Weisheit der Woche: Auf Nummer sicher

Der moderne Mensch, auf jeden Fall der Bundesbürger, ist ein anspruchsvoller Kunde. Nie ist er sich sicher, ob die Partnerbeziehung, die er gerade hat, wirklich schon die beste ist. Im Job gäbe es auch noch dies oder das zu erreichen, bevor man sich an den Wickeltisch fesselt. Und wer garantiert uns eigentlich, dass unser Wunschkind auch wirklich erste Qualität wird?

(…) Es gibt aber noch ein anderes Risiko, dem sich gerade jene aussetzen, die glauben, ohne Kinder auf Nummer sicher zu gehen: Ihnen droht das Leben zu entgehen, das sie leben könnten.

Zeit Online zu den Hintergründen sinkender Geburtenraten

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Komm, Schöpfer Geist

Komm, Heilger Geist, o Schöpfer du,
sprich den bedrängten Seelen zu:
erfüll mit Gnaden, süßer Gast,
das Herz, das du geschaffen hast.

Der du der Tröster bist genannt,
des allerhöchsten Gottes Pfand,
du Liebesglut, du Lebensbronn,
du Herzenslabung, Gnadensonn.

Du siebenfaches Gnadengut,
du Hand des Herrn, die Wunder tut;
du lösest aller Zungen Band,
gibst frei das Wort in alle Land.

Zünd unsern Sinnen an dein Licht,
erfüll uns mit der Liebe Pflicht,
stärk unser schwaches Fleisch und Blut
mit deiner Gottheit Kraft und Glut.

Den Feind aus unsrer Mitte treib,
mit deinem Frieden bei uns bleib,
führ’ uns auf deiner lichten Bahn,
wo uns kein Unheil schaden kann.

Lehr uns den Vater kennen wohl
und wie den Sohn man ehren soll;
im Glauben mache uns bekannt,
wie du von beiden bist gesandt.

Ehr sei dem Vater, unserm Herrn,
und seinem Sohn, dem Lebensstern,
dem Heilgen Geiste gleicherweis,
sei jetzt und ewig Lob und Preis.

Angelus Silesius nach dem lateinischen Veni Creator Spiritus

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In den letzten Zügen

Heute kam der Prospekt, und jetzt darf ich es verraten: Ich sitze an den letzten Seiten meines neuen Buchs, das unter dem Titel „Kaum zu fassen – eine kleine Reise durch die große Welt des Glaubens“ im Herbst beim adeo-Verlag erscheinen wird.

In den letzten fünf Jahren habe ich meine Vorstellungen von Gott, Glaube, Christsein und allem drum herum noch einmal komplett neu durchbuchstabiert. Und endlich in eine strukturierte und lesbare Form gebracht – sagt zumindest mein 16-jähriger Sohn, dessen Leidenschaft zurzeit eher der Fußball als der akademische Diskurs ist.

Wer selber am Buchstabieren ist und nach ein paar Anregungen sucht, wird hoffentlich seinen Spaß daran haben. Und wer nach einem Buch sucht, das man einem nichtchristlichen Freund schenken kann, ohne damit die Beziehung zu gefährden, kann auch mal einen Blick hinein werfen, wenn es im September erscheint. Wer regelmäßig diesen Blog liest, dem könnte die eine oder andere Stelle eh bekannt vorkommen.

An Pfingsten hat Inspiration ja quasi Saison. Ich werde mich also dahinterklemmen, dass das letzte Kapitel noch einmal richtig gut wird. Nächste Woche will ich fertig sein. Gegen Gebetsunterstützung habe ich keine Einwände, falls jemand von Euch…

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Auf offener Straße

Der ökumenische Kirchentag letzte Woche war eine veritable Großveranstaltung. Unter so vielen Leuten kann man sich auch mal verloren fühlen. Zum Beispiel, wenn man verspätet durch die Straßen der Isarvorstadt irrt und die Frauenlobstraße sucht. Ich stand an einer Ecke über meinen Stadtplan gebeugt, als hinter mir eine Frauenstimme im breiten oberbayerisch fragte: „Sind Sie aus Erlangen?“ Es stellte sich heraus, dass die Frau vor ein paar Jahren einen Alpha-Kurs in unserer Gemeinde mitgemacht und mich nach all der Zeit wiedererkannt hatte.

