Missionarische Spiritualität – so wird ein Schuh draus

Ich habe letzte Woche die Einleitung des ökumenischen Missionsdokuments Gemeinsam für das Leben betrachtet. Die eigentliche Darstellung setzt ein beim Wirken des Heiligen Geistes: Geist der Mission: Atem des Lebens, heißt die Überschrift. Die Missiologie aus der Pneumatologie zu entwickeln ist ein cooler Move, und der Einstieg hat es auch gleich in sich. In einem kurzen Abriss wird beschrieben, wo und wie der Geist in der Bibel erscheint, und dann gefolgert:

Die Universalität der Wirksamkeit (Ökonomie) des Geistes in der Schöpfung und die Partikularität des Wirksamkeit des Geistes in der Erlösung müssen zusammen als Mission des Geistes für den neuen Himmel und die neue Erde verstanden werden, wenn Gott am Ende „alles in allem“ ist (§15)

In der Pneumatologie gelingt es, die Partikularität der Erlösung in Christus und Universalität – sie gilt der ganzen Schöpfung – zusammenzuhalten, so dass Mission einerseits als das „Hinausgehen“ der Christen in die Welt erscheinen kann, andererseits ist ihnen der Geist Gottes aber auch dorthin schon voraus gegangen. Mission ist daher nicht erst eine Reaktion Gottes auf den Sündenfall, sondern sie wurzelt schon in der Schöpfung:

Mission ist das Überfließen der unendlichen Liebe des dreieinigen Gottes. Gottes Mission beginnt mit dem Schöpfungsakt. Das Leben der Schöpfung und das göttliche Leben sind miteinander verflochten. […] Wir sind daher aufgerufen, eine enge anthropozentrische Sichtweise zu überwinden und uns auf Formen der Mission einzulassen, die unsere versöhnte Beziehung mit allem geschaffenen Leben zum Ausdruck bringen. (§19)

Unmissverständlich daher auch die Absage an eine Eschatologie der Vernichtung und das Bekenntnis zu einer Eschatologie der Vollendung:

Die Menschheit kann nicht allein gerettet werden, während die übrige geschaffene Welt untergeht. (§23)

Es geht also gerade nicht um Seelenrettung plus Weltverschrottung, sondern um ein versöhntes Miteinander der Menschen mit Gott, mit einander und mit der ganzen Natur. Mission ist daher mehr als nur eine (womöglich mühsame und aufreibende) menschliche Aktivität, von der man sich dann dadurch wieder erholen und regenerieren muss, indem man sich von ihr zurückzieht und sich (statt nach „außen“) nun nach innen oder oben kehrt, sondern sie schließt, richtig verstanden, auch die eigene Heilung und Regeneration schon ein:

Wir neigen dazu, Mission als etwas zu verstehen und zu praktizieren, das die Menschen für andere tun. Stattdessen können die Menschen in Gemeinschaft mit der ganzen Schöpfung daran teilhaben, das Werk des Schöpfers zu feiern. In vielerlei Hinsicht hat die Schöpfung selbst eine Mission im Blick auf die Menschheit; so hat die Natur zum Beispiel eine Kraft, die Herz und Leib des Menschen heilen kann. (§22)

Die häufig anzutreffende Diastase von Mission als einer rein nach außen gerichteten Aktivität („ich tue etwas für andere“) und Spiritualität als einer nach innen gerichteten, strikt rezeptiven Angelegenheit zwischen Gott und Seele („ich empfange etwas für mich selbst“ – die beliebte Metapher des „Auftankens“) ist ein großer Gewinn. Indem wir erfahren, dass wir verbunden sind mit allem, was lebt, werden wir in das lebensstiftende und -rettende Wirken des Geistes in der Welt hineingezogen.

Auf die Frage, wo und wie der Geist denn nun im Besonderen und Konkreten wirkt, kommt das Dokument auf die Gabe der Unterscheidung der Geister zu sprechen und stellt fest,

Wir erkennen den Geist Gottes dort, wo Menschen für das Leben in seiner ganzen Fülle und in all seinen Dimensionen eintreten, einschließlich der Befreiung der Unterdrückten, der Heilung und Versöhnung zerbrochener Gemeinschaften und der Wiederherstellung der Schöpfung. Wir erkennen dort böse Geister, wo die Mächte des Todes und der Zerstörung des Lebens vorherrschen. (§24)

Diese Spannung zwischen lebensfördernden und lebensfeindlichen Mächten ist auch ein Grundzug der Botschaft vom Reich Gottes, die Jesus verkündet hat, und sie stellt auch seine Nachfolger mitten in alle möglichen Konfliktsituationen:

Die Kirchen sind aufgerufen, das Werk des in die Welt gesandten und Leben spendenden Geistes zu erkennen und gemeinsam mit dem Heiligen Geist daran zu arbeiten, Gottes Reich der Gerechtigkeit herbeizuführen (Apostelgeschichte 1,6-8). Wenn wir die Gegenwart des Heiligen Geistes erkannt haben, sind wir aufgerufen, uns ihm zu öffnen, und werden dabei erfahren, dass Gottes Geist oft subversiv ist, uns über Grenzen hinauswachsen lässt und uns überrascht. (§25)

Diese Unterscheidung und Würdigung des Guten gilt auch im Blick auf die unterschiedlichen Kulturen, denn in auch in deren Traditionen und Weisheit begegnen wir dem Geist Gottes. Um als Christen erkannt zu werden, geht es also nicht zuerst um eine möglichst saubere kulturelle Abgrenzung, sondern um ein Leben aus dem Geist und mit seinen Früchten in der jeweiligen Kultur. Und auch das ist eine spirituelle Aufgabe, die aus einer „Spiritualität der Verwandlung“ heraus geschehen muss. Dazu heißt es weiter:

Authentisches christliches Zeugnis findet nicht nur in dem statt, was wir in der Mission tun, sondern auch darin, wie wir unsere Mission leben. Die missionarische Kirche kann nur durch eine Spiritualität gestärkt werden, die in der trinitarischen Gemeinschaft der Liebe verwurzelt ist. Spiritualität verleiht unserem Leben seine tiefste Bedeutung. Auf unserem Weg des Lebens treibt sie uns an, motiviert und aktiviert uns. Sie ist Energie für ein Leben in Fülle und fordert Engagement im Widerstand gegen alle Kräfte, Mächte und Systeme, die Leben verweigern, zerstören und einschränken.

