Viele andere Glaubenskurse schlagen erst einen weiten anthropologischen („Der Sinn des Lebens“) und theologischen („Gibt es einen Gott?“) Bogen, bevor sie „zur Sache“ kommen und von Jesus reden. Der Mut, mit Jesus einzusteigen, hat mir bei Alpha immer gefallen. Auch deswegen, weil ich denke, alles christliche Reden von Gott und vom Sinn des Lebens muss sich schon vom ersten Ansatz her an Jesus orientieren. Sonst landet man schnell bei philosophischen Gottesbildern, die – etwa weil sie leidensunfähig sind – sich mit der Geschichte des leidenden Messias nicht mehr in Einklang bringen lassen.
In der konkreten Umsetzung jedoch stellt uns Nicky Gumbel vor ein großes Problem, indem er sein Jesuskapitel unter die Perspektive der Zweinaturenlehre stellt. Die erkenntnisleitende Fragestellung lautet, ob Jesus nur ein guter/interessanter/naiver/wichtiger Mensch war, oder der Sohn Gottes. Denn wäre es das nicht, so sagt Gumbel mit C.S. Lewis, dann war er ein Irrer oder ein Verführer. Und so werden die Evangelien nach Hinweisen auf alles abgeklopft, was Jesus von gewöhnlichen Menschen unterscheidet; neben den Wundern gehören etwa die „Ich-bin-Worte“ aus dem Johannesevangelium zu den Belegen. Die komplexe johanneische Frage wird jedoch nirgends aufgeworfen. Die Implikation ist, dass Jesus in seiner Verkündigung neben Aussagen zur Ethik und zum Heilsweg vor allem die eigene gottmenschliche Person thematisiert.
Weitgehend auf der Strecke bleibt dabei Jesus, der jüdische Prophet, die unbestreitbar politische Dimension seiner Reich-Gottes-Verkündigung und die Kontroversen um seinen messianischer Anspruch, wie sie N.T. Wright und andere herausgearbeitet haben. Von da aus ließe sich dann sehr wohl begründen, warum die Alte Kirche Jesus mit Gott in einer ganz bestimmten Weise identifiziert hat und wie die Vorstellung von der Dreieinigkeit Gottes entstehen konnte. Im jüdischen Kontext wurde der Begriff „Sohn Gottes“ damals ohne solche metaphysischen Konnotationen verwendet. Wenn Kaiphas Jesus in Markus 14 fragt: „Bist Du der Sohn des Hochgelobten?“ dann zielt das auf den Anspruch Jesu, der messianische König der Juden zu sein.
Denn die Auffassung, Jesus sei durch Palästina gezogen und hätte ständig von sich als der zweiten Person Gottes geredet, ist historisch absurd, wie Wright immer wieder betont. Das ist vor allem ein nachösterliches Thema. Erst im Rückblick auf die Auferweckung wird das analogielose Verhältnis Jesu zum Vater im Neuen Testament zum Thema (vgl. Römer 1,4) und der jüdische Monotheismus behutsam erweitert. Man kann die Christologie des 4. und 5. Jahrhunderts nicht einfach in die Evangelientexte zurückprojizieren. Freilich hat die christliche Kirche genau das Jahrhunderte lang getan und die meisten konservativen Evangelikalen tun es bis jetzt. Und so trifft Wrights Urteil nicht nur, aber auch den Alpha-Kurs, wenn er schreibt:
Für viele konservative Theologen würde es ausreichen, wenn Jesus (irgendwann im Verlauf der menschlichen Geschichte und vielleicht aus irgendeiner Rasse) von einer Jungfrau geboren worden wäre, ein sündloses Leben geführt hätte, einen Opfertod gestorben und drei Tage später von den Toten auferstanden wäre (N.T. Wright, Jesus and the Victory of God. Christian Origins and the Question of God Vol. 2, Minneapolis 1996, S.14)
Wright hat in Simply Christian gezeigt, dass man die Frage „Wer war Jesus“ auch anders beantworten kann. Nicky Gumbel dagegen verweist zum Ende (aber eben nicht zu Beginn) seines Plädoyers (das Schlüsselwort heißt evidence) für die Göttlichkeit Jesu Christi auf die Auferstehung. Damit stellt er seine Zuhörer vor die schroffe Entscheidung nach dem Alles-oder-Nichts-Schema, wenn er schreibt:
Zum Schluss stehen wir also, wie es C. S. Lewis ausgedrückt hat, „vor einer erschreckenden Alternative“. Entweder war (und ist) Jesus der, der er zu sein behauptete, oder er war verrückt oder noch Schlimmeres. C. S. Lewis erschien es offensichtlich, dass Jesus weder verrückt noch vom Teufel besessen war, und er schlussfolgerte: „[…] das bedeutet dann aber, dass ich anerkennen muss, dass er Gott war und ist – auch wenn mir das seltsam oder furchterregend oder einfach unwahrscheinlich vorkommt.
In Wirklichkeit gab und gibt es unter Christen eine Vielzahl von Perspektiven auf Jesus mit ganz unterschiedlicher Nuancierung. Allein der Satz „Jesus war Gott“ wurde und wird unterschiedlich verstanden und ausgelegt. So aber fällt nicht nur das Jüdische an Jesus weitgehend heraus (welch eine Ironie, wenn man bedenkt, dass Nicky Gumbels Vater als gebürtiger Jude aus Stuttgart emigrierte!), es kann auch durch diese unnötige Verengung des Horizontes schon zu Beginn des Kurses ein gewisser Druck entstehen. Gute MitarbeiterInnen werden es verstehen, ihren Gästen diesen Druck wieder zu nehmen. Besser wäre es für meinen Geschmack, wenn sie das gar nicht müssten.
