Die Gottesfrage

Die Frage nach Gott ist keine Frage nach allen Dingen, sondern eine Frage aller Dinge; keine Untersuchung des Unbekannten, sondern eine Untersuchung dessen, wofür alle Dinge stehen; eine Frage, die wir für alle Dinge stellen. Man formuliert sie nicht in Kategorien des Verstandes, sondern in Taten, in denen wir über alle Worte hinaus rege sind. Der Verstand weiß nicht, wie er sie formulieren soll, aber die Seele seuzft sie, singt sie, fleht sie.

Abraham Heschel, Man is not Alone

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Es lebe die Philosophie!

In den USA hat das republikanische Wunderkind Jonathan Krohn verlauten lassen, er werde vermutlich für Obama stimmen. Der Junge ist 17 und hat im zarten Alter von 13 durch sein Buch Defining Conservatism auf sich aufmerksam gemacht. Die SZ berichtet Erstaunliches über die Hintergründe. Hier geht es, wie die SZ berichtet, nicht etwa um konservative Peinlichkeiten wie Mitt Romneys unversteuertes Auslandsvermögen in dreistelliger Millionenhöhe, sondern

Schuld am Sinneswandel des 17-Jährigen sind laut Krohn deutsche Philosophen wie Nietzsche, Wittgenstein und Kant, nach deren Lektüre er dem Konservatismus den Rücken kehrte.

Mit Bildung und deutschen Denkern aus der Krise, das lässt den schaurigen Rechtsruck der US-Konservativen in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ob die Köpfe der Teaparty ausgebuffte Zyniker sind oder echte Ignoranten, spielt vielleicht eine nebensächliche Rolle. Punkten können sie nur, weil viel zu viele Menschen viel zu wenig nachdenken und das auch nie richtig gelernt haben. Kein Wunder, dass diese Politiker gar kein Interesse daran haben, Bildung zu verbessern: Die Einschaltquoten von Fox News könnten leiden.

Also, Leute, holt den Kant wieder aus dem Regal. Das Sapere Aude hat auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

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Erst auspowern, dann auftanken?

Work hard, play hard – erst auspowern und dann auftanken – ist ein verbreitetes Mantra der Leistungs- und Konsumgesellschaft. Wer reichlich Erfolg und dafür hart gearbeitet hat, hat auch genug Geld, um sich nötige Wellness zuzukaufen, von der lila Pause oder dem Ayurvedatee bis zum von hilfreichen Geistern umschwärmten Aufenthalt in einem Luxusresort. Die Aufgabe der Regeneration wird also zunehmend delegiert, und es finden sich bereitwillig Anbieter, die uns das dafür nötige Denken und Planen professionell abnehmen. Beruflich oder in der Familie stresst uns die Verantwortung ja schon genug. Zum umsichtigen Durchatmen bleibt da nicht mehr so viel eigene Energie.

Da wir – nicht ganz zu Unrecht, aber vielleicht zu ausschließlich – das geistliche Leben mit Regeneration verbinden, bieten alle möglichen christlichen Institutionen nun „Verwöhntage“ und Ähnliches an, selbst jene, die eine Anpassung an den Zeitgeist sonst strikt ablehnen. Mag sein, dass es die alte Anknüpfungsstrategie ist, mit der man Glauben wieder praktisch relevant zu machen versucht. Und freilich gibt es „aus biblischer Sicht“ einiges Aufmunternde zu sagen über müde Seelen (und wenn sie schon mal für ein Wochenende da sind, kann man sie physisch und psychisch auch kurz wohlig durchkneten). Entsprechend reden viele (durchaus dankbar, aber leider in einem Bild, das Passivität suggeriert) vom „Aufatmen“, „Auftanken“ oder „Akkus Aufladen“.

Kann es trotzdem sein, dass allein der Rahmen, in den wir Dinge wie die Beschäftigung mit Gott und dem eigenen Innenleben einordnen, ihnen die eigentliche Spitze nimmt? Deklarieren wir sie unter der Hand um zur Freizeitbeschäftigung, ein „nice-to-have“, wie es neudeutsch heißt, eine Art mentalen Energieriegel oder ein Maskottchen für unseren Weg auf der imaginären Siegerstraße? Und ist es so betrachtet vielleicht auch kein Wunder, dass wir dem praktischen Dualismus von Leistung und Konsum, Selbstausbeutung und Fremdverwöhnung, Aktionismus und Passivität, durchökonomisierter „Welt“ und apolitischer, eskapistischer Spiritualität oft so wenig entgegenzusetzen haben?