Fast habe ich mich wie der Mann von der Humbug-Mülleimer gefühlt…

Abends dann fuhr ich mit dem ICE nach Erlangen und mit dem Stadtbus weiter. Ein Ehepaar stiegt mit mir zusammen aus und die Frau sagte plötzlich zu mir: „Sie waren auch auf dem Kirchentag“. Ich nickte und überlegte, ob ich noch mein Kärtchen oder ein anderes sichtbares Zeichen meiner Teilnahme umhängen hatte – Fehlanzeige. Wir kamen kurz ins Gespräch und stellten fest, dass wir nur etwas 200m von einander entfernt wohnen, dass sie in eine Gemeinde am Ort geht, aber auch schon einmal unseren Gottesdienst besucht hatte. Jetzt wissen wir von einander.

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Homosexualität: Trägt das Schöpfungsargument?

Uli Eggers stellt in seinem einleitenden Artikel zum „Dossier Homosexualität“ im aktuellen Heft von „Aufatmen“ die entscheidende Frage: „Sind wir im wissenschaftlichen und theologischen Gespräch auf Stand und kennen die Argumente anderer Christen, die unsere Sicht nicht teilen? Haben wir tragende Antworten, die auch noch für unsere Kinder nachvollziehbar sind?“ Ich fühle mich zwar in keiner Hinsicht als Fachmann, fand gleichwohl, die Argumente anders Denkender hätten ruhig ausführlicher dargestellt werden können. Um diese selbst zu referieren, muss ich mich erst noch weiter einlesen, daher hier einstweilen ein weiterer prüfender Blick auf die Argumentation des Dossiers selbst.

Ich habe mich letzte Woche mit der Frage befasst, welche Gültigkeit die Vorschriften aus Levitikus 18-20 für uns heute haben und bin dabei auf größere Schwierigkeiten in der Anwendung gestoßen (zur jüdischen Auslegung des Gesetzes habe ich übrigens heute diesen Bericht in der taz gefunden). Anstatt nun weiter ins Neue Testament zu gehen, möchte ich zurück ins Buch Genesis. Denn beim Lesen in den Beiträgen des Dossiers hatte ich das Empfinden, dass der tiefere, eigentliche Grund für die negative Sicht von Homosexualität darin liegt, wie die Schöpfungsgeschichte hier verstanden wird. Was Paulus dann in Römer 1 und 1. Korinther 6 schreibt, kommt nur noch erschwerend dazu.

1. Die These und ihre Implikationen

Die Logik, und ich hoffe, dass ich das nun skizziere, aber nicht karikiere, ist folgende: Gott hat die Menschen als Mann und Frau geschaffen und sie dazu bestimmt, sein Ebenbild zu sein. Markus Hofmann schreibt in seinem Beitrag (S. 51) unter Verweis auf Johannes Paul II, die Gemeinschaft von Mann und Frau sei „die höchste Offenbarung des ebenbildlichen Seins und Existierens des Menschen, die Gott von Anfang an gemeint hat.“ Und Christoph Raedel (S. 61): „Die Gottebenbildlichkeit des Menschen verwirklicht sich im Aufeinander-Bezogen-Sein des männlichen und weiblichen Geschlechts.“

Mann- und Frausein wird hier komplementär verstanden. Männer als Männer (und Männer unter Männern) beziehungsweise Frauen als Frauen (und Frauen unter Frauen) sind also nur eine eingeschränkte Form von Ebenbild. Um Gott vollkommen widerzuspiegeln müssen Mann und Frau zusammenkommen – die (so verstanden ja buchstäblich „heilige“) Familie. Und was würde diese These schöner belegen als die Tatsache, dass zur Zeugung neuen Lebens Vater und Mutter gebraucht werden?

Das ist auf den ersten Blick ein sehr ansprechender Gedanke, weil er mit der Komplementarität auch die Parität der Geschlechter zu betonen scheint: Männer und Frauen brauchen einander, Kinder brauchen zur gesunden Entwicklung auch beide Bezugspersonen. Allzu patriarchalische Thesen lassen sich damit widerlegen, eheliche Treue wird dagegen geadelt.

