Joh 14,6 und die Symmetriefalle

Am Ende eines langen Gottesdienstes kam eine Frage, auf die ich zu meinem Kummer keine ausreichend gute Antwort mehr geben konnte: Wie ist es zu verstehen, wenn Jesus von sich sagt, dass er der Weg ist und niemand zum Vater kommt außer durch ihn?

Mit etwas mehr Zeit zum Überlegen und Antworten, zwei positive Aussagen und eine Warnung:

Wir können erstens Gott nur in Jesus richtig erkennen. Wenn wir an ihm vorbei über Erfahrungen spekulieren und Theorien entwickeln, werden immer nur Zerrbilder entstehen. Erst wenn wir Gott in dem Gekreuzigten erkennen, wissen wir, dass er Liebe ist, wie Johannes später schreibt. Deswegen geht es ja auch so weiter im Text:

Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.   

Zweitens ist durch Jesus der Weg zu Gott (vgl. Eph. 2,18) im Sinne von Vergebung und Wiederherstellung der Beziehung offen, weil Jesus diesen Weg für uns geht und den Tod erleidet, damit wir vor ihm gerettet werden und die Welt mit Gott versöhnt wird (auch wenn das noch nicht jeder einzelne begriffen hat oder gut findet).

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2.Kor 5,19)   

Und – Achtung! – jetzt kommt die Symmetriefalle. Unser Kopf spiegelt die Aussage ins Negative, obwohl das so gar nicht zwingend ist (aber wir haben es eben gehört und gelernt, diese Stelle so zu lesen). Und plötzlich steht da: Wer nicht so glaubt (… wie wir?), der ist in Ewigkeit verloren. Das steht da aber gerade nicht. Jesus zieht hier keinen Umkehrschluss.

Das Verhältnis von Sünde und Gnade, von Liebe und Zorn, von Verlorenheit und Gerechtigkeit ist eben nicht symmetrisch, so dass Umkehrschlüsse legitim wären. Das Gute ist ursprünglich und ewig. Das Böse ist parasitär und hat nur eine begrenzte Zeit.

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Eifer und Ernst

Im Gegensatz zum Thema Hölle, das viele sehr beschäftigt hat in den letzten Wochen, weil Hölle im Neuen Testament nicht als metaphysischer Ort erscheint, in dem Gott als eine Art jenseitiger KZ-Aufseher erscheint (oder diese Aufgabe an den Teufel delegiert – was jedoch auf dasselbe Gottesbild hinausliefe), stellt sich die Frage nach dem letzten Gericht viel unübersichtlicher dar. Ich schlage gerade Schneisen durch den Dschungel der Bibelstellen und theologischen Meinungen und finde hier und da eine Liane, an der ich mich ein Stück weiter schwingen kann und dabei das Terrain von oben betrachten.

Immer wieder aber begegnet mir bei anderen (und wenn ich ehrlich bin, auch bei mir selbst) die Sorge, dass ein zu nettes und harmloses Bild von Gott als Richter sich nachteilig auf den moralischen Ernst („Wofür strenge ich mich eigentlich an?“) und den missionarischen Eifer („Warum soll ich denen was erzählen?“) auswirken könnte.

Nun kann man sich Gott gewiss zu nett und harmlos vorstellen, als passiven Softie, der zu allem gütig nickt. Und hätte damit seine Liebe missverstanden, die Rich Mullins so schön als reckless raging fury bezeichnet. Und irgendwo da liegt auch die Antwort auf die Frage nach dem Eifer und dem Ernst: Gott erwartet, dass ich das Gute aus Liebe tue, und nicht, um dem Gericht zu entkommen. Und dass ich anderen das Evangelium nicht vorenthalte aus Liebe zu ihm und zu ihnen. Und nicht, weil sie sonst in der Hölle schmoren (nachdem sie bis dahin noch ein paar Dinge getan haben, für die mir aus Angst vor Gott und seinem Gericht der Mut und die Dreistigkeit gefehlt haben?).

Könnte die Liebe als Motivation also nicht vielleicht doch ausreichen?

