Über die Hoffnung werden viele wunderbare Geschichten erzählt. Gerade ist eine uralte Geschichte wieder im Kino: Odysseus kehrt nach vielen Jahren Irrfahrt endlich heim zu seiner Penelope. Ein Klassiker der Weltliteratur, immer noch aktuell. Hoffnung macht Mut, und Mut macht Helden.
Heute reden wir von einer Odyssee, wenn unsere Bürokratie jemand von einem Amt zum nächsten schickt oder wenn Patient:innen erst beim x-ten Versuch jemand finden, der ihnen hilft. Bei allem Frust reicht die Hoffnung noch immer aus, um weiter zu suchen. Auch da wird am Ende das hartnäckige Dranbleiben belohnt.
Manchmal.
Die dunkle Seite der Hoffnung
Aber eben weil Hoffnung so gefragt ist in düsteren Zeiten, gibt es auch eine dunkle Seite der Hoffnung. Viele Politiker, die eine Wahl gewinnen wollen, reden die Gegenwart betont schlecht, um sich dann als Hoffnungsträger für die Zukunft ins Spiel zu bringen. Donald Trump verspricht ein goldenes Zeitalter, Helmut Kohl verhieß blühende Landschaften; und in England ist es gerade der neue Premierminister Andy Burnham, der bei seinen gefrusteten Landsleuten in großem Stil Hoffnung verbreiten möchte.
Ich merke inzwischen: Je dicker aufgetragen der Zweckoptimismus daherkommt, desto mehr fühle ich mich wie ein Kleinkind behandelt. Traut man mir die Wahrheit nicht zu? Vielleicht ist mir deshalb der Buchtitel „Hoffnung ist Gift“ gleich ins Auge gesprungen, weil er zu so vielen Situationen passt, die ich erlebe:
Hoffnung ist Gift, denke ich mir, als die junge Angestellte mir erzählt, wie sie von ihrem Chef mit vagen Versprechen auf Gehaltserhöhungen und Beförderungen hingehalten wird. Es gibt stets einen neuen Grund, warum es diesmal nicht geklappt hat. Noch nicht, aber vielleicht beim nächsten Mal, wenn sie sich weiter reinkniet in die Arbeit. Hofft ihr Chef. Aber ihr geht die Hoffnung allmählich aus.
Hoffnung ist Gift, denke ich, als ich dem trauernden Ehemann zuhöre. Seine krebskranke Frau hatte es sich und der Familie verboten, über das Sterben zu reden. Von einem Arzt oder Heiler zum anderen sind sie zusammen gehetzt, monatelang. Bis es kaum noch möglich war, ein paar schöne Dinge zusammen zu machen und bewusst Abschied zu nehmen.
Die Hoffnung, meint Friedrich Nietzsche, ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Was wird jetzt aus uns, die auf eure Hoffnung hereingefallen sind? What about us?
Das ist die dunkle Seite der Hoffnung: Die rosa Brille, die billigen Illusionen, das Vertrösten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. „Hopium“ heißt so etwas auf Englisch. Also Hope und Opium verbunden. Hoffnung als Droge und Betäubungsmittel. Sie dämpft den Schmerz und benebelt das Hirn.
Warten auf das Wunder
Die alten Griechen kannten nicht nur die Odyssee. Im Theater erlebten sie den Auftritt des „Deus ex Machina“, den „Gott aus der Maschine“: Mit Hilfe einer Hebevorrichtung erscheint da eine Gottheit auf der Bühne und greift in die menschlichen Dramen ein, die sich dort abspielen. Aus heiterem Himmel. Ein Wunder ändert den Lauf der Dinge.
Diese Wundergläubigkeit gibt es immer noch. Besonders populär ist der Deus ex Machina in den Märchenerzählungen der Fortschrittsoptimisten und Technokraten. Eines Tages wird eine neue Erfindung wundersam alle Probleme lösen: Die KI, die Kernfusion, die Gentechnik, der „hocheffiziente Verbrenner“, das Geo-Engineering. Oder wir ziehen einfach um auf einen anderen Planeten. Und deshalb müssen wir heute nichts ändern. Nicht umsteuern, nicht bremsen, einfach nur weiter Vollgas geben. Da ist vom Deus Ex nur die „Machina“ übrig geblieben. Von der Maschine erhofft man sich das Wunder – aber der Wunderglaube bleibt schwindelerregend.
Ich würde an dieser Stelle jetzt gern sagen, dass wir Kirchen- und Christenmenschen mit Hoffnung besser umgehen. Glaube, Liebe, Hoffnung – das sind ja unsere Kernthemen.
