Fast bloß eine Schale Reis

Ich fange wieder mit der körperlichen Seite an. Meinen Reis auf zwei Portionen zu verteilen klappte relativ gut. Beim Essen verglich ich meine Portion mit denen der anderen am Tisch und versuchte ich mir dann vorzustellen, dass über zwei Milliarden mit mir am Tisch saßen und auch Reis aßen.

Später am Abend genehmigte ich mir noch einen halben Apfel dazu und merkte mit einem Schlag, welch ein Luxus sogar ein mickriger halber Apfel für jemanden sein muss, der von einer Schale Reis am Tag lebt. Und – positiv formuliert – wie dankbar ich für einen halben Apfel sein konnte.

Überhaupt wird meine Erfahrung ja dadurch behindert und zugleich erleichtert, dass ich weiß, im Notfall (und den definiere ich selbst…) kann ich jederzeit so viel essen, wie ich mag. Erleichtert, weil das Ende immer schon in Sicht ist. Behindert, weil ich durch das absehbare Ende die Konfrontation mit dem Mangel nicht so ernst nehmen könnte.

Auf der Website zur Aktion stand gestern eine Bibelauslegung. Irgendwie fand ich keinen Zugang zu dem Text, was vermutlich mehr an mir lag als am Autor. In der Nacht lag ich dann eine Weile wach, aber vermutlich eher wegen eines aufwühlendes Gesprächs am Tag zuvor und weniger, weil der Magen knurrte. Auf n-tv lief eine Dokumentation über den ersten Weltkrieg. Die Bevölkerung in Deutschland litt im Winter 1916 an Hunger, man ernährte sich von Steckrüben und pro Kopf standen etwa 1.000 Kalorien zur Verfügung. Trotzdem ist das immer noch mehr als diese eine Schale Reis…

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Eine Schale Reis: Der Einstieg

Das Sonntagsmenü stand schon, also habe ich den Beginn des angekündigten Selbstversuchs auf heute verschoben. Die ganze letzte Woche hatte ich einen etwas flauen Magen und eher mäßigen Appetit, aber gestern nachmittag und Abend zog das Hungergefühl – sicher auch, weil ich wusste, was mich diese Woche erwartet – deutlich an.

Wenn man nur so eine überschaubare Essensration vor sich hat, dann schiebt man die erste Mahlzeit vielleicht besser etwas hinaus, dachte ich mir und verzichtete auf ein paar Löffel Reis zum „Frühstück“. Im Lauf des Vormittags fragte ein hungriger Leidensgenosse an, ob der Reis in trockenem oder gekochten Zustand 100g schwer sein sollte. Ich hatte die Anleitung so verstanden, dass er vor dem Kochen gewogen wird.

Mittags war mir dann langsam kalt mit leerem Magen. Ich setzte den Reis auf und kippte, weil kein Brühwürfelchen mehr da war, ein paar Krümel Bratenfond ins Wasser, um etwas Geschmack zu erreichen. Mit mäßigem Erfolg. Der Rest der Familie aß auch Reis, freilich mit Huhn und eindringlich duftender Currysoße. Ich verspeiste gut die Hälfte meiner Portion und packte den Rest weg fürs Abendessen.

Das Verdauungstief fällt nach der leichten Mahlzeit weniger massiv aus, einen (freilich fairen!) Kaffee gönnte ich mir trotzdem und entschied, dass Milch auch ok ist, auch wenn die natürlich etwas Fett und Protein enthält. Für meine Mitmenschen bin ich so vermutlich genießbarer als wenn ich bloß Wasser zu mir nehme. Der Körper muss sich ja erst mal umstellen. Mit Alkohol sieht es dagegen schlecht aus. Ein 0,2l Glas Apfelsaft enthält laut Packung ein Fünftel des täglichen Bedarfs an Zucker, aber ein kleines Schorle ist vielleicht auch noch drin irgendwann heute.