Zugegeben, Alpha hat eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben. Auf die statistische Seite komme ich später noch zurück, den ökumenischen Aspekt habe ich schon erwähnt. Da liegt es nahe, nach dem Grundsatz „never change a winning team“ zu verfahren, zumal sich auch bald herausstellte, dass viele eigenwillige Adaptionen (wir lassen ein paar Abende/Themen weg, wir verzichten auf das Wochenende etc.) keineswegs Verbesserungen darstellten.
So darf es durchaus inhaltliche Elementarisierungen wie Jugend-Alpha geben, und jede(r) Referent(in) vor Ort kann eigene Beispiele und Erfahrungen in seine Kursvorträge einbauen, man verzichtet auch auf „Zertifizierungen“ oder „Lizenzierungen“ (das gibt es bei anderen Konzepten durchaus auch). Der Freiheit des Anwenders entspricht aber eine starke Betonung der Werktreue. Nicky Gumbels Questions of Life ist unter der Hand zu einer Art sacred text geworden. Verständlicherweise: Man kann durchaus, vor allem wenn man in London lebt, wo gefühlt alle Welt Englisch zu sprechen scheint und die Interessenten aus aller Herren Länder einem die Tür einrennen (während man die Skeptiker und die Enttäuschten nie zu Gesicht bekommt), den Eindruck gewinnen, dass Alpha ohne jede mühsame „Portierung“ immer und überall „funktioniert“.
Das klappt bei Coca-Cola ja auch bestens: die geheimnisvolle Rezeptur verkauft sich überall auf der Welt so gut, dass man sie möglichst unangetastet lässt. Also hat nach 20 Jahren selbst Nicky Gumbel seinen Text nur ganz leicht bearbeitet. Ausgetauscht wurden ein paar Zitate und Beispiele, gleich blieb die modernistische Apologetik á la C.S. Lewis und Nicky Gumbels Rhetorik im Stile des After-Dinner-Talks. Bei Schulungen und Trainingstagen wird – mit einem gewissen Recht – dann auch empfohlen, sich zunächst einmal möglichst so genau ans „Rezept“ zu halten, wie man das als Laie bei einem Kochbuch von Jamie Oliver tun würde.
Eine (nicht nur mir) aus hunderten von Gesprächen mit Leuten an der „Basis“ bekannte Tatsache ist aber auch, dass dieser Ansatz viele überfordert. Intuitiv merken „Anwender“, dass Stil und/oder Inhalt gewisse Inkompatibilitäten mit dem eigenen Kontext aufweisen. Und dann entstehen aus der Verlegenheit heraus problematische Adaptionen, die wiederum nur den Appell zu größerer „Werktreue“ verstärken. In der Schweiz hatte der katholische Pfarrer Leo Tanner das Problem schnell erkannt und das Material für seinen Kontext bearbeitet. Es war und blieb jedoch ein inoffizieller Schritt, dem keine weiteren mehr folgten.
Angesichts der Tatsache, dass unsere Gesellschaft seit Anfang der Neunziger viel postmoderner geworden ist, dass Deutschland mit seinem Drittelmix aus Protestantismus, Katholizismus und Atheismus in Glaubensdingen anders „tickt“ als die Briten, und angesichts der spürbaren Veränderungen, die der 11. September 2001 in der öffentlichen Debatte über Religion in der Gesellschaft ausgelöst hat, hätte hier gedanklich mehr investiert werden müssen. Nicky Gumbel dagegen ist keiner, der unentwegt theologisches und gesellschaftliches Neuland erkundet, sondern ein Meister des Recyclings. Egal ob er auf Dawkins oder den Da Vinci Code antwortet, er greift immer wieder auf seine eigenen Argumente zurück, die er in Why Jesus, einer Auskopplung aus Questions of Life, vor gut 20 Jahren geschrieben hat.
Dieser Hang zum Methodismus und die Konzentration auf eine zentrale Figur zeigen sich auch an anderer Stelle: Die Einheit der Kirchengemeinde Holy Trinity Brompton mit ihren vielen Gottesdiensten, die etwa in der Frage von Uhrzeit, Musikstil und Ambiente durchaus eine gewisse Vielfalt aufweist, hängt vor allem am Aushängeschild oder der Galionsfigur des Predigers, und so muss Nicky sich gelegentlich aus einem laufenden Gottesdienst ausklinken, um rechtzeitig am nächsten Veranstaltungsort zu erscheinen, wenn er nicht gleich per Video als digitale Konserve dort eingespielt wird. Oder darin, dass neben Alpha alle möglichen Kurse entwickelt und von einem engagierten Vertriebsteam verbreitet worden sind: Allen voran der Marriage Course (das Gesamtprogramm Ehe und Familie firmiert unter „Relationship Central„), dazu kommt zum Beispiel „Worship Central“ oder „God at Work“ aus der Feder des Investment-Bankers und HTB Ken Costa, der zwar einen ethischen Kapitalismus möchte, aber eine europäische Bankensteuer vehement ablehnt.
Der Begriff „Zentrale“ fällt keineswegs zufällig, er spiegelt eine bestimmte Mentalität wider: Vor zwei Jahren traf ich den Leiter des missionarischen Amtes einer deutschen Landeskirche, der gerade aus London zurückkam und etwas konsterniert bemerkte, dort werde ja für jede Lebenslage ein Kurs angeboten. Ich bin sicher, dass viele Menschen von diesen Kursen profitieren. Zugleich entsteht aber auch der Eindruck, dass da im Prinzip schon alle Antworten irgendwo vorfabriziert und abrufbar sind. Es kommt viel heraus aus diesem Pool, aber man ist (wie bei so manchen Megachurches) nicht immer sicher, ob da auch noch viel von Außen hineingeht.