Missionarische Spiritualität ist immer verwandelnd. Sie leistet Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Werte und Systeme, wo immer sie in unserer Wirtschaft, unserer Politik und selbst in unseren Kirchen am Werk sind, und versucht, diese zu verwandeln. (§29.30)

Spiritualität wird so verstanden, dass sie nicht etwa der Gegensatz zum Engagement ist, sondern dessen Wurzel und Tiefendimension, daher ist auch keine Spiritualität mehr denkbar, die im Blick auf gefährdetes und beschädigtes Leben gleichgültig bleiben kann. Und mit diesem Gedanken geht es in die Auseinandersetzung mit dem „Mammon“, dem Kapitalismus, den ja auch Papst Franziskus jüngst scharf attackiert hat. Hier findet also gerade ein ökumenisch-ökonomischer Schulterschluss statt:

Die Politik des grenzenlosen Wachstums durch die Herrschaft des globalen freien Marktes ist eine Ideologie, die von sich behauptet, dass es zu ihr keine Alternative gibt, und die den Armen und der Natur eine unendliche Folge von Opfern abverlangt. Sie „verspricht fälschlicherweise, die Welt durch die Schaffung von Reichtum und Wohlstand retten zu können. Sie tritt mit dem Anspruch auf, alle Lebenssphären beherrschen zu wollen, und verlangt absolute Gefolgschaft, was einem Götzendienst gleichkommt“.

Es ist ein globales vom Mammon bestimmtes System, das durch endlose Ausbeutung allein das grenzenlose Wachstum des Reichtums der Reichen und Mächtigen schützt. Dieser Turmbau der Habgier bedroht mittlerweile den gesamten Öko-Haushalt Gottes. Das Reich Gottes steht der Herrschaft des Mammons diametral entgegen. (§31)

So sehr das Papier die verbindende Wirkung des Geistes betont hat, hier wird in aller Deutlichkeit ein Gegensatz benannt, der uns vor eine Entscheidung stellt. Der Kapitalismus ist nicht nur eines von vielen möglichen, geistlich weitgehend neutralen Wirtschaftssystemen, sondern eine Ideologie und Form der Spiritualität, die Leben vernichtet und die Welt spaltet in Besitzende und Mächtige auf der einen, Arme und Ohnmächtige auf der anderen Seite. Hier gilt es, sich zu den Armen zu stellen und dem Geist zu vertrauen, dass er auch ganz überraschend wirkt.

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Nochmal: die Kommentare

Im Sommer habe ich aus verschiedenen Gründen die Kommentarfunktion verändert. Seither ist es nötig, sich zu registrieren, um kommentieren zu können. Manche anonymen Kommentare haben die Diskussion mehr gestört als bereichert, andere haben zwar ihren Namen angegeben, aber dann versucht, sich mit ihren eigenen, oft gewöhnungsbedüftigen Themen und Fragestellungen hier auf Kosten aller anderen breit zu machen. Ich hoffe mal, die bloggen jetzt selbst irgendwo für die Leute, die das interessant finden.

Jede Anmeldung muss zudem erst bestätigt werden (ich habe in dieser Zeit ca. 1.800 Spam-Anmeldungen mit irgendwelchen hotmail- und anderen obskuren Adressen bekommen). Leider hatten und haben etliche treue und geschätzte Gesprächspartner seither Probleme, ihre Kommentare zu posten. In einigen Fällen habe ich einen neuen Benutzer angelegt und dann lief wieder alles rund. Die einzelnen Kommentare gehen jetzt nochmal durch eine Moderationsschleife, aber die werde ich hoffentlich bald wieder abschalten können.

Wer also immer noch Probleme hat, sich anzumelden oder zu kommentieren, melde sich bitte kurz, dann regeln wir das umgehend. An alle anderen – danke für Eure bereichernden Gedanken und auf viele anregende Diskussionen in der Zukunft!

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Rechte Tasche, linke Tasche: Soteriologische Nullsummenspiele?

Ich habe kürzlich ein paar Gedanken zur sprachlichen und bildlichen Verarmung christlicher Erlösungslehre durch die ungesunde Reduktion der metaphorischen Vielfalt auf die Theorie eines stellvertretenden Strafleidens des Messias geschrieben.

Man kann die Problematik wunderschön zeigen, wenn man Texte vergleicht, zum Beispiel den Christus-Hymnus aus Phil 2,5ff und dessen Umsetzung in Rick Founds’ bekanntem „Lord I lift your name on high“. Im vorpaulinischen Hymnus ist weder von Sühne noch von Tilgung irgendeiner Schuld die Rede, sondern von der Selbstentäußerung Christi und seinem aktiven Gehorsam, auf den Gott mit der Auferweckung und Erhöhung antwortet. Bei Fonds wird daraus

You came from heaven to earth to show the way

from the earth to the cross my debt to pay

from the cross to the grave from the grave to the sky, Lord I lift Your name on high

Während es für die frühen Christen durchaus möglich ist, den Weg Christi zu beschreiben, ohne auf derartige Theologoumena zurückzugreifen, füllt Founds, der das eigenständige soteriologische Motiv offenbar nicht also solches erkennt, die gefühlte Lücke mit dem reichlich abgeschmackten Hinweis auf eine noch zu begleichende Rechnung. Derartige Übermalungen sind in vielen geistlichen Liedern aus den letzten beiden Jahrhunderten leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sie sind ein deutliches Symptom für den Verlust, der hier stattgefunden hat.

Da heute kaum noch jemand die Logik der Satisfaktion versteht, ist das längst zum Standardmodell unter den Erlösungstheorien avanciert. Dabei liegt die Problematik der ökonomischen Vorstellung von bezahlter Schuld offen zu Tage, wie diese Frage von LeRon Shults zeigt:

Wenn eine rechtliche oder finanzielle Schuld erlassen wird, dann muss sie nicht beglichen werden. Wenn Gott (oder Gott, der Sohn) die Schuld tatsächlich bezahlt hat (volle Genugtuung geleistet hat), dann braucht Gott nicht mehr zu vergeben. Wenn eine Zahlung geleistet wurde, sollten wir nicht besser von “Ausgleich” reden als von Vergebung?

Wenn Gott von den Menschen eine Zahlung fordert, die diese nicht leisten können, und sie dann am Ende selbst bezahlt, dann ist das in der zugrundeliegenden Logik der Ökonomie ein Spiel mit der linken und rechten Tasche, das man sich auch gleich schenken könnte. Entweder ist die Ausgleichszahlung eine Luftbuchung, weil Geber und Empfänger identisch sind, oder man kann fortan nicht mehr von Vergebung reden – freilich will auf diesen Begriff dann doch niemand, den ich kenne, wirklich verzichten. Wenn mein Sohn mir 50 Euro schuldet, kann ich das Geld zurückfordern oder auf die Forderung verzichten (das wäre Vergebung). Aber wenn meine Frau sie mir ersetzt, habe ich sie meinem Sohn nicht erlassen. Wenn nun meine Frau das Geld von unserem gemeinsamen Konto nimmt, dann wird das Ganze noch etwas verzwickter, ohne dass ich jedoch selbst den Großmut dessen aufbringe, der verzeiht. Dann ist sie an meiner Stelle großzügig und ich bin noch genauso kleinlich oder stur wie immer.

