Sola Gratia. Echt jetzt?

IMG_0674.JPGHeute las ich bei einem Autor, der sich selbst als evangelikal einstuft, etwas über die katholische Kirche. Nichts unfreundliches, aber pro-forma-Kritik musste anscheinend doch sein, um dem Leser ausreichende Distanz zu beweisen. Also stand da unter anderem, Katholiken neigten zur „Werkgerechtigkeit“ – seit 500 Jahren der Standardvorwurf. Wie oft er inzwischen überprüft wurde oder ob sich hier ein identitätsstiftendes Sprachritual verselbständigt hat, ließ sich schwer beurteilen. Aus eigener Erfahrung könnte ich das so nicht verifizieren.

Merkwürdig ist es allemal. Denn Leistungsfrömmigkeit (und nichts anderes wäre die beklagte „Werkgerechtigkeit“ ja) ist im evangelikalen Bereich mindestens so lebendig wie unter den römischen Geschwistern. Ein typischer Fall von Splitter/Balken? Testen lässt sich das ganz leicht, wenn man (wie hier verschiedentlich geschehen) über das Thema Himmel und Hölle spricht. Gegen als zu inklusiv und universal empfundene Vorstellungen von Gottes Gnade erscheint dann reflexartig (und das kann ich nun durchaus aus eigener Erfahrung verifizieren…) der Einwand, dass man sich ja dann vielleicht ganz umsonst Mühe gebe und auf manches verzichte, wenn da am Ende (fast) alle „rein dürfen“, und überhaupt gehe so aller moralischer und geistlicher Ernst verloren. Man meint dann fast schon die FDP mit ihrem „Leistung muss sich wieder lohnen“ zu hören. Vielleicht ist die katholische Neigung eher die, für gutes Verhalten einen Lohn zu bekommen, während die protestantische Variante oder Versuchung die ist, auf einer knackigen Strafe für uneinsichtiges Fehlverhalten zu bestehen – die deutlich unsympathischere Form eines analogen Fehlers.

Vielleicht ist das ja ein großer Nutzen dieser Debatte: Nimm die Hölle weg – und das sonst so gut getarnte fromme Leistungsdenken geht auf die Barrikaden. Letzten Endes klagt es, so scheint mir, Gott selbst so an wie der ältere Bruder des verlorenen Sohns. Als geistliche Übung wäre diese Umkehrung von John Lennons „Imagine there’s no heaven“ auf jeden Fall ein Volltreffer – so wie Ignatius von Loyola das Gegenteil, nämlich die imaginäre Höllenfahrt, wegen des therapeutischen Effekts in seine Übungen aufnahm.

Also: Ich stelle mir mal rein hypothetisch vor, Gott schafft am Ende doch das Kunststück, keine einzige Menschenseele zu verlieren. Was freut mich daran, was stört mich? Wen möchte ich auf keinen Fall dort haben? Was regt mich an diesen Menschen so auf? Und was sagt das wiederum über meinen Schatten aus, den Teil meiner Persönlichkeit, den ich nur unter allergrößten Schmerzen anerkennen will? Wenn Gott mich liebt, obwohl er das sieht und weiß, kann ich dann auch aufhören, diese Seiten an mir selbst und anderen zu verdammen? Und wäre es dann noch eine Katastrophe, wenn die Hölle am Ende leer wäre?

PS: Der Katholik (!) Hans Urs von Balthasar hat übrigens ganz passend zu diesen Diskussionen geschrieben: „Das Ernsteste, was es gibt, ist nicht die Strafgerechtigkeit Gottes, sondern seine Liebe.“

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15 Antworten auf „Sola Gratia. Echt jetzt?“

  1. Für uns, die wir hauptberuflich für die Kirche arbeiten und manchmal daran leiden, stellt sich außerdem die Frage, was sich an unserer Arbeit ändern würde, wenn wir davon ausgehen, dass am Ende alle an Gottes neuer Welt Anteil haben. Die Frage stellt sich wahrscheinlich für alle ehrenamtlichen Missionare genauso. Die Mühe um das eigene Heil dürfte sich für die meisten erledigt haben. Aber die Mühe um das der anderen? Immerhin verleiht der Gedanke, es gehe für die, mit denen ich zu tun habe, um Leben und Tod, meinem Tun eine gewisse extrinsiche Motivation. Und wenn ich sie liebe, auch eine intrinsische. Und gleichzeitig hindert diese Angst um sie häufig, dass sie mich hören wollen.
    Mit Interesse habe ich Zulehners Vortrag bei Elia gehört. Ihr habt echt in Entwicklung von Zukunftsvisionen investiert. Wenn ich für alle darauf vertraue, dass sie gerettet werden, was motiviert mich, über die Entwicklung meiner Gemeinde nachzudenken? Und das tut Ihr ja.

