Heiße Eisen und gute Argumente

Ich habe in den letzten Wochen mit ein paar Leuten über das „Dossier Homosexualität“ in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Aufatmen gesprochen. Die Autoren der verschiedenen Beiträge sind alle miteinander der Auffassung, dass Homosexualität an sich in der Bibel als falsch bewertet wird und für Christen, die das ernst nehmen, daher zwei Optionen bestehen: Enthaltsamkeit oder das Ringen um eine Veränderung der sexuellen Orientierung, das sie – im Gegensatz zur derzeit landläufigen Meinung – für möglich halten.

Egal welche Position man vertritt, es kommt in dieser Frage auf saubere Argumentation an. Missverständnisse und Verurteilungen gab es von allen Seiten schon reichlich. Jüngst erst bezeichnete der konservativ-reformierte John Piper einen Tornado in Minneapolis als Gottes Antwort auf die zeitgleiche Öffnung der in unmittelbarer Nähe tagenden US-Lutheraner für Pastoren, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben. Das Beweisfoto einer abgeknickten Kirchturmspitze liefert er gleich mit.

Nun sind mir beim Lesen des Beitrags über „Homosexualität in der Bibel“ ein paar Fragen gekommen, die ich hier zur Diskussion stellen will. Theologische Argumente sind meteorologischen sicher vorzuziehen. Vorab aber die Bitte an alle, die unten dann kommentieren, sachlich bei den angeschnittenen Fragen zu bleiben und im Ton alle Polemik zu vermeiden, davon gibt es anderswo mehr als genug. Ich beschränke mich in diesem Post auf die Auslegung von Leviticus 18,22 („Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“ – ähnlich Lev. 20,13)

Im ersten Argumentationsgang wird die Frage abgewiesen, ob Homosexualität hier als mutwillige Tat oder als eine Neigung und Empfinden verstanden wird, das allen willentlichen Entscheidungen vorausgeht. Dazu verweist der Autor Christoph Raedel auf Jesu Verbot der Ehescheidung, aus dem er mit Pannenberg die Norm für alles geschlechtliche Verhalten ableitet. Sprich: Es gibt die Ehe von Mann und Frau und alles andere ist Sünde. Der Punkt ist insofern aufschlussreich, als der Verweis auf die „Schöpfungsordnung“ das implizite Grundargument in dieser Frage darstellt. Jesus, der zu Homosexualität nichts gesagt hat, wird auf diese Weise in das Argument eingebunden. Betrachtet man den Kontext von Mk 10,2-9, dann liegt die Aussageabsicht aber an einer ganz anderen Stelle, nämlich dem Schutz der Frauen vor den Launen ihrer Männer und der jüdischen Scheidungspraxis, in der zwar Männer ihre Frauen verlassen konnten, aber nicht umgekehrt. Es hat also eine gewisse emanzipatorische Funktion. Der Gegensatz (das war es in diesem Fall) Mann/Frau ist von daher vorgegeben. Ob man daraus ableiten kann, dass Jesus hier implizit auch homosexuelle Partnerschaften verurteilt, scheint mir eher fraglich.

Im zweiten Schritt weist Raedel eine Orientierung an der Frage der „Mannesehre“ ab. Denn in Lev 18 werden tatsächlich nur Männer angesprochen. Er verhandelt sämtliches Verhalten (hier werden sexuelle Beziehungen zu verschiedenen Graden von Angehörigen untersagt, aber zwischendurch auch Verkehr mit der eigenen Frau während der Regelblutung, Sex mit Tieren und das Opfern von Kindern für den „Moloch“) unter dem Stichwort „Grenzverletzung“. In diesem Fall eben die Verletzung der „Geschlechterzuordnung“. Damit sind wir wieder beim Schöpfungsargument und müssten uns also mit Genesis 1-2 befassen. Etwas unglücklich scheint mir, dass an dieser Stelle die Parallelität zum Inzest und zur Sodomie betont wird.

