Kein Märtyrer

Ich mag Brian McLaren. Er hat eine unkonventionelle Art zu denken und er lässt sich nicht ins Bockshorn jagen. Er ist zudem ein angenehmer, unkomplizierter Zeitgenosse. Er hat Dinge in Worte gefasst, die manch anderer im christlich-konservativen Amerika kaum zu denken wagte, und vielen damit Mut gemacht, zu sich selbst und den eigenen Überzeugungen zu stehen.

Und er hat dafür einiges einstecken müssen. Und hier beginnt meine Sorge. In letzter Zeit kamen immer wieder einmal Töne, die mich (bei aller Differenz in der Theologie) an Hans Küng oder entfernt sogar Eugen Drewermann erinnern. Etwa wenn Brian im Huffington Post darüber nachdenkt, warum er so angefeindet wird und sich dabei auf das Milgram-Experiment bezieht. Da ist einiges schief im Vergleich und ich hoffe, Brian schafft es bald wieder, aus dieser Selbststilisierung zum Opfer eines kranken Systems auszusteigen, dessen Chefkritiker er ja gleichzeitig auch gerade zu werden scheint.

Bitte, lieber Brian: Sage weiter mutig – und positiv – was du denkst. Beziehe und halte deine Position und ermutige andere zum eigenständigen Denken. Aber lass, wenn überhaupt, andere dich als Märtyrer bezeichnen. Du wärst (wie Küng und der immer irgendwie weinerlich klingende Drewermann) ohne diese – zugegeben: oft bitteren – Kontroversen nie so bekannt geworden. Und neben den vielen „treuen Kritikern“ hat dir das auch viele gute Freunde beschert. Bleibe der Poet und Troubadour, der du bist. Lass dich nicht zum „Kritiker vom Dienst“ umbiegen. Und wenn du – wie wir alle ab und zu – deine Wunden lecken musst, dann tu das nicht in der Öffentlichkeit. Jim Wallis tut es auch nicht.

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Männer und Opfer, Frauen und Geist?

Ein interessanter religionssoziologischer Gedanke, den ich heute bei LeRon Shults in Christology and Science gefunden habe, bezieht sich auf die Unterscheidung zwischen der Orientierung am Opfer und dem Wirken des bzw. eines Geistes, die in verschiedenen Religionen koexistieren und weist auf eine Hypothese von Nancy Jay hin:

Opfersysteme stehen oft im Zusammenhang mit patrilinearen Praktiken, während Besessenheit – oder Erfülltsein mit einem Geist (oder dem Geist) – eine Erfahrung des Heiligen ist, die häufiger für Frauen offen ist und in manchen Kulturen explizit mit einer Anführerin in Verbindung gebracht wird. Das könnte zum Teil erklären, warum sie viele (vorwiegend männliche) Formulierungen der Sühne (Versöhnung mit Gott) der Funktion des Heiligen Geistes so wenig Beachtung geschenkt haben.

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Abschied vom bösen Gott

Was sagt einer, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, zu glauben, dass alles Schlechte, das auf der Welt geschieht, das Ergebnis eines böswilligen Gottes ist, wenn er morgens aufwacht und aus dem Fenster schaut und die Welt noch immer so beschissen ist, wie sie es immer war?

Er sagt: „Scheiße.“

Das jedenfalls habe ich gesagt.

Das muss man gelesen haben: Shalom Auslander in einem hinreißenden Abrechnung mit Gott, oder besser: den gewalttätigen und strafenden Gottesbildern des christlichen Fundamentalismus und des konservativen Judentums, in der Zeit.

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Noch mehr Berg-Bilder

Die Erlanger Nachrichten haben sehr positiv über den Kreuzweg berichtet. Eine ganz ähnliche Sache gibt es übrigens in Kolumbien, schreibt der Spiegel. Aber wer will schon so weit reisen müssen?