    Ich versuche, den Gedanken mal weiterzudenken:
    Mission hieße dann: Andere mit der Vorfreude auf den Himmel anstecken. Und wenn es einmal nicht gelingt, mir die Freude dennoch nicht nehmen lassen.
    Und vielleicht hilft anthropologisch ja allein diese Einstellung schon, dass die Botschaft ankommt.

    Kein schlechter Gedanke. Ob sich andersherum diese ansteckende Vorfreude auch halten lässt, wenn ich von einem doppelten Ausgang ausgehe?

  2. “ Und was sagt das wiederum über meinen Schatten aus, den Teil meiner Persönlichkeit, den ich nur unter allergrößten Schmerzen anerkennen will? Wenn Gott mich liebt, obwohl er das sieht und weiß, kann ich dann auch aufhören, diese Seiten an mir selbst und anderen zu verdammen? “

    „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. “

    Wer weiß das auch? Wenn man dies wirklich weiß, dann ist man zerschlagen, hat keinen Grund mehr, auf sich selbst, sondern allein auf Jesus zu vertrauen und wird ein Ort, wo Gott gerne wohnt:

    Jes 57,15 Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.

    … wo immer sich eine offensichtliche, selbstbetrügerische oder sonst wie geartete Werkgerechtigkeit wie die der Pharisäer zeigt: Buße tun, umkehren, allen eigenen Gewinn/Gutheit/Gabe etc. für Dreck/Kot halten und allein in Jesus seine Rechtfertigung haben.

  3. Es ist ja auch interessant, dass gerade der Protestantismus die kapitalistische Arbeits- und Leistungsethik generiert hat. Gott mag gnädig sein – aber in der Welt wird gnadenlos malocht und Profit gemacht. Wer die Hölle in seinem Glaubenssystem unbedingt braucht, hat das Sola Gratia nicht zuende gedacht. Leider haben das auch die Reformatoren nicht getan. Luther hat dem Teufel verdammt viel Ehre erwiesen. Seine Begründung dafür, dass es trotz der Gnade (und der Glaube ist ja auch pure Gnade!) eine ewige Verdammnis gibt, war die, dass der Teufel sehr mächtig ist. Mächtiger als Christus? Deswegen landet auch er unterm Strich wie Calvin bei der doppelten Prädestination: Gott hat entschieden, wer gerettet wird und wer verdammt ist. Mir hat noch niemand erklären können, wie diese ekelhafte Lehre mit der bedingungslosen Liebe kompatibel sein soll, die sich in Christus offenbart hat. Unterm Strich wird dann der Glaube doch wieder zu einem Werk des Menschen. Interessant ist ja, dass es gerade die großen würtembergischen Pietisten wie Bengel, Oettinger, Hahn (und natürlich erst Recht die Blumhardts) gewagt haben, die Allversöhnung nicht nur als Möglichkeit zu denken, sondern als einzig logische Konsequenz der Christusoffenbarung zu lehren. Schleiermacher als „Hernhuther höherer Ordnung“ begründete sie. Barth war nah dran. Und Jürgen Moltmann schreibt: „Die Logik der Hölle scheint mir nicht nur inhuman, sondern extrem atheistisch zu sein: hier der Mensch in seiner freien Entscheidung für Hölle oder Himmel – dort Gott als der Ausführende, der diesen Willen vollstreckt. Gott wird zum Diener des Menschen degradiert. Wenn ich mich für die Hölle entscheide, muss Gott mich dort hinstecken, obwohl es nicht sein Wille ist. Drückt sich so die Liebe Gottes aus? Und wo bleibt die Allmacht Gottes? Menschen würden selbst ihrem Schicksal überlassen, sie brauchen Gott eigentlich nicht, denn nur der Mensch bestimmt, was passiert.“ (Theologie der Hoffnung)

