (2)

Den folgende Gedanke ist nicht nur im Blick auf die Wirtschaft von Bedeutung, sondern könnte auch manchen Gemeindewachstums- und Erweckungsphantasien als gesunde „Erdung“ dienen:

Die Natur lebt uns vor, wie gesundes Wachstum funktioniert. Nichts in der Natur wächst ungebremst jedes Jahr um 30 Prozent! Im Körper heißt Wachstum auf Kosten von der Umgebung Krebs, und wenn man sich die Erde auch als ein lebendiges Wesen vorstellt, ist es gut, wenn die kapitalistische Raubbaumentalität einen Dämpfer bekommen hat.

Eckart von Hirschhausen in der Welt

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Geistreiches Spiel

Ich bin den dritten Tag am Übersetzen von Michael Frost bei der IGW Konferenz in Aarau. Es ist anstrengend, aber es hat auch etwas Spielerisches – das Warten auf die nächste Herausforderung, auf die ich innerhalb von Sekunden reagieren muss. Eine Art Gehirnjogging mit Publikum, oder eine Sprachversion von Speed.

Ab und zu ist es eine an mein Gedächtnis: Mike hat einen oder mehrere lange Sätze gesagt, kann ich mich noch an alles erinnern? Dann ist es eine akustische: Er dreht sich gerade weg und ich verstehe nur mit Mühe, was er sagt. Gerade noch rechtzeitig setzt mein Hirn die Laute richtig zusammen. Manchmal eine prophetische: Um einen Halbsatz richtig wiederzugeben, muss ich raten, wie es vermutlich weitergehen wird. Dann eine kulturelle: Wer war Guy Fawkes? Und natürlich eine sprachliche: was sind angemessene Begriffe, wie kommt ein Witz am besten rüber, welche deutsche Redewendung entspricht der englischen, die ich gerade höre.

Jedes Mal, wenn es klappt, freue ich mich wieder und bin motiviert. Jedes Mal, wenn mir etwas misslingt, mache ich eine geistige Notiz und nehme mir vor, beim nächsten Mal besser zu sein. Das Anstrengendste aber ist das Stehen auf dem harten Fliesenboden. Ich finde, Gemeindesäle brauchen ein Holzparkett, das federt – und die Akustik ist auch besser (dann muss der Schlagzeuger auch nicht ins Plexiglas-Aquarium).

Ein Vortrag steht noch aus, gleich hole ich mir noch einen Espresso. Der ist – Kompliment an die Veranstalter – sogar fair gehandelt.

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