Nachrichtenkater

Die letzten dreieinhalb Wochen hatten Nachrichten Hochkonjunktur. Eigentlich ging es schon etwas länger, die Revolutionen in Tunesien und Ägypten markierten den Anfang. Ich konnte morgens aufstehen und nach den Nachrichten sehen und es war immer aufregend, wichtig und neu; zuletzt noch die spannende Wahl in Baden-Württemberg.

Am ersten April brach dann die große Verlegenheit aus. Welchen Bären konnte man den Lesern/Zuschauern denn nun noch aufbinden? So viel war eingetreten, das niemand für möglich gehalten hätte. Und seither zieht sich alles gefühlt in endlose Länge: Fukushima leckt Wasser und sucht die undichte Stelle, die FDP leckt ihren Wunden und diskutiert, wer im Präsidium nicht ganz dicht sein könnte. In Libyen geht es zäh hin und her, aber nicht mehr vorwärts in eine klare Richtung. Nicht einmal ein Trainerwechsel in der Bundesliga bahnt sich noch an – gibt es womöglich ein Moratorium in der DFL?

Als hätte jemand den Gang herausgenommen. Aber das mörderische Tempo von Hiobsbotschaften kann ja kein Mensch durchhalten. Manches von dem, was sich in den letzten Tagen ereignet hat, wird uns noch viele Monate und Jahre beschäftigen. Der Faktor Nervenkitzel wird schwinden. In Nordafrika wird es ein langer und anstrengender Aufbau stabiler Demokratien, in Japan wird es ein langes Aufräumen der Erdbebenschäden und ein noch viel längeres Leiden an den bereits eingetretenen nuklearen Folgen geben. Und das sind ja nicht die einzigen komplizierten Krisen, die es auf der Welt gibt.

Für etwas Zerstreuung sorgen inzwischen Prinz William und die FDP. Gönnen wir es ihnen. Vielleicht sollten wir die abflauende Katastrophenfrequenz auch dazu nutzen, über grundlegende Dinge nachzudenken: Was zählt langfristig und macht – ohne schädliche Nebenwirkungen für andere – nachhaltig glücklich? Was bedeutet das für unsere Energieversorgung, für unsere Menschenrechtspolitik und Geschäftspartnerschaften? Was hält mich, wenn meine Welt erschüttert wird, meine Überzeugungen, meine Identität? Wie kann ich meine Wurzeln festigen?

Zeit, den Rechner zuzuklappen und mal wieder ein paar Klassiker aus dem Regal zu holen.

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Gut gewählt

Im sechsten und letzten Wahlgang fiel die Entscheidung: Der neue Landesbischof heißt Heinrich Bedford-Strohm. Er war Assistent bei Wolfgang Huber in Heidelberg und hat in Bamberg eine Bonhoeffer-Forschungsstelle eingerichtet.

Auf Zeit Online hat er jüngst eine sympathische Visitenkarte abgegeben, jetzt können wir gespannt sein, was sich mit seinem Amtsantritt im Herbst ändert im strukturkonservativen Bayern.

Morgen auf der Synode: Das Thema missionarische Kirche und in diesem Zusammenhang wird die Initiative Erwachsen Glauben vorgestellt.

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Ausgelassene Christen

Ich bereite mich gerade darauf vor, mit einer Gruppe beim IGW in Karlsruhe drei Tage in die Kirchengeschichte der letzten dreieinhalb Jahrhunderte abzutauchen. So ein Unternehmen muss zwangsläufig eine Auswahl treffen und genau das tun auch die Lehrbücher wie das von Wallmann (da habe ich aber noch eine alte Auflage, womöglich hat sich das inzwischen geändert) oder Hauschild. Dennoch finde ich es erstaunlich, wie man über das 20. Jahrhundert schreiben kann, ohne ausführlicher auf die Pfingstbewegung einzugehen.

Der Religionssoziologe Peter L. Berger bezeichnet sie in diesem Interview als die explosivste religiöse Bewegung in jüngerer Zeit und weist darauf hin, dass sie gerade in vielen ärmeren Ländern auch einen erheblichen Beitrag zum sozialen Wandel geleistet hat – etwa in der gesellschaftlichen Stellung der Frau und der Demokratisierung. Und während der übrige Protestantismus bei uns nach langem und tiefem Schlaf sich zaghaft mit der Möglichkeit befasst, dass er womöglich nur noch ein oder zwei soziale Milieus erreicht, haben die Pfingstler der Welt wie kaum eine andere Kirche gezeigt, dass es auch ganz anders geht.

