Poet und Prophet

Ab und zu scheint das nicht weit auseinander zu liegen – Walter Wink zitiert in Engaging the Powers einen Brief von D.H. Lawrence aus dem Jahr 1923, in dem dieser die Ereignisse des 2. Weltkriegs zehn Jahre vor Hitlers Machtergreifung schon beklemmend vorausahnt:

In der Nacht spürt man, wie sich in der Dunkelheit seltsame Dinge regen, seltsame Gefühle rühren sich in diesem bislang unbezwungenen Schwarzwald. Du richtest dich auf und hörst in die Nacht hinein. Man spürt eine Gefahr. Es sind nicht die Menschen. Sie wirken nicht gefährlich. Aus der Luft kommt dieses Gefühl von Gefahr, ein merkwürdiges, haarsträubendes Gefühl unheimlicher Gefahr.

Etwas ist geschehen. Etwas ist geschehen, das noch nicht eingetreten ist. Der alte Zauber der alten Welt ist gebrochen… Etwas ist der Menschenseele zugestoßen, ihr ist nicht mehr zu helfen… Es ist ein Schicksal, keiner kann es mehr ändern… Zugleich haben wir es selbst über uns gebracht – durch eine Ruhrbesetzung, durch eine englische Nichtigkeit und einen falschen deutschen Willen. Wir haben es selbst getan. Aber anscheinend war es nicht abzuwenden.

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Football’s coming home…

Torjubel

… so fühlte sich die Übertragung des Deutschlandspiels gestern auf der LED-Wand in Herzogenaurach an. Ich schätze mal, dass gut 2500 Leute den Weg zum Outlet eines großen Sportartikelherstellers gefunden hatten und dort um den Einzug ins Achtelfinale bangten.

Da saßen wir nun mit einem Freund, der bei besagter Firma arbeitet, und sahen ein Spiel (fast) am anderen Ende der Welt, bei dem zwei Mannschaften einen Ball traten und in Trikots aufliefen, die von zwei Firmen in diesem kleinen Städtchen entworfen worden waren. Globalisierung live. Hier ist der Fußball tatsächlich zuhause.

A propos: Gegen England sieht „unsere“ Bilanz ja ganz gut aus bei Turnieren – zuletzt bei der U21 WM. Statt aber die Vergangenheit zu beschwören, muss sich Jogi Löw nun etwas einfallen lassen für Sonntag. Spielt nicht Badstuber lieber Innenverteidigung, und war dort nicht ein ziemlich überforderter Kollege gestern am Rudern?

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Heute schon reformiert?

Harald Freiberger schreibt in der SZ über den Unsinn vieler Reorganisationen am Beispiel eines Stammtischbruders. Der erduldete

… erst das Säulenmodell, dann die zweidimensionale Matrix, danach die dreidimensionale, eine verschlungene Doppelhelix. Die aber stellte sich als zu kompliziert heraus und war eine Woche später wieder abgeschafft. Man kam zurück auf das Säulenmodell, aber diesmal sollten die einzelnen Säulen durch Querstreben miteinander verzahnt werden. Es war eigentlich eine schöne Zeit. Leider bekam das Unternehmen irgendwann Probleme und musste viele Arbeitsplätze abbauen.

Vielleicht liegt es nur an der Literatur, die ich lese, aber zumindest auf dem Papier finde ich auch eine verwirrende Vielzahl von idealen, zumindest aber favorisierten Gemeindestrukturen, und mit der einen oder anderen Idee habe ich auch schon meine Erfahrungen gesammelt. Aber wie wirken solche Diskussionen auf jemand, der das täglich auf der Arbeit über sich ergehen lässt und sich nichts mehr wünscht, als dass seine Gemeinde eine stabile Oase im Treibsand des Lebens darstellt?