Zurück zu Alpha: Ich vermute ja, dass weniger der theologische Gehalt der Vorträge den Kurs so populär gemacht hat als vielmehr der informelle Stil, die schon lobend erwähnte Kultur der Gastfreundschaft und – sofern er live oder (in vielen Kursen außerhalb von London) via DVD erscheint – die sympathische Ausstrahlung von Nicky Gumbel.
2. Verliebt in Zahlen
In den ersten Jahren verlief das Wachstum von Alpha spontan und tatsächlich exponentiell. Natürlich hält eine solche Entwicklung nie unbegrenzt, und so begannen die Kurven flacher zu werden. Nun könnte man sich damit begnügen, die guten Erfahrungen der Gemeindebasis weiterhin für sich selbst sprechen zu lassen. Dann hätte sich ein verzweigtes, aber vielleicht auch etwas unübersichtliches Netzwerk entwickelt. In den letzten Jahren wurde allerdings die Tendenz immer deutlicher, aus Alpha eine Art Franchise-System zu machen: Man lizensiert ein Erfolgskonzept an einen regionalen oder nationalen Vertriebspartner, der vor Ort zwar selbständig agiert, aber mit sehr klaren Vorgaben und Erwartungen.
Der überraschende Anfangserfolg wie die beschriebene Entscheidung zur Vertriebsstruktur bedingen eine gewisse Zahlenverliebtheit, die bis heute ein hervorstechendes Merkmal der Öffentlichkeitsarbeit von Alpha ist, wie das Video oben zeigt. Wenn aber das Selbstbild mit der ansteigenden Kurve gekoppelt ist, kann das zur Falle werden. Zum einen wecken diese Kurven unrealistische Erfolgserwartungen bei Leuten, die Kurse anbieten wollen. Zum anderen wirken sinkende Zahlen nach innen verunsichernd, weil sie vom System her nicht vorgesehen sind, das sich auf die Geschichten von Wachstum und Erfolg spezialisiert hat, die sich in Zahlen darstellen lassen. Als wir die Statistik für Deutschland vor ein paar Jahren kräftig nach unten korrigierten – nicht aufgrund eines echten Rückgangs, sondern weil Kurse, deren Daten in den letzten 12 Monaten nicht aktualisiert wurden, jetzt automatisch nicht mehr erschienen – hat das reichlich Unruhe ausgelöst auf beiden Seiten des Ärmelkanals.
Es ist gewiss auch gesunder Pragmatismus, wenn man versucht, immer auf das Positive zu sehen, die Erfolge zu feiern, sich mit Problemen und Niederlagen nicht lange und schon gar nicht allzu öffentlich aufzuhalten. Statt lange über die Gründe des Scheiterns zu philosophieren, steht man lieber auf, blickt nach vorn, beschreitet andere Wege oder findet neue Partner. Geht man diesen Schritt aber zu schnell, dann verpasst man die Gelegenheit, über tiefere Fragen nachzudenken als die Arithmetik der Kennzahlen – und dabei etwas über sich selbst zu lernen, das einen schließlich auch verändern kann. Erfolge zu feiern und über Niederlagen zu trauern ist kein Widerspruch, sondern nur ein gesundes Gleichgewicht. Mit der sprichwörtlichen britischen stiff upper lip funktioniert das für mein Empfinden eher schlecht.
Alpha is highly rationalized, and though to some people the label of ‚McDonaldization‘ is a bad thing, ab by-word for oppressive structures, narrow-mindedness and personal exploitation, Nicky Gumbel repeatedly cites the business model associated with this label as a way of justifying the imposition of a rigid form of control that insists that Alpha must conform to a particular scheme wherever it is delivered, regardless of the local cultural context. … In spite of the fact that discussion and questioning appears to be encouraged, the reality is that Nicky Gumbel always ha the right answer. Alpha tries to address this criticism though its informal style, the emphasis on meals, time spent in groups, and going away for weekends. … To use a communal model effectively, we need to trust the process, and Alpha (at least in its official formulations) fails to to this because all the outcomes need to be tidy.
Ich weiß nicht, ob etwa Graham Tomlin auf Dranes Bedenken irgendwo geantwortet hat. An anderer Stelle (vgl. z.B. den Godpod des St. Paul’s Theological Centre, wo auch Jane Williams – die Frau von Rowan Williams – mitwirkt) wird ja durchaus offen und mit weitem Horizont diskutiert. Vielleicht wirkt sich das irgendwann auch einmal auf andere Bereiche des HTB-Kosmos aus.
Mir geht es mit diesem Zitat nur darum zu zeigen, dass eben immer wieder dieselben Punkte hinterfragt werden. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass solche Kritik organisationsintern auf den internationalen Alpha-Treffen, an denen ich teilgenommen habe, nirgendwo diskutiert wurde. Man breitet einfach den Mantel des Schweigens darüber – vielleicht auch nur aus Hilflosigkeit. Aber manchmal ist keine Antwort für das Gegenüber eben auch eine Antwort. Im Alpha-Kurs, das habe ich gleich zu Beginn gelernt und seither auch immer beherzigt, sind alle Fragen erlaubt. Meine Hoffnung ist, dass die Organisation, die daraus entstanden ist, das auch eines Tages noch lernt.
Mehr als das Hochglanz-Marketing, schreibt John Drane am Ende des oben zitierten Artikels, ist vielleicht ja die ehrliche Verletzlichkeit derer, die im Alpha-Kurs mitarbeiten, das Geheimnis seines offensichtlichen Erfolges.