Die wirkliche Relevanz des Glaubens besteht darin, dass er uns helfen kann, eben diese Schizophrenie zu überwinden. Dann aber dürfen wir ihn nicht in die Wellness-Schublade stecken, nicht als weitere Freizeitaktivität (miss)verstehen, sondern als den bewussten Schritt über die alten Gegensätze hinaus an einen Ort, wo uns weder die Ansprüche von außen noch die eigenen Bedürfnisse so besetzen können, dass wir ihrer Eigendynamik ausgeliefert sind. Funktionieren wird das aber nur, wenn wir Gott als den Urgrund der inneren wie der äußeren Welt nicht nur als ein gedankliches Konzept behandeln, sondern als ein nahes, lebendiges Gegenüber erfahren.

Hier zerbricht der oben skizzierte Gegensatz schon deshalb, weil diese Erfahrung einerseits nicht machbar ist, Gott sich andererseits aber von denen finden lässt (oder die findet), die ihn suchen. Mit einem lahmen „melde dich doch bei Gelegenheit“, das dem anderen die Initiative überlässt, ist es im geistlichen Leben daher nicht getan. Es ist die eine Sache, wo wir mit ganzem Herzen, ganzer Seele und all unserer Kraft gefordert sind. Franz Jalicz sagt es in seinem jüngst erschienenen Buch über geistliche Begleitung

Die Hektik der Welt hat auf uns ihren ausschließlichen Anspruch verloren. Wir schauen mehr auf das Ewige als darauf, was auf Erden geschieht, und doch bewirken wir durch Jesus mehr auf Erden also vorher.

Mit der Ewigkeit ist nicht ein „später“ gemeint (das „Leben nach dem Tod“), sondern die Dimension Gottes, die wir im allzu „irdischen“ Alltag oft aus dem Blick verlieren. Wenn sie durchbricht, dann verändert sie nicht nur unser Inneres, sondern auch unsere Umgebung.

(Ein paar Impulse zur praktischen Umsetzung habe ich aktuell hier gepostet)

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Weisheit der Woche: Aufklärung und Vernunft

Aufklärung, wie sie gerade auch die deutsche Philosophie gelehrt hat, würde heißen, die eigene Weltanschauung zu relativieren und also im eigenen Handeln und Reden immer in Rechnung zu stellen, dass andere die Welt ganz anders sehen: Ich mag an keinen Gott glauben, aber ich nehme Rücksicht darauf, dass andere es tun; uns fehlen die Möglichkeiten, letztgültig zu beurteilen, wer im Recht ist. Aufklärung ist nicht nur die Herrschaft der Vernunft, sondern zugleich das Einsehen in deren Begrenztheit.

Navid Kermani in einem lesenswerten Beitrag für die SZ

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Krokodilstränen

Es war nicht das erste Mal: Herr A. hatte eine Entscheidung getroffen, die ihm selbst Vorteile verschaffte, jedoch für Frau B. unangenehme Konsequenzen hatte; er hatte dabei großzügig darauf verzichtet, sie zu informieren, geschweige denn einzubinden. Als er sich mit ihren – moderaten, aber engagierten – Protesten und Unmutsbezeugungen konfrontiert sah, kehrte er erst seinen höheren Rang heraus, um kurz darauf eine halbherzige Entschuldigung nachzuschieben – dafür, dass die Form vielleicht nicht so ganz vollendet gewesen war.

Es tue ihm leid, hieß es in bestem Günther-Oettinger-Gedächtnis-Sprech, wenn sich andere von seinem Vorgehen verletzt fühlten. Aber um der gemeinsamen Sache willen müsse man nun doch bitte wieder nach vorne schauen und friedlich zusammenarbeiten. Ein Termin wurde für eine Aussprache anberaumt. Die Differenzen wurden besprochen. Frau B. musste verreisen, daher fertigte Herr A. ein für ihn ebenso stimmiges wie schmeichelhaftes Gedächtnisprotokoll an, dass er – die Zeit drängte ja – ohne Rücksprache an die gemeinsamen Vorgesetzten versandte. Frau B. widersprach Tage später der einseitigen Darstellung, doch ihr Einspruch verhallte weitgehend ungehört. Der oberste Chef sandte eine Mail in die Runde, dass man sich angesichts großer Chancen auf dem Markt im Augenblick nun wirklich keinen solchen Streit leisten könne, wie Frau B ihn gerade anzettele.

