Werktagsreden

Das Thema Integration hat mich die letzten beiden Tage intensiv beschäftigt. Gestern vormittag hörte ich Prof. Heiner Bielefeldt auf einer Veranstaltung im Rathaus über die Menschenrechte und deren Bedeutung für Integration in Europa reden, am Abend folgte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Menschlichkeit im Rechtsstaat“, die von beiden großen Kirchen ausgerichtet wurde.

Leider war sie eher spärlich besucht, etwas 50-60 Leute hatten sich in der Markuskirche eingefunden. Eine Vertreterin der Stadt Erlangen, eine Beamtin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, der frühere Vorsitzende des Erlanger Ausländer- und Integrationsbeirats, ein Vertreter des bayerischen Flüchtlingsrates.

Es begann etwas zäh. Die Menschenrechte als das verbindende Element von Menschlichkeit hätten der Debatte gut getan. So wiesen die Vertreterinnen der Behörden auf die geltende Rechtslage, nicht ohne sie kräftig schönzufärben als „in Recht gegossene Menschlichkeit“ – gemeint war das Grundrecht auf Asyl, das seit 1993 durch zahlreiche Bestimmungen eingeschränkt und ausgehebelt wird. Und freilich erscheint in dieser obrigkeitlichen Logik jeder, der – mit welcher Motivation auch immer – das Gesetz missachtet, als Vorbote von Anarchie und Chaos, die sattsam bekannte Dammbruch-Logik. Entsprechend entrüstet wurde auch die Kritik an konkreten Entscheidungen einzelner Beamtinnen zurückgewiesen.

Umgekehrt standen dann nur spärlich abgemilderte Vorwürfe sturen Kadavergehorsams im Raum. Erst mühsam entspann sich unter (zum Teil etwas weitschweifigen) Wortbeiträgen der rote Faden eines Konsenses, der die Politiker (insbesondere die aktuelle Regierungskoalition in München und Berlin) und deren bis zur Unmenschlichkeit restriktive Gesetzgebung als die eigentliche Ursache des Problems ausmachten, und am Ende konnte man zwischen den Zeilen auch bei den beiden Vertreterinnen der Behörden Kritik an der Rechtslage vernehmen und die damit verbundene Einsicht, dass geltendes Recht nicht immer gutes Recht im Sinne der Mitmenschlichkeit ist. Die aber, daran ließen die beiden Dekane keinen Zweifel, ist für Christen noch wichtiger als der Gehorsam gegenüber dem Rechtsstaat. Und so kam auch Kirchenasyl als letztes Mittel wieder ins Gespräch.

Die Hauptaufgabe bleibt jedoch die öffentliche Meinungsbildung. Am Vormittag hatte Prof. Bielefeld noch erläutert, das beste Mittel gegen diskriminierende Hate Speech sei more speech. Den Scharfmachern dürfen wir nicht das Feld überlassen. Ich habe hier in jüngster Zeit viel über das Schweigen gepostet, aber natürlich gilt auch hier: Alles hat seine Zeit und seinen Ort.

2013 wird gewählt – in Bayern und im Bund. Nur wenn unsere Innenminister und deren schwarze Parteifreunde an den Stammtischen nicht mehr billig punkten können, indem sie den harten Hund gegen Fremde herauskehren, wird der Weg frei für eine Neufassung des verstümmelten Asylrechts und zu Gesetzen, die Integration ernsthaft fördern und den Fremden nicht als Menschen zweiter Klasse behandeln.

Wir brauchen keine Sonntagsreden, sondern Werktagsreden, in denen möglichst viele möglichst klar Position beziehen zugunsten von mehr Mitmenschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen und Fremden. An diesem Gespräch können wir uns alle ab sofort ganz offensiv beteiligen!

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Psalm 23 als geistlicher Weg

Ich habe letzten Sonntag den unzähligen Interpretationen von Psalm 23 eine weitere hinzugefügt. Viele kennen den Text ja auswendig, und das heißt, man kann sich so auch jederzeit an den Worten und Bildern entlang hangeln und wieder an ein paar Dinge erinnern.