Andrea Roedig schreibt bei Der Freitag über das immer beliebtere Genre moderner Heldenerzählungen. Das Thema hat mich hier jaauchabundanschonbeschäftigt. Vielleicht liefert die Olympiade ja neue Dramen. Dabei kommt alles darauf an, wie hier erzählt wird. Roedig beschreibt die neue Faszination des Journalismus für die Lichtgestalten unserer Zeit so:
Kennzeichen des Heroen sind Exzeptionalität, Mut und Größe. Der Held ist außergewöhnlich durch Kraft, Genie oder eine besondere Gabe. Seinen Mut beweist er im Kampf gegen Widerstände und Mächte. Immer verläuft seine Entwicklung am narrativen Faden von siegreich zu überwindenden Schwierigkeiten. Und groß wird der Held, weil er sich übersteigt. […]
Der Held ist kein Beamter, kein Angestellter, er ist kein Stratege und auch nicht unbedingt ein Demokrat. Vor allem aber ist er eines nicht: ein Opfer. Er siegt, und wenn er unterliegt, dann klagt er nicht, er nimmt den Schmerz auf sich als notwendigen Preis für sein Ziel und den Ruhm. „The Trick is: not minding that it hurts“, erklärt Lawrence of Arabia einem Untergebenen, der sich zu lautstark an einem Streichholz verbrennt. Besser kann man die Essenz des Heroischen nicht definieren.
Dass Helden wieder Konjunktur haben, liegt an den gesellschaftlichen Verhältnissen: Aus der Aufstiegs- ist eine Abstiegsgesellschaft geworden. Allzu oft hat der Tüchtige kein Glück, während zugleich allzu viele Glückspilze alles andere als tüchtig sind. Die neoliberale Botschaft an den Normalo heißt: Durchhalten und den Schmerz ignorieren; es ist immer noch alles möglich, der tatsächliche Erfolg steht aber unter dem Vorbehalt eben jenes launischen Schicksals, das die volatilen Märkte regiert. Den Blick auf jene, die es in den Olymp geschafft haben (oder dort geboren wurden), sollte man trotzdem nicht abwenden – etwa, indem man kritisch den Preis hinterfragt, den man für den Aufstieg zu zahlen bereit ist.
Sind das am Ende säkularisierte Hagiographien, mit denen wir es hier zu tun haben? Legen Helden wie Heilige einen beschwerlichen Weg zurück, erdulden beide eine schmerzhafte Passion, werden beide zum Modellfall von Tugendhaftigkeit, vollbringen beide uneigennützig Wunder, indem sie für sich und andere Unmögliches möglich machen?
Es wäre eine interessante Aufgabe (sucht vielleicht noch jemand ein Thema für eine Diplom- oder Masterarbeit?!?), einmal alle christlichen Blogposts zum Tod von Steve Jobs auf solche Korrelationen zu untersuchen, wie man sie zwischen Heldenmythen und Heiligenviten schon erforscht hat. Und dann nach Kriterien theologischer Kritik an diesem Narrativ und seinen Adaptionen zu fragen:
Darf man beispielsweise Paulus‘ eschatologisch motivierte Gedanken über den Gratifikationsaufschub des Wettkämpfers in 1.Korinther 9 auf den Kontext eines weltlichen Erfolgs und Ruhmes übertragen?
Sind die Gründer von Megachurches, die gefragten Konferenzredner und Bestseller-Autoren solche Kultfiguren?
Wie lässt sich das Neue Testament so auslegen, dass es Menschen gegen zweifelhafte Ideale von Erfolg immunisiert, die nur wie die berüchtigte Karotte vor dem Maul des Esels baumeln, der den Karren anderer zieht?
Diese Vertröstung auf später wurde ja oft den christlichen Kirchen vorgeworfen, die tatsächlich in verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte mehr an möglichst gefügigen Untertanen interessiert waren als an einer Veränderung ungerechter Verhältnisse. Roedig wendet die Hermeneutik des Verdachts nun gegen eine Gesellschaft, in der das „unternehmerische Selbst“ postuliert und zunehmend die soziale Position vererbt wird, in der Heldenmythen den Status Quo eher sichern als in Frage stellen:
Wo gesellschaftliche und ökonomische Verhältnisse wie unbeherrschbare Naturgewalten erscheinen, braucht man die alten Geschichten. Der Mythos blendet und er tröstet, in ihm treffen sich Ideologie und Katharsis.
Es steckt also auch ein resignatives Element in diesen Geschichten. Vielleicht ist das auch ein Zeichen der Hoffnung, dass um viele „Heilige“ herum Gemeinschaften entstanden sind, die Jahrhunderte überdauert haben, nicht nur Firmen, Kapital und Medienhype. Und vielleicht ist bei einer/einem „Heiligen“ das Kriterium vor allem dies, dass sie/er einer bestimmten Berufung treu geblieben ist, egal mit welchem zählbaren Erfolg.
Ich finde die Praxis der Kontemplation eine ganz wertvolle und unverzichtbare Sache. Allerdings scheint mir, dass ich die dazugehörige Theorie manchmal erst in mein theologisches Koordinatensystem übertragen muss. In den letzten Woche habe ich das neue Buch von Franz Jaliczs gelesen. Ab und zu stolpere ich dabei über Aussagen wie diese, wo er davon spricht, die „Welt der Dualität“, wie er es nennt, hinter sich zu lassen:
Er ist kein Objekt, kein Gegenüber, das ich als Subjekt erkennen und kontaktieren kann. Wenn ich mich als ein „Ich“ von ihm abgrenzen (Subjekt) und ihn mit einer Du-Anrede von mir ausschließen könnte (Objekt oder Gegenüberstehendes), wäre er nicht mehr Gott. Gott kann man nicht begrenzen. Gott kann ich nicht von mir ausschließen, indem ich ihn als ein Gegenüber behandle. Gott ist überall und in jedem Geschöpf und auch nirgends, weil er nicht in Zeit und Raum eingeordnet werden kann. In der Wirklichkeit kann ich ihn viel mehr mit „Ich“ ansprechen als mit „Du“. Deswegen hat auch Mose Gott als „ich bin“ erkannt. Ich muss Gott in mir finden. Dort ist er unmittelbar da. (S. 141)
In der Tradition der Mystik, etwa bei Meister Eckhart, gibt es freilich viele ähnliche Aussagen. Ich denke, dass ich erahnen kann, was gemeint ist. Trotzdem finde ich die gewählte Sprache schwierig. Und die Exegese zum Gottesnamen, gelinde gesagt, sehr gewagt.
