Glaube und Kinderzahl

Die Zeit zur Beobachtung, dass ein Zusammenhang zwischen Geburtenrate und vitaler, also aktiv (!) gelebter Religiosität nachweisbar ist, während familienpolitische Maßnahmen weitgehend wirkungslos bleiben:

Wer den Glauben an die Familienpolitik verloren hat, aber zum Glauben an Gott nicht zurückkehren will, kann auch für eine massive Einwanderung plädieren und für eine rasche Aufnahme der Türkei in die EU.

Vielleicht hat die Differenz nicht nur mit dem Gehorsam gegenüber dem Gebot zur Fruchtbarkeit (oder gar dem Argwohn gegenüber Verhütung) zu tun – vielleicht funktioniert nämlich „seid fruchtbar!“ ebenso wenig wie das zitierte „sei spontan!“ – sondern mit einer Lebensperspektive der Hoffnung und der Überzeugung, dass Liebe nicht allein bleibt. Also weniger Gottes Forderung als vielmehr sein Vorbild?

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Komplizierte Beziehung, aber nicht hoffnungslos

Die Naturwissenschaftler stört wahrscheinlich am meisten, wenn Theologen Behauptungen über Jesus unter Bezugnahme auf bestimmte wissenschaftliche Theorien oder Entdeckungen zu beweisen versuchen, oder wenn sie bestimmte christologische Glaubensinhalte verwenden, um damit angebliche Lücken im Kenntnisstand der Wissenschaft zu füllen. Vermutlich stört es die Theologen am meisten, wenn die Naturwissenschaftler ihre angeblich neutralen Forschungsgebiete abschirmen, indem sie jeglichen religiösen Glauben als Trugschluss bezeichnen oder wenn sie versuchen, religiöse Erfahrung auf Faktoren zu reduzieren, die ihre eigene Disziplin lückenlos erklären könnte.

LeRon Shults, Christology and Science

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Zuspruch und Wirklichkeit

Heute las ich einen Bibeltext, der, wie ich zunächst fand, den Mund gehörig voll nahm bei der Beschreibung der Wende, die Jesus für die Welt und das Leben der Christen (nein, aller Menschen) gebracht hat. Meine eigene Erfahrung und der Vergleich mit dem, was Menschen um mich her erleben, erschien mir in dem Augenblick weit hinterherzuhinken. Spontan war mir mehr danach, Gott darum zu bitten, dass er uns hilft, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu verringern.

Dann wurde mir plötzlich bewusst, dass es so gar nicht gemeint war. Ein Wortspiel aus dem Englischen fiel mir ein: „Not an expectation to live up to, but a promise to live into“. Und genau das ist es! Auch zwischen Zuspruch und Wirklichkeit besteht noch eine Kluft, aber sie wird dadurch geschlossen, dass wir auf dem Weg bleiben, dem Zuspruch vertrauen und uns immer wieder die Verheißungen vor Augen halten. GInge es um einen Anspruch, dann stellte sich sofort die Schuldfrage: Wer trägt die Verantwortung dafür, dass meine persönliche Erfahrung nur ein fader Abklatsch dieser Aussagen ist? Aber Gott und die biblischen Autoren legen uns hier keine Latte vor die Nase, die wir nur überspringen oder reißen können, sondern sie bauen uns ein Sprungbrett. Die Kluft ist erst dann ein Problem, wenn ich nicht mehr springen will.

Es geht dabei auch um die Richtung der Zeit. Der biblische Zuspruch blickt vom herrlichen Ende zurück und sieht den Sonnenaufgang auf den Gesichtern derer, die ihm entgegen gehen. Von hinten betrachtet, aus der Perspektive dessen, der noch auf dem Weg (oder erst am Anfang des Weges ist) verdunkeln wir bloß den Schimmer am Horizont. Aber wenn irgendetwas mit dieser Welt – und mit mir – besser werden soll, dann muss ich mir diese Perspektive der Verheißung schenken lassen, die im Senfkorn schon den großen Baum sehen kann.

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Endlich sagt’s mal einer!

