„Das war doch ein gutes Gespräch, oder?“

… sagte mir jemand vor einiger Zeit. Ich gab eine ausweichende Antwort, denn auf diese Frage hin spulte mein Gehirn die Unterhaltung vom Vorabend in der kleinen Gruppe noch einmal ab. Ich erinnerte mich, wie ich irgendwann die Lust verloren und mich verabschiedet hatte, weil mir die langen Monologe auf die Nerven gingen, zu denen die übrigen Anwesenden nur die Stichworte liefern durften.

Wenn man mal bundesligatechnisch von „Ballbesitz“ reden wollte, dann hätte dieser Spieler gut zwei Drittel allein bestritten. Ich konnte die Reaktion der anderen aus der Runde kaum deuten, die höflich zuhörten, es jedoch zu vermeiden schienen, durch Nachfragen weiteren Redefluss auszulösen. Kurz: Diese asymmetrische Unterhaltung war zumindest für uns andere eher kein gutes Gespräch gewesen.

Als ich meine Sprachlosigkeit überwunden hatte, war es zu spät, um den Satz noch zu kommentieren. Aber schön, dass die Unterhaltung wenigstens einem von uns gut getan hatte.

Share

Gemischte Gefühle

Im Rahmen einer Fortbildung habe ich am letzten Sonntag einen – durchaus gut gestalteten – agendarischen Gottesdienst besucht. Es war eine eigentümliche Mischung aus Befremden und Wiedererkennen für mich. Und nachdem ich hier schon vor längerer Zeit einmal die Frage gestellt hatte, was eigentlich unsere Liturgie „predigt“, war diesmal mein Gesamteindruck der, dass hier ein sehr starker und – jetzt lehne ich mich aus dem Fenster – auch recht einseitiger Akzent auf Schuld und Vergebung zu spüren war, der von den Chorälen noch unterstrichen wurde.

Dagegen erscheint das Heil in den Formulierungen tendenziell doch eher als etwas zukünftig-jenseitiges, es wird daher erbeten und verheißen, aber nicht so richtig gefeiert und genossen. Zwei Aspekte, die völlig untergehen, sind das Wachsen im Glauben (der Pietismus würden hier von „Heiligung“ reden) und die Sendung der Christen in die Welt (es sei denn, dass man letzteres mit dem Schlusssegen als abgehakt betrachtet).

Dass heute viele Menschen ihre Mühe mit diesem Thema Schuld/Sühne/Vergebung haben, mag nicht nur mit dem Traditionsabbruch und fehlenden Zugängen zu tun haben, sondern auch mit der Überdosis dieses Aspektes, die sich über Generationen angesammelt hat, und die nun an manchen Stellen dazu führt, dass man das Kind mit dem Bad ausschütten will. Aber mein subjektives Empfinden beim Durchgang durch die Liturgie war eben auch, dass sich die Beschreibungen der Liebe Gottes weitgehend darin erschöpfen, dass er barmherzig ist und auf Strafe verzichtet.

Man könnte also sagen, dass von den drei Wegen der Spiritualität – purgatio, illuminatio und unio – nur der erste explizit thematisiert und eingeübt wird. Natürlich kann man mit einem einzigen Gottesdienst nie alles unterbringen. Trotzdem – im Evangelium steckt mehr, als diese Gottesdienstform vermuten ließe.

Share

Kleinvieh macht auch Mist…

Bei manchen Passagen in diesem schön geschriebenen Buch von Rohr hatte ich fast das Gefühl, Brian McLarens Stimme zu hören. Brille, Bart- und Haartracht sind schon ähnlich, aber die Verwandtschaft der Herzen ist deutlich erkennbar. Beide arbeiten das ambivalente Erbe ihrer jeweiligen Tradition engagiert auf, nehmen dabei kein Blatt vor den Mund und bleiben dennoch nicht beim Negativen stehen.

Es sind nicht die «schlimmen Sünden», die die Leute vom Festmahl abhalten, und das ist bei uns genauso: auch uns hält unser tägliches Besetztsein von tausend nicht so wichtigen Dingen davon ab, hinter die «Schatten und Schleier» zu blicken. Dann sehen wir nicht die «unergründliche Tiefe der Dinge», wie es der Dichter Gerald Manley Hopkins formulierte. Die Spiritualität lehrt uns den Grundsatz, dass die Innenseite der Dinge größer ist als die Außenseite.

Richard Rohr,  Ins Herz Geschrieben, S. 250

201002081056.jpg

Share

Spruch des Tages (15)

Im christlichen Gottesdienst ist die Sprache der Rechte fehl am Platz, außer wenn sie dazu dient, uns an die Rechte anderer zu erinnern. Was uns betrifft, so bekennen wir, dass wir nicht von Rechtsansprüchen reden können, denn uns ist alles gegeben und alles vergeben und alles verheißen.

