Unverdient, aber nicht bedingungslos?

Daniel Rushing hat auf academia.edu ein interessantes Paper über die neue Paulusperspektive (Stendahl, Sanders, Dunn, Wright etc.) veröffentlicht. Darin greift er unter anderem auch ein paar Auszüge aus dem mehr als tausendseitigen Wälzer The Deliverance of God: An Apocalyptic Rereading of Justification in Paul von Douglas Campbell auf.

Demnach verfährt die klassische Paulusauslegung (liberal wie konservativ, sagt Rushing) nach folgendem Muster:

  • Sie geht von einem Gegensatz gerettet (bzw. gerechtfertigt) und unerlöst bzw. nicht gerechtfertigt aus, wobei für den Übergang von letzterem zu ersterem der Blick ins eigene Innere entscheidend ist
  • Sie setzt ein rationales Individuum mit Eigeninteresse voraus, das von Gottes Existenz durch die Stimme des Gewissens und den Anblick der Schöpfung überzeugt ist
  • Gott erscheint als kosmischer Gesetzgeber und moralischer Richter, der die Schuldigen bestraft und die Gerechten belohnt.
  • Das Ziel des Individuums muss als also sein, gerecht zu werden, um der Strafe und entgehen und den Lohn zu empfangen
  • Hier (mit der Introspektive) beginnt der „Zyklus der Verzweiflung“ – Luthers bohrende Frage nach dem gnädigen Gott: Jeder Versuch, gerecht zu werden, ist zum Scheitern verurteilt
  • Alternativ gibt es den Narrenzyklus: Menschen ignorieren das Urteil ihres Gewissens und machen sich selbst etwas vor, statt den wahren Ernst ihrer Lage anzuerkennen
  • Neben diesen beiden Zyklen gibt es zwei „Kontrakte“: Der eine verfügt, dass Gott Sünde unbedingt strafen muss, der andere legt fest, dass durch Christus Menschen aus dem Zyklus der Verzweiflung entkommen können.
  • Indem Gott Jesus straft, erfüllt er den ersten „Kontrakt“ und ermöglicht den zweiten: An Jesus erfüllt sich Gottes Zorn gegen Sünde und Sünder, zugleich verleiht er denen seine vollkommene Gerechtigkeit, die glauben.

Campbell formuliert abschließend:

Gnade bezeichnet in dieser Lesart der Rechtfertigung: Gottes unverdiente Großzügigkeit, die sich in der Rettung allein durch Glauben erweist; sie ist nicht mehr als das und auch nicht weniger. Sie ist eher „unverdient“ als „bedingungslos“ (an dieser Stelle fragt man sich freilich, ob es sich wirklich in dem Sinne um „Gnade“ handelt, wie die Bezeichnung normalerweise theologisch verwendet wird). Allerdings werden erlöste Individuen darauf dennoch mit einer gewissen Freude, Frieden und Dankbarkeit reagieren. Schließlich ist ihnen die tödliche Last der Sorge abgenommen. So können die Themen der fröhlichen oder umkämpften Empfänglichkeit, des Friedens und der Dankbarkeit, die in den Texten des Paulus anklingen, mit dem Modell an passender Stelle verknüpft werden.

Der ganze Gedankengang ist jetzt leider doppelt verkürzt, weil ich Rushings Zusammenfassung hier nochmal knapp wiedergebe. Es mag also sein, dass sich das im Original noch viel differenzierter anhört. Trotzdem würde ich sagen, so oder doch ganz ähnlich habe ich das auch viele Male präsentiert bekommen.

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Weisheit der Woche: Die „freie“ Gesellschaft

Wo sind Public Relations erfunden worden? In den freiesten Gesellschaften der Welt, in Amerika und England. Und warum? Weil es in freien Ländern schwierig ist, die Bürger über direkte Machtausübung zu kontrollieren. Sie müssen sie anders kontrollieren: Sie müssen ihre Meinungen beeinflussen, ihre Anschauungen und Haltungen. In freien Gesellschaften geht es darum, die Köpfe zu reglementieren. So wie die Armee die Körper der Soldaten reglementiert.

Noam Chomsky im Interview mit Zeit Online

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Der Jona-Komplex (2)

DSC01087.jpgAn Bord des in Seenot geratenen Schiffes überschlagen sich bald die Ereignisse. Der Kapitän rüffelt Jona, weil der nicht wie alle anderen seinen Gott um Rettung anfleht: praktischer Atheismus beim verstockten Propheten, bei den Seeleuten dagegen lebendige Religiosität, die sich sogar dem Urteil Gottes zu stellen bereit ist. Und Jahwe redet zu den Heiden auf ihre (!) Weise, indem er das Los auf Jona fallen lässt, und damit „seinen“ Mann verpetzt. Selbst jetzt müssen die Einzelheiten Jona noch zeitraubend aus der Nase gezogen werden – wer gibt schon freiwillig zu, dass er die ganze Mannschaft ins Unglück gestürzt hat. Immerhin räumt er bei der Gelegenheit ein, dass sein Gott nicht nur Himmel und Erde, sondern auch das Meer gemacht hat – wieder ein Beispiel dafür, dass theoretisches Wissen bei Jona ohne jeden Bezug zu seinen existenziellen Entscheidungen bleibt.

Alle Insassen dieses Schiffs treffen sich in der Logik von Schuld und Strafe: Der Sturm muss mit dem Fehlverhalten eines der Anwesenden zu tun haben. Diese Logik existiert nicht nur in den heidnischen Kulten (die vorchristlichen Wikinger opferten vor tausend Jahren neben Tieren auch noch Sklaven), sondern auch im Judentum, auch da nimmt Gott Israel in „Sippenhaft“ für Vergehen einzelner. Allerdings wird dieses Denken in der Bibel auch deutlich kritisiert, und das Buch Jona scheint mir Teil dieser Selbstkritik zu sein. Und so muss Gott gar nicht explizit fordern, dass man ihm Jona ausliefert – niemand hier kann sich etwas anderes vorstellen, und Jona spricht es aus. Ist das nun prophetische Inspiration oder allzu menschliche Resignation?

