Mut, der beeindruckt

Gestern abend habe ich den – inzwischen ja nicht mehr so umstrittenen – Film „Operation Walküre“ gesehen. Ich werde demnächst Unterschriften sammeln für popcorn- und nachofreien Kinogenuss, das unablässige Geraschel und Gemampfe neben und hinter mir empfand ich bei dem ernsten Thema als absolut nervtötend – ein echter Grund, die DVD zuhause vorzuziehen.

Aber zurück zum Film: Die Würdigung der historischen Details und Zusammenhänge haben andere längst vorgenommen. Ok, der Kasernenhof des Ersatzheeres ist mit Betonsteinen gepflastert, die erkennbar aus den Achtzigern oder Neunzigern stammen. Und doch ist aus einer Geschichte, deren Ausgang bekannt war, ein fesselnder Film geworden. Dafür, dass „nur ein paar Männer in Wehrmachtsuniformen miteinander reden“, ist das eine wirklich erstaunliche Leistung – zumal die Geschichte nicht zurechtgebogen wird, um künstlich die Spannung zu steigern.

Das wichtigste aber ist: Unabhängig von der Wirkung auf den Ruf Deutschlands in der Welt haben die Männer um Stauffenberg diese Würdigung für ihren Mut verdient. Von Tresckow hatte Stauffenberg damals geschrieben:

Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.

Tresckow hatte im Übrigen auch eine erfrischend andere Auffassung von Gehorsam als die Mehrheit seiner Kollegen, wie der Wikipedia-Artikel verrät:

Wir werden unsere Untätigkeit vor dem Richterstuhl Gottes nie vertreten können. Wir haben nicht die Entschuldigung, Unteroffizier gewesen zu sein. Der Offizier steht – Fahneneid hin, Fahneneid her – über dem Befehl.

Ich finde, der Film war schon deswegen sein Geld wert, weil er uns den Mut dieser Menschen so deutlich vor Augen stellt.

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Yes we can … think different

Wer bisher noch daran gezweifelt hat, dass unter Obama ein neues Zeitalter anbricht und ein echter Systemwechsel kommt, kann sich bei Spiegel Netzwelt davon überzeugen. Die PCs im weißen Haus mit Software, die seit 6 Jahren nicht mehr aktualisiert wurde, werden früher oder später durch Macs ersetzt, es heißt:

Die Macs werden kommen, genau wie Open-Source-Software. Nur nicht über Nacht.

Für alle Mac-User heißt das: Wir sind Präsident 🙂

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Und erlöse uns von den Börsen…

Die FAZ interviewt den Schweizer Professor Fredmund Malik zur Wirtschaftskrise und bekommt spannende Antworten. Die wahren Dimensionen des Umbruchs wurden und werden seiner Ansicht nach immer noch unterschätzt, und das führt zu falschen Reaktionen:

Eine Alte Welt geht zugrunde, weil eine Neue Welt entstehen will – bildhaft vergleichbar mit einer Raupe, die stirbt, weil der Schmetterling ans Licht kommt. Was Finanzkrise genannt wird, ist nur ein oberflächliches Symptom. Weltweit gehen Wirtschaft und Gesellschaft durch die grösste Transformation der Geschichte, nämlich hin zu einer Gesellschaft, deren wichtigstes Merkmal ihre extreme Komplexität ist.

Interessant ist die Parallele zur Ökologie, hier haben wir es ja mit einer ähnlichen Komplexität zu tun. Den Managern der großen Banken und börsennotierten Konzerne, aber auch den Consultingfirmen macht Malik schwere Vorwürfe:

Eine der Hauptursachen des Debakels ist die total fehlgeleitete amerikanisierte Corporate Governance mit ihrer desaströsen Shareholder Value Doktrin, die noch immer vorherrscht. Sie muss radikal und ersatzlos eliminiert werden, denn diese programmierte die systematische und unvermeidbare Fehlsteuerung entscheidender Teile der Wirtschaft.

… Die falsche Art der shareholder-orientierten Unternehmensführung stammt aus Universitäten, aus zahllosen MBA-Programmen und aus der Consulting-Szene. Auch manche Medien haben tatkräftig mitgewirkt. Wer weiterhin desaströse Management-Irrlehren verbreitet, verhindert Lösungen und trägt zur Verschärfung der Krise bei. Wenn sich daran nichts ändert, wird die Folge eine soziale Katastrophe sein.