Lesslie Newbigin

Share

Kinder bringen Farbe ins Leben

Die meisten Eltern nehmen mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis, wie ihre Kinder größer werden. Irgendwann ist der Tag erreicht, wo sie mit uns gleichziehen. Hände und Füße wachsen dabei noch einen Tick schneller als der Rest des Körpers. Der Geist kommt irgendwann nach, zunächst aber sind die Heranwachsenden doch erkennbar zerstreut. Beides zusammen hat bei mir dazu geführt, dass sämtliche Handschuhe verschwunden waren, weil sie den Jungs inzwischen passten, aber von ihren Reisen in die Schule oder zu Freunden nicht wieder zurückkehrten.

Neulich suchte ich also nach einem Ersatz für meine schwarzen Windstopper-Handschuhe. Zuerst dämmerte mir, dass sich teure Exemplare wohl nicht lohnen würden und bald das Schicksal ihrer Vorgänger teilen würden. Bei den billigen hatte ich dann die Wahl zwischen schwarz, braun und feuerrot. Ich entschied auf Rot in der Hoffnung, dass es für Teenager zu peinlich wäre, mit Nikolaushandschuhen herumzulaufen. Die Rechnung ging auf, niemand rührt meine Handschuhe an. Und sollte mal eine Ampel ausfallen, könnte ich mich mit den leuchtend roten Händen auch auf die Kreuzung stellen und den Verkehr regeln…

Kinder bringen eben Farbe ins Leben!

Share

Alpha: neues Basisinfo

Seit ein paar Tagen gibt es ein neues Basisinfo zum Alpha-Kurs. Wer gerne mal einen Blick hinein werfen möchte, kann das hier tun.

Man muss den Flyer nur richtig falten: Erst in der Mitte, und dann beide Außenseiten nach innen, die sogenannte „Altarfalz“. Passt ja zum Inhalt 🙂

Share

Traurige Bekehrungen

Durch einen Tweet von Frank wurde ich aufmerksam auf diese „Bekehrungsgeschichte“ einer gewissen Rechelle, die der religiösen Rechten in den USA, zugleich damit aber dem christlichen Glauben insgesamt den Rücken gekehrt hat.

Wirklich bewegend liest sich Rechelles Entschuldigung an alle, die sie in den Jahren ihres Christseins verurteilt und abgelehnt oder unter Druck gesetzt hatte: Homosexuelle, Nichtchristen allgemein, Sonntagsschüler, Angehörige, die Notleidenden dieser Welt.

Freilich kann man auch Christ sein, ohne allen anderen mit der Hölle zu drohen und all die anderen Dinge, die Rechelle nun als das erkannt hat, was sie sind: Mist. Sie selbst scheint diese Möglichkeit jedoch nicht zu sehen. Kirche ist für sie ganz offenbar eine durch und durch zwanghafte, gesetzliche, ausgrenzende Institution, die das Leben der einzelnen und der Gesellschaft vergiftet. Sie bedauert es, solchen Menschen auch noch Geld für ihre Zwecke gegeben zu haben. So weit Rechelles Erfahrung reicht, ist das wohl leider auch ganz zutreffend.

Warum erwähne ich das hier alles? Ihre Story wird von Atheisten hierzulande erfreut aufgegriffen und nicht ganz ohne Häme kolportiert. Rechelle wird das kaum stören, aber natürlich ist es billig, so zu tun, als gäbe es nur diese Karikaturen des Christentums oder einzelne – wenn auch große – problematische Strömungen als das Ganze auszugeben. Um all diese Fehler, die Rechelle nun behoben hat, gibt es ja auch unter Christen mit Recht heftigen Streit, und wer sich nur mal oberflächlich umsieht, trifft auf dessen Spuren. Ich fürchte aber, dass wir in Zukunft öfter mit solchen Situationen konfrontiert sein werden, weil Leute immer weniger über den christlichen Glauben wissen und weil solche krassen Geschichten lieber erzählt werden und leichter hängenbleiben als andere.

Jedenfalls hat es mich neu daran erinnert, solche Schwarz/Weiß Geschichten kritisch zu lesen, auch dann, wenn die Betreffenden zum christlichen Glauben gefunden haben, und mein Bild anderer Weltanschauungen nicht allein auf das zu stützen, was Aussteiger darüber sagen. Und was Rechelles toxisches Christentum angeht, vor dem einen wohl nur Demut und Kritikfähigkeit schützen, wurde ich heute an Mt 23,15 erinnert. Der Hölle sind offenbar die besonders nahe, die ständig von ihr reden, und da ist Jesus plötzlich gar nicht lieb und „tolerant“:

Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.