Die Idee, dass Gott Gruppen und ganze Gesellschaften in „Sippenhaft“ nehmen und pauschal strafen könnte, für Dinge, die ihn stören, hält sich auch heute leider noch in manchen christlichen Milieus. Da wird dann auch mal schnell die nächstbeste Katastrophe als Gottes Strafgericht ausgegeben oder eine Minderheit zum Sündenbock gemacht.

Doch ungeachtet der Tatsache, dass Jona gerade dabei ist, sie mutwillig um ihren Besitz und vielleicht auch ihr Leben zu bringen, versuchen die Seeleute erneut, mit letzter Kraft das rettende Ufer zu erreichen. Erst als das selbstlose Unterfangen scheitert, wird Jona aufgegeben – jedoch nicht ohne die Bitte an Gott, ihnen dieses zwiespältige „Opfer“ nicht nachzutragen. Am Ende dieses ersten Kapitels haben wir einen Gottesmann, der total versagt und nur um Haaresbreite dem Untergang entgeht, und eine durch und durch gottesfürchtige Schiffsbesatzung, die Gott für fairer und barmherziger hält als Jona, der es wissen müsste. Immerhin: Auch so kann „Mission“ gelingen…

Die Ironie des Ganzen lautet: Jonas Präferenz für einen unbarmherzigen Gott befördert ihn ins Wasser, wo er der Barmherzigkeit Gottes in Gestalt eines mächtigen Fischs begegnet. Wird ihn das verändern? Wenigstens zeitweise sieht es danach aus…

Dennoch schimmert schon hier in diesem plakativen Kontrast eine andere Hoffnung durch, die Hoffnung auf Gottes Reich. Ich habe neulich schon den Beitrag von Klaus Mertes auf Zeit Online zitiert. Er schreibt dort gegen Ende, wie gerade der Tod Jesu die Logik von Leistung, Rache, unentrinnbar bösen Tatfolgen und strafender Gewalt außer Kraft setzt:

Die Praxis Jesu weist einen Weg, wie die durch Gewalt beschädigten Vertrauensressourcen unter Menschen und Völkern wieder neu zum Sprudeln gebracht werden können. Dabei bedeutet „Reich Gottes“ nicht einfach die Wiederherstellung eines ursprünglich heilen, paradiesischen Zustandes der Gewaltlosigkeit. Vielmehr geht die Perspektive nach vorn: Im Reich Gottes werden Menschen und Völker, die zueinander kein Vertrauen mehr aufbringen können und sich deswegen in der Spirale gegenseitiger Gewalt verstrickt haben, versöhnt

… Das Evangelium schlägt als Alternative zur Gewalt den Weg der Gewaltlosigkeit vor: Sie meint aber gerade nicht Resignation gegenüber der Gewalt, sondern Widerstand gegen sie. Man kann die „Leistung“ Jesu am Kreuz so beschreiben: Dem Misstrauen und der Gewalt, die auf ihn prallen, gelingt es nicht, sein Vertrauen zu besiegen. Sein Tod ist kein äußerliches Opfer, sondern versöhnende Hingabe des Lebens, weil er bis zum Schluss aus Vertrauen lebt. Gott ist vertrauend.

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Sola Gratia. Echt jetzt?

IMG_0674.JPGHeute las ich bei einem Autor, der sich selbst als evangelikal einstuft, etwas über die katholische Kirche. Nichts unfreundliches, aber pro-forma-Kritik musste anscheinend doch sein, um dem Leser ausreichende Distanz zu beweisen. Also stand da unter anderem, Katholiken neigten zur „Werkgerechtigkeit“ – seit 500 Jahren der Standardvorwurf. Wie oft er inzwischen überprüft wurde oder ob sich hier ein identitätsstiftendes Sprachritual verselbständigt hat, ließ sich schwer beurteilen. Aus eigener Erfahrung könnte ich das so nicht verifizieren.

Merkwürdig ist es allemal. Denn Leistungsfrömmigkeit (und nichts anderes wäre die beklagte „Werkgerechtigkeit“ ja) ist im evangelikalen Bereich mindestens so lebendig wie unter den römischen Geschwistern. Ein typischer Fall von Splitter/Balken? Testen lässt sich das ganz leicht, wenn man (wie hier verschiedentlich geschehen) über das Thema Himmel und Hölle spricht. Gegen als zu inklusiv und universal empfundene Vorstellungen von Gottes Gnade erscheint dann reflexartig (und das kann ich nun durchaus aus eigener Erfahrung verifizieren…) der Einwand, dass man sich ja dann vielleicht ganz umsonst Mühe gebe und auf manches verzichte, wenn da am Ende (fast) alle „rein dürfen“, und überhaupt gehe so aller moralischer und geistlicher Ernst verloren. Man meint dann fast schon die FDP mit ihrem „Leistung muss sich wieder lohnen“ zu hören. Vielleicht ist die katholische Neigung eher die, für gutes Verhalten einen Lohn zu bekommen, während die protestantische Variante oder Versuchung die ist, auf einer knackigen Strafe für uneinsichtiges Fehlverhalten zu bestehen – die deutlich unsympathischere Form eines analogen Fehlers.

Vielleicht ist das ja ein großer Nutzen dieser Debatte: Nimm die Hölle weg – und das sonst so gut getarnte fromme Leistungsdenken geht auf die Barrikaden. Letzten Endes klagt es, so scheint mir, Gott selbst so an wie der ältere Bruder des verlorenen Sohns. Als geistliche Übung wäre diese Umkehrung von John Lennons „Imagine there’s no heaven“ auf jeden Fall ein Volltreffer – so wie Ignatius von Loyola das Gegenteil, nämlich die imaginäre Höllenfahrt, wegen des therapeutischen Effekts in seine Übungen aufnahm.

Also: Ich stelle mir mal rein hypothetisch vor, Gott schafft am Ende doch das Kunststück, keine einzige Menschenseele zu verlieren. Was freut mich daran, was stört mich? Wen möchte ich auf keinen Fall dort haben? Was regt mich an diesen Menschen so auf? Und was sagt das wiederum über meinen Schatten aus, den Teil meiner Persönlichkeit, den ich nur unter allergrößten Schmerzen anerkennen will? Wenn Gott mich liebt, obwohl er das sieht und weiß, kann ich dann auch aufhören, diese Seiten an mir selbst und anderen zu verdammen? Und wäre es dann noch eine Katastrophe, wenn die Hölle am Ende leer wäre?

