Qualvolle Alternative

Die Frage, was Erlösung und Evangelium bedeuten, wie das mit dem Leben und der Verkündigung, dem Tod und der Auferweckung Jesu zu tun hat und was als Folge all dieser Ereignisse die Rolle der Christen in der Welt ist, ist ein Dauerbrenner. Immer wieder kommen in den Gesprächen auch widersprüchliche Gottesbilder vor. Diese Woche kam rund um das Thema Himmel und Hölle die Frage auf, ob man letztere zwar nicht als Rache oder Vergeltung verstehen müsse, sondern als Gottes Rückzug aus der Beziehung zu einem Menschen, der ihn ablehnt.

Die Schwierigkeit bei dieser Vorstellung ist eine doppelte. Einerseits wäre ein vollständiger Rückzug Gottes nach biblischer Auffassung mit dem Tod gleichzusetzen, in diesem Fall gäbe es nicht Himmel oder Hölle, sondern ewiges Leben und endgültigen Tod. So etwa stellte es sich der große evangelikale Denker John Stott vor, doch schon der wurde für seine humane Abwandlung jener Eschatologie der transzendentalen Folterkammer von Kritikern verketzert.

Gut, das muss uns ja nicht stören, dass sich jemand aufregt – leidenschaftslos lässt sich das Thema wohl schwerlich behandeln. Manche scheinen seltsamerweise der Ansicht zu sein, ein gewaltfreier Gott könne unmöglich „Gott“ sein.

Die andere Schwierigkeit besteht darin, dass wir – das Todesproblem einmal ausgeklammert – auch mit dieser Variante (hier wäre die Formulierung „Hölle light“ tatsächlich mal angebracht!) bei einem recht zwiespältigen Gottesbild landen. Nicht von ungefähr gilt bei uns Vernachlässigung und Liebesentzug als seelische Gewalt und Grausamkeit, vor allem Kindern gegenüber; aber Dunkel- oder Isolationshaft werden ja auch ganz zu Recht als Folter bezeichnet. Gottes heißer und sein kalter Zorn unterscheiden sich an diesem Punkt nicht, dass beide in dem Moment, wo sie Gottes Liebe und Barmherzigkeit nicht mehr nach- und untergeordnet werden (etwa, indem man sie als vorübergehend versteht), sondern ihr gleichwertig an die Seite gestellt werden (etwa indem man sie als „ewig“ definiert), Gott in ein bedenkliches Licht rücken.

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Tragischer Verlust

Wenn nächstes Jahr die WM in Brasilien stattfindet, bleibt Zlatan der Große allein zu Haus. Indigniert gab der schwedische Superstar gestern nach der Pleite gegen Portugal den epischen Satz zu Protokoll: „Eines ist sicher. Eine WM ohne Zlatan lohnt sich gar nicht anzuschauen.“

Das animiert zur Nachahmung, und vielleicht tröstet das den Untröstlichen ja auch ein bisschen: Eine WM ohne Zlatan ist…

  • wie Schweden ohne Stechmücken
  • wie Paris ohne Touristen
  • wie der Club ohne Abstiegssorgen
  • wie die FIFA ohne Sepp Blatter
  • wie Große Koalition ohne Horst Seehofer
  • wie die Kanzlerin ohne den Verband der Automobilindustrie
  • wie Neapel ohne Vesuv
  • wie Verfassungsschutz ohne Neonazis
  • wie die NSA ohne Internet
  • wie Gerhard Schröder ohne Putin
  • wie Limburg ohne Dom

 

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Weisheit der Woche: Die wirklich wichtigen Dinge

Die verbreitete Unterscheidung zwischen Egoismus und Altruismus ist … irreführend. Sie beruht auf einer Trennung zwischen dem Selbst und dem anderen und stellt uns vor die Wahl, ob wir uns selbst (Egoismus) oder anderen (Altruismus) helfen wollen. Wenn wir das Verbundene Selbst betrachten, erkennen wir, wie unsinnig diese Alternative ist.