Aber auch die politischen Parteien sind überfordert, weil altes Lagerdenken ihnen im Weg steht. So lange die „kopernikanische Wende“ noch aussteht, empfiehlt er übrigens Bargeld als „Anlageform“, das werde durch den Preisverfall täglich mehr wert.

Die Wurzel des Problems sieht Malik im Reduktionismus der Theoriebildungen:

Die bisherigen Massnahmen beruhen weitgehend auf einer grotesken, eindimensionalen, auf reine Ökonomie reduzierten Vorstellung vom Menschen. Selten zuvor haben ökonomische Theorien deutlicher ihre Untauglichkeit öffentlich bewiesen. Die meisten Menschen sind keine ökonomisch-rationalen Wesen im Sinne der Ökonomie. Die Sozialwissenschaften haben das längst erwiesen. Daher fügen sich Menschen nicht den realitätsfernen ökonomischen Gewinnmaximierungskalkülen. Zwar gibt es den geldgetriebenen, egozentrischen, koordinationsunfähigen Menschen auch, aber er ist eine pathologische Erscheinungsform. An der Spitze von Unternehmen richtet er irreversiblen Schaden an.

(Den letzten Absatz könnte man sicher auch auf die verschiedenen modernen Theorien von Gemeindeaufbau und -wachstum übertragen, die alte Gegensätze wie Liberal und Evangelikal pflegen, alles auf ein paar starre Mechanismen reduzieren und ähnliche Führungspersönlichkeiten hervorbringen. Und wenn man bedenkt, dass einige der oben so hart kritisierten Consultants auch in landeskirchlichen Chefetagen ein- und ausgegangen sind… Ich muss jetzt doch endlich mal Kester Brewins Der Jesus-Faktor lesen, das ursprünglich Complex Christ: Signs of Emergence in the Urban Church hieß. Eine Kurzvorstellung gibt dieser Podcast, im April ist er bei Kirche 21 zu Gast)

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Heilige Kühe, äh, Karren

Sind wir Deutschen bald die schlechteren Amerikaner? Die Bundesregierung scheint, von allen guten Geistern verlassen, ernsthaft zu erwägen, Spritfresser steuerlich zu begünstigen:

Internen Berechnungen der Bundesregierung zufolge (…) wären für eine Luxuslimousine vom Typ Audi A8 – mit 4,1-Liter-Maschine und einem Kohlendioxidausstoß von 249 Gramm je Kilometer – vom 1. Juli an nicht mehr 648 Euro Steuern fällig, sondern nur noch 558 Euro. Das Ziel der Steuerreform wäre damit ins Gegenteil verkehrt.

Unter den 10 größten automobilen Klimakillern rangieren die extravaganten Produkte deutscher Konzerne auf den Plätzen 1-3 und 7-10, aber weder Franzosen noch Japaner sind in dieser Liga zu finden. Gleichzeitig kommen neue, beunruhigende Daten von der Klimafront herein und die obskuren Legenden der Klimaverschwörung brechen in sich zusammen, aber vor lauter Sorge um unsere Autobauer nimmt das in Berlin kaum ein Regierender noch zur Kenntnis. Man fragt sich, wie viele Bundestagsabgeordnete einen A8 oder ähnliches fahren…

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Obama und das „messianische Experiment“

Ich bin noch tief bewegt von der Antrittsrede des 44. US-Präsidenten. Das hohle nationale Pathos der Bush-Ära ist endlich passé. Obama appelliert ernst und entschlossen an das Beste, das Amerika der Welt und sich selbst zu geben hat. Ein Grund mehr, uns diese Worte von Jürgen Moltmann ins Gedächtnis zu rufen. Vielleicht sind sie aktueller als je zuvor:

Die amerikanischen Bürgerrechte sind von den Menschenrechten abgeleitet und weisen darauf hin, dass »alle Menschen frei und gleich geschaffen sind«. Die USA sind in dieser Hinsicht ein – der erste – Menschheitsstaat. Ihr Anspruch und ihr Versprechen ist der auf Menschenrechten für alle und jeden gegründete Menschheitsstaat, der die Nationalstaaten überwindet und den Weltfrieden garantiert. Darum bleiben die USA in der Geschichte unfertig und unvollkommen, bis dieses politische Experiment der Menschheit mit sich selbst gelingt oder misslingt. Die amerikanische Demokratie ist unvollständig, so lange nicht die ganze Welt für die Demokratie gewonnen worden ist. Das macht dieses politische Experiment zu einem messianischen Experiment. Gelingt es, kommt ein Zeitalter des Friedens für alle Menschen; misslingt es, dann geht nicht nur die menschliche Welt, sondern auch die natürliche Welt in Gewalt, Unrecht und Kriegen unter.