In Deutschland (das mag der Grund der Auslassung in den o.g. Werken sein) hat die Pfingstbewegung dagegen nur eine geringe Rolle gespielt. Peter Zimmerling beschreibt ihre wesentliche Wirkung dahingehend, dass sich die großen Kirchen und die Gemeinschaftsbewegung nach 1906 gegenüber fast allem schroff abgrenzten, was irgendwie geistbewegt wirkte. Man fragt sich unwillkürlich, ob das nicht mindestens so sehr ein soziokulturelles Problem des evangelischen Bildungsbürgertums war (Stichwort „Ekelschranken“) wie eine Reaktion auf vermeintliche oder tatsächliche Übertreibungen.

Wer sich nun aktuell ein Bild machen möchte, kann diese ausführliche und interessante Studie des Pew Forums zur Hand nehmen. In den USA, so ist dort zu lesen, beträgt der Bevölkerungsanteil der „Renewalists“ (als klassische Pfingstkirchen und charismatische Gemeinden/Gemeinschaften) 23%, in Brasilien 49%, in Kenia 56% und in Guatemala sogar 60%. Immerhin noch 36% sind es in Südafrika, wo Frank Chikane als Nachfolger von Desmond Tutu von 1987 bis 1994 Generalsekretär des südafrikanischen Kirchenrats war.

Wie auch immer man zur (inzwischen ja sehr vielschichtigen) Pfingstbewegung steht – ihre Geschichte muss erzählt werden!

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Allah (6)

Koranverbrennungen christlicher Fanatiker und Mordanschläge ihrer muslimischen Geistesverwandten zeigen auch diese Woche, dass ein Miteinander von Christen und Muslimen auf beiden Seiten nicht nur Freunde findet. Miroslav Volf, Mitautor der Yale Response auf das „Common Word“ geht in Kapitel 8 und 9 von Allah. A Christian Response der Frage nach, was Christen und Muslime jeweils unter Liebe verstehen. Eine Erklärung für die Beobachtung, dass im Koran seltener von Gottes Liebe und mehr von seiner Barmherzigkeit und Güte die Rede ist, liegt möglicherweise am Vorverständnis von Liebe im Sinne der (bzw. in Analogie zur) platonischen Philosophie: Dort wird Liebe als Bedürftigkeit verstanden – ohne den anderen fehlt mir etwas. Dieser Gedanke lässt sich auf Gott aber nur mit großen Schwierigkeiten übertragen. Wir sagen wohl, dass Gott uns Menschen gewollt hat und will, aber nicht, dass er uns braucht. Gottes Hinwendung zu uns und seine Großzügigkeit gegenüber seinen Geschöpfen ist aber durchaus ein vertrauter Gedanke für Muslime, wie Volf zeigt. Auf diese Weise sprechen also auch sie von dem, was Christen als die Liebe Gottes bezeichnen.

Dann betrachtet Volf den Zusammenhang zwischen Gottes Liebe und seiner Gerechtigkeit. Das Klischee, auf der einen Seite herrsche das Bild eines strengen Gesetzgebers und auf der anderen Seite ein möglicherweise etwas harmloser oder sentimentaler „lieber“ Gott, geht nicht auf. Christen wie Muslime glauben an den inneren Zusammenhang von Liebe und Gerechtigkeit. Und obwohl dieser auf beiden Seiten Anlass zu vielen Diskussionen gegeben hat, lässt sich doch auch sagen, dass hier wie dort der Gedanke dominiert, dass Gottes Gerechtigkeit ein Aspekt seiner Liebe ist, und nicht umgekehrt.

In den Hadithen findet sich analog zur goldenen Regel der Satz, dass nur der wahrhaft glaubt, der für seinen Nächsten das Gute genauso anstrebt, wie für sich selbst. Auch in diesem Punkt gibt es also eine Übereinstimmung. Volf fährt fort mit einer Betrachtung von al-Ghazalis Ninety-Nine Beautiful Names of God, das aus der mystischen Tradition des Islam schöpft. Was er dort über Gottes Barmherzigkeit, Vergebung und Liebe zur Schönheit entdeckt, unterstreicht sein Fazit:

There are affinities in the way Christianity and Islam understand the fine texture of goodness and love. Similarities in their understanding of God are the reason why these affinities exist.

