Blättern und Staunen

Die British Library hat einige grandiose Werke komplett ins Netz gestellt, darunter eine illustrierte äthiopische Bibelhandschrift, den Kodex Sinaiticus (eine der wichtigsten Handschriften des NT) und die Lindisfarne Gospels. DaVinci, Mozart und Händel sind auch mit von der Partie.

Etwas Zeit zum Staunen sollte man jedoch mitbringen, wenn man hineinklickt.

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Medium und Message

Form und Inhalt lassen sich in den seltensten Fällen trennen. Änderungen der Form verändern in der Regel den Charakter dessen, was man ausdrücken will. Wenn man (etwa in einem Alpha-Kurs) gemeinsam um einen Tisch herum sitzt und isst, dann ist es nicht unbedingt ratsam, einen Vortrag mit PowerPoint dranzuhängen. Aus einem Tischgespräch wird so eine Präsentation. Entsprechend anders fühlen sich die Gäste und reagieren entsprechend. Aus einer Tischrede im Kreis von Freunden wird eine Vorlesung oder ein Auftritt.

Etwas ähnliches passiert, wenn man den Organisten, der meist hinten oben unsichtbar irgendwo spielte, durch eine Band vorne auf der Bühne ersetzt, die (mangels anderer Symbole und Kunstwerke) auch noch den Blickfang abgeben muss, ergo auch gestylt und auf Dauerlächeln bzw. andächtig-verklärte Blicke getrimmt wird. Was zum Glück nicht überall der Fall ist bzw. von vielen Musikern auch als unangenehm empfunden wird.

Oder der gepflegt aussehende Prediger auf der Großleinwand, sorgfältigst ins rechte Licht gerückt. Überlebensgroß sein Gesicht, raumfüllend die Stimme, und egal, was seine Worte sonst noch alles sagen, wir haben schon verstanden, dass wir nach seinem Bild geformt werden sollen, bevor der erste Satz zu Ende ist. Die Symbolik ist in der Regel stärker als die Rhetorik.

Klar – man darf und muss alle Kommunikationsmittel nutzen. Aber sie predigen eben immer mit. Und manche Inhalte bleiben dabei vielleicht auf der Strecke. Umgekehrt darf man natürlich auch fragen, was eine Kanzel symbolisiert. Oder was es bedeutet, dass liturgische Gewänder wohl erst nachkonstantinisch belegt sind und der Tracht römischer Beamter nachempfunden…

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Freundliches Rauhbein

Eine Woche ist es nun her, dass Alan Roxburgh via Marburg wieder nach Vancouver entschwand und ich blicke zurück.

Alan voll in Fahrt...Alan selbst wirkt manchmal etwas schroff, wenn er bestimmte Positionen attackiert. Da merkt man ihm den Liverpooler Straßenjungen noch an. Einem guten Streit geht er nicht aus dem Weg. Doch selbst wenn seine zupackende Kritik in der Kurzform ab und zu rustikal anmutet, kann er im persönlichen Gespräch immer gute Gründe für seine Einschätzung nennen. Und hinter aller Deutlichkeit in der Sache hat er ein echtes Herz für die Leute und vor allem für Kirche mit all ihren Macken.

Am meisten habe ich diese persönlichen Gespräche genossen. Irgendwie wurden wir auf Anhieb warm mit einander, und wenn Vertrauen da ist, redet es sich ganz einfach. Seither sind ein paar Mails hin und her gegangen. In den nächsten Wochen gilt es nun zu überlegen, wie und wo wir Lerngruppen für LeiterInnen aus unterschiedlichen Gemeinden einrichten können, und wie man das dauerhaft anleiten und begleiten kann. Das eigentliche Abenteuer fängt also gerade erst an.

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„Ungläubige Pfarrer“

Alan Roxburgh wurde am letzten Wochenende auf „ungläubige Pfarrer“ angesprochen und war etwas verwundert, als Kanadier und Anglikaner kennt er das gar nicht. Wir haben uns eine Weile über das Thema unterhalten. Ich denke, dass es das – wenn überhaupt – nur ganz selten gibt. Ich kenne jedenfalls keinen.