PS: Der Katholik (!) Hans Urs von Balthasar hat übrigens ganz passend zu diesen Diskussionen geschrieben: „Das Ernsteste, was es gibt, ist nicht die Strafgerechtigkeit Gottes, sondern seine Liebe.“

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Der Jona-Komplex (1)

DSC05053Mit dem Buch Jona hat sich eine phantasievolle und freche Erzählung zwischen all die ernsten Prophetentexte der Bibel gemogelt. Historische Details sind Mangelware, stattdessen stehen eher schablonenhafte Kontraste und Klischees im Zentrum der Geschichte, wie sie für Satire und Karikaturen typisch sind. Die Frage, ob das also alles genau so war oder nicht, können wir getrost zurückstellen hinter die Frage, ob und inwiefern es heute so ist. Jona steht hier als Spiegel, als Platzhalter, als Symbolfigur für das Volk Gottes: Nicht die Adressaten von Gottes Botschaft lassen hier Gottes Ruf an sich abprallen, sondern der Bote selber ist verstockt.

Gottes Auftrag scheint Jona aus heiterem Himmel zu treffen, aber Trägheit kann man ihm kaum vorwerfen: Seine plötzliche Panik hat aber nichts mit Angst zu tun – das wäre eine durchaus verständliche Regung gewesen, angesichts der Tatsache, dass er sich allein in die Metropole einer brutalen Großmacht wagen soll. Er bucht eine Schiffspassage in den äußersten Westen der damals bekannten Welt. Sein Motto erscheint zweimal im Text: „Weit weg vom Herrn“. Äußerlich wird damit das nachvollzogen, was innerlich schon der Fall ist: Gott ist Jona lästig geworden, weil der Glaube an ihn irritierende innere Grenzüberschreitungen mit sich bringen würde. Um die Konfrontation mit sich selbst zu vermeiden, ist ihm kein äußerer Weg zu weit, sogar die Angst der palästinischen Landratten vor dem Meer überwindet er.

Jona behandelt „seinen“ Gott, als wäre der eine territoriale Größe – wie die Götter des antiken Pantheons auf bestimmte Bereiche des Lebens begrenzt oder als Stammesgottheit nur ein Garant für das Überleben und die Macht eines bestimmten Volkes. Jeder außer Jona weiß sofort, dass die Rechnung nicht aufgehen kann. Seine Flucht war ungefähr ebenso schlau wie der Versuch des (eigentlich so cleveren) Odysseus, dem Meeresgott Poseidon ausgerechnet auf dem Seeweg zu entwischen. Nur dass Jonas Irrfahrt deutlich kürzer ausfällt und so gar nichts Heldenhaftes an sich hat.

Die weitere Geschichte zeigt: Gott lässt nicht locker. Während sich Ninive im dritten Kapitel scheinbar en passant bekehrt, dreht sich alles um die bis zuletzt offene Frage, ob sich auch der bockige Bote noch ändert. Gott hat hier keinen Plan B, keinen Ersatzmann, den er ins Rennen schickt. Wenn Jona der „Platzhalter“ für das gesamte Gottesvolk ist, dann ist das auch ganz logisch. Jonas Reaktion liest sich wie ein Gleichnis zur Klage Gottes in Jeremia 7,24: „Aber sie wollten nicht hören noch ihre Ohren mir zukehren, sondern wandelten nach ihrem eignen Rat und nach ihrem verstockten und bösen Herzen und kehrten mir den Rücken zu und nicht das Angesicht.“

Also stellt sich gleich zu Beginn der Geschichte die Frage,

  • ob manchmal erst ein „nach außen“ gerichteter Auftrag Gottes Menschen und ganze Glaubensgemeinschaften dazu zwingt, sich mit ihren inneren Widerständen und Vorbehalten ihm gegenüber auseinanderzusetzen
  • welche Funktion wir Gott denn insgeheim zugewiesen haben: Soll er vor allem dafür sorgen, dass die Dinge bleiben, wie sie sind (und wir mit ihnen)?
  • und ob diese Funktionalisierungen aus Gott praktisch einen Götzen machen
  • wie notwendig bestimmte Feindbilder und Klischees über andere sind, um der eigenen Verstocktheit nicht ansichtig zu werden

Erst einmal bricht der Sturm los. In Todesangst werfen die Seeleute ihre Ladung – den Grund der riskanten Reise und jede Aussicht auf Lohn und Gewinn – über Bord. Nur einer auf dem Schiff nimmt keine Notiz von der Gefahr, der Angst und dem Verlust aller anderen. Wenn man das nicht individualpsychologisch deutet, sondern auf das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft hin – und so dürfte es auch gemeint gewesen sein – dann stellt sich die Frage, wie Kirche innerhalb einer stürmischen See, in der sich unsere Gesellschaft befindet, noch meinen kann, dass sich alle anderen zu ändern hätten, nur nicht sie selbst. Dann wäre das Buch Jona eine Mahnung gegen jede Form des Klerikalismus, ähnlich wie es der Jesuit Klaus Mertes jüngst in Zeit Online formulierte.