Natürlich lässt sich die Erwartung nicht ganz erfüllen. Viele katholische Gemeinden machen zum Beispiel derzeit schmerzhafte Umstrukturierungen durch, bedingt durch Geld- und Priestermangel. Trotzdem (oder deswegen!) sollten Veränderungsprozesse in Gemeinden anders laufen als Reorganisationen in einer Firma. Und man sollte nicht denselben Fehler machen, nämlich zu glauben, dass das Heil schlicht in der neuen Struktur liegt. Wenn sich die Kultur nicht auch verändert – besser noch: zuvor schon verändert hat – wird es schwierig.

Andererseits brauchen Gemeinden zwar keine Umstürze, vermutlich aber durchaus kontinuierliche Veränderung. Je länger alles am gewohnten Platz war, desto irritierter sind wir, wenn wir es dort nicht mehr finden. Je verknöcherter wir sind, desto leichter brechen wir uns etwas, wenn wir stolpern.

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Vorbei ist vorbei. Wirklich!

Meine Frau zitierte neulich einen ihrer Ausbilder mit den Worten „es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben“. Es sind nicht die Ereignisse und Umstände, sondern deren Bewertung heute, die uns glücklich oder unglücklich machen. Martin Seligman schlägt in dieselbe Kerbe. Er kritisiert die Tendenz bei Darwin, Marx und Freud, Menschen als die Summe bzw. das Produkt vergangener Ereignisse zu verstehen. Marx und Freud bezeichnet er als Deterministen. Und er hält es für einen Irrweg, zu glauben, dass ein Stochern im Müll der Vergangenheit seelische Gesundheit in der Gegenwart hervorbringt.

In Wirklichkeit haben Studien ergeben, dass sich schwere Kindheitserlebnisse wie der Verlust eines Elternteils oder eine Trennung der Eltern, Vernachlässigung oder Misshandlung wenn überhaupt, dann nur schwach auswirken auf die zukünftige Zufriedenheit. Selbst Unfälle mit Langzeitfolgen werden innerhalb von einigen Monaten so weit verarbeitet, dass die meisten Menschen hinterher nicht wesentlich unglücklicher sind als zuvor. Sein Fazit: „Negative Kindheitserlebnisse sind nicht schuld an irgendwelchen Erwachsenenkrisen.“

Das Ganze gibt es natürlich auch wieder auf „christlich“: Dann werden Menschen nicht wie bei Jesus durch den Zuspruch von Vergebung kurzerhand befreit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen und eine gute Zukunft zu erwarten, sondern man lutscht die ollen Kamellen der eigenen Biografie, des Familienhintergrunds und der Geschichte von Volk und Nation ohne Ende, um darin irgendeinen verborgenen „Schlüssel“ zu finden, der Heilung und Glück ermöglicht – nicht bekannte Sünden zum Beispiel, gern auch ein paar Generationen zurück und alles andere als zweifelsfrei dokumentiert. Aber meistens kommt man nur frustriert und mit Mistgeruch in der Nase von zurück von diesen inquisitorischen Zeitreisen.

Wer den Grund für sein Unglück in der Vergangenheit sucht, an der ja nichts mehr zu ändern ist, der wir im Blick auf die eigene Zukunft passiv. Er friert ein – erstarrt wie Lots Frau zur Salzsäule. Um aus der unglücklichen Lebensgeschichte eine glückliche zu machen, können wir zwei Dinge tun, sagt nicht nur Seligman, sondern das ist alte christliche Lebensweisheit: Dankbar sein und vergeben. Beides kann man lernen, indem man es übt.