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Klare Ansage

Eine Hölle statuieren, wo Gott in alle Ewigkeit nichts mehr zu sagen hat, das heißt das ganze Evangelium auflösen; wir müssen uns wehren bis auf den letzten Atemzug, bis auf den letzten Blutstropfen, daß der ganze Himmel, die ganze Erde, die ganze Totenwelt in die Hand Jesu kommt; muß ich für einen Menschen, für ein Gebiet die Hoffnung aufgeben, so bleibt eine Last des Todes, eine Last des Wehes, eine Last der Nacht und der Finsternis; dann ist eben Jesus nicht das Licht der Welt.

Christoph Blumhardt (1842-1919), hier zitiert

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Seine und meine Feinde?

Zum gestrigen Post über die Frage nach dem Gericht hier ergänzend die entsprechende Passage aus dem Heidelberger Katechismus Dort heißt es in Frage 52:

Was tröstet dich die Wiederkunft Christi, zu richten die Lebendigen und die Toten?

Dass ich in aller Trübsal und Verfolgung mit aufgerichtetem Haupt eben den Richter, der sich zuvor dem Gericht Gottes für mich hingegeben und alle Verdammung von mir weggenommen hat, aus dem Himmel erwarte, der alle seine und meine Feinde in die ewige Verdammnis werfen, mich aber samt allen Auserwählten zu ihm in die himmlische Freude und Herrlichkeit nehmen wird.

Für heutige postmodern-sensible Ohren besonders kritisch ist die Nennung „seiner und meiner Feinde“ in ein und demselben Atemzug, der eine gewisse unselige Wirkungsgeschichte anklingen lässt. Aber eben auch die Tatsache, dass man mit einem so schwarz-weißen Schema von gut und böse, wir und die anderen, gerettet und verdammt im 16. Jahrhundert bestens leben konnte. Ok, auch heute finden viele diese „Klarheit“ gut, so lange klar ist, dass man selbst auf der richtigen Seite steht…

In der Reformation scheinen es also ausgerechnet die Täufer (oder einzelne Vertreter der Bewegung) gewesen zu sein, die dem Heilspartikularismus der Reformatoren einen Heilsuniversalismus entgegensetzten. Das wiederum verbunden mit einer radikalen Ekklesiologie, und wie beides zusammenhängt, das ist mir noch nicht klar. Weiß jemand Bescheid?

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Erstaunliche Wende

Ich beschäftige mich gerade mit der Frage nach dem Gericht Gottes. Im Allgemeinen scheint es ja heute so zu sein, dass die Landeskirchler die sanfte und Freikirchen die harte Linie vertreten. Die einen reden fast gar nicht vom Gericht Gottes und neigen zur Allversöhnung, die anderen recht oft und ziehen mit eher harten Urteilen den Kreis der Erlösten enger und exklusiver.

Um so überraschender, dass es auch mal anders war: Die Lutheraner sprachen im Augsburger Bekenntnis sehr „knackig“ vom Gericht über die Gottlosen und verurteilen die sanfte Linie der Täufer, die sich vorstellen können, dass am Ende auch noch der Teufel gerettet wird. In CA XVII heißt es:

Auch wird gelehrt, dass unser Herr Jesus Christus am jüngsten Tage kommen wird zu richten, und alle Toten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude zu geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und ewige Strafe zu verdammen. Deshalb werden die Wiedertäufer verworfen, die lehren, dass die Teufel und verdammte Menschen nicht ewige Pein noch Qual haben werden.

Ebenfalls interessant ist, dass die Erwähnung der Täufer in der Fassung von CA XVII fehlt, die auf der Website der EKD zu finden ist. Ob man damit wohl ein Zeichen der Ökumene setzen möchte oder nur eine Peinlichkeit übergehen?

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Blöde Frage?

Ich kämpfe mit einem Gottesdienstentwurf aus Pete Rollins‘ „How (not) to speak of God“ für den Karsamstag. Dort wird in verschiedenen Formen die Frage aufgeworfen, ob wir Christus auch dann folgen würden, wenn wir noch gar nicht wüssten, dass alles gut ausgeht. Die Implikation ist die, dass wahre Liebe und Nachfolge bedingungslos sind und dass ein Spekulieren auf ein Happy End billiger Opportunismus wäre.