Miroslav Volf setzt sich in Von der Ausgrenzung zur Umarmung mit dieser Frage, ob die Grenzen des Selbst am Ende völlig aufgehoben werden, kritisch auseinander. Wie Jaliczs geht auch er von der Trinität als Vorbild aus. So wie sich dort Einheit und Unterschied nicht aus- sondern einschließen, Vater und Sohn also zu jedem Zeitpunkt unterscheidbar bleiben, aber nicht zu trennen sind, so gilt das auch für die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch:
Wenn sich die Trinität so der Welt zuwendet, werden der Sohn und der Geist in dem schönen Bild des Irenäus die beiden Arme Gottes, durch die die Menschheit erschaffen und in Gottes Umarmung aufgenommen wurde (vgl. Adversus Haereses 5,6,1). Dieselbe Liebe, die in der Trinität in sich nicht abgeschlossene Identitäten erhält, ist darauf aus, „in Gott“ Raum für die Menschheit zu schaffen. Die Menschheit ist jedoch nicht einfach der Andere Gottes, sondern der geliebte Andere, der zum Feind geworden ist. Wenn Gott sich daran macht, den Feind zu umarmen, ist das Kreuz das Ergebnis. Am Kreuz öffnet sich der tanzende Kreis der Selbsthingabe und gegenseitigen Einwohnung der göttlichen Personen für den Feind; in der Qual der Passion hält die Bewegung für einen kurzen Augenblick an und ein Riss erscheint, so dass die sündige Menschheit mitmachen kann (vgl. Johannes 17,21). Wir, die anderen – wir, die Feinde – werden von den göttlichen Personen umarmt mit derselben Liebe, mit der sie einander lieben, und deretwegen sie für uns in ihrer ewigen Umarmung Raum schaffen.
Also begegne ich Gott nicht als einem Fremden, ich begegne ihm nicht nur außerhalb meiner Selbst, sondern auch in mir (das darf man dann gern „Seelengrund“ nennen). Man muss aber das „Du“ nicht als etwas Ausgrenzendes missverstehen, wie Jalics es explizit tut. Nicht einmal der johanneische Jesus, der ja deutlich anders spricht als der synoptische, kann auf das „Du“ verzichten. Freilich will niemand Gott zum Objekt machen im Sinne des Ich/Es von Martin Buber. Aber hinter das richtig verstandene „Ich und Du“ geht es auch nicht richtig zurück, und da soll es vermutlich auch gar nicht.
Klar kann man Gott nicht begrenzen. Aber Gott hat sich in der Schöpfung selbst begrenzt und zurück genommen, damit Raum für etwas anderes entstehen kann. An dieser Vorstellung hängt theologisch viel zu viel, um sie zu verwischen oder aufzugeben. Zugleich hört Jalizcz ja keineswegs auf, vom „Ich“ zu reden, das ja in seiner Auffassung als Gegensatzpaar den Gedanken der Abgrenzung ebenso transportiert wie das „Du“. Das ist zumindest missverständlich.
Vielleicht wäre eine etwas entwickeltere Pneumatologie die Lösung für die Spannung, die Jalicz beschreibt. Der Heilige Geist fristet in diesem Buch jedenfalls ein Schattendasein, aus dem man ihn befreien sollte. Wenn wir überhaupt von „Unmittelbarkeit“ reden wollen, dann wohl am besten so, dass der Geist verbindet, ohne die Unterschiede obsolet zu machen.
Heute auf der Landesgartenschau, im GottesGarten der Religionen. Wenig Spektakuläres stand da, in einem Pavillon liegen Blumen zum Binden und vom Band ertönt eine Stimme. Noch bevor ich höre, was da geredet wird, weiß ich schon, dass es katholisch ist. Weil da dieser charakteristische Ratzinger-Singsang ist, den Josef Ratzinger gar nicht erfunden hat, sondern in dem zahllose katholische Bischöfe schon seit ich denken kann (und vermutlich länger) redeten.
Freilich haben auch Evangelische ihre Macken (ich bin sicher, ein listiger Kommentator wird sie unten alle aufzählen). Aber diesen völlig unnatürlichen Einheitstonfall gibt es bei uns einfach nicht. Faszinierend, wie hier die Institution prägend auf die Intonation durchschlägt! Wo wird das weitervermittelt? Im Gottesdienst? Im Priesterseminar?
Die brennendste Frage aber an diesem Tag: Ist Kardinal Marx wirklich katholisch? So wie der redet…?
Kürzlich schrieb mir ein Leser von Mit Gott im Job , der aus Asien stammt und seit einigen Jahren in Deutschland lebt:
Vor ca. 4 Wochen bin ich getauft worden. Ihr Buch lese ich seit ca. 3 Jahren finde ich immer wieder Anstöße. Es ist auch ein ganz wichtiges Thema, Arbeit und Glauben, überhaupt.
Das Buch erschien 2004, und nach so langer Zeit freut mich eine solche Rückmeldung besonders. Er fragte weiter, ob man das Buch in seine Muttersprache übersetzen könnte. Warum nicht? Eine koreanische Übersetzung existiert schon, ich kann sie nur nicht lesen…
Zurück nach Deutschland: Diese Woche habe ich nun die Rechte am Text vom Verlag zurückbekommen und möchte es (zum Beispiel für alle Montagsgläubigen, die es derzeit gibt) überarbeitet als e-Book herausbringen.
Wer also noch Anregungen für die Überarbeitung hat, kann sie hier gern als Kommentar hinterlassen oder mir anderweitig zukommen lassen!