Glaube und Glück stehen übrigens auch in einem signifikanten Zusammenhang, sagt Seligman. Der entscheidende Faktor ist die Zukunftshoffnung, und er zitiert Juliana von Norwich:

Aber alle sollen gesund werden und alles soll gesund werden, und alle Arten von Dingen sollen gut werden … Er hat nicht gesagt »Du sollst den Stürmen des Lebens nicht ausgesetzt sein, du sollst keine Seelenqualen erleiden, du sollst nicht gepeinigt werden«. Sondern er hat gesagt »Du sollst nicht überwältig werden«

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Die „Illusion der Emerging Church“

Spencer Burke schreibt, dass es weder „die moderne Kirche“ gibt, noch eine wirklich fassbare Größe namens „emerging church“. Das unterscheidet sich insofern von verschiedenen anderen Abgesängen und vor allem Abrechnungen, als er um ein differenzierteres Bild der Großwetterlage bemüht ist. Die Kirche insgesamt erlebt einen tiefgreifenden Umbruch, aber in mancher Hinsicht ist auch dieser Umbruch etwas, was sich ständig ereignet.

Anstatt nun die Kontraste zu scharf und statisch herauszuarbeiten, rät Burke zum Lernen und zur Offenheit nach allen Seiten. Sein letzter Absatz gefällt mir gut:

Someday those who are defending the church today will realize that it was the loss of modernity that they were grieving. And those who are so eager to be the torch bearers for the emerging church will be left with a new institution to feed. But for some, the Church will always be the Church and she will continue to surprise us…

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Gewonnene Schlacht

Wir haben einen wunderschönen Apfelbaum im Garten, der seit ein paar Jahren tatsächlich auch Äpfel trägt. Leider wird er jedes Frühjahr von Ameisen kolonisiert, die dort Blattläuse züchten. Mit dem Erfolg, dass die ersten Blätter zerfressen und unansehnlich verkrüppelt sind. Als Gegenmaßnahme binden wir einen grünen Klebstreifen um den Stamm, den die Ameisen nicht überqueren können, ohne festzupappen.

In diesem Frühjahr war es besonders schlimm mit den Läusen. Mehrere Pflanzen waren befallen. Sogar auf dem spröden, robusten Sanddorn sah ich eifrig Ameisen marschieren. Beim genaueren Hinsehen entdeckte ich jedoch keine Läuse auf dem Sanddorn. Vielmehr führte die Ameisenbrücke – auf den Apfelbaum. Denn an einer Stelle berührten sich die Zweige, und die Ameisen hatten den Verkehr einfach umgeleitet. Auf der anderen Seite des Baumes gab es noch eine Brücke von Nachbars Felsenbirne.

Ein Schnitt mit der Gartenschere unterbrach die Verbindung. Die Ameisen liefen den Sanddorn noch ein paar Tage auf und ab – vergeblich. Regen beugte die Apfelzweige und ich musste nachschneiden. Inzwischen ist Ruhe und der Baum kann sich erholen. Ich fühle mich wie ein General, der Brücken gesprengt und so die Nachschublinien der (bösen!) Invasoren unterbrochen hat. Und grüble darüber nach, ob das nicht ein schönes Bild wäre für … ?

Vielleicht wird so ein Schuh draus – frei nach Luther: Du kannst nicht verhindern, dass Ameisen durch deinen Garten laufen. Aber du kannst verhindern, dass sie auf deinem Apfelbaum Läuse züchten.

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Akkusativ- oder Dativpredigten?

Ich denke gerade – dienstlich bedingt – über Versuchungen nach und übers Predigen. Die Schnittmenge beider Wortfelder liegt in der Versuchung zur Akkusativpredigt: Ich predige mich selbst. Meine Vorlieben und Vorurteile, meine Eitelkeiten und meinen Eigensinn. Ein Freund kommentierte neulich eine Predigt so ähnlich. Zwischen den Zeilen des gewollt lockeren Predigers kam für ihn nur heraus „schaut mal, wie toll ich bin – nicht so wie die anderen“. Ich als Prediger lerne, wenn ich dieser Versuchung erliege, bei der Arbeit an meiner Predigt nichts dazu (außer wie man sein Image geschickt poliert). Meine Zuhörer leider noch viel weniger.