Denn das, was den meisten Menschen am Wichtigsten ist im Leben, ergibt sich aus unserem Verbundenen Selbst, und dazu gehören Liebe, Freundschaft, Loyalität, Vertrauen, Beziehung, Zugehörigkeit, Bestimmung, Dankbarkeit, Spiritualität, gegenseitige Hilfe und Sinn.

Macy/Johnstone, Active Hope


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Gott gibt keine Antworten

Aus dem Wettersturm heraus hört Hiob Gott erstmals sagen: „Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt?“ (Hiob 42,3). Erst aus seiner Abwesenheit heraus macht Gott sich gegenwärtig, und nicht nur der Wettersturm steht für seine Abwesenheit, nicht nur Sturm und das Chaos der Welt, die alle Versuche des Menschen zertrümmern, Gott in der Welt zu finden, sondern Gott ist auch bewegend in all den Worten Hiobs über Gott und den Worten seiner Tröster, weil sie Worte ohne Einsicht sind, die die Gottesfrage verdunkeln, indem sie ihn als gegenwärtig definieren wollen in Weisen und an Orten, wo er nicht gegenwärtig, ihn als moralische Ordnung zu definieren, als die beste Antwort, die der Mensch auf das Problem seines Lebens geben kann. Gott ist keine Antwort, die ein Mensch geben könnte, sagt Gott. Gott selbst gibt keine Antworten. Er gibt sich selbst, und mitten hinein in den Wettersturm seiner Abwesenheit gibt er sich selbst.

Frederick Buechner

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Das Prophetentum aller Glaubenden

Seit der Reformation ist das Wort vom „Priestertum aller Glaubenden“ weit verbreitet. Oft jedoch nur als Floskel mit begrenzter Aussagekraft in der Praxis. In den letzten Jahren wurde das vielerorts stillschweigend zum „Priestertum aller Getauften“ umdeklariert. Ein ganz unglücklicher Zug, wie ich finde, weil es eine hinderliche Formalisierung darstellt, nicht auf den Akt des Glaubens in der Gegenwart (Partizip Präsens), sondern mit einem Partizip Perfekt Passiv auf das zurückliegende Geschehen der Taufe zu verweisen – ohne dass dabei klar wird, wie der einzelne heute zu Gott, Taufe und Kirche steht. Nicht wenige Getaufte haben die Kirche ja längst verlassen – sind sie auch gemeint (das wäre eine bedenkliche Vereinnahmung) und wie sollte man sich deren tätiges „Priestertum“ eigentlich konkret vorstellen?

In diesen Tagen saß ich über Numeri 11, wo Mose in kritischer Lage seufzt: „Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!“ Der Vers hat ein neutestamentliches Echo in 1.Korinther 14,5, wenn Paulus schreibt: „Ich wünschte, ihr alle […] würdet prophetisch reden.“ Wahrscheinlich hat er auch die Verheißung des Joel noch im Ohr, dass die Alten Träume und die Jungen Visionen haben würden – hier nimmt das Volk von Propheten schon erste Konturen an.

Ein interessanter Zug in Num 11 ist, dass der Geist der Prophetie nicht nur die im Heiligtum Versammelten, sondern auch auf zwei im Lager Zurückgebliebene erfüllt und damit die Grenze zwischen dem Sakralen und dem Alltäglichen sprengt. Wenn wir also vom Prophetentum aller Glaubenden reden – und ich denke, das müssten wir – dann geht es nicht nur um das Geschehen im Gottesdienst, sondern auch darum, wie jede(r) von uns in seiner alltäglichen Umgebung Prophet sein kann.

Interessanterweise geht es bei Mose weniger um das Mitteilen höherer Einsichten, sondern erst einmal um das Mittragen von Lasten und das Teilen von Leid und Mühen. Das ist eine ganz andere Interpretation der Prophetenrolle als die des erhobenen Zeigefingers. Von der Sorte gibt es vermutlich schon genug, und nicht alle, die ihrer Umwelt ständig die Leviten lesen müssen, sind dazu von Gott inspiriert und gesandt.

