Zeit statt Zuckerbrot?

Diese beiden interessante Beiträge auf TED, die ich gestern auf der (leider überlangen) Zugfahrt gesehen habe, ergänzen sich recht gut:

Der Designer Stefan Sagmeister spricht über den Wert eines Sabbaticals, nicht nur zur Regeneration, sondern um kreativ wieder Luft zu holen.

Auf der anderen Seite erklärt dann Dan Pink, dass finanzielle Belohnungen (außer bei so etwas wie stumpfer Akkordarbeit) nachweislich keinen oder sogar einen negativen Effekt haben, wo immer es um kreatives Denken und komplexe Tätigkeiten geht. Die Wurst vor der Nase engt das Denken ein.

Es geht viel mehr um Autonomie, Entscheidungsfreiheit, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und darum, etwas Sinnvolles zu tun.

Nachtrag: Der Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Thielemann sagt der SZ zum Thema Boni heute:

Wenn Mitarbeiter nur ein Fixgehalt haben, können sie sich auf die Prinzipien der guten Berufsausübung konzentrieren und ihren Job verantwortungsvoll ausfüllen. Der Bonuswettbewerb behindert sie darin.

Share

Schwarzgelb

wird für die nächsten vier Jahre den Ton angeben, nicht unbedingt zu jedermanns Begeisterung. Hier das Motto für diese Zeit, von den unnachahmlichen Goscinny und Morris:

Während der Bewährungsfrist (und wer die Daltons kennt, weiß wie sie endet) wird sich die SPD neu sortieren und mit der Linken pragmatisch zusammenarbeiten, die CSU wird bundespolitisch weiter an Gewicht einbüßen, das soziale Ungleichgewicht wird wachsen und in vier Jahren erleben wir dann keinen lahmen Schmusewahlkampf mehr.

Share

Ich kapier’s nicht…

In den letzten Tagen wurde mehr als genug über den Amoklauf im Carolinum in Ansbach berichtet. Bei mehreren Online-Berichten war auch gleich eine Galerie der Amok-Historie seit Columbine angefügt – der ganze Rattenschwanz.

Und das, bitteschön, verstehe ich nicht: Wenn wir doch inzwischen alle wissen, dass Medienberichte Nachahmer inspirieren, warum machen wir die Täter durch eine solche Litanei quasi unsterblich?

Share

Eine Frage der Rhetorik?

Deutschland im September 2009: Der Rat der EKD hat sich gegen eine pauschale Verurteilung evangelikaler Christen und gegen Vergleiche mit islamischen Fundamentalisten ausgesprochen. Anlass war ein Beitrag des ZDF-Magazins Frontal 21 mit dem Titel „Sterben für Jesus – Missionieren als Abenteuer“ vom 4. August. Evangelikale fühlen sich diffamiert, und diesmal – das findet auch die EKD – ist es vielleicht doch mehr als der übliche fromme Verfolgungskomplex, der eher der Immunisierung gegen Kritik von außen dient.

Gleichzeitig habe ich im Urlaub mitbekommen, wie anders Evangelikale in Großbritannien gesellschaftlich verankert sind. Der theologische Referent der Evangelical Alliance und ihr Generaldirektor waren beide innerhalb einer Woche in verschiedenen Live-Sendungen der BBC zu sehen. Wenn Evangelikale hierzulande nun in manchen Fällen tatsächlich Opfer unfairer Berichterstattung sind, dann ist das vielleicht auch dadurch begünstigt worden, dass man sich in der Öffentlichkeit ungeschickt positioniert bzw. dass an vielen Stellen an der Basis tatsächlich problematische Positionen in einer noch problematischeren Sprache vertreten werden.

Eine spannende Frage ist dabei ja auch, warum der Dalai Lama Homosexualität als unnatürlich beschreiben darf, ohne eine Proteststurm hervorzurufen. Mein Verdacht ist, dass der Einsatz des Dalai Lama für den Frieden ebenso eine Rolle dabei spielt (die wenigsten Evangelikalen sind grundsätzliche Verfechter der Gewaltfreiheit) wie vor allem auch die Tatsache, dass er grundsätzlich mit dem Pluralismus unserer Gesellschaft deutlich weniger auf Kriegsfuß zu stehen scheint als konservative Christen, die in Deutschland leider allzu oft noch eine Rhetorik pflegen, die den eigenen Standpunkt absolut zu setzen scheint. Die Herzenshaltung dahinter mag – zum Teil jedenfalls – ganz anders sein, aber sie bleibt verborgen.