Nützlicher sind Dativpredigten, und das bedeutet: Ich predige mir selber (und zugleich natürlich der Gemeinde). Da bin ich dann, wenn es richtig läuft, weder der tolle Hecht noch der arme Wurm, sondern einer, der ringt wie alle anderen. Ich muss das nicht einmal ausdrücklich dazu sagen jedes Mal, sondern ich kann mich einfach zurücknehmen. Ich werde automatisch anders reden, wenn sich das Zentrum von mir zu dem hin verschiebt, um den es tatsächlich geht. Klar kann ich nicht jede persönliche Färbung oder perspektivische Verzerrung vermeiden. Aber das Bewusstsein, dass es zwischen Gottes Wort und meinem immer eine Differenz geben wird, nötigt mir hoffentlich genug Bescheidenheit ab, und öffnet für andere eine Tür, durch die sie selbst gehen und Gott begegnen können.

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Verspielt

Vor ein paar Monaten hörte ich eine Stimme neben mir sagen: „Nanu, eben hatte ich doch noch ein Leben.“ Die Worte stammten vom meinem Sohn und bezogen sich auf ein Computerspiel, da hat man in der Regel mehr als ein Leben. Ich hingegen habe mich damals gefragt, wie viele Leute das auf ihre persönliche Biografie auch so sagen würden.

Einen kennen wir nun: BP-Chef Tony Hayward will „sein Leben zurück„. Da gibt es außer ihm natürlich ein paar Menschen mehr im Zusammenhang mit der beispiellosen Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Und nachdem viele deutlich schlimmer betroffen sind als Hayward, wird ihm sein Wunsch nach einem sorgen- und stressfreien Leben mit entspannten Runden auf dem Golfplatz zu Recht verübelt. Man muss sich die Dimensionen des hässlichen Flecks immer wieder mal klar machen.

Hayward hat den Unfall nicht verursacht, aber er ist für die Folgen selbstverständlich verantwortlich und wird dafür ja sehr gut bezahlt. Er darf sich seinen geregelten Alltag gern zurückwünschen, wenn zuvor auch alle Fischer wieder gut schlafen, weil der letzte Dreck beseitigt ist und das Ökosystem sich wieder erholen kann. Erst wenn der letzte Helfer, der von den ölzersetzenden Chemikalien geschädigt wurde, wieder gesund ist. Und ein paar Leute werden ihr Leben nie wieder zurück bekommen. Es ist eben kein Computerspiel.

Das Verrückte daran ist ja: der Anspruch, dass alles so bleiben soll, wie es ist, führt geradewegs in die diversen Katastrophen. Wir werden unser Leben nie wieder zurück bekommen. Je länger wir daran festhalten, desto größer der Schock, wenn die Veränderungen über uns – dann unvorbereitet – hereinbrechen. Obama fordert die Energiewende, ob er sie durchsetzen kann, muss sich erst zeigen. Umso unverständlicher, dass Deutschland die überfällige Wende in der Verkehrspolitik wieder versäumt und dass fast unbemerkt von der Öffentlichkeit auch die Folgeverhandlungen zum Kopenhagener Klimagipfel gefloppt sind.

Was wäre wohl gewesen, wenn Jesus im Garten Gethsemane gesagt hätte, dass er sein Leben zurück will, und eine Kompanie Engel angefordert hätte, die ihn gerade noch rechtzeitig mit großem Zapfenstreich verabschieden? Hayward bekommt sein Leben übrigens gerade wieder zurück. Besser so für BP und die Welt. Walter Mixa arbeitet noch daran – seine Kollegen sind jedoch weniger kooperativ als der Aufsichtsrat von BP. Für den Rest gilt: Umkehr ist das Gebot der Stunde. Johann Baptist Metz hat es im Blick auf die Kirche so zugespitzt:

Kehren wir Christen in diesem Lande um, oder glauben wir lediglich an die Umkehr und bleiben unter dem Deckmantel der geglaubten Umkehr die alten? Folgen wir nach, oder glauben wir nur an die Nachfolge und gehen dann unter dem Deckmantel der nur geglaubten Nachfolge die alten, immer gleichen Wege? Lieben wir, oder glauben wir an die Liebe und bleiben unter dem Deckmantel der geglaubten Liebe die alten Egoisten und Konformisten? Leiden wir mit oder glauben wir nur an das Mitleiden und bleiben unter dem Deckmantel der geglaubten “Sympathie” allemal die Apathischen?

