Der Zusammenhang liegt auf der Hand – nun sollten wir das energisch anpacken mit dem Wandel. Der neue Trend in Sachen urbaner Mobilität sind übrigens e-Roller. Letztes Jahr habe ich ein Modell von Peugeot auf der IAA gesehen. Jetzt ziehen BMW und Mercedes nach. Wer hätte das gedacht!
Durban und Madrid – wie die Dinge sich wiederholen: Da spielen sich ehemalige Duselbayern und frühere Rumpelfußballer mit jugendlicher Leichtigkeit, Eleganz und mitreißendem Offensivspiel ins Rampenlicht, um schließlich an abgezockten Milanesen unter Mourinho oder Spaniern unter del Bosque zu scheitern. Aber mit so viel Stil, dass selbst frühere Feinde Respekt und (heimlich wenigstens) Sympathie empfinden. Zum Teil waren es dieselben Spieler, in beiden Fällen hieß der Vorgänger des jetzigen Trainers Jürgen Klinsmann. Dem war zwar jeweils der Aufbau nicht so richtig gelungen, dafür aber wohl der Abbruch des Alten.
Der Fan sitzt wie die Mannschaft traurig da und muss die Hoffnung zu Grabe tragen. Das Double, das Halbfinale, beides großartige und anfangs unerwartete Erfolge, sie zählen kaum angesichts der Niederlage. Jetzt hoffen viele, dass die „anderen Bayern“ in Orange nun die schön und effizient, aber in ihrer nicht mehr so spritzigen Dominanz eher einschläfernd kickenden Spanier noch irgendwie überwinden. Wie sagte Mark van Bommel jüngst: „Wir Holländer konnten immer schön spielen und gewinnen. Aber nun haben wir gelernt, auch zu gewinnen, wenn wir mal einen schlechten Tag haben. Das haben uns die Deutschen beigebracht.“
Warum erzähle ich das Offensichtliche? Um den Kummer zu verarbeiten und weil Louis van Gaal schon alles Wichtige gesagt hat: Am Ende der Saison gab er sich überzeugt, dass seine Mannschaft noch besser wird. Weil die Spieler das entsprechende Potenzial haben und weil er weiß, wie er es weiter entfalten kann. Müller und Schweinsteiger sind der lebende Beweis, und ohne sie wären auch die glanzvollen Siege gegen England und Argentinien undenkbar gewesen. Löw hat dasselbe mit Podolski und Klose geschafft. Und nun sollte auch er wie van Gaal nach weiter anpacken und das Unvollendete der verdienten Erfüllung entgegen führen – statt den inflationären Rücktritten dieses Krisenjahres noch einen weiteren hinzuzufügen und irgendwo einen lukrativen (und gewiss auch irgendwie reizvollen) Posten anzunehmen.
Er muss dran bleiben, damit die Jungs von La Mannschaft auch dran bleiben. Dann gibt er dieser Niederlage vielleicht einen echten Sinn.
Jüngst habe ich spontan einen – wie ich fand: hilfreichen – Gedanken von Martin Seligman getwittert, dass Vergebung nicht das Auslöschen schmerzhafter Erinnerungen ist, sondern deren Umetikettierung. Ich kann nicht ändern, was geschehen ist, ich kann es auch nicht auf Kommando vergessen, aber ich kann es anders bewerten. Wie neulich ein Freund zu mir sagte: „Wer mich beleidigt, das bestimme immer noch ich.“
bild: photocase
Ich wurde jedoch umgehend von bibelfesten Facebook-Freunden aufgeklärt, dass das unzureichend sei. Schließlich sage Jesaja, Gott werfe unsere Sünden ins äußerste Meer – er vergesse sie also tatsächlich.
Also bin ich der Frage noch etwas nachgegangen, da tut sich nämlich ein beachtliches Spannungsfeld auf. Zum einen ist die Metapher bei Jesaja auf judäische Landratten zugeschnitten. Wir wissen heute, dass „äußerstes Meer“ geographisch ein sehr relativer Begriff ist und dass zweitens tödlicher Dreck selbst aus der Tiefsee wieder zurückkommt oder langfristig sehr unerwünschte Wirkungen entfaltet. Dass Gott Sünden ins äußerste Meer wirft, bedeutet meines Erachtens erst einmal nur, dass er sie unserem Zugriff entzieht. Für ihn selbst sind sie damit nicht zwingend außer Reichweite. Freilich, ob eigene oder fremde Schuld, er erinnert uns nicht mehr ständig daran.