Den Unterschieden geht Volf in Kapitel 9 nach und findet sie an vier Punkten:

  1. Während Christen sagen können „Gott ist Liebe“, sind Muslime hier in der Regel zurückhaltender. Für sie ist Liebe zweifellos eine sehr wichtige Eigenschaft Gottes, aber sie charakterisiert sein Wesen nicht genauso umfassend wie das im Christentum geschieht.
  2. Gottes Liebe, hier zitiert Volf wieder al-Kahzali, bezieht sich letzten Endes wieder auf ihn selbst zurück: Indem Gott einen anderen liebt, liebt er sich selbst, die Existenz des Anderen (d.h. seiner Schöpfung bzw. des Menschen) ist daher sekundär. Für Christen ist die Liebe zum anderen konstitutiv und Anderssein schon im trinitarischen Wesen Gottes verankert.
  3. Während Gott in beiden Traditionen das Unrecht ablehnt, unterscheiden Christen stärker zwischen Tat und Täter (bzw.Sünde und Sünder) und sehen Gottes Liebe nicht als reaktiv, sonder als kreativ an. Sie entsteht nicht dadurch, dass ihr etwas Liebenswertes begegnet – so sagt es Luther in der Heidelberger Disputation –, sondern sie erschafft das, was ihr gefällt zuallererst (Amor dei non invenit sed creat suum diligibile. Amor hominis fit a suo diligibili). Im Koran kann zwar davon die Rede sein, dass Gottes Barmherzigkeit Menschen wieder zurückführt zu einem gerechten Leben in seiner Liebe, aber der Gedanke der Liebe Gottes zu den Gottlosen findet sich dort so nicht. Gott liebt die Gerechten – der Gedanke, dass man sich diese Liebe durch Wohlverhalten nicht verdienen muss (und Gott beleidigen würde, wenn man es doch versuchte), kommt so nicht vor.
  4. Das Gebot der Feindesliebe hat für Christen einen anderen Stellenwert. Zwar ist die Mehrheit der Christen trotz gewaltloser Anfänge im Neuen Testament seit Augustinus davon überzeugt, dass es einen gerechten Krieg geben kann (vgl. aktuell in Libyen), während der Islam seinen Ursprung in einer Gemeinschaft hatte, die sich kriegerischen Feinden gegenübersah, ähnlich wie das alte Israel. Das Common Word spricht davon, dass Muslime sich gegenüber Nichtmuslimen freundlich und friedlich verhalten sollen, so lange diese friedlich sind. Christen gehen aber mit dem Gebot zur Feindesliebe noch einen Schritt weiter: Es geht nicht nur darum, nichts gegen den anderen zu haben, sondern selbst dann noch für ihn zu sein, wenn er sich unfreundlich verhält.

Erstaunlicher als die Unterschiede findet Volf die Gemeinsamkeiten. Das liegt daran, dass seine Fragestellung nicht die nach dem ewigen Heil ist, sondern nach dem friedlichen Zusammenleben. Teil IV des Buches ist diesem Thema gewidmet.

(Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3Teil 4 und 5 dieser Reihe. Wer unten kommentieren möchte, kann sich dort über den bisherigen Verlauf der Diskussion und ihre Grenzen orientieren)

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Schlag(zeile) ins Gesicht

Zeit Online haut „Jesus House“ medial in die Pfanne und zeichnet alte Karikaturen Evangelikaler zum wiederholten Male unkritisch nach. Natürlich gibt es unter diesem unübersichtlichen Label alles Mögliche – von stramm rechten Law-and-Order Betonköpfen und Bibelfundis, die mit der pluralistischen Gesellschaft mehr oder weniger auf Kriegsfuß stehen, bis hin zu sehr reflektierten und differenzierten Charakteren, die sich konstruktiv verhalten und partnerschaftlich mit Andersdenkenden umgehen. Aber (und das zeigt ja auch das in dem Artikel konkret beschriebene Beispiel) bei Jesus House überwiegt eben ganz eindeutig die weltoffene, progressive Fraktion.

Für die evangelikale Bewegung ergeben sich daraus m.E. zwei Fragen: Ist erstens eine klarere innere Differenzierung nötig, eventuell auch eine klare Abgrenzung nach „rechts“, damit nicht ständig die einen für die Sünden der anderen bestraft werden. Müssten als die Progressiven eine eigene Fahne ausrollen und mal deutlich sagen, wofür sie stehen und wofür nicht? Müsste man bei so einem „Angriff“, den man möglicherweise als unfair empfindet, nicht eher auseinander- als zusammenrücken?

Die weite Frage stellt sich im Blick auf den Islam: Da leidet die Diskussion unter denselben Unschärfen, und auch die ergeben sich aus der losen Organisationsform. Nun verfahren viele Christen (und vor allem viele Evangelikale) mit den Muslimen genau so, wie Zeit Online mit den Evangelikalen. Das müsste nun wirklich zu denken geben. Tut es aber leider nicht bei jedem.