Es geht darin um die praktische Weisheit kontemplativer Spiritualität, sich eine möglichst unverstellte Wahrnehmung zu gestatten und das wertende Urteil möglichst lange auszusetzen – die Widersprüchlichkeit unserer Erfahrung zwischen grüner Aue und düsterer Schlucht nicht vorschnell zu bewerten (die Geschichte ist ja noch nicht abgeschlossen) oder mit irgendeinem theologischen oder psychologischen Bilanztrick ausgleichen zu wollen. Einfach mal seelenruhig am gedeckten Tisch zu sitzen – im Angesicht meiner inneren und äußeren Feinde (oder dem, was ich dafür halte).

Einen besseren Weg, um von einer unreifen Naivität zu einem reifen und robusten Gottvertrauen (der „zweiten Naivität“) zu finden, kenne ich nicht. Vielleicht inspiriert es ja den einen oder die andere.

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Wer seine „Nische“ nicht findet…

… ist vielleicht nicht am falschen Platz, sondern einfach nur ein Generalist: Jemand, der nicht die eine Sache ganz besonders gut kann, sondern der viele unterschiedliche Dinge kann und gern tut. Dem es schwer fallen würde, sich auf eines davon dauerhaft festzulegen, weil er meistens mehrere Bälle in der Luft hat. Jemand, der Monotonie scheut und die Vielfalt liebt.

Für jemand, der ein breites Profil hat, wird es nie passgenaue Lücken geben, keine maßgeschneiderten Stellenbeschreibungen. Er braucht ein weites Feld, auf dem er sich bewegen kann. In einer Welt der überwachten Planquadrate ist der Generalist immer am falschen Platz, immer etwas zu sperrig. In der Welt der Spezialisten wirkt der Generalist oft deplatziert, unzureichend angepasst, schwer vermittelbar. Einen sorgsam eingefriedeten „Platz“ wird er nie haben.

Aber in einer Welt, deren Existenz durch das Scheuklappenwesen und Fachidiotentum (Disclaimer: nicht jeder Spezialist ist ein Fachidiot, aber ein Generalist kann per Definitionen eben kaum zum Fachidioten werden) bedroht ist, weil niemand mehr das Detailwissen zu einem großen Bild zusammensetzen kann, weil wir zwar fast alles über jeden Baum wissen, aber uns jedes Verständnis von Wald abhanden gekommen ist, ist oder wird er vielleicht wichtiger, als viele denken?

Ich fühle mich nicht nur selbst als Generalist, sondern ich kenne auch noch eine Reihe anderer. Und das irritierende Gefühl, oft keine Nische zu haben oder zu finden, verbindet uns. Oder die nicht ganz unberechtigte Sorge, sich mit all den vielen Dingen zu verzetteln, ein viel zu unscharfes Profil in die Umgebung auszustrahlen. Stattdessen könnte es sich lohnen, mal auf die Chancen zu blicken, selber aktiv zu werden und nicht darauf zu warten, dass uns massgeschneiderte Jobs angeboten werden.

Kürzlich habe ich den Satz gelesen: Der Mensch ist ein Generalist. er kann alles, aber nichts gut. Das ist aus der Perspektive des Zoologen geschrieben. Aber ich freue mich immer, wenn ich glückliche Generalisten treffe. Da wird tatsächlich eine Qualität des Menschseins sichtbar, die man nicht überall antrifft.

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Wohin mit alten Zeitschriften?

Über die Jahre habe ich einiges geschrieben für diese und jene Zeitschrift. Bei mir zuhause stapeln sich Pappschuber mit alten Ausgaben, auf denen sich Staub ablagert. Diese Woche habe ich überlegt, ob ich das alles eigentlich aufheben soll. Ich habe die alten Sachen jahrelang nicht in die Hand gekommen. Kommt eines Tages der Zeitpunkt, wo das wieder interessant wird, vielleicht sogar wichtig?

