Freiheit (1)

DSC01938.JPG

Nach sechs Wochen bin ich heute den ersten Tag ohne Gips respektive Schiene unterwegs. Heute morgen bekam ich meinen „Freispruch“, auf dem Röntgenbild ist nichts mehr zu sehen, sagte der Arzt. Manche Bewegungen gehen noch nicht wieder im alten Umfang, manches tut auch noch weh, aber hey – was soll’s?

Ich freue mich über lauter scheinbare Banalitäten: Ich habe es heute mittag geschafft, mit links den Löffel bis zum Mund zu bugsieren, ich bin das erste Mal wieder Rad gefahren, ich kann andere wieder richtig in den Arm nehmen, mit beiden Händen einen Text schreiben, endlich wieder alle meine Pullis und Jacken anziehen und morgen oder übermorgen geht’s wieder joggen – 6 Wochen Pause hat es da in den letzten zehn Jahren auch nie gegeben – mir ist noch etwas mulmig vor dem ersten Lauf.

Ach ja, Auto fahren geht dann wohl auch wieder. Manches hatte ich gar nicht mehr vermisst am Ende, so sehr hatte ich mich schon an die Einschränkung gewöhnt. Jetzt gibt es wieder viele neue alte (oder alte neue?) Dinge zu entdecken.

Und am Sonntag bin ich für den Besuch des Regionabischofs zu meiner Beauftragung als Prädikant (für Taufe und Abendmahl) wieder voll einsatzfähig. Darauf haben wir zwei Jahre hin gearbeitet und gemeinsam einige institutionelle Klippen überwunden. Da ist es schön, beide Hände zum Abendmahl frei zu haben.

Share

Verlockende Romantik

46169.jpg Alan Roxburgh analysiert in Missional Map Making mehrere spätmoderne Entwicklungen: Globalisierung, Pluralismus, drastische Armut, Demokratisierung des Wissens, rasanten technischen Fortschritt und mehr. Als letztes erscheint die Rückkehr zur Romantik. Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer versinnbildlicht, worum es dabei geht: Der einsame Wanderer hat einen Punkt klarer Sicht oberhalb des trüben Schleiers gefunden, der über den Niederungen der Zivilisation (und, so würden wir heute hinzufügen ihren Abgasen) liegt. Sein Blick schweift in die grenzenlose Weite und sieht erhabene Dinge.

Ähnlich sehnen wir uns heute danach, unserer undurchschaubaren und unkontrollierbaren Welt ein Schnippchen zu schlagen und uns aufzuschwingen zu einer reinen, unverstellten, idealen Vision von Jesus und dem, was Kirche zu sein hat. Es ist der begreifliche Versuch, den trübenden und betrüblichen Auswirkungen unserer Kultur zu enteilen. Dabei verrät schon die Semantik der Buchtitel („wild“, „ungezähmt“) den Romantiker. Das Marketing der Verlage spielt diese Karte im Übrigen kräftig mit.

Auf den ersten Blick ist das sehr sympathisch und erfrischend attraktiv, doch der Anspruch neuer Klarheit inmitten gegenwärtiger Wirrungen ist nicht einlösbar. Denn auch der Hang zur romantischen Verklärung (siehe „Avatar„) gehört zu unserer Kultur. Er ist nur das Gegenstück zum Technokratentum, sein Schatten, aber nicht seine Überwindung. Am Ende drohen wieder fünf-Punkte-Programme oder drei Schritte zum missionalen Erfolg.

Theologisch genau betrachtet ist die Idee, mit einer reinen Schau der Dinge vom Berg der Verklärung herabzusteigen und andere mit dieser Erkenntnis von ihren Täuschungen zu erlösen, eine milde Form des Gnostizismus. O-Ton Roxburgh (da kommen die Anspielungen besser heraus):

All the idealists, with their wonderful dreams of a new future and a different kind of world, are reemerging, telling us about the shape of things to come or presenting us with some past moment in history that gives us clues to how we are to function in the new space.