Freilich könnte man ja auch von Journalisten erwarten, dass sie mit Muslimen und Evangelikalen gleichermaßen sorgfältig und differenziert umgehen und alarmistische Schlagzeilen meiden. Sie nutzen in jedem Fall eher den Sturköpfen und Hardlinern.

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Was Obama betet

In einer Rundmail von Emergent Village stand heute folgend Aussage von Barack Obama über das Gebet. Nachdem sich für deutsche Politiker ganz im Sinne von Kant Glaube auf Werte beschränkt, redet hier einer – sympathisch, wie ich finde – von seiner Glaubenspraxis:

As I travel across the country folks often ask me what is it that I pray for. And like most of you, my prayers sometimes are general: Lord, give me the strength to meet the challenges of my office. Sometimes they’re specific: Lord, give me patience as I watch Malia go to her first dance where there will be boys. Lord, have that skirt get longer as she travels to that dance.

But while I petition God for a whole range of things, there are a few common themes that do recur. The first category of prayer comes out of the urgency of the Old Testament prophets and the Gospel itself. I pray for my ability to help those who are struggling. Christian tradition teaches that one day the world will be turned right side up and everything will return as it should be. But until that day, we’re called to work on behalf of a God that chose justice and mercy and compassion to the most vulnerable.

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Emergenz – einfach erklärt

Im Wissenschaftsblog „Die Natur der Naturwissenschaft“ geht Josef Honerkamp in einem kurzen und gut lesbaren Post dem Thema „Emergenz“ nach. In einem System entstehen auf der Makroebene neue Eigenschaften, die die einzelnen Bestandteile für sich nicht aufweisen.

Er nennt zwei Beispiele aus der Physik: Gase haben Eigenschaften wie Druck und Temperatur, die sich bei den einzelnen Atomen nicht messen lassen. Und in der Quantenphysik gelten ganz andere Gesetzmäßigkeiten als der „klassischen“ Physik, deren Gesetze unseren Alltag vielfach bestimmen.

Von daher ist es plausibel, dass auch menschliches Bewusstsein nach dieser Logik funktioniert, schreibt Honerkamp:

Wenn man sich diese beiden Beispiele für Emergenz vor Augen hält, würde man sich nicht mehr wundern, wenn man eines Tages unser Bewusstsein auch als emergentes Phänomen wirklich überzeugend erklären könnte. Man erahnt aber auch, wie weit der Weg noch sein wird, ein Viel-Neuronenen-Systemen ist sicherlich viel komplexer als ein Multi-Agenten-System oder ein Viel-Quantensystem. Man wird aber mit der Zeit die verschiedensten emergenten Verhaltensweisen und Fähigkeiten bei solchen Systemen entdecken, vielleicht ist eine davon unsere Form von Bewusstsein.

Bei staatenbildenden Insekten (Stichwort „Schwarmintelligenz“) gibt es ähnliche Phänomene. Und in der Theologie- und Kirchengeschichte wird der Begriff inzwischen auch angewandt, um reduktionistische Erklärungen komplexer Entwicklungen zu überwinden.

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Bell und die Briten

Andrew Perriman setzt sich aus gegebenem Anlass mit einem Artikel von Tim Keller (den er schätzt) auseinander, in dem der begründet, warum die Hölle unverzichtbar sein soll. Die vier Kritikpunkte Perrimans an Keller sind dabei:

  1. Jesus lehrt die „Hölle“ nicht, insofern damit ein Ort ewiger Qualen nach dem Tod gemeint ist
  2. Wir brauchen keine „biblische Lehre von der Hölle“ um zu erkennen, dass wir in allem auf Gott angewiesen sind
  3. Das Argument, man entscheide sich ja selbst für die Hölle, ist irreführend
  4. Es ist nicht die einige Möglichkeit, zu ermessen, wie sehr Jesus uns liebt und was er uns Gutes getan hat

Perriman begründet das jeweils ausführlich und überzeugend. Zuvor hatte er schon Kevin deYoungs Reaktion auf Rob Bells Buch „Love Wins“ kritisiert, der die in seinem theologischen Lage so populäre Rede vom Zorn Gottes für grundlegend und unverzichtbar hält. Wen’s interessiert – hier weiterlesen.