Mit fällt auf, dass ich selbst kaum noch Zeitschriften lese. Bücher ja, Blogs gern; Zeitschriftenartikel dagegen sind in der Regel kürzer und oberflächlicher als Bücher, aber länger und weniger aktuell als Blogposts. Die einzige Ausnahme ist National Geographic, und das liegt an den großartigen Bildern wie an den vielfältigen Themen.

Also Schluss mit dem Sammeln und weg mit dem Altpapier? Eigentlich könnte ich etwas mehr Platz im Arbeitszimmer gut brauchen.

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Nichts für schwache Nerven

Ich habe noch ein paar Tage gebraucht, um meine Erfahrungen aus der Stille zu verdauen und sacken zu lassen. Außerdem dauert es eine Weile, geeignete Worte zu finden, die wenigstens näherungsweise beschreiben, was sich denn innerlich so zuträgt, wenn die äußeren Impulse wegfallen, die das Schwungrad im Kopf ständig antreiben.

Denn ich fuhr vor knapp drei Wochen mit gar nicht so viel gefühlter Unruhe in den Frankenwald. Was mir die meisten Kopfschmerzen bereitete, war die Frage, wie ich als tendenziell klaustrophober Mensch es wohl aushalten würde, so lange still zu sitzen. „Langeweile“, hatte Bill Hybels einmal gesagt, „ist mein größter Feind.“ Und so war ich am ersten Tag noch schwer dabei, eine Überlebensstrategie zu entwickeln, bis ich mich durchschaute und darüber schmunzeln konnte.

Denn in Gries war ich gut aufgehoben. Mein Exerzitienbegleiter machte mir Mut, mein eigenes Maß zu finden, und so verbrachte ich in den ersten – zum Glück sonnigen – Tagen viel Zeit in der Natur, bis es mich von ganz allein immer mehr in die kleine, zum Meditationsraum ausgebaute Kapelle zog. Rückblickend muss ich sagen, dass ich wirklich alle wichtigen Momente und Aha-Erlebnisse dort hatte. Rilkes Satz vom „sanftesten Gesetz, an dem wir reiften, als wir mit ihm rangen“ hat sich hier großartig bewahrheitet. Ich rang mit dieser Einladung, mich dieser unberechenbaren Gegenwart willentlich auszusetzen, und nicht gleich aufzugeben.

Und dann schien sich Schicht um Schicht abzuschälen, bis der Kern immer deutlicher zum Vorschein kam: Am ersten Tag spürte ich meine Müdigkeit. Wenn ich still wurde, zogen Fetzen surrealer Traumsequenzen vor meinem inneren Auge vorbei, aber nichts davon schien nennenswerte Bedeutung und Substanz zu haben. Am Tag darauf war es meine Geschäftigkeit: unerledigte oder versäumte Arbeit, interessante Ideen, was ich alles noch tun könnte, kamen mir in den Sinn. Ihnen folgte die Traurigkeit – nicht über Dinge, die andere mir zugefügt hätten, sondern über eigene Versäumnisse und Versagen. Es war keine quälende, sondern eine ganz heilsame Trauer. Ich wechselte vom Denken allmählich zum Fühlen, und fand damit immer mehr in die Gegenwart. Mir fiel das Gebet von Bruder Klaus wieder ein:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Je stiller ich wurde, desto mehr fiel mir auf, wie laut es anfänglich in mir gewesen war. Aus der Liturgie der allabendlichen Eucharistiefeier prägte sich der vom Hauptmann von Kapernaum entlehnte Satz in mein Gedächtnis ein: „Sprich nur ein Wort, und meine Seele wird gesund.“ Meine vielen Worte können das nicht leisten, was ein einziges Wort kann, das wie ein Flüstern aus dieser anderen Dimension kommt. Sie bleibt mir verborgen, ist aber doch ganz nah und gegenwärtig. Abraham Heschel schrieb vor gut 70 Jahren passend dazu:

Sich des Unaussprechlichen bewusst zu werden, bedeutet, sich von Worten zu lösen. Das Eigentliche, die Tangente zur Kurve menschlicher Erfahrung, liegt jenseits der Grenzen der Sprache. Die Welt der Dinge, die wir wahrnehmen, ist nur ein Schleier. Sein Flattern ist die Musik, seine Ornamente sind die Wissenschaft, aber was er verhüllt, ist unergründlich. Sein Schweigen bleibt ungebrochen; keine Worte können es ausräumen.

