Freundliches Rauhbein

Eine Woche ist es nun her, dass Alan Roxburgh via Marburg wieder nach Vancouver entschwand und ich blicke zurück.

Alan voll in Fahrt...Alan selbst wirkt manchmal etwas schroff, wenn er bestimmte Positionen attackiert. Da merkt man ihm den Liverpooler Straßenjungen noch an. Einem guten Streit geht er nicht aus dem Weg. Doch selbst wenn seine zupackende Kritik in der Kurzform ab und zu rustikal anmutet, kann er im persönlichen Gespräch immer gute Gründe für seine Einschätzung nennen. Und hinter aller Deutlichkeit in der Sache hat er ein echtes Herz für die Leute und vor allem für Kirche mit all ihren Macken.

Am meisten habe ich diese persönlichen Gespräche genossen. Irgendwie wurden wir auf Anhieb warm mit einander, und wenn Vertrauen da ist, redet es sich ganz einfach. Seither sind ein paar Mails hin und her gegangen. In den nächsten Wochen gilt es nun zu überlegen, wie und wo wir Lerngruppen für LeiterInnen aus unterschiedlichen Gemeinden einrichten können, und wie man das dauerhaft anleiten und begleiten kann. Das eigentliche Abenteuer fängt also gerade erst an.

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„Ungläubige Pfarrer“

Alan Roxburgh wurde am letzten Wochenende auf „ungläubige Pfarrer“ angesprochen und war etwas verwundert, als Kanadier und Anglikaner kennt er das gar nicht. Wir haben uns eine Weile über das Thema unterhalten. Ich denke, dass es das – wenn überhaupt – nur ganz selten gibt. Ich kenne jedenfalls keinen.

Mag sein, dass das vor ein, zwei Generationen noch anders war, als eine Karriere in der Kirche wenn schon nicht viel Geld, so doch gesellschaftliches Ansehen und Einfluss zu versprechen schien. Ich erinnere mich auch noch daran, dass die pietistischen Studenten die Tübinger Theologieprofessoren immer in „gläubig“ und „ungläubig“ einteilen wollten. Eberhard Jüngel etwa war zu Recht ziemlich empört über diese Form der Inquisition. In der Regel suchte man nach Hinweisen, ob ein Dozent zur „Allversöhnung“ tendiert, das war der definitive theologische Sündenfall, die Auflösung aller Werte. Ach ja, Bultmann war natürlich auch „pfui“.

Heute ist das zum Glück weitgehend Geschichte. Natürlich gibt es eine große Bandbreite an theologischen Prägungen, aber das macht es ja auch reizvoll. Natürlich sind skurrile Meinungen, alle möglichen Irrtümer in Detailfragen und schräge Typen darunter. Manche sind unsicher oder kontrollwütig und schützen dann theologische Gründe vor, wenn sie andere einfach nur loswerden wollen. Und ab und zu erleben Pfarrer, wie andere auch, kleine und große Glaubenskrisen.

Wenn man unter diesen Macken leidet, kann man über diese Dinge nicht immer milde lächeln. Streiten wir also freundlich und bestimmt überall da, wo es nötig ist. Aber lassen wir dem anderen im Zweifelsfall doch dies, dass auch er glaubt und ernsthaft Jesus nachfolgt.

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Gehandicapt

Montag vor einer Woche bin ich an einer unbeleuchteten Straßenbaustelle vom Rad gestürzt und habe dabei den linken Arm gebrochen. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, es ist zwar lästig, aber kein Beinbruch. Leider kann man einen kaputten Arm nicht zur Reparatur in der Klinik abgeben und nach ein paar Wochen gesund wieder abholen…

Seither ist alles etwas umständlicher geworden: Der Oberarmgips macht Dinge, die ich sonst „mit links“ schaffe, zuweilen unmöglich. Mails und Blogposts geraten sehr kurz. Schlafen war lange ein Problem und die Einladung eines Freundes zum Joggen musste ich auch schweren Herzens ausschlagen.

Das Wochenende mit Alan Roxburgh wird von vielen lieben Helfern gerettet und ich darf mich aufs Übersetzen beschränken. Ich habe neue Schuhe mit Klettverschluss und zuhause werde ich liebevoll geholfen und freundlich aufgezogen.