Mein Fastenkollege schreibt gerade, er habe schon drei Viertel der Tagesration verdrückt und immer noch Hunger. Mal sehen, was das noch wird heute…

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Die Legende vom iGod

Meinen ersten Mac kaufte ich 1990, als Steve Jobs bei Apple längst rausgeflogen war und sich um Pixar und Next kümmerte. Es war ein Macintosh LC, auf dem meine Dissertation dann Schritt für Schritt entstand – das legendäre Pizzaschachtel-Design. Der Bildschirm war noch farblos, aber scharf und man konnte Texte schon im echten WYSIWYG erstellen – das Kürzel kennen meine Kinder gar nicht mehr. Steve Jobs hat einen Kurs in Kalligrafie am Reed College als einen wesentlichen Anstoß bezeichnet, der bei der Entwicklung des ersten Macintosh 1984 zehn Jahre später stilbildend wurde. Und genau das war es, was mich für Apple einnahm. Jemand hatte mich verstanden und mein Bedürfnis nach schlichter, menschenfreundlicher und funktionaler Ästhetik begriffen.

Die Schachtel mit 40 MB Festplatte wurde dann ein paar Jahre später erst mit einem Farbmonitor versehen und dann von einem Performa 630 und später 6400 verdrängt, der inzwischen CDs lesen konnte und viel zu groß war für den Schreibtisch. Statt einem 68020-Chip rechnete eine PowerPC 603e CPU. Apple wurde in dieser Zeit in dem Medien ständig mit dem Attribut „angeschlagen“ versehen. Erinnert sich noch jemand an Gil Amelio? Niemand wusste, wie lange die Firma noch durchhält. Man wurde von den Windows-Benutzern mal bemitleidet, mal verspottet. Die pragmatische Navy schien die sentimentalen Piraten mit ihrem ästhetischen Spleen bald erledigt zu haben.

Ich hatte sogar einen Newton für eine Weile, der aber umständlich, schwer und damit unbrauchbar war – kein Vergleich zum iPad. Dann kam Steve Jobs zurück. Ich war mir erst gar nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Doch innerhalb kurzer Zeit kamen iMacs (Schock: ohne Diskette!) und iBooks aus buntem Plastik heraus (hatte ich nie), dann der Schwenk ins Weiß zum Schreibtischlampen-iMac (hatte ich, steht heute noch im Haus) und den weißen Notebooks.

Wie die Produktgeschichte weiter lief, kann man überall nachlesen in diesen Tagen. Apple verdiente plötzlich Geld, es wurde immer mehr und seit 2004 wurde die Marke so hip, dass sie ernsthafte Marktanteile im Mainstream ergatterte. Meine Söhne brachten ihre Freunde mit und mit einem Mal entschuldigten sie sich nicht mehr dafür, dass bei uns ein Mac herumstand, es brachte ihnen Bewunderung und Respekt ein – und ich musste mir keine Klagen mehr anhören, wann wir endlich Windows kriegen.

Seither gibt es überall begeisterte Neu-Macianer oder iPodPhonePad-Nutzer. Für mich war Apple nie ein Hype. Freilich hat mich gefreut, dass sich der ästhetische und kreative Ansatz durchgesetzt hat gegen die übermächtige Mentalität der Schrauber und Zahlenkolonnen. Ich glaube, dass das mit dem Kult ein Missverständnis ist. Unsere Mediengesellschaft veranstaltet um alles Mögliche einen Kult, Elvis und Michael Jackson waren Kultfiguren, in Italien sogar zeitweise Diego Maradona. Steve Jobs nicht – der hat das Echo der Medien sicher auch genutzt, im Letzten denke ich aber, dass er „seine“ Produkte nicht primär als Waren, sondern als Kunstwerke und irgendwie auch Geschöpfe verstanden hat, so wie ein Regisseur oder Autor das mit den Protagonisten seiner Geschichten vielleicht auch tut. Er hat seine eigene Begeisterung für sie so unwiderstehlich versprüht, wie es selbst der cleverste Verkäufer nie könnte, der darin eben nicht einen Teil von sich selbst erkennt.