Hier steckt eine kleine Diashow mit noch mehr Bildern vom Karfreitag  – kleiner aufgelöst und daher nicht ganz so schön anzusehen findet Ihr unten die Youtube-Version. Viel Spass beim Ansehen!

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Gestörter (Algo)rithmus?

Es wurde ja schon ab und an postuliert, die Kirchen müssten von Google lernen, wie man Erfolgsgeschichten schreibt. Das Problem dabei ist wie immer die Definition von Erfolg. In der Regel fällt hier der Begriff „Wachstum“: Gute Gemeinden wachsen, gute Christen auch. Sie werden besser, sie werden mehr.

Wachstum ist daher messbar. Es gibt Kennziffern. Google hat gerade einige beunruhigende Daten registriert. Die Belegschaft ist erstmals geschrumpft, und Top-Leute waren unter den Abgängern. Die Gefahr eines Brain Drain angesichts immer stärkerer Hierarchisierung des Großunternehmens nicht auszuschließen.

Nun hat Google eine Formel entwickelt, mit der man in einer Art Rasterfahndung unzufriedene, schlecht ausgelastete Mitarbeiter sucht. Die SZ zitiert den Personalchef Laszlo Bock, der sagt, es gehe darum, „in die Köpfe der Menschen zu kommen, bevor sie überhaupt wissen, dass sie das Unternehmen verlassen wollen.“

Und wir können nun in Ruhe darauf warten, wer den ersten quantitativen Algorithmus präsentiert, die die Abwanderung von Kirchengliedern präventiv zu erkennen hilft – bevor diese überhaupt darüber nachdenken. Nach dem Motto: Besser wir denken vor als die anderen nachdenken zu lassen. Denn wer weiß schon, auf was für Gedanken Leute so kommen?

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„Gott im Berg“: kleiner Rückblick

An die 800 Leute fanden heute in den Henninger-Keller und legten den Weg um die 14+1 Stationen zurück. Die Resonanz war überwältigend positiv. Hier ein paar optische Eindrücke – als Andenken und für alle, die nicht dabei sein konnten:

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Danke an die vielen großartigen Mitarbeiter und Helfer, die stundenlang auf- und abgebaut haben. Ganz besonders an Arno und Mischa, die extra aus der Schweiz gekommen sind, um alles ins rechte Licht zu rücken!

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Weisheit der Woche: Tod und Ewigkeit

Was sich im Tod von einander trennt, sind nicht Leib und Seele, sondern Zeit und Ewigkeit. Das heißt: eine begrenzte und an diese Art von zeitlich-räumlichem Leben gebundene Existenzweise und eine andere Art von Leben, die von einem offenen, unbegrenzten Verhältnis zur Materie gekennzeichnet ist und in die hinein der Mensch mit dem Tod gelangt. …

Ewigkeit ist keine Verlängerung der Zeit in die Dimension des Unendlichen. Ewigkeit ist keine größere Menge, sondern eine andere Qualität unter dem Siegel der Fülle.

Leonardo Boff in Die Botschaft des Regenbogens

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Fundamentaliban

Gründlich missverstanden, was Paulus mit dem „guten Kampf des Glaubens“ meinte, hat eine militante Christengruppe in den USA. Sie plante Mordanschläge gegen die verhasste Regierung, aber angefangen hatte „Hutaree“ – nicht zu verwechseln mit den friedliebenden Hutterern – als „so ein christliches Ding. Man geht zur Kirche. Man betet. Man kümmert sich um seine Familie.

Die christliche Rechte in den USA, die auf Aufklebern mit Bibelsprüchen Obamas Sturz bzw. Tod erfleht, zu Sarah Palins Teapartys wallfahrtet, so ziemlich jeden Krieg bisher für gerecht erklärt hat und Todesstrafe im Gegensatz zu Genesis 4 völlig ok findet, wird sich jetzt unbequeme Fragen stellen lassen müssen. Aber vermutlich wird man sich umgehend zum Opfer linker Medienhetze stilisieren, um keine neuen Antworten geben zu müssen.