… Such are the dreams of the new Gnostics. When our maps of the world no longer mark where we are, many will look for the Pied Piper who can lead them on the new „right“ path. In this new space, looking for a mysterious stranger to provide all the answers is a beguiling temptation but nevertheless a false and unrealistic hope.

Share

Katzen hüten

Nette Metapher von Alan Roxburgh zur Frage, was es bedeutet, eine Gemeinde zu leiten:

Ich erkannte, dass eine Gemeinde zu leiten dem Hüten von Katzen ähnlicher ist, als einen strategischen Plan in die Tat umzusetzen. Katzen widersetzen sich heftig, wenn man sie auf Kurs bringen will – vor allem, wenn es so wenige Anreize gibt!

… Gottes Volk ist in vieler Hinsicht wie Katzen. Mir wurde klar, dass es eine gesunde Reaktion ist, sich angesichts eines strategischen Plans von jemand anderem wie eine Katze zu verhalten.

aus Missional Map Making

Cat People von Sebastián-Dario via Flick'r (creative commons 2.0)

Share

Zahlen für die Reichen?

Zwei Beiträge haben mich in der letzten Woche beunruhigt. Michael Hartmann schreibt in der Zeit, dass die Eliten sich radikalisieren. Die Klasse der „Leistungsträger“ setzt sich zunehmend vom Rest der Gesellschaft ab. Ihr Reichtum wächst weiter, während das der anderen bestenfalls stagniert. Die oberen 10 Prozent besitzen 61 Prozent des Vermögens.

Und sie werden dabei tatkräftig unterstützt: Auf Spiegel Online zeigt Ulrike Herrmann, dass die Mittelschicht gegen ihre eigenen Interessen stimmt und sich lieber nach unten als nach oben abgrenzt. Sie trägt die Kosten der Krise weitgehend und lässt sich dabei einreden, die Armen seien die Schmarotzer. Die Identifikation nach „oben“ ist psychologisch verständlich, im Ergebnis fatal. Wie reich die Reichen sind, das wird derweil systematisch verschleiert – Nettoverdienste über 18.000 Euro im Monat werden – das war mir auch neu – nämlich statistisch gar nicht erfasst.

Eine Solidarisierung mit den Armen wäre die bessere Lösung, so Herrmanns Fazit, denn:

Die Mittelschicht wird so lange für die Reichen zahlen, wie sie sich selbst zu den Reichen zählt.

Share

Karikaturenstreit?

In der taz diskutieren zwei katholische Redakteure kontrovers über dieses Titelbild von titanic. Finde ich nett, vor allem deshalb, weil es bisher gar keine lauten Klagen gab. Das liegt sicher auch daran, dass die katholische Kirche, die in solchen Fällen eher reagiert, hier kaum in eigener Sache protestieren kann, ohne sich die nächste Runde bitterer Kritk einzufangen. Immerhin bleibt idea sich treu und meldet wachsenden Protest.

In Wahrheit ist das doch gar kein satirisches Bild. Wenn man die Identifikation Jesu mit „den geringsten meiner Brüder“ aus Matthäus 25 ernst nimmt, ist das einfach nur die drastisch ins Bild gesetzte Wahrheit. Und der Missbrauch war und ist die Blasphemie.

Was titanic angeht – heldenhaft mutig war das natürlich nicht und auch nicht schrecklich kreativ.

Share

Bild vom Bild

Auch wenn es keinen Beleg für den extremen Skeptizismus derer gibt, die behaupten, dass die historische Figur Jesu – wenn es denn je eine gab – unwiderruflich hinter dem Rauchschleier der urchristlichen Verkündigung verschwunden sei, so ist es dennoch angebracht, bei der Warnung anzusetzen, dass jedes spätere Jesusbild in Wirklichkeit nicht auf einem unretuschierten Original des Evangeliums beruht, sondern ein Bild dessen ist, was im Neuen Testament selbst schon ein Bild ist.