In diesen Tagen war zu lesen, dass der Ministerpräsident das Gymnasium zur „Chefsache“ erklärt hat. Da muss einem Angst und bange werden. Das letzte Mal nämlich, als Bildungspolitik zur Chefsache wurde, bekamen wir das G8. Ich frage mich ja manchmal: hätte es am Ende sogar funktionieren können, wenn man einfach die Kollegen nördlich der Staatsgrenzen, in Thüringen und Sachsen, gründlich interviewt und deren Know How übernommen hätte?
Aber Chefs erfinden das Rad neu und beweisen damit fatale Tatkraft.
Kein gutes Omen also, wenn wieder ein Regent ohne große Erfahrung in der Bildungspolitik die Sache an sich reißt. Es bedeutet nur, dass ein Jahr vor der nächsten Wahl das Thema den Interessen der Partei unterworfen wird, nicht etwa dem der Schüler, Eltern und Lehrer. Die Eltern haben das kapiert, inzwischen boomen die Realschulen und in ein paar Jahren können FOS und BOS anbauen und Lehrkräfte einstellen.
Bis irgendwann meine Enkel in die Schule kommen, ist es dann hoffentlich keine Chefsache mehr. Und hoffentlich auch nicht mehr derselbe Chef.
Neulich wieder, eine Besprechung bei einer kirchlichen Dienststelle: Der Gesprächsleiter liest den Bibelvers aus den Losungen vor, es folgt ein kurzes freies Assoziieren in der Runde, was man aus dem in sich schon schwierigen Satz für die nun anstehende Tagesordnung für Schlüsse ziehen könnte. Wir kapitulieren und gehen schulterzuckend zur selbigen über. Losungen werden ja nicht für solche Anlässe konzipiert und ausgesucht.
Wenn das unter „Profis“ schon so läuft, wie viel mehr wird das durchschnittliche Gemeindeglied an diesem Tag ebenso konsterniert über die fehlende „Relevanz“ der Bibel in seinen Tag starten (oder das Ganze gar als schlechtes Omen werten?). Ja, ich weiß, es gab auch Tage, da traf das Losungswort voll ins Schwarze. Je nachdem, wie assoziationsfreudig jemand ist, wird das unterschiedlich oft der Fall sein, dass einem so ein Wort den Tag über neue Erfahrungen aufschließt.
Die Losungen können nichts dafür. Sie sind ja kein Orakel. Als sie erfunden wurde, las die Gemeinschaft, für die sie galten, mehr als nur (wenn überhaupt…) zwei Verse am Tag in der Schrift. Die kontextfreien Bibelschnipsel hatten also einen breiten Resonanzboden. Den kann man heute nicht mehr voraussetzen. Sie wirken eher wie eine Art christlicher Glückskeks ohne Keks.
Meine Frage ist, ob diese minimale Dosis Menschen für das dicke Buch eher interessiert oder sie immunisiert. Pauschal wird sie schwer zu beantworten sein. Ich denke, wer mit dem Bibellesen beginnt oder eher wenig liest, sollte statt einzelner Verse lieber ganze Geschichten lesen, lieber längere Zusammenhänge, lieber fortlaufend. Das wäre sozusagen der Keks zum Glücksspruch. Aber es gibt zum Glück auch andere Kekse, etwa die Tageslese.
Dieses Symposium an der USC – exakt 100 Jahre nach der legendären Azusa Street Revival – ist schon ein paar Jahre her, aber es enthält ein paar spannende Studien über die Pfingstbewegung und ihren gesellschaftlichen Einfluss, vor allem in Afrika, mit interessanten Ergebnissen.
In Deutschland trifft man an dieser Stelle noch viel Unkenntnis, Vorurteile und Missverständnisse an. Sieht man genau hin, dann schaffen Pfingstgemeinden eine Menge „soziales Kapital„!
Gastgeber bzw. Moderator ist der bekannte Soziologe Peter L. Berger, er kommentiert die drei Referenten.
„Mir ist langweilig!“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz aus einem Kindermund im Laufe der Jahre gehört habe. Die meisten Unterrichtsfächer in der Schule wurden als „langweilig“ eingestuft; mag sein, dass der eine oder andere Pädagoge auch seinen Teil dazu beitrug, vor allem aber konnte das System Schule eben kaum anstinken gegen Youtube, Xbox und iPod und die Fixierung auf deren Inhalte. Selbst Joggen im Wald ohne Berieselung auf den Ohren galt schon wieder als „langweilig“: Am besten ein Klamauk- oder Actionvideo gucken und nebenher noch chatten mit den Freunden.
Das Urteil „langweilig!“ erklingt meist im Ton der Majestätsbeleidigung. Als gebe es ein Grundrecht auf Dauerbespaßung durch die Mediengesellschaft, das einem in diesen Augenblicken boshaft verwehrt wird. Und das ist es, was mich unruhig macht: Wie lässt sich früh genug vermitteln, dass Langeweile zum Leben dazugehört? Dass jede Arbeit langweilige Anteile hat, dass es auch in der besten Beziehung nicht in einer Tour „funkt“, dass geistliches Leben immer auch Wüstenzeiten und Durststrecken enthält und dass jede persönliche Entwicklung scheitert, wenn man in solchen Momenten aussteigt und nach einem neuen Reiz sucht?
Anders gefragt: Ist es nicht ein Schlüsselthema für jegliche Art von Bildung, Menschen an Langweile zu gewöhnen? Es hat viel mit der Fähigkeit zu tun, sich selbst zu beruhigen und zu motivieren. Und sich zu interessieren, Anteil zu nehmen, Fremdheit zuzulassen! Wenn Langeweile keine Fluchtreflexe mehr auslöst, kann sie den gewohnheitsmäßigen Konsumenten zur Kreativität verleiten, zum Blick in die Tiefe ermuntern und den eingeschränkten Horizont erweitern.