Mag sein, dass das vor ein, zwei Generationen noch anders war, als eine Karriere in der Kirche wenn schon nicht viel Geld, so doch gesellschaftliches Ansehen und Einfluss zu versprechen schien. Ich erinnere mich auch noch daran, dass die pietistischen Studenten die Tübinger Theologieprofessoren immer in „gläubig“ und „ungläubig“ einteilen wollten. Eberhard Jüngel etwa war zu Recht ziemlich empört über diese Form der Inquisition. In der Regel suchte man nach Hinweisen, ob ein Dozent zur „Allversöhnung“ tendiert, das war der definitive theologische Sündenfall, die Auflösung aller Werte. Ach ja, Bultmann war natürlich auch „pfui“.

Heute ist das zum Glück weitgehend Geschichte. Natürlich gibt es eine große Bandbreite an theologischen Prägungen, aber das macht es ja auch reizvoll. Natürlich sind skurrile Meinungen, alle möglichen Irrtümer in Detailfragen und schräge Typen darunter. Manche sind unsicher oder kontrollwütig und schützen dann theologische Gründe vor, wenn sie andere einfach nur loswerden wollen. Und ab und zu erleben Pfarrer, wie andere auch, kleine und große Glaubenskrisen.

Wenn man unter diesen Macken leidet, kann man über diese Dinge nicht immer milde lächeln. Streiten wir also freundlich und bestimmt überall da, wo es nötig ist. Aber lassen wir dem anderen im Zweifelsfall doch dies, dass auch er glaubt und ernsthaft Jesus nachfolgt.

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Reise zum Leben

Ich hatte schon kurz darauf hingewiesen, dass Rainer Wälde einen sehenswerten Film über die keltischen Christen gedreht hat: Meine Reise zum Leben. Alan Roxburgh ist am vergangenen Wochenende auch immer wieder auf dieses spannende Kapitel der Kirchengeschichte zu sprechen gekommen, und die geistliche Leitung durch den Abt, die Praxis der Gastfreundschaft und der Tageszeitengebete dabei betont.

Ich habe das Projekt in seiner Entstehung verfolgt – bis hin zu einem kurzen Auftritt im Film selbst. Wer einen leicht verständlichen Einstieg sucht, der auch praktische Impulse für das eigene Leben bietet, der ist hier richtig. Also – einfach draufklicken und zurücklehnen…

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Mein Jesus – dein Jesus?

Neulich habe ich Der wilde Messias von Frost und Hirsch zur Hand genommen. Zu Beginn werden dort verschiedene Jesusbilder kritisiert, als Projektionen „entlarvt“ und für diverse Missstände in den Kirchen verantwortlich gemacht.

So weit, so gut. Aber dann habe ich eine Antwort auf die Frage vermisst,

  • ob solche Projektionen unvermeidlich sind (und der Jesus, der im Folgenden – in normativer Absicht! – beschrieben wird, das Abziehbild eines australischen Gemeindegründers im 21. Jahrhundert wird)
  • oder welche nachvollziehbaren Methoden der Rekonstruktion (um nichts anderes geht es ja) man anwenden muss, um eben dies zu vermeiden.

In den nächsten Wochen werde ich weiterlesen und die Antwort hoffentlich noch finden. Sonst wäre das Buch wohl eher – wie das Cover vermuten lässt – eine romantisierende Jesulogie als ein weiterführender Beitrag zur christologischen Debatte.

Nachtrag: Ein möglicher Ansatz wäre, interkulturell zu arbeiten. Was sehen Menschen aus anderen Kulturkreisen (und damit meine ich nicht so sehr hiesige „Szene“ oder Subkulturen) in Jesus, was kann ich von ihnen lernen – und was besser nicht?

