Der doppelte Hiob

Manche Erzählungen sprechen Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen und zu allen Zeiten an. In den letzten Wochen etwa bin ich auf zwei Interpretationen der Hiob-Geschichte gestoßen. Die eine stammt von dem Psychotherapeuten James Hollis (Finding Meaning in the Second Half of Life: How to Finally, Really Grow Up), der bei Hiob einen Perspektivwechsel und damit verbunden einen Reifeprozess erkennt:

Hiob gelangt zu der Einsicht, dass er anmaßenderweise davon ausgegangen war, sein kooperatives Verhalten Gott gegenüber würde diesen verpflichten, ihn gut zu behandeln. Hiob hört auf, der gute kleine Junge im Angesicht eines strengen, aber berechenbaren Gottes zu sein und wird ein zutiefst erschütterter Erwachsener. So wie Hiob (wenngleich selten so dramatisch) erleben es auch die meisten von uns, dass wir lange stillschweigend davon ausgegangen waren, dass Wohlverhalten uns Wohlergehen einbringt. Das Kind glaubt, seine Wünsche lenken die Wirklichkeit, der Heranwachsende glaubt, sein Heldenmut könnte das leisten. Dieser Plan scheitert, und mit ihm zerbricht unser Weltbild – das Weltbild unseres Ego, das sich wünscht, das Leben müsse durchschaubar und beherrschbar sein.

Wenn Leid diese Illusion wiederholt erschüttert, ein Mensch schließlich ernüchtert und demütig auf die unberechenbare, verwirrende, und immer wieder aufregend schöne Welt blickt, die sich so gar nicht um ihn dreht, dann ist er an seiner Erfahrung spirituell gewachsen, und so begegnet uns am Ende des Hiobbuches ein gereifter Hiob.

Zygmunt Bauman nähert sich in Collateral Damage: Social Inequalities in a Global Age dem Thema aus einer anderen Richtung. Während die Griechen keine Mühe hatten, die Zufälle und Willkür dieser Welt durch die vielen, stets miteinander im Streit liegenden Götter zu erklären, die in den einzelnen Teilbereichen des Lebens als Ordnungsmächte auftraten, war das für Israel ein Problem, je mehr es Jahwe als den einzigen und allmächtigen Gott verstand. Damit war er auch für alles Unheil verantwortlich, das er zulässt. Bauman schreibt:

Im schroffen Gegensatz zur stummen und gefühllosen Natur, die er regiert, verkörpert und personifiziert, spricht Gott und gibt Gebote. Er findet auch heraus, ob seine Gebote befolgt wurden, und er wird den Gehorsamen belohnen und den Widerspenstigen bestrafen. Er ist nicht gleichgültig dem gegenüber, was menschliche Schwächlinge denken und tun. Aber wie die stumme und gefühllose Natur ist er nicht gebunden an das, was Menschen denken und tun. Er kann Ausnahmen machen

Für Bauman ist das Grundbedürfnis des verletzlichen Menschen Schutz und Verlässlichkeit. Der Bund zwischen Israel und Gott schien den unberechenbaren Gott verlässlicher zu machen (Gott fordert Gehorsam und verheißt Wohlergehen), aber zumindest im Blick auf das Schicksal des einzelnen ging die Gleichung nicht auf. Immherhin aber kann man mit einem persönlichen Gott sprechen.

Generationen von Theologen haben sich an seinem Geheimnis die Zähne ausgebissen: wie allen modernen Männern und Frauen (und jedem, dem die Botschaft des Buches Exodus geläufig war), hatte man ihnen beigebracht, nach einer Regel und einer Norm zu suchen, aber die Botschaft des Buches war, dass es keine Regeln und keine Norm gab, auf die man sich verlassen konnte; genauer: keine Regeln oder Normen, an die jene höchste Macht gebunden ist.

Carl Schmitts Diktum „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, wird hier vorweggenommen. Schon die Theologen im Buch Hiob müssen sich verrenken, um an dem Zusammenhang von Sünde und Strafe, Tugend und Lohn gegen allen Augenschein festhalten zu können. Hiob weiß selbst (9,2-3), dass Gott sich nicht rechtfertigt und keine Fragen nach dem „Warum“ seines Leides beantwortet. Gott redet zu Hiob dann passenderweise aus dem Unwetter, das auch über Gerechte und Ungerechte gleichermaßen unerbittlich hereinbricht.