Jaroslav Pelikan in Jesus through the Centuries

Share

„Eine Generation auf Wanderschaft“

Carol Howard Merritt beschreibt auf Huffington Post, dass Evangelikale in den USA einen gravierenden Traditionsabbruch erleben. Der Zauber der Megachurches versagt bei jungen Leuten, und sie nennt drei Gründe dafür:

  • Sexismus – Leitung ist nahezu ausschließlich Männern vorbehalten
  • Religiöse Intoleranz – Andersgläubige und ihre Überzeugungen werden einseitig negativ wahrgenommen und dargestellt
  • Einseitig konservative Politik – trotz einzelner abweichender Stimmen hat man sich als Bewegung nie von der Religiösen Rechten distanziert, geschweige denn gelöst, Leute wie Pat Robertson genießen Narrenfreiheit

Viele junge Menschen steigen aus, gehen entweder (wie die Autorin) in die „liberaleren“ Mainline Churches oder – und das ist die überwältigende Mehrheit – in gar keine Kirche mehr.

Hier ist das alles zum Glück nicht so extrem. Aber eine gewisse Spannung zwischen den Werten der verschiedenen Generationen ist erkennbar. Vielleicht liegt es ja nicht mal am Alter – es gibt ja auch junge Hardliner, die auf sehr enge Vorstellungen abfahren, und Ältere, die wunderbar progressiv denken. Hoffen wir trotzdem, dass es eine gesunde Spannung bleibt. Und dass alle Wanderer einen guten Platz finden, wo sie ihre Zelte aufschlagen können.

Share

Heiße Ohren

Die heiß ersehnten Podcasts vom Wochenende mit Alan Roxburgh sind jetzt online. Die Highlights dabei waren der Samstag Nachmittag und Abend, aber natürlich lohnt sich die ganze Serie. Hier geht’s weiter.

Kleine Warnung vorweg: Alan spricht nicht gerade durch die Blume, er mag ein (seine Worte) „robust engagement“. Aber das macht er dann auch gut.

Share

Kein Märtyrer

Ich mag Brian McLaren. Er hat eine unkonventionelle Art zu denken und er lässt sich nicht ins Bockshorn jagen. Er ist zudem ein angenehmer, unkomplizierter Zeitgenosse. Er hat Dinge in Worte gefasst, die manch anderer im christlich-konservativen Amerika kaum zu denken wagte, und vielen damit Mut gemacht, zu sich selbst und den eigenen Überzeugungen zu stehen.

Und er hat dafür einiges einstecken müssen. Und hier beginnt meine Sorge. In letzter Zeit kamen immer wieder einmal Töne, die mich (bei aller Differenz in der Theologie) an Hans Küng oder entfernt sogar Eugen Drewermann erinnern. Etwa wenn Brian im Huffington Post darüber nachdenkt, warum er so angefeindet wird und sich dabei auf das Milgram-Experiment bezieht. Da ist einiges schief im Vergleich und ich hoffe, Brian schafft es bald wieder, aus dieser Selbststilisierung zum Opfer eines kranken Systems auszusteigen, dessen Chefkritiker er ja gleichzeitig auch gerade zu werden scheint.

Bitte, lieber Brian: Sage weiter mutig – und positiv – was du denkst. Beziehe und halte deine Position und ermutige andere zum eigenständigen Denken. Aber lass, wenn überhaupt, andere dich als Märtyrer bezeichnen. Du wärst (wie Küng und der immer irgendwie weinerlich klingende Drewermann) ohne diese – zugegeben: oft bitteren – Kontroversen nie so bekannt geworden. Und neben den vielen „treuen Kritikern“ hat dir das auch viele gute Freunde beschert. Bleibe der Poet und Troubadour, der du bist. Lass dich nicht zum „Kritiker vom Dienst“ umbiegen. Und wenn du – wie wir alle ab und zu – deine Wunden lecken musst, dann tu das nicht in der Öffentlichkeit. Jim Wallis tut es auch nicht.

Share

Männer und Opfer, Frauen und Geist?