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Das Gepäck daheim lassen

Alan Roxburgh hat uns heute morgen mit Lukas 10,1-12 konfrontiert und viele interessante Beobachtungen waren die Folge. Beim Lesen zu Beginn dachte ich mir, wenn christliche Mission diesem Beispiel gefolgt wäre und sich vom Wohlwollen und der Gastfreundschaft derer, an die sie sich richtete, abhängig gemacht hätte, wäre der Welt Vieles erspart geblieben. Da kann man sich weder Arroganz noch Druck und Manipulation leisten und keine brüskierende „Hit & Run“-Methodik, die überall verbrannte Erde hinterlässt.

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Das Recht des Besseren

Eben in der SZ gelesen, aber von „Pharisäern“ zu reden, wäre unfair – den Pharisäern gegenüber:

In einer vom Fachmagazin Psychological Science (Online-Ausgabe) veröffentlichten Studie zeigen Nina Mazar und Chen-Bo Zhong von der Universität Toronto, dass Probanden, die zuvor Bio-Produkte gekauft hatten, Mitmenschen anschließend schlechter behandelten, als es die Kunden konventioneller Lebensmittel taten. Die kanadischen Forscher erklären in der Studie ein generelles Muster menschlichen Verhaltens. Wer moralisch handelt und sich zum Wohle anderer verhält, leitet daraus häufig das Recht ab, gegen Normen zu verstoßen.

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Jurassic Church

Auf dem Rückweg von Nürnberg heute morgen (mit Alan Roxburgh und Daniel Hufeisen im Dürerhaus und St. Lorenz) kam das Gespräch auf verschiedene aktuelle Ansätze, die Unzufriedenheit mit den bestehenden Kirchen und Gemeinden zu überwinden, indem man in einem Anflug von Idealismus und aus einer gewissen Romantik die Uhr zurückdreht, um vorkonstantinische Unschuld und Ursprünglichkeit wieder herzustellen.

Das Projekt erinnert an Jurassic Park: Wir spüren die urchristliche, reine DNA der neustestamentlichen Kirche auf und klonen sie daraufhin – strikt organisch, natürlich! – für das 21. Jahrhundert. So richtig neu ist der Ansatz nicht, leider hat er auch nie richtig funktioniert. Zudem ist er so „modern“ wie es nur geht. Wir werden die Geschichte nicht los, indem wir sie ignorieren. Um mit ihrem Ballast richtig umzugehen und ihre Schätze zu würdigen und zu bewahren, müssen wir sie kennen und können nicht tabula rasa spielen, auf der es nur uns und das neue Testament gibt. Sonst verspielen wir nur den Reichtum und wiederholen die Fehler.

Kurz: Der Sprung über den „garstigen breiten Graben“ ist eine Nummer zu groß. Ad Fontes gerne, aber wer ernsthaft organisch denkt, muss den Weg des Glaubens durch die Geschichte mit einbeziehen und die Jahresringe dran lassen, wenn die Pflanze leben soll. Unsere Klone wären entweder nicht lebensfähig oder gar irgendwelche Monster. Auf beides lässt sich verzichten.

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Gehandicapt

Montag vor einer Woche bin ich an einer unbeleuchteten Straßenbaustelle vom Rad gestürzt und habe dabei den linken Arm gebrochen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, es ist zwar lästig, aber kein Beinbruch. Leider kann man einen kaputten Arm nicht zur Reparatur in der Klinik abgeben und nach ein paar Wochen gesund wieder abholen…

Seither ist alles etwas umständlicher geworden: Der Oberarmgips macht Dinge, die ich sonst „mit links“ schaffe, zuweilen unmöglich. Mails und Blogposts geraten sehr kurz. Schlafen war lange ein Problem und die Einladung eines Freundes zum Joggen musste ich auch schweren Herzens ausschlagen.

Das Wochenende mit Alan Roxburgh wird von vielen lieben Helfern gerettet und ich darf mich aufs Übersetzen beschränken. Ich habe neue Schuhe mit Klettverschluss und zuhause werde ich liebevoll geholfen und freundlich aufgezogen.