Was mich an all dem beunruhigt: Kann es sein, dass sich die Mahnung Jesu „richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ hier auf eine unerwartet konkrete Weise erfüllt… ?

Share

Todsünden – endlich lokalisiert?

Wired hat eine Karte, in der regionale Häufungen der sieben Todsünden in den USA verzeichnet sind. Der Ansatz ist dabei gar nicht so schlecht, wie die Nachricht zunächst vermuten lässt. Zum Thema Gier wird die Relation von Durchschnittseinkommen zu Geringverdienern analysiert, zum Thema Lust (da könnte man ein Fragezeichen dahinter machen) die Infektionsraten von Geschlechtskrankheiten, bei Völlerei (das wäre schon eher konsensfähig) die Konzentration von Fast Food Restaurants. Die Studie stammt erstaunlicherweise von der Kansas State University. Ob so etwas auch mal auf Deutsch erscheint?

Share

Auf die Fragen kommt es an

Ich bin eben rein dienstlich auf die Seite Bibelkommentare.de gestoßen. Man kann dort Fragen eingeben und die werden dann beantwortet. Diskutiert wird nicht. Bezeichnend ist dabei der Blick auf die Themen, auf die sich das Interesse konzentriert – ich habe mal nachgerechnet:

Bibelstudium (11) Begriffsdefinitionen (41) Scheinbare Widersprüche in der Bibel (42) Summe: 94

Der Heilige Geist (22) Ehe und Familie (6) Evangelium (27) Gesetz und Judentum (20) Glaubensleben (29)

Jesus Christus (33)

Prophetien auf den Herrn (5) Personen in der Bibel (17) Schöpfung (9)

Versammlung / Gemeinde (50) Verschiedenes (16)

Zukunft / Prophetie (38) Bis zur Entrückung (16) Das 1000jährige Reich (18) Der ewige Zustand (10) Entrückung bis Aufrichtung des Reiches (54)

Das Jenseits und die Engelwelt (21) Summe: 157

Die Bibel ist dreimal so interessant wie Jesus und die Endzeit fast fünfmal – das spricht Bände! Bleibt die Frage, was in dieser Liste gar nicht auftaucht, weil es keinen der Nutzer/Betreiber interessiert?

Share

Kleine Gemeinde – große Herausforderung

Stellen wir uns einen Moment lang Folgendes vor: In einer Stadt in einem zu 90% katholischen Gebiet soll eine Moschee entstehen. Deutlich sichtbar und an einer belebten Straße. Die Initiatoren sind den Stadtvätern bekannt, leben seit einem guten Jahrzehnt im Land und sind nie durch zwielichtige Umtriebe aufgefallen. Ein paar Einheimische sind zum Islam konvertiert und die Gruppe möchte einen repräsentativen Ort für ihr Gebet haben. Es ist die einzige Moschee um Umkreis von 50 km. Da ist für Diskussionsstoff gesorgt – manche wählen dafür wahrscheinlich die Leserbriefecke der Heimatzeitung, man muss aber auch damit rechnen, dass ein paar Unverbesserliche Hauswände  beschmieren oder gelegentlich ein Fenster einwerfen. Für alle – Kritiker wie Befürworter – ist das aber eine neue Situation, mit der umzugehen man lernen muss.

Etwas Vergleichbares, nur umgekehrt, geschieht gerade in der Türkei: Eine kleine christliche Gemeinde kauft ein Gemeindehaus der der Stadt Yalova, südlich von Istanbul. Ungewöhnlich für türkische Verhältnisse ist dabei die Tatsache, dass alles so öffentlich geschieht. Das Verhältnis zu den Stadtoberen ist gut, ab und zu aber versuchen Extremisten, sich auf Kosten der Christen zu profilieren und Stimmung zu machen. Aber bisher verläuft alles recht friedlich, die Gemeinde wächst kontinuierlich weiter und immer wieder kommen Besucher aus der Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen.