… und dann auch noch in der Welt. Chapeau! Diesen Artikel über zunehmend undifferenzierte, derbe Islamkritik, deren Exponenten brutalstmöglich formulieren und sich obendrein von irgendwelchen „politisch Korrekten“ verfolgt fühlen, sollte jeder lesen. Ganz, daher hier kein auszugsweises Zitat.

(Und als Deutscher lohnt der Blick in die Schweiz, wo nach den Minaretten nun deutsche Hochschullehrer zu Sündenböcken der SVP geworden sind. Die Geister, die man ruft…)

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Durch die Brust ins Auge

201001172251.jpgIn den letzten Wochen habe ich von Joshua Cooper Ramo The Age of the Unthinkable: Why the new world disorder constantly surprises us and what to do about it gelesen (deutsch: Das Zeitalter des Undenkbaren). Die Anregung hatte ich im Blog von Alan Roxburgh gefunden. Es erinnert etwas an die Bücher von Malcolm Gladwell wie Blink!: Die Macht des Moments und Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können , nur geht es um viel ernstere Fragen: Wie überleben wir in einer immer unberechen- und unbeherrschbaren Welt?

Vielleicht finde ich die Zeit, einige der Punkte, die Cooper Ramo stets mit Anekdötchen garniert serviert, zu rekapitulieren. Er geht der Frage nach, warum Militäraktionen im Irak und Afghanistan scheitern, warum Israel die Hisbollah mit seinen Angriffen stärkt statt schwächt und was man gegen die Bankenkrise hätte unternehmen können.

Notgedrungen stammen viele Themen aus dem Bereich Militär und Sicherheit. An einem bin ich als Theologe jedoch hängen geblieben. Er beschreibt die Diskussion unter Nato-Strategen über eine indirekte Kriegsführung: Statt die Truppen des Feindes direkt zu treffen, bombardiert man die Treibstofflager. Oder wirft Metallstreifen über Belgrad ab und blendet die serbische Flugabwehr, um als nächstes die Stromversorgung zu treffen und die Lichter auszuknipsen. Die Idee ist nicht neu, schon der chinesische Stratege Sunzi hat um 500 v.Chr. ähnliche Ideen und riet unter anderem, die direkte Konfrontation nach Möglichkeit zu vermeiden. Hingegen konzentriert sich westliches Denken und Strategie fast ausschließlich auf den direkten Schlag.

Nachdem mich das Thema diese Woche schon anderweitig beschäftigt hatte, habe ich mich gefragt, ob man nicht den Sieg Christi am Kreuz nicht ähnlich verstehen kann. Ein „direkter Schlag“ hätte den Palast des Kaiphas, die Präfektur des Pilatus und das Kapitol in Rom treffen können, aber einem Hohenpriester wäre ein weiterer gefolgt, ebenso einem Kaiser ein anderer und der Statthalter wäre noch leichter zu ersetzen gewesen. Die feindlichen Systeme hätten sich regeneriert, nichts hätte sich verändert. Alle ausradieren wäre auch keine Alternative gewesen, aber das ist ja zum Glück seit Noah schon klar.

Stattdessen zielt Gott indirekt – und gewinnt. Wenn wir Kolosser 2,15 lesen, dann bekommen wir einen Eindruck davon, was geschah:

Erstens entzieht Gott den „Mächten“ (und das verstehen wir eben am besten systemisch) die Legitimation. Er entzaubert sie, er nimmt ihnen den göttlichen Nimbus, der das Kaisertum (und die Tempelhierarchie) umgab. Denn er erklärt durch die Auferweckung das ergangene Urteil für null und nichtig. Bis dahin war es so etwas wie ein säkularer Staat praktisch undenkbar. Seither kann kein Herrscher, kein Regime, keine Institution mehr uneingeschränkte göttliche Autorität beanspruchen ohne sich damit zugleich als Götze zu entlarven.

Zweitens nimmt er den Mächten ihre entscheidende Waffe. Bislang konnten sie mit Verbannung und dem Tod drohen. Wer gegen die Staatsräson handelte, wurde geächtet, musste ins Exil oder wurde gewaltsam beseitigt. Nun fehlt dem Tod der Stachel, die Drohgebärde wird hohl. Denn außen vor dem Tor der Stadt wartet der auferstandene Christus bei den Vogelfreien und an den Gräbern der Dissidenten.