Das Bild vom bezahlten Preis hat zudem – wie auch das vom Sühnopfer – den Nachteil, dass man bestens das Kreuz ohne Auferstehung predigen kann, und so klappert das Osterevangelium allzu oft ganz merkwürdig nach; zumindest für die Soteriologie scheint es ohne Bedeutung zu sein, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Auch das zeigt sich in Founds’ Adaption des Philippertextes, der Menschwerdung und Kreuzigung noch interpretieren kann, und dann etwas hastig mit dem zeitlichen Nacheinander von Grab und Himmel schließt, ohne dem noch irgendeinen inneren Zusammenhang abzugewinnen.

Ohne solche „Verbesserungen“ hingegen ist bei Paulus der Zusammenhang zwischen Tod und Auferweckung, Erniedrigung und Erhöhung wunderschön zu sehen, und nicht nur das, er wird auch sofort zum Grundmuster für das Verhalten der Christen erklärt. Auch diese ethische Dimension fehlt in der Bezahllogik, die die Erlösten bestenfalls zum Dank verpflichtet, aber eben nicht zur Imitatio Christi.

Derzeit wird an vielen Punkten sehr deutlich, dass Ökonomie zu einem großen Teil auch Psychologie ist. Zu fragen wäre also an dieser Stelle, ob das ökonomische Erlösungsmodell der Schuldentilgung nicht eigentlich ein psychologisches Erlösungsmodell ist. Die Absurdität, dass ein unendlich reicher Gott gegenüber uns armen Sündern hier womöglich mit linker und rechter Tasche trickst, wäre dann zweitrangig, in Wirklichkeit ginge es darum, dass er darin seine Zuneigung und sein Interesse an uns zeigt. Ich vermute, im schlichten Glauben vieler, die mit solchen Formulierungen wie denen von Founds großgeworden sind, funktioniert das im Grunde genau so.

Theologisch betrachtet hieße das, dass Abaelard sich durch die Hintertür gegen Anselm durchgesetzt hätte…

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Der Ruf nach dem Stacheldraht

In meinem Stadtteil sollen in Kürze Flüchtlinge eintreffen, die in einem leerstehenden Containerkomplex untergebracht werden. Während sich viele Menschen in der Stadt Gedanken machen, wie man sich gemeinsam um die Neuankömmlinge kümmern kann und was sie in ihrer (alles andere als komfortablen) Wohnsituation brauchen, nachdem sie ihre Heimat verloren haben, macht mindestens ein Anonymer richtig übel Stimmung in einer Sprache, die vor pauschalen Diskriminierungen nur so trieft und Hass auch gegen die verbreitet, die auf die Flüchtlinge zugehen wollen.

Tragisch ist, dass die Denkstrukturen von Angstmache und Ausgrenzung längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind, selbst wenn man diese Gedanken dort zurückhaltender formuliert. Der Europawahlkampf steht vor der Tür, und man kann in Deutschland beim Thema Zuwanderung – ob das nun Flüchtlinge sind oder Menschen aus anderen EU-Staaten – nur mit Härte punkten, indem man also die Fremden generell zum Problem erklärt, vor dem die Mehrheitsgesellschaft geschützt werden müsse.

Beim Abendessen diese Woche kommentierte mein Sohn das alles mit dem Hinweis, Jesus sei ja auch ein Flüchtling gewesen. Passt nicht nur ins Kirchenjahr, sondern in unsere Zeit überhaupt. Der Flugblattautor übrigens rief Gleichgesinnte zum Kirchenaustritt auf. Diesen Zusammenhang hat er dann doch ganz richtig verstanden.

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Soteriologisches Fasten: Gedanken zum Sühnestreit

Presbytery Mosaic: SacrificeIn einem Gespräch zum aktuellen Thema Missionsverständnis kamen mein Gesprächspartner und ich kürzlich auf die Diskussion um das Sühnemotiv in der Verkündigung zu sprechen. Da scheinen sich an manchen Stelle die Fronten unglücklich zu verhärten.

Mein Eindruck ist der: An manchen Orten war über Generationen, wenn nicht über Jahrhunderte, die Sühne, der Opfertod, die Satisfaktion oder das stellvertretende Strafleiden Christi die einzige gängige Metapher für das Geschehen am Kreuz und die Versöhnung von Gott und Menschheit.

Weil heute vieles, was daran früher vielleicht noch selbstverständlich und unmittelbar einleuchtend war, nicht mehr ohne weiteres plausibel ist, und weil die soteriologische Monokultur bei anderen verständlicherweise zu heftigen Allergien geführt hat, ist die klassische Sühnetheorie heute zum Teil heftiger Kritik ausgesetzt. Zumal sie in vielen Ausprägungen ein problematisches, weil beispielsweise gewalttätiges Gottesbild transportiert hat.

Weil die Christen, für die die alten Selbstverständlichkeiten noch bestehen, bisher keinen Anlass hatten, intensiv über alternative Metaphern und Erklärungsmuster nachzudenken, missverstehen sie die Kritik an der gewählten Metapher (Opfer, Sühne, Satisfaktion…) als Forderung nach der Auflösung der Erlösungslehre überhaupt (was sie in den seltensten Fällen ist) und die Forderung nach einer anderen Sprache als Zwang und Verbot des Vertrauten und Gewohnten (hier wird dann leider oft die übliche Political-Correctness-Polemik abgefahren: „… wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ – und Kritik mit Zensur verwechselt).

Freilich „darf“ man in den traditionellen Begrifflichkeiten über den Tod Christi und die Erlösung der Welt sprechen. Wer es verantwortlich tun will, sollte sich allerdings der Probleme und Grenzen der damit verbundenen Vorstellungskreise bewusst sein. Mein Gesprächspartner sprach beispielsweise eher beiläufig davon, dass „Gott seinen Sohn opfert“. Interessanterweise findet sich im Neuen Testament diese Aussage so gerade nicht; da ist bestenfalls die Rede davon, dass Christus sich selbst opfert (z.B. in Eph 5,2, Hebr. 5,3). Hier zeigt sich schon, dass sich unsere binnenchristliche Umgangssprache, ohne dass es uns noch auffällt, im Vergleich zu den biblischen Aussagen schon verselbständigt hat (und wenn es in Joh 3,16 heißt, dass Gott seinen Sohn gab, dann ist da nicht von Opfer die Rede und vermutlich nicht einmal von Kreuz und Leiden allein, sondern von der gesamten Sendung des Sohnes, wie der folgende Vers zeigt).