Und so Begriffe wie das schöne alte Wort „behende“ klingen plötzlich auch ganz anders…

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Was wen so wundert (und wen nicht)

Am vergangenen Wochenende war ich wieder unterwegs und habe mit einer sehr netten Gruppe unter kundiger Anleitung die Liturgie des evangelischen Gottesdienstes studiert und wenigstens in Ansätzen geübt. Zum Abschluss besuchten wir gemeinsam einen Gemeindegottesdienst, der von Pfarrer, Kantorin und Lektor zwar nicht nach der reinen Lehre der Liturgik, aber doch sehr ansprechend gestaltet worden war.

Wieder unter uns wurden im Nachgespräch die unorthodoxen Teile konstatiert und alles abschließend wohlwollend bewertet. Aber der Punkt, der mich am meisten verwundert und umgetrieben hatte, war offenbar keinem aufgestoßen (und, das muss fairerweise dazu gesagt werden, auch gar nicht Thema des Wochenendes): Unsere – altersmäßig gemischte – Gruppe hatte den Altersschnitt der Gottesdienstgemeinde nämlich mal eben so halbiert und die Zahl der Versammelten glatt verdoppelt.

Meine Frage war die ganze Stunde über die, ob hier (und nicht nur hier) die „Kerngemeinde“ mit ihren Bedürfnissen, Gewohnheiten und Erwartungen nicht auch eine kulturelle Barriere darstellt für andere. So schön es ist, die Qualität des vorhandenen Angebots hoch zu halten oder zu verbessern – müssen wir nicht noch viel dringender über neue und alternative Wege reden? Auch wenn freilich klar ist, dass nicht jede Innovation eine Verbesserung ist und nicht jedes Experiment gelingt?

Natürlich fiel mir der Kontrast auch deswegen so stark auf, weil das bei ELIA erfreulich anders ist. Doch das könnte ja in 10 Jahren schon ganz anders aussehen. Jetzt pharisäerhaft Gott zu danken, dass ich nicht bin wie dieser, bzw. meine Gemeinde nicht wie diese, wäre verfehlt. Ich muss mich vielmehr selber ständig fragen, woran ich mich alles schon gewöhnt habe: Wo werden meine Realitäten unter der Hand so zur „Normalität“, dass ich gar nichts anderes mehr denken kann oder von Gott erwarte?

Können sich Gemeinden ändern, und wie bleiben „alte“ Gemeinden jung und flexibel? Ich freue mich schon auf das Wochenende mit Alan Roxburgh vom 12.-14. März zu genau dieser Fragestellung: Welche konkreten Schritte können wir heute gehen, um nicht doch früher oder später zu verknöchern?

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„Das war doch ein gutes Gespräch, oder?“

… sagte mir jemand vor einiger Zeit. Ich gab eine ausweichende Antwort, denn auf diese Frage hin spulte mein Gehirn die Unterhaltung vom Vorabend in der kleinen Gruppe noch einmal ab. Ich erinnerte mich, wie ich irgendwann die Lust verloren und mich verabschiedet hatte, weil mir die langen Monologe auf die Nerven gingen, zu denen die übrigen Anwesenden nur die Stichworte liefern durften.

Wenn man mal bundesligatechnisch von „Ballbesitz“ reden wollte, dann hätte dieser Spieler gut zwei Drittel allein bestritten. Ich konnte die Reaktion der anderen aus der Runde kaum deuten, die höflich zuhörten, es jedoch zu vermeiden schienen, durch Nachfragen weiteren Redefluss auszulösen. Kurz: Diese asymmetrische Unterhaltung war zumindest für uns andere eher kein gutes Gespräch gewesen.

Als ich meine Sprachlosigkeit überwunden hatte, war es zu spät, um den Satz noch zu kommentieren. Aber schön, dass die Unterhaltung wenigstens einem von uns gut getan hatte.

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Gemischte Gefühle

Im Rahmen einer Fortbildung habe ich am letzten Sonntag einen – durchaus gut gestalteten – agendarischen Gottesdienst besucht. Es war eine eigentümliche Mischung aus Befremden und Wiedererkennen für mich. Und nachdem ich hier schon vor längerer Zeit einmal die Frage gestellt hatte, was eigentlich unsere Liturgie „predigt“, war diesmal mein Gesamteindruck der, dass hier ein sehr starker und – jetzt lehne ich mich aus dem Fenster – auch recht einseitiger Akzent auf Schuld und Vergebung zu spüren war, der von den Chorälen noch unterstrichen wurde.

