Schlaumeiereien dies- und jenseits des Rheins

Nachdem ich diese Woche ein paar Tage in der Schweiz verbringe, habe ich mich gefragt, wie ich vermeiden kann, dort als hässlicher Deutscher aufzufallen – neuerdings scheint das ja wieder mal ein Problem zu sein. Bemerkenswert fand ich den Kommentar des Schweizer Schriftstellers Axel Campus in der SZ zum Thema deutsche Kavallerie und Alpenindianer:

Und eines muss jeder aufrichtige Schweizer zugeben: dass Steinbrück in der Sache recht hat. Selbstverständlich weiß jeder Schweizer, dass das Bankgeheimnis in seiner bisherigen Form den Steuerbetrügern dient – nicht nur, aber auch. Jeder weiß, dass es nicht recht ist, wenn reiche Leute ihre Steuern nicht bezahlen, und unausgesprochen ist allen klar, dass die schweizerische Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug eine Schlaumeierei war – eine Schlaumeierei, die man aufrechterhielt, solange es eben ging, um auf Kosten der Nachbarn so lange als möglich so viel wie möglich zu profitieren.

Da war ich dann schon etwas beruhigt. Aus Liechtenstein, so war heute auch zu lesen, wurde ein Priester nach (wegen?) kapitalismuskritischen Predigten nach Südamerika versetzt.

Ganz nebenbei habe ich beim Herumklicken dort auch einige Aussprüche von (und über) Deutschlands vermutlich dümmsten Kaiser gelesen – damit man als Deutscher schön demütig bleibt. Da finden sich nämlich Weisheiten wie diese:

Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.

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Doch Professor werden?

Heute fuhr ich mit dem Rad vom Wunschkirche-Stand am Marktplatz zum Büro, um Material zu holen. Unterwegs fiel mir auf, dass ich meine Handschuhe nicht in der Jackentasche hatte. Waren sie etwa herausgefallen? Ich drehte auf der Stelle um und radelte den Weg zurück, um zu sehen, ob sie irgendwo auf der Straße lagen.

Fehlanzeige. Vielleicht hatte ich sie ja doch am Stand liegen lassen, da konnte ich später ja noch einmal suchen in den Kisten. Ich fuhr zum Büro, und als ich dort das Rad abstellen wollte, fand ich die Handschuhe. Ich hatte sie auf den Gepäckträger geklemmt…

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Lebensweisheiten

Heute von Wolfgang Schäuble zu Tugenden, die die Wirtschaftkrise vielleicht verhindert hätten:

… ich schrieb meine Doktorarbeit über Wirtschaftsprüfer. Bei der Recherche hatte ich ein bleibendes Erlebnis. Ich fragte den Vorstand einer großen Gesellschaft, wie er Leute aussucht. Er sagte, er beobachte, ob sie auch mal großzügig sind, ob sie mal am Lotteriestand des Roten Kreuzes ein Los kaufen. Wenn sie zu kleinlich sind, zu sehr am eigenen Geld interessiert, stellt er sie nicht ein. Eine gewisse Distanz zur Mehrung des Vermögens ist wichtig.

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Christen in der Krise

Tom Sine fragt im Leadership Journal, ob unsere Gemeinden auf eine Rezession eingestellt sind. Natürlich lässt sich nicht alles 1:1 in den deutschen Kontext übertragen, wir hatten zum Beispiel bisher weniger Probleme mit einer „survivalist mentality“. Um die Jahrtausendwende seien viele Christen der Angstmache auf dem Leim gegangen und hätten sich mit Waffen und Trockenfutter in irgendwelche Berghütten geflüchtet, statt daheim zu bleiben und sich um ihre Nachbarn zu kümmern. Seit Katrina aber haben die Gemeinden dazu gelernt.

Ob es nun die Wirtschaft ist, ein Amoklauf oder eine Naturkatastrophe, ich denke, Sines Appell, eine Art Katastrophenplan (klingt schon schrecklich, ich weiß) aufzustellen, verdient auch bei uns Gehör. Er nennt dazu sechs Punkte:

  1. Rechtzeitig planen
  2. Eine Koordinierungsstelle einrichten
  3. Sich mit anderen Organisationen abstimmen und vernetzen
  4. Die eigene Gemeinde gut kennen (Stärken, Schwächen, Ressourcen, Nöte)
  5. Die Lage am Ort gut kennen
  6. Freiwillige trainieren, wie sei Familien während einer Krise helfen und sie an die richtigen Stellen weiter vermitteln können

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Bloß keine Hilfe, bitte…?

Zur aktuellen Diskussion, ob Tim K. aus Winnenden in psychiatrischer Behandlung war, merkt Barbara Vorsamer in der SZ heute an, dass es für Männer immer noch ein Tabu ist, sich bei psychischen Problemen helfen zu lassen. Landen aus lauter Angst vor der „Klapse“ viele dann im Knast?