Paulus erinnert in einigen Passagen aber sehr wohl an seine Vergangenheit als Christenverfolger, obwohl (oder vielleicht ja auch gerade weil) er weiß, dass ihm vergeben wurde. Vergessen ist also bestenfalls eine Spätfolge von Vergebung. Wer vergibt, verzichtet darauf, das Fehlverhalten des anderen als Trennungsgrund anzusehen. Das ist – um die Metapher wieder zu wechseln – eben die Umetikettierung. In manchen Registraturen reicht es ja, etwas falsch abzulegen, und es verschwindet tatsächlich auf Nimmerwiedersehen.
Wer aber vergibt, muss wenigstens bereit sein, sagt Miroslav Volf, irgendwann auch zu vergessen. Er sagt dies im Blick auf die Opfer von Folter, Missbrauch, Krieg und Hass. Zugleich ist es nötig, lange genug an diese Gräuel zu erinnern, damit sie sich nicht wiederholen und um den Opfern gerecht zu werden, deren Qualen nur verdoppelt würden, wenn vorschnell der Mantel des Schweigens und Vergessens über die erlittenen Verbrechen gebreitet würde. Erinnerung – wer wüsste das besser als wir Deutschen? – hat auch einen notwendigen präventiven Charakter: Sie verhindert eine falsche Umetikettierung, die aus Verbrechern Helden machen will, ob die nun Hitler, Mugabe oder Karadzic heißen. Die aber haben ihre brutalen Maßnahmen mit der Erinnerung an Untaten ihrer Gegner und dem Herumstochern in alten Wunden gerechtfertigt und damit immer neuen Hass geschürt.
So lange ein Rückfall droht und so lange die Wunden der Opfer noch nicht geheilt sind, vergisst Gott auch nicht. Selbst da, wo er vergeben hat. Das vollkommene Vergessen kommt erst ganz am Ende der Geschichte. Dann aber muss es kommen. Volf schreibt:
Wo es keine Schwerter mehr gibt, wird auch kein Schild mehr nötig sein … (aber) so lange der Messias noch nicht in Herrlichkeit gekommen ist, müssen wir um der Opfer willen das Gedenken an ihr Leiden am Leben halten.
Gelungene Versöhnung beginnt mit Vergebung. Und sie führt dazu, dass die traumatische Vergangenheit irgendwann, hoffentlich bald einmal kein Thema mehr ist. Die Erwartung, dass etwas nicht mehr weh tun dürfe oder die Erinnerung verklärt oder getilgt sein müsse, wenn ich dem anderen vergebe, ist jedoch problematisch und stürzt viele in unnötige Grübeleien. Vergebung bedeutet erst einmal nur, dass trotz allem darauf verzichte, dem anderen Schmerz zuzufügen oder ihn zu verurteilen.
Der Gewinner bin ich selbst: Rachegefühle und Lebenszufriedenheit, schreibt Seligman, verhalten sich umgekehrt proportional. Eine praktische Hilfe ist dabei das REACH Modell von Everett Worthington. Oder, um es theologisch zu beschließen, noch einmal Miroslav Volf, der redet von Sphären statt Etiketten:
Vergebung kommt ins Straucheln, weil ich den Feind aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließe, während ich mich aus der Gemeinschaft der Sünder herausnehme. Aber niemand kann lange in der Gegenwart des Gottes des gekreuzigten Messias sein, ohne diese doppelten Ausschluss zu überwinden – ohne den Feind von der Sphäre monströser Unmenschlichkeit in die Sphäre gemeinsame Menschseins und sich selbst von der Sphäre stolzer Unschuld in die Sphäre gemeinsamer Sündhaftigkeit zu versetzen.
Der Sinn des Lebens besteht darin, sich mit etwas Größerem zu verbünden – und je größer das ist, woran Sie sich halten, desto sinnvoller ist Ihr Leben. Viele Menschen, die Sinn und Zweck in ihrem Leben gesucht haben, haben sich dem New-Age-Denken zugewandt oder sind zurückgekehrt zu den etablierten Religionen. Sie spüren regelrecht einen Hunger nach Wundern und nach dem Eingreifen Gottes. Eine der verdeckten Folgekosten der zwanghaften Besessenheit heutiger Psychologie mit allem Pathologischen ist, dass sie diese Pilger hat verhungern lassen.