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Der Segen der Sprachlosigkeit

… those to whom reality is dearer than information, to whom life is stronger that concepts and the world more than words, are never deluded into believing that what they know and perceive is the core of reality. We are able to exploit, to label things with well-trimmed words; but when ceasing to subject them to our purposes and to impose on them the forms of our intellect, we are stunned and incapable of saying what things are in themselves; it is an experience of being unable to experience something we face: too great to be perceived. Music, poetry, religion – they all initiate in the soul’s encounter with an aspect of reality for which reason has no concepts and language has no names.

Abraham Joshua Heschel, Man Is Not Alone, S. 36

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Erleichtert

Vor ein paar Wochen diskutierte ich mit einem Bekannten über unterschiedliche Konzepte von Leitung und verschiedene Führungsstile. Irgendwann fragte er mich, was ich denn tun würde, wenn ich von der Richtigkeit einer bestimmten Sache überzeugt wäre, sich in der Gemeinde aber Bedenken und Widerstand regten. Würde ich die Sache durchziehen oder nicht?

Einerseits kann man auf eine solche hypothetischen Frage nur schwer entworfen, weil viele Situationen ja viel komplexer sind, als er es gerade umrissen hatte. Freilich gibt es in einer größeren Gruppe immer mehr als eine Meinung, zu jedem beliebigen Thema. Und freilich wird mit faulen Kompromissen niemand glücklich. Dennoch fiel mir die Antwort auch wieder leicht: In einer Gemeinde kann man selbst gegen signifikante Minderheiten gar nichts einfach durchdrücken, wenn man sie nicht schwer beschädigen will.

Wenn es aber gelingt, dass wir einander zuhören, und wenn genug Vertrauen da ist, dann lassen sich viele Leute mitnehmen auf einen Weg, der ihnen vielleicht noch nicht ganz geheuer ist. Man einigt sich vielleicht auf ein Experiment und darauf, es gemeinsam auszuwerten, um dann weiter zu sehen. Vielleicht wartet man auch einfach noch eine Weile, bis alle sich entspannt haben, und nimmt das Gespräch dann wieder auf – und zwar ergebnisoffen. Vielleicht holt man einen Moderator hinzu oder schickt ein paar Scouts aus, die mal herumfragen, welche Erfahrungen andere mit einem bestimmten Konzept oder Projekt gemacht haben.

Aber wenn ich mich als Vater schon mit meinen Teenagern darüber einigen muss, wohin wir zusammen in den Urlaub fahren, wie viel mehr muss ich das als Verantwortlicher in einer Gemeinschaft mit Erwachsenen, wenn es darum geht, wie wir unsere Zeit, Kraft und Geld einsetzen.

Irgendwie schien mein Gegenüber nicht mit dieser Antwort gerechnet zu haben. Ich wiederum war froh, nicht in einer Organisation arbeiten zu müssen, die das nicht verstanden hat.

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Das „kleine“ Kreuz

Vielleicht war es der Kreuzträger bei der Beerdigung, an der ich letzte Woche teilnahm, der mich wieder an eine Predigt erinnerte, die ich neulich gehört hatte. Da ging es um Jesu Aufruf, „sein Kreuz auf sich“ zu nehmen und ihm nachzufolgen. Der Prediger erklärte dazu, dabei handele es sich um die Dinge, die einem das Leben eben so zumute und auferlege: Krankheit, ein fieser Chef, lästige Nachbarn, berufliches Scheitern und derlei mehr.