Zu Rob Bells umstrittenen Buch Love Wins, das die Diskussion in den letzten Wochen mächtig angeheizt hatte, hat sich nun auch die Evangelische Allianz in Großbritannien geäußert. Inhaltlich eher zurückhaltend, wichtig fand ich dabei aber diesen Gedanken von Steve Clifford:

Rob Bell is a valued brother in Christ and has felt it important to raise publicly some difficult areas of Christian theology that many people feel uncomfortable with. The issues he raises reflect genuine but complex questions that Christian theologians have wrestled with over centuries. We hope that Christians who disagree with Rob will nevertheless model how good debate should be conducted.

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Revolution und Resignation

Ich habe das Wochenende mit dem Propheten Elija zugebracht. Im Grunde war der Mann ja ein veritabler Revolutionär. Er stand auf der Seite der kleinen Leute gegen einen König, der sein Land und sich selbst den Fruchtbarkeitskulten zuwandte. Dabei drehte sich so ziemlich alles um Wohlstand und Macht, nur dass man damals auf die Land- und nicht die Geldwirtschaft setzte, auf Boden und Klima also, und nicht auf Märkte und Geldströme. Zu diesem Zweck hatte Ahabs Frau, die Königstochter Isebel aus Sidon eine große Zahl von Entwicklungshelfern importiert, die „Baalspropheten“.

Nach anfänglichem Erfolg wurde deren Programm durch eine Wirtschaftskrise schwer in Frage gestellt: Drei Jahre setzte der Regen aus, die Erträge blieben weit hinter den Prognosen zurück, die Zustimmung im Volk begann zu bröckeln, selbst Ahab wurde unsicher. Elija, der sich versteckt hatte, erschien wieder auf der Bildfläche und lud zu einem Gipfeltreffen auf dem Berg Karmel ein, in dessen Verlauf er den Analysten der Regierung ihre Ohnmacht und ihre Irrtümer vor Augen führte und die Überlegenheit seines himmlischen Alliierten erwies, der erstens Feuer vom Himmel fallen lassen konnte und zweitens – noch viel wichtiger – den ersehnten Regen, den Baal trotz all des Brimboriums seiner Leute nicht hatte liefern können. Da Debatten damals von allen Beteiligten etwas heftiger ausgetragen wurden (aber machen wir uns nichts vor, die französische Revolution 2500 Jahre später war auch kein Kindergeburtstag), waren Isebels Leute hinterher mehr als nur ein bisschen erledigt.

Eigentlich hätte nach dieser entlarvenden Demonstration doch nun ein Ruck durch das Land gehen müssen. Doch die einzige nennenswerte Reaktion kam von Isebel, die Elija mit Killerkommandos drohte, wie sie in Gaddafis Libyen derzeit noch hinter Journalisten her sind. Die Revolution schien stecken zu bleiben und die rabiate Despotin die Initiative zurückzugewinnen. Sie trieb Elija vor sich her, und der floh nicht nur aus dem Land, sondern mit seinem Diener in den äußersten Süden des Nachbarstaates Juda und von dort dann allein in die Wüste. Unter einem Ginsterstrauch (der verdächtig an das Laubdach des Jona erinnert) will er dann nur noch sterben. Die Begründung aber ist zunächst einmal verblüffend: „Ich bin nicht besser als meine Väter.“ Aber ohne diese Arroganz gegenüber dem Früheren hätte es viele Revolutionen – friedliche wie blutige, technische wie philosophische – nie gegeben. Elija ist elitär, und das macht ihn einsam.

Große Gesten, dramatische Worte und scharfe Kontraste jedenfalls sind die Waffen von Propheten und Revolutionären. Wo sie nicht mehr gelingen, wo das Echo ausbleibt, da lauert die Resignation. So wie hier unter dem Ginster. Gott diskutiert gar nicht mit Elija, er gibt ihm zu Essen und zu trinken und irgendwie lotst er ihn über 40 Tage und Nächte zum Gottesberg. Dorthin also, wo Gottes Bund geschlossen und sein Recht angenommen wurde. Dorthin, wo dieser Bund und seine Bestimmungen sofort wieder gebrochen wurden. Dorthin, wo Mose Gott gegenüberstand und ihm Barmherzigkeit abrang, und dann nach großem Feuerwerk derart verklärt wieder herabgestiegen war, dass ihn die Leute nicht ohne Strahlenschutz ertragen konnten. Gott erwartet ihn mit einer Frage: „Was willst du hier?“

Was Elija wollte, war leicht auszurechnen: Er musste seinen großen Verbündeten mit dem sensationellen Waffenarsenal zum Wiedereintritt in die Kriegsallianz bewegen, daher schilderte er seine Lage (wider besseres Wissen, wie ein Blick in das vorherige Kapitel zeigt) als dramatisch und aussichtslos: Ich allein bin übrig geblieben. Soll heißen: „Hilfe – die Panzer stehen schon am Stadtrand von Bengasi“.