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Kompromisslos hoffen

dsc02096.jpgAm Ende seines kleinen Diskurses über die Hölle schreibt Hans Urs von Balthasar, man müsse die biblischen Gerichts- und Unheilsworte insofern ernst nehmen, als man darin die große Verantwortung erkennt, die menschliche Freiheit mit sich bringt – die Möglichkeit, sich dauerhaft gegen Gott und das Gute zu immunisieren. Schwierig wird es immer dann, wenn man dem Erschrecken über sich selbst ausweicht und über das Schicksal anderer theoretisiert und spekuliert – für die anderen müssen wir kompromisslos hoffen:

Wer mit der Möglichkeit auch nur eines ewig Verlorenen außer seines selbst rechnet, der kann kaum vorbehaltlos lieben… Schon der leiseste Hintergedanke an eine endgültige Hölle für andere verführt in Augenblicken, wo das menschliche Miteinander besonders schwierig wird, dazu, den anderen sich selbst zu überlassen. Man müsste sich aber [es folgt ein Zitat von Hansjürgen Verweyen] »wirklich vorbehaltlos entscheiden, jeden Menschen in seinem ganzen Wert anzuerkennen und in dieser Bejahung der anderen die eigene endgültige Freude zu suchen. Sieht man die Dinge so, dann bedeutet ein ‚Himmel für alle‘ nicht etwa den Anreiz zur Faulheit im ethischen Engagement, sondern die schwerste Anforderung an alle, die man sich denken kann: den Entscheid für eine Geduld, die grundsätzlich niemand aufgibt, sondern unendlich lange auf den anderen zu warten bereit ist… wenn ich aufgrund der universalen Güte Gottes keinen auf ewig abschreiben darf, dann könnte mein ewiges Unglück gerade darin bestehen, dass ich selbst einfach nicht die Geduld aufbringe, auf die ‚Bekehrung des anderen‘ unendlich lange zu warten.« Und nicht irgendwann dem lieben Gott zu sagen: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Kann ein Christ dieses Mörderwort in den Mund nehmen? Und welcher Mensch ist nicht mein Bruder?

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Gehorsam, Angst und Strafe

Ich habe gerade wieder Hans Urs von Balthasars (ich konnte die Autokorrektur gerade noch daran hindern, hier „Barthaar“ zu schreiben) „Kleinen Diskurs über die Hölle“ vor mir liegen. Balthasar steigt mit der Frage ein, ob die objektive Sicherheit über das Vorhandensein der Hölle nötig sei, um dem Evangelium den nötigen ernst zu verleihen.DSC01522.jpg

Von Balthasar setzt dagegen, dass nicht Gottes Strafgerechtigkeit, sondern gerade seine Liebe den Ernst des Evangeliums begründe. Freilich komme die Hölle als eine „reale Möglichkeit“ in den Blick, freilich finden sich in den Evangelien neben Worten der Hoffnung auch Drohworte. Macht man allerdings aus letzteren die Beschreibung objektiver Fakten, dann nimmt man ersteren damit allen Sinn. Man muss aber, um für sich selbst hoffen zu können, für die ganze Menschheit hoffen dürfen – und nicht etwa umgekehrt. Ein sehr sympathischer Gedanke gegen jede Form des Heilsegoismus.

Ganz passend dazu lese ich eben Folgendes bei Arno Gruen über Gruppen und Gesellschaften die nach dem Gehorsamsprinzip funktionieren (nur bevor jetzt jemand fragt: ein reifes Christentum stellt die Liebe und damit die Empathie über den Gehorsam, aber mache Spielarten christlicher Frömmigkeit trifft der folgende Absatz nur zu gut):

Gehorsam scheint […] zu einem Bedürfnis nach Eindeutigkeit zu führen, was als Kriterium für eine „Verantwortung“ herhält und wiederum ja nur den Autoritäten dient. Diese falschen Verantwortung führt durch die Anpassung an soziale Normen zu persönlicher Kohärenz. Diese Kohärenz aber beruht auf Gehorsam. Sie unterscheidet sich grundlegend von einer Identität, die sich aus eigenen empathischen Wahrnehmungen herleitet, durch die Notwendigkeit, andere Verhaltensweisen bestrafen zu müssen. Denn abweichendes Verhalten bedroht die eigene Anpassung an den Gehorsam, stellt sie infame und macht genau deswegen Angst. Das ist ein – vielleicht sogar der hauptsächliche – Faktor, der die Gewalttätigkeit ideologischer Extremisten auslöst. (Dem Leben entfremdet: Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden, 32f.)

Darüber lohnt es sich eine Weile nachzudenken…

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Der Segen des Schiffbruchs

Wracksausen.jpg Ich habe heute angefangen, Arno Gruens Buch Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden zu lesen. Gruen stammt aus Berlin, emigrierte während des Dritten Reichs in die USA und lebt nun in der Schweiz. Er benutzt Ortega y Gassets Metapher vom Schiffbruch, um die existenzielle Situation des Menschen, der sich mit der verunsichernden Frage „Wer bin ich?“ konfrontiert sieht, zu charakterisieren:

Das Leben ist seinem Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein, hießt nicht ertrinken … Das Gefühl des Schiffbruches, da es die Wahrheit des Leben ist, bedeutet schon die Rettung.

Allerdings unternehmen viele Menschen (Goethe wird als Paradebeispiel angeführt) diese Situation zu überspielen und zu verdrängen. Aus dem „Wer bin ich?“ wird ein durch Leistung und gesellschaftliche Anerkennung objektivierbares „Was bin ich?“, die Konfrontation mit sich selbst, die „Erkenntnis des Schmerzes“ und mit ihr die Empathie bleiben aus. Gruen folgert:

Wer ein anderes als sein eigenes Leben lebt, wer nicht mit der Wahrheit des Schiffbrüchigseins verbunden ist, fälscht sein Selbst, um sich abstrakt rechtfertigen zu können und zementiert sein Leben, dessen Grundfrage ebenso gefälscht ist. Wer sein Leben nicht lebt, fälscht es unbewusst, weil Schmerz, Leid und Schiffbruch in unserer Kultur mit Schwachsein gleichgesetzt werden. (S. 16)

Mich erinnert das noch ganz frisch an ein Gespräch in den letzten Tagen, in dem mir mein Gegenüber erzählte, wie ein ganz massiv auf Anpassung an äußere Normen angelegtes Christentum zwar lange half, seinen Schmerz irgendwie zu beherrschen, aber auf Kosten einer solchen Fälschung. Nun ist er aufgewacht zu diesem befreienden Lebensgefühl des Schiffbruchs, das auch eine gewisse schmerzhafte Heimatlosigkeit mit sich bringt. Das ist die positive Seite.