Und so Begriffe wie das schöne alte Wort „behende“ klingen plötzlich auch ganz anders…

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Paulus verstehen

Gute Neuigkeiten vom Büchermarkt: Rainer Behrens hat nach Simply Christian (dt.: Warum Christ sein Sinn macht) ein weiteres allgemeinverständliches Buch von N.T. Wright übersetzt – eben ist der Klassiker Worum es Paulus wirklich ging („What St Paul really said“) im Brunnen-Verlag erschienen.

Ein gut geschriebener, inspirierender Einstieg in das Denken des Paulus zwischen jüdischem Hintergrund und seiner Verkündigung an die heidnische Welt. Sehr zu empfehlen!

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Gefahr vom Altar

Eines meiner Kinder berichtete neulich von einem Lehrer, der einen Mitschüler im Unterricht derb als „Fettsack“ titulierte. Die Entgleisung blieb offenbar folgenlos, ich war dennoch entsetzt. Lernerfolge nehmen kaum zu, wenn Schüler jederzeit mit solchen Abfälligkeiten rechnen müssen.

Das alles verblasst jedoch momentan angesichts täglich neuer Hiobsbotschaften aus Schulen im ganzen Land. Die SZ berichtet aktuell über das Internat der Regensburger Domspatzen und den ehemaligen Leiter der Vorschule dort. Unbegreiflich fand ich etwa diese Notiz:

Der Schüler aus den Sechzigern erinnert sich: „Als Meier bei der Frühmesse kurz vor der Wandlung ein Wispern vernahm, schleuderte er die goldene Patene, den Teller, auf dem die Hostie lag, wie einen Diskus in Richtung des vermeintlichen Störenfrieds, der es mit der scharfen Kante an die Schläfe bekam.“

Zum Stellenwert von „Ordnung“ habe ich mich gerade erst geäußert. Wem die Schüler nicht heilig sind, dem ist es das Sakrament wohl auch irgendwann nicht mehr. Die Patene wird zur Waffe und die Messe wird pervertiert – durch den unheiligen Zorn aller positiver Symbolik beraubt.

Aber der erste Schritt in diese Richtung ist schon mit abfälligen Worten wie „Fettsack“ getan.

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Wieviel „Ordnung“ hatte das Paradies?

In den letzten Monaten ist mir immer wieder einmal der Begriff der „Schöpfungsordnung“ begegnet. Dabei werden Genesis 1 und 2 in erster Linie als ein (wenigstens in Annäherung zu erreichender) Idealzustand angesehen. Praktisch fällt der Begriff meistens im Blick auf Ehe und Familie sowie das Verhältnis der Geschlechter. Paulus etwa zieht in 1. Kor 11 eine steile Schlussfolgerung, die heute nur noch von wenigen befolgt wird – Christen stehen in der Kopftuchdebatte doch wohl mehrheitlich auf der Seite der Kopftuch-Kritiker.

Da man sich also leicht vergaloppiert, habe ich mich gefragt, ob „Ordnung“ im Sinne von „Vorschrift“ nicht vielleicht doch nur ein Randthema dieser Erzählung ist. Eigentlich gibt es ja nach Genesis 3 bloß eine einzige Vorschrift – und mit der Fixierung darauf fangen alle möglichen Probleme dann ja erst an.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass wir die Ordnung nur selektiv befolgen, ist die Tatsache, dass vegetarisch zu leben für Christen bestenfalls optional ist. Nach dem Buch Genesis jedoch essen die Menschen erst nach der Sintflut Fleisch (Gen 9,3); sonst hätten viele Tiere – was auch immer die dann zu sich nahmen – kaum heil die 7 Monate an Bord der Arche überstanden. Nachdenklich macht auch, dass nicht nur die Kleidung später kam, sondern auch Sex und Fortpflanzung erst nach dem Fall stattfinden.

Wie viel „Ordnung“ steckt also wirklich im Paradies? Oder welche anderen Leitmotive lassen sich finden, um diese Geschichten richtig zu verstehen?

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