Frau B. zog die Konsequenz und kündigte. Herr A. bedauerte, dass jemand offenbar persönliche Empfindsamkeiten über das gemeinsame Projekt zu stellen bereit war. Der oberste Chef wies alle Beteiligten an, eine gemeinsame Erklärung zum Wechsel in der Abteilung zu verfassen. Herr A. und der Chef brachten sie zu Papier und Frau B. erfuhr aus der Hauspost davon. Frau B. monierte, Herr A. entschuldigte sich – wieder mal.

Als ich Frau B. so zuhörte, dachte ich: Mich erinnert das an den prügelnden Ehemann, der nach der Tat verkatert und zerknirscht auf seine Frau einredet, ihn nicht zu verlassen oder anzuzeigen. Beide wissen jedoch genau, dass er irgendwann wieder einen über den Durst trinkt und wieder ausrastet. Wenn „Vergebung“ nicht nur ein Deckmäntelchen sein soll, unter dem die alten hässlichen Muster von Machtmissbrauch fortbestehen können, dann muss man so wie Frau B. handeln und die Konsequenzen ziehen – und sich aus dem Machtbereich dessen lösen, der zu keiner konstruktiven Veränderung willens ist.

Denn vor (!!) der Aufforderung, siebzig mal siebenmal zu vergeben, steht in Matthäus 18 die Anweisung, andere für ihr Fehlverhalten zur Rede zu stellen und notfalls den Personenkreis zu erweitern, wenn der Konflikt nicht gelöst wird. Im schlimmsten Fall bricht man den Kontakt dann sogar ab. Das ist keine Anleitung zum frommen Mobbing und moralischem Pranger, sondern es sind sinnvolle Maßnahmen zum Schutz von Opfern vor übergriffigem Verhalten. Im besten Fall wird Versöhnung zu einem späteren Zeitpunkt möglich. Bei Frau B. wird sich Herr A. nun nicht mehr entschuldigen müssen. Das hat sie fürsorglich so eingerichtet. Ob er ihr dafür eines Tages danken wird?

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Solche und solche Beweise

Gottes Existenz kann von menschlichem Denken nie überprüft werden. All unsere Beweise sind nur Demonstrationen unseres Dursts nach ihm. Braucht der Durstige einen Nachweis seines Durstes?

Abraham Heschel, Man is not alone, 94

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Feurig beten

Es brennt im US-Bundesstaat Colorado, Zehntausende werden evakuiert, mein Facebook-Feed ist voller Gebetsaufrufe. Und ich bin innerlich gespalten. Freilich will ich nicht, dass irgendwem Schaden an Leib und Leben widerfährt, dass Menschen Hab und Gut verlieren und die Ökosysteme der großartigen Natur großflächig zerstört werden.

Zugleich steckt da aber auch dieser Gedanke im Hinterkopf: Die USA sind maßgeblich verantwortlich für die Verschwendung fossiler Brennstoffe, einen Immensen Ausstoß an Treibhausgasen und eine Verschleppung der weltweiten Bemühungen zur Verhinderung einer wahrscheinlichen Klimakatastrophe. Und Amerika denkt erfahrungsgemäß nur dann (und auch dann nur vielleicht…) um, wenn die Katastrophe zuhause einschlägt.

Wenn diese Feuer {verschwindend klein, wie diese Hoffnung auch sein mag) zu einem Umdenken und nachhaltigen Bewusstseinswandel führen, dann würden sie für viele Menschen in der Zukunft unter Umständen Gutes bewirken, überall auf der Welt. Das schmälert das Leid der Betroffenen nicht, aber die wohnen wenigstens in einem wohlhabenden Land.

Geht hingegen alles noch glimpflich ab, dann wacht davon niemand auf, alles geht weiter wie bisher und wenn die nächsten Brände, Fluten oder Stürme in irgendeiner abgelegenen und armen Region eintreten, rüttelt das auch niemanden mehr auf.

So. Was wollte ich jetzt eigentlich genau beten?

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Nichts für schwache Nerven (2)

Ich habe vor Kurzem schon ein paar Eindrücke von den kontemplativen Exerzitien hier zusammengestellt, die sich im Wesentlichen auf die erste Hälfte der Zeit dort bezogen. Am fünften Tag war ich innerlich so richtig angekommen. Sorgen und Geschäftigkeit waren in den Hintergrund gerückt, die Nervosität über die Zumutung des Stillhaltens hatte sich gelegt, allmählich ging eine große Tür nach innen auf, nicht nur zu mir selbst, sondern auch zu Gott.