Das Problem (das mich, je länger ich lese, richtig wütend macht) ist dabei die Frage selbst. Denn erstens blendet sie aus, dass Jesus im Tod von allen verlassen war. Also wäre es anmaßend, sich einreden zu wollen, wir hätten eine bessere Figur abgegeben. Umgekehrt wäre ein dauerhaftes Festhalten an einem toten Christus (wie eine fiktive Geschichte es suggeriert) auch aus der Sicht des Paulus blanker Unsinn: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden.“ (1. Kor 15,17)

Der hypothetische Schritt, sich an die Seite eines nicht nur scheinbar, sondern ganz offenkundig sinnlos Gescheiterten zu stellen, wäre nur eine tragische Pose – eine absurde Selbstinszenierung, die den Triumph des Nihilismus feiert, statt ihm eben jene Hoffnung entgegenzusetzen, aus der heraus Jesus selbst den Weg ans Kreuz überhaupt erst angetreten hatte.

Wir sollen vielleicht lernen, Jesus mehr als unser eigenes Leben zu lieben und ihm zu folgen. Aber es kann ja nicht darum gehen, ihn mehr als das Leben zu lieben. Weil er nämlich das Leben und die Liebe selbst ist. Die Antwort auf eine Auferstehung ohne Kreuz kann nicht ein Kreuz sein, das künstlich ohne Auferstehung auskommen muss. Es geht um die ganze Geschichte…

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Der andere Heldentod

David Hart kontrastiert das Ostergeschehen mit dem Heldentod der attischen Tragödie. Auch wenn der Kontrast zwischen griechischem und hebräischem Denken oft überstrapaziert wird, finde ich diese Beobachtungen spannend, weil sie uns heute noch in ähnlichen Formen begegnen:

Die Form, der Kontext und die Substanz der attischen Tragödie unterstreicht einen bestimmten narrativen Mythos, der Gewalt als die Ur-Gemeinschaft von natürlicher und moralischer Welt darstellt, und das menschliche Gemeinwesen als eine belagerte Zitadelle, die sich zum Teil dadurch erhält, dass sie den Mächten, die sie bedrohen, Tribut zollt.

Die Helden der griechischen Tragödie sterben, um eben jene Ordnung zu bestätigen und zu erhalten, die diesen Tod gefordert hat. Sie führen zu einer Kapitulation vor der unvermeidlichen Gewalt des Daseins, das ist ihre einzige Weisheit. Ihre Helden werden nicht edel durch das Leid, das ihnen widerfährt, sondern das Leid wird durch den Glanz des Edlen, der es erduldet, metaphysisch und religiös verklärt, ohne dabei überwunden zu werden. Es geht nicht um ein paar boshafte Taten einzelner Götter, sondern um einen unauflöslichen gewaltsamen Konflikt zwischen Chaos und Ordnung, der älter ist als die Götter. Der Krieg wird dem Frieden ontologisch vorangestellt, daher muss dieser durch solche Opfer immer wieder befestigt werden.

Um zu verstehen, warum die Osterbotschaft auch eine Botschaft des Friedens ist, muss man den Unterschied zwischen Tragödie und Osterevangelium betrachten:

Die Tragödie verallgemeinert die Gestalt des strahlenden Helden: und dennoch wird er ausgeschlossen und beiseite geschoben; sein Leiden kann keine neue civitas begründen, sondern es stellt das Gleichgewicht der alten Ordnung wieder her; er wagt sich hinaus in die Leere und bestätigt damit wieder, dass außerhalb der Stadtmauern nur Leere existiert. Christus aber, der außerhalb der Stadt leidet, macht seinen Tod zu einem Akt der Inklusion, der die Welt neu beginnen lässt; seine Auferweckung hebt die Grenzen auf zwischen Stadt und Ödland, Leben und Tod, rein und unrein, Ausgeschlossensein und Zugehörigkeit, indem er diese Unterscheidungen einfach umgeht… (The Beauty of the Infinite: The Aesthetics of Christian Truth, S. 385)

Der – gar nicht edle – Kreuzestod Christi verändert die Welt auch deswegen, weil das Böse und das Leid nicht etwa unsprüngliche Elemente der Schöpfung darstellen, sondern spätere, enstellende Übermalungen der ursprünglich guten Schöpfung sind – die nun wieder sichtbar wird, wenn Gott den end-gültig rechtfertigt, die Gewalt erleidet, und das System verurteilt, das Gewalt verübt.