Die unvermeidliche Konsequenz im Blick auf Homosexualität lautet dann freilich, dass dieses Verhalten (das von der Neigung konsequent unterschieden wird) das Bild Gottes im Menschen verdunkelt oder entstellt. Das wird gegebenenfalls dadurch leicht relativiert, indem man hinzufügt, das sei auch nicht schlimmer als andere Dinge wie … – und dann kann man beliebige andere Tat- und Unterlassungssünden einsetzen, an die wir uns ein bisschen zu sehr gewöhnt haben. Es bleiben also aus dieser Sicht nur die schon beschriebenen zwei legitimen (Aus-)Wege: Eine Veränderung der Neigung bzw. sexuellen Orientierung (und damit die Rückkehr zum biblischen Urbild) oder ein enthaltsames Leben als Single.

2. Die Aporien dieser These

Aus zwei Gründen erscheint mir diese Argumentation unbefriedigend:

Erstens wird uns im Neuen Testament unisono Christus als „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ vor Augen gestellt. Wäre die Komplementaritätslogik im Blick auf Genesis 1 richtig, hätte Gott dann nicht als Ehepaar in die Welt kommen müssen?

Dass die katholische Theologie, die hier Maria immer noch ins Spiel bringen (oder sich zumindest gut sichtbar an der Seitenlinie der Gotteslehre warmlaufen lassen) kann, den Gedanken der Komplementarität nicht ganz aufgibt, mag diese Spannung noch lindern. Ebenbildlichkeit ist aber streng christologisch zu verstehen. Als Evangelischer hat man nun die Wahl, ob man sagt, Gott ist eben doch eher männlich – und dann greift man vielleicht auf das antike Paradigma vom Mann als dem aktiven und der Frau als dem passiven Part zurück und sagt, im Blick auf Gott (etwa als actus purus) sind wir ja alle passiv, „weiblich“, die „Braut“ aus der Offenbarung des Johannes und dem Brief an die Epheser (was – noch weiter gedacht – sofort die Frage aufwirft, ob solche Redeweisen von Braut, Hochzeit, ehelicher Liebe und Treue am Ende gar implizieren, dass zwischen Gott und Menschheit ein solch komplementäres Verhältnis besteht, in dem einer – problematisch wird der Gedanke im Blick auf Gott – ohne den anderen nicht „vollständig“ ist).

Oder – und das läge mir jetzt viel näher – man sagt eben, Gott steht jenseits all dessen, was menschliche Geschlechtlichkeit ausmacht. Er ist auch mehr als nur die komplementäre Einheit der Unterschiede (als ginge es um eine Art Yin und Yang). Der Gott, der sich in Christus offenbart, kann sich in einem Mann genauso wie in einer Frau widerspiegeln und natürlich erst recht in seiner Kirche aus vielen Männern und vielen Frauen – aber diese Unterscheidung erscheint nie allein, sondern sie wird (etwa in Galater 3,28) durch soziale (Sklaven/Freie) und ethnische (Juden/Griechen) Kategorien eingerahmt, die damals in der Regel ebenfalls durch qua Geburt galten. Was wiederum zeigt, dass es sich hier um Geschlechterrollen handelt und diese nicht als biologisches, sondern als kulturelles Phänomen begriffen werden. Die körperlichen Unterschiede bleiben ja bestehen.

So würde sich zweitens auch leichter erklären, warum Jesus im Blick auf die kommende Welt (oder die „Ewigkeit“) die Ehe relativiert und – das wird in diesem Zusammenhang oft vergessen – natürlich nicht zur Flucht aus der Ehe oder Untreue ermuntert, aber die damals so mächtigen Familienbande zugunsten der Nachfolge relativiert und zölibatäres Leben als gleichwertige Option der Lebensgestaltung unter Gottes Verheißung verstanden wird.

Es spricht also alles dafür, dass Gott sich auch für Jesus im einzelnen Menschen wie auch in der Gesamtheit des Gottesvolkes widerspiegelt, Ehe und Familie dagegen keine eigene, darüber hinaus gehende „Offenbarungsqualität“ besitzen. Sonst wäre ja zu erwarten, dass sich dieses Element verstärkt, wenn Gottes Herrschaft in ihrer ganzen Fülle kommt. Zudem wäre die oben erwähnte Aufforderung zum zölibatären Leben ja auch nur eine sehr unbefriedigende Lösung für den Fall, dass heterosexuelles Empfinden fehlt. Die geforderte Ergänzung bleibt ja in jedem Fall aus. Und selbst wenn es so wäre – ergibt sich daraus denn zwingend der Schluss, dass eine Partnerschaft unter Männern oder unter Frauen, anders als der bewusste Verzicht, das Ideal der Ergänzung noch viel umfassender untergräbt oder verfehlt?