  4. Oh,Peter, ich glaube, da hast Du noch ein frommes Buzz Word benutzt. Ich wette, bei dem Wort Werkgerechtigkeit gehen bei vielen Frommen alle Alarm-Leuchten an.
    Ich ahnte schon, dass man St. Paul nicht schonen würde und direkt einen Versschnipsel aus seinen Briefen als Quasi-Gegenzauber zur Abwendung aller vermeintlichen Übel, die mit diesem Wort verbunden sind, zitieren würde.
    Warum eigentlich? Warum nicht St. James? Der hat doch auch total schöne Brief geschrieben, oder?
    Aber zurück zur Hölle.
    Nun, unter Umständen hat die allergische Reaktion auf eine evtl. leere Hölle ja auch etwas mit den verschiedenen Ansichten über das Heil zu tun.
    Vertritt man eine stark forensische Sichtweise, braucht es zwingend nicht nur ein Gericht, sondern auch die Hölle. Ansonsten macht dieses Gedankengebäude nicht so wahnsinnig viel Sinn.
    Hat man eher einen medizinischen Ansatz, kommt man ganz hervorragend ohne die Hölle aus.
    Im Gegensatz zum forensischen Ansatz würden hier sogar Zweifel am Arzt aufkommen, wenn der Patient nicht heil wird. Während ein Richter nun wirklich nichts dafür kann, wenn ein Angeklagter schuldig ist.
    Allerdings bleibt die Frage, was passiert, wenn ein Patient die Medizin nicht nehmen will.
    Beide Betrachtungsweisen gibt es in der christlichen Tradition, wobei der medizinische Aspekt in der Orthodoxie überwiegt und der forensische wohl als Grundpfeiler der Reformation zu betrachten ist.
    Merkwürdigerweise ist die Bibel nicht so wahnsinnig interessiert an der Hölle, der geht es vorallem um das Heil, das Leben in Fülle, das Reich Gottes und wie man das jetzt schon haben kann. Da gibt es allerdings schon starke Verweise auf das Tun des Menschen. Es sind eben am Ende dann doch die Werke der Barmherzigkeit, die nicht nur hier und jetzt das Gottes Reich entstehen lassen, sondern auch das was in Ewigkeit Ausschlag gebend sein wird. Nicht nur nach Matthäus.
    Ich denke, wenn man Paulus nicht als Anti-Serum gegen diesen Handlungsauftrag sieht, sondern als Ergänzung, dann wird es recht schwierig den jeweils anderen der Hölle preiszugeben, denn schließlich ist mein Großzügigkeit und Barmherzigkeit dem anderen gegenüber meine Eintrittskarte in den Himmel.

  5. Hallo, interessante Standpunkte habt ihr da!

    Mir hat das folgende Buch geholfen, meinen (sicher nicht 100% feststehenden) Standpunkt zu finden: „Hölle light“ von Francis Chang (Originaltitel: „Erasing Hell“):
    http://www.erf.de/online/themen/buecher/hoelle-light/6325-542-3912

    Die Rezension auf obiger Seite sagt zu den Hauptaussagen des Buches folgendes:
    “ In seinen Ausführungen kommt der Pastor und Autor immer wieder auf zwei Dinge zu sprechen:

    Erstens: Ob es die Hölle gibt oder nicht, ist nicht zuallererst eine dogmatische Frage, sondern eine, die das Schicksal jedes Menschen entscheidend bestimmt. Deswegen kann es in dieser Auseinandersetzung nicht darum gehen, sich gegenseitig Argumente um die Ohren zu schlagen, um einen Disput zu gewinnen. Stattdessen müssen Theologen und Laien, die sich mit dieser Materie beschäftigen, sauber und aufrichtig arbeiten, damit sie den Menschen sagen können, was Sache ist. Und: Wer davon ausgeht, dass es eine Hölle gibt, sollte alles daran setzen, dass er selbst und andere Menschen dort nicht die Ewigkeit verbringen müssen.

    Zweitens: Es mag nicht unserem Bild und unserer Vorstellung von Gott entsprechen, dass er seine Geschöpfe wirklich für alle Ewigkeit auf diese Art und Weise straft. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass nicht wir diejenigen sind, die entscheiden können, wie Gott zu sein oder was er zu tun hat. Wir können nur anerkennen, dass Gottes Gedanken höher sind als unsere und einen Weg finden, ihm trotz mancher Fragen und Schwierigkeiten zu vertrauen.“

    Die Stärken und Schwächen des Buches werden so charakterisiert:
    „De größte Stärke von „Hölle light“ liegt jedoch darin, dass Chan es respektvoll und dennoch deutlich wagt, uns mit einem anderen, größeren Gott zu konfrontieren, als wir ihn oft wahrhaben wollen. Damit fordert Chan heraus, korrigiert aber auch ein einseitiges Gottesbild und – dadurch bedingt – eine einseitige Verkündigung.