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Glückliche Träumer

Die Lektüre von Martin Seligmans positiver Psychologie bringt immer wieder kleine Erleuchtungen hervor. Zum Beispiel verstehe ich endlich diese immer wiederkehrenden Episoden, wo ein Kind aus der Schule kommt und – erst auf Nachfrage natürlich – verlauten lässt, die Lateinschulaufgabe sei gut verlaufen und eine entsprechende Note sei zu erwarten. Etliche Tage später stellt sich dann – jedesmal völlig überraschend! – heraus, dass der Lehrer die Sache offenbar anders sah und mit einer deutlich schlechteren Zensur bewertete. Auf Nachfrage erfahren die irritierten Eltern dann, dass irgendwelche unvorhersehbaren Dinge eingetreten seien – eine weitere Aufgabe auf der Rückseite des Angabenblattes, die man partout nicht habe sehen können, unerwartete Fragen zu Themen, mit denen man nie und nimmer habe rechnen können und derlei mehr.

Von Seligman habe ich inzwischen gelernt: Pessimisten schätzen sich exakter ein als Optimisten. Optimisten neigen dazu, sich zu überschätzen. Der Vorfall zeigt mir also, dass mein Kind Optimist ist. Pessimisten suchen zudem den Fehler für etwaiges Scheitern bei sich selbst und halten die Ursache für unveränderlich. Die Antwort meines Kindes auf die Frage nach den Ursachen zeigt, dass es den Grund des Scheiterns in einmaligen Zufällen sieht, die rein gar nichts mit ihm zu tun haben. Es geht daher mit demselben Optimismus in die nächste Prüfung.

Bisher hielt ich als typisches Exemplar der Mittelschicht den Mangel an Realismus für bedenklich, sah mein Kind fast schon abgehängt im Bildungswettlauf. Jetzt weiß ich, dass das eine Stärke ist. Denn insgesamt sind optimistische Menschen (und ich weiß genau, von wem sie diese Disposition geerbt haben…) leistungsfähiger, freundlicher und glücklicher. So ein paar Vierer oder Fünfer, würde Karlsson vom Dach sagen, die stören doch keinen großen Geist.

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Achtung, bitte!

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer Bekannten und das Gespräch kam – ich weiß gar nicht mehr wie – auf eine andere Person. Ich hatte die beiden ein paar Monate zuvor scheinbar einträchtig ins Gespräch vertieft lange zusammen sitzen sehen. Um so überraschter war ich über die Verachtung, die da in ein, zwei kurzen Sätzen rüberkam. Es war gar nicht das, was sie sagte, sondern viel mehr wie sie redete und vor allem die Tonart, in der sie den Namen aussprach.

Die gefühlte Gesprächstemperatur sank sofort ein paar Grad ab. Ich fragte mich reflexartig, ob sie sich über mich ähnlich äußert, wenn ich nicht dabei bin. Eigentlich will ich es lieber gar nicht wissen. Ich bin kein Sensibelchen – meistens jedenfalls – aber das Gespräch hat mich verstört: Man muss nicht alle Menschen mögen. Man darf auch ein kritischer Zeitgenosse sein und muss nicht jeden Mist schönreden. Aber irgendwie denke ich trotzdem, dass jeder ein gewisses Maß an Achtung verdient hat. Und die beginnt mit der Art, wie wir über jemanden reden.

Stößt mir das deswegen so auf, weil die meisten Leute um mich herum zu gute Manieren haben oder nicht aggressiv genug sind? Mag sein, dass ich in einer heilen Welt lebe. Aber ist das an diesem Punkt ein Nachteil? Man muss sich ja vielleicht nicht an alles gewöhnen.