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Die gute alte Hölle

Am vergangenen Sonntag hat Michael die Hölle ein gutes Stück entmythologisiert, indem er den Begriff von den Übermalungen aus 2000 Jahren Kirchengeschichte befreite. Mit dem sehr gelungenen Beitrag hat er viele zum Nachdenken gebracht – und eine Menge Fragen aufgeworfen.

Ich hatte letzte Woche selbst so ein Erlebnis, wo ich mir die gute alte Hölle herbeigewünscht habe, in der die Bösen dieser Welt ihr Fett weg bekommen. Die SZ interviewte Prof. Manfred Nowak über Folter und Menschenrechte. Besonders ging mir dieser Abschnitt unter die Haut:

Sie haben die in Nigeria gängige Foltermethode angewendet, einem Menschen aus kurzer Distanz ins Bein zu schießen und ihn ohne medizinische Behandlung seinem Schicksal zu überlassen. Diesem Menschen fault dann bei lebendigem Leib der Fuß ab. Sie können sich die Qualen und den Gestank überhaupt nicht vorstellen.

Mein allererster und völlig unheiliger Impuls ist: die Schweine müssen bestraft werden, und zwar hart. Und weil das der nigerianische Staat vermutlich nie tun wird und wohl auch kein UN-Tribunal, könnte wenigstens Gott dafür sorgen, dass die Folterknechte und Ihre Auftraggeber nicht ungeschoren davonkommen?

Der andere Punkt bleibt aber das Gottesbild: Wenn da der Aspekt der Strafe dominiert und Gott eine Art kosmisches KZ betreibt, würde die Genugtuung blitzschnell in Angst umschlagen. Und die Fixierung auf einen strafenden Gott macht Christen dann doch geneigter, selbst auszuteilen. Das könnte ausgehen wie bei Richter Gnadenlos, der letzte Woche auf Youtube vor sich hin kokste und offenbarte, dass sich hinter der demonstrativen Härte wohl noch nie ein guter Kern verbarg. Harte Gottesbilder bringen wohl kaum unsere besten Seiten zum Vorschein.

Andererseits ist es ein starkes Argument gegen jede Form eigenmächtigen Urteilens und Strafens, dass wir an dem Gedanken energisch festhalten, dass kein anderer als Gott allein für vollkommene Gerechtigkeit sorgt – am Ende und auf seine Weise, die eben allzu oft nicht mit unseren ungeduldigen und zornigen Forderungen zusammenpasst. Alles andere wäre ja eine Art Lynchjustiz, die das bestehende Unrecht nur potenziert. Um das zu verhindern, sollten wir uns also Gottes Gericht nicht allzu plastisch ausmalen, sondern lieber über seine Barmherzigkeit meditieren. Wenn Jesus das mit der Feindesliebe ernst gemeint hat – was bedeutet das für das jüngste Gericht, dass Gott sich da treu bleibt?

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N.T. gut, alles gut

Viele von den Fragen, die wir Gott stellen, können nicht direkt beantwortet werden – nicht, weil Gott die Antwort nicht wüsste, sondern weil unsere Fragen keinen Sinn ergeben. Wie C.S. Lewis einmal bemerkte, sind viele unserer Fragen aus Gottes Sicht so, als würde jemand fragen: “Ist Gelb eckig oder rund?” oder “wie viele Stunden hat eine Meile?”

N.T. Wright, Simply Christian, S. 104f.