3. Ein Blick in die Urgeschichte

In der Regel wird die biblische Urgeschichte heute als Antwort Israels auf altorientalische Schöpfungsmythen wie das Gilgamesch-Epos verstanden, die deren Projektionen entlarven und die Götterwelt entzaubern (die interessanterweise aus männlichen und weiblichen Göttern besteht, die einander begehren, betrügen oder bekriegen). Mein Eindruck ist, dass Homosexualität hier gar nicht in den Blick kommt, auch nicht in Abgrenzung gegen das Heidentum. Vielleicht aber sehen wir eine Distanzierung vom sexualisierten Gottesbild der Nachbarvölker. Die erste biblische Erzählung hat einen sehr universalen Horizont, die zweite spiegelt die Lebenswelt des Ackerbauern wider. Sowohl in Genesis 1 als auch in Kapitel 2 treffen wir auf die grundlegende Dualität der Geschlechter. Im ersten Kapitel wird festgehalten, dass die Menschheit aus Mann und Frau besteht:

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

Geschlechtlichkeit als biologische Gegebenheit ist etwas, das wir Menschen mit den Tieren (die ja im Kapitel 7 auch paarweise in die Arche kommen) gemeinsam haben, aber eben nicht mit Gott. In puncto Ebenbildlichkeit steht der Mensch hier nämlich im Singular. Will man aus diesen Sätzen eine Kritik homosexueller Beziehungen ableiten, dann müsste man aus Sicht von Gen 1 wohl das Argument der fehlenden Fruchtbarkeit anführen. Nur ist es heute ja so, dass wir zwar das Leid unwillentlicher Kinderlosigkeit achten, es aber nicht mehr als einen lebensmindernden Fluch begreifen. Die meisten Christen haben zudem einen pragmatischen Umgang mit Empfängnisverhütung gefunden.

In Genesis 2,20-24 wird etwas mehr über Mann und Frau gesagt, der Text wird ja bei jeder Trauung vorgelesen:

Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht. (21) Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. (22) Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. (23) Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen. (24) Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch.

Der Aspekt Fruchtbarkeit wird hier gar nicht thematisiert, sondern die Frage des passenden Gegenübers. Interessanterweise wird „passend“ hier ausdrücklich im Sinne von „Ähnlichkeit“ verstanden und nicht im Sinne komplementärer Differenz – denken wir nur an Luthers Übersetzung „Männin“. Beim Mann/Menschen dagegen wird das Bedürfnis nach einer intimen Bindung hervorgehoben. Intimität ist im Vergleich zur Sexualität der tiefere, umfassendere und dauerhaftere Antrieb im Menschen. Wir müssen also Sexualität von Intimität her denken, nicht umgekehrt – von der Sehnsucht also, sich einem Gegenüber in der Tiefe zu offenbaren und mitzuteilen, sich zu verschenken und von einem anderen beschenken zu lassen. Das hat nun für mein Empfinden weder etwas spezifisch Männliches noch typisch Weibliches, sondern Männer und Frauen sind sich darin ja gerade gleich.

Dass hier nur von Mann und Frau die Rede ist, kann man nun entweder deskriptiv verstehen – Menschen gibt es nun einmal als Männer und Frauen und der statistische „Normalfall“ (wer wollte das bestreiten?) bleibt natürlich die heterosexuelle Paarbeziehung – oder aber präskriptiv als Ordnung, als das einzig gewollte und erwünschte Muster. Das aber, so scheint mir, ist eine Entscheidung des Auslegers und wohl auch seines kulturell geprägten Vorverständnisses.

Ach ja, in den Kommentaren bitte wieder beim Thema bleiben und Diffamierungen aller Art meiden…

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Relativismusrhetorik

Ich kuriere meinen Kirchentagshusten und lese Berichte über die zurückliegenden Tage – diesen etwa: Der Würzburger Bischof Hofmann kritisiert seinen Bamberger Kollegen Schick. Der konnte sich die Lockerung des Pflichtzölibats für Priester vorstellen und hat damit die Mehrheit der Gläubigen auf seiner Seite. Hofmann versucht nun den Konter mit dem folgendem, bestens bekannten Mantra selbstisolierender Hierarchien:

«Aber es kann nicht darauf hinauslaufen, dass Mehrheitsentscheidungen die Frage der Wahrheit beantworten.»