    Einziger wirklicher Schwachpunkt des Buches ist, dass Chan in seinem Bemühen, Christen aus einer falschen Heilssicherheit aufzuwecken, nicht ausführlich genug deutlich macht, was einen Menschen vor der Hölle retten kann. Hier könnte für bereits verunsichterte Christen der Eindruck entstehen, dass sie sich den Himmel letztlich doch verdienen müssen.“

    Und dieser Schwachpunkt ist es, der mich auch immer wieder zum Nachdenken bringt: Was ist Gnade, was ist eigenes Zutun? Einerseits brauchen wir nichts vorweisen, um vor Gott Gnade zu finden, andererseits heißt es „wer glaubt…“. So richtig auflösen kann ich diesen vermeintlichen Widerspruch nicht.

    Auf jeden Fall eine interessante Lektüre, die auch Bezug auf Rob Bells „Das letzte Wort hat die Liebe“ Bezug nimmt. Wenn man beide Bücher kennt, kann man sich selbst ein recht gutes Bild machen.

  6. @Frank: Rolf Krüger hat Chans Buch hier besprochen, war aber nicht so begeistert – http://www.rolfkrueger.net/2012/05/romer-1-brutzeln-auch-menschen-in-der-holle-die-nie-von-jesus-gehort-haben/

    Mir selber stößt das bei Chan und anderen ganz unangenehm auf, wie sie immer dann mit dem Argument kommen, Gott entziehe sich unserem Verstehen, wenn es um Kritik an harten, strafenden, autoritären und willkürlichen Gottesbildern geht. Ansonsten wissen solche Autoren immer sehr genau, was Gott will und warum. Mein Verdacht ist, dass Gottes Souveränität damit eher die Funktion hat, traditionelle Dogmatik abzusichern, die anders nicht mehr vermittelbar ist, indem alle Einwände von vornherein als fruchtlos qualifiziert werden.

    Aber eigentlich geht es in diesem Post ja um etwas anderes, nämlich die Frage danach, wie hartnäckig sich Kategorien von Leistung und Sanktionen da halten, wo so viel von Gnade die Rede ist, oder anders gesagt: Macht erst die Strafe für andere das Geschenk für mich wertvoll? Diese Frage zielt auf die Gegenwart und muss da beantwortet werden.

    1. „Macht erst die Strafe für andere das Geschenk für mich wertvoll?“ Schön zugespitzt!
      Nein.
      Weiter oben bring Bee die gute alte Kategorie von der „leeren Hölle“ ins Spiel. Die löst ganz andere Gefühle aus als eine gar nicht vorhandene Hölle.

      Der Himmel (Ich benutze jetzt die Begriffe weiter, weil wir gebildet genug sind, dabei nicht an Wolken und Harfen oder an kleine gehörnte Kobolde mit Heugabeln zu denken. Also der Himmel) wird sehr wahrscheinlich so schön sein, dass wir auch ohne Bedenken irgendwelcher Alternativen begeistert sein werden. Aber solange wir das nicht erleben, ist der Gedanke, welcher Alternative wir (und vielleicht ja alle Menschen) entgehen, durchaus hilfreich. In dieser Hinsicht kann der Gedanke eines potentiellen doppelten Ausgangs durchaus die Vorfreude erhöhen.

      Die andere, ich glaube, die eigentliche Frage, die Dir auffiel: „Wenn alle in den Himmel kommen, dann lohnt sich die Anstrengung ja gar nicht!“ – Welche Anstrengung? Was ist am Glauben anstrengend? Welcher Verzicht ist denn ein Verlust? Haben sich Christen, die so denken (unter anderem eine der Stimmen in mir) damit nicht im Grunde ein nichtchristliches Denken zu eigen gemacht, ein Leben ohne Gebote sei viel spaßiger und entspannter?
      Warum verzichte ich denn auf Ehebruch und Steuerhinterziehung, wenn am Ende alle in den Himmel kommen? Warum gehe ich sonntags morgens zum Gottesdienst, statt ZDF Fernsehgarten zu gucken? Warum sehe ich nicht nur auf das meine, sondern auch auf das, was dem andern dient? Warum bete ich und lese in der Bibel, pflege jetzt schon den Kontakt mit dem Boss des Universums?
      Ist das alles bloß eine Anstrengung, die sich gar nicht lohnen würde, wenn die anderen auch in den Himmel kommen? Brechts Herr K. lässt grüßen.