Aber das einfühlsame und aufrichtende Wort (vgl. Jes 50,4), die tröstende Geste, das Ausmalen von Bildern in Farben der Hoffnung, die Stimme der unterdrückten Klage, die Poesie der Sehnsucht und des Neubeginns, davon kann man eigentlich nicht genug hören. Oder?

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Sünden-Suche

IMG_1683Manchmal wird behauptet, man solle oder dürfe über das Thema Sünde heute nicht mehr reden. „Sollte nicht“, weil es säkulare Menschen verprellt, sagen die Modernisierer – „darf nicht“ weil die biblische Botschaft in unserer Spaßgesellschaft totgeschwiegen wird, argwöhnt dagegen die „Schluss-mit-Lustig“-Fraktion.

Weiter als diese Scheinalternative bringt uns, denke ich, die Frage, wie dieser theologische Begriff in unserer weitgehend säkularen Welt erscheint und gehört wird.

Dazu habe ich das Schlagwort bei einem großen Internet-Buchhandel eingegeben. Zur Trefferliste werden dort die Kategorien angezeigt, und ganz oben auf der Liste standen „Krimis und Thriller“, „Kochen und Genießen“ und „Liebesromane“. Die inzwischen tausendfach variierte Frage von Zarah Leander, ob Liebe denn Sünde sein könne, ist so betrachtet klar mit „ja“ beantwortet – erst die „sündige“ Liebe ist die eigentlich interessante. Zugleich wird deutlich, wie langweilig aus dieser Perspektive das Leben ohne Sinnlichkeit und den Reiz des Verbotenen wäre.

Die mit Abstand meisten Treffer jedoch waren weiter unten bei „Religion und Glaube“ einsortiert. Bei religiösen Menschen hat das Thema also einen höheren Stellenwert und ist Gegenstand ernsthafter, freilich nicht immer gelungener Auseinandersetzung. Man kann aber schon ahnen, warum man hier ganz schnell aneinander vorbei redet.

„Sünde“ ist ein altertümliches deutsches Wort, mit dem man vor Jahrhunderten den griechischen Begriff hamartia übersetzt hat. Seither haben sich die Wortfelder im deutschen wie tektonische Platten im Zeitrafferfilm munter verschoben. Vielleicht wäre ein erster Schritt zu gelingender Kommunikation, zu prüfen, welche heutigen Begriffe dafür vielleicht passender erscheinen und es ermöglichen, über den Sachverhalt verständlicher zu reden. Freilich werden manche auch das schon als Feigheit (das Schlüsselwort hier heißt „politisch korrekt“) werten, dass man die Frage nach einer angemessenen Terminologie überhaupt stellt, statt darauf zu beharren, dass die Welt den eigenen Jargon übernimmt.

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In bester Gesellschaft

Die „Verweiblichung“ der Gemeinde(n) und des geistlichen Amtes wird ja gelegentlich von großspurigen Machopredigern beklagt, die als Gegenmittel dann so „männliche“ Verhaltensweisen wie die Faszination von Waffen und Gewalt, PS-Protzerei oder eine (auch in der kavalierhaften Form) herablassende Haltung gegenüber Schwachen empfehlen – und natürlich mehr Zurückhaltung von Frauen in der Öffentlichkeit.

Sie sind anscheinend in guter biblischer Gesellschaft – schon Mose beklagt sich bei Gott, dass der ihm offenbar die Mutterrolle zumutet, und will dann (ist auch das typisch Mann?) gleich lieber sterben als weitermachen:

Warum hast du deinen Knecht so schlecht behandelt und warum habe ich nicht deine Gnade gefunden, dass du mir die Last mit diesem ganzen Volk auferlegst? Habe denn ich dieses ganze Volk in meinem Schoß getragen oder habe ich es geboren, dass du zu mir sagen kannst: Nimm es an deine Brust, wie der Wärter den Säugling, und trag es in das Land, das ich seinen Vätern mit einem Eid zugesichert habe? (Num 11:11f.)