Wer bisher empfand, dass er keine Wahl hatte, hat sie nun zurückbekommen. Wir können mit den Mächten gegen Gott kämpfen und verlieren, oder gegen die Mächte verlieren und mit Gott gewinnen. Und hin und wieder werden wir Zeugen, wie eine dieser Mächte ins Stolpern gerät, strauchelt, und in sich zusammenfällt. Beispiele gab es genug in der Geschichte.

Das Kreuz – wenn wir es denn verstehen – immunisiert Menschen gegen den Anspruch der Mächte unser Leben letztgültig zu bestimmen, wie auch gegen die Angst, die sie verbreiten. Sie sind zu Pappkameraden geworden. Gott greift das Böse nicht frontal an, aber er gräbt ihm das Wasser ab. Allerdings geht der Kampf weiter. Eine andere Geschichte, die Cooper Ramo erzählt, ist die von Dr. Tony Moll, der in Tugela Ferry bei Durban ein AIDS-Projekt leitet. Der Erfolg rührt daher, dass er HIV-Infizierte als Trainer einsetzt. Oft sind sie selbst Analphabeten, aber sie helfen anderen Patienten, die Wirkung der AIDS-Medikamente zu verstehen und wir richtig anzuwenden. Dagegen haben teure, staatlich organisierte Programme gegen TB häufig versagt, weil sie auf Profis und Spezialisten setzen und den Patienten wenig zutrauen und zumuten.

Christen – egal welche – sind in gewisser Hinsicht wie die Patienten von Dr. Moll. Sie kennen die Krankheit, sie sind im Prozess der Heiljung begriffen und nehmen die Medizin selbst immer noch. Daher können (oder sollte ich das im Konjunktiv schreiben?) sie anderen auch ganz gut erklären, wie sie selbst kuriert werden und sich ihrerseits für eine gesunde Welt einsetzen.

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„Die Geschichte gehört den Betern“

Die Allianz-Gebetswoche ist zwar schon fast vorbei, aber eben habe ich diese Sätze von Walter Wink wieder gelesen:

Gebet ist kein Gesuch, dass an einen allmächtigen König gerichtet wird, der alles zu jeder Zeit tun kann. Es ist ein Akt, der den Ursprung, das Ziel und den Prozess des Universums befreit von den Verzerrungen, Vergiftungen, Verwüstungen, falschen Richtungen und dem puren Hass auf alles, was ist, der Gottes Absichten im Wege steht.

Wenn wir beten, schicken wir keinen Brief an ein himmlisches Weißes Haus, wo er auf einen Stapel mit anderen gelegt wird. Wir beteiligen uns vielmehr an einem Schöpfungsakt, in dem ein kleiner Sektor des Universums sich erhebt und lichtdurchlässig wird, hell glühend, ein vibrierendes Kraftzentrum, das die Kraft des Universums ausstrahlt.

Die Geschichte gehört den Betern, die die Zukunft in Existenz glauben. Wenn das so ist, dann ist Fürbitte alles andere als eine Flucht vor dem Handeln, sondern ein Weg, der auf Aktion zielt und sie herbeiführt.

Walter Wink, Engaging the Powers. Discernment and Resistance in a World of Domination, Minneapolis 1992, 303f

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Vom Himmel hoch…

Heute auf Zeit Online: Theologische Deutungen des allmächtigen Google, zum Beispiel dieser Entwicklung vom Deismus zur „Inkarnation“:

… bislang störten sich nur wenige am Google-Gott, der alles von uns weiß, der jeden unserer Schritte sieht und dank des neuen Google-Handys immer bei uns ist, uns führt »an der lieben Hand«. Denn dieser Gott war ein abstrakter Gott, sein Reich waren die fernen Rechnerzentralen. Nun aber erscheint er uns, wird Auto, wird Kamera – wird bedrohlich.