Rückblickend finde ich es bemerkenswert, dass alle sich wesentlichen Begegnungen und Einblicke tatsächlich in der kleinen, meist von Sonnenlicht durchfluteten Kapelle abspielten, und nicht wenn ich allein Spazieren war im Wald oder in meinem schlicht eingerichteten Zimmer. Vielleicht liegt es daran, dass selbst in Zeiten der Stille die Anwesenheit anderer mich wundersam trägt und öffnet für Gott?

Dieser fünfte Tag begann mit einem kleinen Pfingsterlebnis, ausgelöst von der gemeinsam gesprochenen Schlussdoxologie des Vaterunsers, die in der Stille plötzlich wie ein Allegro furioso zu klingen schien und mir die Verheißungen Matthäus 6 von den Lilien auf dem Feld und den Vögeln am Himmel in Erinnerung rief, deren Schlussakkord der Aufruf bildet, zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten: Sorglosigkeit und Konzentration auf das eine Große und Verborgene, was Gott in dieser Welt tut. Es sprudelte wie ein artesischer Brunnen aus dem Untergrund heraus, ganz klar und frisch. Ich war überrascht und überwältigt – so fröhlich hatte ich mir das Ganze gar nicht vorgestellt.

Die Freude blieb bis zuletzt und sie ist eigentlich immer noch da. Aber aus diesem Getragensein heraus wurde es möglich, dass ich mich in den nächsten zwei, drei Tagen so ehrlich und intensiv wie noch nie mit Fragen beschäftigen konnte, die mir bis dahin zu angstbesetzt und bedrohlich schienen. Manchmal musste ich meinen ganzen Mut zusammenkratzen, aber es wurde, trotz gelegentlichen Schauderns am inneren Abgrund, mit jedem Schritt leichter, weil ich spürte, wie das Wasser unter meinen Füßen (ich wechsle die Metapher, aber so fühlte es sich an) mich tatsächlich trug. Und am Ende sah ich nicht nur besser, was sich da im Schatten verborgen hatte, sondern ich verstand auch Lebensmuster, die mir bis dahin immer Rätsel aufgegeben hatten. Und zwar just in dem Moment, wo ich weder etwas rechtfertigen musste noch kapieren und erklären wollte. Eher war es ein Aha-Erlebnis, wie man es hat, wenn man aufhört damit, sich krampfhaft an einen vergessenen Namen zu erinnern, und dann ist er scheinbar mühelos ganz urplötzlich da.

In dieser Zeit und an diesem Ort der Stille wartete Gott geduldig auf mich. Und als ich da war und sich keine anderen Stimmen mehr einmischten, führte er mich ganz behutsam und mit einer Weisheit, die eben nur er hat, in die Tiefe und die Freiheit. Völlig ohne Druck und Zwang, nie ohne meine Einwilligung, aber in einer unglaublichen Intensität und manchmal mit atemberaubendem Tempo. Und nach den zehn Tagen im geschützten Rahmen war das alles nicht vorbei. Die Quelle sprudelt weiter und ich spüre, wie sie meinen Alltag und die Beziehungen zu anderen Menschen weiter verändert. Vielleicht hat Gott (mancher wird das grundsätzlich bezweifeln, aber ich kann und will das auch gar nicht verklausuliert zurücknehmen – wenn es passiert, dann weiß man intuitiv, dass das keine der Stimmen aus dem eigenen Inneren war) in diesen Tagen insgesamt drei oder vier Sätze zu mir gesprochen. Aber bei ihm reicht eben schon ein Wort und „meine Seele wird gesund“.

Es ist ohne Übertreibung das Beste, was ich in den letzten zehn Jahren erlebt habe. Aber wirklich nichts für schwache Nerven.

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„Predigt“ die Kleidung mit?

In regelmäßigen Abständen gerate ich in Diskussionen über liturgische Gewänder. Dort begegnen mir die unterschiedlichsten Argumentationen (meist pro, selten contra): Psychologische (der Amtsträger „fühlt“ sich anders und wird anders wahrgenommen), ästhetische (das Gewand verweist auf die Dimension der Heiligkeit und Transzendenz eines Gottesdienstes) und pragmatische (wenigstens gibt es keine Diskussion über andere Formen von Dresscode und Uniformierung, wie man sie z.T. in Freikirchen vorfindet). Bei besonderen Anlässen erwarten zudem gerade die kirchenfernen Gäste einer Taufe oder Hochzeit, dass um der Festlichkeit willen alles ganz „klassisch“ aussieht.