Drittens sei das zentrale für die Verurteilung von homosexuellem Verhalten nicht in der Unfruchtbarkeit (Kinderlosigkeit war ein großer Makel im alten Orient) zu suchen, meint Raedel, sondern in der Verletzung der Rollenordnung. Hier wird wieder auf Inzest verwiesen und das Verbot der Kinder- bzw. Menschenopfer, in denen auch die Rollen verletzt werden.

Viertens sei hier nicht nur von Kultprostitution die Rede, so dass nichtkultische sexuelle Beziehungen davon unbenommen blieben, obwohl dies, wie Raedel zugesteht, die häufigste Form gewesen sei, in der Israel homosexuellen Verkehr kennengelernt habe. Es sei nicht von ritueller, sondern moralischer Verunreinigung die Rede, daher könne auch keine kultische Sühne durch Reinigung und ggf. Opfer erfolgen, sondern der Tod sei die einzig mögliche Konsequenz. Das steht auch so in Lev 18, gilt aber eben auch für den Mann, der seiner Frau während ihrer Tage zu nahe kommt! Ich hätte mir hier noch eine Aussage dazu gewünscht, ob und in welchen Fällen Raedel die Todesstrafe heute für angemessen hält. Das ist doch eine recht happige Drohung, die auch im heutigen Judentum nicht mehr so wörtlich genommen wird. Es ist mit Sicherheit aber ein Text, mit dem über Jahrhunderte harte Ausgrenzung gerechtfertigt wurde und der immense Ängste hervorgerufen hat und bis heute noch hervorruft – und wenn Raedel ein paar Absätze weiter (unnötig, wie ich finde) mit dem Neutestamentler Richard Hays Homosexualität als „Sakrament der Antireligion“ bezeichnet, werden all diese Ängste durch die steile Aussage schlagartig wach und apokalyptische Horrorvisionen gesellen sich noch dazu.

Aber zurück zu Levitikus 18. Meine Anfragen zu den Punkten 2-4 sind nun folgende:

  • Generell haben Christen das alttestamentliche Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26) nicht mehr als verbindlich angesehen, nur ist Lev 18 eben die wichtigste Aussage zu irgendeiner Form von Homosexualität in der jüdischen Bibel. Die Frage ist, ob man sich diesen einen Punkt aus dem Kontext herauspicken darf und den Rest – angefangen beim Strafmaß – dann doch ignorieren – zum Beispiel, indem man sich den Bart stutzt (Lev 19,27)?
  • Eine Tendenz dieser Aussagereihe (und von Raedels Insistieren auf der Behandlung dieses Textes) ist, dass wer Homosexualität nicht für ein Gräuel hält, damit auch anderen Dingen wie sexuellem Missbrauch von Kindern Tür und Tor öffnet. Nur argumentieren die wenigsten von uns beim Thema Kindesmissbrauch mit Lev 18, sondern mit dem offenkundigen Schaden, den dieses Verhalten anrichtet. Und Kinderopfer sind durch das Verbot des Tötens, das Jesus unmissverständlich verschärft hat, wie auch durch die Tatsache, dass das Christentum überhaupt keine blutigen Opfer mehr zulässt, auch problemlos ohne Lev 18 zu begründen. Müssten wir hier nicht doch eher fragen, welcher offenkundige Schaden denn entsteht – für die Betroffenen wie die Allgemeinheit?
  • Drittens würde ich mit Miroslav Volf unterscheiden zwischen Geschlechtlichkeit, die biologisch im männlichen und weiblichen Körper (Chromosomen, Geschlechtsorgane, Hormonhaushalt) begründet ist, und den kulturell bedingten Geschlechterrollen (im Englischen „gender“). Das eine ist da, das andere machen wir daraus. Wenn nun Raedel von der Verletzung der Rollen und Geschlechterordnung spricht, meint er Letzteres, erklärt es zugleich aber – und da wird es eben schwierig – wie Ersteres für unveränderbar. Freilich haben sich unsere Vorstellungen von Mann- und Frausein und die Deutung der anatomischen Unterschiede längst gewaltig geändert. In der alten Welt etwa galt der Mann beim Geschlechtsakt als der aktive, die Frau als der passive Teil. Das sehen und erleben viele Paare (und selbst christliche Eheratgeber) heute anders. Haartracht und Kleidung (auch bei Paulus noch ein Thema) haben sich gravierend verändert, ebenso die Bewertung von Fruchtbarkeit und Kinderlosigkeit.