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Nicht überall, wo Gebet drauf steht…

… ist auch Gebet drin. Den Eindruck hatte ich nach einem kurzen Austausch in den letzten Tagen. Ich wurde angeschrieben und eingeladen zu einem Gebets-Event. Bei ähnlichen Veranstaltungen seien in den letzten Monaten “etwas Neues geweckt” worden, hieß es, und dann wurde auf den Wechsel des Ministerpräsidenten in Bayern verwiesen.

Irgendwie erschien mir diese Verknüpfung als zu direkt. Dank für ein erhörtes Gebet wäre in Ordnung, dachte ich, aber hier ging es um etwas anderes. Also schrieb ich zurück und meldete meine Bedenken an. Der Initiator meinte, es sei doch nur natürlich, mit Resultaten zu rechnen, und formulierte am Ende seiner Antwort: “Komme Reich Gottes. Geschehe Wille Gottes (…) – wie im Himmel, und ich erwarte Ergebnisse!”

Erst beim zweiten oder dritten Lesen merkte ich, woher meine Bauchschmerzen bei dieser Aussage rührten. Statt “Dein Reich komme” in der bittenden Anrede an Gott steht hier ein Imperativ und Gott erscheint nur als Genitivattribut. Was jetzt nach Wortklauberei aussieht, deutet jedoch auf eine ganz andere Sicht der Zusammenhänge: Gebet ist plötzlich nicht mehr (wie bei Jesus) eine Bitte an Gott, dass er bestimmte Dinge herbeiführt, sondern bewirkt praktisch direkt die jeweiligen Ereignisse.

Und damit wird der Zusammenhang von einem mittelbaren zu einem unmittelbaren: Ich proklamiere (bzw. “gebiete”, was auch immer…) und dann passiert es irgendwann. Dazu passt dann auch diese für mein Empfinden so erstaunliche Gewissheit, dass große politische Ereignisse die Wirksamkeit bestimmter Aktionen belegen.

Ich glaube aber, dass Gott uns bewusst keine unmittelbare Einwirkung auf andere gestattet. Bestimmte Dinge sind, wie Dallas Willard und C.S. Lewis sagen, unserem Zugriff entzogen. Gott schaltet sich aus Sicherheitsgründen dazwischen. Unsere Gebete sind sicher auch in großen weltgeschichtlichen Zusammenhängen erwünscht und sinnvoll. Allerdings behält sich Gott die letzte Entscheidung vor – er bleibt die Hauptperson. Und ich fürchte, wo man so redet, dass man sich das nicht mehr bewusst macht, hat man die Grenze zum magischen Denken schon fast überschritten.

Das Bitten ist das große Gesetz der spirituellen Welt, durch das Dinge zustande kommen in Kooperation mit Gott und doch in Harmonie mit der Freiheit und Würde jedes einzelnen.

Dallas Willard

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Was hat er nur gemeint?

Morgen bin ich in der Allianz-Gebetswoche mit von der Partie. Das Thema ist die Nachfolge Christi. Heute las ich den weiteren Zusammenhang dazu in Matthäus 16,28:

Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen.

Der Vers birgt eine gewisse Schwierigkeit: Falls Jesus von seiner “Wiederkunft” redet – und in einer gewissen Auslegungstradition tut er das ja ständig -, dann hat er sich schlicht und einfach getäuscht. In eben dieser Auslegungstradition ist das aber nicht vorgesehen, dass Jesus (schlimmer noch: die Bibel!) sich täuscht. 🙂

Aber vielleicht hat ja auch N.T. Wright Recht, der das Kommen des Menschensohnes mit dem Buch Daniel als ein Kommen zu Gott hin, also nicht vom Himmel herab, deutet. Ungefähr das, was bei Johannes dann als die Erhöhung Christi erscheint, die er ja mit dem Kreuz identifiziert. Das würde übrigens glänzend in den Kontext von Mt 16 passen. Das Kommen des Menschensohnes zu Gott (durch Tod und Auferweckung) aber bedeutet das Ende des Exils, die Wiederherstellung des Gottesvolkes, den Beginn des letzten Aktes im großen Drama zwischen Gott und seiner Welt, den Beginn der neuen Schöpfung.