Die Reaktion lässt erst einmal hoffen: Gott stellt Elija in den Höhleneingang wie weiland Moses in die Felsspalte und fährt dann seine komplette Palette an Special Effects ab: Sturm, Erdbeben, Feuer. „Shock and Awe“ hieß das im Golfkrieg. Aber die Darbietung hat etwas halbherzig-Distanziertes. Sie wirkt merkwürdig hohl. Die Stille nach dem Theaterdonner allerdings hat es in sich. Gott poltert nicht herum, er schweigt vielsagend. Er kann sich nicht nur gewaltig aufblasen, sondern auch ganz klein machen (ein paar Jahrhunderte später wird das ein wichtiger Gedanke werden).

Elija hätte den Wink verstehen können. Offenbar wäre er aber lieber mit ein paar Spielzeugen von Q aus der Wüste zurückgekehrt als mit einer mystischen Erfahrung. Gott wiederholt seine Frage, Elija wiederholt seine Antwort. Der Groschen ist nicht gefallen. Sein Pessimismus schaut zu jedem Knopfloch heraus. Weder sieht er Gott in einem anderen Licht, noch sich selbst. Und für alle anderen hatte er den Blick schon längst verloren.

Man muss nicht besser sein, um es besser zu machen. Wer aber meint, er muss besser sein als alle anderen, wer nur mitspielt, wenn er überlegen gewinnt und nur am Lauf teilnimmt, wenn er erster wird, der steht der Revolution am Ende mehr im Wege, als er nützt. Er wird so einsam, wie er sich fühlt. Gott ist glücklicherweise großzügiger als ein Parteivorstand oder Revolutionsrat. Er wechselt seinen desillusionierten Spielmacher aus und schenkt ihm den spektakulärsten Abgang mit all den Effects, von denen Elija immer geträumt hatte. Standing Ovations von den Engeln dazu, schätze ich mal. Vorher jedoch muss er die Spielführerbinde noch weitergeben. An Elisa, an den Aramäer (!) Hasael und an Jehu, die nun zu dritt ran müssen, obwohl auch sie kein richtiges Team sind. Die Revolution geht weiter, und sie wird Erfolg haben.

Die Revolution geht weiter, nicht nur gegen die Despoten der arabischen Welt, sondern auch gegen die Propheten des Profits, dem die soziale Gerechtigkeit und das ökologische Gleichgewicht auch bei uns viel zu oft geopfert wird. Und vieles andere dazu. Wie damals, so sammelt der souveräne, aber subtil wirkende Gott auch heute ganz unterschiedliche Akteure für diese Aufgabe, auch aus ganz anderen Religionen und Bewegungen. Wir brauchen uns nicht als die letzten Mohikaner zu fühlen, wir müssen auch nicht besser sein als andere. Aber vielleicht sollten wir die Augen und Ohren aufsperren, um auch wirklich mitzubekommen, wo es gerade wieder säuselt. Schwerter und scharfe Munition darf man derweil übrigens getrost ausmustern.

Für Resignation gibt es seit dem Ostermorgen wirklich keinen Grund mehr. Egal, wie weit der Weg oder wie groß der Rückschlag sein mag.

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Jesus und die guten Manieren

Viele Jesusworte sind voller Anspielungen auf Geschichten aus der hebräischen Bibel. Zum Beispiel, wenn Jesus im Evangelium für den Sonntag morgen beim Ruf in die Nachfolge (Lukas 9) davon redet, dass man nicht zurückschauen darf, wenn man die Hand an den Pflug gelegt hat:

Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, daß ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Die Szene erinnert an diese Episode aus 1. Könige 19:

Als Elija von dort weggegangen war, traf er Elischa, den Sohn Schafats. Er war gerade mit zwölf Gespannen am Pflügen und er selbst pflügte mit dem zwölften. Im Vorbeigehen warf Elija seinen Mantel über ihn. Sogleich verließ Elischa die Rinder, eilte Elija nach und bat ihn: Lass mich noch meinem Vater und meiner Mutter den Abschiedskuss geben; dann werde ich dir folgen. Elija antwortete: Geh, aber komm dann zurück! Bedenke, was ich an dir getan habe.