Bauman übergeht die theologische Pointe des Hiobbuches (Hiob hadert mit Gott, hält aber an ihm fest), er verzichtet auch auf eine psychologische Deutung, weil es ihm um etwas anderes geht: Das krachend gescheiterte Projekt der Moderne bestand seit dem Erdbeben von Lissabon genau darin, das Glück in die eigene Hand zu nehmen, die Welt zu entzaubern und den Menschen durch technischen und zivilisatorischen Fortschritt vor solchen Katastrophen zu schützen. Da man Gott dabei ausklammerte, traten nun die Menschen selbst an seine Stelle, um kraft ihrer Vernunft alle natürlichen und moralischen Risiken zu beherrschen. Kant wollte das moralische Gesetz zu einer ähnlichen Klarheit und Eindeutigkeit führen wie die Naturgesetze. Das Gegenteil jedoch, sagt Bauman, trat ein:

Statt dass vernunftgesteuertes Verhalten in den Rang des Naturgesetzes erhoben wurde, sanken seine Konsequenzen herab auf die Ebene der unvernünftigen Natur. Naturkatastrophen wurden den ‚im Prinzip beherrschbaren‘ moralischen Untaten nicht ähnlicher; im Gegenteil, es stellte sich heraus, dass das Gros der Unmoral den klassischen Naturkatastrophen immer ähnlicher wurde: gefährlich wie diese, unvorhersagbar, unaufhaltsam, unverständlich und immun gegenüber menschlicher Vernunft und Wünschen. Heutzutage treffen uns Katastrophen, die durch menschliches Handeln verursacht wurden, aus einer undurchschaubaren Welt, sie schlagen willkürlich dort zu, wo man sie unmöglich erwarten konnte, sie entziehen sich und trotzen jeder Art von Erklärung, die menschliches Handeln von anderen Ereignissen unterscheidet: einer Erklärung durch ein Motiv oder einen Zweck. Vor allem erscheinen uns die Katastrophen, die durch unmoralisches menschliches Handeln verursacht wurden, prinzipiell immer unbeherrschbarer.

Die existenzielle Verunsicherung hat sich im Verlauf der also keineswegs lindern lassen, sie wurde, etwa durch die Kräfte und „Mechanismen des Marktes, eher noch verschärft. Und so warnt Bauman vor der Aushöhlung demokratischer Kultur und vor einem fanatischen Kapitalismus, der zu „neuen Geographien der Exklusion und Landschaften des Reichtums“ führt. Was in Jerusalem begann, endet im Athen eines dauerhaften Ausnahmezustandes: der Risikogesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Hollis fragt nach Möglichkeiten und Verantwortung des einzelnen für sich selbst. Bauman interessiert sich für die philosophischen und politischen Fragen, die zwischen Gott und Hiob angerissen werden. Es gibt mit Sicherheit noch mehr lohnende Zugänge.

Die Geschichte von Hiob ist ein gewichtiges, aber eben nicht das letzte Wort zum persönlichen wie auch dem gesellschaftlichen Umgang mit Leid und Unglück aus biblischer Sicht. Sie endet mit einem Funken von Hoffnung. Im neuen Testament wird aus diesem Funken ein Feuer.

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Das Gottespixel

Im Zentrum unseres Wesens gibt es einen Punkt des Nichts, der unberührt ist von Sünde und Illusion, einen Punkt reiner Wahrheit, einen Punkt oder Funken, der Gott völlig gehört, über den wir nie verfügen, von aus dem Gott unser Leben anlegt, der unzugänglich ist für die Phantasien unseres Verstandes oder die Brutalitäten unseres eigenen Willens. Dieser kleine Punkt des Nichts und der absoluten Armut ist die reine Herrlichkeit Gottes in uns. Es ist sozusagen sein Name, der in uns eingeschrieben ist, als unsere Armut, als unsere Dürftigkeit, als unsere Abhängigkeit, als unsere Sohnschaft. Er ist wie ein reiner Diamant, der funkelt im unsichtbaren Licht des Himmels. Er ist in jedem, und könnten wir ihn sehen, dann könnten wir die Milliarden Lichtpunkte zusammenkommen sehen im Angesicht und Strahlen einer Sonne, die jegliche Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens völlig verschwinden ließe.

Thomas Merton, Conjectures of a Guilty Bystander, New York 1965/1966, 155.

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Weisheit der Woche: Feuer lebt im Brennen

Die Beziehung zwischen Kirche und Mission ist sehr eng, weil derselbe Geist Christi, der der Kirche Kraft in der Mission gibt, auch das Leben der Kirche ist. Als Jesus Christus die Kirche in die Welt gesandt hat, hat er ihr gleichzeitig auch den Heiligen Geist eingehaucht (Johannes 20,19-23). Daher lebt die Kirche durch die Mission, genau wie Feuer durch Brennen. Wenn sie keine Mission betreibt, hört sie auf, Kirche zu sein.