Im gleichen Artikel ein frecher Vergleich von Florian Illies: Google als Sinnbild des nüchternen, auf Wissen und Worte reduzierten Calvinismus und der sinnlichen-ästhetischen Erfahrung, die Apple als Analogon zur katholischen Kirche vermittelt. So hatte ich das bisher noch nie gesehen…

PS: Etwas realitätsnäher und ganz untheologisch schreibt die Zeit hier zum Erfolg Apple

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„Wo bleibt er denn?“

Der Häftling aus Zelle XV legte die Zeitung kopfschüttelnd zur Seite. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Diese Zwischenbilanz ist bestenfalls Kreisklasse. Ich habe mehr von ihm erwartet.“

„Wieso,“ fragte der Zellennachbar aus XIV durch die Gitterstäbe, „er hat doch keine schlechte Presse?“

„Ja, aber er kommt nicht so recht aus dem Knick“, antwortete der Typ mit dem wilden Bart und den lange Haaren. „Er scheint noch üben zu müssen für den großen Wurf. Und er verkrümelt sich in der Provinz, weit im sicheren Norden.“

„Na, sicher sieht anders aus, bei den vielen Rebellen dort im Hügelland“, hielt der andere dagegen. „Irgendwann werden sie sich sammeln und nach Süden ziehen.“

„Ob das für uns beide noch reicht? Die scheinen uns vergessen zu haben. Kein Wunder, aus diesen dicken Mauern dringt ja auch nichts nach außen. Ich frage mich allmählich, ob ich einem Schauspieler auf den Leim gegangen bin. Wenn er wirklich unser Mann wäre, säße ich dann noch hier? Ich meine, lies doch mal diesen Bericht: Ich kenne kaum die Namen der Käffer, die dort aufgezählt werden.“

Der aus XIV ließ sich die Zeitung durchs Gitter reichen. „Ich auch nicht“, sagte er nach einer Weile. „Und was mich noch mehr wundert: Er scheint die völlig falschen Leute zu rekrutieren.“

„Sag‘ ich doch“, grummelte der Bärtige. „Es sind jetzt schon acht Monate, dass sie mich hier eingesperrt haben. Langsam muss mal was passieren, sonst komme ich noch um in diesem Gemäuer. Die warten nur darauf, dass ich draußen vergessen werde, und dann bringen sie das zu Ende.“

„Du warst für mich immer der Größte“, sagte der andere. „Keiner hat denen da oben so deutlich die Meinung gesagt wie du. Und doch sind sie alle gekommen, um dich reden zu hören. Ich meine, sogar das Wachpersonal und der Alte erstarren noch in Ehrfurcht, wenn du den Mund aufmachst. Deswegen kommt er ja immer wieder mal vorbei. das macht er bei keinem anderen von uns.“

„Ja, der Alte kommt vorbei. Aber Er hat mich anscheinend vergessen. Oder er ist zu schwach. So oder so ist es deprimierend. Ich dachte, zu zweit hätten wir eine reelle Chance, hier etwas zu reißen. Ohne ein gewaltiges Blutbad hätte uns niemand ausschalten können. Wir hätten uns die Bälle zugespielt: Ich übernehme den aggressiven Part, er gibt den Versöhner, das kann er besonders gut. Aber eben nicht mehr als das, wie man sieht.“

Der Bärtige wurde plötzlich still. Durch das Gewölbe drangen Stimmen an ihr Ohr, die allmählich näher kamen. Er lauschte angestrengt, dann hellte sich seine Miene auf: „Endlich! Das sind Simon und Philipp. Sie haben ein paar Nachforschungen angestellt für mich. Mal sehen, ob sie gute Neuigkeiten haben.“

Es klapperte, und ächzend schwang die schwere Tür auf. Zwei junge Männer kamen herein, hinter ihnen steckte ein Wärter den Kopf in den Flur und legte dann wieder den Riegel von außen vor. Die beiden sahen müde und etwas verstaubt aus. Als sich ihre Blicke mit denen des Bärtigen trafen, flackerte Unsicherheit auf. Der eine blickt zu Boden, der andere fuhr sich mit der Hand durch das Haar und räusperte sich umständlich.

„Habt Ihr ihn gefunden?“, fragte der Bärtige. Die beiden nickten, und mit einer kleinen Verzögerung bestätigte Philipp: „Ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob Dir seine Antwort gefällt.“

Es ist das Jahr 29, Herodes Antipas (der „Alte“) hat Johannes der Täufer in der Festung Machärus inhaftiert. Jesus unternimmt nichts, um Johannes zu befreien. Wenig später wird der Täufer hingerichtet. Ob er an Jesus verzweifelte oder ob ihn die Antwort Jesu aus Mt 11,2-6 tröstete, erfahren wir nicht. Wer möchte, kann hier weiter hören.