… Die experimentelle Lebenshaltung entspricht der Zukunftsoffenheit der eigenen Geschichte, an die man glaubt. Leben als Experiment heißt, seine Zukunftschancen immer neu ergreifen. das Experiment des Lebens muss angesichts veränderter Situationen dann tatsächlich immer neu »erfunden« werden.

Jürgen Moltmann: Das Kommen Gottes: Christliche Eschatologie S. 200f.

 

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Schwierige Rechtfertigungen

Auch ein „gerechter“ Krieg ist ein Krieg. Und seine Folgen unterscheiden sich nicht von denen anderer Kriege. Die SZ berichtet vom erschütternden Interview eines israelischen Senders mit Issaldin Abu al-Aisch, einem israelfreundlichen palästinensischen Arzt, dessen drei Töchter gerade von einem israelischen Geschoss getötet worden waren.

Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, daran sei ausschließlich die Hamas schuld. Und doch droht eine Gesellschaft zu verrohen, wenn sie auf Gewalt mit Gewalt antwortet, das schreibt diese Woche ausgerechnet die Welt. Die Zeit konstatiert lapidar: „Israel, das steht nach fast drei Wochen Krieg in Gaza fest, ist gut im Zerstören, aber schlecht im Heilen.

Walter Wink hat in Engaging the Powers geschrieben:

My point is not simply that war is bad. The issue is far deeper. It is that war draws intelligent, rational, decent people ineluctably into mimetic violence. Before they realize it they are themselves doing or condoning acts of utter barbarity and feel unable to act otherwise.

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„Gott hat mich in dieses Flugzeug geschickt“

Das Reich Gottes ist wie ein Flugzeug, das wunderbar sanft in einem kalten Fluss wasserte. Viele Passagiere versuchten, ihr Leben zu retten. Einige dachten nicht nur an sich und halfen anderen. Manchen aber war ihr Besitz wichtiger als die Sicherheit der Mitreisenden… Der Spiegel erzählt Geschichten einzelner Passagiere des US-Airways Flugs 1549, der im Hudson River glücklich landete. Darunter auch diese:

Dave Sanderson, ein 47-jähriger Vater von vier Kindern aus Charlotte, kümmerte sich um eine Mutter mit ihrem sechs Monate alten Baby. Er bahnte ihr den Weg zum Notausgang und half, das Kind in ein Rettungsboot hinüberzureichen. „Ich sollte eigentlich einen späteren Flug nehmen. Aber Gott hat mich in dieses Flugzeug geschickt“, sagte er der Zeitung „New York Daily News“.

Tolle Einstellung! Andere hätten Gott dafür Vorwürfe gemacht, dass er sie in Schwierigkeiten bringt. In einem solch kritischen Augenblick, zeigt sich, aus welchem Holz jemand geschnitzt ist. Denn nicht jeder sieht in diesem Moment noch die anderen: Eine Frau versperrte anderen den Weg, weil sie ihr Gepäck unbedingt mitnehmen wollte. Ein anderer Passagier nahm seine Kleidertasche mit auf die Tragfläche hinaus und eine Dame im Pelz wollte, dass jemand ins Flugzeug zurückgeht, um ihre Handtasche zu retten. Pilot Chesley Sullenberger blieb bis zuletzt und ging noch einmal durch die Kabine, um sicherzustellen, dass alle draußen waren. Passagier Billy Campbell: „Ich habe ihn am Arm genommen und mich im Namen von uns allen bedankt. Er hat nur gesagt: Gern geschehen.

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Wahrheit oder Strafe?

Ich lese gerade in Desmond Tutus No Future Without Forgiveness. Im Blick auf den Konflikt in Palästina ist das ja höchst aktuell. Tutu schildert dort, dass ein Tribunal wie die Nürnberger Prozesse unmöglich gewesen wäre. Es hätte quälend lange gedauert, hätte Millionen gekostet, den friedlichen Wandel gefährdet und in vielen Fällen wäre zudem die Beweislage nicht ausreichend gewesen. Die Strafandrohung führte zu immer hartnäckigerem Leugnen.