Gemeinsam für das Leben, § 57

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12 aus 13

Statt eines textlastigen Jahresrückblickes hier ein visueller. Für jeden Monat ein Bild

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Januar: Veste Coburg

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Februar: Sebalder Reichswald

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März: Vor der Haustür

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April: Connemara

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Mai: Gemse im Berner Oberland

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Juni: Sonnwende in Langensendelbach

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Juli: Schöpfrad an der Regnitz bei Möhrendorf

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August: Zugspitze

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September: Embankment Tube Station

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Oktober: nahe Hiltpoltstein

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November: Aischgrund

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Dezember: St. Jakob in Rothenburg o.d.T.

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Weisheit der Woche: Letzte Worte

Ein nachdenklicher Impuls zum Ausklang dieses Jahres. Aber zuvor: Danke für alle Rückmeldungen und Diskussionsbeiträge und ein gutes neues Jahr Euch allen!

Ich habe Theodore W. Jennings gelesen über das Ringen des Paulus um den Zusammenhalt der jungen Kirche und die Neigung zu innerkirchlichen Machtspielchen, in denen sich eine Gesellschaftsordnung widerspiegelt, die Ausgrenzung für lebensnotwendig hält und so zur Kreuzigung des Messias geführt hat:

Jenen, die viel Aufhebens vom Niedergang des Christentums machen (womit sie freilich den Niedergang ihrer Lieblingsform des Christentums meinen, ihrer Fraktion sozusagen, oder der Fraktion, der sie sich gerne bemächtigen würden), stünde es gut zu Gesicht, wenn sie sich fragten, ob nicht eben jene Spalterei, in der sich die Welt der Spaltung und Unterwerfung [„divide et impera“!] widerspiegelt, die Ursache des Niedergangs ist, den sie beklagen: „Aus diesem Grund sind viele von euch schwach und krank und manche sind gestorben.“ (1.Kor 11,30)

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Von der Genugtuung zur Versöhnung

LeRon Shults geht in The Faces of Forgiveness: Searching for Wholeness and Salvation der Frage nach, wie die Versöhnung zwischen Gott und Menschen in Christus richtig zu deuten ist, und stellt dabei fest, dass viele Sühnetheorien darin ihre Grenzen haben, dass sie technisch und abstrakt sind:

Viele Erörterungen über Vergebung in der frühen Neuzeit beschränkten sich auf eine objektive rechtliche Transaktion, die am Kreuz stattfand. […] Wenn Vergebung auf eine formale juridische Erklärung beschränkt wird, dann wirkt sie sich nicht unmittelbar aus auf die Qual der Schmach und des Zorns, die menschliches Leben in Gemeinschaft erdrücken. (S. 125)

Liest man dagegen in der Bibel nach, dann entsteht ein anderes Bild: Gott schließt (nach den unterschiedlichen Strafaktionen der biblischen Urgeschichte angesichts menschlicher Gewalttätigkeit und Größenwahns) einen Bund mit Abraham, in dem er sich als barmherzig und gerecht zu erkennen gibt. Ersteres rückt in Exodus 34,6-7 (vgl. Num 14,17-18) ins Zentrum:

Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue: Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, lässt aber (den Sünder) nicht ungestraft; er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.

Die Parallelität von Segen und Strafe wird aber schon in Dtn 24,16 eingeschränkt und in Jona 4,2 gewinnt die Gnade endgültig das Übergewicht: „denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen.“ Barmherzigkeit beschreibt das Wesen Gottes also zutreffender als Vergeltung. Bei den Schriftpropheten begegnen wir dann auch der Einsicht, dass Vergebung keine rein kultische Angelegenheit in einem technischen Sinne ist (Gott kann auch „einfach so“ vergeben), sondern dass es vor allem um eine Veränderung des Herzens und Verhaltens geht. Diese Verbindung göttlicher Gnade und menschlicher Veränderung wird in der Erwartung des neuen Bundes bei Ezechiel und Jeremia besonders deutlich.

Die Linie setzt sich im Neuen Testament fort. Besonders interessant ist, dass der kultisch-juridische Begriff der Vergebung (griech.: aphiemi) bei Paulus zurücktritt hinter das „in Christus“ sein und die Wirkung der göttlichen Gnade (griech.: charizomai), auch wenn unsere Bibelübersetzungen in beiden Fällen von „vergeben“ sprechen. Shults stellt fest:

Im Verständnis des Paulus ist Vergebung nicht in erster Linie eine Entscheidung, die auf einem rechtlichen oder finanziellen Bilanzbogen vermerkt wird; sie ist die reale Gegenwart göttlicher Gnade, die menschliche Beziehungen heilt. Sowohl in göttlicher als auch menschlicher Vergebung haben wir es mit der versöhnenden Absicht der Gnade zu tun. Deshalb beschreibt Paulus das Heil im Allgemeinen mit dem weiteren Begriff der Versöhnung. (S. 138)

