Fürs Protokoll

Es ist ja schon vielen Weisen und Heiligen untergejubelt worden, aber das bekannte „Gelassenheitsgebet“ stammt höchstwahrscheinlich von dem deutsch-amerikanischen Theologen Reinhold H. Niebuhr (1892-1971). Hier ist es, falls jemand es noch nicht kennt:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Und nochmal auf englisch:

God, grant me the serenity to accept the things I cannot change,
Courage to change the things I can,
And wisdom to know the difference.
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Lebensabschnittsgemeinden

Im Gespräch mit einem Freund kam ich darauf, dass es (vor allem in größeren Städten) das Phänomen einzelner Gemeinden gibt, die viele junge Leute anziehen – weil viele andere junge Leute da sind und man dort gute Aussichten hat, bei der Partnersuche fündig zu werden. Ist das Kunststück dann geschafft, kommt gar das erste Kind, dann sind die Paare so schnell wieder verschwunden, wie sie dort aufgetaucht waren.

Die Pastoren dieser Gemeinden glauben gerne, dass der Zulauf mit ihrer Predigtgabe zu tun hat, während viele Gottesdienstbesucher ein Auge anbetend schließen und mit dem anderen nach dem/der potenziellen Angebeteten Ausschau halten. Daran ist ja auch nichts verkehrt, so lange man sich eingesteht, wie die Gruppendynamik tatsächlich funktioniert. Vielleicht sollte man das ja nicht „Gemeinde“ nennen, sondern „Worship-Dating“? Aber dann würde es vielleicht nicht mehr so gut funktionieren.

Wo ich schon mal dabei war, fragte ich mich gleich weiter, ob dann die Gemeinde für Eltern von Kindergarten- und Schulkindern folgt, und auch dafür spricht einiges. Viele Väter und Mütter entscheiden sich für die xy-Gemeinde und deren Gottesdienst, weil der Nachwuchs dort am besten „versorgt“ ist. Und auch da denken manche Pastoren irrigerweise, es seien ihre attraktiven Predigten, die die Gemeinde zum Blühen bringen. Wenn die Kinder groß genug sind, wandern sie und ihre Eltern allmählich weiter – nicht unbedingt in dieselbe Richtung. Und dann erst stehen die Chancen gut, dass Predigten – neben dem Gospel- oder Bachchor, der ausschlafkompatiblen oder sonntagswandererfreundlichen Gottesdienstzeit, zumutbarer Entfernung, Raumtemperatur und dezenter Beleuchtung oder Verdunkelung – die Entscheidung irgendwie beeinflussen.

Parallel gibt es das Phänomen der Ein-Generationen-Gemeinde: Sie haben als Jugendgruppe oder junge Erwachsene angefangen und werden nun gemeinsam alt. Irgendwann haben sie sich alle ineinander verliebt, ein paar haben auch heraus- oder hineingeheiratet, dann haben fast alle Kinder bekommen. Und als man die gemeinsam groß gezogen hatte, sind die in eine Gemeinde abgewandert, wo sie einen Partner finden konnten. Die Eltern werden gemeinsam älter und …

… ja, was nun?

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Der ungeliebte Christus

Ich kann ja gut verstehen, wie es so weit kommen konnte: Da ist der Pfarrer, der in einer so hölzernen Art und stereotyp immerzu nur von „Jesus Christus“ spricht, als wären das Vor- und Nachname wie in „Herbert Müller“ – und weil er immer den Nachnamen dazu sagt, erweckt das zugleich den Anschein, als kenne er diesen Herrn nicht besonders gut.

Da sind theologische und Frömmigkeitstraditionen, in denen die göttliche Seite auf Kosten des Menschlichen so hervorgekehrt wurde, dass ihr „Christus“ immer blutleerer und unnahbarer wurde. Da sind zuletzt die Esoteriker, die den Christustitel zu einer Chiffre umgebaut haben, unter der nun alles Mögliche an abtrusen und diffusen Vorstellungen von Weltseelen und Energieströmen firmiert.

Im Gegenzug haben einige den Christustitel komplett ausrangiert. Nicht nur in ihrer Gebetsanrede, sondern auch in ihrer Alltagstheologie. Nur so lässt es sich erklären, dass der Ausdruck „Leib Christi“ aus 1. Korinther 12 nicht nur in der Predigtsprache, sondern auch in der einen oder anderen Publikation als „Leib Jesu“ erscheint. Aber eben hier beginnt die Begriffsverschiebung auch zu einer Sinnverschiebung zu werden, die am Ende einen privatisierten Jesus ergibt, und die Gemeinde und Kirche auf eine Art Fanclub reduziert.