Es erinnert mich im Negativen auch an Jona, dessen Story mich die letzten Wochen begleitet hat. Der erscheint als komplett unfähig zu jeder Art von Empathie. Gott hält ihm das am Ende auch drastisch vor. Der zwischenzeitliche „Schiffbruch“ ändert das nur kurzzeitig – kaum hat er nämlich wieder physisch festen Boden unter den Füßen, funktioniert das alte Muster krankhafter Objektivierung wieder: Alles, was ihn interessiert, ist dass das Schema in seinem Kopf auch umgesetzt wird, indem die angekündigte Katastrophe eintrifft. Selbst Gott scheint kaum noch ein Gegenüber zu sein, das zu ihm durchdringt, sondern nur noch eine Art Prinzip. Wahrscheinlich liegt es daran, dass bei Jona keinerlei innere Entwicklung stattfindet. Sicher eine Karikatur, aber eine erschreckend aktuelle.

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Wie gut tut Wut?

Morgen werde ich über den Schluss der Jonageschichte predigen. Das Buch fällt völlig aus dem Rahmen der alttestamentlichen Prophetie, weil es eine Lehrerzählung ist und keine Sammlung von Prophetenworten. Jona ist nicht die einzige Gestalt, die in der Bibel mit Gott hadert, aber vermutlich die Absurdeste. Sogar Bileam kommt besser weg. Freilich ist alles karikiert: Der bockige Bote ist für Gott der harte Brocken, das vermeintlich so böse und große Ninive dagegen erweist sich als unglaublich harmlos.

Gottes entscheidende Frage an Jona (und der steht natürlich gleichnishaft für viele) lautet in dieser Geschichte jedoch: „Ist es recht von Dir, zornig zu sein?“ Jona gibt keine Antwort, und als Leser muss ich mich dieser Frage wohl auch stellen: Worüber rege ich mich denn gerade wirklich auf und wem nützt das überhaupt?

Vor ein paar Jahren habe ich den folgenden Text geschrieben – ich hänge ihn mit ein paar Änderungen hier einfach mal an:

Ich bin vom Typ her jemand, der gerne lacht, öfter mal melancholisch ist, selten wirklich traurig und niedergeschlagen. Ab und zu werde ich wütend. Damit bin ich in guter Gesellschaft. Für immer mehr Menschen scheint es die beherrschende Grundstimmung zu sein. Inzwischen treibt auch bei uns der unbeherrschte Zorn an den Schulen gewalttätige Blüten, die man vor kurzem nur in Amerika für denkbar hielt. Apropos Schule: Mein Zorn ist natürlich immer nur gerechter Zorn. So wie vor ein paar Jahren, als eines unserer Kinder vom Personal seiner Schule unfair oder wenigstens sehr ungeschickt behandelt wurde. Ich bat als besorgter Vater bei der Schulleitung um einen Gesprächstermin, nannte sachlich den Grund und bekam dann zu hören: „Ich sitze doch nicht hier herum und warte darauf, dass jemand mit mir reden will.“

Ich war im Bruchteil einer Sekunde von Null (ok: Siebzig) auf Hundertachtzig. Zorn ist im ersten Augenblick ein natürlicher und gesunder Impuls – ein Alarmsignal auf drohende Gefahr oder wenn ich verletzt werde. Der Affekt hat allerdings die Tendenz, sich (mit moralischen Urteilen zementiert) als Haltung festzusetzen und eine dauerhafte Quelle von Aggression zu werden, und genau da liegt das Problem, für das ich die Verantwortung trage: Zorn will verletzen und verletzt meistens auch schon allein dadurch, dass wir ihn mit entsprechender nonverbaler „Begleitmusik“ äußern. Daher sagt Paulus wohl auch in Eph 5,26: „Wenn ihr zornig seid, sündigt nicht“ – es passiert eben so schnell.

Benjamin Franklin hat einmal festgestellt: „Wir sind nie grundlos zornig, aber selten aus einem guten Grund.“ Zorn macht süchtig und ist ansteckend. Durch die Wucht der Aggression fühlt man sich plötzlich stark. Zorn nährt sich aus inneren, selbstgerechten Monologen unseres verletzten Egos. Solche sich selbst verstärkenden, negativen Gedankengänge haben insofern etwas „teuflisches“ (Eph. 5,27 ), als dieser in der Bibel eben als der Ankläger erscheint. Wir „geben ihm Raum“, indem wir uns in Vorwürfe gegen andere hineinsteigern und oft genug versäumen, das eigene Urteil, das dem Zorn zugrunde liegt, kritisch zu prüfen. Wir suchen nur noch selektiv nach dem, was ihn weiter nährt.

„Gerechter“ Zorn reduziert Hemmungen und schafft eine explosive Grundstimmung, die sich nur allzu häufig an der falschen Stelle entlädt: Ich komme frustriert von der Arbeit und kritisiere meine Frau oder schreie ein Kind wegen einer Kleinigkeit an. Die Bewältigung von Zorn ist aus biblischer Sicht ein Hauptproblem familiärer Beziehungen (Kol 3,19, Eph. 6,4). Denn Zorn bringt immer wieder Zorn hervor – gerade unter Menschen, die sich nahestehen.

Längst nicht alle werden offen aggressiv. Vielmehr macht sich kalter Zorn breit. Der Konflikt bleibt dennoch nicht sachlich, sondern bekommt eine persönliche Komponente: Verachtung. Mir ist es egal, ob der andere verletzt wird. Daher versteht Jesus an diesem Punkt schon längst keinen Spaß mehr. Den Ausdruck „Raka“ – das klingt wie das Räuspern, bevor man ausspuckt – nennt er einen ein Fall für den hohen Rat (Mt 5,22a), eine Form von Körperverletzung. Verachtung ist Gift für jede Beziehung.

Wer abfällig denkt und redet, wird früher oder später ausfällig. Mit dem vernichtenden Urteil „Gottloser Narr“ (Mt 5,22b) zerschneidet einer das Tischtuch zwischen sich und dem anderen, es ist eine Art eigenmächtige Exkommunikation – die Beziehung ist nach einer solchen tödlichen Bemerkung kaputt. Paulus verlangt wohl auch deshalb von den Ephesern, nicht zornig zu Bett zu gehen (und dort noch, wie ich beinahe, im Geist Beschwerdebriefe ans Schulamt zu verfassen). Ich werde nicht in jedem Fall eine Aussprache mit einem Konfliktpartner noch am selben Tag schaffen. Aber ich kann mich selbst belauschen und verhindern, dass ich meinen Zorn immer weiter anheize. Ich kann dem anderen vor Gott vergeben und mich bewusst bemühen, ihm auch im Falle eines offensichtlichen Fehlers das Beste und nicht das Schlimmste zu unterstellen. Das dämpft den Zorn.