Aber vermutlich hat sich Mose nicht darüber beklagt, dass das Bemuttern der Israeliten „Frauenkram“ und damit „unmännlich“ war, sondern es war ihm schlicht zu anstrengend. Andere biblische Charaktere haben gar keine Angst vor der vermeintlichen Geschlechterverwirrung. Jesus zum Beispiel kann in Lukas 13,34 sagen:

Jerusalem, Jerusalem, … Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.

Paulus schließlich spricht von sich als einer Mutter, die wegen der begriffsstutzigen Galater (4,17) erneut Geburtswehen erleidet, und schreibt an die Thessalonicher (2,7f.):

… wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so waren wir euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben.

Falls also mal wieder jemand fürchtet, er käme nicht „männlich“ genug (tough, dominant, rau, zupackend – was auch immer das bedeuten soll…) daher: Hier sind ein paar vorbildliche Leidensgenossen, du bist also in allerbester Gesellschaft. Die eine Lektion, die es jetzt noch zu lernen gibt, ist die, dass du dich deiner Männlichkeit nicht ständig vergewissern und sie demonstrativ zur Schau stellen musst, sondern einfach du selbst sein kannst. Und dass dir kein Zacken aus der Manneskrone fällt, wenn du dich mal einfühlsam und fürsorglich verhältst.

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Die Wahrheit liegt im Eis

Chasing Ice ist ein wunderbarer Film, weil James Balog ein fantastischer Fotograf ist – und ein leidenschaftlicher Aktivist für das Leben auf diesem Planeten insgesamt. Und weil er verstanden hat, dass es das Staunen über die Schönheit der arktischen Eiswelten ist, das uns bereit macht, uns dem Schmerz über deren Sterben zu stellen und zu verstehen, dass die Gletscher heute im globalen Klima das sind, was früher die Kanarienvögel im Bergwerk waren: Ihr Tod ist ein ernstzunehmendes Alarmsignal.

Ich wünschte, jeder würde diesen Film sehen und danach mit all den gemischten Gefühlen sich zu ein paar sinnvollen Schritten verlocken lassen, die Bewegung in den Stillstand in Sachen Klima bringen. Die Häufung der Signale war in diesen Tagen ja nicht zu übersehen:

Deprimierend ist das Ganze auch deshalb, weil immer auf den Kosten der Wende herumgeritten wird und die Kosten des Abwartens und Nichtstuns nie in den Blick kommen – vielleicht aus deshalb, weil diesen Preis eben (noch) nicht die Verursacher der globalen Erwärmung zahlen, sondern die Küstenbewohner tropischer Meere, die Inselstaaten im Pazifik, die Opfer von Tornados und Waldbränden, die Kleinbauern, die heute unter Dürre und morgen unter Überschwemmungen leiden, von denen niemand im S-Klasse Mercedes beim Bäcker drei Ecken weiter fährt oder fünf Flugreisen im Jahr unternimmt und sein Geld in Aktien von Firmen angelegt hat, die alles andere als nachhaltig wirtschaften.

Besser als deprimiert zu sein wäre es, sich konstruktiv aufzuregen und gerade in diesen Tagen öffentlich Druck zu machen auf die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft.

Noch wichtiger aber: mehr Menschen für das Thema sensibilisieren. Der mehrfach ausgezeichnete Streifen Chasing Ice ist ein bezaubernd schönes Medium dafür.

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Der Gott, den wir lieber hätten

Wir sind dein Volk und meistens stört uns das nicht
außer, dass du in keine unserer Kategorien passt.

Ständig drängeln wir
und zerren
drehen hin
und her;
versuchen, dich dem Gott ähnlich zu machen, den wir lieber hätten.
Und jedesmal, wenn wir dich so verzerren
bleibt uns ein Götze, der eher uns ähnelt.

In unseren ehrlicheren Augenblicken der Trauer und des Schmerzes
sind wir sehr froh, dass du bist, wer du bist,
und dass du uns gegenüber in all deiner Freiheit der bist,
der du uns gegenüber gewesen bist

Sei also dein treues Selbst
und gerade durch dein treues Engagement in dieser leidenden Welt
verwandle die Welt, während auch du verändert wirst.