Wenn mich immer jemand vor meiner Langeweile gerettet hätte, wäre ich heute kein Christ. Ich fing überhaupt erst richtig zu suchen und zu fragen an, als ich länger krank war, alle spannenden Bücher ausgelesen hatte und weil damals Fernsehen erst um 17.00 begann und ab 19.00 Uhr schon wieder langweilig wurde. Der Weg zu einem erwachsenen Umgang mit sich selbst und dem Leben führt nicht an der Langeweile vorbei, sondern durch sie hindurch. Nur: wie vermitteln wir das all den indignierten kleinen Majestäten? Ich habe schon vor einer Weile einmal Christian Schüle aus einem Beitrag für die Zeit zitiert:
Langeweile ist eine Erfindung der Beschleunigungsgesellschaft, deren Mitglieder fürchten, zu sich selbst kommen zu müssen und Leere zu finden.
Nach über 16 Jahren geht das Kapitel Alpha für mich am 31. Juli nun endgültig zu Ende. Die letzten drei Jahre lief es aus verschiedenen Gründen ohnehin eher auf Sparflamme: Engpässe bei den Ressourcen des Vereins, Sackgassen in unserem Schlüsselprojekt. Licht und Schatten wechselten sich also immer wieder ab. Nun freue ich mich auf Platz im Kalender für andere Aufgaben und alles, was an Begegnungen und Lernerfahrungen damit einhergeht. Im Augenblick wird das Erlanger Büro noch abgewickelt, und so ist es auch ein Moment des Rückblicks.
An einem Sonntag im März 1994 saßen Martina und ich bei Gumbels am Küchentisch. Zuvor hatten wir den Gottesdienst von HTB besucht und Nicky hatte uns mit seinem klapprigen Peugeot nach Clapham chauffiert. Ich stellte die naive Frage, ob er sich vorstellen könne, Alpha mal auf einer Gemeindefreizeit vorzustellen. Es wurde etwas größer: Im März 1996 kamen zu zwei Konferenzen binnen einer Woche fast 600 Leute, und danach fingen überall im Land Kurse an. Inzwischen gibt es schon Bischöfe mit Alpha-Erfahrung in Deutschland.
Irgendwie bliebt die Sache an mir kleben, wir gründeten einen kleinen Verein und richteten ein Büro ein, Alpha Deutschland war geboren aus einem Häuflein von Idealisten und Netzwerkern. Und die Sache wuchs munter vor sich hin, über die Grenzen von Konfessionen und unterschiedlichen Prägungen hinweg begegneten sich Christen, die gastfreundlich auf andere Menschen zugingen, um sie behutsam mit hineinzunehmen in das, was sie selbst mit Gott erlebten.
Ich fange mal mit dem Licht an. Drei Aspekte finde ich nach wie vor besonders faszinierend an Alpha:
Da ist erstens die schon erwähnte große Gastfreundschaft, die verhindert, dass dieser Glaubenskurs einen belehrend-informativen Volkshochschulcharakter bekommt. Stattdessen sitzen erst einmal alle um einen Tisch plaudern über alles mögliche und begegnen sich darin als Menschen. Die Verbindung, die dabei entsteht, hält auch die zum Teil erheblichen Differenzen in Glaubensfragen aus, die im Laufe des Kurses thematisiert werden. Und Gäste bleiben Gäste, daher bleibt der Umgang respektvoll, wenn es in die Diskussion geht. Wenn es ein „Geheimnis“ von Alpha gibt, eine Art pädagogischen Kniff, dann ist es diese Grundhaltung. Inzwischen haben viele andere Kurskonzepte dieses Element übernommen.
Zweitens die gelebte Ökumene: das ist offenbar einfacher mit den Vertretern unterschiedlicher Konfessionen, die sich nicht aufs dogmatische Rechthaben konzentrieren, sondern darauf, das Evangelium denen nahe zu bringen, die mit ihm noch nicht oder schon lange nicht mehr in Berührung gekommen sind. Bei den internationalen Treffen in London traf ich vom koptischen Bischof bis zum Pfingstler und vom Vineyardmenschen bis zur katholischen Ordensfrau die ganze Bandbreite der christlichen Kirchen und Gemeinschaften aus über 160 Ländern der Welt – alle fröhlich beieinander in der neugotischen Kirche bei Harrods um die Ecke zum Stehempfang, Kirchenpicknick, Erfahrungsaustausch und Gottesdienst. In Deutschland bildet sich das wunderbar ab in der Vielfalt der Alpha-BeraterInnen, die mit viel Herzblut dieses erstaunliche Netzwerk getragen und ausgebaut haben.
Drittens ist es zumindest in Ansätzen gelungen, hier verschiedene Strömungen in eine befruchtende Verbindung zu bringen: Die Tradition und gesellschaftliche Offenheit der anglikanischen Kirche, das Wochenende als Element des pfingstlich-charismatischen Christentums (global, auch wenn das in Deutschland manch einer gar nicht gern hört, die vitalste religiöse Bewegung überhaupt), die besonnene evangelikale Apologetik von C.S. Lewis und John Stott und, zumindest in Ansätzen, ein Herz für Arme, das zwar noch keine Sozialkritik á la Sojourners abwirft, aber immerhin etliche karitative Projekte und einen Beitrag zur Resozialisierung Strafentlassener.
Ich habe Brennende Gegenwart weitergelesen: Bei den Straßenexerzitien geht es darum, Kontakt aufzunehmen mit der eigenen Sehnsucht. Sie enthält grundlegende Wahrheiten über mich selbst, aber sie wird immer wieder von anderen Dingen übertönt. Ärger, Traurigkeit oder Angst können mi die Richtung anzeigen, in der ich suchen muss. Aber auch spontane Anflüge von Freude.