Heute bin ich heilfroh, dass mir das damals gerade noch so gelungen ist. Das Gespräch in der Schule kam zustande, als ich ein paar Tage später hartnäckig, aber freundlich nachfragte. Mein Gegenüber entpuppte sich als etwas schrulliger, aber freundlicher Mensch, der auch Kinder hat, die ihm gelegentlich Sorgen machen. Und meinem Kind hatte ich damit vermutlich den allergrößten Gefallen getan.

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Im Atem Gottes stehen

Bei Ihrer Suche nach dem Verhältnis von Geist und Gehirn betrachtet Barbara Bradley Hagerty Nahtoderlebnisse und stößt auf einen interessanten Fall. Im Jahr 1991 wurde bei der Musikerin Pam Reynolds ein Aneurysma festgestellt. Der Neurochirurg Robert Spetzler wagte eine Operation. Dazu wurde sie an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die Körpertemperatur auf 15 Grad abgesenkt, dann wurde unter Narkose das Herz angehalten und das Blut aus dem Kopf abgelassen. Das EEG zeigte keinerlei Aktivität im Gehirn mehr an. Wäre der Zustand nicht künstlich herbeigeführt und wieder aufgehoben worden hätte man sagen können, sie war hirntot.

Nach dem erfolgreichen Eingriff wurde alles wieder rückgängig gemacht und die Patientin wachte auf. Sie berichtete, dass sie während der OP ihren Körper verlassen hatte und konnte sich an Details aus den Gesprächen des Operationsteams erinnern. Dann verließ sie die Szene und ging auf ein Licht zu, das sie anzog. Sie begegnete ihren verstorbenen Großmutter und ihren früheren Mentor (bzw. „Onkel“) und fragte, ob dieses Licht denn Gott sei. Die Antwort lautete: Das Licht ist nicht Gott selbst, aber der Atem Gottes. Irgendwann geleitete der Onkel sie wieder zurück und ermunterte sie, in ihren leblos daliegenden Körper zurückzukehren.

Ein späterer Abgleich mit den Protokollen ergab, dass Reynolds‘ Erinnerungen an Vorgänge während der Operation durchweg zutreffend waren. Hagerty zeigt auf, dass man diesen Fall im materialistischen Paradigma („Geist = Gehirn“) im Grunde nur so erklären kann, dass man irgendwelche Hirnaktivitäten postuliert, wo man nichts feststellen kann, damit aber verlässt man den Boden empirischer Wissenschaft und bewegt sich im Bereich von Spekulationen.

Apropos Spekulationen: Offenbar stürzen sich auch Esoteriker auf die Story und interpretieren sie nach ihren Kategorien. Interessant ist sie allemal, hier sind zwei Teile einer Dokumentation auf YouTube:

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Verlegenes Schweigen?

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Zur Zeit lese ich wieder einen Krimi aus der Merrily-Watkins-Serie von Phil Rickman. Die Heldin seiner Romane ist anglikanische Pfarrerin und „Deliverance Consultant“ der Diözese Hereford. In dieser Funktion bekommt sie es mit dem Grenzbereich von Aberglaube, Esoterik, Spukerscheinungen und existenziellen Erfahrungen des Bösen zu tun, echten Verbrechen ebenso wie einer Bosheit, die Menschen mehr von innen heraus plagt als durch handfeste äußere Einflüsse. Als Krimi liest sich das ganz gut, die sympathische Protagonistin ist ebenso sensibel, wie sie nüchtern und skeptisch denken kann. Mit versponnener Frömmigkeit hat sie wenig am Hut. Die Erfahrungen der Menschen, die sie um Hilfe bitten, nimmt sie aber erst einmal ernst, auch wenn sie deren Interpretationen nicht immer teilt.

Das Interessante daran ist, dass es diese Deliverance Consultans tatsächlich gibt bei den Anglikanern. Die Bischöfe haben klare Richtlinien für diesen Dienst verfasst, die unter anderem vorsehen, dass auch ärztlicher und psychiatrischer Rat eingeholt wird. Rickman erfindet zwar seine Geschichten und die konkreten Personen, aber er hat seine Hausaufgaben gemacht und den Hintergrund recherchiert. Immer wieder spielen theologische und pastorale Erwägungen eine Rolle, ab und zu zitiert er aus einschlägiger Literatur. Ob es Geister bzw. Dämonen tatsächlich „gibt“, bleibt zwischen den Zeilen weitgehend offen. Aber offenbar geht er, wie ja auch die Anglikanische Kirche, davon aus, dass diese Fragen nichts völlig Absurdes sind und dass es eine Anlaufstelle dafür braucht.

Wenn diese Einschätzung zutrifft, dann stellt sich die Frage, an wen man sich hier bei uns wenden würde. Wo findet ein evangelischer Pfarrer kompetente Unterstützung, wenn er das Gefühl hat, dass ein seelsorgerliches Problem nicht mit den gängigen psychologischen und (pastoral-)theologischen Kategorien bearbeitet werden kann, wenn er fremdartige Erfahrungen anderer nicht pauschal als Wahn abqualifizieren möchte? Und was ist mit den vielen Menschen bei uns, die aus anderen Kulturen stammen, in denen die mythische Matrix noch ganz lebendig ist?

Beim Lesen habe ich mich unter anderem gefragt: Wohin geht man hier bei uns mit solchen Erlebnissen – zum Weltanschauungsbeauftragten? Genügt es, Menschen primär zu informieren? Gibt es ein offizielles Forum, in dem dieses Themenfeld diskutiert und konkrete Hilfsangebote auf den Weg gebracht werden? Warum machen die – ich schätze mal: ebenso gebildeten und aufgeklärten – Engländer so etwas Heikles und setzen sich damit anscheinend lieber öffentlicher Kritik aus, als das unübersichtliche Feld anderen, meist obskuren Akteuren zu überlassen, die sich mit einer ungesunden Faszination für alles „Übernatürliche“ oder ihren unreflektierten und oft mit allerlei Ängsten und Vorurteilen befrachteten Dämonologien nur allzu gern darauf stürzen würden?