Ach ja, das Beste hatte ich beinahe vergessen: Die Bibel hat also doch Recht… 😉

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Glaubensspiralen (4): Gelb

Ein für unsere Zwecke entscheidender Sprung geschieht beim Übergang zum gelben Mem. Hier erreicht menschliches Denken die „zweite Ordnung“ und vermag durch einen systemischen Denkansatz die Meme der ersten Ordnung zu überblicken:

„Wir können zum ersten Mal die Legitimität aller bislang erwachten menschlichen Systeme erkennen. Es sind Formen unserer Existenz, die das Recht haben, da zu sein. Die Systeme werden als dynamische Kräfte gesehen, die, wenn sie gesund sind, zur Lebensfähigkeit der gesamten Spirale und folglich zur Fortsetzung des Lebens selbst beitragen.” (Beck/Cowan S. 424)

Es gelingt, die Stärken einzelner und ganzer Kulturen zu nutzen, und ihre Schwächen konstruktiv zu überwinden, indem man mit Menschen in ihrer Vorstellungswelt kommuniziert, ohne sich von dieser begrenzen zu lassen.

„Menschen, die andernorts auf der Spirale ihren Schwerpunkt haben, sind von gelb Denkenden ganz verdattert. Sind sie purpurn geprägt, können sie sie praktisch nicht wahrnehmen. Rot geprägten erscheinen sie seltsam, aber manchmal macht es Spaß, mit ihnen zusammen zu sein. Wer blau denkt, dem erscheinen sie unbeständig, respektlos und unscharf. Wer seinen Schwerpunkt in Orange hat, der hat den Eindruck, die wären unwillig, sich der Erreichung eines Ziels vollständig zu verschreiben. Vom grünen Standpunkt aus gesehen, wirken sie cool und reserviert“ (Beck/Cowan 433f.)

Diese knappe und lückenhafte Skizze der letzten Posts lässt schon erkennen, vor welcher Aufgabe man mit den unterschiedlichen, aber gleichzeitig aktiven wMemen steht: Den Blauen ein Blauer zu werden, den Orangen ein Oranger und so weiter. Gelöst werden kann die Aufgabe angesichts des rapiden Wandels, der auf ebenso rapiden Veränderungen der Lebensbedingungen beruht, eigentlich nur, wenn die Kommunkation vielfarbig wird. In der Logik der Spiral Dynamics bedeutet das aber, sich zum Denken des gelben wMems in emergenten Systemen zu bewegen. Nur dann können die spezifischen Engführungen bestimmter Systeme vermieden und allergische Reaktionen auf andere Systeme gemildert werden.

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Glaubensspiralen (3): Grün

Ich setze die Reihe spiralaufwärts fort – immer mit der Frage, auf welche Wertesysteme und Denkweisen die christliche Botschaft trifft. Der Übergang von “Orange” nach “Grün” ist in etwa mit dem Beginn der Postmoderne gleichzusetzen:

Mit dem Übergang zum grünen wMem verschiebt sich der Schwerpunkt des Interesses zurück vom Individuum zur Gemeinschaft. Harmonie und Empathie beginnen, den Selbstausdruck zu beschränken. Allerdings fördert das grüne wMem (anders als konformistisches Blau) die Vielfalt und Toleranz der Überzeugungen und Lebensstile. Im Unterschied zu Orange wird nun Konkurrenz kritisch gesehen und die sozialen Kosten beklagt. Das blaue, moralisierende Evangelium erklärte “strukturelle” Sünde nicht (viele konservative Christen gingen den scheinbar „anständigen“ Nazis auf dem Leim) und begünstigt Spaltungen durch seinen Hang zum ausgrenzenden Sündenbock-Mechanismus. Es hat sich damit disqualifiziert und muss mit heftiger Ablehnung rechnen, vor allem, wenn es rot/Blau in aggressiver Rhetorik und mit Andeutungen totalitärer Ansprüche erscheint.