Mir ist noch nicht ganz klar, welche „Wahrheit“ in diesem Fall unter die Räder kommen sollte: Verheiratete Apostel in der Bibel? Der eklatante Priestermangel in unseren Breiten? Das problematische Image der Katholischen Kirche in der Öffentlichkeit? Die individuellen Tragödien, die diese mittelalterliche Regelung verursacht hat?

Es ist wohl – nicht nur unter Katholiken – ein konservativer Reflex, immer das Relativismusgespenst an die Wand zu malen. Am Freitag abend saß ich in der überfüllten Halle B1 und hörte den aufmüpfigen Alten Küng und Moltmann zu. Die warteten nicht mit neuen Thesen auf, machten aber noch einmal engagiert deutlich, dass man das Rad nicht zurückdrehen kann und viele Reformen von der kirchlichen Hierarchie und dem bürokratischen Apparat schon seit Jahrzehnten verschleppt und torpediert werden.

So demütig die Bereitschaft klingt, sich als Minderheitenkirche in einer pluralistischen Gesellschaft einzurichten, so mulmig ist mir bei dem Gefühl, das könne vor allem dem Bedürfnis geschuldet sein, nichts ändern zu müssen.

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Weisheit der Woche: Wahrheit als Beziehung

Ich fürchte, wir werden immer Widerstand entwickeln gegen Wahrheit als Beziehung und als Praxis und es vorziehen, Wahrheit mit abstrakten Ideen zu verbinden. Abstrakte Aussagen bieten dem Ego eine Menge Vorteile: Wir können scheinbar alles im Griff behalten; wir können vom Kopf her leben; wir können es vermeiden, ganz grundsätzlich oder wenigstens einen bestimmten Menschen zu lieben; wir können jeglichem Humor, jedem Paradox und aller Freiheit aus dem Weg gehen. Dann gestehen wir nicht einmal mehr Gott die Freiheit zu, über die Stränge unserer abstrakten theologischen Schlussfolgerungen zu schlagen.

Richard Rohr, Ins Herz geschrieben, S. 103

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Samstag in München?

Viele sind gerade unterwegs zum ökumenischen Kirchentag nach München, manche sind sogar schon da. Ich selbst buddele mich gerade durch das üppige Programm und versuche, mich zwischen den vielen interessanten Veranstaltungen zu entscheiden.

Für alle, die noch nicht völlig zugeplant sind: Wer Samstag nachmittag Lust hat beim Zentrum „Zukunft der Kirche vor Ort“, trifft mich und weitere Leute von Emergent Deutschland dort mit einer kurz(weilig)en Präsentation und der Möglichkeit zum Reden und Diskutieren. 16.00 bis 17.30 Uhr in der Friedenskirche (Isarvorstadt) – alles Wissenswerte steht hier.

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Heiße Eisen und gute Argumente

Ich habe in den letzten Wochen mit ein paar Leuten über das „Dossier Homosexualität“ in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Aufatmen gesprochen. Die Autoren der verschiedenen Beiträge sind alle miteinander der Auffassung, dass Homosexualität an sich in der Bibel als falsch bewertet wird und für Christen, die das ernst nehmen, daher zwei Optionen bestehen: Enthaltsamkeit oder das Ringen um eine Veränderung der sexuellen Orientierung, das sie – im Gegensatz zur derzeit landläufigen Meinung – für möglich halten.

Egal welche Position man vertritt, es kommt in dieser Frage auf saubere Argumentation an. Missverständnisse und Verurteilungen gab es von allen Seiten schon reichlich. Jüngst erst bezeichnete der konservativ-reformierte John Piper einen Tornado in Minneapolis als Gottes Antwort auf die zeitgleiche Öffnung der in unmittelbarer Nähe tagenden US-Lutheraner für Pastoren, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben. Das Beweisfoto einer abgeknickten Kirchturmspitze liefert er gleich mit.