Diese Verschiebung weg von unpersönlichen Kategorien hin zu Kategorien der Beziehung lässt sich auch – freilich nicht ungebrochen – in der Theologiegeschichte nachweisen. Luther etwa hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen den Begriff „Satisfaktion“, für ihn stand nach Ansicht vieler Forscher die Vereinigung mit Christus durch den Gemeinschaft stiftenden Geist Gottes im Zentrum, die auch in Calvins Institutio eine wichtige Rolle spielt, im Altprotestantismus jedoch bald wieder hinter eher mechanistischen Sühnetheorien verschwindet.

Die unpersönlichen Metaphern bringen unter anderem die Schwierigkeit mit sich, dass sie einer Logik folgen, die Vergebung für Täter an den jeweiligen Opfern vorbei denkbar macht, diese also auf das Verhältnis zu Gott beschränkt und die soziale Dimension sündhaften Verhaltens unberührt lässt – ein Gedanke, der dem prophetischen Ruf zur Umkehr wie auch dem priesterlichen Sühnegeschehen fremd ist.

Für uns heute ist diese Verschiebung insofern von größter Bedeutung, als wir nicht mehr wie das Mittelalter und die Antike in einer Ontologie der Substanz denken (in der etwa die Seele von Flecken gereinigt werden muss). In den letzten 100 Jahren ist (wieder näher am hebräischen Denken) die Relation zur entscheidenden Kategorie geworden. Statt metaphysischer Transaktionen ist für uns das Thema relationaler (und damit auch personaler) Transformationen das entscheidende Kriterium, also der ganzheitlichen Heilung und Wiederherstellung von Beziehungen.   

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Inkonsequent konsequent…

Eine konservative theologische Hochschule im Hessischen hat einen pensionierten Pfarrer aus dem Schwäbischen als Dozenten für Apologetik angeheuert. In der dazugehörigen Pressemeldung wird die Aufgabe als „Auseinandersetzung mit kritischen Anfragen gegen (!!) den christlichen Glauben“ beschrieben.

Nun spricht man im Deutschen zwar von Anklagen gegen jemanden, aber Anfragen werden an jemanden gerichtet, nicht gegen ihn. Stellt sich nun die Frage, ob hinter der sprachlichen Inkonsequenz auch eine theologische steht, oder ob die Sprache hier die logische Konsequenz einer Theologie ist, die Kritik und Differenzen als Antagonismus und Feindschaft interpretiert.

 

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Sühne – ein frischer Zugang

Mein Vorschlag, vorübergehend (!!) auf die Sühnemetapher im klassischen Gewand zu verzichten, ist bei manchen Lesern auf empörte Ablehnung gestoßen (Zustimmung gab es freilich auch), andere haben Zweifel geäußert, ob das erstens möglich und zweitens sinnvoll sei. Ich würde nach wie vor beides mit einem nachdrücklichen „ja“ beantworten, aber vielleicht hilft es ja, noch einmal einen Schritt zurück zu gehen.

Kürzlich bin ich in meinen Überlegungen zur Soteriologie auf einen Text gestoßen, den der katholische Theologe James Alison vor fast zehn Jahren geschrieben hat. Alison gelingt es darin, das Motiv der Sühne so zu interpretieren, dass er ihn von den Entstellungen befreit, die sich im Laufe der Auslegungsgeschichte angelagert haben.

Alison setzt ein mit einer wichtigen Unterscheidung. Eigentlich ist das Sühnegeschehen keine Theorie (des Schuldausgleichs zwischen Gott und Menschen), sondern eine Liturgie. Sie ist keine Erklärung, mit der man sich eines „Sachverhalts“ bemächtigt, sondern ein Widerfahrnis. Die Anweisung für den großen Versöhnungstag in Levitikus 16 bringt das deutlich zum Ausdruck. Ich kann Alisons höchst lesenswerte Darstellung hier nicht ausführlich wiedergeben, aber in diesem liturgischen Drama nimmt der Hohepriester die Rolle Gottes ein und vergießt das Blut Gottes, der aus seiner Liebe und Barmherzigkeit heraus das Volk mit sich versöhnt. Das ist in vieler Hinsicht die Umkehr heidnischer Opferkulte, in denen eine zornige Gottheit besänftigt werden muss. Im jüdischen Verständnis, das Paulus später aufgreifen wird, sind wir diese zornige Gottheit, und die Sühne dient dazu, uns von diesem Hang zur Gewalt zu befreien und einen neuen Weg ins Leben zu bahnen.