Das beten wir im Namen Jesu
der das Zeichen deiner leidenden Liebe ist.

 

aus: Awed to Heaven, Rooted in Earth: Prayers of Walter Brueggemann

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Aktive Hoffnung (3): Es beginnt mit Dankbarkeit

Wer meint, man könne Menschen durch Kosten-Nutzen-Rechnungen dazu bringen, ihre Gewohnheiten zu ändern und Rücksicht auf Mitmenschen und Mitgeschöpfe zu nehmen, der irrt vermutlich ebenso wie jemand, der stets mit allerlei Schreckensmeldungen aufrütteln will (oder wie jemand, der mit drastischen Botschaften über die Hölle müde Gemeinden für Mission mobilisieren möchte…?). Der Weg über die Dankbarkeit ist deutlich vielversprechender.

Dankbarkeit ist ein soziales Gefühl, sagen Macy und Johnstone. Sie macht uns anderen zugetan und wohlwollend. Je ausgeprägter jemand Dankbarkeit empfindet, desto eher wird er eine Gefälligkeit erwidern oder einem Fremden zu Hilfe kommen. Anders als der auf Gegenstände fixierte Materialismus führt Dankbarkeit als Beziehungsphänomen dazu, dass Menschen glücklicher und zufriedener sind. Während die Werbung ständig uns Unzufriedenheit einreden will, uns auf das fixiert, was wir (noch) nicht besitzen, um den Konsum in Schwung zu halten (mit all den fatalen Folgen für den Planeten), freut sich die Dankbarkeit an dem, was schon ist.

Dankbarkeit fällt uns nicht immer leicht, aber sie lässt sich einüben, auch wenn in manchen Lebenssituationen nicht alles nach Wunsch läuft. Dann ist sie umso wichtiger, denn Unrecht und Gewalt zerstören das Vertrauen und den Glauben an das Gute. Schön und für Christen völlig kompatibel (Hildegard von Bingen hätte ihre Freude daran gehabt) haben das die Haudenosaunee in ihrem Aufruf zum Umdenken ausgedrückt:

Uns ist gesagt, dass die ersten Menschen, die über die Erde gingen, mit allem ausgestattet waren, was sie zum Leben brauchten. Wir sind angewiesen worden, Liebe für einander zu hegen und allen Wesen auf dieser Erde große Achtung entgegenzubringen. Und wurde gezeigt, dass unser Leben mit dem Leben der Bäume zusammenhängt, dass unser Wohlergehen vom Wohlergehen der Vegetation abhängt, dass wir mit den Vierbeinern eng verwandt sind. In unseren Wegen ist das spirituelle Bewusstsein die höchste Form der Politik…

Wenn Menschen aufhören, all diesen Dingen mit Achtung und Dankbarkeit zu begegnen, dann wird alles Leben vernichtet und das menschliche Leben auf diesem Planeten wird zu Ende gehen.

Das Wort „Dankbarkeit“ bei den Indianerstämmen der Haudenosaunee hießt wörtlich übersetzt: „die Worte, die vor allen anderen kommen“. Sie bilden den Auftakt zu jeder ihrer Versammlungen. Darin steckt eine tiefe Weisheit: Dank stärkt das Bewusstsein des Eingebundenseins in ein großzügiges Geflecht des Teilens, das unser Leben trägt und ermöglicht. In der Welt des „Business as Usual“ hingegen befindet sich fast alles im Privatbesitz, und für alles, was uns nicht gehört, empfinden wir auch keine Verantwortung, weil wir für Zugehörigkeit nur diese Kategorien aus der Welt der Objekte haben.