Was deutlich besser funktionierte, waren die Kommissionen, vor denen die Täter ihre Verbrechen eingestehen konnten, weil ihnen zuvor für ein vollständiges Geständnis Amnestie zugesichert worden war. Im Prinzip verfährt Gott mit uns ja auch nicht anders: Erst die Zusage der Rechtfertigung (und das heißt ja: der Freispruch) versetzt uns in die Lage, der eigenen Schuld ins Gesicht zu schauen und die Dinge beim Namen zu nennen.

So kam wenigstens die Wahrheit ans Licht. Im Zweifelsfall ist das wichtiger als die Strafgerechtigkeit. Oder um es mit Römer 2,4 zu sagen, Güte führt zur Umkehr, nicht Härte.

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Keine Zukunft ohne Versöhnung

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Unkühles „Deutsch“

Es ist ja eine gute Sache, wenn Christen sich nicht lange mit nationalen Interessen und Ressentiments aufhalten und global denken. Hin und wieder aber führen die angelsächsischen Einflüsse zu leichten Verständigungsschwierigkeiten: „Das hat mich total getoucht“, sagte neulich jemand in einer Gesprächsrunde. Da fiel mir ein: Schon vor Jahren hörte ich von einem bekannten Prediger aus dem Sauerland einmal den Satz „step by step habe ich dich geteacht“.

Die Liste ließe sich ohne Mühe fortsetzen: Ein Geschäftsreisender im Zug sprach neulich an seinem Handy davon, dass man sich zu etwas „committet“ hatte.  Ich würde mich trotzdem mächtig geblesst fühlen, wenn wir solchen Jargon meiden könnten. Er ist irgendwie extrem unkühl.

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Mut im Angesicht des Terrors

In Sri Lanka wurde letzte Woche der Gründer der Zeitung „The Sunday Leader“ ermordet. Lasantha Wickrematunge hatte das vorhergesehen und sich dennoch dagegen entschieden, den Beruf zu wechseln oder ins Ausland zu gehen. Die FAZ veröffentlicht seinen Abschiedsbrief auszugsweise. Das Original steht hier.

Wickrematunge zitiert Martin Niemöllers berühmtes Diktum („Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist…“) und erklärt, warum er bereit ist, diesen hohen Preis zu bezahlen. Es ist ein Glaubensbekenntnis:

Die Leute fragen mich oft, warum ich ein solches Risiko eingehe, und sagen mir, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich umgelegt werde. Ich weiß – es ist unausweichlich.

Viele von uns müssen noch ermordet werden, bevor der „Leader“ seinen Geist aufgibt. Ich hoffe, dass meine Ermordung nicht als Niederlage der Freiheit gesehen wird, sondern als Ansporn für diejenigen, die überleben, um weiterzukämpfen. Ich hoffe auch, dass es unserem Präsidenten die Augen dafür öffnet, dass, ganz gleich, wie viele Menschen im Namen des Patriotismus abgeschlachtet werden, der Geist der Menschlichkeit wachsen wird.

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Auf Abrahams Spuren

Diese Allianz-Gebetswoche steckt voller theologischer Zumut… äh, Herausforderungen. Zum Beispiel der Abschnitt für heute: Wie hier die Bibel mit der Bibel umgeht, ist schon sehr interessant. In Hebräer 11,17-19 wird die Geschichte von Isaaks Opferung als Hinweis auf die Auferstehung Christi gelesen. Abraham, heißt es da, glaubte an die Auferweckung und konnte deshalb seinen Sohn opfern. Wenn das so war, dann konnte Abraham diese Hoffnung lange geheim halten, denn im gesamten Alten Testament findet sich davon kaum eine Spur. Im Gegenteil – tot ist tot, Punkt. Die ganze Spannung der Erzählung in Genesis 22 rührt ja daher, dass der Tod unwiderruflich ist. Den Autor des Hebräerbriefes hält das aber nicht davon ab, den Text völlig gegen den Strich zu bürsten: Abraham glaubte, dass Isaaks Tod nicht der Tod der Verheißung sein würde. Im Unterschied zu Hiob bekam er ihn deshalb auch gleich zurück, das heißt, er musste ihn gar nicht erst richtig hergeben.