Natürlich fragen nun manche, ob so ein Schritt nicht unnötig Spannungen provoziert. Umgekehrt, denke ich, kann man darin aber auch eine Beitrag zu einem normalen Miteinander von Christen und Muslimen in der Türkei sehen – ein weiterer kleiner Schritt auf einem langen Weg. Vielleicht lernen aber auch wir daheim davon – zum Beispiel, dass auch wir die Situation hiesiger Minderheiten besser verstehen lernen und ihnen helfen.

Die Religionsgesetze der Türkei erlauben die Gründung christlicher Gemeinden (das wäre undenkbar in so manchem anderen mehrheitlich islamischen Land), aber sie fordern für Gottesdienste und Versammlungen eigens ausgewiesene Räume. Um legal existieren zu können, ist ein Kauf oder Neubau nötig. Und ein türkischer Freund riet den Verantwortlichen, unbedingt darauf zu achten, dass das Gebäude auch repräsentativ sei. Was bei uns als Bescheidenheit positiv bewertet wird, wird dort eher so verstanden, dass man nicht an die eigene Sache glaubt. Aber billig ist das Ganze auch für unsere Maßstäbe nicht…

IMG_1261

Mit den Kosten für das neue Haus (Bild oben) ist die Gemeinde mit rund 50 Gottesdienstbesuchern schwer herausgefordert. Einzelne Gemeindeglieder (alles keine Großverdiener) sind dabei an ihre persönlichen Grenzen gegangen. Wir als Gemeinde haben uns entschlossen, das Projekt zu unterstützen und waren überwältigt von der Spendenfreudigkeit „unserer“ Leute.

Die Zeit drängt, bis Ende Oktober fehlt immer noch ein sechsstelliger Betrag. Wer sich also noch beteiligen möchte, kann das tun mit einer Spende oder einem Darlehen – die Kontodaten stehen hier und natürlich gibt es auch eine Spendenquittung für die Steuer.

Share

… und er lebt doch ?!?

Die Süddeutsche kommentiert die – zu erwartenden – Gerüchte, dass Michael Jackson lebt. Als Beweis werden verpixelte Handyfotos angeführt und irgendwelche Leute wollen ihn hier oder da gesehen haben. An sich nichts Neues, Elvis lebt ja auch angeblich.

Was unterscheidet nun diese Behauptungen von der Auferstehung Jesu, kann man fragen. Oder eher anders herum: Was für Gründe gibt es, in der neutestamentlichen Botschaft von Jesu Auferweckung nicht eine bloße Analogie zu einem Fankult zu sehen, der den Tod des King of Pop nicht wahr haben möchte?

Natürlich gibt es keine verschwommenen Pixel mit Jesus drauf (welches digitale Bild beweist neute noch irgend etwas anderes als die Existenz von Photoshop?), wir müssen also die Berichte selbst ansehen. Ein paar Unterschiede fallen dabei auf:

  • Michael Jackson wollen fast ausschließlich einzelne gesehen haben, während im NT in der Regel nicht nur eine Person dem Auferstandenen begegnet.
  • Während zweitens Jackson nach Ansicht der meisten, die ihn gesehen haben wollen, nie tot war (ganz analog ist ja nach islamischer Überlieferung auch nur eine Art Doppelgänger oder Attrappe Jesu hingerichtet worden), war sein Tod für alle Zeugen der Auferstehung nie in Zweifel gestanden.
  • Drittens wird von den „Zeugen“ der Grund für Michael Jacksons Fortleben im Motiv der Flucht gesucht: Vor den Fans, vor den Schulden etc. Er verfolgt eher selbstbezogene Ziele. Die Auferweckung Jesu trägt – wie sein Leben und sein Sterben – für Christen immer den Charakter des „für uns“. Der Auferstandene kommt von sich aus auf seine Jünger zu!
  • Viertens ist das „für uns“ im NT so umfassend verstanden wir kaum etwas: Während niemand annimmt, Michael Jacksons Weiterleben eröffnet ihm selbst – geschweige denn der ganzen Welt – neue Lebensperspektiven und die Hoffnung auf eine grundlegende Verwandlung der Verhältnisse in Politik, Ökosystemen, menschlichen Beziehungen und der inneren Harmonie jedes einzelnen, wird von Jesus genau das gesagt: Er ist der Erstgeborene der neuen Schöpfung – und wir ahnen erst, was das alles noch bedeuten wird.