Verstehen wir aber unsere Zugehörigkeit in diesem lebendigen globalen Ökosystem (für Theologen: dass wir durch die Zugehörigkeit zu Gott mit allem verbunden sind, was lebt und was Gott geschaffen hat und liebt), dann wächst der Wunsch, für die empfangenen Wohltaten etwas zurückzugeben. Nun lässt sich das insofern schwer umsetzen als der Sauerstoff, den wir atmen, von Pflanzen in die Atmosphäre gebracht wurde, die längst nicht mehr da sind. Hier sprechen die Autoren nun vom „giving forward“ – wir fangen an zu überlegen, was wir künftigen Generationen von Lebewesen auf diesem Globus Gutes hinterlassen können.

 

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Gute Bibelfragen

„Antworten auf alle Fragen findet du in Gottes Wort“, lautete ein Aufkleber, den in grauer Vorzeit Bekannte von mir auf ihren Bibeln spazierentrugen. Vermutlich habe auch sie inzwischen entdeckt, dass das so nicht stimmt. Es gibt viele Fragen, auf die die Bibel nicht antwortet: Wie wird das Wetter morgen? Warum hat Angela Merkel die Wahl gewonnen? Ist diese oder jene Person „die Richtige“ für mich? Muss man die Musik von Xavier Naidoo mögen?

Diese Woche las mein Sohn ein paar der verstörenderen Passagen aus dem Ersten Testament und wunderte sich über diese oder jene recht blutrünstige Episode. Passend dazu fand ich einen Post von Rob Bell, der anmerkt, dass man selten eine gute Antwort auf die Frage findet, warum Gott dieses oder jenes befahl (und in welches Licht das nun Gott rückt, wenn da hunderte oder tausende sterben müssen).

Wir kommen weiter, wenn wir fragen,

  • warum jemand es wichtig fand, eine solche Geschichte zu erzählen
  • was der Anlass war, sie aufzuschreiben
  • was sich in der damaligen Welt abspielte
  • was der Text über das Selbst- und Gottesbild derer aussagt, die ihn verfasst haben
  • was für eine Geschichte hier eigentlich erzählt wird

Wer sich dafür interessiert, wie solches Fragen sich auswirkt, für den spielt Bell das am Beispiel der Sintflut einmal durch.

Bible

(Bild: „Bible“ von Chris Zielecki via Flickr, creative commons 2.0)
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Aktive Hoffnung (2): Die Spirale umkehren

In den großen Abenteuergeschichten stehen die Helden in der Regel zu Beginn auf verlorenem Posten, schreiben Joanna Macy und Chris Johnstone in Active Hope: How to Face the Mess We’re in Without Going Crazy. Es ist eben das Eigenartige an der Hoffnung, dass sie nicht primär mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet, sondern von der tiefen Sehnsucht nach einem guten Ausgang lebt. Und dass sie aus dieser Sehnsucht eine immense Kraft schöpft.

Um der ökologischen und mentalen Abwärtsspirale etwas entgegenzusetzen, ist es nicht genug, mit Problemanalysen zu arbeiten. Der Ausgangspunkt für ein hoffnungsvolles Engagement muss vielmehr

  1. die Dankbarkeit sein: Für die Schönheit unserer Welt, für das Geschenk des Lebens, für alles Geben und Nehmen. Von der Freude führt die Bewegung dazu,
  2. den Schmerz über die Zerstörung zu seinem Recht kommen zu lassen, der häufig unterdrückt oder ignoriert wird. Aber nur der wirklich angenommene Schmerz sensibilisiert für Gefahren und offenbart das vorhandene Mitgefühl – in beidem drückt sich unsere Verbundenheit mit den Mitgeschöpfen aus. Diese Verbundenheit ermöglicht
  3. neue Sichtweisen einer im innersten tief verbundenen Welt, und wir finden Ansporn und Ansätze dazu in den Wissenschaften, in den spirituellen Traditionen und in unsrer Vorstellungskraft. Neue Perspektiven helfen, neue Möglichkeiten zu entdecken. Und von denen gilt es, dann auch
  4. entschlossen Gebrauch zu machen und das in konkrete Ziele und Schritte zu fassen und einen eigenen, konstruktiven Beitrag zu den nötigen Transformationsprozessen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu leisten.