Dieser Abraham taugt nur sehr bedingt als Identifikationsfigur für Menschen, die gerade einen schweren Verlust erlitten und ihre Hoffnung verloren haben. Aber es geht hier auch gar nicht um den Umgang mit Leid, sondern das unerschütterliche Vertrauen auf Gottes Zusagen, für die selbst der Tod keine unüberwindliche Grenze mehr darstellt. Uns wird Abraham als jemand vor Augen gestellt, der auf die Auferstehung hofft. Wir, das macht der Hebräerbrief auch klar, blicken auf den Beginn der Erfüllung dieser Verheißung schon zurück, die Auferweckung Christi – unsere eigene steht trotzdem noch aus, deshalb leben auch wir im Glauben. So wie Abraham sind auch wir auf einer Pilgerreise unterwegs und noch nicht am Ziel angekommen.

Der christologische Bogen wird hier also über die Auferstehung geschlagen, und gerade nicht über das Opfer, das in Publikationen der Allianz allerdings so sehr zum Standardrepertoire gehört, dass es auch hier in der gewohnten Terminologie erscheint, die durch den Versuch, ein bisschen modern zu wirken, hart an der Banalität entlangschrammt: „Er opfert seinen Sohn, damit wir leben können. Für uns ist es „kostenlos“, denn den Preis hat Gott selbst bezahlt.“ (Gut, wenigstens war es nur „kostenlos“, nicht umsonst…)

Aber Glaube ist eben keine kostenlose Sache, weder bei Abraham noch bei uns. Die „Zeugen“ aus Hebräer 11 hat ihr Glaube einiges gekostet. Für uns bedeutet es zumindest, mit leichtem Gepäck (vgl. 12,1) unterwegs zu sein. Paulus, selbst immer für eine kreative Neuinterpretation der Abrahamsgeschichte gut, redet in einem anderen Zusammenhang (1. Kor 7,29ff) davon, dass wir alles im Leben ohne Besitzanspruch nur als vorläufig behandeln und so mit Mangel wie mit Überfluss richtig umgehen können (Phil 4,12-13). Schließlich erinnert die Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser an Sprüche 30,8, hebräische Weisheit ist auch angesichts der von Gier verursachten Finanzkrise topaktuell: „Gib mir weder Armut noch Reichtum, nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist, damit ich nicht, satt geworden, dich verleugne und sage: Wer ist denn der Herr?, damit ich nicht als Armer zum Dieb werde und mich am Namen meines Gottes vergreife.“

Dafür ist Abraham ein Vorbild. Vincent Donovan hat es im Blick auf die Christen unter den Massai später so formuliert:

Diese Nomaden hatten keine Kirchengebäude, keine Tempel, keine Tabernakel. Sogar ihre Eucharistie war eine nomadische Eucharistie gewesen, immer in Bewegung, nie stationär, nie statisch. Und die Kirche war für sie genauso. Die einzige Kirche, die sie je gesehen hatten, die einzige Kirche, die sie kannten, war eine Kirche die beständig in Bewegung war, eine mobile Kirche, eine nomadische Kirche, eine Kirche, die nie vollkommen war, nie am Ende angekommen war, nie alle Antworten hatte, nie zur Ruhe kam – eine Kirche auf Safari. Für sie würde es immer eine Pilgerkirche sein.

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Tauwetter im Westen

Melissa Etheridges Musik habe ich immer gern gehört. Aber auch ihr Engagement für Frauen und Homosexuelle ist weithin bekannt. Nun habe ich auf Brian McLarens Blog diesen Link zu einem Bericht gefunden, wo sie eine Begegnung mit Rick Warren beschreibt, der ja durch seine Mitwirkung an Barack Obamas Amtseinführung nächste Woche für Schlagzeilen gesorgt hat. Hier beschreibt sie, was ihre Befürchtungen waren, als sie zum ersten Mal von Warren hörte:

This Pastor Rick must surely be one hate spouting, money grabbing, bad hair televangelist like all the others. He probably has his own gay little secret bathroom stall somewhere, you know. One more hater working up his congregation to hate the gays, comparing us to pedophiles and those who commit incest, blah blah blah. Same ‚ole thing.