Nun sind mir beim Lesen des Beitrags über „Homosexualität in der Bibel“ ein paar Fragen gekommen, die ich hier zur Diskussion stellen will. Theologische Argumente sind meteorologischen sicher vorzuziehen. Vorab aber die Bitte an alle, die unten dann kommentieren, sachlich bei den angeschnittenen Fragen zu bleiben und im Ton alle Polemik zu vermeiden, davon gibt es anderswo mehr als genug. Ich beschränke mich in diesem Post auf die Auslegung von Leviticus 18,22 („Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“ – ähnlich Lev. 20,13)

Im ersten Argumentationsgang wird die Frage abgewiesen, ob Homosexualität hier als mutwillige Tat oder als eine Neigung und Empfinden verstanden wird, das allen willentlichen Entscheidungen vorausgeht. Dazu verweist der Autor Christoph Raedel auf Jesu Verbot der Ehescheidung, aus dem er mit Pannenberg die Norm für alles geschlechtliche Verhalten ableitet. Sprich: Es gibt die Ehe von Mann und Frau und alles andere ist Sünde. Der Punkt ist insofern aufschlussreich, als der Verweis auf die „Schöpfungsordnung“ das implizite Grundargument in dieser Frage darstellt. Jesus, der zu Homosexualität nichts gesagt hat, wird auf diese Weise in das Argument eingebunden. Betrachtet man den Kontext von Mk 10,2-9, dann liegt die Aussageabsicht aber an einer ganz anderen Stelle, nämlich dem Schutz der Frauen vor den Launen ihrer Männer und der jüdischen Scheidungspraxis, in der zwar Männer ihre Frauen verlassen konnten, aber nicht umgekehrt. Es hat also eine gewisse emanzipatorische Funktion. Der Gegensatz (das war es in diesem Fall) Mann/Frau ist von daher vorgegeben. Ob man daraus ableiten kann, dass Jesus hier implizit auch homosexuelle Partnerschaften verurteilt, scheint mir eher fraglich.

Im zweiten Schritt weist Raedel eine Orientierung an der Frage der „Mannesehre“ ab. Denn in Lev 18 werden tatsächlich nur Männer angesprochen. Er verhandelt sämtliches Verhalten (hier werden sexuelle Beziehungen zu verschiedenen Graden von Angehörigen untersagt, aber zwischendurch auch Verkehr mit der eigenen Frau während der Regelblutung, Sex mit Tieren und das Opfern von Kindern für den „Moloch“) unter dem Stichwort „Grenzverletzung“. In diesem Fall eben die Verletzung der „Geschlechterzuordnung“. Damit sind wir wieder beim Schöpfungsargument und müssten uns also mit Genesis 1-2 befassen. Etwas unglücklich scheint mir, dass an dieser Stelle die Parallelität zum Inzest und zur Sodomie betont wird.

Drittens sei das zentrale für die Verurteilung von homosexuellem Verhalten nicht in der Unfruchtbarkeit (Kinderlosigkeit war ein großer Makel im alten Orient) zu suchen, meint Raedel, sondern in der Verletzung der Rollenordnung. Hier wird wieder auf Inzest verwiesen und das Verbot der Kinder- bzw. Menschenopfer, in denen auch die Rollen verletzt werden.

Viertens sei hier nicht nur von Kultprostitution die Rede, so dass nichtkultische sexuelle Beziehungen davon unbenommen blieben, obwohl dies, wie Raedel zugesteht, die häufigste Form gewesen sei, in der Israel homosexuellen Verkehr kennengelernt habe. Es sei nicht von ritueller, sondern moralischer Verunreinigung die Rede, daher könne auch keine kultische Sühne durch Reinigung und ggf. Opfer erfolgen, sondern der Tod sei die einzig mögliche Konsequenz. Das steht auch so in Lev 18, gilt aber eben auch für den Mann, der seiner Frau während ihrer Tage zu nahe kommt! Ich hätte mir hier noch eine Aussage dazu gewünscht, ob und in welchen Fällen Raedel die Todesstrafe heute für angemessen hält. Das ist doch eine recht happige Drohung, die auch im heutigen Judentum nicht mehr so wörtlich genommen wird. Es ist mit Sicherheit aber ein Text, mit dem über Jahrhunderte harte Ausgrenzung gerechtfertigt wurde und der immense Ängste hervorgerufen hat und bis heute noch hervorruft – und wenn Raedel ein paar Absätze weiter (unnötig, wie ich finde) mit dem Neutestamentler Richard Hays Homosexualität als „Sakrament der Antireligion“ bezeichnet, werden all diese Ängste durch die steile Aussage schlagartig wach und apokalyptische Horrorvisionen gesellen sich noch dazu.