Das Neue Testament nimmt Sühnemotive an vielen Stellen auf, wie Alison zeigt. Die beiden Engel im leeren Grab an Ostern etwa kennzeichnen den Ort als den neuen Gnadenthron, der Hohepriester brachte sich selbst als „Opfer“ (Alison sagt hier „victim“, nicht „sacrifice“), und er schafft damit nicht etwas Schlechtes ab, sondern er erfüllt etwas Gutes. Jesus tritt an die Stelle einer Serie von Stellvertretungen. Und damit bewirkt er, sagt Alison, einen anthropologischen Durchbruch: Denn auch die rituelle Tötung ist ein Gewaltakt, der auf die menschliche Neigung verweist, ihre Probleme gewaltsam zu lösen – und sei es nur indirekt über einen eigentlich unbeteiligten Sündenbock, der zum Gewaltopfer wird, damit das Leben anderer weitergehen kann.

Im Abendmahl wird das alles liturgisch vergegenwärtigt und wir sind eingeladen, daran teilzunehmen und selbst zum „neuen Tempel“ zu werden. Der Unterschied zwischen dieser Liturgie und den populären Sühnetheorien liegt dabei auch in der ethischen Konsequenz. Eine Theorie kann man zum Kriterium von Rechtgläubigkeit machen und zu einer Linie, die schon wieder sauber trennt, wer nun „drin“ ist im neuen Bund und wer unversöhnt „draußen“ steht. Dagegen stellt uns die Liturgie der Begegnung mit dem Opfer unserer Aggression und Gewalt nicht in die Rolle des Richters, sondern des potenziellen Täters, des „Anderen“, der Gott und seinem Nächsten gegenüber erst noch zum „wir“ finden muss. Diese Begegnung wirft all unsere Vorstellungen von Ordnung und alle Strukturen von Vergeltung über den Haufen. Zugleich erkennen wir – auch das hat Alison wunderschön herausgearbeitet – die eigene Sünde erst richtig, indem wir Gottes Vergebung annehmen:

Someone was approaching you even when you didn’t realize there was a problem, so that you begin to discover, “Oh! So that’s what I’ve been involved in.” Now, this is vital for us: it means that in this picture “sin”, rather than being a block that has to be dealt with, is discovered in its being forgiven. The definition of sin becomes: that which can be forgiven.

… What we are given is a sign of something that has happened and been given to us. What is difficult for us is not grasping the theory, but starting to try and imagine the love that is behind that. Why on earth should someone bother to do that for us? That’s St Paul’s issue. “What then shall we say to this? If God is for us, who is against us? He who did not spare his own Son but gave him up for us all, will he not also give us all things with him?” (Rom 8:31-32)

 

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Deutsch zum Abgewöhnen (8): „besinnlich“

„Besinnlich“ ist ein Ausdruck, der Menschen praktisch nur in der Weihnachtszeit über die Lippen kommt. Er gehört überhaupt nicht zum „normalen“ Repertoire und ist eines dieser Verlegenheitswörter, die man, statt sie im Munde zu führen, vielleicht lieber zum Anlass nehmen sollte, sich der darin zum Ausdruck kommenden Verlegenheit zu stellen.

„Besinnlichkeit“ scheint mir eine Art Platzhalter zu sein, von dem man schon gar nicht mehr so genau sagen kann, wofür er eigentlich steht. Man empfindet eine Ahnung, dass da mal etwas stand, von dem noch ein Abdruck da ist, aber sonst jede substanzielle Spur fehlt. Besinnlichkeit benennt eine Stimmung, in der sich vielleicht der zarte Wunsch nach einer tieferen Besinnung auf „das Wesentliche“ noch widerspiegelt.

Zu letzterer kommt es in der Regel aber gar nicht mehr konkret, weil man entweder nicht weiß, wie man das mit dem Sich-Besinnen praktisch angehen sollte, oder aber in Anbetracht der Mühseligkeit dieses Unterfangens schon zufrieden ist mit dem Platzhalter-Gefühl, dem bloßen Vorhandensein jener Gemütsverfassung, die mir so etwas wie „Tiefgang“ attestiert, ohne dass ich einen Blick in diese womöglich schwindelerregende Tiefe riskieren muss.

Folglich lautet mein Weihnachtswunsch für alle, die diesen Post lesen, dass sie in diesem Tagen zu einer Besinnung finden, die reich und erfüllend genug ist, um jeden Hang zu nebulöser Besinnlichkeit überflüssig zu machen.