Wenn es also innerhalb gewisser Parameter legitim ist, so zu reden, dann bleibt für alle, denen diese Begriffe ans Herz gewachsen sind, noch das Problem, dass sie damit für viele Adressaten ihrer Verkündigung eine konzeptionelle und möglicherweise auch emotionale Hürde errichten. Es wäre also nicht falsch, aber eben auch nicht in jedem Fall zielführend, weil es der Kultur und Vorstellungswelt der Menschen nicht entspricht, die es hören, und weil es selbst bei denen, die es einleuchtend und plausibel finden, zu problematischen Folgen kommt (etwa, was die Verbindung von Gott und Gewalt oder das Verhältnis von Gottes Liebe und strafender „Gerechtigkeit“ betrifft). Mein Vorschlag, um dieser Verlegenheit zu entgehen, sieht nun so aus:

Wenn wir uns einig werden darin, dass das Sühneopfer nicht die einzige „biblische“ und theologisch angemessene Metapher ist – das gesteht der eine oder andere ja durchaus ein – warum verzichten wir nicht freiwillig auf ihren Gebrauch, und zwar so lange, bis uns andere Bilder, Erzählweisen und Formulierungen genauso locker und unkompliziert über die Lippen kommen oder aus der Feder fließen? Dieses soteriologische Fasten könnte statt zu einem verflachten Verstehen von Kreuz und Auferstehung zu einer Vertiefung der theologischen Einsicht und einer Erweiterung unserer Sprachfähigkeit führen. Das wäre deutlich mehr, als man bei einer bloßen Verteidigung der herkömmlichen Redeweisen gewinnen würde.

Oder, um es mal ganz schlicht und fromm zu formulieren: Jesus hat es verdient, dass wir so frisch, einfallsreich, sensibel und klug wie möglich über das reden, was er für diese Welt bewirkt hat und noch wirkt. Darüber lohnt sich jeder Streit.

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Aktive Hoffnung (5): Gemeinschaft, die Kreise zieht

Eine der großen Schattenseiten unserer Zivilisation ist die Einsamkeit und Isolation, die schlimmstenfalls solche Tragödien wie die jüngst in London entdeckte hervorbringen, aber auch viel alltäglicheres seelisches Leid. Wir können erstaunlich lange andere ignorieren und selbst möglichst unbehelligt in unserer jeweiligen Blase bleiben – solange wir keine akute Not erleben. Dieser Rückzug ins Private und auf den eigenen Nutzen schadet jedoch dem Gemeinwesen, was den Rückzug derer, sie ihn sich leisten können, wiederum forciert.

Und so sind es oft Naturkatastrophen, die Menschen zusammenbringen und über allem materiellen Verlust soziales Kapital in Form eines funktionierenden und lebendigen Gemeinwesens hervorbringen. Macy und Johnstone zitieren eine Katastrophenhelferin aus Kanada, die beschrieb, wie die Solidarität mit Tornado-Opfern sich ausgesprochen belebend auch auf die Helfer auswirkte. Es wuchs das Bewusstsein, dass niemand sein Glück allein sich selbst verdankt und dass umgekehrt niemand mit seinem ebenso „unverdienten“ Unglück allein bleiben darf. Freilich ist das kein Automatismus, gerade eine diffuse Wahrnehmung von Gefahr führt oft zum Gegenteil: Misstrauen und Sündenbock-Strategien.

Die gegenseitige Anteilnahme am Leid und der Trauer anderer ist eng verwandt mit dem Bewusstsein, dass wir alle gemeinsam vielfältigen Gefahren ausgesetzt sind. Macy verweist auf die buddhistische Geschichte der Shambhala-Krieger, deren „Waffen“ Einsicht und Mitgefühl sind, und für die der Konflikt zwischen Gut und Böse im Inneren eines jeden Menschen ausgetragen wird. Auch hier lässt sich eine gedankliche Nähe zu ähnlich gelagerten christlichen Vorstellungen (z.B. Epheser 6) erkennen.

Diese Gemeinschaftsbildung geschieht in vier sich erweiternden Sphären:

  1. Die überschaubare Gruppe, in der ich mich heimisch fühle. Hier gebrauchen die Autoren einen schöne Formulierung, wenn sie von Gruppen schreiben, die die einzelnen darin unterstützen, in der Welt ihren bestmöglichen Beitrag zu leisten. In solchen Gruppen kann die andere Story, in der die einzelnen leben wollen, ausgesprochen, gehört und praktiziert werden. Von da aus kann und muss die Bewegung weitergehen in
  2. unser gesellschaftliches Umfeld. Dort können aus kleinen Anfängen Initiativen, Netzwerke und Bewegungen entstehen wie Sarvodaya Shramadana in Sri Lanka oder das Transition Movement. Aber auch da bleibt es nicht stehen, schließlich betreffen viele Krisen
  3. die Menschheit insgesamt, als globale Erscheinung. Letztlich kann sich niemand völlig vom anderen abschotten. Daher ist es wichtig, statt des materiellen Reichtums einzelner Individuen den sozialen Reichtum einer Gemeinschaft zu entdecken, in der jeder willkommen ist.
  4. Im letzten dieser konzentrischen Kreise treffen wir auf die Erde als die Gemeinschaft allen Lebens, und auch hier geht es zunächst darum, dass wir uns bewusst machen, wie wir mit der uns umgebenden Schöpfung schon immer in einer wechselseitigen Beziehung des Gebens und Nehmens stehen, die viele Menschen freilich sehr einseitig interpretieren.

Sind diese Gedanken theologisch anschlussfähig? Mit dem Heiligen Franziskus können wir Christen hier von Mutter Erde, Bruder Mond und Schwester Sonne sprechen. Und vorgestern habe ich in „Gemeinsam für das Leben“ diesen Satz gelesen: „In vielerlei Hinsicht hat die Schöpfung selbst eine Mission im Blick auf die Menschheit; so hat die Natur zum Beispiel eine Kraft, die Herz und Leib des Menschen heilen kann.“

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Gemeinsam für das Leben: ein befreiendes Verständnis von Mission

Die Kommission für Mission und Evangelisation des Weltkirchenrates hat im vergangenen Jahr ein Papier erarbeitet, das einen breiten Konsens in dieser Frage widerspiegelt und zeigt, wie viel sich gerade in der Missionstheologie und -praxis getan hat. Der Titel lautet Together Towards Life: Mission and Evangelism in Changing Landscapes oder Gemeinsam für das Leben: Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten.