Eins jedenfalls lässt sich schon jetzt sagen: Rickmans Pfarrerin ist keine schlechte Werbung für die CofE. Vielleicht hilft ja auch die Romanlektüre schon ein bisschen, das verlegene Schweigen in den Kirchen etwas aufzuweichen?

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Weisheit der Woche: „Seelenheil“

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Martin Buber kannte Tom Wright oder Jürgen Moltmann nicht, und diese christlichen Theologen haben ja viel vom Judentum gelernt, insofern gilt der folgende Satz aus „Der Weg des Menschen nach der Chassidischen Lehre“ aktuell vielleicht nur noch für Teile des Christentums und wir sind (z.B. mit dem missionalen Ansatz) schon ein paar Schritte über diese Kluft hinaus:

Dies ist ja einer der Hauptpunkte, an denen sich das Christentum vom Judentum geschieden hat: dass es für jeden Menschen sein eignes Seelenheil zum höchsten Ziele machte. Für das Judentum ist jede menschliche Seele ein dienendes Glied in der Schöpfung Gottes, die durch das Werk des Menschen zum Reiche Gottes werden soll; so ist denn keiner Seele ein Ziel in ihr selbst, in ihrem eignen Heil gesetzt. Wohl soll jede sich erkennen, sich läutern, sich vollenden, wie nicht um ihres irdischen Glücks, so auch nicht um ihrer himmlischen Seligkeit willen, sondern um des Werks willen, das sie an der Welt Gottes vollbringen soll.

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Verschieden verdrahtet

Ich habe Barbara Hagerty-Bradleys Fingerprints of God schon ein paarmal erwähnt. Kürzlich habe ich ihr Kapitel über „spirituelle Virtuosen“ gelesen. Darin wird der Unterschied zwischen kontemplativer und charismatisch-pfingstlicher Spiritualität kurz beleuchtet, allerdings nicht von der theologischen Seite (dazu gibt es ja genug Literatur), sondern aus der neurobiologischen Perspektive.

Wenn etwa franziskanische Nonnen meditativ beten, dann steigt die Aktivität in den Stirn- oder Frontallappen des Gehirns, während es in den Parietal- oder Scheitellappen ruhiger wird. Letztere dienen unter anderem der Orientierung, was vielleicht auch erklärt, dass Meditation oft als ein Verbundensein oder Einswerden (die unio mystica) mit Gott empfunden wird.

Den umgekehrten Zustand fanden die Hirnforscher bei Christen aus der Pfingstbewegung, die das Sprachengebet oder Glossolalie praktizierten. Dabei nimmt die Aktivität im Frontallappen stark ab, der die Aufmerksamkeit bündelt und in dem sich willentliche Entscheidungen abspielen, und die Parietallappen werden aktiv: Ein Zeichen dafür, dass die Person die Kontrolle aufgegeben habe. Glossolalie klinge zwar wie eine „echte“ Sprache, stehe aber in keiner Verbindung zu den Bereichen des Gehirns, in denen bewusste Kommunikation abläuft.

Während die Kontemplativen sehr bewusste Erlebnisse des Einswerdens machen, dominiert für die anderen das Aufgeben der bewussten Kontrolle und die Erfahrung des bleibenden Gegenübers, der Verschiedenheit des Beters von Gott. Zwei ganz unterschiedliche Ansätze, die zu unterschiedlichem Erleben führen, die aber beide als Gottesbegegnung empfunden werden. Es erklärt aber vielleicht auch, warum die beiden Richtungen einander oft fremd bleiben und sich womöglich auch schlecht „mischen“ lassen.

Schärfe und Unschärfe (das sind jetzt meine Worte) scheinen also verschieden verteilt, wenn es um die Polarität zwischen dem Selbst und Gott geht. Auf der einen Seite steht einem unscharfen Selbst das klare Bewusstsein des Gegenübers vor Augen, auf der anderen Seite empfindet ein aufmerksam gesammeltes Selbst die Berührung mit dem Du eher als etwas tief Innerliches, weniger als etwas, das „von außen“ kommt.

Die Auswirkungen von Übungen zur Kontemplation und Achtsamkeit scheinen nebenbei deutlich besser erforscht. Hier lassen sich, wie Hagerty verrät, eine ganze Reihe von Veränderungen bei gut trainierten Testpersonen messen. Ähnlich wie sich beim Ausdauersportler der Ruhepuls verschiebt, so sind Menschen hier in der Lage, schneller wieder zu einem seelischen Gleichgewicht zurückzukehren, sie sind deutlich emphatischer, wacher und fröhlicher, zudem halten die positiven Zustände länger an und erfordern weniger Reize von außen.

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Die Krise hinter der Krise

KugelDer renommierte italienische Denker Giorgio Agamben spricht im Interview mit der Feuilleton der FAZ über divergierende Vorstellungen eines gemeinsamen Europas. Deutschland als derzeit prägende Kraft in der EU ist aus seiner Sicht unfähig, „ein Europa zu denken, das nicht allein auf Euro und Wirtschaft beruht.“ Was die gegenwärtige Regierungskoalition angeht, sicher ein Volltreffer.

Die Reduktion auf die Ökonomie überdeckt, dass die eigentlich nötige demokratische Legitimierung europäischer Politik immer noch fehlt und dass entscheidende Dimensionen des Zusammenlebens auf der Strecke bleiben, die Europa einzigartig machen, zum Beispiel ein ganz bestimmtes Bewusstsein von Kultur und Geschichte – die Vielfalt der Lebensformen ist bedroht:

Im Mittelalter wusste man wenigstens, dass eine Einheit verschiedener politischer Gesellschaften mehr bedeuten muss als eine rein politische Gesellschaft. Damals suchte man das einigende Band im Christentum. Heute glaube ich, dass man diese Legitimation in Europas Geschichte und seinen kulturellen Traditionen suchen muss. Im Unterschied zu Asiaten und Amerikanern, für die Geschichte etwas ganz anderes bedeutet, begegnen Europäer ihrer Wahrheit immer im Dialog mit ihrer Vergangenheit.