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Eins der schöneren Weihnachtslieder

stammt aus der Feder von Don Francisco (hier auf Youtube):

Christmas Song

At the center of the ages
The Lord talks with a girl
And by the words He speaks
He gives a Savior to the world
The time grows to its fullness
And Mary’s Son is born–
The promise’s fullfilment
Lies asleep now in her arms

He didn’t come to terrify
To judge or condescend
To call us all His servants
But to lift us as His friends
To save us all from satan’s power
To reign at his right hand
In the little town of Bethlehem
When God became a man

Today the God of majesty
Has given to the earth
A gift of such magnificence
We could never plumb its worth
And the rudeness of the setting
Just ignites the jewel’s fire
A pearl beyond the greatest price
The joy of man’s desire

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Jungfrauengeburt: Studie mit neuen Erkenntnissen

Ein Freund hat mir die Auswertung einer repräsentativen medizinischen Langzeitstudie der University of North Carolina zugesandt, die kürzlich im British Journal of Medicine erschien. Dort heißt es, dass im Zeitraum von 1995 bis 2008/2009 in einer Gruppe von 7870 Mädchen und Frauen insgesamt 5340 schwanger wurden. 45 von ihnen (0,8%) gaben an, jungfräulich schwanger geworden zu sein, also ohne jemals Geschlechtsverkehr gehabt zu haben (eine Kurzübersicht bzw. Interview gibts hier).

Bemerkenswert sei, so die überraschten Forscher, in dieser Gruppe der hohe Anteil von Frauen mit konservativen Moralvorstellungen, aus dem heraus sie wohl auch sich ausdrücklich verpflichtet hatten, sexuell enthaltsam zu bleiben (30,5% gegenüber 15% bei den anderen Schwangeren). Außerdem befürworteten vergleichsweise viele der betroffenen Jungfrauen den Einsatz von Kondomen (67,8% gegenüber 30,2% in der Gruppe der anderen Jungfrauen), wussten aber über die konkrete Verwendung derselben weniger gut Bescheid.

Interessant fanden die Forscher auch, dass die Eltern der schwangeren Jungfrauen überdurchschnittlich häufig angaben, sich mit Sex und Verhütung nicht besonders gut auszukennen und über das Thema nur selten oder ungern in der Familie zu reden, um die Kinder nicht in Verlegenheit zu bringen.

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High Five: Eine Lebensregel für Aktivisten

Orden und Kommunitäten haben Regeln, an denen sie ihr Leben ausrichten. Viele Ordensleute sind ausgesprochene Aktivisten, und genau deshalb brauchen sie einen gesunden, nachhaltigen Rhythmus der Spiritualität. Solche Regeln sind nicht etwa eine Einschränkung der Freiheit – niemand soll gegängelt werden –, sondern sie dienen dazu, die Prioritäten zu sichern und den langfristigen Kurs zu halten. Die Ansätze der Iona Community und die Northumbria Community habe ich auf diesem Blog schon erwähnt.

Ganz analog hat Joanna Macy in Active Hope eine fünffache Selbstverpflichtung für Aktivisten formuliert, die einer solchen Lebensregel nahe kommt. Viele Teilnehmer ihrer Workshops haben sie übernommen. Sie lautet folgendermaßen:

Ich gelobe vor mir selbst und jedem von euch

  • mich täglich der Heilung der Welt und dem Wohlergehen aller Lebewesen zu widmen
  • auf der Erde leichter und weniger gewaltsam zu leben, was Nahrung, Konsumgüter und Energie betrifft
  • mir Kraft und Wegweisung von der lebendigen Erde schenken zu lassen, den Vorfahren, den künftigen Generationen, und meinen Brüdern und Schwestern jeder Spezies
  • andere in ihrem Einsatz für die Welt zu unterstützen und um Hilfe zu bitten, wenn ich sie brauche
  • ein tägliches Ritual zu befolgen, das mein Denken klärt, mein Herz stärkt und mir hilft, dieses Gelübde zu erfüllen

Interessant ist vor allem der direkte Vergleich mit Iona, da heißt es in ebenfalls fünf Punkten:

  1. Daily prayer and Bible-reading (das entspricht teilweise Punkt 5 bei Macy)
  2. Sharing and accounting for the use of our resources, including money (vgl. Punkt 2)
  3. Planning and accounting for the use of our time (könnte man auch unter 2. subsumieren)
  4. Action for Justice and Peace in society (bei Macy Punkt 1)
  5. Meeting with and accounting to each other (das ähnelt Punkt 4)