Den Zugang zum Leben finden wir aber häufig in der Auseinandersetzung mit existenziellem Schmerz. So ging es der ausgeschlossenen Hagar oder Mose, der in der Fremde gestrandet war. Und das dreimalige „Nein“ Jesu in der Versuchungsgeschichte zu materieller Versorgung, sicherer Gewissheit und machtvollem Schutz kann man als ein vertrauensvolles Ja zum Leben in der Schöpfung lesen.
All das gehört zur Etappe der Fundamentsuche, der Frage nach dem eigenen Hunger, der in eine kindliche Haltung von Abhängigkeit und Erwartung führt. Am Ende dieses Abschnitts schreibt Herwartz:
Wahrnehmen des Lebens um und in uns setzt das Schweigen der eigenen schnellen Bewertungen voraus. Wir werden langsamer und finden Freude am Verkosten der Ereignisse; wir wollen ihnen nachspüren, sie ergründen.
Ganz frisch liegt auf meinem Schreibtisch das kleine Buch Brennende Gegenwart von Christian Herwartz. Der Autor ist Jesuit und gehört zu den „Ordensleuten gegen Ausgrenzung“. Seit einigen Jahren bietet er Straßenexerzitien an und er bloggt unter dem Titel nackte Sohlen.
In der Einleitung beschreibt er kurz das Grundanliegen der Straßenexerzitien. Man verbringt als Gruppe Zeit in einer Stadt, bekommt dabei Begleitung und Anleitung, ist tagsüber auf den Straßen unterwegs und trifft sich dann gegen Abend zum Gottesdienst und Austausch. Es geht vor allem um die Begegnung mit Gott:
Das aufmerksame Wahrnehmen lässt sich nicht organisieren. Aber es wird durch Freiräume ohne Handlungsdruck ermöglicht. Sie sind nicht automatisch da. Absprachen sollen sie ermöglichen, damit wir still und staunend sein können.
… Überraschend begegnet uns Gott durch einen menschen, ein Zeichen oder eine spontane Freude in uns selbst. er braucht keine Bedingung, um uns zu finden. Jeder Vergleich eines besseren oder schlechteren Weges zu ihm ist lächerlich. Gott kommt auf uns zu, und wenn er bei uns eine geöffnete Tür findet, dann tritt er mit seinem Frieden identitätsstiftend ein. Jeder Ort, an dem wir ihn empfangen dürfen, wird uns heilig sein.
Herwartz orientiert sich – was mich besonders freut, nachdem ich das Kapitel seit mehr als einem Jahr immer wieder lese – dabei an Jesu Anweisungen aus Lukas 10, die er für den Kontext der Exerzitien neu auslegt: Kein Geld (sprich: Sicherheiten), kein Beutel (mit Vorräten für alle Eventualitäten), keine Schuhe (eine Haltung der Friedfertigkeit), keine Einengung durch umständliche Etikette (das tut „man“, das tut „man“ nicht). Die Exerzitien sind „Einladungen zu einer vorurteilsfreien Haltung“, zur inneren Freiheit, neuen Lebensimpulsen zu folgen.
Meine Neugier ist geweckt. In den nächsten Tagen werde ich davon schreiben, wie es weitergeht.
Da habe ich gestern noch auf ein paar Sätze von Kardinal Woelki zur Sexualethik hingewiesen, und nun lese ich überrascht, dass in den USA kein geringerer als Alan Chambers, Präsident von Exodus International, offenbar schwer am Umdenken ist, was seine bisherige Position zur Therapierbarkeit homosexueller Orientierung angeht. Er distanziert sich von dem Konzept der „reparative therapy“.
Die New York Times hat das Thema aufgegriffen. Dort wird auch erwähnt, dass sich Chambers Rücktrittsforderungen ausgesetzt sieht, weil er nicht bestreitet, dass Homosexuelle „in den Himmel kommen“. Chambers wiederholt diesen inklusiven Standpunkt in einem TV-Interview, das auch auf Chambers‘ Blog zu sehen ist. Vielleicht ist diese Aussage auf lange Sicht noch wichtiger. Ganz ausführlich kommt Chambers in The Atlantic zu Wort. Er vertritt immer noch (wie Woelki) eine relativ konservative Theologie, aber in einem sehr moderaten Tonfall, der dieser sehr gereizten Debatte definitiv gut tut.
Der Vorstand von Exodus International soll außerdem beschlossen haben, sich jeglicher Kriminalisierung von Homosexualität zu widersetzen. Den breiteren Hintergrund der Entwicklung in den USA beleuchtet aktuell dieser Artikel in der Zeit.
Die Zeit zitiert Kardinal Woelki mit der für offizielle katholische Verhältnisse doch bemerkenswerten Aussage:
»Ich halte es für vorstellbar, dass dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wo sie in einer dauerhaften homosexuellen Beziehung leben, dass das in ähnlicher Weise zu heterosexuellen Partnerschaften anzusehen ist.«
Woelki bestätigt das Zitat im Interview, bekräftigt zugleich das Bekenntnis der römischen Kirche zu Ehe und Familie, und sagt außerdem:
»Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen«, heißt es im Katechismus über Menschen, die homosexuell veranlagt sind. Wenn ich das ernst nehme, darf ich in homosexuellen Beziehungen nicht ausschließlich den »Verstoß gegen das natürliche Gesetz« sehen, wie es der Katechismus formuliert. Ich versuche auch wahrzunehmen, dass da Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, sich Treue versprochen haben und füreinander sorgen wollen, auch wenn ich einen solchen Lebensentwurf nicht teilen kann.
Bemerkenswert ist das insofern, als Woelki nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt stellt. Ist das nur freundliche Rhetorik dessen, der weiß, dass sich an der offiziellen Position ohnehin nichts ändern wird, ist das eine Einzelstimme, oder deutet sich da tatsächlich eine gewisse Offenheit an?
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