… es ist sicher kein Zufall, dass die Mehrheit der Patienten in psychologischer Behandlung Frauen sind – die Insassen eines Gefängnisses jedoch mehrheitlich männlich. Aktuellen Studien zufolge sind nur bis zu fünf Prozent der Insassen weiblich.

… Es ist Zeit, sich von der Vorstellung zu lösen, psychisch Kranke seien nicht krank, sondern willens- und geistesschwach. Es ist Zeit, Psychotherapie so normal zu finden wie Operationen und Antibiotika. Dann können sich vielleicht auch irgendwann Jugendliche, die das Leben nicht mehr aushalten, helfen lassen – bevor sie zur Waffe greifen.

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Wink schon wieder

… aber er ist einfach gut:

In der geistlichen Renaissance, die wie ich glaube im Entstehen ist, wird es nicht die Botschaft des Paulus sein, die die Herzen zusammenschweißt, wie in der Reformation und der wesley’schen Erweckung, sondern die menschliche Gestalt Jesu. Und unter den Lehren Jesu werden die Aussagen zur Gewaltlosigkeit und der Liebe zu den Feinden einen zentralen Raum einnehmen. Nicht weil sie wahrer wären als alle anderen, aber weil sie der einzige Weg sind, Unterdrückung zu überwinden ohne neue Unterdrückung zu schaffen.

Ich gebe zu bedenken, dass die entscheidende religiöse Frage heute nicht mehr die Frage der Reformation sein sollte, „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ sondern vielmehr „Wie finden wir Gott in unseren Feinden?“ Was die Schuld für Luther war, ist für uns der Feind geworden: der Stecken, der uns zu Gott treiben kann. Was oft eine reine Privatangelegenheit war – Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben – ist in unserem Zeitalter so groß geworden, dass es die Welt umgreift. Wie John Stoner anmerkte, können wir uns vor unseren Feinden ebenso wenig retten wie vor unseren Sünden, aber Gottes erstaunliche Gnade rettet uns vor beidem.

Tatsächlich gibt es für unsere Zeit keinen anderen Weg zu Gott als durch unseren Feind, denn den Feind zu lieben ist zum Schlüssel geworden, sowohl für das Überleben der Menschheit im Atomzeitalter als auch für persönliche Veränderung. Heute müssen wir, mehr als je zuvor, uns dem Gott zuwenden, der die Sonne über den Bösen und den Guten aufgehen lässt, oder wir haben gar keine Sonnenaufgänge mehr.

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Offene Wunden

Gestern abend bekam ich eine e-Mail von einem Freund aus Winnenden, der die Betroffenheit in der Nachbarschaft und unter den Freunden seiner Kinder (bzw. deren Familien) beschrieb. Ich war erleichtert, dass seine Familie verschont geblieben ist, aber der Amoklauf hat die ganze Stadt natürlich traumatisiert, schreibt er.

Noch ein Gedanke ließ mich den ganzen Tag nicht los, nämlich der an die Eltern des jugendlichen Täters. Über ihre möglichen Fehler will ich bewusst nicht spekulieren. Aber während alle anderen Eltern, die um ihre Kinder trauern, sich der grenzenlosen Solidarität aller sicher sein können, hat dieses Paar Hausdurchsuchungen, Vernehmungen und Verdächtigungen (von denen manche zutreffen mögen und andere nicht) ertragen müssen. So mancher, der schon mal ein Problem mit ihnen hatte, wird sich bestätigt fühlen. Reporter werden aus den Nachbarn pikante Details herauskitzeln, aus denen sie uns ihren eigenen auflagenträchtigen Aufguss der Geschichte servieren. Wer aber hört ihnen einfach einmal zu, ohne zu urteilen? Wer gesteht ihnen das Recht und den Raum zu, selbst zu trauern, wer nimmt die Tragik der Situation, die auch sie überrollt hat, ernst? Und wenn es jemand wagt, ihnen beizustehen, was wird er sich so alles anhören dürfen?

Selbst wenn die Untersuchungen später einmal mit einer Entlastung enden sollten, die Familie wird immer mit der Bluttat identifiziert werden. Eigentlich kann man in einer solchen Situation nur noch wegziehen und seinen Namen ändern. Und dann lebt man in der Fremde mit einem dunklen Geheimnis, denn die Bilder gingen ja um die ganze Welt. Es sei denn, das Unmögliche gelingt in Winnenden, freilich nicht über Nacht: dass die Eltern der Opfer ihnen die Hand zur Versöhnung reichen. So etwas kann man nicht fordern. Aber es ist auch nicht undenkbar.