Dabei verdeckt, sagt Agamben, vor allem die permanente Krisenstimmung, wo überall nach fragwürdigen Kriterien über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden wird, und wem das letztendlich nützt. Über diesen Gedanken, dass wir alle unter dem Diktat ökonomischer Zwänge zusehends entmündigt werden, lohnt es sich nun wirklich eine Weile nachzudenken:

Heute ist die Krise zum Herrschaftsinstrument geworden. Sie dient dazu, politische und ökonomische Entscheidungen zu legitimieren, die faktisch die Bürger enteignen und ihnen jede Entscheidungsmöglichkeit nehmen. In Italien sieht man das deutlich. Hier hat man im Namen der Krise eine Regierung gebildet und Berlusconi wieder an die Macht gebracht, obwohl das grundlegend dem Willen der Wähler widerspricht. Diese Regierung ist ebenso illegitim wie die sogenannte europäische Verfassung. Die europäischen Bürger müssen sich klarmachen, dass diese unendliche Krise – genau wie der Ausnahmezustand – mit der Demokratie inkompatibel ist.

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Eine „Sünderin“ wird rehabilitiert

Im letzten halben Jahr ist mir immer wieder die Geschichte von der Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4) begegnet. Viele Auslegungen, die ich bis dahin gehört und gelesen hatte, scheinen die Situation typisch modern zu erfassen: da sieht sich Jesus einer bindungsscheuen Hedonistin gegenüber, die einen Mann nach dem anderen verschleißt auf der Suche nach einem erfüllten Leben.

Irgendwie fällt, so scheint es, immer auch etwas der Schatten der Ehebrecherin aus Kapitel 8 auf diese Episode. Die anschließende Diskussion ist dann so zu verstehen, dass Jesus die Frau implizit tadelt für ihre verfehlte Suche und ihr den Weg zu einem Leben aus der Fülle Gottes weist.

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Doch wie plausibel ist diese heutige Betrachtungsweise für die damalige Situation? Frauen konnten sich in der patriarchalischen Kultur nicht von ihren Männern scheiden lassen und wieder heiraten, nur Männern war das möglich – das dürfte auch unter der Samaritanern kaum anders gewesen sein. Es ist also viel wahrscheinlicher, dass diese Frau schon fünfmal verlassen wurde – eventuell war sie auch ein- oder mehrmals verwitwet. Über ihren eigenen, in unseren heutigen Kategorien vielleicht auch „schuldhaften“ Anteil an den Trennungen kann man jetzt lange und fruchtlos spekulieren, etwas weiter hilft vielleicht die Überlegung, dass (freilich unverschuldete) Unfruchtbarkeit durchaus auch ein denkbarer Scheidungsgrund gewesen sein könnte. Und so sah der augenblickliche Lebensgefährte vielleicht keinen Anlass, sich an eine Frau mit einem derartigen Stigma (unfruchtbar, verschmäht, „gebraucht“) dauerhaft zu binden.

Dass Jesus um diese leidvolle Geschichte weiß und sich trotzdem auf Augenhöhe mit ihr unterhält, dass er keine Anstalten macht, der Frau irgendeine erst noch zu bereuende und bereinigende Schuld zu unterstellen und so ihre Schande zu vergrößern, sondern mit ihr über eine Gottesunmittelbarkeit spricht, die auch den Gegensatz von Juden und Samaritanern, von Zion und Garizim transzendiert – all das wird, so betrachtet, noch viel erstaunlicher. Er stellt sie also keineswegs bloß, sondern er bekleidet sie mit einer Würde, die sie wiederum im Handumdrehen zur „Missionarin“ werden lässt.

Noch ein paar kurze Anmerkungen rund um die beiden erwähnten Damen:

(1) Einen ganz anderen Aspekt bringt z.B. C.K. Barrett in seinem Kommentar am Rande auch noch ins Spiel: Fünf Ehen war für damalige Verhältnisse außerordentlich viel. Nach Josephus hatten die Samaritaner fünf Götzen (in anderen Quellen dagegen sind es sieben). Es könnte also auch sein, dass die Frau symbolisch für ihr Volk hier steht, das nach jüdischem Dafürhalten den wahren Gott verkannt hat. Dieser symbolische Verweis mit der Ehe- auf die Gottesbeziehung wäre ja nicht ganz ungewöhnlich, wenn man an die jüdischen Propheten denkt.

(2) Eli Lizorkin-Eyzenberg hingegen sieht in einer der knappen Erinnerung an die Josephsgeschichte eine Deutung des Leids, das der Frau widerfahren ist, das sich nun durch die Begegnung mit Jesus ebenso wendet wie das Schicksal des Stammvaters der beiden religiösen Gruppen.

(3) Ausgerechnet die so beliebte Geschichte von der Ehebrecherin aus Kapitel 8,1-11 dagegen fehlt übrigens in den ältesten Handschriften des vierten Evangeliums, sie wurde wohl erst später hinzugefügt. Doch auch wenn das geniale Wort nicht von Jesus stammen sollte: Steine werfen ist keine gute Idee, selbst als Sündloser (der man hinterher ohnehin nicht mehr wäre).

Ebenso stellt sich damit die Frage nach dem Stellenwert des in manchen Kreisen mindestens ebenso populären, weil die verletzte moralische Ordnung nachdrücklich bestätigenden Diktums „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr“, mit dem man die Vergebung an die Bedingung künftigen Wohlverhaltens knüpfen kann. Damit niemand das mit der bedingungslosen Gnade missversteht… Valeria Hinck hat hier zu Recht darauf hingewiesen, wie selten das in den Evangelien der Fall ist – sollte Joh 8,11 einfach aus Joh 5,14 übernommen und eingefügt worden sein, dann halbiert sich das auf genau noch ein Vorkommen, während Jesus irritierend oft ganz ohne Bewährungsauflagen vergibt.

Alles in allem sind das doch spannende Perspektiven!

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