Volf schreibt zur Frage der Geschlechterrollen (Exclusion and Embrace, S. 182):

Biblical „womanhood“ and „manhood“ – if there are such things at all, given the diversity of male and female characters and roles that we encounter in the Bible – are not divinely sanctioned models but culturally situated examples; they are accounts of the successes and failures of men and women to live out the demands of God on their lives within specific settings. This is not to say that the biblicals construals of what men and women (of what men and women as men and women) should or should not do are wrong, but that they are of limited normative value in a different cultural context, since they are of necessity laden with specific cultural beliefs about gender identity and roles.

Manches davon schwingt wieder mit, wenn es um die Frage geht, was in Römer 1,26ff mit „natürlich“ und „widernatürlich“ gemeint ist. Für heute lasse ich es bei der Frage, ob das Buch Levitikus der ideale Einstieg in die schwierige Debatte ist.

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„Missional“, zum x-ten Mal…

… in diesem Fall schön erklärt von Craig van Gelder, Professor am Luther Seminary, interviewt von Alan Roxburgh. Ich war neulich in einem größeren Treffen und musste mich immer wieder wundern, was Leute unter diesem Ausdruck alles verstehen. Klarstellungen sind nach wie vor nötig, vielleicht hilft ja die weiter:

Craig Van Gelder & Alan Roxburgh – What is Missional Church? from Allelon on Vimeo.

Kürzer, simpler ist Tim Keller in diesem Statement – auch schon ein paar Jahre alt. Gut für den Einstieg, aber natürlich geht es – auch für Keller – noch um mehr.

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„Tschüs!“

Dieser aktuelle Werbespot von Ikea veranschaulicht in seltener Klarheit, wie die Konsumkultur funktioniert: Es geht nicht mehr ums Besitzen, sondern ums Kaufen (möglichst exklusiv oder möglichst günstig, je nach Möglichkeit). Und dazu muss man das Alte erst mal loswerden. Man hängt nicht mehr an seinen Sachen, sondern man hat (in merkwürdiger Verdrehung des paulinischen Gedankens), als hätte man nicht. Wenn etwas Neues und Besseres auf den Markt kommt, fliegt der alte Kram eben raus. Wer mit der Zeit geht, der entrümpelt, und vor allem: der kauft.

Die Hintergründe bekommt man sehr schön erklärt bei William Cavanaugh und, wer lieber Deutsch liest, von Thomas Weißenborn.

Hier das Gegenbild zur Ikea-Logik: Story of Stuff – auf Deutsch:

Story of Stuff – German from UTOPIA AG on Vimeo.

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Wertschöpfung und Wertverlust

Ich sitze gerade über einer Trainingseinheit zum Thema „Umgang mit Dingen“ – Konsum also. Da stoße ich auf diesen schönen Bericht über Jens Mittelsten Scheid, der seinen Reichtum als Vorwerk-Erbe in Stiftungen investiert. Der 68-jährige hasst den ständigen Konsum, trägt zum Kummer seiner Frau bei Beerdigungen noch den Abituranzug – das würde bei vielen aus anderen Gründen scheitern – und hat das „Haus der Eigenarbeit“ in München gegründet, in dem man selbst Dinge machen kann, statt einfach zu konsumieren. Hintergrund der Idee ist, dass wir selbstgemachte Dinge nicht so schnell wegwerfen und Menschen lernen, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen. Mittelsten Scheid sagt:

Menschen sollen die Vielfalt ihrer Fähigkeiten kennenlernen und den Mut fassen, sich stärker einzubringen.