Alles gute Argumente. Wer will (oder wer keine Wahl hat…), kann das auch gern so handhaben. Warum ich trotzdem keinen Talar tragen will, liegt an einer Information, die ich ausgerechnet vom Leiter eines Prädikantenkurses bekam: Liturgische Gewänder gibt es im Christentum erst seit der konstantinischen Wende, und damals waren sie der Amtstracht römischer Staatsdiener nachempfunden bzw. angepasst. In der Neuzeit waren es dann wieder die Staatsbeamten wir Professoren und Richter, an denen man sich orientierte.

Freilich, richtig verstanden könnte das Signal nur bedeuten, dass man eine höhere Macht repräsentiert und nicht diesen konkreten Staat. Aber den obrigkeitlichen Charakter bekommt man m.E. nicht ganz weg. Und der ist für mich das falsche Signal.

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Eins noch…

Vor einer ganzen Weile hat mich meine Frau darauf aufmerksam gemacht, dass ich auf die Phrase „ich bete noch“ oder „lasst und noch beten“ doch nach Möglichkeit verzichten sollte. Ich bin ihr dafür sehr dankbar: Das kleine und eigentlich überflüssige „noch“ wertet das Gebet ab zu einer Art Anhängsel oder Lückenfüller, oder einer Pflichtübung, die man halt auch noch abhaken muss. Dabei ist es ein einem christlichen Gottesdienst doch das Eigentliche, dass man mit Gott redet und auf ihn hört. Der Rest (Musik, Predigt und andere Dinge) ist das Beiwerk, dass auch noch da sein kann, aber nicht muss.

Die Wirkung des Lernens ist aber auch die, dass es mir jetzt so richtig auffällt, wenn andere „noch“ und „Beten“ in einem Atemzug verwenden. Ich bin sicher, es ist nicht so gemeint, wie es klingt. Ich bin nicht ganz sicher, was genau eigentlich gemeint ist. Vielleicht ist es nur eine doofe Angewohnheit. Wie gut, wenn man dann freundlich von jemandem darauf angesprochen wird, damit man sich das noch abgewöhnen kann.

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Das größte Wagnis

Viele von uns sind bereit, sich auf jedes Abenteuer einzulassen, außer in die Stille zu gehen und zu warten, allen Reichtum der Weisheit in die Verborgenheit des Erdreichs zu legen, unsere eigene Seele zu säen als ein Samenkorn in dem Stück Land, das wir Zeit nennen, und das jedem Leben eingeräumt wird – und die Seele über sich selbst hinauswachsen zu lassen. Glaube ist die Frucht eines Saatkorns, das man in der Tiefe eines Menschenlebens pflanzt.

Abraham Heschel

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Retrocharismatiker

Mitte der 80er Jahre hatte die charismatische Bewegung ihren Zenit erreicht. Damals ahnte das keiner, alle schienen zu glauben, die Kurve würde immer weiter nach oben zeigen und die große Erweckung sei nur eine Frage der Zeit. Doch so weit ich sehe, stagniert die Entwicklung seither, zumindest in den traditionellen Kirchen. Pfingstgemeinden und ihre Verbände wachsen recht moderat weiter, und manches Element charismatischer Spiritualität (Segnung oder Gebet für Kranke mit Handauflegung, „Lobpreislieder“, Gabenorientierung im Gemeindebau, „innere Heilung“) ist zum Allgemeingut geworden, das man heute fast überall antrifft.

Die einst jugendlich-ungestümen Leiterrunden begannen zu ergrauen. Der Brite Gerald Coates schrieb zehn Jahre später etwas provokativ von der „postcharismatischen Depression“. Eine Trotzreaktion blieb aus. Um so spannender fand ich die Beobachtung, wie praktisch eine Generation später an manchen Stellen nun eine Art „Retro-Effekt“ auftritt. Nachdem sich Gruppen und Gemeinden die letzten 20 Jahre an diesem oder jenem Thema oder Projekt versucht hatten, gehen jetzt etliche wieder zurück zum Stil und den Inhalten von damals.