Wäre (im Blick auf Jesus) das auch nur an einem einzigen Punkt anders gewesen damals, dann würden wir heute ebenso wenig darüber reden wie man in 200 (geschweige denn 2000) Jahren noch von Jacko sprechen wird. So aber lohnt es sich bis heute, der Frage nachzugehen, ob und wozu Jesus auferstanden ist.

Ach übrigens: der Mann mit dem Regenschirm ist natürlich Pan Tau – mit Perücke statt Melone.

Share

Kein Buchhaltergott

„Nicht ein einziger Brief wurde zugunsten von Mr. Madoff eingereicht. Keine Freunde, keine Familienangehörigen. Das sagt viel aus.“ So lautet das Fazit des Richters im größten Betrugsprozess der Geschichte. Der Bericht des Spiegel trägt den Titel „Möge Gott dir keine Gnade gewähren“ – die Worte stammen von einem der vielen Menschen, deren wirtschaftliche Existenz Madoff zerstört hat. Wenn das nächste Mal das Gleichnis von Schalksknecht zur Predigt ansteht, bietet sich dieser Vergleichspunkt für die Höhe und Dreistigkeit des Betrugs durchaus an.

Es gibt also nach wie vor diesen Sachverhalt der – finanziellen wie moralischen – Schuld. Und wie zu Jesu Zeiten kann das einen Menschen auch die Freiheit kosten. Madoff muss 150 Jahre hinter Gitter, er wird im Gefängnis sterben.

Am selben Tag las ich bei Anselm Grün zum Thema Erlösung und der Frage, wie die biblischen Bilder für die Erlösung durch Jesus heute verstanden werden können, den folgenden Satz:

Der Blick in die Finanzwelt war offensichtlich für Jesus selbst und die biblischen Autoren eine Hilfe, das Geheimnis der Vergebung und Erlösung von Schuld zum Ausdruck zu bringen. Was finanzielle Schulden sind, weiß heute jeder. Und oft genug drücken diese Schulden. Manchmal sind sie so hoch, dass sie sich nicht zurückzahlen lassen (…) Gott erweist sich am Kreuz nicht als Buchhalter, der über unsere Schulden Buch führt, sondern als großzügiger Geldverleiher, der uns unsere unbezahlbare Schuld erlässt.

Man muss gar keine Milliarden wie Madoff veruntreuen. Manches, was ich anderen zufüge oder schuldig bleibe, lässt sich nicht wieder gut machen, zumal nicht mit Geld – ob das nun körperlicher, seelischer oder sozialer Schaden ist. Manche verpasste oder verpatzte Gelegenheit, Gutes zu tun und sich für das richtige einzusetzen, kommt kein zweites Mal.

Die Geschichte vom Schalksknecht kehrt sich im Fall Madoff aber auch irgendwie um: Früher oder später stehen die Geschädigten, die ihm jetzt die Pest an den Hals wünschen, vor der Frage, ob sie zur Vergebung bereit sind (und so auch selbst frei werden von der Fixierung auf dieses Unrecht und dessen Folgen).

Soll nun der kleine Fisch dem Großen vergeben, der Unschuldige (oder nur-ein-kleines-bisschen-Schuldige) dem über alle Maßen Schuldigen? Nicht im Sinne von Straffreiheit vor der Justiz, aber wenigstens so weit, dass man die persönliche Anklage fallen lässt und Madoff wieder als Mitmenschen sieht? Vielleicht hilft das klare Gerichtsurteil ja dabei. Allerdings: Ein Schritt dahin könnte eben diese Einsicht sein, dass Madoffs Schuld zwar vom Ausmaß her alles Bisherige in den Schatten stellt, qualitativ aber eben auch nur das ist, was wir „Normalos“ alle in der einen oder anderen Form kennen: ein Schaden, den wir nicht aus eigener Kraft (und weil „unbezahlbar“ auch nicht mit unserer Kreditkarte) wieder gut machen können.

Share

Brutal verfolgt

Deutschland ist natürlich nicht der Iran und das Dritte Reich ist auch schon lange vorbei. Trotzdem kann ich auch die Empfindsamkeiten und Ängste Homosexueller bei uns etwas besser verstehen, wenn ich heute auf Zeit online lese:

… auf Homosexualität steht in Iran die Todesstrafe. Mehr als 4000 Männer, die Männer lieben, wurden seit der Islamischen Revolution an Baukränen erhängt.