Aber genau da liegt vielleicht das Problem, dass wir uns zu sehr dafür verantwortlich fühlen, Hoffnung zu liefern. Zwei Erlebnisse haben mir das deutlich gemacht:
Vor einer Weile wurde in meinem näheren persönlichen Umfeld jemand viel zu früh aus dem Leben gerissen. Mich hat das ziemlich mitgenommen. Und es hat mir überhaupt nicht geholfen, wie der Kollege, der die Trauerfeier hielt, gleich zu Beginn schon anfing, von der Auferstehung der Toten zu reden. Damit ließ er mir keine Zeit, erst einmal den Schock und die Tragik des Augenblicks ein bisschen sacken zu lassen. Ich dachte beim Zuhören: Das ist ja alles irgendwie richtig, aber das Timing stimmt nicht. Man kann mit der Hoffnung zu schnell um die Ecke kommen. Manchmal ist jemand untröstlich. Und dann darf er oder sie das auch sein. Mir fällt ein Satz von Dietrich Bonhoeffer ein:
Nur wenn man das Leben und die Erde so liebt, dass mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben.
Und dann erinnere ich mich sehr gut daran, wie die Klimaproteste der „Letzten Generation“ sich zugespitzt haben. Als junge Menschen plötzlich anfingen, sich auf Straßen zu kleben. Sie haben gehofft, dass es noch gelingt, die coronamüde Öffentlichkeit aufzurütteln, und haben dafür Anfeindungen, Schmerzgriffe der Polizei und unerbittliche Verfolgung durch die Justiz in Kauf genommen. Heute wissen wir: Hätten sie Kreuzungen und Autobahnen mit Traktoren statt mit Sekundenkleber lahmgelegt – und gefordert, dass alles bleibt, wie es ist –, wäre ihnen nichts passiert. Damals schlugen die Wogen der Empörung hoch. Und leider haben auch eine ganze Reihe von Kirchenleuten die ungestümen Aktionen als Ausdruck von Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit kritisiert. Und dem eine „christliche Hoffnung“ entgegengesetzt, die alles Düstere, Alarmistische oder Apokalyptische vermeidet. Harmlose Hoffnungsbilder aus der Kinderbibel wie Noahs Regenbogen werden stattdessen ausgepackt. Ich glaube, die reichen nicht.
Viele solche gut gemeinten, aber eben vagen und schwammigen Bekundungen sind im Grunde Beschwichtigungen: „Es wird schon nicht ganz so schlimm kommen, wie es derzeit den Anschein hat. Lasst uns um Himmels willen positiv bleiben.“ Aber was ist das anderes als frommes Wunschdenken – Hopium?
Eher Bequemlichkeit und Konfliktscheu als echtes Gottvertrauen, oder? Sind wir am Ende deswegen so flott mit dem Trostpflaster der Hoffnung zur Stelle, weil wir Angst haben, dass wir der Trauer, der Wut, dem Leid und dem immer größeren Berg an ungelösten Fragen nicht gewachsen sind?
Vielleicht braucht die Hoffnung eine Pause, Bedenkzeit. Vielleicht brauchen wir ein Hoffnungsmoratorium. Und müssen so lange von der Hoffnung schweigen, bis sie uns nicht mehr so geschmeidig über die Lippen kommt. Vielleicht müssen wir als Kirche den Anspruch an uns selbst aufgeben, immer schon Hoffnungsträger zu sein und nie verzweifelt. Vielleicht darf es immer wieder einmal so aussehen, als wäre alles verloren und zu Ende.
Dunkle Zeiten und blinde Flecken
Eine Geschichte über den Traum vom Deus Ex Machina erzählt auch die Bibel. Die Menschen in Jerusalem haben schon erlebt, dass Gott ihre Stadt vor dem Untergang bewahrt. Sie fangen an zu glauben, dass Jerusalem unantastbar ist. Immerhin steht dort ja Gottes Tempel. Und der garantiert wie eine Art Talisman, dass Gott seine heilige Stadt nicht fallen lässt. Auch dann nicht, wenn sein auserwähltes Volk sich verantwortungslos verhält und alle Warnungen in den Wind schlägt.
Eines Tages schickt Gott den Propheten Jeremia an das Tor zum Tempel, um ein paar Dinge klarzustellen. Jeremia hat keine Lust darauf, er hält sich für zu jung. Aber dann geht er doch. Gott sagt zu ihm:
Stell dich an das Tor des Hauses des Herrn! Dort ruf dieses Wort aus und sprich: Hört das Wort des Herrn, ganz Juda, alle, die ihr durch diese Tore kommt, um dem Herrn zu huldigen. So spricht … der Gott Israels: Bessert euer Verhalten und euer Tun, dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort. Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier!