Dann erfuhr sie, dass sie auf der Veranstaltung (einer islamischen Organisation!) auftreten sollte und Rick Warren der Gastredner war. Sie entschloss sich, ihn anzurufen. Es stellte sich heraus, dass er fast alles ihre CDs hatte. Viel wichtiger aber war dies:

He said he regretted his choice of words in his video message to his congregation about proposition 8 when he mentioned pedophiles and those who commit incest. He said that in no way, is that how he thought about gays. He invited me to his church, I invited him to my home to meet my wife and kids. He told me of his wife’s struggle with breast cancer just a year before mine. When we met later that night, he entered the room with open arms and an open heart. We agreed to build bridges to the future.

Eine Entschuldigung zur rechten Zeit – und Melissa Etheridge schließt mit einem Appell, den man sich von allen gesellschaftlichen Gruppen nur wünschen kann:

Sure, there are plenty of hateful people who will always hold on to their bigotry like a child to a blanket. But there are also good people out there, Christian and otherwise that are beginning to listen. They don’t hate us, they fear change. Maybe in our anger, as we consider marches and boycotts, perhaps we can consider stretching out our hands. Maybe instead of marching on his church, we can show up en mass and volunteer for one of the many organizations affiliated with his church that work for HIV/AIDS causes all around the world.

Maybe if they get to know us, they wont fear us. I know, call me a dreamer, but I feel a new era is upon us.

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Lesekunst

Spiritualität ist eine Lesekunst. Es ist die Fähigkeit, das zweite Gesicht der Dinge wahrzunehmen: die Augen Christi an den Augen des Kindes; das Augenzwinkern Gottes im Glanz der Dinge. Nicht Entrissenheit, sondern Anwesenheit und Aufmerksamkeit ist ihre Eigenart. Sie ist keine ungestörte Entweltlichung und Einübung in Leidenschaftslosigkeit. Sie ist lumpig und erotisch, weil sie auf die Straße geht und sieht, was dem Leben geschenkt ist und was ihm angetan wird.

Fulbert Steffensky, Schwarzbrot-Spiritualität, S. 19

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Viva la Vida – ein Abgesang auf die Moderne?

Sylvia Lee fragt in dran, was Chris Martin von Coldplay wohl mit seinem Hit Viva la Vida sagen wollte. Ich habe mich das auch immer wieder gefragt, wenn der Song im Radio oder auf iTunes hier lief. Man kann ihn nämlich auch als einen Abgesang auf die Moderne lesen – die Ära, in der das christliche Abendland den Globus mit seinem kulturellen Sendungsbewusstsein kolonisierte:

I hear Jerusalem bells are ringing

Roman Cavalry choirs are singing

Be my mirror my sword and shield

My missionaries in a foreign field

Rom und Jerusalem sind die beiden Orte, an denen dieses christliche Imperium seinen Ursprung hat. Christlicher Glaube verband sich mit römischer Macht, Glocken mit Kavallerie. Und der Begriff „Mission“ und „Missionar“ entstand im Zusammenhang mit der Christianisierung Südamerikas, dem „fremden Feld“. Vielleicht sind aber nicht nur die kirchlichen Missionare gemeint, sondern auch die Advokaten des grenzenlosen Fortschritts durch Vernunft, Vermessung Berechnung und Objektivierung der Welt und ihrer Lebewesen.

I used to rule the world

Seas would rise when I gave the word

Dieses Experiment ist nun gescheitert – an seinem eigenen Größenwahn. In Wirklichkeit hat der Mensch die Natur nie beherrscht und schon der Versuch, es Gott gleichzutun, war pure Vermessenheit. Doch selbst im Rückblick mag man sich das nicht eingestehen, dass alles nur eine Illusion war („never an honest word, that was when I ruled the world“). Fulbert Steffensky schreibt dazu:

Vielleicht hat die Entzauberung der Welt dazu geführt, dass wir in grenzenlos imperialer Geste uns alles unterwerfen. wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Dinge nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer.

Aber die globalen Krisen wachsen der Menschheit über den Kopf. Einschüchterung durch militärische Macht („I used to … see the fear in my enemies eyes“) und überlegene Technik ist wertlos geworden. Nicht näher beschriebene Revolutionäre warten nun, dass sie den Kopf des Despoten auf einem silbernen Teller geliefert bekommen. Das Leben geht weiter (daher „Viva la Vida“), nur hat das Glück die Seiten gewechselt. Und dann wird mit einem biblischen Bild beschrieben, woher der Sturz rührt:

One minute I held the key, next the walls were closed on me

And I discovered that my castles stand upon pillars of salt, and pillars of sand

Das Haus – Schloss – war auf Sand gebaut und der Sturm („the wicked and wild wind“) fegte es weg. Eine Form des Gerichts, die für das ewige Gericht – das abschließende Urteil über dieses Kapitel der Weltgeschichte – nichts Gutes ahnen lässt. Daher ist auch nicht klar, ob Petrus einen Grund hat, den gestürzten König beim Namen zu rufen.