Deutschland, so las ich gestern in einem der vielen Berichte, ist nach den USA das Land mit den meisten Amokläufen in den letzten Jahren. Das will so gar nicht zu unserem kollektiven Selbstbild passen. Die Antwort auf dieses Rätsel werden wir nur finden, wenn wir nicht einfach mit dem Finger auf den einzelnen Täter und sein unmittelbares Umfeld zeigen.

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Jeder stirbt anders

Falls jemand das beim Lesen der Überschrift befürchtet hatte – das Folgende ist kein deplazierter Kommentar zu der Tragödie in Winnenden heute, sondern eine theologische Reflexion aus Walter Winks Klassiker Engaging the Powers: Discernment and Resistance in a World of Domination über die Frage, was es bedeutet, sein Leben zu finden, indem man es verliert:

Rationalisten müssen wahrscheinlich ihrer Vergötzung des Verstandes absterben; dominante Persönlichkeiten ihrer Macht; stolze Leistungstypen ihren Errungenschaften. Traditionell waren das jedoch eher die Männer. Und von Männern verfasste Theologien, die deren Arroganz und Stolz bekämpfen, unterdrücken Frauen, die unter der Last eines niedrigen Selbstwertgefühls leiden, die von Verboten daran gehindert wurden, etwas zu erreichen, und denen Möglichkeiten verweigert wurden. Solche Frauen müssen den Erwartungen und Verboten einer Männergesellschaft absterben. Selbst die, denen ihr Leben gestohlen wurde, müssen ihr Leben verlieren, um es zu finden. Sie müssen dem absterben, was sie umgebracht hat.

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Ein Brief, der nie ankam

Dies ist keine Anregung für die Volxbibel, sondern nur ein „Abfallprodukt“, als ich gestern den Konfis bei der Gottesdienstvorbereitung zu Lukas 5,1-11 über die Schulter schaute:

Sehr geehrter Herr Simon Barjona,

in den vergangenen Tagen sind verschiedene Beschwerden bei uns eingegangen, zu denen wir Sie hiermit um eine Stellungnahme bitten.

  1. Die Fischereiinnung von Kapernaum beklagt einen Verstoß gegen die Arbeitszeitbestimmungen. Sie und Ihr Mitarbeiter Andreas wie auch ihre Geschäftspartner der Firma Zebedee & Sons sollen außerhalb der dafür üblicherweise vorgesehenen Nachtstunden beim Fischen gesehen worden sein. Die Innung beruft sich auf zahlreiche Zeugen im Gefolge des durchreisenden Nazareners J.C., der für Ihr Unternehmen als Berater tätig sein soll.
  2. Die Umweltschutzbehörde ist besorgt, dass Ihre unorthodoxen Fangmethoden (die offenbar eine beträchtliche Steigerung des Fangvolumens zur Folge hatten) binnen kurzer Zeit zu einer bedenklichen Überfischung unserer Gewässer führen könnten, die den Fischbestand bedroht und damit auch die Lebensgrundlage von Mensch und Tierwelt am Seeufer gefährdet.
  3. Schließlich hat das Sport- und Freizeitamt besorgte Anfragen erhalten, dass eine Gruppe von „Menschenfischern“ die Badegästen und Wassersportlern nachstellen soll. Auch in diesem Zusammenhang ist Ihr Name gefallen, ebenso wie der Ihrer Mitarbeiter und der Unternehmensberater J.C. aus N.

Wie Sie vielleicht verstehen, macht uns die plötzliche Häufung dieser Klagen große Sorge. Wir bitten Sie daher um Ihr Verständnis dafür, dass wir Ihre Betriebserlaubnis so lange suspendieren, bis Ihre Stellungnahme vorliegt und die gegen Sie erhobenen Vorwürfe geklärt bzw. ausgeräumt werden können.

Mit freundlichen Grüßen,

Kommunalverwaltung Kapernaum, Ordnungsamt

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Gezwitscher an allen Orten

(Nein, ich meine nicht die heimische Vogelwelt, die nach der Winterpause ab 5.30 Uhr täglich wieder zu vorfrühlingshafter Aktivität übergeht) Ich freunde mich mit dem Medium gerade erst an, aber Twitter macht diese Woche mächtig von sich reden:

Man konnte die dramatische Rettung eines Skifahrers in den Schweizer Alpen verfolgen, der per iPhone seine GPS-Daten an die Bergwacht sandte.

Auf TED erklärt Evan Williams, was Leute mit dem neuen Dienst so alles anzufangen wussten.

Heise Online berichtet, wie sich das Verhältnis der „Holzmedien“ zu Twitter verändert hat, und Facebook will nach einem gescheiterten Übernahmeversuch selbst Statusmeldungen in Echtzeit anbieten.

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