Auf der Frequenz von Grün kann Sünde als destruktives Sozialverhalten ausgemacht werden, insbesondere Diskriminierung und Ausgrenzung, aber auch Gleichgültigkeit und Kälte. Zusätzlich erscheint strukturelles Unrecht erstmals im Bewusstsein, während die Ethik zu situativen Entscheidungen neigt und blaues Schwarz/Weiß Denken verpönt ist. Bestimmte „blaue” Werte wie etwa Ehrlichkeit bestehen oft weiter.

Das Kreuz wird zum Anstoß, wo der Straf- und Opfercharakter dominiert und Gott (dem das Opfer gilt) als gewalttätig erscheint. Umgekehrt kann das unschuldige Leiden des gewaltlosen Messias unter der römischen Militärmaschinerie eine enorme Anziehungskraft entwickeln und die Vorstellung eines leidenden Gottes löst weder blaue Angst und Empörung noch oranges Schulterzucken aus. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Passion lediglich exemplarisch verstanden wird, also keine neue, befreiende Wirklichkeit konstituiert. in der Regel wird in Grün des Aspekt des universalen Heilswillens Gottes stark zur Geltung kommen, der sich gerade den ausgegrenzten Sündern, den „Verlierern“ dieser Welt gilt, und der Versöhnung stiftet über ethnische, nationale und soziale Schranken hinweg.

Bekehrung (der – historisch betrachtet – typisch blaue Begriff wird in der Regel gemieden) wird auf der grünen Frequenz tendenziell so verstanden, dass man Teil einer Gemeinschaft wird, in der man in universaler Offenheit für andere die Praxis der Nächstenliebe und des Friedens einübt. Sie wird weniger als punktuelle Krise, sondern stärker als prozesshafte Transformation verstanden. Folglich wird auch die Unabgeschlossenheit dieses Prozesses betont – sich durch geistliche Übungen dem Einfluss der Gemeinschaft und des Geistes Gottes beständig auszusetzen, um lebenslang zu wachsen.

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Glaubensspiralen (2): Orange

Sünde ist im hedonistischen orangen Mem viel schwerer zu fassen, denn es hat sich von blauer Moral weitgehend verabschiedet. Richtig ist, was mir nützt und mich voranbringt. Postmoralisch muss man hier also fragen: Wo liegt das Problem in dieser Welt? Und würde von Vertretern des orangen Mems zu hören bekommen: Wir machen zu wenig aus unseren Möglichkeiten. Wir trauen uns zu wenig zu, gehen zu wenig Risiken ein und sind zu träge darin, unser Potenzial wirklich kreativ auszureizen. Wir verstecken uns hinter Traditionen und Ordnungen, die unser Versagen kaschieren und meiden die Verantwortung für uns selbst. Wir sind unfähig, unser Glück richtig zu genießen und den psychologischen (oder auch institutionellen) Ballast abzuwerfen, der uns daran hindert, voran zu kommen. Von den sieben Todsünden bleibt hier im Grunde nur die Trägheit übrig. Spiritualität ist ein Weg, das eigene Leistungsvermögen und Wohlbefinden zu steigern. Dafür lässt man sich zumindest oberflächlich auf Religion ein, bevorzugt aber unverbindlich-individualistische Richtungen.

Orange Versionen von “Kreuzestheologie” werden folglich das “pro nobis” der Erlösungstat betonen, den Erfolg Christi gegen alle Kräfte, die Freiheit beschränken und erfülltes Leben mindern, hervorheben, seine übermenschliche Leistung hervorheben, von der wir nun profitieren – und umgekehrt das Leid wie auch den Gedanken des Scheiterns in den Augen der Welt herunterspielen. Das wird am einfachsten dadurch erreicht, dass man den unmittelbaren Nutzen des Kreuzestodes herausstellt: In Christus sind wir körperlich geheilt, der Weg zum guten Leben (Wohlstand) ist uns geebnet, als Kinder Gottes haben wir einen begründeten Anspruch (!) auf Glück, gute Energien werden freigesetzt.