Wenn das so wäre, dann müsste man dieses Kreuz ja gar nicht auf sich nehmen, es würde einem einfach auferlegt. Natürlich gibt es solche Dinge, die uns – ob Christen oder nicht – zugemutet werden, und die sich niemand freiwillig aussucht. Für Jesu Zeitgenossen war das Kreuz aber nicht nur ein vages Symbol, sondern grausame Realität eines Imperiums, das auf Abschreckung durch Gewalt setzte und jeglichen Widerstand damit zu unterbinden versuchte. Wer dem Kaiser trotzte, musste mit Schikanen bis zur physischen Vernichtung rechnen und der totalen Degradierung zu einem hilflosen Bündel aus Blut und Schmerzen.

Also ist das „Kreuz“ Leiden, das man sich mehr oder weniger bewusst einhandelt, weil man sich mit Gott und anderen Menschen identifiziert und sich für sie einsetzt (und dann diffamiert, gemobbt, benachteiligt, ausgeschlossen, verfolgt oder gefoltert wird – nicht immer, aber das weiß man vorher ja nie). Es beginnt mit dem Mitleiden, das nicht immer eine rein innerliche Sache bleibt. Irgendwann verteidigt man zum Beispiel einen Kollegen dem Chef gegenüber und gilt in dessen Augen ab da als Staatsfeind Nummer eins.

In einer abgeleiteten Form ist es auch der ganze Einsatz von Kraft und Zeit, der nötig ist, um sich schon jetzt verändern zu lassen in die Art von Person, die nach Gottes neuer Weltordnung lebt und sie schon unter den Bedingungen der „alten“ Welt sichtbar macht. Auch da geht es ja um Verzicht auf manche Bequemlichkeit oder Disziplinlosigkeit, die man sich herausnehmen könnte, wenn man nicht damit rechnen müsste, in die oben beschriebenen Situationen zu geraten – oder wenn es einem egal wäre, was aus der Welt und den Menschen uns her wird.

Wären wir Christen politische Aktivisten in einem autoritären Staat, dann müssten wir ganz praktisch trainieren, wie man nächtliche Verhaftungen und Verhöre heil übersteht, wie man Folter und Isolation erduldet, wie man Lügen und Erpressungsversuche der Geheimpolizei an sich abprallen lässt. Das würde zu diesem „Kreuz“ im weiteren Sinne dazugehören. Und an viele Stellen der Welt ist ja genau das auch die bittere Realität für viele Christen.

Von daher sind Dinge wie Fasten (als Konsumverzicht) und Teilen, das Gebet und die Meditation (die mich in eine gesunde Distanz zu mir selbst und meinen Mitmenschen bringen und destruktive Reflexe ins Leere laufen lässt), die Beschäftigung mit der Bibel und mit geistlicher Literatur (die mir einen anderen Horizont eröffnet, vor dem ich mich und die Welt betrachte) und regelmäßige Kontakte mit Menschen, die auf demselben Weg sind (niemand schafft das allein) alles Investitionen in eine solche Resilienz. Das kleine Kreuz, sozusagen. Oder das leichte Ende des großen, dessen Stunde durchaus auch eines Tages noch kommen kann.

Weil aber das Kreuz nicht das Ende ist, dürfen wir es an jedem der beiden Enden sogar fröhlich tragen.

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Sanft geweckt

Seit einer Woche habe ich die App Meditation Bells – ein simpler Timer für die Meditation. So erspare ich mir den störenden Blick auf die Uhr (das Smartphone muss man freilich in den Flugmodus versetzen). Am Ende aber erklingt kein nerviges Piepen wie bei einem Wecker, kein Handy-Klingelton, der an die Arbeit erinnern könnte sondern eine Glocke, Klangschale oder ein Gong bringt mich deutlich sanfter wieder zurück.

In der Basisversion ist die App kostenlos.