Aber zurück zu Levitikus 18. Meine Anfragen zu den Punkten 2-4 sind nun folgende:

  • Generell haben Christen das alttestamentliche Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26) nicht mehr als verbindlich angesehen, nur ist Lev 18 eben die wichtigste Aussage zu irgendeiner Form von Homosexualität in der jüdischen Bibel. Die Frage ist, ob man sich diesen einen Punkt aus dem Kontext herauspicken darf und den Rest – angefangen beim Strafmaß – dann doch ignorieren – zum Beispiel, indem man sich den Bart stutzt (Lev 19,27)?
  • Eine Tendenz dieser Aussagereihe (und von Raedels Insistieren auf der Behandlung dieses Textes) ist, dass wer Homosexualität nicht für ein Gräuel hält, damit auch anderen Dingen wie sexuellem Missbrauch von Kindern Tür und Tor öffnet. Nur argumentieren die wenigsten von uns beim Thema Kindesmissbrauch mit Lev 18, sondern mit dem offenkundigen Schaden, den dieses Verhalten anrichtet. Und Kinderopfer sind durch das Verbot des Tötens, das Jesus unmissverständlich verschärft hat, wie auch durch die Tatsache, dass das Christentum überhaupt keine blutigen Opfer mehr zulässt, auch problemlos ohne Lev 18 zu begründen. Müssten wir hier nicht doch eher fragen, welcher offenkundige Schaden denn entsteht – für die Betroffenen wie die Allgemeinheit?
  • Drittens würde ich mit Miroslav Volf unterscheiden zwischen Geschlechtlichkeit, die biologisch im männlichen und weiblichen Körper (Chromosomen, Geschlechtsorgane, Hormonhaushalt) begründet ist, und den kulturell bedingten Geschlechterrollen (im Englischen „gender“). Das eine ist da, das andere machen wir daraus. Wenn nun Raedel von der Verletzung der Rollen und Geschlechterordnung spricht, meint er Letzteres, erklärt es zugleich aber – und da wird es eben schwierig – wie Ersteres für unveränderbar. Freilich haben sich unsere Vorstellungen von Mann- und Frausein und die Deutung der anatomischen Unterschiede längst gewaltig geändert. In der alten Welt etwa galt der Mann beim Geschlechtsakt als der aktive, die Frau als der passive Teil. Das sehen und erleben viele Paare (und selbst christliche Eheratgeber) heute anders. Haartracht und Kleidung (auch bei Paulus noch ein Thema) haben sich gravierend verändert, ebenso die Bewertung von Fruchtbarkeit und Kinderlosigkeit.

Volf schreibt zur Frage der Geschlechterrollen (Exclusion and Embrace, S. 182):

Biblical „womanhood“ and „manhood“ – if there are such things at all, given the diversity of male and female characters and roles that we encounter in the Bible – are not divinely sanctioned models but culturally situated examples; they are accounts of the successes and failures of men and women to live out the demands of God on their lives within specific settings. This is not to say that the biblicals construals of what men and women (of what men and women as men and women) should or should not do are wrong, but that they are of limited normative value in a different cultural context, since they are of necessity laden with specific cultural beliefs about gender identity and roles.

Manches davon schwingt wieder mit, wenn es um die Frage geht, was in Römer 1,26ff mit „natürlich“ und „widernatürlich“ gemeint ist. Für heute lasse ich es bei der Frage, ob das Buch Levitikus der ideale Einstieg in die schwierige Debatte ist.

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„Missional“, zum x-ten Mal…

… in diesem Fall schön erklärt von Craig van Gelder, Professor am Luther Seminary, interviewt von Alan Roxburgh. Ich war neulich in einem größeren Treffen und musste mich immer wieder wundern, was Leute unter diesem Ausdruck alles verstehen. Klarstellungen sind nach wie vor nötig, vielleicht hilft ja die weiter:

Craig Van Gelder & Alan Roxburgh – What is Missional Church? from Allelon on Vimeo.

Kürzer, simpler ist Tim Keller in diesem Statement – auch schon ein paar Jahre alt. Gut für den Einstieg, aber natürlich geht es – auch für Keller – noch um mehr.

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„Tschüs!“

Dieser aktuelle Werbespot von Ikea veranschaulicht in seltener Klarheit, wie die Konsumkultur funktioniert: Es geht nicht mehr ums Besitzen, sondern ums Kaufen (möglichst exklusiv oder möglichst günstig, je nach Möglichkeit). Und dazu muss man das Alte erst mal loswerden. Man hängt nicht mehr an seinen Sachen, sondern man hat (in merkwürdiger Verdrehung des paulinischen Gedankens), als hätte man nicht. Wenn etwas Neues und Besseres auf den Markt kommt, fliegt der alte Kram eben raus. Wer mit der Zeit geht, der entrümpelt, und vor allem: der kauft.