Dieses Missionsverständnis könnte, wenn sich alle darauf einließen, den Konflikt zwischen den „Frommen“ und den „Politischen“ beilegen, wie Landesbischof Bedford-Strohm in seinem Facebook-Feed vom 4.11. schrieb. Noch sind dazu nicht alle bereit: Für Rolf Hille, den Direktor für ökumenische Angelegenheiten der Weltweiten Evangelischen Allianz, ist das Papier eine glatte „Katastrophe“, wie idea jüngst berichtete. Dagegen stellte Thomas Schirrmacher, der Vorsitzende der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, das Papier in Busan mit vor und äußerte sich positiv zu dem Gesprächsprozess zwischen Evangelikalen und Ökumenikern.

Während also in der WEA – die hat sich inzwischen in einem offenen Brief von Hilles Aussagen distanziert und sie als dessen Privatmeinung bezeichnet – noch um eine gemeinsame Position gerungen wird, kann sich jeder selbst ein Bild vom aktuellen Missionsverständnis machen, zumal in der Zwischenzeit ja auch in der katholischen Kirche durch das Dokument Evangelium Gaudii deutliche Akzentverschiebungen stattgefunden haben. Entstehen durch solche Paradigmenwechsel nun neue Gemeinsamkeiten?

Die Erklärung des ÖRK (ich verwende im weiteren das Kürzel TTL) beschreibt Mission so:

Der dreieinige Gott lädt uns zur Teilnahme an seiner Leben spendenden Mission ein und schenkt uns die Kraft, Zeugnis von der Vision eines Lebens in Fülle für alle angesichts des neuen Himmels und der neuen Erde abzulegen. (aus TTL 1)

Mission ist die Bewegung der sich trinitarisch entfaltenden Liebe Gottes durch die Welt und ihre Geschichte:

Mission beginnt im Herzen des dreieinigen Gottes. Die Liebe, die die Personen der heiligen Dreieinigkeit zusammenhält, durchströmt die gesamte Menschheit und Schöpfung. Der missionarische Gott, der den Sohn in die Welt sandte, beruft das ganze Volk Gottes (Johannes 20,21) und gibt ihm die Kraft, eine Gemeinschaft der Hoffnung zu sein. Die Kirche erhält den Auftrag, das Leben zu feiern und in der Kraft des Heiligen Geistes Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Kräfte zu leisten und sie zu verwandeln. (aus TTL 2)

Mission ist ohne Spiritualität undenkbar, und Spiritualität bedeutet immer Umgestaltung, Veränderung und Erneuerung. Insofern geht es bei Mission immer schon um eine umfassende Transformation des einzelnen, der Kirche und der Welt:

Leben im Heiligen Geist ist das Wesen der Mission, der eigentliche Grund, warum wir tun, was wir tun, und wie wir unser Leben leben. Diese Spiritualität verleiht unserem Leben eine tiefe Bedeutung und treibt uns zum Handeln an. Sie ist eine heilige Gabe des Schöpfers, die Energie, die uns Kraft gibt, für das Leben einzutreten und es zu schützen. Missionarische Spiritualität hat eine dynamische Transformationskraft, die durch das geistliche Engagement von Menschen in der Lage ist, die Welt durch die Gnade Gottes zu verwandeln (TTL 3).

Das Evangelium und mit ihm die Sendung Christi gilt nicht nur dem individuellen Sünder, der vor dem Gericht Gottes gerettet werden muss, sondern der ganzen Schöpfung, die vor Tod und Zerstörung gerettet werden soll. Hier wittert Hille den Verrat an der lutherischen Gnaden- und Rechtfertigungslehre – aber war die vielleicht eine kontextuell bedingte Engführung des Spätmittelalters, die manche inzwischen lebenswichtig gewordenen Aspekte der biblischen Botschaft ausblendete? Hier jedenfalls geht es um mehr als das sprichwörtliche „Seelenheil“:

Gott sandte den Sohn, um nicht nur die Menschheit zu erlösen oder eine partielle Erlösung zu bringen. Das Evangelium ist vielmehr eine gute Nachricht für jeden Teil der Schöpfung und jeden Aspekt unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Es ist daher entscheidend, Gottes Mission in einem kosmischen Sinne zu verstehen und zu bekräftigen, dass alles Leben, die ganze oikoumene, in Gottes Netzwerk des Lebens miteinander verbunden ist. (TTL 4)

Es folgen Gedanken zur Verlagerung des Schwerpunkts der Weltchristenheit in den globalen Süden und der stärker pfingstlich/charismatischen Prägung dort. Die Richtung der Mission kehrt sich um, aber nicht nur geographisch, sondern auch sozial – Mission von den Rändern hin zum Zentrum. Und dann folgt ein kämpferischer, theopolitischer Satz: Mit den Armen zusammen geht es darum, „den Geist des Marktes zu besiegen“ (vgl. TTL 5-7). Bei allem Engagement führt das aber nicht zu einem verbissenen Missionsansatz:

Evangelisation bedeutet, unseren Glauben und unsere Überzeugungen mit anderen Menschen vertrauensvoll, aber in Demut zu teilen. (TTL 8)

Die Kirche ist eine Gabe Gottes an die Welt, um die Welt zu verwandeln und dem Reich Gottes näherzubringen. Ihre Mission ist es, neues Leben zu bringen und die Gegenwart des Gottes der Liebe in unserer Welt zu verkünden. … Die Kirche als Gemeinschaft der Jünger Christi muss eine inklusive Gemeinschaft werden; ihr Daseinszweck ist es, der Welt Heilung und Versöhnung zu bringen. (TTL 10)

So weit der einführende Teil des Papiers. Mir scheint: Jede Menge missionale Theologie ist hier eingeflossen. Nun bin ich gespannt auf die Einzelheiten. Mission wird im Folgenden unter vier Überschriften konkretisiert:

  1. Geist der Mission: Atem des Lebens
  2. Geist der Befreiung: Mission von den Rändern her
  3. Geist der Gemeinschaft: Kirche unterwegs
  4. Geist von Pfingsten: Gute Nachricht für alle.

Reichlich Stoff für weitere Blogposts also.