Wenn es eine wirklich legitime Rede vom quasi-mythischen, süffisant so genannten „iGod“ gibt, dann ist das vielleicht die Geschichte eines begeisterten, leidenschaftlich kreativen und kompromisslos auf Vollkommenheit zielenden Schöpfers, der sich an seinem Universum kindlich freuen kann – und nicht die des jähzornigen Autokraten, selbst wenn es solche Momente sicher auch gab. In diesem ersten Sinne zeichnen auch Walter Isaacson und Walt Mossberg den Menschen Steve Jobs. Ihre Berichte heben sich wohltuend ab vom Mainstream, der über grobe Klischees nicht hinauskommt. In diesem Sinne spiegelt er den wahren Schöpfer von unser aller Welt wider.

Steve Jobs war kein Messias. Gerettet hat er nur Apple, aber er hat vielleicht doch auch geahnt, dass „Schönheit die Welt retten wird“, wie Dostijewski sagte. Die Welt ist ein bisschen ärmer geworden ohne ihn. Aber wenn viele sein Vermächtnis nicht nur in Form von Geräten kaufen, sondern die Philosophie verstehen und die Haltung verinnerlichen, die Jobs an den Tag gelegt hat, und dabei ihrem Herzen folgen, dann könnte daraus auch weiter Gutes entstehen.

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Wie schmeckt Armut?

Die Micha-Initiative ruft für die kommende Woche zu einer – für alle, die sich ihr anschließen – enorm eindrücklichen Aktion auf: Unter dem Motto Reicht Fast(en)? kann man sich verpflichten, täglich eine Schale Reis (100g, ca 350 kcal) zu essen. Blank, wenn’s geht, mit etwas Salz.

Mehr nicht, denn das ist die tägliche Essensration für ein Drittel der Weltbevölkerung – über 2 Milliarden Menschen! Die eine Milliarde, die tatsächlich im „technischen“ Sinn hungert, hat noch weniger…

Letzte Woche haben wir in einem Teamtreffen über die Aktion gesprochen und die meisten fanden das schon ziemlich happig. Einer aus der Runde meinte, dann würde er lieber ganz fasten, dann stellt sich wenigstens kein Hunger ein. Andere schüttelten den Kopf und meinten, sie müssen ja arbeiten, da geht so etwas nicht.

Andererseits: Vielleicht muss man es ja gerade deshalb am eigenen Leib erfahren! Denn die Leute mit der einen Schale Reis am Tag arbeiten ja auch. Also: Wo sind diejenigen, die es drauf ankommen lassen? Egal, wie lange jede/r durchhält – einen Versuch sollte es uns allemal wert sein. Also jetzt bitte nicht gleich „Reis aus nehmen“ – es sei denn, jemand hat Untergewicht oder gesundheitliche Probleme. Als Diät ist das Ganze übrigens auch nicht gedacht (zunehmen wird man freilich kaum).

Man lebt billig in so einer Woche. Das ist die andere Seite. Das gesparte Geld kann man dann spenden, um Armut und Hunger zu bekämpfen. Die Flyer für die Aktion kann man übrigens noch hier bestellen.

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Weisheit der Woche: Dankbarkeit

Brian McLaren hat mit Naked Spirituality ein wunderbares Buch geschrieben. Gleichermaßen tiefgründig, zugänglich und motivierend stellt er dort zwölf Grundbewegungen des geistlichen Lebens vor. Im Unterschied zu manch anderem Werk dieses Genres kommt er auch ohne gesetzliche Forderungen, moralisierende Schuldgefühle und abtönende Gewissensbisse aus.

Wir haben mit einer Predigtreihe zu den zwölf Worten begonnen, nächsten Sonntag folgt der zweite Teil, und da geht es um Dankbarkeit. Nicht unbedingt neu, aber immer aktuell ist dabei dieser Anstoß für uns Bürger der Wohlstandsgesellschaft, zumal wenn Krisengewölk am Wirtschaftshorizont erscheint:

Je mehr wir haben, desto mehr müssen wir uns in Dankbarkeit üben; sonst halten wir immer mehr von dem, was wir haben für selbstverständlich. Wenn wir aus Gewohnheit immer mehr für selbstverständlich halten, macht uns unser Undank schließlich … unglücklich. Und natürlich müssen wir Dankbarkeit auch üben, wenn wir wenig haben, so dass das wenige, das wir sehr schätzen, zu mehr Glück führt als Vieles, was wir wenig schätzen.