Die Hintergründe bekommt man sehr schön erklärt bei William Cavanaugh und, wer lieber Deutsch liest, von Thomas Weißenborn.

Hier das Gegenbild zur Ikea-Logik: Story of Stuff – auf Deutsch:

Story of Stuff – German from UTOPIA AG on Vimeo.

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Wertschöpfung und Wertverlust

Ich sitze gerade über einer Trainingseinheit zum Thema „Umgang mit Dingen“ – Konsum also. Da stoße ich auf diesen schönen Bericht über Jens Mittelsten Scheid, der seinen Reichtum als Vorwerk-Erbe in Stiftungen investiert. Der 68-jährige hasst den ständigen Konsum, trägt zum Kummer seiner Frau bei Beerdigungen noch den Abituranzug – das würde bei vielen aus anderen Gründen scheitern – und hat das „Haus der Eigenarbeit“ in München gegründet, in dem man selbst Dinge machen kann, statt einfach zu konsumieren. Hintergrund der Idee ist, dass wir selbstgemachte Dinge nicht so schnell wegwerfen und Menschen lernen, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen. Mittelsten Scheid sagt:

Menschen sollen die Vielfalt ihrer Fähigkeiten kennenlernen und den Mut fassen, sich stärker einzubringen.

Ein anderer sehr aufschlussreicher Artikel steht diese Tage in der Zeit ein Kommentar von Pavlos Klimatsakis, der den Deutschen die Misere Griechenlands erklärt. Der Hintergrund ist für Klimatsakis ein Identitätsproblem. Seit der Befreiung von osmanischer Herrschaft ist es dem Land, dem wir die Grundlagen unserer europäischen Kultur verdanken, nicht gelungen, in der Bildung aufzuholen und eine starke Identität aufzubauen. Nach dem zweiten Weltkrieg orientierte man sich nach Westen, wurde in die EU aufgenommen, bekam den Euro. Und verlor im Konsumrausch alle traditionellen Werte:

Obwohl die Präsenz Griechenlands in der EU ein in wirtschaftlicher Hinsicht wirklicher Gewinn für das Land war, nahm die Mentalität des Volkes gleichzeitig eine unerwartete nihilistische Wende. Bis vor dreißig Jahren hat die kulturelle Tradition, die sich hauptsächlich dem orthodox-christlichen Credo verdankte, dem Volke sittliche Stützen verschafft. Die nähere Bekannschaft mit dem fortgeschrittenen Westen, Europa und USA, hat in den letzten Jahrzehnten die herkömmlichen Werte und Sitten pulverisiert. Die Griechen haben sich seitdem in regelrechte Betrüger, Lügner und Verleumder gegeneinander gewandelt. Dies betrifft sogar die grosse Mehrheit des Volkes.

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Uneinsichtig

Otto Hermann Pesch äußert sich zum bevorstehenden ökumenischen Kirchentag erfreulich ungeduldig. Hier ein paar Punkte aus seiner umfangreichen Liste:

Wir sehen nicht mehr ein, dass heute noch eine gegenseitige Zulassung zur Eucharistie, zum Abendmahl aus zwingenden theologischen Gründen ausgeschlossen sein soll.
Wir sehen nicht mehr ein, dass ein Kind aus einer konfessionsverschiedenen-konfessionsverbindenden Ehe, das getreu dem Versprechen des katholischen Partners zur Erstkommunion geführt wird, erleben muss, wie der evangelische Elternteil vom Empfang des Sakraments ausgeschlossen ist.
Wir sehen nicht mehr ein, dass, was immer in der Vergangenheit die Gründe gewesen sein mögen, Frauen nicht zum kirchlichen Amt zugelassen werden dürfen.
Wir sehen nicht mehr ein, dass angesichts all der Zufälle und auch Tragödien, die zur heutigen Gestalt des Papsttums geführt haben, die Anerkennung des päpstlichen Primats in Lehre und Disziplin zur Bedingung für eine neue Einheit der Kirche gemacht werden soll.

(Danke an Yotin Tiewtrakul für den Hinweis auf Facebook!)

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