Als Kinder blätterten wir lachend die religiösen Bücher durch. Besonders lächerlich fanden wir die Hölle und das Paradies, die Hölle erinnerte uns an die russische Sauna, dort kochten die Sünder bei hohen Temperaturen. Auch das Paradies erinnerte lustigerweise an eine Sauna, wo schon gewaschene Sünder, in weiße Tücher gehüllt, auf der Suche nach ihren Hosen herumirrten.
Wladimir Kaminer in der Zeit über den Kampf zwischen Gut und Böse
"Sauna" von mag 3737 via flickr.com/creative commons 2.0
Zuerst fand ich das merkwürdig: In manchen Psalmen fordert der jeweilige Beter sich auf, bestimmte Haltungen einzunehmen: „Lobe den Herrn, meine Seele“ (Ps 103,1ff) oder „warum bist du betrübt, meine Seele?“. Diese Selbstgespräche sind interessant, weil dann immer auch Gründe angeführt werden, die eigene Situation anders – positiver – zu bewerten, als bisher. Leider geht das Dialogische in Übersetzungen wie der Guten Nachricht verloren, wenn da zu Ps 42,6 nur noch steht „Warum bin ich so mutlos?“.
Mit sich selber so zu „disputieren“ ist eine Möglichkeit, Pessimismus und Niedergeschlagenheit zu überwinden, sagt auch Martin Seligman: „Erlernter Optimismus erfordert Genauigkeit“. Im Unterschied zur leeren Selbstsuggestion besteht die Aufgabe darin, wirkliche Gründe zu finden, das negative Urteil über sich selbst und die eigene Situation zurückzunehmen. In den Psalmen hat viel mit Gottes Verheißungen und seinen bisherigen guten Taten zu tun, die es in den Mittelpunkt unserer Lebensperspektive zu stellen gilt.
Es geht also um Argumente, nicht um Beschwichtigungen. In manchen unangenehmen Situationen muss ich genauer hinsehen und schärfer denken, damit eine Kritik weniger verletzend, ein Verlust weniger tragisch, ein Rückschlag weniger entmutigend und ein Versagen weniger endgültig ausfällt. Die spontanen Gedanken, die sich in solchen Situationen einstellen, sind eben nicht immer angemessen (z.B. wenn die Fußballmannschaft einen Gegentreffer kassiert und man sich schon am Rande einer Niederlage sieht). Eine bessere Einschätzung versetzt uns in die Lage, Frust zu überwinden („wir haben noch Zeit, und bisher haben wir fast immer ein Tor geschossen“) und vorhandene Möglichkeiten zu nutzen (Taktik ändern, frische Spieler einwechseln, Tempo erhöhen).
Er lief arglos auf einer schmalen, einsamen Straße, als er hinter sich ein Fahrzeug auftauchen sah. Blinde Panik ergriff ihn und er lief, was die durchtrainierten Beine hergaben – weiter die Gasse entlang. Aber der Verfolger holte immer weiter auf. Er schlug einen kleinen Haken nach links, einen nach rechts, ohne Erfolg. Ich wollte ihm helfen in seiner verzweifelten Lage. In meinem Kopf schrie eine Stimme: „Bieg doch ab! So hast du keine Chance“, aber ich wusste, er würde mich nicht verstehen. Noch einmal sah ich den gehetzen Blick in seinen Augen. Dann geschah es:
Der Feldhase schlüpfte ins angrenzende Rapsfeld und verschwand. Ich zischte auf dem Rad vorbei und dachte, dass ich das so ähnlich schon in tausend Filmen gesehen hatte. Da allerdings wird das Opfer meistens überfahren. Hasen sind nicht besonders klug, aber offenbar schlauer als Drehbuchautoren und ihre Standardklischees. Dieses zu Beispiel habe ich noch nie verstanden.
Freitag Abend im Wald bei Hartenstein. Wir sind mit der Konfi-Gruppe auf dem Rückweg von der Petershöhle zur Jugendherberge. Der Wald wird schon dunkel in der späten Abenddämmerung. Es ist immer noch sehr warm und staubtrocken.