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Weisheit der Woche: Wohlfühl-Spiritualität und die missio dei

Unsere Teilnahme an Gottes Mission, unsere Existenz im Schoß der Schöpfung und unser Leben aus dem Geist müssen miteinander verwoben werden, denn sie verändern sich gegenseitig. Wir sollten nicht das eine ohne das andere anstreben. Sonst verfallen wir in eine individualistische Spiritualität, die uns zu dem falschen Glauben verführt, dass wir zu Gott gehören können, ohne zu unserem Nachbarn zu gehören, und zu einer Spiritualität, durch die wir uns einfach wohlfühlen, während andere Teile der Schöpfung leiden und sich in Sehnsucht nach Heil verzehren.

… In vielerlei Hinsicht hat die Schöpfung selbst eine Mission im Blick auf die Menschheit; so hat die Natur zum Beispiel eine Kraft, die Herz und Leib des Menschen heilen kann.

aus: Gemeinsam für das Leben: Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten (§ 21.22)

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Die Zukunft im Rückspiegel

Im Frühjahr findet auf dem Schwanberg ein Symposium über keltisches Christentum statt, auf das ich mich schon sehr freue. Gleich morgen werde ich auf dem Emergent Forum 2013 in Berlin einen Workshop dazu anbieten. Und ich bin inzwischen darüber, meinen acht Jahre alten Text aus „Licht der Sonne, Glas des Feuers“ gründlich zu überarbeiten. Gleich auf den ersten Seiten merke ich, wie viel ich von dem, was ich damals geschrieben habe, heute ganz anders sage.

Mein Interesse ist kein Romantisches, es geht nicht um die Verklärung einer heilen Welt oder die Reminiszenz an ein goldenes Zeitalter. Es reicht mir nicht, die beispiellose missionarische Erfolgsgeschichte zu erzählen und mich an den Heldentaten ihrer Großen moralisch und geistlich aufzurichten. Meine verarmte Vorstellungskraft mit blumigen Segenssprüchen aufzupeppen, ist nett, aber bei weitem nicht genug.

Für mich ist die Geschichte der keltischen Kirche ein Spiegel, in dem wir unsere heutige Situation betrachten können und all die Fragen die sie an uns stellt. Sie ist ein sprechender Spiegel, weil diese zeitlich und kulturell fernen Gesprächspartner Erfahrungen und Einstellungen mitbringen, die das heutige Bild verändern können. Ich will das an ein paar Punkten verdeutlichen:

1. Öko-Spiritualität: Die Moderne – unglücklicherweise auch das moderne Christentum – hat uns mit ihrer materialistischen Objektivierung und Ausbeutung der Natur in eine gewaltige Krise gestürzt. Die vielen Facetten wie Klimawandel, Artensterben, Niederbrennen der Regenwälder, Überfischung und Aufheizung der Weltmeere hier alle aufzuzählen, würde zu weit führen. Wenn sich daran noch etwas ändern soll, dann reichen Schadensstatistiken und Horrorszenarien nicht aus, sondern wir brauchen einen neuen inneren, emotionalen und spirituellen Zugang zu diesen Dingen, um eine neue Nachhaltigkeit leben zu können. Neben Einzelpersonen wie Franz von Assisi oder Hildegard von Bingen sind es vor allem die keltischen Christen, die uns hier weiterhelfen können.

2. Politische Nachfolge: Während in der lateinischen Kirche des Mittelalters Papst und Kaiser vielfach um die Weltherrschaft stritten und einer den anderen unterwerfen wollte, haben die Äbte und Bischöfe der Kelten es verstanden, den Kontakt zu den Machthabern zu halten, ihnen notfalls mächtig ins Gewissen zu reden, aber zugleich ihre Distanz und Unabhängigkeit zu wahren. Mit der Abschaffung der Sklaverei und dem Schutzrecht für die „Unschuldigen“ haben sie elementare Menschenrechte viele Jahrhunderte vor deren Formulierung durch die UN durchgesetzt.

3. Gemeinde als Gegenkultur: Die großen Kirchen genießen in Deutschland vielfältige Privilegien aus der Ära des Staatskirchentums. Entsprechend angepasst sind sie in vieler Hinsicht an den gesellschaftlichen Mainstream, und wie alle Etablierten schrecken sie, gelähmt von Verlustängsten, vor jeglicher Radikalität zurück, die einen Bruch mit dem kulturellen Mainstream bedeuten könnte. Haushalts- und Stellenpläne werden leidenschaftlicher und ausführlicher diskutiert als die Frage, was die Minderheitenkirche von morgen wohl stark macht. Freikirchen haben hier Vorteile, leiden jedoch oft unter ihrer undurchlässigen Subkultur. Freilich gibt es in beiden Lagern, bei den Etablierten wie den Imprägnierten, auch positive Ausnahmen; aber die sind eben genau das: Ausnahmen. Wie man als Minderheit angstfrei in einer andersgläubigen Umgebung leben kann und sich für das Gemeinwohl einsetzt, auch das haben uns die Kelten vorgemacht. Sie schöpften dabei aus der Spiritualität der Wüstenväter, die schon 150 Jahre früher ein asketisches Gegenmodell zur antiken Großkirche etabliert hatten.

4. Vielgestaltige Kirche: Unsere sesshaften Gemeinden und Verbände belohnen Kreativität und Querdenkertum in den seltensten Fällen. Wie viele andere Institutionen fördern und belohnen sie eher Anpassung, Mittelmaß und eine Kultur der Risikovermeidung. Pioniertypen, die die Welt auf den Kopf stellen möchten oder von einer „Verbuntung“ (P. Zulehner) der Kirche träumen, werden oft passiv ausgebremst und administrativ kaltgestellt. Prophetische Gestalten überleben nur in besonderen Nischen und Biotopen, die ihnen die Funktionäre lassen. Ganz anders St. Patrick & Co: In der neuen, rauen Umgebung der keltischen Kultur bildete das Christentum, das aus dem römischen Reich kam und sich dort zur Staatsreligion aufgeschwungen hatte und dessen Priester im Gottesdienst die Kleidung der kaiserlichen Beamten trugen, ganz andere kirchliche Strukturen aus. Und vor allem brachte es große Kämpfer- und Abenteurernaturen hervor.