Jesus wird mit derselben Bitte konfrontiert wie Elija: Darf ich mich von meiner Familie verabschieden? Seine Antwort mit dem scheinbar unvermittelten Verweis auf den Pflug zeigt, dass er diesen Zusammenhang herstellt. Wir können davon ausgehen, dass die meisten Zeugen dieses Dialogs die Anspielung verstanden haben. Und indem Jesus nun mit strengeren Forderungen antwortet als Elija, macht er damit vor allem deutlich, wer er ist: Nicht einfach ein weiterer Prophet in einer langen und guten Tradition, sondern einer wie keiner zuvor. Das müssen alle verstehen, die ihm nachfolgen wollen.

Also bedeutet Jesus nachzufolgen nicht in erster Linie, möglichst viele Leute vor den Kopf zu stoßen (auch wenn das dem einen oder anderen erstaunlich gut gelingt), sondern den Auftrag, in dem er unterwegs ist, radikal ernst zu nehmen. Höflichkeit und soziale Konventionen werden erst da zum Problem, wo sie das nicht mehr zulassen. Wer aber wirklich verstanden hat, wer Jesus ist, der lässt sich von ihnen auch nicht mehr aufhalten.

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Neue Wege

Der folgende Text ist bald 100 Jahre alt und stammt aus dem Subskriptionsprospekt des Almanachs „Der Blaue Reiter“. Franz Marc formuliert das Selbstverständnis der Herausgeber, und ich glaube, das muss man gar nicht groß kommentieren, es spricht auch ein Jahrhundert später für sich selbst:

Die Kunst geht heute Wege, von denen unsere Väter sich nichts träumen ließen; man steht vor den neuen Werken wie im Traum und hört die apokalyptischen Reiter in den Lüften; man fühlt eine künstlerische Spannung über ganz Europa, – überall winken neue Künstler sich zu: ein Blick, ein Händedruck genügt, um sich zu verstehen! Wir wissen, daß die Grundideen von dem, was heute gefühlt und geschaffen wird, schon vor uns bestanden haben und weisen mit Betonung darauf hin, daß sie in ihrem Wesen nicht neu sind; aber die Tatsache, daß neue Formen heute an allen Enden Europas hervorsprießen wie eine schöne, ungeahnte Saat, das muß verkündet werden und auf all die Stellen muß hingewiesen werden, wo Neues entsteht.

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Weisheit: Kann weniger mehr sein?

Im Laufe der letzten Jahre habe ich zwei Dinge beobachtet. Manche Details oder einzelne „Fakten“, die ich mal wusste, habe ich vergessen. Die Mathe-Hausaufgaben meiner Jungs erinnern mich schmerzlich daran, dass ich das in grauer Vorzeit mal richtig gut konnte. Gut, es ist auch neues Wissen dazugekommen (mein Englisch ist heute viel besser). Quantitativ gesehen könnte es aber trotzdem sein, dass ich tatsächlich „weniger“ weiß. Zum Glück kann man die Informationsdichte des internen Arbeitsspeichers nicht in Bytes messen.

Auf der anderen Seite gelingt es mit der Zeit aber besser, das vorhandene Wissen miteinander zu verknüpfen. Aus Fäden werden Netze, die etwas halten können und in denen Neues einen Platz finden kann. Dadurch wird es leichter, Dinge zu beurteilen und dabei zugleich differenziert zu bleiben. Qualitativ nützt mir mein Wissen mehr, oder ich weiß mehr damit anzufangen.

Weisheit, so gesehen, liegt nicht in der absoluten Anzahl der gespeicherten „Informationen“, sondern in der Fähigkeit, möglichst viele und möglichst vielfältige Beziehungen zwischen ihnen herzustellen. Oder wie Bernhard von Mutius in Die andere Intelligenz schreibt: „Nachzugehen wäre den dynamischen Relationen der Dinge, aufzuspüren wäre das »Dazwischen«, neu zu lernen wäre das In-Beziehungen-Denken.“

Manchmal merke ich, wie ich mit einem Kopf voller Fragmente durch die Gegend laufe und darauf warte, dass ich in dem scheinbaren Wirrwarr, von dem ich ahne, dass eine Ordnung existiert, ein Muster erkennen kann. Ab und zu gelingt das inzwischen auch.

Das sind freilich subjektive Empfindungen, und mancher treue Kritiker dieses Blogs wird jetzt mit der Versuchung ringen, mich vom Gegenteil zu überzeugen… 🙂

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Gier und Erbsünde

Vorgestern in Neues aus der Anstalt, die derzeit keinen Mangel an kommentarwürdigen Verrücktheiten zu verzeichnen hat, hat Winfried Schmickler ein zeitloses Gedicht – man könnte auch sagen: eine veritable Kurzpredigt – zum Besten. Wer den Clip noch nicht gesehen hat: Unbedingt anschauen!