Die geben andere, und bei allem, was daran unausgegoren sein mag, wird hier doch verständlich, warum man jenseits des großen Teichs nicht so schnell aufhören wird, über eine neue Art des Christentums zu diskutieren.

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Hundesterben

Zum Nachdenken in der Karwoche ein treffendes Gedicht von Erich Fried:

Definition

Ein Hund
der stirbt
und der weiß
daß er stirbt
wie ein Hund
und der sagen kann
daß er weiß
daß er stirbt
wie ein Hund
ist ein Mensch

(Foto: Sleeping Street Dog von Jnarin – Creative Commons 2.0)

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Entschleunigt

Seit 4 Wochen bin ich fast überallhin zu Fuß unterwegs – auch eine Form von Entschleunigung. Nicht nur wegen der niedrigeren Geschwindigkeit gegenüber Rad und Auto, sondern auch, weil ich viel mehr Leute treffe und mit ihnen ins Gespräch komme. Fast auf jedem Weg in die Stadt spreche ich mit irgendwem, das ist eine schöne Erfahrung. Und ein Indiz dafür, wie beziehungsfeindlich unser Tempo werden kann.

Es hat mich zudem an den großen Aidan von Lindisfarne erinnert:

Aidan war trotz seiner hohen Position als Bischof und Abt ein sehr zugänglicher Mensch. König Oswin … hatte ihm zur Erleichterung seiner Missionsreisen ein edles Pferd geschenkt, das ihn schneller ans Ziel bringen und die Durchque- rung von Flüssen und anderen Hindernissen erleichtern sollte. Aber schon wenig später war Aidan wieder zu Fuß unterwegs. Er hatte das Tier samt der königlichen Ausrüstung an einen Bettler verschenkt und wollte lieber wieder auf Augenhöhe mit seinen Mitmenschen sein, wenn er reiste. Der brüskierte König stelle Aidan zur Rede: „Warum hast du das königliche Pferd weggegeben, das du für den eigenen Gebrauch nötig hattest? Haben wir keine weniger kostbaren Pferde und andere Besitztümer, die gut genug für einen Bettler wären, ohne ein Pferd zu verschenken, das ich eigens für dich ausgewählt habe?“ Aidan entgegnete: „Was sagt ihr da, Majestät? Ist dieses Kind einer Stute wertvoller als dieses Kind Gottes?“ Mit diesen Worten gingen die beiden auseinander. Später beim Essen – der König war gerade von der Jagd gekommen – stand Oswin nachdenklich am Feuer. Plötzlich wandte er sich Aidan zu, kniete vor ihm nieder und sagte: „Ich werde den Vorfall nie wieder erwähnen noch je wieder fragen, wie viel du von unserem Reichtum an Gottes Kinder verschenkst.“ Der gerührte Bischof half dem König sofort wieder auf die Beine und beide aßen mit einander. Aidan war (wenn er sich nicht in die Einsamkeit zurückzog) ständig im Gespräch mit Menschen, aber eben als einer der ihren, nicht vom hohen Ross herab. Im Gegensatz zum kolonialen Missionsstil der römischen Christen und der überwiegenden Mehrheit neuzeitlicher Mission außerhalb Europas (oder zur gewaltsamen „Mission“ der christlichen Machthaber von Karl dem Großen bis zu den Kreuzzügen) finden wir hier tatsächlich eine Bewegung, die den Spuren Jesu und der Apostel folgt.

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Unseriöse „Heiler“

Ein Gespräch von gestern geht mir noch nach. Es ging um eine schwer kranke Frau, die vor einer Weile starb. Ein paar mir bekannte christliche „Heiler“ hatten sich um sie bemüht und dabei ihr Umfeld wie auch sie selbst unter Druck gesetzt, sich im Namen des „Glaubens“ zu weigern, die Möglichkeit, dass die Patientin stirbt, überhaupt in Betracht zu ziehen. Dann kam der Abschied doch, und er war für die Frau sehr schwer. Freunde und Familie stehen nun vor der Aufgabe, das zu verarbeiten. Sie machen das gut, aber es kostet sie einiges.