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Morgen in Essen

Wer im Westen wohnt und morgen noch nichts (oder vielleicht ja auch nichts Besseres…) vorhat, der trifft mich auf dem Bibeltag in Essen, wo es um Abraham, Jesus und eine „Kirche auf Safari“ geht. Um 10.00 Uhr geht’s los im Weigle-Haus.

Hier sind alle nötigen Infos zum Programm und Ort: Bibeltag E Flyer 12

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Erst der Freispruch, dann das Geständnis

Oft wurde und wird das Verhältnis von Vergebung und Umkehr so beschrieben: Unter dem Eindruck des Zornes Gottes und dem Urteil seines Gesetzes bricht der Widerstand des Sünders zusammen, er bereut zerknirscht seine Taten und bekennt sich schuldig. Aufgrund der bedingungslosen Kapitulation spricht ihn Gott frei, beziehungsweise er vergibt ihm, verzichtet also auf die Vollstreckung des gerechten Urteils. Das erinnert von fern an eine belagerte Stadt: Bei kampfloser Übergabe wird das Leben der Bewohner verschont.

Vergebung nach christlichem Muster läuft dagegen genau umgekehrt. Da erreicht uns die Botschaft von Gottes versöhnender Liebe als allererstes. Christus starb für uns, sagt Paulus in Römer 5, als wir noch Feinde waren. Gottes Hingabe ist eine zuvorkommende Hingabe, und sie öffnet den Weg für eine Änderung des Sinnes und Handelns. Nur wenn wir verstanden haben, dass alle Schuld, die zwischen Gott und uns verhandelt wird, immer als schon vergebene Schuld auf den Tisch kommt, können wir uns selbst ehrlich betrachten und werden dann an uns selbst auch Dinge entdecken können, vor denen wir lieber die Augen verschließen würden – und sie tatsächlich auch verschließen, so lange wir Gott als den drohenden Gott betrachten.

Zerknirschung mag dann folgen, aber sie ist nicht mehr der Gradmesser, ob man die Vergebung „verdient“, sondern frei geschenkte Einsicht in die Folgen unsrer falschen Haltungen und Entscheidungen. Gott sagt also vorab: „Egal, was es ist (er weiß es ohnehin besser als ich) – Dir ist vergeben. Und wenn Du das verstanden hast, dann schauen wir beide uns jetzt mal in aller Ruhe und Freundschaft an, was das im einzelnen alles war.“ Nicht der Zorn Gottes, sondern seine Güte bewirken die Umkehr (Römer 2,4).

Theoretisch ist das leicht gesagt. Aber erst wenn wir das existenziell erfahren, kann es uns verändern. Und nur eine Umkehr, der die Vergebung zuvorgekommen ist, wird nachhaltige und gründliche Veränderung bewirken. Umkehr aus Angst führt in die Sackgasse des eingeschränkten Gesichtsfeldes und der Verdrängung.

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Schweigen mit Rilke (2)

Für alle, die es mögen: noch ein inspirierendes Rilke-Zitat, das mich durch die Stille begleitet hat

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen,
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen
du dunkles Netz,
darin sich flüchtend die Gefühle fangen

Das Stundenbuch, 268

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Waldgedanken

Zehn wundersame Tage des Schweigens und der Meditation in Gries liegen hinter mir. Alles begann bei strahlendem Wetter, in dem sogar der Frankenwald, in dessen Sichtweite ich das erste Viertel meines Lebens verbrachte, nicht so düster wirkt wie sonst. Mit dem gut gefüllten Rucksack stieg ich in Steinberg aus dem Bus und legte die letzten zwei steilen Kilometer durch den Wald zu Fuß zurück.

Ein weißhaariger und -bärtiger Waldbesitzer, den ich ein paar Tage später bei einem Spaziergang traf, erzählte mir in seinem gemütlichen Dialekt, die karge Fichtenwüste sei früher ein großer Buchenwald gewesen, bis die Eisenbahn gebaut wurde und die Einheimischen mit Holz für den Gleisbau den großen Reibach machten. Heute rodet und pflanzt dort anscheinend jeder, wie es ihm gerade passt; konstant ist nur, dass immer irgendwo gesägt wird, eine holzwirtschaftliche Dauerbaustelle, die auf Jahrzehnte garantiert keinen Schönheitspreis bekommen wird.