Ein interessanter religionssoziologischer Gedanke, den ich heute bei LeRon Shults in Christology and Science gefunden habe, bezieht sich auf die Unterscheidung zwischen der Orientierung am Opfer und dem Wirken des bzw. eines Geistes, die in verschiedenen Religionen koexistieren und weist auf eine Hypothese von Nancy Jay hin:

Opfersysteme stehen oft im Zusammenhang mit patrilinearen Praktiken, während Besessenheit – oder Erfülltsein mit einem Geist (oder dem Geist) – eine Erfahrung des Heiligen ist, die häufiger für Frauen offen ist und in manchen Kulturen explizit mit einer Anführerin in Verbindung gebracht wird. Das könnte zum Teil erklären, warum sie viele (vorwiegend männliche) Formulierungen der Sühne (Versöhnung mit Gott) der Funktion des Heiligen Geistes so wenig Beachtung geschenkt haben.

Share

Abschied vom bösen Gott

Was sagt einer, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, zu glauben, dass alles Schlechte, das auf der Welt geschieht, das Ergebnis eines böswilligen Gottes ist, wenn er morgens aufwacht und aus dem Fenster schaut und die Welt noch immer so beschissen ist, wie sie es immer war?

Er sagt: „Scheiße.“

Das jedenfalls habe ich gesagt.

Das muss man gelesen haben: Shalom Auslander in einem hinreißenden Abrechnung mit Gott, oder besser: den gewalttätigen und strafenden Gottesbildern des christlichen Fundamentalismus und des konservativen Judentums, in der Zeit.

Share

Noch mehr Berg-Bilder

Die Erlanger Nachrichten haben sehr positiv über den Kreuzweg berichtet. Eine ganz ähnliche Sache gibt es übrigens in Kolumbien, schreibt der Spiegel. Aber wer will schon so weit reisen müssen?

Hier steckt eine kleine Diashow mit noch mehr Bildern vom Karfreitag  – kleiner aufgelöst und daher nicht ganz so schön anzusehen findet Ihr unten die Youtube-Version. Viel Spass beim Ansehen!

Share

Gestörter (Algo)rithmus?

Es wurde ja schon ab und an postuliert, die Kirchen müssten von Google lernen, wie man Erfolgsgeschichten schreibt. Das Problem dabei ist wie immer die Definition von Erfolg. In der Regel fällt hier der Begriff „Wachstum“: Gute Gemeinden wachsen, gute Christen auch. Sie werden besser, sie werden mehr.

Wachstum ist daher messbar. Es gibt Kennziffern. Google hat gerade einige beunruhigende Daten registriert. Die Belegschaft ist erstmals geschrumpft, und Top-Leute waren unter den Abgängern. Die Gefahr eines Brain Drain angesichts immer stärkerer Hierarchisierung des Großunternehmens nicht auszuschließen.

Nun hat Google eine Formel entwickelt, mit der man in einer Art Rasterfahndung unzufriedene, schlecht ausgelastete Mitarbeiter sucht. Die SZ zitiert den Personalchef Laszlo Bock, der sagt, es gehe darum, „in die Köpfe der Menschen zu kommen, bevor sie überhaupt wissen, dass sie das Unternehmen verlassen wollen.“

Und wir können nun in Ruhe darauf warten, wer den ersten quantitativen Algorithmus präsentiert, die die Abwanderung von Kirchengliedern präventiv zu erkennen hilft – bevor diese überhaupt darüber nachdenken. Nach dem Motto: Besser wir denken vor als die anderen nachdenken zu lassen. Denn wer weiß schon, auf was für Gedanken Leute so kommen?

Share

„Gott im Berg“: kleiner Rückblick

An die 800 Leute fanden heute in den Henninger-Keller und legten den Weg um die 14+1 Stationen zurück. Die Resonanz war überwältigend positiv. Hier ein paar optische Eindrücke – als Andenken und für alle, die nicht dabei sein konnten:

DSC05121.jpg DSC05147.jpg

DSC05168.jpg DSC05244.jpg

DSC05229.jpg DSC05234.jpg

DSC05263.jpg DSC05174.jpg

Danke an die vielen großartigen Mitarbeiter und Helfer, die stundenlang auf- und abgebaut haben. Ganz besonders an Arno und Mischa, die extra aus der Schweiz gekommen sind, um alles ins rechte Licht zu rücken!

Share