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„Nehmen Sie’s nicht persönlich…“

… sagte neulich ein Anrufer, als er mir von einer Entscheidung seines Gremiums berichtete, die ewig gedauert hatte und dann ein bisschen enttäuschend ausgefallen war. Nein, ich bin erwachsen, ich nehme das natürlich nicht persönlich. Das heißt, ich habe es dem Anrufer nicht persönlich verübelt und weiß, dass niemand im Gremium das böse gemeint hatte, als man so entschied, wie man entscheiden musste.

Aber natürlich steckt da eine – wenn auch indirekte – persönliche Botschaft drin, nämlich die: Hier geht es im Grunde gar nicht um Personen, sondern um das System, das nur Fälle und Funktionen kennt und dessen größte Sorge ist, keinen Präzedenzfall zu produzieren, der die Ordnung stören würde. Wenn es gut geht, wirst Du als Fremdkörper im System mit einem Perlmuttmantel überzogen und darfst irgendwo schillern.

Heute habe ich es andersherum erlebt: Ich nahm an einem Gespräch teil, in der ein Verantwortlicher eines Werkes sich größte Mühe gab, einem Interessenten (nicht mir…) gerecht zu werden, sich in seine Situation hineinzudenken, ihm entgegenzukommen, Brücken zu bauen, das Tempo anzupassen. Und ich dachte mir erleichtert: Na bitte, es geht ja doch. Vielleicht noch nicht überall, aber wenigstens hier und da!

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Du sollst den Mund nicht zu voll nehmen…

Das Marketing der Firma Kingsway hat sich einen CD-Titel einfallen lassen, der die Eigendynamik des „christlich-industriellen Komplexes“ gnadenlos herausstellt: The Best New Praise & Worship Songs… Ever!

Oder habe ich bloß die Selbstironie nicht kapiert?

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Das Gute, das Böse und der Tod

Der Gedanke an den Tod, vor allem dann, wenn man den Tod als endgültig betrachtet, begünstigt eine egozentrische Lebenshaltung. Nehmen wir das Klimaproblem mal stellvertretend für alle Formen von Selbstsucht und – sagen wir es ruhig – Bosheit: Leben auf Kosten anderer also. Selbst Immanuel Kant, dem eigentlich alle Spekulation zuwider war, konnte nicht anders, als im Namen der „praktischen Vernunft“ darauf zu wetten, dass es Gott und ein ewiges Leben gibt.

Denn der Tod begrenzt die Folgen meiner schlechten Taten, so dass ich mich vor ihnen nicht zu fürchten brauche. Bis sie mich treffen könnten, bin ich vielleicht schon nicht mehr da. Die wahren Konsequenzen unseres Lebensstils erleiden ja erst kommende Generationen in voller Härte. Zugleich würde alles Gute, das ich heute tue, seine Wirkung auch erst allmählich entfalten. Insofern verhindert der Tod also gleichzeitig, dass ich die Früchte meiner positiven Mühen und meines Verzichts ernte.

Das Motto „lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ ist also durchaus plausibel und wird in einer Kultur des grenzenlosen Individualismus, wo sich längst niemand mehr der Sippe, dem Stamm oder seinem Volk verantwortlich fühlt, zum Überlebensrisiko: Lasst uns Schulden machen, lasst uns die Umwelt verpesten, lasst uns Konflikte eskalieren und Gräben vertiefen und lasst andere sehen, wie sie damit klarkommen. Und hat auch niemand gefragt, ob wir die Suppe auslöffeln wollen, die man uns eingebrockt hat. Gut und Böse sind vor dem Tod nicht mehr zu unterscheiden, wie Reinhard Mey anno ’66 auf dem Schuttabladeplatz der Zeit feststellte:

Da lag der von der Vogelweide bei dem Kätchen von Heilbronn,

die hohe Messe in H-Moll neben einem Akkordeon,

neben gescheiterten Argumenten, die Reden eines Präsidenten;

Pornografie und Strafgesetz, in friedevoller Einigkeit am Schuttabladeplatz der Zeit.