Christus ist ja die griechische Übersetzung des hebräischen Messiastitels. Dass Jesus der Christus – des Messias Gottes – ist, ist eines der Kernbekenntnisse des Neuen Testaments und der ersten Christen. Wie Jesus diese Messiasrolle annahm und ausfüllte, war höchst umstritten und ist es bis heute, nicht nur zwischen Christen und Juden, sondern auch in der Diskussion um die verschiedenen Formen politischer Theologie durch die Jahrhunderte.

Vielleicht kann man es so sagen: Der Name Jesus (damals durchaus verbreitet) betont mehr die menschliche Person, während Titel wie Messias/Christus, „Menschensohn“ oder „Sohn Davids“ die (heils-)geschichtliche Rolle beschreiben. Beides lässt sich nicht trennen, aber man muss die Medaille immer mal wieder drehen, damit klar ist, dass sie diese beiden Seiten auch tatsächlich hat. Bei „Jesus“ denken wir zu Recht erst einmal an den Mann aus Fleisch und Blut, zum Anfassen und auf Augenhöhe mit anderen Menschen, einer von uns, der vertraute Freund. Eben dieser intime Freund jedoch ist in einer einmaligen Mission unterwegs – auch heute noch. Sie ist erst abgeschlossen, wenn alles Leid besiegt ist, alle Tränen getrocknet, wenn nicht nur der Hass, sondern auch der Tod überwunden und Gott „alles in allem“ ist.

Um nicht zu vergessen, dass „unser“ Jesus nach dem Bekenntnis der ersten Christen (man hat sie damals spöttisch kleine „Christusse“ genannt, aber gerade nicht kleine „Jesusse“!) auch an der Schöpfung der Welt beteiligt war, dass er der göttliche Logos ist, in dem sich das Geheimnis der Welt erschließt – nicht nur der „persönliche Heiland“, sondern der Erlöser des Kosmos – dafür brauchen wir unter anderem den Christustitel. Nicht als distanzierenden „Nachnamen“, sondern damit wir, als der Leib Christi, uns der wahren Dimensionen von Gottes Handeln in der Welt und im Zusammenhang damit auch unserer eigenen Rolle als Leib Christi bewusst werden. Das scheint mir auch Paulus am Ende von Epheser 3 im Sinn zu haben, wenn er schreibt:

In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.

Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können, er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus in allen Generationen, für ewige Zeiten. Amen.

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Virtuelle Freunde und „echte“ Bekannte

„Wer hat, dem wird gegeben“ – der Satz trifft mit Sicherheit auf Facebook-Freunde zu. Die ersten hundert dauern eine Weile, dann werden es immer schneller immer mehr, dafür sorgt das geschäftstüchtige Unternehmen schon selbst mit seinen Vorschlägen, wen man vielleicht noch so alles kennen könnte.

Ich finde, dass Facebook eine wunderbare Möglichkeit ist, mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, gerade auf große Entfernungen. In letzter Zeit kommen aber auch immer wieder Freundschaftsanfragen von völlig unbekannten Menschen bei mir an, meist ohne irgendeinen erklärenden Kommentar.

Nun ist es um mein Namensgedächtnis nicht immer gut bestellt, vielleicht haben wir uns ja irgendwann mal getroffen. Wenn ich dann aber auf die „Freunde“ der Person klicke, um mir irgendwie ein Bild zu machen, wer da fragt, dann sehe ich da nicht immer, aber oft eine regelrechte „Kollektion“ von Namen, die in dieser oder jener Szene guten Klang haben oder als wichtig gelten. Und unter dem „Profil“ des potenziellen neuen Freundes steht oft irgendeine passende Parole.

Und so ist es eine zwiespältige Erfahrung: In die Galerie wichtiger Menschen eingereiht zu werden, ist ja irgendwie schmeichelhaft. Weniger angenehm ist der Gedanke, dass es gar kein echtes Interesse an mir sein könnte, sondern nur der Versuch, eine (für wen auch immer) möglichst beeindruckende Liste von „Freunden“ vorweisen zu können, das hinter mancher Anfrage steht.

Also bleibe ich doch lieber bei echten Freunden und tatsächlichen Bekannten, auch auf Facebook. Ganz so virtuell muss es ja nicht sein.

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Beten unterm Davidstern?