Plötzlich ein Ruf von vorn: „Licht aus, Glühwürmchen“. Alle schalten die Taschen- und Stirnlampen ab – und tatsächlich: Der ganze Wald ist voller winziger, tanzender Lichter. Es müssen tausende sein. Für jeden Leuchtpunkt, der ausgeht, geht irgendwo anders wieder einer an. Fünf Minuten gehen wir ehrfürchtig durch einen zauberhaft illuminierten Forst und genießen einen Moment, den man weder festhalten noch wiederholen kann.
Wenn Galadriel hinter der nächsten Biegung auf dem Weg gestanden hätte, hätte mich das auch nicht mehr gewundert.
Wir hatten diese Woche ein interessantes Gespräch rund um das Thema Gebet – mit all den schwierigen Fragen. Etwa die, warum wir Gott überhaupt um etwas bitten sollten, wenn er doch viel besser weiß was gut ist als wir, oder warum Gott nicht sowieso das Beste für alle tun sollte. Manche denken ja auch, dass Gott einen vollkommenen Plan hat, der seit Ewigkeiten fest steht, so dass man eigentlich nur beten kann „mach doch, was du willst“. Leider fühlt sich das Leben nur in seltenen Fällen so perfekt an.
Mir fiel dabei wieder ein, dass sich für mich eine Sache wie ein roter Faden durch die Bibel hindurch zieht: Gott handelt grundsätzlich nicht allein in der Geschichte. Er legt – nimmt man die biblischen Texte ernst – großen Wert darauf, menschliche Partner zu haben. Und das sind zu allererst Menschen, die beten. Nicht einfach nur für ihre persönlichen Bedürfnisse, sondern dafür, dass Gottes Wille geschieht, dass Gerechtigkeit kommt und Leid ein Ende hat. An eben diesem Punkt – seinen Willen durchzusetzen – hält sich Gott erstaunlich zurück. Ab und zu verzweifeln wir fast daran, dass er zögert. Wartet er auf uns? Mag er, anders als so manche Regierenden, keine Alleingänge?
Vorgezeichnet ist das bei Abraham, deutlich bei Mose und von da ab geht es über die Propheten zu Jesus und von Jesus zu allen Christen, die Gottes „Agenten“ auf Erden sind. Die feilschen auch mal mit Gott wie Abraham um Sodom und die bittende Witwe in Lukas 18, die den korrupten Richter belästigt. Gott ist sicher nicht korrupt, aber er lässt sich – so lese ich das – beeinflussen. Offenbar gar nicht so ungern.
Nicht, dass Gott nicht anders könnte. Vielleicht findet er auch hier und da niemanden und greift trotzdem ein, um wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Und sicher geht es hier nicht darum, sich mit einer privilegierten Partnerschaft zu brüsten. Allein die Tatsache, dass wir auf die Idee kommen, zu beten, und den Wunsch entwickeln, dass sich etwas verändert, ist dem Wirken des Heiligen Geistes zu verdanken. Beten ist schließlich auch keine Alternative zum Handeln, sondern eine Ausweitung unseres Handelns auf Bereiche, die wir nicht direkt beeinflussen können.
Also doch alles vorhergeplant? Nein, das gerade nicht – es ist vieles offen. Die Initiative geht von Gott aus. Aber wir spielen mit im Team. Und Geschichte entsteht im Zusammenspiel von Gott und Menschen. Er braucht von seinen Agenten keine Informationen, die hat er längst. Aber ab und zu schleust er irgendwo jemanden ein, der ihm eine Tür oder ein Fenster öffnet.
Immer wieder mal begegnet mir jemand, der sagt, er sei mit Gott und den Christen fertig, weil er mit irgendjemandem schlimme Erfahrungen gemacht hat. Ich höre mir dann meistens die bedrückenden, empörenden oder traurigen Geschichten an. In der Regel ist das dann nicht der Augenblick für Diskussionen und Argumente, die die Schlussfolgerungen aus dem Erlebten in Frage stellen würden. Oft bin ich auch wütend über irgendwelche „lieben Geschwister“, die da leichtfertig, fahrlässig oder überheblich so einen fetten Bock geschossen haben. Ich denke, ich muss sie auch gar nicht in Schutz nehmen in so einem Moment.