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Ein Hauch von Ewigkeit

Ich bin normal keiner, der behauptet, Glaube sei Privatsache. Seit gestern habe ich für diese Ansicht aber etwas mehr Verständnis. Und das kam so: Ich saß im ICE nach Berlin und ein paar Reihen weiter bemerkte ich eine Gruppe grauer Häupter. Stimmen drangen an mein Ohr, die sich mit erkenbar österreichischem Einschlag über Paulus und Kulturgeschichte, das Patriarchat, die Sünde und einen frühen Bischof von Passau unterhielten. Kommt nicht oft vor. Meistens bekommt man nur einseitige Telefonate über den Krause vom Controlling und das vergessene Exposé für den Kunden in Düsseldorf mit.

Hinter Jena, der Zug schlängelte sich das Saaletal hinab, wurde aus der alpenländischen Konversation plötzlich ein Sprechchor. Die Gruppe hatte an zwei benachbarten Vierertischen Platz genommen und begann ein liturgisches Gebet – nun sehr deutlich zu vernehmen. Die anderen Gespräche im Abteil kamen zum Erliegen (viele waren es eh nicht), meine Mitreisenden verstöpselten flugs die freien Ohren.

Ich konzentrierte mich auf mein Buch über positive Psychologie und dachte in meinem frisch angelesenen Optimismus, das geht bestimmt schnell vorbei. Man war ja auch schon über das Sündenbekenntnis hinaus bis zum Vaterunser vorgedrungen, was der Hoffnung auf ein nahes Ende Auftrieb gab. Aber dann kam ein Art Endlosschleife aus Ave Marias und anderen Elementen (bestimmt kann uns ein Katholik hier mit Erklärungen zur Liturgie weiterhelfen?). Wir anderen rutschten noch etwas tiefer in unsere Sitze, während die liebe Gottesmutter zum x-ten Male daran erinnert wurde, uns in der Todesstunde ja nicht zu vergessen.

Ich weiß nicht, wie das auf Maria wirkte – für meinen Teil werde ich ihre Fans so schnell nicht vergessen. Kurz überlegte ich, ob ich mich in diesem Fall vergessen und die Litanei unterbrechen dürfte, entschloss mich dann aber, das wie alle anderen mit buddhistischer Gleichmut zu erdulden und den allmählich aufkeimenden Wunsch auf eine Vorverlegung der erwähnten Todesstunde entschieden zurückzuweisen. Es ging schätzungsweise noch so ein Viertelstündchen dahin, gefühlte Ewigkeiten (aber ist das nicht der Clou am Beten, dass wir ans Ewige rühren?). Kurz vor Leipzig (das war offenbar geplant) erklang das finale, erlösende Amen.

Ich habe für die Rückfahrt eine Platzreservierung im Ruhebereich. Während ich dies niederschreibe, hält mein Zug in Wittenberg. Und ich weiß wieder ein bisschen besser, was ich an Luther mag: Sein Abendsegen ist so herrlich kurz. Und er gilt auch, wenn man ihn ganz leise sagt…

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Sternstunden des Sportjournalismus

Ich mag die SZ – normalerweise. Aber vor dem Auftaktspiel unserer Internationalmannschaft einen Astrologen ins Studio zu holen, das gehört schon zu den schwärzeren Stunden ihrer verdienstvollen Geschichte.

Der Mann (ich hab den Namen vergessen und will ihn auch gar nicht wissen) gab ein paar wohlwollend-positive Allgemeinheiten von sich über Löw und Lahm und Schweinsteiger, die man auch ohne Referenz zu irgendwelchen Himmelskörpern tausendfach im heimischen Blätterwald vorfindet. Beruhigend daran: Er ist offenbar des Lesens kundig. Auf die Frage, was die Sterne mit der WM zu tun haben, antwortete er: Eine Menge. Schließlich gebe es 12 Tierkreiszeichen und eine Fußballmannschaft bestehe ja auch aus 12 Leuten … wenn man den Trainier dazu rechne.