Jedes der vier Elemente dieser Spirale stärkt unsere Verbundenheit mit unserer Welt und macht es möglich, daraus Kraft und Mut zu schöpfen. Es ist also kein bloßer Aktivismus, sondern auch ein Gewinn an Resilienz.

Christen – das ist jetzt meine Ergänzung – können sich hier wunderbar daran erinnern, dass Gottes Geist einerseits die lebensspendende Kraft der Schöpfung und Neuschöpfung ist, und zugleich das verbindende Element – nicht nur in der Trinitätslehre zwischen Vater und Sohn, sondern auch zwischen Schöpfer und Geschöpfen wie auch der Geschöpfe (und zwar aller Geschöpfe!) untereinander. Tiefenökologie und christliche Pneumatologie lassen sich also ähnlich gut in Beziehung setzen wie das auf dem Gebiet der Eschatologie funktioniert.

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Denk-würdiger Feiertag

Protestanten haben sich in der Regel mit ihrem Minderheitenstatus irgendwie abgefunden – innerhalb der Weltchristenheit gegenüber den Katholiken und Pfingstlern (die würde ich als einen neuen, postprotestantischen Typ Kirche bezeichnen), innerhalb westlicher Gesellschaften gegenüber den religiös Desinteressierten, Atheisten und Agnostikern.

Einmal im Jahr jedoch, am Reformationstag, zeigen ein paar von ihnen in Luthers Namen der Welt den Stinkefinger, werfen mit Luther-Kamellen um sich, singen inbrünstig Ein Feste Burg und beklagen wahlweise die Überfremdung durch Halloween oder die Geschichtsvergessenheit der Zeit. Allerdings erfolgt dieser Aufstand, zumindest wenn man die plakativeren Parolen ernst nimmt, eben im Namen der eigenen Konfession, Institution und Tradition, deren Profil man zu diesem Anlass möglichst pointiert herauskehrt.

In dieser Hinsicht hinkt der Reformationstag als kirchlicher Feiertag anderen Festen hinterher: ihm fehlt der Bezug zur biblischen Heilsgeschichte. Es sei denn – das wäre die schlimmere Vorstellung – man sähe Luther und die Reformation als deren integralen Bestandteil an und wollte Gott so konfessionell vereinnahmen.

Freilich gibt es auch eine ganze Reihe guter Absichten und nützlicher in den unterschiedlichen Wortmeldungen zum 31. Oktober. Oder nette Ideen, zum Beispiel #95tweets. In und um Twittenberg machen andere mehr oder weniger augenzwinkernd Anleihen bei Luthers grober Polemik gegen Andersdenkende, frei nach dem Motto „hier schmähe ich, ich kann nicht anders“. Aber braucht man dafür einen Feiertag?

Am Wochenende fiel mir eine Broschüre des Erzbistums Bamberg in die Hände. Dort feiert man in diesem Jahr das „Jahr des Glaubens“. Ich war neugierig, welche Wege der Glaubensvermittlung und -vergewisserung dort angeboten würden. Und stellte etwas enttäuscht fest, dass sich alles um die örtlichen Schutzheiligen Heinrich, Kunigunde und Sebald drehte (das ist ein Jahrtausend her) und sich an ehrwürdigen Kirchenbauten festmachte, die ihnen gewidmet waren. Indem man auf die Vergangenheit verweist, verstärkt man aber zugleich auch den verbreiteten Eindruck, Glaube sei etwas Rückwärtsgewandtes, ein Relikt aus dem Mittelalter.

Die Reformation ist zwar nur ein halbes Jahrtausend her, der Blickwinkel auf den Gründungsheiligen und dessen inzwischen doch auch erklärungsbedürftige Thesen ist grundsätzlich derselbe wie bei den Katholiken in Bamberg. Ironie der Geschichte? Gewiss: Erinnerung schadet nicht. Zukunftsfähige Identität und ein robustes Selbstbewusstsein lässt sich aus ihr allein aber nicht gewinnen.

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