Mich machen solche Geschichten wütend. Um es klar zu sagen: Ich glaube, dass Gott heute noch Menschen heilt. Ich glaube, dass das auch in medizinisch aussichtslosen Fällen geschehen kann. Aber selbst bei den bekannten Namen in der Heilungsszene ist letzteres die Ausnahme. Nüchtern betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit auch hier gering. Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser ist, einfach nur „normale“ Leute beten zu lassen. Und ob die „Erfolgsquote“ mancher Spezialisten nicht schlicht daher rührt, dass se für zehn- oder hundertmal so viele Leute beten wie wir anderen…?

Natürlich darf man sich freuen, wenn ein Gebet erhört und der Mensch gesund wird. Man darf es auch erzählen. Aber nur dann, wenn man auch bereit ist, von den anderen Fällen zu erzählen, wo Heilung ausbleibt! Wer das kategorisch verweigert, handelt unbiblisch und unchristlich. Der Heilungsdienst verkommt zu einer Form von Hokuspokus und Manipulation. Gott ist zweifellos auf der Seite des Lebens. Das Krankheit und ein früher oder qualvoller (oder auch ein gewaltsamer bzw. fahrlässig verschuldeter) Tod sein Wille ist, wird in der Bibel nie behauptet. Nur geschieht Gottes Wille noch nicht überall und noch nicht in vollem Umfang. Uns bleibt nur die Spannung zwischen der Realität und Gottes Verheißung, dass auch aus dem Leid einer aus den Fugen geratenen Welt noch Segen entsteht.

Wer also mit Todkranken zu tun hat, muss sie auch auf das Sterben vorbereiten. Alle anderen Ansätze haben für mich weniger mit dem Evangelium zu tun. Sie spiegeln vielmehr den erfolgsverliebten Zeitgeist wider, der vor dem Leiden und Sterben die Augen verschließt. Für Kranke und die Menschen in ihrer Umgebung ist das pures Gift.

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Ganz versunken

Ich habe die Nase wieder tief in Miroslav Volfs wunderbarem Buch Exclusion & Embrace. So bald ich wieder beide Hände frei habe, geht es ans Übersetzen des Textes für den Francke-Verlag. Nach allem, was ich bisher schon gelesen habe, finde ich das sehr spannend!

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Das Schlagwort-Dilemma

Schlagwörter sind ab und zu offenbar auch zum Schlagen da. Richtig verstanden dienen sie zwar als Kürzel, hinter denen in der Regel ein komplexer Sachverhalt steckt. So lange alle Beteiligten diesen kennen und ähnlich füllen, erleichtert das die Diskussion ungemein.

Leider jedoch werden sie schnell zu Etiketten, die anzeigen, wer draußen und wer drin ist, oder zu Kampfbegriffen, die Freund und Feind markieren. In diesem Stadium wird ein einst nützliches, sinnvolles Schlagwort (wie „missional„, „postmodern“ oder „emergent„, aber ähnlich auch „evangelikal“ etc.) dann zum kommunikativen Risiko, weil jede Seite den Ausdruck so füllt, dass ihre Siegchancen steigen. Er wird zum Kampfbegriff.

Oder er wird zum oberflächlichen Modewort – dann will sich jeder damit schmücken, ohne unbedingt verstanden (oder gar verinnerlicht) zu haben, was damit ursprünglich gemeint war. Andere fühlen sich parallel dazu abgehängt, und reagieren mit Kritik und Polemik. Nur kann man nicht beliebig neue Begriffe prägen, wenn sie (oft ja auch durch andere – übereifrige Fans, allzu radikale Verfechter, missgünstige Kritiker) verbrannt wurden. Was also tun?

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