      Ja, es gibt christliche Märtyrer, die nur ihrem Glauben abschwören müssten, um ein paar Jahrzehnte mehr auf Erden zu bekommen. Tun sie es nicht, weil sie denken, sie kämen dann in die Hölle? Oder eher, weil „dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der kommenden Herrlichkeit“?

      1. @Andreas, sehr gute Gedanken. Aber ich denke, darin unterscheiden sich die meisten, die an einen möglichen doppelten Ausgang glauben, und die Allversöhner gar nicht. Wer etwas anderes behauptet, legt, glaube ich, beiden etwas in den Mund. Ich denke, wenn ich begeistert von der Liebe Gottes bin, dann möchte ich mit ihm leben, so nah wie möglich bei ihm sein, und anderen von seiner Liebe weitersagen. Schwierig wird es dann, wenn ich nur noch ein theoretischen Glaubensgebäude habe, und das nicht mit Leben fülle. Dann wird es schnell lieblos. Auf beiden Seiten.

  7. Vielen Dank für deine Einschätzung! Ich lese den Text von Rolf auch noch (war nicht so lang, hab ich jetzt schon gelesen).

    Nun, ganz so negativ würde ich das Buch nicht sehen, da spricht wohl Rolfs Überzeugung auch aus seiner Buchkritik und am persönlichen Stil mit. Aber trotzdem sehr lesenswerter Blog zum Nachdenken, und spannende Diskussion.

    Aber zu der eigentlichen Frage deines interessanten Blogeintrags: Die theoretische Vorstellung, was wäre, wenn es keine Hölle gäbe, finde ich interessant. Aber was nutzt das? Kommt es nicht darauf an, was nun die Wahrheit ist? Und wenn ich die verschiedenen Meinungen der Christen dazu sehe: Müssten wir nicht vielmehr vergleichen, was unser Auftrag in dieser Welt wäre, wenn (a) es eine theoretische Möglichkeit gäbe, dass Menschen verloren (ewig oder zeitlich begrenzt) wären oder (b) alle Menschen gerettet würden? Wenn aus (b) nicht folgt, dass ich Mission vernachlässige, sondern diesen weiterhin ernst nehme, dann können wir ja in aller Ruhe abwarten, was Gott mit allen Menschen vorhat. Es ist ja nicht unsere Aufgabe, Menschen in die Kategorien verurteilt oder gerettet einzuordnen, oder?

    Wenn ich die Stelle mit den Arbeitern im Weinberg richtig interpretiere, dann hat Jesus die Frage nach Neid und Leistung und Sanktionen ja eigentlich schon beantwortet: Alle bekommen den gleichen Lohn, egal ob sie den ganzen Tag oder nur eine Stunde gearbeitet haben. Also ist es Gottes Entscheidung, wie er entlohnt, und im Umkehrschluss hieße das ja auch, ob und wen er bestraft. Oder liege ich damit auf dem Holzweg? Wenn ich das auf den Himmel beziehe, dann hoffe ich, dass wir alle glücklich über jeden Einzelnen sind, den wir im Himmel wiedersehen, egal ob wir ihn dort erwartet haben oder nicht.

    Jedenfalls hoffe ich, dass wir Christen aufhören, uns wegen dieser Frage die Köpfe einzuschlagen (bildlich gesprochen).

  8. Lieber Peter,

    ich lese deinen Blog schon seit einiger Zeit sehr gerne, aber hier kann ich dir nicht zustimmen.
    Du hast recht, dass niemand wegen guter Werke in den Himmel kommt.

    Aber- und hier liegt der Knackpunkt, vor allem beim Gleichnis um den verlorenen Sohn hinkt deine These. Denn- und das sagt die Bibel eindeutig, der verlorene Sohn ist umgekehrt- er wollte zurück zum Vater. Nun gibt es aber auch Menschen, die kehren nie um die wollen nicht zurück zum Vater. Um beim Gleichnis vom verlorenen Sohn zu bleiben: Was wäre, wenn dieser Sohn sein Geld nicht verprasst, sondern es genutzt hätte, um beispielsweise eine Mafiaorganisation aufzubauen und eine nahegelegene Stadt zu unterdrücken? Wäre dann der Vater auch gekommen und hätte gesagt: Junge, ich habe dich doch lieb. Komm doch zurück? Glaubst du, er wäre zurückgekommen?