Ein anderer sehr aufschlussreicher Artikel steht diese Tage in der Zeit ein Kommentar von Pavlos Klimatsakis, der den Deutschen die Misere Griechenlands erklärt. Der Hintergrund ist für Klimatsakis ein Identitätsproblem. Seit der Befreiung von osmanischer Herrschaft ist es dem Land, dem wir die Grundlagen unserer europäischen Kultur verdanken, nicht gelungen, in der Bildung aufzuholen und eine starke Identität aufzubauen. Nach dem zweiten Weltkrieg orientierte man sich nach Westen, wurde in die EU aufgenommen, bekam den Euro. Und verlor im Konsumrausch alle traditionellen Werte:

Obwohl die Präsenz Griechenlands in der EU ein in wirtschaftlicher Hinsicht wirklicher Gewinn für das Land war, nahm die Mentalität des Volkes gleichzeitig eine unerwartete nihilistische Wende. Bis vor dreißig Jahren hat die kulturelle Tradition, die sich hauptsächlich dem orthodox-christlichen Credo verdankte, dem Volke sittliche Stützen verschafft. Die nähere Bekannschaft mit dem fortgeschrittenen Westen, Europa und USA, hat in den letzten Jahrzehnten die herkömmlichen Werte und Sitten pulverisiert. Die Griechen haben sich seitdem in regelrechte Betrüger, Lügner und Verleumder gegeneinander gewandelt. Dies betrifft sogar die grosse Mehrheit des Volkes.

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Uneinsichtig

Otto Hermann Pesch äußert sich zum bevorstehenden ökumenischen Kirchentag erfreulich ungeduldig. Hier ein paar Punkte aus seiner umfangreichen Liste:

Wir sehen nicht mehr ein, dass heute noch eine gegenseitige Zulassung zur Eucharistie, zum Abendmahl aus zwingenden theologischen Gründen ausgeschlossen sein soll.
Wir sehen nicht mehr ein, dass ein Kind aus einer konfessionsverschiedenen-konfessionsverbindenden Ehe, das getreu dem Versprechen des katholischen Partners zur Erstkommunion geführt wird, erleben muss, wie der evangelische Elternteil vom Empfang des Sakraments ausgeschlossen ist.
Wir sehen nicht mehr ein, dass, was immer in der Vergangenheit die Gründe gewesen sein mögen, Frauen nicht zum kirchlichen Amt zugelassen werden dürfen.
Wir sehen nicht mehr ein, dass angesichts all der Zufälle und auch Tragödien, die zur heutigen Gestalt des Papsttums geführt haben, die Anerkennung des päpstlichen Primats in Lehre und Disziplin zur Bedingung für eine neue Einheit der Kirche gemacht werden soll.

(Danke an Yotin Tiewtrakul für den Hinweis auf Facebook!)

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Frischer Auftritt

Endlich hat die Website von Alpha Deutschland ein neues Gesicht bekommen. Es ist am Internationalen Stil orientiert, läuft aber wegen der schleppenden Entwicklung international auf unserem eigenen System. Frische Farben passen in die Jahreszeit, Termine und Inhalte sind aktueller denn je. Nun hoffen wir mal, dass alles auch im normalen Betrieb stabil läuft.

Alpha HP.tiff

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Kulturkampf

In Saudi-Arabien setzt sich der Chef der islamischen Religionspolizei und Leiter des „Komitees für die Propagierung von Tugend und Verhinderung von Sünde“ (!), Ahmed al-Ghamdi, für das Ende der Geschlechtertrennung ein. Es bringt, so sagt er, den Islam in Misskredit. Nun fordern 27 islamische Geistliche seinen Tod. Wie groß die Macht der Hardliner ist, lässt sich schwer sagen.

Es ist ein Wandel im Gang – freilich ausgehend von einem Maß sozialer Kontrolle und religiöser Bevormundung, das es in Europa selbst im Mittelalter nicht in dieser Strenge gegeben hat. Wohin er führt, ist noch nicht klar. Einzelheiten hier auf Spiegel Online.