Passend dazu Erwin Pelzigs fränkisch-pessimistische Definition von „Erbsünde“: „Der Mensch an sich is halt a Drecksau.“
Für alle, die am Sonntag zur Wahl gehen: Diese Folge der Anstalt ist informativer als ein Wahl-o-Mat…

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Arme, reiche Stadt

In meiner Nachbarschaft soll demnächst das Max-Planck-Insitut für die Physik des Lichts entstehen. Stadt und Uni (letztere jüngst gescheitert im Wettbewerb um Elite-Status) sind begeistert über das Vorzeigeprojekt. Der Pferdefuß: Eine der schönsten Freiflächen, die nahtlos in ein Naturschutzgebiet übergeht, wird dafür zerstört. Erst 1,5 Hektar, aber die Planer lassen keinen Zweifel daran, dass sie die ausgewiesenen 13 ha komplett nutzen werden. Der Standort sei alternativlos, wird immer wieder gesagt, wobei in den Diskussionen, die ich mitbekommen habe, nie so ganz klar war, welche Alternativen man überhaupt je ernsthaft in Betracht gezogen hat. Nun wird darauf verwiesen, dass Einwände, die zu einer Verzögerung des Baubeginns führen, die Max-Plack-Gesellschaft vergraulen könnten. Die sei schließlich überall heiß begehrt, nur hier würden ökologische Bedenkenträger und verwöhnte Anwohner Stimmung machen.

Am letzten Sonntag haben wir uns dort zu einem Open-Air-Gottesdienst getroffen, über ein paar Texte aus der Bibel nachgedacht. Mich hat dabei das Seufzen der Schöpfung in Römer 8,22ff beschäftigt. War das eigentlich Zufall, dass Paulus diesen Gedanken ausgerechnet nach Rom schrieb, in eine Stadt, die ihre Steinwüste aus Straßen und Häusern stetig weiter ins Umland hinaus schob? Es ist ja nicht einfach nur die Vergänglichkeit zu beklagen, die darin liegt, dass die die Natur ständig erneuert, sondern ihre Verletzlichkeit, die auch irreparable Schäden hinnehmen muss. Die gab es bereits in der Antike (etwa die Abholzung der Wälder zum Flottenbau), und sie wirkten sich auf den Menschen schon damals aus.

Die Argumente für die Zerstörung wertvoller Natur sind immer dieselben: Wir dürfen im Wettbewerb nicht zurückfallen, Wirtschaft und Arbeitsplätze haben im Zweifel Vorrang, selbst in einer Stadt, die eine so exorbitant hohe Arbeitsplatzdichte hat wie Erlangen. Wenn wir nicht bauen, verbauen wir uns die Zukunft.

Im Sinne von Römer 8 ist wenigstens die Klage angebracht über die Wunden, die der Natur hier geschlagen werden, und vor allem auch die versteckte, aber gravierende Armut, die damit einhergeht: Die Armut an kreativen Einfällen und Lösungen in diesem Interessenkonflikt und wie man mit den vermeintlichen Wachstumszwängen umzugehen hat. Und die Armut an ehrlicher Sprache, wenn man nun den amputierten „Exerzierplatz“ ökologisch „aufwerten“ möchte, als handele es sich um eines der vielen innerstädtischen Wohngebiete, das gerade „verdichtet“ wird – schöner ist dadurch noch keines geworden.

In Römer 8,24 heißt es, dass man nicht hoffen kann auf das, was man sieht. Das muss natürlich zuerst eschatologisch verstanden werden im Blick auf das „ewige Leben“ und die verheißene, aber eben noch ausstehende Neuschöpfung der Welt. Aber vielleicht gilt das dennoch nicht exklusiv in dem Sinne, dass wir bis zur Wiederkehr Christi halt mitmachen müssen und uns den genannten Sachzwängen zu beugen hätten, sondern dass wir schon jetzt widersprechen dürfen, wo die immer weiter fortschreitende Ökonomisierung von Natur, Mensch und Gesellschaft als alternativlos hingestellt wird. Wissen und Forschung sind ein hohes Gut, aber der technische Fortschritt hat – das sehen wir in diesen Tagen – ähnlich viele Probleme geschaffen, wie er gelöst hat. Auf ihn zu hoffen bedeutet trotz allem, einfach nur mehr vom Selben zu wollen. Auch das ist eine Form von Armut.

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