    Es gibt leider hier auf der Welt Menschen, die sich an ihren Mitmenschen vergehen und es dann vor einem weltlichen Gericht so drehen, dass sie selbst als Opfer und das Opfer als Täter dasteht. Menschen, die bis zu ihrem Tod nie auch nur ein kleines bisschen Reue und Einfühlungsvermögen zeigen. Denen es gut geht bis zum Tod, während das Opfer im gleichen Zeitraum unter den physischen und psychischen Verletzungen leidet.
    Sagst du solchen Menschen dann auch in der Seelsorge, dass sie doch den Täter annehmen sollen, weil sie ihn bald im Himmel wiedersehen?

    Ich bin froh, dass die Bibel da auch von Gottes Gerechtigkeit redet, die eben nicht in einer billigen Versöhnung für alle ohne Reue besteht.

    1. @Markus: Die Frage ist auch, ob es im Himmel für mich überhaupt noch eine Rolle spielt wen ich warum wiedersehen werde?

      1. @Thomas: Ich denke schon, wenn unsere Erinnerungen nicht gelöscht und unsere Geschichte nicht vergessen ist, wenn andere identifizierbar sind, stellt sich schon die Frage, wie wir dann mit erlittenem Unrecht umgehen werden. Schön durchdacht bei Miroslav Volf in „Von der Ausgrenzung zur Umarmung“!

  9. @Markus: Mir ging es in diesem Post nicht um irgendeine billige Gnade oder darum, Unrecht nicht mehr Unrecht nennen zu dürfen.

    Aber allzu oft sind es ja gar nicht die Leute, die uns tatsächlich Unrecht getan haben, die wir nicht im Himmel sehen möchten, sondern die, in deren Andersartigkeit wir auf Dinge treffen, die wir uns selbst gar nicht eingestehen können. Darum geht es mir hier – um nichts anderes.

  10. Ich meine, unser Gottesbild ist entscheidend dafür, ob wir letztendlich in den Himmel oder die Hölle kommen:

    „Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen; denn wer Gott naht, muss glauben, dass er ist und denen, die ihn suchen, ein Belohner sein wird.“ (Heb 11,6)

    Denn wie wir Gott sehen bestimmt, wie wir mit anderen Menschen umgehen:

    „Wer nicht liebt hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.“ (1. Joh 4,8)

    Eine Sache, die mich in Bezug auf das Jüngste Gericht beeindruckt, ist, dass wir selbst den Maßstab setzen, nachdem wir beurteilt werden:

    „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.“ (Mat 7,1-2)
    „Deshalb bist du nicht zu entschuldigen, Mensch, jeder, der da richtet; denn worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst; denn du, der du richtest, tust dasselbe. 2 Wir wissen aber, dass das Gericht Gottes der Wahrheit entsprechend über die ergeht, die so etwas tun.“ (Röm 2,1-2)

    Daraus folgt:
    – Wer an einen richtenden Gott glaubt und deswegen andere richtet, der wird einen richtenden Gott erfahren;
    – Wer an einen gnädigen Gott glaubt und deswegen anderen gegenüber gnädig ist, der wird einen gnädigen Gott erfahren.

    Man bedenke auch die folgenden Worte Jesu:
    „Seid nun barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Und richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden; und verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden. Lasst los, und ihr werdet losgelassen werden.“ (Luk 6,36-37, s.a. Mat 6,14; 18,23-35)
    Und Jakobus:
    „Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der nicht Barmherzigkeit geübt hat. Die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.“ (Jak 2,13)
    —-
    Und damit zurück zur ursprünglichen Frage:
    Ja, wir werden allein aus Gnade gerettet, wenn wir an einen gnädigen Gott glauben. Dass wir das wirklich glauben offenbart sich daran, dass wir anderen gegenüber gnädig sind.
    —-
    Nun kommen Christen ja eigentlich gar nicht erst ins Gericht (Joh 5,24). Im Gericht werden folglich nur Nichtchristen freigesprochen. Die müssen dann wohl Mat 25,40 und Jak 2,13 erfüllen. Diese Freigesprochenen sind aber nicht teil des Leibes Christi und haben auch keinen Teil an den Verheißungen für die Christen. Sie nehmen auch nicht an der ersten Auferstehung teil, sondern nur an der zweiten Auferstehung zum Gericht.
    Da Jak 2,13 aber an Christen gerichtet ist können auch Christen ins Gericht kommen, wenn sie nicht barmherzig sind. Denn das offenbart ein falsches Gottesbild und damit den falschen Glauben, der nicht zu retten vermag.

    http://www.groesste-liebe.de/lehre/gericht

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