Ein Tempel schützt nicht vor selbstverschuldeten Katastrophen, sagt Jeremia, und erinnert an das zerstörte Heiligtum in einer anderen Stadt. Wenn ihr euch darauf verlasst, seid ihr verloren. Gott ist kein Deus ex Machina, er kommt nicht auf Knopfdruck. Und ihr seid nicht unantastbar. Aber das können sich die Leute in Jerusalem nicht vorstellen.
Bis es passiert. Bis Jerusalem verwüstet wird von der Großmacht Babylon und die Überlebenden verschleppt werden.
Aus der Traum. Stumme Verzweiflung, bittere Klage, zähneknirschende Rachephantasien bleiben übrig. Es wird Jahre dauern, bis sich die Hoffnung wieder regt. Bis dahin schweigen die Harfen, wie im 137. Psalm:
An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land. Dort verlangten unsere Bewacher […]: «Singt uns Lieder vom Zion!» Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?
Auf dem Grund meiner Tränen, auf der Rückseite meiner Ängste, mittendrin in meinem Schmerz höre ich mich deinen Namen rufen. Mitten in dieser Nacht, diesem Ozean der Finsternis, ist es dunkel genug, dass ich die Sterne sehen kann. So klingt ein moderner Psalm von Mary Gauthier. Sie singt von einer Erfahrung am absoluten Nullpunkt. Sie beschönigt nichts, und gerade deshalb klingt sie hoffnungsvoll. Dark enough to see the stars – dunkel genug, die Sterne zu sehen.
Die Unfähigkeit, sich die eigene Zerstörung vorzustellen, sei der blinde Fleck einer jeden Kultur, schreibt der Psychoanalytiker Jonathan Lear. Lear ist Jude und hat bei Jeremia, der auf diesen blinden Fleck aufmerksam macht, etwas entdeckt, was uns heute weiterhelfen kann.
Der blinde Fleck – das ist die Stelle in meiner Netzhaut, wo die Sehnerven zum Gehirn abgehen. Eigentlich müsste da eine dunkler Punkt im Bild erscheinen, aber mein Gehirn vertuscht den Bildausfall mit einer eleganten Illusion. Beim Selbstbild funktioniert es ganz ähnlich: Die Flecken und Störungen kann ich unter Umständen so gründlich ausblenden, dass ich vergesse, was ich vertusche.
Die blinden Flecke einer Kultur sind die unbequemen Wahrheiten und schmutzigen Geheimnisse, die wir kollektiv leugnen und verdrängen. Zum Beispiel, dass wir unseren Wohlstand nicht nur harter Arbeit und Disziplin verdanken, sondern auch der Ausbeutung von Menschen in anderen Weltregionen und der Plünderung der Erde. Oder dass grenzenloses Wachstum auf einem begrenzten Planeten auf Dauer nicht funktionieren kann. In den ratlosen Reaktionen auf verbrannte Wälder und ausgetrocknete Flüsse zeigt sich gerade, dass wir uns ein Ende der Welt problemlos vorstellen können. Aber das Ende des Konsumkapitalismus, der uns das alles eingebrockt hat, ist für die allermeisten unvorstellbar.
Schon 1972 hat der Club of Rome diesen blinden Fleck erkannt. Die Wissenschaftler:innen haben vorhergesagt, dass die Erde, wenn alles einfach so weitergeht, Mitte der 2020er Jahre – also jetzt – überlastet ist. Und wenn das eintritt, könnte die globale Zivilisation bis 2040 zusammenbrechen. Nicht unbedingt mit einem großen Knall, eher wie ein ständig zunehmendes Bröckeln.
Ein Traum, ein Baum und eine Meise
Den eigenen Untergang zu denken, das braucht Mut. Und es ist der erste Schritt zu einer radikalen Hoffnung, sagt Jonathan Lear. Er entdeckt ihn wieder, als er die erstaunliche Geschichte der Crow erforscht, eines indianischen Volkes in Nordamerika. Da hört er von einem kleinen Jungen. „Plenty Coups“ heißt er.
Im Alter von neun Jahren hat Plenty Coups einen prophetischen Traum. Die Büffelherden verschwinden darin spurlos und das Milchvieh der weißen Siedler bevölkert die Prärie. Dann sieht er sich selbst als alten Mann vor einem Wald sitzen. Die Bäume sind alle umgerissen. Nur ein Baum hat überlebt. Eine menschliche Gestalt erscheint und ermahnt ihn: Nimm dir die Meise zum Vorbild. Die Meise ist klein und klug. Sie hört aufmerksam zu und lernt von den anderen, die ihr überlegen sind.