Manche Beobachter sehen den Iran auf dem Weg zum islamischen Faschismus. Wenn also Christen und Homosexuelle im Iran und anderswo eine gemeinsame Leidensgeschichte verbindet, vielleicht lässt sich ja ein Weg finden, wie das Trennende zwischen manchen Lagern auf beiden Seiten bewältigt werden können?

Share

Der „böse Blick“

Ich habe heute ein Telefonat hinter mich gebracht, um das ich mich eine Weile gedrückt hatte, weil ich (das merkte ich, als wir sprachen) ein Vorurteil gegenüber meinem Gesprächspartner hatte. Er entpuppte sich als ein sehr freundlicher und kompetenter Mensch und ich war danach wegen meiner nicht furchtbar, aber eben doch schlechten Gedanken hinterher etwas geschämt. Ich möchte niemand sein, der sich von Vorurteilen leiten lässt. Oft gelingt das ja auch.

Dann bin ich auf der Straße einer Verkäuferin begegnet. Neulich habe ich in dem Laden eingekauft, wo sie arbeitet. Sie ist jung, blond und gut aussehend. Aber das alles war bedeutungslos, als sie mit der älteren Dame die Geduld verlor, die vor mir an der Reihe war. Ich kann nicht mehr genau sagen, was es damals war, über das ich so erschrocken bin. Aber für eine Sekunde oder zwei strahlte dieses Engelsgesicht so eine Aggression, Verachtung, Kälte und irgendwie auch Hass aus, dass ich richtig erschrocken bin. Seither kaufe ich nicht mehr so gern in dem Geschäft ein, wenn sie da ist.

Ich habe das schon eine ganze Weile nicht mehr erlebt. Ohnehin bin ich eher jemand, der solche Erlebnisse zu erklären versucht: Hatte die Verkäuferin Kummer oder einfach einen schlechten Tag, war ein Kunde kurz zuvor unausstehlich gewesen? Oder sich eben fragt, ob das nun wieder ein Vorurteil ist. Aber diese Episode erinnerte mich an die wenigen und (in letzter Zeit besonders) seltenen Erlebnisse, wo ich jemanden als böse empfand – nicht nur erbost über irgendwas. Und das blitzte damals aus diesen blauen Augen, als die alte Frau sich etwas ungeschickt anstellte. Irgendwie fühlte mich mich allein vom Zusehen verletzt.

Als Kind habe ich Menschen, die mir böse vorkamen, immer sorgsam gemieden. Eigentlich würde ich auch jetzt gern einen Bogen um die Verkäuferin machen. Nicht weil ich denke, sie ist ein böser Mensch (als ob wir anderen alle gut wären…). Auch wenn es den „bösen Blick“ nicht gibt, schon ein einzelnes böses Dreinblicken hinterlässt seine Spuren.

Share

Bus-Prediger: Viel Lärm um fast nichts?

Eigentlich hat die Atheisten-Buskampagne schon viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die unterschiedlichen Reaktionen aus dem christlichen Lager haben sicher auch dazu beigetragen, öffentlichen Resonanzboden verstärken: Plötzlich können sich die Initiatoren legitim als Stimme der 30 Millionen Konfessionslosen darstellen, die sie vermutlich gar nicht sind.

Trotzdem frage ich mich: Kann man ernsthaft behaupten, der öffentliche Gegenwind für Christen habe sich verschärft, wenn hierzulande (im Gegensatz zu Großbritannien und Spanien) bislang alle öffentlichen Verkehrsbetriebe es ablehnten, die Buswerbung anzunehmen, während Christen dort bisher jedenfalls fleißig werben durften? Die Buskampagne verschlingt das Monster-Budget von 45.000 Euro, wie die Website aktuell ausweist (nur als Vergleich: wir haben als Gemeinde alleine 35.000 Euro für ein Gemeindehaus in der Türkei zusammen gelegt).

Es ist sicher eine legitime Reaktion, die Atheisten mit einem eigenen Bus zu begleiten. Der Slogan von Campus für Christus „Und wenn es ihn doch gibt?“ ist dabei sicher um Klassen besser als die katholische Antwort aus Dortmund: „Keine Sorge, es gibt Gott. Schönen Tag“ – ist denn Gott bitteschön nur der Garant dafür, dass unser Leben wie gehabt weiter läuft? Oder müssten wir, wenn wir seine Existenz ernst nähmen, uns nicht wirklich ein paar ernste Gedanken machen?