Bekehrung bedeutet den Aufbruch zu neuen, größeren Abenteuern, die Verwirklichung der individuellen Berufung und geistlichen Begabung, oft auch die Gründung neuer Gemeinschaften und Projekte. Die Aufgabe des Christen ist nun, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln, das das gute Leben antizipiert (Glaube) und ihm so den Weg ebnet. Prinzipiell sind dem, der mit Gott im Bunde ist, keine Grenzen des Erfolgs gesetzt.

Stark (aber nicht immer ausschließlich) orange gefärbtes Christentum findet man im undogmatischen Individualismus der charismatischen Bewegung, bei den pragmatischen Evangelikalen wie Hybels und Warren, im evangelischen Münchenprogramm (das überholte Hierarchien verflüssigt), deutlich problematischer und unangenehmer in den verschiedenen (in ihrem Grundimpuls asozialen) Versionen des Wohlstandsevangeliums.

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Glaubensspiralen (1): Blau

Um eine Antwort auf die Fragen von neulich zu finden, greife ich auf die schon mehrfach erwähnten Spiral Dynamics zurück. Es handelt sich um ein spiralförmig (also nicht einfach linear) vom Einfachen zum Komplexen ansteigende Folge von “Werte-Mems”. Darunter versteht man ein System kollektiver menschlicher Anpassungsintelligenzen, die sich als Reaktion auf bestimmte Lebensbedingungen entwickeln. Die späteren Schichten umlagern wie in einer Baumrinde die früheren, so dass in einer Gesellschaft wie bei einem Individuum gleichzeitig an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Muster aktiv sein können. Daher eignet sich diese Theorie (die eher deskriptiv als hegelmäßig-teleologisch funktioniert), um komplexe Veränderungsprozesse zu beschreiben. Es ist natürlich eine Schablone, aber für unseren Zweck eine hilfreiche, wie ich meine.

Ich überspringe die Darstellung der ersten drei w-Meme (instinktives beige, magisches purpur und egozentrisches rot), da sie für die aktuelle Fragestellung nur eine untergeordnete Rolle spielen (einen Überblick findet Ihr hier), und steige gleich mit der vierten Ebene ein.

Sünde wird im ordnungsliebenden blauen Mem verstanden als ein Verstoß gegen absolute, heilige oder kategorische Ordnungen, als Verletzung von Pflichten, das Leugnen objektiver Wahrheiten. Sie muss daher emotionslos und konsequent verfolgt werden, weil sonst das große Ganze in seinem Zusammenhalt bedroht ist und “rote”, rücksichtslose Anarchie ausbricht.

Folglich erscheint in blauer Verkündigung das Kreuz als Tilgung objektiver Schuld durch einen Ausgleich, eine Transaktion höherer Ordnung, als vollkommene Erfüllung des Gesetzes, das durch diese bestätigt und nicht etwa aufgehoben wird. Im blauen Mem hat unschuldiges Leiden seinen Platz innerhalb der Ökonomie eines großen, ewigen Sinnzusammenhangs.

Bekehrung bedeutet schließlich in diesem Mem, vom Feind der traditionellen Ordnung und absoluten Wahrheit zu ihrem Anhänger und Unterstützer werden, indem man sich ihrem Anspruch und ihrer Autorität bedingungslos unterwirft. Das schließt eine gewisse Neigung zur Gesetzlichkeit und ein binäres Schwarz-Weiß-Denken ein. Zweifler und Abtrünnige werden als noch schlimmere Bedrohung verstanden als die “Sünder” und “Heiden”, die sich noch nie dafür interessiert haben. Die Gerechten erwartet himmlischer Lohn, allerdings erfordert dieser geduldiges, treues und diszipliniertes Warten. Die Ungerechten dagegen ernten die Früchte ihrer Rebellion.

Weitgehend blaue Versionen des Christentums sind klassische Evangelikale (Billy Graham wird bei Don Beck explizit genannt), konfessionelle Traditionalisten, und in der eher unangenehmen Form jeglicher christliche Fundamentalismus, Puritanismus und Dogmatismus. Es werden institutionelle Formen bevorzugt mit einem hohen Grad an Homogenität.

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