Er erzählt seinen Traum den Stammesältesten. Es ist ein bisschen wie beim zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die Crow glauben an einen gütigen Schöpfergott, der dem Gott Israels in vielem ähnlich ist. Was sie von Plenty Coups hören, bestätigt ihre düstersten Ahnungen. Aber es zeigt ihnen auch einen Weg durch Katastrophe und Untergang hindurch. Der Stamm erkennt diese Botschaft als echt an.
Eine gewaltige Leistung der Crow, denke ich mir: Welcher Stadtrat, welcher Kirchenvorstand, welcher Aufsichtsrat hier bei uns würde einem Neunjährigen auch nur eine Minute lang zuhören? Wer hätte den Mut und die Größe, weitreichende Entscheidungen auf so ein Gespräch zu gründen und das auch noch gegen Kritik zu vertreten?
Es kommt wie im Traum vorhergesagt: Die Bisons werden ausgerottet. Die stolzen Jäger und Krieger werden in Reservate gepfercht. Auf ihrem Land machten sich unter dem Schutz der Armee weiße Siedler breit. Immer wieder brechen die Eindringlinge ihre Versprechen. Niemand zieht sie zur Rechenschaft.
Unter der Führung von Plenty Coups – er wird später Häuptling der Crow – bewältigen sie diese Katastrophe vergleichsweise unblutig, geschlossen und gut organisiert. Sie behalten einen wesentlichen Teil ihres Gebietes. Das gewaltsame Ende ihrer Lebensweise, sagt Jonathan Lear, hat die Crow nicht gebrochen, weil sie sich darauf vorbereitet hatten in radikaler Hoffnung. Das Bild von der klugen Meise half ihnen, sich in einer veränderten Welt zu orientieren und neu zu erfinden. Die Nacht war stockdunkel, aber die Sterne standen hell am Himmel.
Radikale Hoffnung. Bei den Crow, bei Jeremia. Radikale Hoffnung ist ein Geschenk. Ich kann sie nicht schon vorab besitzen, konservieren und im Ernstfall dann aus der Tasche ziehen. Ich finde sie nur da, wo ich meine gewohnte Lebensweise, meine Identität, meine Privilegien nicht krampfhaft festhalte.
Besser ausgedrückt: Die radikale Hoffnung findet uns. Da, wo ein Neunjähriger (oder ein Neunzehnjähriger wie Jeremia, oder vielleicht eine Neunzigjährige) unsere Selbstverständlichkeiten in Frage stellen darf und Gehör findet. Wo wir in einer zunehmend instabilen Welt all die Katastrophen und die Verzweiflung, nicht ausblenden oder gedanklich überspringen, sondern sie gemeinsam durchstehen.
Die jüdischen Propheten sagen den Leuten, die ins Exil nach Babylon ziehen, nicht „Halb so schlimm, in 70 Jahren ist alles vorbei.“ Aber als Jahre später sich kaum noch jemand vorstellen kann, dass es eine Rückkehr gibt, da malen sie diese radikale Hoffnung in leuchtenden Farben für alle aus.
Ich will kein Hopium. Ich möchte wissen, wann es ernst wird. Ich möchte wach sein, wenn die echte Hoffnung aus irgendeiner Ritze gekrochen kommt, weil sie sich zu mir durchgebissen hat. Dann kann und will ich radikal hoffen.
Aber schon jetzt spüre ich, und viele andere auch, eine Erleichterung darüber, dass die trügerische Hoffnung passé ist. Dass wir miteinander über den möglichen Kollaps reden und nachdenken können.
Denn das Verdrängen kostet so wahnsinnig viel Kraft. Und beim Versuch, all das Beängstigende auszublenden, verliere ich den Kontakt zur Wirklichkeit. Wenn ich mich dagegen der schmerzhaften Wahrheit stelle, dann spüre ich auch all das Schöne und Gute wieder und kann mich daran freuen. Und für andere da sein, die meine Hilfe brauchen.
Vor ein paar Tagen haben wir im Gottesdienst über all das gesprochen, was ich Ihnen heute erzählt habe. Ich blickte in viele ernste Gesichter. Am Ende kommt eine ältere Frau auf mich zu, lächelt mich an und sagt: „Wir haben immer noch den Glauben und die Liebe.“
Wie wahr, denke ich. Die Meise von Plenty Coups hätte es nicht schöner singen können.