Freilich hat sich die Welt um uns her minimal verändert in dieser Zeit. Ist dieser Retro-Kurs also ein stylisches „Back to the Roots“ wie der Mini und der Cinquecento im Automobilbau, oder schon der Nostalgiezug in Richtung Museum?

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Das unbekannte Selbst

Die folgenden Worte sind – die Wendung erscheint gleich noch einmal – tatsächlich geborgt, aus „Man is not Alone“ von Abraham Heschel. Der Einfachheit halber habe ich sie diesmal übersetzt:

Nur wer von geborgten Worten lebt, glaubt an sein Vermögen, sich auszudrücken. Ein vernünftiger Mensch weiß, dass das Intrinsische, das Allerwesentlichste, nie ausgedrückt werden kann. Das meiste – und oft das Beste – was sich in uns abspielt, ist unser Geheimnis; wir müssen selbst damit fertig werden. (S. 4)

Alles, was wir über unser Selbst wissen, ist das, was es ausdrückt, aber das Selbst kommt nie völlig zum Ausdruck. Was wir sind, können wir gar nicht sagen; was wir werden, können wir nicht fassen. Es ist alles eine kryptische, vielsagende Metapher, die der Verstand vergeblich zu entschlüsseln sucht. Wie der brennende Busch steht das Selbst in Flammen, aber es wird nicht verzehrt. Es trägt mehr mit sich herum als nur Vernunft, es liegt in Wehen mit dem Unsagbaren. Der Mensch ist ein Bild, das irgendetwas bedeutet. Aber was? (S. 46)

Ich bin mit einem Willen ausgestattet, aber der Wille gehört mir nicht; ich bin mit Freiheit ausgestattet, aber diese Freiheit ist dem Willen auferlegt. Das Leben ist etwas, was meinen Leib besucht, eine transzendente Leihgabe; ich habe seinen Wert und Sinn weder geschaffen noch erfasst. Die Essenz dessen, was ich bin, gehört mir nicht. Ich bin, was ich nicht bin. (S. 47f.)

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Postmodernes Abendlied

When the calls and conversations
Accidents and accusations
Messages and misperceptions
Paralyze my mind

Busses, cars, and airplanes leaving
Burnin‘ fuel and gasoline and
And everyone is running and I
Come to find a refuge in the

Easy silence that you make for me
It’s okay when there’s nothing more to say to me
And the peaceful quiet you create for me
And the way you keep the world at bay for me

Dixie Chicks

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Ans Eingemachte

Es war auf dem Essener Bibeltag an Fronleichnam. Zwei Bibelarbeiten und ein Workshop lagen hinter mir, dazu etliche interessante Gespräche in den Pausen. Ich hatte viel geredet und da war sicher auch einiges dabei, das man kontrovers weiter diskutieren könnte. Während die einen schon mit dem Aufräumen begannen und die anderen noch dem Ausgang zustrebten, kam jemand mit besorgter Miene auf mich zu und es entspann sich das bis dahin intensivste Gespräch des Tages. Es ging theologisch ans Eingemachte:

„Kann man Christ sein und Fan des FC Bayern?“, lautete die ernste Frage, und die Antwort war im Tonfall meines Gegenübers auch schon mit gegeben. Der Moderator hatte mich zu Beginn als einen solchen geoutet. Unglücklicherweise, denn nun bekam ich, statt etwas Trost für die noch offenen Wunden der tragischen Finalniederlage, das gesamte Sündenregister des Vereins aus den letzten 30 Jahren präsentiert. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um ein paar markige Sprüche des jetzigen Präsidenten und die Tatsache, dass der Verein sein (redlich verdientes, nicht etwa geliehenes oder von Scheichs und Oligarchen zugeschossenes!) Geld nutzt, um gute Spieler zu verpflichten (die im Übrigen auch meist gern und freiwillig nach München gingen).

Es gibt exzellente Argumente gegen diese extrem selektive Wahrnehmung der zahlreichen Bayernhasser. Ich war am Schluss einfach zu müde, um sie alle aufzuzählen und es hätte auch nichts gebracht. Ich fand es nur bemerkenswert, was offenbar vom Tage übrig blieb. Immerhin lautet die Gretchenfrage nicht mehr: Darf ein Christ rauchen oder Bier trinken oder gar tanzen? Aber so schrecklich viel weiter sind wir nicht gekommen. Die Debatte, inwiefern man als Christ Investmentbanker sein kann oder bei Frontex arbeiten sollte, fände ich wesentlich gewinnbringender.

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