Guter Mann, du hättest wenigstens vorher sehen können, dass gestern 14 Leute gespielt haben. Auswechslungen sind ja so ungewöhnlich nicht. Und der Trainerstab besteht auch aus mehr als einer Person. Flick und Köpke mitgerechnet wären wir bereits bei 17 Akteuren. Bei dieser Kaffeesatzleserei geht es offenbar nur darum, Leuten das zu sagen, was sie gerne hören würden und daher glauben wollen, und dem eine an den Haaren des freien Assoziierens herbei gezogene Pseudoplausiblität zu verleihen. Ohne sich freilich auf irgendwas festzulegen.

Leute, gebt mir den Kaffee und behaltet die schwammigen, ausgelutschten Sätze für euch!

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„Nützliche“ Gottesdienste

Vor einer Weile haben wir uns entschieden, mehrmals im Jahr statt des „normalen“ Gottesdienstes eine gemeinsame Aktion zu machen, bei der nicht unsere eigenen Themen und Bedürfnisse an erster Stelle stehen. Wir nennen das dann etwas holprig den „Out-Sonntag“ – beim nächsten Mal wird es allerdings ein Samstag werden.

Doch die Sache hat ihre Tücken: Für die einen ist das schlicht „kein Gottesdienst“ – denn der besteht, wie ja jeder weiß, darin, irgendwo in einem geweihten Raum sitzen, singen und zuhören zu dürfen. Also bleiben sie daheim, fahren ins Grüne, besuchen die Oma oder gehen in eine andere Gemeinde, statt zu einer etwas anderen Zeit an einen ungewohnten Ort zu müssen. Dem Pastor der FeG fiel das immer auf, wenn bei uns so ein Sonntag war. Das ist natürlich ziemlich schlechte Theologie, wenn man an den „vernünftigen Gottesdienst“ denkt, von dem Paulus in Römer 12,1ff spricht. Wenn Sitzen, Singen und Predigt das Kriterium wäre, dann würde das meiste, was Jesus mit seinen Jüngern veranstaltet hat, auch nicht in die Kategorie „Gottesdienst“ fallen. Wenn unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein kann, dann kann es sehr wohl auch mal einer sein, gemeinsam etwas zu tun, das anderen nützt. Und sei es, dass wir im Wald und auf Kinderspielplätzen den Müll einsammeln.

Nun kommt der nächste Einwand, und der lautet: „Ich bin die ganze Woche dabei, zu geben. Ich gebe mein Bestes im Beruf, und dann ist da auch noch die Familie, der Elternbeirat und was nicht alles. Am Wochenende brauche ich einen Punkt, wo ich geistlich auftanke. Wo ich mal nichts tun muss, einfach sein.“

Darauf gibt es gleich mehrere Antworten:

Erstens: Ja, du brauchst so einen Punkt – und zwar jeden Tag, mehrmals in der Woche. Finde eine Form des Gebets oder der Meditation, die dir gut tut. Stundengebete, Kontemplation, Bibelmeditation, geh mit Gott spazieren und nimm den Hund mit, lies die Losungen zu einer Tasse Kaffee oder deine Bibel bei einem Glas Wein, was auch immer – aber tu’s bitte, und tu’s regelmäßig! Einmal in der Woche einen Gottesdienst zu konsumieren und zu hoffen, dass einem dabei der Geist wie eine gebratene Taube in den Mund fliegt, das kann gar nicht reichen. Und wo wir schon dabei sind: Mach Pausen, bewege dich ausreichend und schlafe genug und finde eine Beschäftigung, die besser entspannt als Fernsehen. Das ist die beste Form von „einfach sein“. Du brauchst mehr davon als du denkst. Aber dafür, dass du es bekommst, bist du letztlich ganz allein verantwortlich. Kein Gottesdienst der Welt kann das ersetzen. Erwachsener Glaube besteht darin, dass wir genau das lernen.