Der Tod verharmlost das Böse und trivialisiert das Gute. Nur wer an die Auferweckung glaubt, pflanzt heute noch das sprichwörtliche Apfelbäumchen und packt irgendeines der anderen komplexen Probleme an, die man vielleicht in einer einzigen Generation gar nicht in den Griff bekommt. Natürlich gibt es auch Idealisten, die nicht an Auferstehung glauben, und trotzdem Gutes tun. Gott sei Dank für ihre Inkonsequenz. Hoffentlich halten sie noch lange durch, oder – noch besser – hoffentlich entdecken sie, dass es tatsächlich eine Hoffnung über den Tod hinaus gibt.

Die biblische Auferstehungshoffnung unterstreicht nämlich auch dies: Gut und Böse sind nicht dasselbe. Und der „erste Tod“, wie es beim Seher Johannes heißt, das „natürliche“ Sterben, begrenzt das Böse. Das Gute dagegen, auch die kleinste Kleinigkeit, ist niemals vergeblich getan. Nicht nur andere ernten diese Früchte, auch wir selbst werden sie genießen, wenn Gott seine Schöpfung neu macht.

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Neu: liberale Evangelikale :-)

In deutschen Medien sickert die Erkenntnis durch, dass „evangelikal“ nicht (mehr?) identisch ist mit der religiösen Rechten um James Dobson & Co in den USA. Das ist eine gute Nachricht, auf beiden Seiten des großen Teichs. Zwar verwechselt die SZ für mein Empfinden modern mit postmodern, aber sie schreibt abgesehen davon ganz zutreffend:

„Neue Evangelikale“ nennt man diese Gruppe in den USA. Ihre Angehörigen sind liberaler, sie kämpfen nicht mehr militant gegen Abtreibung, sondern für Umweltschutz. Vor allem aber sind sie: selbstsicher in ihrem Glauben. Sie müssen nicht mehr beschützt werden vor der Verkommenheit der Welt. Sie filtern ihre Informationen selbst, sie sind auf gottgefällige Medien nicht mehr angewiesen. Moderne evangelikale Frauen lesen Cosmopolitan und entwickeln trotzdem kein Bedürfnis nach Promiskuität. Moderne Evangelikale gucken sogar Avatar – und vergeben Hollywood, dass es offenbar nicht den gleichen Respekt vor dem Namen des Herrn hat wie sie.

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Weisheit der Woche: Drei Arten von Menschen

When it comes to the future, there are three kinds of people: those who let it happen, those who make it happen, and those who wonder what happened.

Wenn es um die Zukunft geht, gibt es drei Sorten von Leuten: Die einen, die zulassen, das etwas geschieht, die anderen, die dafür sorgen, dass etwas geschieht und die, die sich fragen, was geschehen ist.

John M. Richardson Jr.

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Links weiterdenken

Wer noch Resturlaub hat und sich wegen des nahenden Schneesturms nicht mehr weit hinaus wagt, kann sich mit den folgenden Links bilden und informieren

  • Spiegel Online über hochwertige Fahrräder aus Bambus und Hanf, vielleicht die klimafreundlichste Art der Fortbewegung
  • John Banville über das Entsetzen in Irland nach dem Bekenntnis von Sinn Fein Chef Gerry Adams zu mehreren Fällen von Kindesmissbrauch durch Vater und Bruder und die historische Chance, sich auch den anderen Fragen zu stellen, vor denen man die Augen fest verschlossen hatte, vor allem den Verbrechen der IRA
  • Tony Jones antwortet auf Andrew Jones (der 2009 zum Enddatum der Emerging Church erklärt, es aber nicht so gemeint hat) und zitiert dabei Marx – spannend.
  • Noch aus dem alten Jahr, aber brisant ist dieser Auszug aus dem neuen Buch Patience with God von Frank Schaeffer über die Evangelikalen in den USA. Schaeffer sagt, die Bewegung werde durch ein paar Stars und eine Reihe von Feindbildern zusammengehalten. Wer letztere nicht teilt, wird hinausgedrängt. Den einflussreichen gemäßigten Evangelikalen wirft er vor, dass sie die rechten Hardliner einfach gewähren lassen und sich so mitschuldig machen.
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