Wenn abends das Sägen beendet ist, beginnt nach kurzer Pause das Schießen. Immer wieder fielen in den zehn Tagen Schüsse in der Nähe des Exerzitienhauses. Entlang der Äcker auf den Bergrücken stehen im Schnitt alle dreihundert Meter Schießstände, aus denen die Jäger alles, was sich bewegt, ins Visier nehmen können. Das toppt die einstige Wachtturmdichte an der nahe gelegenen innerdeutschen Grenze doch sehr deutlich (Spaziergängern wird in dieser Gegend markante Kleidung empfohlen).

Eines Morgens lag dann auch ein verendetes, vermutlich am Vortag angeschossenes Wildschwein mitten auf meiner Joggingstrecke, ein paar Tage später lag noch ein Kadaver in einer Rinne am Abhang und verströmte ein unangenehmes Aroma. Deutlich netter sind die lebenden Tiere, die man dort trifft – abends kommen Feldhasen heraus und sitzen am Wegrand, Rotwild und sogar ein Fuchs kreuzten meinen Weg; und wenn es nirgends sägt und rumpelt, hört man die unterschiedlichsten Vogelstimmen.

Ich war froh, nicht im November dort zu sein. So konnte ich die Blumenwiesen genießen und das kleine Paradies, das um das Exerzitienhaus herum entstanden ist, mit Lupinen und Laufentenküken, Kräutern und Kirschbäumen. Der Leiter der kleinen Hausgemeinschaft, Pater Anton Altnöder, hat Gartenbau studiert, bevor er dem Jesuitenorden beitrat. Und offenbar können in dieser Oase auch Menschen neu aufblühen.

Am ersten Tag geht mir der Begriff „Zeitverschwendung“ durch den Kopf. Wie kann man hier mit voller Absicht tagelang unproduktiv herumsitzen? Oder verhält es sich umgekehrt: Kann man Monate und Jahre verlieren mit Dingen, die einen nicht richtig ausfüllen, an denen man nicht reift und wächst, die mehr Enttäuschung hinterlassen als Zufriedenheit, nur weil man sich nie die Zeit genommen hat, sich den tieferen Fragen des Lebens zu stellen, bevor man loshetzt?

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Pausenzeichen (5)

Die Frage „Was ist das Evangelium?“ habe ich hier immer wieder mal aufgeworfen. Nun haben Walter Faerber und ich uns hingesetzt und ein kleines, aber hoffentlich feines Buch zum Thema geschrieben, das Ende September in der neuen Reihe Einfach Emergent bei Francke erscheint. Der Titel lautet: Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt.

Der Titel sagt schon einiges, aber längst nicht alles, was allgemeinverständlich auf den 80 Seiten im Pocketformat steht. Hier der Klappentext:

Das Evangelium ist die Bewegung, mit der Gott geduldig und auf vielen Umwegen seine Welt zurückgewinnt. Peter Aschoff und Walter Faerber verfolgen diesen Weg von seinen Anfängen in Israel und in den Metropolen des römischen Imperiums bis zur globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Das Ergebnis: keine zeitlose theologische Formel, sondern ein vielfältiger Weg, auf dem das Evangelium immer wieder neu Gestalt annimmt. Gott lässt sich auf die Fülle menschlicher Kulturen und Persönlichkeiten ein und findet seinen Weg auch in Zeiten voller Unsicherheit und Bedrohung. Aus dieser Sicht sind die Krisen christlicher Großorganisationen in der westlichen Welt kein Grund, um die Zukunft der christlichen Bewegung zu fürchten. Sie sind eher Zeichen dafür, dass etwas Neues im Entstehen ist – aus dem Beten und dem Tun des Gerechten unter den Menschen.

Es ist bei amazon ab sofort vorbestellbar.

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