Man kann das als einen Kommentar zu Philipper 4,13 lesen, dem die sachte Erinnerung daran folgt, dass wir um diese Haltung der Dankbarkeit kämpfen müssen:

A lot of people spend a lot of money to keep you from being grateful.

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Kurz und (zu?) knapp…

Erzbischof Zollitsch musste kurz und simpel antworten, als ihn die Kinderreporter des Spiegel befragten. Er tat das durchaus sympathisch und angenehm persönlich, und manchmal kann die Kürze ja auch zu einer gewissen Prägnanz führen. Insofern ist es dann auch interessant, wie direkt seine Antwort auf die Frage, warum Frauen nicht zum Priesteramt zugelassen sind, ausfällt:

Das ist eine Tradition, die es seit Beginn der Kirche gibt. Die kann man nicht einfach so ändern, obwohl manche das gern möchten. Jesus hat damals nur Männer zu seinen Aposteln erwählt. Und die Priester sind ihre Nachfolger.

Das Argument der unumstößlichen Tradition steht auf tönernen Füßen. Immerhin hat man eine andere Tradition, dass Apostel und Priester lange verheiratet waren, vor etlichen Jahrhunderten auch zugunsten des Zölibats geändert, der nun seinerseits als unumstößliche Tradition erscheint. Und die Kritiker dieser Position wollen das ja auch nicht „einfach so“ ändern, sondern auch gutem Grund.

Der begründende Nachsatz zeigt dann schön die ganze Problematik: Erstens ist da der (Fehl?)Schluss vom Sein („Jesus hat…“) zum Sollen („daher können wir nicht“). Verboten hat Jesus ja nicht, das auch anders zu halten. Dass der Jüngerkreis Jesu bunter war, dass die Funktion der Zwölf eine symbolische und nicht primär eine priesterlich-hierarchische war, dass, wie man auch sagen könnte, der Ur-Apostolat – die Botschaft von der Auferweckung – nach einhelligem Zeugnis der Evangelien zuerst gerade Frauen anvertraut wurde, das muss den Kindern dann doch jemand anders erklären.

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Gefahr am rechten Rand

Gestern bin ich im schönsten Sonnenschein ein Stück Landstraße geradelt und habe dabei eine interessante Beobachtung gemacht. Es gibt eine unmittelbare Korrelation zwischen dem Abstand eines Radfahrers zu rechten Fahrbahnrand und dem Abstand, mit dem er von Autofahrern passiert wird:

Fahre ich nag am Fahrbahnrand, sagen wir 30 cm neben der Linie, rasen die PKWs mit 30 cm Abstand an mir vorbei. Ich werde auch bei Gegenverkehr überholt, weil man ja die Mittellinie gar nicht überschreiten muss, um an mir vorbeizukommen. Bei solchen Manövern genügt ein kleiner Wackler mit dem Lenker, und ich bin Matsch.

Fahre ich dagegen einen guten Meter links von der Linie, dann werde ich mit einem Abstand von mindestens einem Meter überholt. Nun ist dem Autofahrer bewusst, dass er die Gegenfahrbahn nutzen und mich als vollwertigen Verkehrsteilnehmer behandeln muss, nicht etwa als Randerscheinung.

Wer also meint, er tue Autofahrern einen Gefallen, wenn er sich möglichst eng an den rechten Rand schmiegt, der irrt. Er verleitet sie vielmehr zu einem Verhalten, mit dem sie sich und andere gefährden (hier ließen sich nun nette politische Analogien ziehen…!) und vor allem gefährdet er sich selbst, weil er durch seine Ausnutzung des Raumes die Botschaft vermittelt, dass er sich selbst nicht ganz „für voll nimmt“.

Also, liebe Pedalritter: Nehmt Euch ernst, gönnt Euch den Raum, und seid Euch bewusst, dass es sogar denen dient, die Euretwegen (leise fluchend, aber das hört Ihr ja nicht) auf die Bremse treten müssen.

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