Was mich dann aber auch frustriert, ist die Tatsache, dass hier jemand eine konkrete verletzende Erfahrung verallgemeinert. Letztlich ist es so, als würde er sagen: Ein Franzose hat mir mal eine Freundin ausgespannt oder den Traumjob weggeschnappt. Seitdem kann ich keine Franzosen mehr riechen. Oder: Ein Grieche hat mich mal beleidigt, seitdem können Griechen mir gestohlen bleiben.
Gut, sagen jetzt einige mit Recht, Christsein hat ja vielleicht auch einen moralischen (ich schlucke etwas bei dem Wort) Anspruch, der über dem der griechischen oder französischen Durchschnittsethik liegt. Da ist es eben viel ärgerlicher, wenn einer alle anderen in Verruf bringt. Das ist so wie mit Israel und den Palästinensern – wir erwarten von den Israelis ja auch (ob zu Recht oder zu Unrecht lassen wir mal dahingestellt sein), dass sie sich humaner oder zivilisierter verhalten als ihre Kontrahenten (denen die niedrigen Erwartungen an sie selbst anscheinend gar nicht so zu denken geben…).
Ja, Jesus fordert in der Bergpredigt eine „bessere Gerechtigkeit“, und moralischen Dünkel hat er damit sicher nicht gemeint. Trotzdem wundert es mich, dass manche Leute, denen nationale Vor- und Pauschalurteile ein Dorn im Auge sind, über Christen und Kirchen insgesamt so bereitwillig den Stab brechen. Vielleicht funktioniert es so: Weil man Christen für selbstgerecht hält oder als selbstgerecht erlebt, empört man sich auch eher selbstgerecht über ihr Versagen.
Sei’s drum – irgendwie würde ich auch von diesen Zeitgenossen gern etwas mehr erwarten…
Nach Bastian Schweinsteiger hat nun auch Philipp Lahm sich über die Argentinier negativ ausgelassen. Passt eigentlich gar nicht zu ihm. Mich erinnert das eher an Wayne Rooney vor dem Spiel letzten Sonntag oder die britischen Revolverblätter, die vergangene Woche beleidigt von „kick and crush“ träumten und regelmäßig zwar nicht das Viertelfinale von 2006, dafür aber den zweiten Weltkrieg wiederholt sehen möchten. Das Ergebnis kennen wir ja.
Ist das eine Operation in psychologischer Kriegsführung? Wenn ja, dann wäre damit das Eingeständnis verbunden, dass das deutsche Team sie nötig hat. Wenn nicht, was ist es dann?
Überflüssig! Hätten das nicht wieder Beckenbauer und Ballack erledigen können, wenn es schon unbedingt sein muss?
Kein gutes Zeichen. Hoffen wir, dass unsere Jungs auf dem Platz doch noch bessere Antworten geben als auf der Pressekonferenz. Die nämlich dämpfen derzeit eher meinen Optimismus.
Vielleicht kann ja der neue Bundespräsident mal ein positives Signal nach Buenos Aires schicken?
Letzte Woche hatte ich eine kleine Korrespondenz mit einem Blogleser, den das Verbot von (bestimmten) Glaubensäußerungen bei der Fußball-WM störte. Schränkt die FIFA die freie Religionsausübung ein? Ich habe eine Weile nachgedacht und sehe das Thema mit sehr gemischten Gefühlen:
Erstens ist die WM auch ohne Jesus-lebt-T-Shirts unter dem Trikot voller kleiner Gesten: Akteure bekreuzigen sich oder bilden eine Gebetsrunde auf dem Platz. Maradona hat vorgestern acht Kreuze geschlagen. Oder war es einfach nur ein nervöses Fingerzucken, das er nicht abstellen kann?
Zweitens begeistern mich nicht alle Christen: Wenn jemand sich bei der Einwechslung demonstrativ bekreuzigt und dann Ellbogenschläge verteilt oder einen Gegenspieler umsäbelt, auf die Gefahr hin, dass der sich verletzt, dann bringt er damit auch Gott in Verruf, mit dem er sich identifiziert hat.
Drittens scheint mir manches (z.B. bei Maradona, von dem in seiner aktiven Zeit in Neapel angeblich Bilder aufgestellt und Kerzen davor angezündet wurden) eher mühsam verbrämter Aberglaube zu sein: eine Art magisches Ritual – der Versuch, (den Fußball-)Gott zu bestechen oder auf die eigene Seite zu ziehen.