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Psychiatrische Hintertreppe

Die letzten Tage habe ich in Manfred Lütz‘ neuem Buch Irre – Wir behandeln die Falschen gelesen. Es ist eine mit Humor und Anekdoten angereicherte Tour durch die verschiedenen psychischen Leiden und die passenden Therapieansätze mit einer ausführlichen Einleitung zur Frage, wer eigentlich normal ist. Ein bißchen wie Wilhelm Weischedels philosophische Hintertreppe, nur eben für ein anderes Fachgebiet.

Der Titel trügt ein bißchen, denn Lütz denkt keineswegs, dass möglichst alle Normalos zu ihm in die Therapie kommen müssten oder dass seine Patienten keine Hilfe nötig hätten. Aber abgesehen von dieser irre-führenden Umschlagseite merkt man, wenn die anfängliche Pointendichte zurückgeht, eine große Achtung des Chefarztes vor seinen Patienten und deren einmaligen Lebensgeschichten. Schon deshalb lohnt sich die Lektüre.

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Himmlischer Rechnungshof?

Dallas Willard gibt ein spannendes Interview über die christliche Erlösungslehre und kommentiert die Problematik im Konzept des stellvertretenden Strafleidens Christi:

Willard: Ein Problem dieser Theorie in ihrer landläufigen Auffassung ist, dass sie Gott als jemanden darstellt, der nie vergibt. (…) Wenn Du freikommst, dann nur, weil jemand dafür bezahlt hat.

Interviewer: „Während du, Gemeindeglied in deiner Kirchenbank, 70 mal 7 mal vergeben musst, muss ich, Gott, mich in meinem Zorn besänftigen lassen, wenn jemand etwas falsch macht.

Willard: Das ist richtig. Sie gibt ein schreckliches Bild von Gott ab, und das lässt sich nicht mit dem in Einklang bringen, was Jesus über Gott gelehrt und praktiziert hat, oder was die Beziehung zu Gott in allen Zeiten für die bedeutet hat, die in Christus leben.

Willards Antwort auf die Problematik ist, dass man sich nicht auf eine bestimmte Erlösungstheorie (er nennt hier drei Ansätze) beschränken darf und dass die verschiedenen Theorien in der Regel zu kurz greifen, weil sie das Versöhnungsgeschehen nicht schon mit der Menschwerdung des Logos beginnen lassen.

In einer Diskussion neulich fiel die Aussage, man könne die hier kritisierte Theorie – gewiss in einer etwas geläuterten Form – heutigen Menschen durchaus plausibel machen. Ich habe daran keinen Zweifel. So funktioniert unsere Welt: Irgendwer muss bezahlen. Wir lesen es täglich in den Schlagzeilen. Es werden Schuldige gesucht, Strafen gefordert, Kompensationen angeboten. Und Gott ist so eine Art Präsident des obersten Rechnungshofes. Man kann das, wie gesagt, verfeinern. Aber für mein Empfinden sind die Kategorien das Problem: Ist das noch der Gott, von dem Jesus redete? Was mir bei Willard gefällt, ist dass er andere Kategorien findet, um zu beschreiben, was sich zwischen Gott und Menschen abspielt.

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Kopftücher und Kruzifixe

Da war sie wieder, die Diskussion über „religiöse Symbole“. Die Wellen schlagen wieder hoch, aber wir treten auf der Stelle. Was mich daran heute am meisten beschäftigt, sind die Klassifizierungen, mit denen da gearbeitet wird.

Erstens zum Thema „Religion“: Was sind „Religionen“ in einer Zeit, in der der dogmatische Atheismus quasireligiöse Züge annimmt? Kann man überhaupt noch klar sagen, wo Religion beginnt und endet? Wie sieht es aus mit religiösen Formen, die der Materialismus und die Konsumkultur entwickelt haben, wo bestimmte Werte und Ideale gefeiert und propagiert werden? Sprich: Gibt es irgendeinen neutralen Winkel, der ideologie- und religionsfrei wäre, und irgendeinen Punkt im kulturellen Niemandsland, von dem aus ein objektives Urteil über letztgültige Überzeugungen anderer möglich ist?