Viva la Vida kann man so gesehen nicht nur als Kommentar zur Finanzkrise lesen und dem Absturz der allmächtigen Finanzjongleure, für die es keine Grenzen mehr gab, sondern auch als Neuauflage von Jesaja 14,12ff. Dort heißt es über einen anderen selbstherrlichen Herrscher und seine Hybris:

Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie wurdest du zu Boden geschlagen, der du alle Völker niederschlugst! Du aber gedachtest in deinem Herzen: »Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen, ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung im fernsten Norden. Ich will auffahren über die hohen Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten.« Ja, hinunter zu den Toten fuhrst du, zur tiefsten Grube! Wer dich sieht, wird auf dich schauen, wird dich ansehen und sagen: »Ist das der Mann, der die Welt zittern und die Königreiche beben machte, der den Erdkreis zur Wüste machte und seine Städte zerstörte und seine Gefangenen nicht nach Hause entließ?«

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Wie ist das mit dem „Durchblick“?

Christen bekommen „den Durchblick“ – das legt die Vorbereitungsseite zum Start der Gebetswoche der evangelischen Allianz nahe und verweist auf unter anderem auf 1. Korinther 2,10ff. Glaube, das ist das Anliegen der Autoren, ist keine minderwertige Form des Wissens. Er ist eine intuitive Form der Gewissheit, die ihre eigene Logik hat. Die Wirklichkeit, die uns umgibt, wird plötzlich transparent, und wir erkennen ihren Grund in Gott und seiner alles umfassenden Liebe.

Freilich kann man das mit dem „Durchblick“ auch ganz anders verstehen. Dann werden Glaubende zu penetranten Besserwissern, die eine höhere Stufe der Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen, und mit denen jedes Gespräch schwierig wird, so lange man sich ihrem Anspruch nicht unterwirft und ihre Ansichten übernimmt. Nicht mehr Menschen, die über Gott staunen, sondern solche, die das Staunen hinter sich gelassen haben. Sie haben ihre Sprache wieder gefunden und meinen, nun (fast) alles erklären zu können. Gott ist dann nicht mehr der unfassbare Grund allen Lebens, sondern er ist zumindest so fassbar, dass man ihn in Traktate packen kann.

Einerseits lese ich hier also, dass Glaube und Gewissheit ein Geschenk des Geistes Gottes ist, andererseits wird an diesem Tag für theologische Lehre und Ausbildung gebetet, natürlich mit einem starken Akzent auf „Bibeltreue“ – was immer der einzelne sich darunter vorstellen mag. Ist die rechte Erkenntnis also doch eine Frage des (Bibel-)Wissens und der Methodik, oder wie passt das zusammen?

Eher amüsant fand ich auch den Gedanken, dass Hebräer 1,1 eine „klare Definition“ liefert, was Glauben bedeutet. Ich habe den Satz mehrmals gelesen, ohne irgendeinen klare Vorstellung zu bekommen. Die bekommt man nämlich erst, wenn man das ganze Kapitel liest, in dem das Alte Testament im Schnelldurchgang nacherzählt wird. Glauben heißt, es diesen Menschen nachzumachen und sich nicht mit dem Status Quo abzufinden – ob der nun Kinderlosigkeit heißt, Zwangsarbeit oder zahlen- und kräftemäßige Unterlegenheit. Glaube heißt, das Mögliche über das Faktische zu stellen. Es heißt, sich auf einen riskanten Weg zu machen, in der Erwartung, dass Gott uns dort begegnet. Glaube heißt, die Unsicherheit dieser Stimme, die uns ruft, über die Sicherheit geordneter Verhältnisse zu stellen. Auch über die Sicherheit allzu „klarer“ (und damit enger und festgelegter) theologischer Überzeugungen und „Definitionen“.

Für alle, die das Thema noch weiter beschäftigt, hier noch ein Buchtipp. Peter Rollins aus Belfast hat das Dilemma, über Gott nicht angemessen reden zu können und doch von ihm reden zu müssen, ganz gut beleuchtet in „How not to Speak of God“.

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