Viertens bin ich froh, dass keine Parolen auf den Unterhemden erscheinen. Was hätten wohl die Nordkoreaner geschrieben? Oder die Algerier? Es gibt Anlässe, da gehört so plakative Werbung nicht hin. Auf einer Beerdigung oder im Bundestag fände die wenigsten von uns so etwas gut – zu Recht. Was jemand in einem Interview sagt, ist ihm sowieso freigestellt, auch von der FIFA. Es bleibt also genug Raum für öffentliche Bekenntnisse, aber eben nicht in jeder Form.
Das eigentliche theologische Dilemma scheint mir aber zu sein: Welche Rolle spielt Gott beim Ausgang eines Spieles? Wird die WM primär im Gebet und erst sekundär auf dem Platz entschieden? Lässt Gott sich vor den eigenen Karren spannen oder hält er sich schön heraus und lässt die Besten gewinnen? Trübt göttliche Vorsehung den Blick und lenkt das Urteil des einen oder anderen Schiedsrichters oder sind da finstere Mächte am Werk? Reichlich Platz für Spekulationen und Streitereien.
Ich würde es dabei belassen: Ein Fußballer ehrt Gott vor allem, indem er gut und fair spielt. Abgesehen davon sind Gottes Wege unergründlich, und das ist wenigstens bei einer Fußball-WM gut so.
Die SZ hat die Oma von Thomas Müller interviewt. Erna Burghart spricht über ihr Leben und den berühmten Enkel. Diese Passage fand ich besonders nett:
Burghart: Ich verstehe ja nicht viel vom Fußball und habe auch bei früheren Spielen immer nur dann weitergeschaut, wenn der Thomas nicht ausgewechselt wurde. Aber diesmal habe ich alles bis zum Ende angesehen, mit einer Kerze auf dem Tisch.
SZ: Mit einer Kerze? Bringt das was?
Burghart: Schon. Nur diesmal habe ich vergessen, die Kerze anzuzünden. Mich wundert selber, dass es trotzdem geklappt hat.
Neulich erklärte mir jemand in einem Gespräch seine Abneigung gegen vorformulierte Gebete. Eine Weile später fiel mir auf, dass dieselbe Person mit Begeisterung Lobpreislieder singt. Die allerdings bestehen – nimmt man mal die Musik weg – aus … vorformulierten Gebeten! Also singen ja, sprechen nein?
Das ist der Punkt: Man kann Gebete nur gemeinsam sprechen, wenn sie vorformuliert sind. Frei können immer nur einzelne beten, schon auch irgendwie „miteinander“, nur eben nicht unisono. Vorformulierte Gebete machen aber genau das möglich. Ich denke, sie sind ein Schatz: Wir lernen für das persönliche Gebet daraus, aber sie verbinden uns auch mit einander.
Meinetwegen singen wir sie auch, wenn’s hilft. Nur drauf verzichten sollten wir auf keinen Fall.
Ich war mir vorab nicht sicher, wie das Spiel gestern ausgehen würde, und hatte zum Abbau von Stresshormonen mein Rad im Zug nach Ansbach mitgenommen. Mein neues Rad, seit zehn Tagen in Gebrauch und der alten Mühle in allen Belangen überlegen. Und so machte ich mich nach dem historischen Triumph (der zwischendurch ja doch reichlich Nerven gekostet hatte) auf den Weg über die Landsträßchen nach Erlangen.
Es war wunderbar, bei leichtem Gegenwind über die Frankenhöhe zu strampeln. Die fünf Steigungen, die es auf dem Weg über Emskirchen nach Erlangen zu überwinden galt, lagen sämtlich in der ersten Hälfte der Strecke. Ab und zu zogen ein paar viel zu schnelle, deutschlandbeflaggte Rennsemmeln mit euphorisierten Fahrern vorbei, aber meistens war es sonnig und still und man konnte solche schönen Ortschaften wie Neuziegenrück (riecht auch so), die Blümleinsmühle oder Kotzenaurach (da war Kirchweih) bewundern, den Windrädern beim Drehen zusehen und den Blick über die reifen Kornfelder wandern lassen. Und dann nach zweieinhalb Stunden leicht dehydriert und mit den letzten Sonnenstrahlen meine Stadt erreichen.
Bei HFASS haben sie gestern erstmals den Fahrradsegen gespendet. Ich weiß zwar keine Details, aber die Idee finde ich genial.
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