Und noch eine Stufe weiter gedacht: Ist es zielführend, alle religiösen Symbole phänomenologisch zu erfassen und in einen Topf zu werfen? Oder sind die nicht sehr unterschiedlich angesiedelt? Was ist mit den beliebten Tatoos chinesischer Schriftzeichen, und welche Symbolik steckt in Schmuckstücken und modischen Emblemen? Hat das Kopftuch im Islam denselben Stellenwert wie das Kreuz für Christen und müssten deshalb mit den Kopftüchern auch die Kreuze aus den Schulen verschwinden? Müssen Christen mit der (wohl nicht unberechtigten) Sorge leben, dass das Kopftuch nur instrumentalisiert wird, um das Kreuz loszuwerden?

Und ist es denkbar, dass neben einem ästhetisch nachvollziehbaren Widerwillen gegen die Gewalt, die mit dem Kreuz assoziiert wird und hinter der manche (fälschlich, auch christlicher Sicht) einen gewalttätigen Gott vermuten, neben dem bekannten Missbrauch (!) des Symbols in Kriegen und Kolonialisierung, auch aus anderen Gründen Widerstände gegen Kreuze richten: weil das Kreuz – aus dem biblischen Kontext heraus verstanden – immer eben auch das Symbol für die Opfer der Gewalt ist und eine Gesellschaft auf das eigene (in der Regel sauber verdrängte) Gewaltpotenzial verweist?

Kann man, wenn man ganzheitliche Bildung zum Ziel macht, auf die nicht nur theoretische Beschäftigung mit einem Symbol wie dem Kreuz, das einzelne wie eine ganze Gesellschaft vor solch tiefgreifende Fragen stellt und ein solches kritisches Potenzial hat, denn verzichten? Und bereitet man mit dieser Vermeidungsstrategie Kinder auf das Leben in einer Gesellschaft vor, die multireligiös ist und bleiben wird?

Der Versuch, Religion ins Private zu verlegen, ist doch längst gescheitert. Unser Verhältnis zu Geld und Wirtschaft, zu Glück und Gesundheit hat alle möglichen religiösen Züge angenommen. Neue Kulte sind entstanden und überschwemmen uns mit ihren Symbolen und Logos. Kreuze im Klassenzimmer sind für Christen sicher nicht unverzichtbar. Sie haben aber dort an der Wand auch einen ganz anderen Effekt als Kopftücher oder Burkas, die einzelne Schülerinnen tragen. Das grobe Raster „religiöses Symbol“ bringt unsere Diskussion nicht richtig weiter.

Aber mich beschäftigt noch eine Frage: Wie kann man als Politiker für Kreuze in den Schulen sein und zugleich eine Ökonomisierung des Schulwesens dulden, in der Effizienz zum alles entscheidenden Kriterium wird, wo unser Bildungssystem kaputtgespart und die Zukunft einer ganze Schülergeneration verspielt wird, wo die Integration schwacher Schüler und Nichtmuttersprachler in viel zu großen Klassen noch viel zu oft misslingt und (wie in der Wirtschaft) nur die Starken überleben – oder die, deren Eltern sich teure Nachhilfe leisten können? Das geht mir überhaupt nicht in den Kopf.

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Versöhnungsversuch

Ein um Versöhnung bemühter Kevin Vanhoozer kommentiert die Diskussion zwischen Tom Wright (bzw. der neuen Paulusperspektive) und den reformierten Kritikern um Piper und Horton. Bei allem, was er zur Sache zu sagen hat – sein Humor und Wortwitz ist erfrischend.

Hier als Flash-Video. Alle anderen Beiträge zu der Konferenz in Wheaton („Jesus, Paul and the People of God“) finden sich hier (danke an DoSi für den Tipp!).

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Bayernhasser

Die Szene hatte etwas derart typisches, dass die Akteure keine Rolle spielen: Das Gespräch kam auf Fußball und es fiel ein (in diesem Fall sogar nur leicht) schadenfroher Kommentar zum „Stolpern“ der Bayern in Mönchengladbach und der Möglichkeit, noch alle drei Wettbewerbe zu verlieren. Trotzdem hat es mich wieder an die zahlreichen Bayernhasser erinnert. Ich glaube, das Maß an Häme gibt es bei keiner anderen Mannschaft in diesem Land und ich kann es einfach nicht verstehen.