Zweitens liegt der Einwand einfach verdammt nah am allgegenwärtigen Mantra des Konsumkults: „Was bringt’s mir?“ Der Fehler liegt ja nicht darin, Bedürfnisse zu haben, sondern ihre Erfüllung zum Maß aller Dinge zu machen. Vielleicht besteht der größte Dienst, den meine Gemeinde mir tun kann, darin, dass ich erlebe: Ich bin wichtig, aber eben nicht der Nabel der Welt. Wenn dann der Druck weg ist, etwas ganz Bestimmtes aus einem Gottesdienst mitnehmen zu müssen, dann werden wir wirklich offen für das, was Gottes Geist tun kann und will.

Drittens hat die Psychologie längst entdeckt, dass man vom Sektschlürfen und Ferrarifahren nicht nachhaltig glücklich wird. Stattdessen machen uns Dinge glücklich, die wir für andere tun und bei denen wir unsere Stärken und Fähigkeiten einsetzen. Der Psychologe Martin Seligman schreibt in seinem Buch Der Glücks-Faktor davon, wie er mit seinen Studenten verschiedene Aktivitäten verglich und dabei feststellte:

Die spaßigen Aktivitäten (mit Freunden einen draufmachen, einen Film ansehen oder einen Eisbecher schlemmen) verblassten im Vergleich zu den Auswirkungen menschenfreundlicher Unternehmungen. Waren unsere philantropischen Aktivitäten spontan entstanden und unsere menschlichen Stärken herausgefordert worden, verlief der gesamte Tag besser. … Tätige Menschenfreundlichkeit ist – im Unterschied zu Vergnügungen – eine Belohnung an sich.

Auf „Gottesdienste“ angewandt gilt dasselbe: je engagierter ich dabei bin, desto mehr „nehme ich mit“. Gottesdienstformate erlauben ein unterschiedliches Maß an aktiver Mitwirkung und (brrr…!) „Partizipation“. Manches davon wirkt ehrlich gesagt auch ab und zu wie Beschäftigungstherapie oder Trockenübungen. Aber gemeinsam irgendwo hin gehen, wo man andere Menschen trifft, und einfach einmal vorbereitet und zugleich offen zu sein, sich auf sie einzulassen und zu sehen, was sich – nein: was Gott! – dort tut, da wird jeder zum Mitspieler. Wer fröhlich gibt, ist schon beschenkt.

Freilich muss man dafür ein paar Hürden überwinden: Ein zu enges Verständnis von Gottesdienst, die Unsicherheit der offenen Situation, die Angst vor Fremden, die eigene Trägheit und eingefahrene Gewohnheiten. Das sind aber ganz zufällig die Dinge, die Jesus mit seinen Jüngern täglich trainiert hat. Ich hoffe also, dass wir als ganze Gemeinde diese Lektion noch richtig lernen.

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Weisheit der Woche: Nach vorn denken

Zum Wochenende ein weiteres knackiges Zitat aus einem klugen Artikel, der mich diese Woche schon einmal beschäftigt hat:

Nach vorn zu denken wirkt geradezu unprofessionell. Das ist die Domäne der Spinner, der Unpräzisen, die ohne Werkzeuge – denn die gehören dem alten Paradigma – und ohne Modelle – auch die sind ja aus der alten Welt – einfach nur behaupten, sie könnten ein neues Modell schnitzen. Weil die Konstrukteure des neuen Paradigmas nicht beweisen können, dass das Neue perfekt funktioniert, gelten sie den Alt-Paradigma-Anhängern als unzuverlässig. Deshalb legen sich die Anhänger des alten Paradigmas lieber mit dem Gestern ins Bett. Dabei kommt vieles heraus, nur kein Nachwuchs. Keine Zukunft.

Wolf Lotter in brand eins 06/2010

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