5. Nichtkoloniale, gewaltfreie und kontextuelle Mission: Die Transformation einer ganzen Kultur durch das Evangelium, die an der Wende von der Spätantike zum Frühmittelalter durch die Verkündigung, Klostergründungen, Bildungsangebote und die gesellschaftliche Einmischung der keltischen Christen in ihrer Heimat und darüber hinaus stattfand, hat so gar nichts mit den Formen von Mission zu tun, für die sich die Kirchen heute entschuldigen und schämen – oft zu Recht, hin und wieder aber auch zu Unrecht. Sie ist das Gegenstück zu Karl dem Großen, der die Sachsen vor die Wahl stellte, sich taufen oder umbringen zu lassen, zu den Kreuzzügen und der Inquisition, zu den spanischen Conquistadores im sechzehnten Jahrhundert oder zu der kolonialen Verkirchlichung fremder Völker, die aus einer Position materieller, technischer und militärischer Überlegenheit heraus unternommen wurde und die ihre Adressaten herablassend bewertete. Auf all diese „Argumente“ verzichteten die keltischen Christen. Der nachhaltige Segen, den sie gebracht haben, gibt ihnen Recht.

Ich breche hier einfach mal ab. Es geht nicht darum, wie heil und schön damals alles war. Es geht darum, was bei uns heil werden könnte, wenn wir uns auf eine echte Begegnung und einen kirchengeschichtlichen Dialog einlassen. Darstellende Kunst, Dichtung, Erzählkunst und Musik kommen dann noch bereichernd hinzu. Meinetwegen diskutieren wir diese Fragen auch anhand anderer Beispielen. Ich habe nur noch keine besseren gefunden.
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Himmel und Highlands

Für den gerade beginnenden Winter muss man das Jahr über Farben sammeln. In Schottland habe ich diesen Sommer so viele davon gefunden, dass sie fürs ganz Jahr reichen, und wer möchte, kann sie für sich oder als Weihnachtsgeschenk für Schottland-Begeisterte im Freundes- und Bekanntenkreis bei Calvendo bzw. über Amazon erstehen. Dort findet Ihr auch eine Vorschau der Fotos.

Das Format bis zu A2 kann man selbst wählen. Ich werde dabei garantiert nicht reich, aber wenn Euch der Kalender gefällt, sagt es weiter oder schreibt gern auch eine Rezension.

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Blitzableiter-Mission

Christian Morgenstern hat sich – wie über vieles Andere auch – über manche Eigenarten religiösen Redens lustig gemacht, zum Beispiel in dem Gedicht vom Heiligen Pardauz:

Im Inselwald ›Zum stillen Kauz‹,

da lebt der heilige Pardauz.

Du schweigst? Ist dir der Mund verklebt?

Du zweifelst, ob er wirklich lebt?

So sag ichs dir denn ungefragt:

Er lebt, auch wenn dirs mißbehagt.

Er lebt im Wald ›Zum stillen Kauz‹,

und schon sein Vater hieß Pardauz.

Dort betet er für dich, mein Kind,

weil du und andre Sünder sind.

Du weißt nicht, was du ihm verdankst, –

doch daß du nicht schon längst ertrankst,

verbranntest oder und so weiter –

das dankst du diesem Blitzableiter

der teuflischen Gewitter. Ach,

die Welt ist rund, der Mensch ist schwach.

Der Name „Pardauz“ fällt sofort auf, er gehört zu den aussterbenden Begriffen (heute hieß der vermutlich „boing!“), allerdings war er das zu Morgensterns († 31.3.1914) Zeiten sicher nicht. Aber wer das Wort noch versteht, denkt unwillkürlich an jemand, der durch die Gegend stolpert oder irgendwie linkisch agiert. Und so passt das Linkische und „Kauzige“ zur implizierten vormodernen Weltferne, die in der Kombination von Insel und Wald besteht. Ein verschrobener Einsiedler also.

Es folgt die Auseinandersetzung des Gläubigen mit dem Zweifler. Welche Rolle spielt es denn für den Bewohner der modernen Großstadt, was der Heilige in seinem Hain tut und lässt? Der säkulare Adressat dieser Worte schweigt vermutlich nicht deshalb, weil er zweifelt, sondern weil er das Ganze verständlicherweise für vollständig irrelevant hält, worauf der Gläubige seine missionarische Botschaft mit einem trotzigen „so sag ichs dir denn ungefragt“ intoniert und die Ablehnung seines Gegenübers schon vorwegnimmt („auch wenn dirs missbehagt“).

Solche Töne begleiten die Affirmation des Glaubens: „Er lebt – es gibt ihn wirklich. Er lebt am angegebenen Ort, und das hat auch eine Vorgeschichte, die durch die Gleichnamigkeit mit dem Vater aber ins Zeitlose aufgelöst wird. Und dann wird die Not-Wendigkeit seiner Existenz aus der Warte des Wissenden herablassend („mein Kind“) erläutert: Der Mensch hat als „Sünder“, der er ist (etwa weil er zweifelt?), vom Leben im Grunde nur Böses zu erwarten – darauf deutet die für schaurige Ergänzungen offene Liste der „teuflischen Gewitter“. Allerdings steht der Missionar vor der schwierigen Aufgabe,einem eigentlich recht zufriedenen Sünder dessen gefährliche Lage dringlich bewusst zu machen.

Dabei überfällt ihn, noch während er redet, die fromme Melancholie. Denn es sind aus seiner Perspektive ja gerade die treuen Fürbitten des Heiligen, die dem Sünder eben jene Sorglosigkeit ermöglichen, aus der heraus er die Existenz des Mittlers und „Blitzableiters“ für unerheblich halten kann. „Die Welt ist rund“ (wie bei Sepp Herberger der Ball, zitierte der am Ende also Morgenstern?) und von dieser unumstößlichen Gewissheit aus geht es zur nächsten: „der Mensch ist schwach“.

Und so finden der Missionar und sein widerstrebender Adressat, religiöse und säkulare Weltdeutung, so fremd sie einander bleiben, doch noch einen gemeinsamen Nenner im Fatalismus, der alles beim Alten lässt. In der Schwachheit treffen der überforderte Evangelist und der desinteressierte Agnostiker sich wieder.

Wenn Papst Franziskus diese Woche in Evangelii Gaudium mahnt, Jesus müsse „aus den langweiligen Schablonen befreit werden, in die wir ihn gepackt haben“, gehört dazu auch die Schablone des „Blitzableiters“ (zumal der auch noch den Zorn Gottes abfängt), mit der das Relevanz- und Plausibilitätsproblem wundersam gelöst wird, oder die Schablone mythischer Zeitlosigkeit und Weltferne? Vielleicht wäre endlich auch der Pendelschwung zwischen Trotz und Melancholie überflüssig?

Freilich: Morgensterns Karikatur entspringt ja der puren Lust am Schabernack (ein Wort, so alt wie „pardauz“). Und der ernsthafte Theologe hat längst seinen Psalm 1 gelesen und mit solchen Spöttern rein gar nichts am Hut!