Die Unterschiede liegen also im Wesentlichen bei Punkt 3 beider Aufstellungen (und vermutlich klingt für manche der dritte Punkt von Macy nach Esoterik, aber so ist er da m.E. wirklich nicht gemeint). Bei Macy kommen die Mitgeschöpfe nicht nur als Aufgabe oder Leidensgenossen ins Spiel, sondern auch als Verbündete und Kraftquelle. Ich nehme an, das könnten die Iona-Leute durchaus ähnlich sagen. Immerhin trennen sie nicht zwischen sozialem und ökologischem Engagement, wie die Ausführungen zum Punkt 4 der Iona-Regel zeigen:

We believe

  • that the Gospel commands us to seek peace founded on justice and that costly reconciliation is at the heart of the Gospel;
  • that work for justice, peace and an equitable society is a matter of extreme urgency;
  • that God has given us partnership as stewards of creation and that we have a responsibility to live in a right relationship with the whole of God’s creation;
  • that, handled with integrity, creation can provide for the needs of all, but not for the greed which leads to injustice and inequality, and endangers life on earth

Die Übereinstimmungen sind in jedem Fall viel größer als die Unterschiede. Vor allem ist es weit genug, um sich ein Leben lang zu entwickeln und zu wachsen.

Bisherige Posts zu dieser Thematik:

 

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Jacksons Einöde

Als ich das erste Mal den „Hobbit“ hörte, war ich siebzehn, mit dem CVJM campen irgendwo in Norfolk und litt unter akutem Liebeskummer. Ein Highlight, das mich damals aufrichtete, waren die spätabendlichen Lesungen aus Tolkiens Buch durch unseren Gruppenleiter. Ich fieberte immer schon dem nächsten Kapitel entgegen. Mehr noch: Das Zuhören zog mich in die Geschichte hinein, ich war positiv verzaubert.

Als ich gestern Abend das Kino verließ, ging mir nichts aus der Geschichte nach, die ich gerade gesehen hatte. Und es lag nicht daran, dass ich sie schon kannte; sondern daran, dass die Erzählung vom Effektspektakel so verschüttet wird wie die gierige Superechse Smaug unter ihrem vielen Gold.

Keine Frage, die Szenenbilder und Animationen sind vom Feinsten, Jackson hat seine Einöde perfekt ausstaffiert. Aber schon die ausgiebige Kinovorschau des Vorprogramms auf andere Hollywood-Produktionen zeigte, dass dies kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist. Irgendwann wird es gähnend langweilig, wenn noch ein Orkkopf rollt, noch ein Elbenpfeil sein Ziel findet (das tun Elbenpfeile nämlich immer), oder Gandalf sich am Rande eines Abgrunds (es ist immer ein Abgrund in der Nähe) mit Fies- und Finsterlingen höherer Ordnung battelt. Das alles haben wir im „Herrn der Ringe“ schon stundenlang zu sehen bekommen. Vor allem aber taugt der Hobbit nicht als Vorlage, um des großen Bruders (auch schon aufgeblähte) Action-Sequenzen zu toppen.

Den Charakteren beim Reden oder gar Nachdenken zuschauen kann man dagegen nur selten. Sie gehen in der Einöde des unablässigen und weitgehend sinnfreien Gebrülls und Gemetzels ziemlich unter. Da hilft auch die hinzugedichtete Romanze mit der schönen und wehrhaften Tauriel (hat Red Bull den Namen gesponsert, die Haarfarbe ließe darauf schließen?) nicht so recht drüber hinweg.

Teil drei lässt noch mehr vom Gleichen erwarten, schließlich findet die große Schlacht trotz all der partiellen Vorwegnahmen im Buch ja erst dann statt. Egal: Ein paar Schritte über den popcornverbröselten Kinoteppich und ich fing an, mich zu wundern, dass so überhaupt keine Neugier aufgekommen war, wie denn nun alles endet. Vermutlich hatte ich sie zusammen mit der 3-D-Brille in den Sack aus Ausgang geworfen.

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Pretty Woman: Erlösung auf die charmante Art

Ein wunderschönes Beispiel dafür, dass auch die Reformatoren andere, frische Metaphern in der Erlösungslehre kannten, findet sich in Luthers Traktat „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Luther spricht im Rückgriff auf mittelalterliche Brautmystik (die findet sich schon bei Bernhard von Clairvaux und bei Franziskus von Assisi) von einer Hochzeit der Seele mit Christus, und so, wie er die Rechtfertigung dann beschreibt, denkt man unwillkürlich an Julia Roberts’ Lachen, bevor sie im Badeschaum versinkt:

Hier beginnt nun der fröhliche Tausch und Streit: weil Christus Gott und Mensch ist, der noch nie gesündigt hat, und seine Rechtschaffenheit unüberwindlich, ewig und allmächtig ist, so müssen die Sünden in ihm verschlungen und ersäuft werden, wenn er die Sünden der gläubigen Seele durch ihren Brautring, d. h. den Glauben, sich selbst zu eigen macht und so handelt, wie er gehandelt hat. Denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark; so wird die Seele von all ihren Sünden einzig durch ihr Brautgeschenk, d. h. um des Glaubens willen, frei und los und mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus beschenkt. Ist das nun nicht ein fröhlicher Hausstand, wo der reiche, edle, rechtschaffene Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein zur Ehe nimmt und sie von allem Übel befreit, mit allem Guten schmückt?