Dagegen erscheint das Heil in den Formulierungen tendenziell doch eher als etwas zukünftig-jenseitiges, es wird daher erbeten und verheißen, aber nicht so richtig gefeiert und genossen. Zwei Aspekte, die völlig untergehen, sind das Wachsen im Glauben (der Pietismus würden hier von „Heiligung“ reden) und die Sendung der Christen in die Welt (es sei denn, dass man letzteres mit dem Schlusssegen als abgehakt betrachtet).

Dass heute viele Menschen ihre Mühe mit diesem Thema Schuld/Sühne/Vergebung haben, mag nicht nur mit dem Traditionsabbruch und fehlenden Zugängen zu tun haben, sondern auch mit der Überdosis dieses Aspektes, die sich über Generationen angesammelt hat, und die nun an manchen Stellen dazu führt, dass man das Kind mit dem Bad ausschütten will. Aber mein subjektives Empfinden beim Durchgang durch die Liturgie war eben auch, dass sich die Beschreibungen der Liebe Gottes weitgehend darin erschöpfen, dass er barmherzig ist und auf Strafe verzichtet.

Man könnte also sagen, dass von den drei Wegen der Spiritualität – purgatio, illuminatio und unio – nur der erste explizit thematisiert und eingeübt wird. Natürlich kann man mit einem einzigen Gottesdienst nie alles unterbringen. Trotzdem – im Evangelium steckt mehr, als diese Gottesdienstform vermuten ließe.

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Kinder bringen Farbe ins Leben

Die meisten Eltern nehmen mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis, wie ihre Kinder größer werden. Irgendwann ist der Tag erreicht, wo sie mit uns gleichziehen. Hände und Füße wachsen dabei noch einen Tick schneller als der Rest des Körpers. Der Geist kommt irgendwann nach, zunächst aber sind die Heranwachsenden doch erkennbar zerstreut. Beides zusammen hat bei mir dazu geführt, dass sämtliche Handschuhe verschwunden waren, weil sie den Jungs inzwischen passten, aber von ihren Reisen in die Schule oder zu Freunden nicht wieder zurückkehrten.

Neulich suchte ich also nach einem Ersatz für meine schwarzen Windstopper-Handschuhe. Zuerst dämmerte mir, dass sich teure Exemplare wohl nicht lohnen würden und bald das Schicksal ihrer Vorgänger teilen würden. Bei den billigen hatte ich dann die Wahl zwischen schwarz, braun und feuerrot. Ich entschied auf Rot in der Hoffnung, dass es für Teenager zu peinlich wäre, mit Nikolaushandschuhen herumzulaufen. Die Rechnung ging auf, niemand rührt meine Handschuhe an. Und sollte mal eine Ampel ausfallen, könnte ich mich mit den leuchtend roten Händen auch auf die Kreuzung stellen und den Verkehr regeln…

Kinder bringen eben Farbe ins Leben!

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„Nehmen Sie’s nicht persönlich…“

… sagte neulich ein Anrufer, als er mir von einer Entscheidung seines Gremiums berichtete, die ewig gedauert hatte und dann ein bisschen enttäuschend ausgefallen war. Nein, ich bin erwachsen, ich nehme das natürlich nicht persönlich. Das heißt, ich habe es dem Anrufer nicht persönlich verübelt und weiß, dass niemand im Gremium das böse gemeint hatte, als man so entschied, wie man entscheiden musste.

Aber natürlich steckt da eine – wenn auch indirekte – persönliche Botschaft drin, nämlich die: Hier geht es im Grunde gar nicht um Personen, sondern um das System, das nur Fälle und Funktionen kennt und dessen größte Sorge ist, keinen Präzedenzfall zu produzieren, der die Ordnung stören würde. Wenn es gut geht, wirst Du als Fremdkörper im System mit einem Perlmuttmantel überzogen und darfst irgendwo schillern.

Heute habe ich es andersherum erlebt: Ich nahm an einem Gespräch teil, in der ein Verantwortlicher eines Werkes sich größte Mühe gab, einem Interessenten (nicht mir…) gerecht zu werden, sich in seine Situation hineinzudenken, ihm entgegenzukommen, Brücken zu bauen, das Tempo anzupassen. Und ich dachte mir erleichtert: Na bitte, es geht ja doch. Vielleicht noch nicht überall, aber wenigstens hier und da!

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Farben sammeln

Es mag an der Jahreszeit liegen, aber auch an einem Kommentar meines Schwager neulich nach dem Gottesdienst, dass ich mich daran erinnert habe: Mein liebstes Bilderbuch war lange Zeit Leo Lionnis Frederick: Die Maus, die Farben für den Winter sammelt.