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Andachtskoller

Keine aktuelle, sondern eher doch eine typische Szene: Ich bin auf einer Tagung, vor uns liegen mehrere Stunden Referate und Diskussion. Aber zuvor gibt es eine „Andacht“ (wahlweise werden dafür auch andere Begriffe verwendet), die neben zwei Liedern wieder aus einer Menge Text bestehen wird. Dazu hat sich einer aus der Runde große Mühe gegeben und viel Kluges zusammengetragen, das am Ende dieses langen Tages von noch mehr Klugem zugedeckt sein wird.

Das Frühstück kommt erst noch, ich spüre den niedrigen Koffeinspiegel, der Kopf hat Mühe, den gewählten Worten zu folgen. Aber Schweigen scheint keine Option zu sein, obwohl es das eine ist, was im weiteren Programm nicht auch noch vorgesehen ist. Gern Schweigen im Blick auf eine Kerze oder ein Symbol, gern mit Musik im Hintergrund. Meinetwegen ein Bibelwort, das einfach nur für sich selbst sprechen darf.

Ist das zu schlicht? Oder ist es nicht anstrengend genug? Sollte man Menschen mit Gott nicht allein lassen (würde Gott in die Ruhe hinein sprechen, hätte dann noch jemand den Nerv, sich all die schönen Referate anzuhören? Vielleicht würde er auch jedem etwas anderes sagen)? Oder haben wir vor dem Schweigen Gottes solche Angst, dass wir jede mögliche Leere und jede Pause schon vorab füllen?

Während mir diese Fragen durch den Kopf gehen, rauscht der kluge Text zur Tageslosung an mir vorbei.

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Aktive Hoffnung (4): Aufstand der Chabos

Ohnmachtsgefühle sind die häufigste Reaktion auf die großen sozialen und ökologischen Krisen des 21. Jahrhunderts. Um nachhaltig etwas zu verändern, sagen Macy und Johnstone, müssen wir die Machtfrage stellen. Das Verständnis von und der Umgang mit Macht muss radikal neu bestimmt werden. Und ihre Neuausrichtung erinnert, ohne dass das explizit thematisiert würde, an Markus 10,42ff.

In die Krise geraten sind wir durch einen Machtbegriff, der auf Überlegenheit und Dominanz setzt. Der Mächtige unterwirft den Ohnmächtigen seinem Willen und setzt seine Vorstellungen auf Kosten anderer durch. Macht spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, sie wird zur käuflichen Ware durch Wahlkampfspenden und Korruption (die Grenzen sind fließend), sie führt zu immer weiteren Konflikten und schafft ein Klima von Angst und Misstrauen, das durch einen aberwitzig teuren Sicherheitsapparat kompensiert werden muss.

Diese Art von Macht – Babo-Power, gewissermaßen – verhindert, dass Menschen lernen, denn schon das Eingeständnis, etwas nicht gewusst oder – schlimmer – sich geirrt zu haben, wird als Schwäche interpretiert. Zur alten, herkömmlichen Story der Macht gehört daher auch die Einsamkeit der Mächtigen – auch derer, die eigentlich aus dieser Form der Machtausübung aussteigen wollen und am Misstrauen ihrer Zeitgenossen scheitern.

Die neue Geschichte der Macht verabschiedet sich von diesem Dualismus des Oben und Unten, sie setzt ein anderes Selbstkonzept voraus als das der Objektivierung der Umwelt und dem Drang, sie zu kontrollieren, ein Selbst-in-Beziehung, das partnerschaftlich denkt und handelt. Der Gegensatz von Egoismus und Altruismus fällt damit in sich zusammen, dass der andere auch zu mir gehört und ich sein Wohlergehen als einen Gewinn empfinde. Dafür verwenden Macy und Johnstone den Begriff „Synergie“.

Synergie ist aber mehr als eine Bündelung von Kräften und Interessen, sondern sie führt auch zu Emergenz, indem sie unvorhergesehene neue Möglichkeiten eröffnet, die aus Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Akteuren und Elementen des Systems erwachsen. Das neue Ganze ist deutlich mehr als die Summe seiner Teile, und da wo der einzelne seinen Beitrag, so lange er ihn isoliert betrachtet, noch als Tropfen auf den heißen Stein versteht, da schöpft er Hoffnung in dem Augenblick, wo ihm deutlich wird, dass er selbst Teil einer viel größeren Bewegung ist und dass sein Beitrag durch andere ergänzt und vervollständigt wird, von denen er bisher vielleicht gar nichts wusste.

Visionen sind die Energie, die ein solches Beziehungsnetz entstehen und wachsen lassen. Ein Paradebeispiel wäre Nelson Mandelas Einsatz gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit und Frieden in Afrika. Wichtig ist diese positive Emergenz solcher Netzwerke auch deshalb, weil viele Krisen die Folgen negativer Emergenz sind – von Einstellungen und Handlungen, die jeweils für sich genommen harmlos wirken, deren kumulativer Effekt jedoch verheerend ist. Aber auch die Lösungen, die jeden einzelnen überfordern würden, funktionieren so: Jede Tat zieht Kreise, und auch wenn sich nicht jede positive Folge eindeutig einem einzelnen Impulsgeber zuordnen lässt (so wie sich eine gute Idee auch keiner einzelnen Gehirnzelle), haben wir doch gemeinsam etwas erreicht. Die Frage dabei lautet also: „Was geschieht gerade durch mich?“ Ist es eher „Business as usual“ oder bin ich ein aktiver Teil der „großen Wende“?

In dem Augenblick, wo jemand nicht nur fragt: „Was bringt’s mir?“, sondern „was kann ich beitragen?“ wird man auch immer wieder auf Verbündete stoßen, die man nicht auf der Rechnung hatte. Dieses Bewusstsein, Unterstützung zu erfahren und getragen zu werden und so über sich hinaus zu wachsen, nennen Macy und Johnstone „Gnade“. Mir scheint, sie verstehen das ganz ähnlich wie Tolkien es im „Hobbit“ beschreibt (Tolkien hatte ja neben der „sozialen“ immer auch die ökologische Bedrohung im Blick). Nicht nur wächst Bilbo über sich hinaus, als er sich um anderer Willen in Gefahr begibt, nicht nur finden Elben und Zwerge und Menschen zusammen, sondern in den düstersten Momenten fliegt urplötzlich ein Adler daher oder eine unscheinbare Amsel benimmt sich auffällig…

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Weisheit der Woche: Minderheiten

Zweifeln Sie nie daran, dass eine kleine Gruppe besonnener und engagierter Bürger die Welt verändern kann. In Wirklichkeit ist es nie anders geschehen.

Margaret Mead

Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.

Lukas 12,32

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