Aus theologischer Perspektive interessant: Es ist hier wohl nicht der passive Gehorsam, nicht das „Strafleiden“ Christi, sondern seine aktive Gerechtigkeit, deren Kraft und Gewicht jeden Makel seiner Braut augenblicklich verschwinden lässt. Vergebung als „Brautgeschenk“ ist doch eine schöne Vorstellung, und im Gegensatz zu den strengen juristischen oder kühlen ökonomischen Metaphern des Schuldausgleichs ist dieses Bild auch noch etwas fürs Herz, wenn Christus als Prince Charming auftritt und das Herz der Menschheit erobert.

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Der grüne Heilige

Die letzten Tage habe ich in Helmut Felds kurzer und informativer Franziskus-Biografie gelesen und neben manchem schon Vertrauten auch ein paar Dinge entdeckt, die mir noch nicht so bewusst waren. So zum Beispiel diese Episode in der Frühzeit seiner Bewegung:

Franziskus geriet, sowohl aufgrund von Skrupeln wegen der Sünden seiner Jugend als auch wegen der Zukunft seiner Bruderschaft in Zweifel, Ängste und Depressionen. Das änderte sich, als sich Franziskus mit seinen nunmehr sechs Gefährten in das Tal von Rieti begab, das damals noch fast ganz von dem heute zu einem kleinen Teich zusammengeschrumpften See ausgefüllt wurde. Die Bevölkerung dieser landschaftlich sehr schönen Gegend nahm Franziskus freundlich auf.

Die Zuneigung der Menschen und die Schönheit der Natur hatten vor allem auch eine heilende Wirkung auf Franziskus. Es scheint, dass er auch letzteres nicht vergaß. Vielleicht war es auch schon Teil seines Frömmigkeitsmusters, vom den Feld schreibt:

Friedensverständnis und Friedenspraxis des Franziskus wurzeln letztlich in seiner Auffassung von Schöpfung und Erlösung. Nicht nur die „bösen“ Weltleute, sondern auch die Tiere, Pflanzen und Naturelemente sind Kinder eines guten Schöpfers, untereinander Geschwister und zur endgültigen Erlösung bestimmt.

Und in der Betrachtung des berühmten Sonnengesangs kommt Feld zu dem Schluss:

In seinem Verständnis waren die Tiere, die Pflanzen und die großen Naturerscheinungen, wie Sonne, Mond, Erde, Feuer, Wind und Wasser, beseelte Wesen, die von Gott geschaffen und auch zum endgültigen Heil berufen waren.

… Franziskus teilt diese Auffassung [dass alle Geschöpfe Anteil haben an Gottes Leben] mit dem Katharertum seiner Zeit. Doch im Unterschied zu dem katharischen Weltbild, das in der Schöpfung das Werk zweier göttlicher Mächte, der guten und der bösen, sah, erkennt Franziskus in allen Dingen eine „untergründige Güte“ (fontalis bonitas), die ihren Ursprung in einem einzigen, guten Gott hat.

So verstörend seine Haltung zum eigenen Körper und zur Sexualität war, so einfühlsam konnte er wiederum seinen Mitgeschöpfen begegnen. Aus den Berichten seiner Gefährten wissen wir, wie sehr ihm die am Herzen lagen:

Er konnte aus der Fassung geraten, wenn es jemand an Ehrfurcht gegenüber den Kreaturen fehlen ließ (Leg. Per. 86). Dieser Haltung entspricht sein Eintreten für Erhaltung und Schonung der Natur. […] Er sammelte Raupen und Würmer vom Weg ein, damit sie nicht zertreten würden; wenn er im Winter Bienen zu Gesicht bekam, ließ er sie mit Honig und Süßwein füttern, um ihr Überleben zu sichern (I Cel 80). Wenn die Brüder Brennholz schlugen, wies er sie an, den Stamm nicht an der Wurzel abzuhauen, sondern einen Stumpf stehen zu lassen, der wieder ausschlagen konnte; der Gärtner sollte um den (Kloster-) Garten herum nicht kultivierte Landstreifen übrig lassen, damit die wilden Pflanzen und Blumen zu ihrer Zeit Zeugnis geben könnten von der Schönheit des Vaters aller Dinge;

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