Was ich verstehe ist, dass man sich für eine Mannschaft begeistert. Dass es die Bayern sind, war in dieser Saison nachvollziehbar wie schon lange nicht mehr. Was mich also betrifft: Ich freue mich jede Saison genau zweimal, wenn Dortmund, Hamburg, Stuttgart oder wer sonst noch verlieren. Einmal in der Hin- und einmal in der Rückrunde. Nein, eigentlich freue ich mich, weil Bayern diese Spiele hoffentlich gewinnt. Den Rest der Saison sollen alle anderen meinetwegen gewinnen. Verdient, hoffentlich. Wenn’s sein muss, dann auch mit Dusel, wie das international spielfreie und trotzdem schlappe Schalke in Berlin.

Hätte sich also ein Fan der Gazprom-gesponserten Knappen über das Glück (und etwas anderes war das ja kaum dieses Wochenende) gefreut, könnte ich das auch verstehen. Aber all jenen, deren Verein auf Platz 3 oder drunter steht und keine Chance auf die Meisterschaft mehr hat, sollte das doch egal sein können. Alles andere wäre eine reichlich verquere Form von Selbstwertgefühl.

Bayern-Fans stecken das in der Regel so weg, dass sie den Neid als verdecktes Kompliment und die Häme als Anerkennung der Tatsache werten, dass die Bayern nicht der Buhmann, sondern das Aushängeschild des deutschen Fußballs sind – und nach innen nicht der Bodensatz oder die Unterkante, sondern das Maß der Dinge. Ob sie bei den nächsten Triple-Schritten noch stolpern oder nicht, sie können schon jetzt stolz sein auf diese Saison. Ich mag diese Truppe wegen ihres Charakters.

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Eins auf die Si-Nuss

Manfred Lütz poltert in Irre – Wir behandeln die Falschen munter gegen die Orientierung an den Sinusmilieus. Er skizziert sie kurz und stellt dann fest:

Es gibt nun Kirchenvertreter, die passgenaue Botschaften in diese Milieus senden wollen. Doch damit ist die Funktion seriöser Religion verkannt. Religion ist eine wichtige Irritation, die die Menschen aus ihrer Alltäglichkeit herausreißen kann. Sie könnte im Grunde all die blödsinnig normalen, gegen anders eingerichtete sorgfältig abgeschotteten Kreise erfolgreich aufmischen. Das hätte Pepp. Dagegen ist eine stromlinienförmig angepasste Softreligion, die genauso blödsinnig normal wird, wie es all die blödsinnig Normalen sowieso schon sind, überflüssig wie ein Kropf.

… der Kitt, mit dem die blödsinnig normalen Sinusmilieus vor allem zusammengehalten werden, ist Verachtung. Die Verachtung der anderen. Zu welchem Milieu man gehört, bemerkt man wohl am intensivsten durch den Widerwillen, der einen in anderen Milieus überfällt. Sich selbst hält man in all seiner eigenen Spießigkeit natürlich für einen Ausbund an Normalität. (S. 22/23)

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Man kann nie wissen…

Heute vormittag habe ich über das Geheimnis der Gastfreundschaft gepredigt. Nach dem Gottesdienst kam ein Paar auf mich zu. Die beiden haben sich vor gut dreieinhalb Jahren kennengelernt, als ich schon einmal über Gastfreundschaft gesprochen habe. Sie war ganz neu in der Stadt und wurde von einer Gruppe Studenten als Reaktion auf die Predigt zum Mittagessen eingeladen. Bei dem Mittagessen lernte sie einen jungen Mann kennen und heute sind die beiden glücklich verheiratet.

Das ist das Schöne – man weiß nie, was bei solchen Begegnungen alles herauskommt. Und man sollte damit natürlich auch nicht aufhören, wenn man schon in festen Händen ist. Gott hat viele Möglichkeiten, uns zu überraschen.

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