Aber noch einmal die Frage: Ist es wirklich sinnvoll, dass wir uns an diese Sache dranhängen, in welcher Form auch immer? Und warum stürzen sich so viele bereitwillig auf Grüppchen wie diese gläubigen Atheisten und verschiedene Sekten? Könnte man nicht etwa ebensgut oder gar mit noch mehr guten Gründen vor der Zentrale von RTL protestieren, deren mediale Opiate Menschen rund um die Uhr in einem spirituellen Wachkoma halten, gegen den die Diskussion mit den Atheisten schon die reinste Erweckung wäre?

Ich finde den unfreiwillig religiösen Charakter der Atheismusmission ja eher amüsant. Vielleicht sollte man auf diesen Widerspruch einfach mit etwas Humor hinweisen, so wie die SZ das tut.

Share

Der Herzschlag der Kirche

Der folgende Abschnitt aus Eberhard Jüngels Vortrag zur EKD-Synode 1999 in Leipzig ist beim runden Tisch Evangelisation diese Woche gleich zweimal zitiert worden und ich fand ihn so wortgewaltig, bewegend und schön, dass ich ihn heute nachgelesen habe und an dieser Stelle noch einmal wiedergeben will. Er hat auch zehn Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt:

Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Maße bestimmen. Und Defizite bei der missionarischen Tätigkeit der christlichen Kirche, Mängel bei ihrem evangelizzesthai würden sofort zu schweren Herzrhythmusstörungen führen. Der Kreislauf des kirchlichen Lebens würde hypotonisch werden. Wer an einem gesunden Kreislauf des kirchlichen Lebens interessiert ist, muss deshalb auch an Mission und Evangelisation interessiert sein. Weithin ist die ausgesprochen missionarische Arbeit zur Spezialität eines ganz bestimmten Frömmigkeitsstils geworden. Nichts gegen die auf diesem Felde bisher besonders engagierten Gruppen, nichts gegen wirklich charismatische Prediger! Doch wenn Mission und Evangelisation nicht Sache der ganzen Kirche ist oder wieder wird, dann ist etwas mit dem Herzschlag der Kirche nicht in Ordnung.

Wenn die Christenheit atmen könnte, wenn sie Luft holen und tief durchatmen könnte, dann würde auch sie erfahren, dass „im Atemholen … zweierlei Gnaden“ sind. Sie würde beides, das Einatmens-Müssen und das Ausatmens-Können als eine Gnade erfahren, ohne die sie nicht leben könnte. Einatmend geht die Kirche in sich, ausatmend geht sie aus sich heraus. Die Bibel redet von Gottes Geist nicht selten wie von einem Wind oder einem Lufthauch, den man einatmen kann und von dem die Kirche erfüllt sein muss, um geistlich leben zu können. Die Kirche muss mit diesem geistlichen Atemzug in sich gehen, um sich als Kirche stets aufs Neue aufzubauen. Das tut sie vor allem in ihren liturgischen Gottesdiensten. Da ist sie um Gottes Wort und um den Tisch des Herrn versammelt, da ist sie gesammelt und konzentriert bei sich selbst. Doch wenn die gottesdienstlich versammelten „Glaubigen, bei welchen das Evangelium rein geprediget und die heiligen Sakrament lauts des Evangelii gereicht werden“ (CA VII), wenn die als Gemeinde versammelten Christen den durch Gottes Wort und Sakrament vermittelten Geist Gottes (CA V) nur für sich selber haben wollten, von ihm gar Besitz ergreifen, ihn nostrifizieren wollten, so würden sie an dieser göttlichen Gabe regelrecht ersticken. Im Atemholen sind nun einmal zweierlei Gnaden. Die Kirche muss, wenn sie am Leben bleiben will, auch ausatmen können. Sie muss über sich selbst hinausgehen, wenn sie die Kirche Jesu Christi bleiben will. Sie kann als die von seinem Geist bewegte Kirche nicht existieren, wenn sie nicht auch missionierende und evangelisierende Kirche ist oder wieder wird.

Share