Share

Dilemma

Darf ein Staat Diebe belohnen?“ fragt etwa die SZ, wenn es um den Ankauf von Bankdaten geht, die Steuerhinterzieher überführen könnten. Aber geht es nicht eigentlich nur noch darum, welche „Diebe“ man belohnt?

Vielleicht sehe ich das zu einfach, aber mir scheint: Wenn die Bundesregierung die Daten kauft, dann jagt die Schweiz die einen und Deutschland die anderen Diebe. Wenn nichts passiert, wird niemand gejagt (na ja, die Schweizer werden trotzdem nicht untätig bleiben). Das wäre das deutlich ungünstigere Signal. Zeit also für etwas Steinbrück’sche Entschlossenheit, vielleicht ohne die kontroverse Rhetorik, aber Handeln wäre gut.

Share

Fuchs im Einbaum

Die FAZ bringt einen Beitrag von Ben Macintyre zum Überleben im digitalen Zeitalter. Die Diskussion ob wir (um mit Isaiah Berlin bzw. Archilochos zu sprechen) Füchse oder Igel sind, also viele kleine Ansätze pflegen oder uns nur um eine einzige große Idee drehen, scheint entschieden. Der Fuchs hat gewonnen, mit allen Vor- und Nachteilen.

Nun kommt es darauf an, aus dem Überfluss angebotener Informationen das Wesentliche und Nützliche herauszufinden und Ablenkungen oder Wertloses zu ignorieren. Das erfordert eine andere Art des Denkens und Hinsehens. Und dafür hat Macintyre ein anderes, interessantes und griffiges Bild gefunden:

Dem Wissenschaftshistoriker George Dyson zufolge hatten die Nordwestpazifik-Indianer zwei sehr verschiedene Methoden, Boote zu bauen. Die Aleuten, die auf baumlosen Inseln lebten, bauten Kajaks aus Strandgut, indem sie Felle auf einen Rahmen aus Treibholz spannten. Die Tlingit hingegen fällten große Bäume und höhlten sie zu Kanus aus, indem sie das überschüssige Holz herausschlugen und -brannten.

„Früher waren wir Kajakbauer und haben Bruchstücke von Informationen gesammelt, wo wir sie fanden“, schreibt Dyson. „Heute müssen wir lernen, zu Einbaumbauern zu werden und unnötige Informationen zu verwerfen, um die verborgene Gestalt des Wissens freizulegen.“

Share

Inklusives „Du“

Richard Rohr schreibt in Ins Herz Geschrieben über die Schwierigkeiten eines maskulinen Gottesbildes und der Notwendigkeit, auch weibliche Begriffe für Gott zu finden. Vor allem aber geht es ihm darum, diese Ebene der Reflexion wieder hinter sich zu lassen:

Bei aller Widerspiegelung patriarchaler Weltsichten zeigen die Texte der Bibel vor allem ein erstaunliches Desinteresse daran, überhaupt von Gott in der dritten Person zu reden (ob nun er, sie oder es). Was die Bibel sehr viel mehr umtreibt ist die Entdeckung, in der zweiten Person, um „Du“, mit Gott zu sprechen. (…) Manchmal kann die Beschäftigung mit dem korrekten Pronomen (…) für Gott eine dringend notwendige Korrektur sein, manchmal bringt sie aber auch zum Ausdruck, dass gerade diese Ich-Du-Beziehung vermieden wird.

Share

Gottes Verkleidung

Richard Rohr macht sich Gedanken über den Realismus der Bibel, und nachdem der Fasching vor der Tür steht, fand ich diesen Ausschnitt aus Ins Herz Geschrieben ganz schön:

Wir lesen in diesen Büchern von Sünde und krieg, Ehebruch und anderen Affären, von Königen und Mordaktionen, von Intrigen und Betrügereien – also von den ganz gewöhnlichen wunderbaren und traurigen Ereignissen des menschlichen Lebens. diese Bücher dokumentieren das Leben realer Gemeinschaften und konkreter gewöhnlicher Menschen, und damit sagen sie uns, dass «Gott zu uns in der Verkleidung unseres Lebens kommt» (…).

Aber für die meisten religiösen Menschen ist das wohl eine Enttäuschung. Offensichtlich würden sie es vorziehen, wenn Gott in ihren Gottesdiensten zu ihnen käme.

201001271253.jpg

Share

Jäger und Sammler

Für mich ist klar: Derzeit bildet sich eine Kirche heraus, die aus jedem Teil des Leibes Christi das Wertvollste einsammelt, was es an Weisheit in den verschiedenen Bereichen gibt: spirituelle Weisheit aus der Bibel, aus Meditation und Kontemplation, aus der Wissenschaft, aus dem politischen Ringen um Gerechtigkeit.

Richard Rohr, Ins Herz Geschrieben, S. 16

201001251628.jpg

Share