Vielleicht war das kein Zufall: Manchmal kommt es mir heute so vor, dass ich heute noch genau dasselbe tue, nämlich Farben zu sammeln, und sie dann in dieser oder jener Form anderen vor Augen zu stellen, wenn es draußen grau und kalt ist, und das ist ja als Lebensgefühl nicht an Jahreszeiten gebunden, wenn sich auch viele im Winter noch mehr vom Leben gebeutelt fühlen als im Sommer.

Aber ich brauche sie selbst auch, die Farben, und ich muss mich selbst immer an sie erinnern. Schon deshalb kann ich nicht aufhören, sie zu sammeln und darüber nachzudenken. Farben, für die das Licht der Welt uns die Augen geöffnet hat.

In diesem Sinne: Allen Bloglesern ein gesegnetes neues Jahr!

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Ein Gänsehautgottesdienst

Es gibt nicht so viele Ereignisse, zumal Gottesdienste, die auch nach dreißig Jahren noch nachwirken. Für mich war der Abend des 29. Dezember 79 so ein heiliger Moment. Ein Etappe auf meinem persönlichen Weg wurde abgeschlossen und ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ich war ein gutes halbes Jahr festgesteckt an einer für mich wichtigen Frage: Wie – wenn überhaupt – kann ich Gott lieben?

Jesus nennt die Liebe zu Gott das höchste Gebot, zusammen mit der nicht minder unmöglichen Liebe zum Nächsten, also dem, den man sich in der Regel gerade nicht aussuchen konnte, und der daher um so mehr zum Intimfeind zu werden droht, je näher er uns ist. Dass Gott mehr als an allem anderen an meiner Liebe interessiert ist, schien mir völlig plausibel.

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Doch die Liebe zu Gott lässt sich nicht fabrizieren. Man kann sie wohl vortäuschen, man kann ein bestimmtes äußeres Verhalten imitieren, aber man kann sich selbst nicht belügen. Je mehr ich mich anstrengte, desto weiter schien ich mich von Ziel zu entfernen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Klar ist menschliche Liebe, auch Liebe zu Gott, immer schwach und (was mich betrifft zumindest, und im Rückblick auf 30 Jahre) sehr schwankend. Und doch merkt man, ob sie da ist. Ich nahm Gott und mich selbst ernst genug, um mir einzugestehen, dass es ohne diese Liebe nicht geht. Ich kann alles haben, schreibt Paulus, aber ohne Liebe ist es nichts.

Ich habe mir diesen Mangel nicht schön geredet und auch niemand anders tat es für mich. Es wusste ohnehin keiner davon. Ich kannte Menschen, die konnten Gott lieben. Sie sagten das, und ich hatte keinen Zweifel daran, dass das authentisch war. Mir aber gelang das einfach nicht, und ich konnte mir nichts in die Tasche lügen.

An diesem Tag hatte mich jemand eingeladen, eine ganz simple geistliche Übung zu machen. Anhand einer kleinen Meditation zu den zehn Geboten sollte ich mein Leben auf unbereinigte Dinge und Beziehungen überprüfen. Es kam einiges zusammen, alles keine großen Verbrechen, aber immerhin ein kleines Panoptikum von Haltungen, kleinen Gewohnheiten und Gedanken, angesichts derer mir – bei Licht betrachtet – schon immer unwohl gewesen war. Es tat gut, festzustellen: Ja, das alles ist vorhanden in mir, aber wenn ich es mir aussuchen darf, dann will ich es nicht mehr haben.

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Diese Dinge dann im Beisein eines Seelsorgers auszusprechen und beim Namen zu nennen kostete zwar etwas Überwindung, war aber dann doch eine erstaunlich nüchterne Sache. Das Gespräch endete mit einem kurzen Gebet und einer Formel, mit dem mir die Vergebung zugesprochen wurde. Die Wirkung war unerhört. Als ich später in den Gottesdienst kam, betrat ich heiligen Boden. Und ich war nicht der einzige. Heute habe ich den Pfarrer besucht, der diesen Gottesdienst damals mit uns gefeiert hat. Und zu meiner Überraschung erzählte er, dass er das ganz ähnlich erlebt hat: dicht, intensiv, voller Staunen, eine fast greifbare Gegenwart. Irgendwo tief drinnen sprudelte die Liebe zu Gott hervor, als hätte der alte Mose mit seinem Stab auf den Felsen meines Herzens geschlagen. Und sie wollte gar nicht mehr aufhören – zum Glück.

Man kann Gänsehautgottesdienste nicht machen. Sie sind selten. Eines aber kann man: Da sein. Wer nicht kommt, erlebt garantiert nichts.

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Das Ja der Stille

Meine Meditationsübung besteht im Augenblick darin, still zu sein und bei jedem Ausatmen „ja“ zu sagen – in Gedanken, nicht laut.

Zwei Dinge sind mir sofort aufgefallen: Das deutsche Ja hat dafür einen schönen Klang. Das kommt ja nicht so oft vor, aber rein vom Klang her finde ich Ja schöner als yes oder oui. Letzteres erinnert mehr an unsere Meerschweinchen, wenn sie „quiek und Frieden“ spielen (um Kommentaren vorzugreifen: Klar, ist natürlich Geschmackssache, und nein, ich mag die Franzosen).

Obwohl es ein unspezifisches „Ja“ ist, keine Antwort auf irgendeine konkrete Frage also, hatte ich schon den Eindruck, dass es mich irgendwie positiv stimmt. Eigentlich sogar noch etwas mehr: Es kam mir so vor, als käme auf die eher monotone Übung aus meinem Inneren eine Resonanz. Hinter den Gedanken an Dringendes und Belangloses und den tausend Dingen, die mir durch den Kopf gehen und mich ablenken, atmet so etwas wie mein wahres Ich oder der neue Mensch, der aus Gottes uneingeschränktem Ja zu mir lebt.

Am meisten hat mich dabei überrascht, wie überrascht ich war, dass es diesen Teil (oder wie soll man das sonst sagen?) von mir wirklich gibt. Manchmal bin ich so mit den un-heilen Affekten beschäftigt, dass ich es aus den Augen verliere.

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Der lange Schatten des Reformators

Auf dem Weg nach Berlin bin ich am Freitag – endlich einmal – in Wittenberg ausgestiegen und habe einen kleinen Rundgang durch die Stadt gemacht: Augustinerkloster, Stadtkirche, Schlosskirche. Zweieinhalb Stunden später kletterte ich nachdenklich in den überfüllten IC.

Im Kopf schwirrten mir die Bilder von den Gräbern in den Kirchen, Gedenktafeln an den sonnenbeschienenen Häusern, Luthergraffitis auf den Schaltkästen der Telekom, Luther Merchandise in den Schaufenstern. Allenthalben traf ich auf die verschiedensten Versuche einer Selbstinszenierung des deutschen Protestantismus, am deutlichsten vielleicht am Turm der Schlosskirche, um den herum in Riesenlettern „ein feste Burg ist unser Gott“ geschrieben steht.

Und das alles in dieser kleinen Stadt, die für ein paar Jahrzehnte Weltgeschichte schrieb und weder zuvor noch seither etwas vergleichbares erlebt hatte – wie auch? Der Schatten des großen Mannes aus Eisleben überdeckt immer noch alles und macht es zu einem großen Museum. Nett für Besucher, aber wie lebt man bloß damit, wenn man dort wohnt?

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Ohne Licht und Verstand

Ich bin ja selbst Radfahrer aus Überzeugung. In den letzten Tagen aber haben einige Kollegen meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Im Wesentlichen sind es zwei Dinge, die so etwas wie Ärger oder Fremdschämen auslösen: Unbeleuchtet herumzuradeln in der Dunkelheit und zweitens auf der falschen Seite daherzukommen oder gegen die Fahrtrichtung einer Einbahnstraße. Alles vorzugsweise noch bei Regen natürlich.

Heute abend hat einer gleich beides gemacht, ich hätte ihn beim Abbiegen fast übersehen, weil er weder beleuchtet war noch dort hätte fahren dürfen. Aber das störte ihn offenbar überhaupt nicht. Er machte gar keine Anstalten, abzubremsen oder auszuweichen, sondern er benahm sich, als hätte er Vorfahrt.

Ob aus Rücksichtnahme und Fairness anderen gegenüber oder aus schlichter Sorge um die eigenen Knochen, solche Aktionen sind es nicht wert: Wenn ich also schon ohne Licht unterwegs bin, dann fahre ich doch so defensiv wie irgend möglich. Der gelegentliche Rollentausch hilft, die Risiken besser zu erkennen. Wer nicht nur strampelt, sondern auch denkt, kommt aber auch drauf.

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