Vor kurzem warf ich einen Blick in den Gottesdienstraum einer Freikirche und sah dort einen großen Davidstern an der Wand. Und kam ins Grübeln darüber, wie angemessen dieses Symbol dort nun eigentlich ist.

Das Hexagramm hatte ursprünglich auch keinen exklusiven Bezug zum Judentum, im Mittelalter wurde es von verschiedenen Glaubensrichtungen als Talisman verwendet, verrät die Wikipedia. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Davidstern dann zum Symbol des Judentum, um dann von den Zionisten als eher säkulares Symbol benutzt zu werden. Mittlerweile ziert er die Nationalflagge des Staates Israel.

Was sagt es dann also aus, wenn man einen Davidsstern in einen Gemeindesaal hängt? Manche kirchlichen Traditionen sind ja symbolisch etwas verarmt, und nun ist man bei der Nachrüstung vielleicht nicht sehr wählerisch. Und weil das Geschichtsbewusstsein mancher junger Gemeinden nicht sehr entwickelt ist, rutscht nun ein Talisman hinein, obwohl man sonst alles Magische peinlichst meidet.

Vielleicht will man das positive Verhältnis zwischen Christen und Juden (historisch keineswegs eine Selbstverständlichkeit in unseren Breiten) betonen, oder sogar die Identifikation mit den Opfern des dritten Reichs, die den „Judenstern“ als Zeichen tragen mussten. Aber das könnten Juden ja auch als respektlose Vereinnahmung empfinden, wie das etwa bei der Pesach-Feier der Fall ist.

Will man dem Staat Israel damit seiner Solidarität versichern? Aber es ist seinem Selbstverständnis nach ein säkularer Staat, und nicht einmal alle Strömungen im Judentum sehen den uneingeschränkt positiv. Noch etwas direkter gefragt: Erhebt man mit dem Davidstern an der Wand nicht qua Symbolsprache den Zionismus zum offiziellen Glaubensgegenstand? Und wie lässt sich das damit verbinden, dass Jesus die nationale Agenda seiner Zeitgenossen extrem kritisch kommentierte?

Oder soll es, etwas unglücklich und höchst missverständlich symbolisiert, nur sagen, was die EKD hier so formuliert hat: „Christen kommen durch Jesus Christus zu dem Gott, der sich unverbrüchlich mit Israel verbündet hat“?

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Außer Thesen nichts gewesen?

Von wegen! Vor zwei Wochen war ich beim Think Tank „Missionale Christologie“ des IGW auf dem Herzberg bei Aarau/CH. Nun ist eine kurzer Bericht über die anregenden und intensiven Diskussion erschienen. Wir haben missionale Theologie von Jesus aus zu denken versucht und Jesus aus einer missionalen Perspektive betrachtet. Und gemerkt, dass wir dabei erst am Anfang stehen.

Wer sich für Einzelheiten interessiert, kann hier weiterlesen. In einigen Wochen werden unsere Thesen dann veröffentlicht.

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Lehrreiche Gartenarbeit

Ich habe mich in letzter Zeit mit dem Schneiden von Obstbäumen beschäftigt und dabei gelernt, wie wichtig es ist, den Konkurrenztrieb zu entfernen. Bei näheren Hinsehen stellte ich dann fest, dass ich das bei meinem Baum vor einigen Jahren schon mal versäumt habe.

Über die menschlichen Parallelen lässt sich dabei ganz prima meditieren. Das muss ich mir auf jeden Fall merken, wenn mal wieder eine Predigt über Johannes 15 ansteht und den Winzer, der die Reben schneidet. Bei denen scheint es auch reichlich Konkurrenztriebe zu geben…

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Weisheit der Woche: Sehnsuchtsspirale

Der Trick ist es, eine Sehnsucht zu wecken, die sich fortwährend nach neuen Sehnsüchten sehnt.

(…) Die Konsumgesellschaft verspricht nicht nur das Glück, sondern sie fordert es regelrecht ein. Unglück ist nicht duldbar, die Unglücklichen verlieren ihren Platz in der Gesellschaft. Das Absurde ist freilich: Die größte Bedrohung für eine Gesellschaft, die das Glück zur höchsten Maxime erklärt hat, ist ein wunschlos glücklicher Kunde. Er kauft ja nichts mehr ein.

Zygmunt Bauman in der SZ

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Ein paradoxer Auftrag

Gestern las ich in einer Gruppe mit anderen das vierte Kapitel des Markusevangeliums. Neben dem Wikileaks-Vers („Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommt“) steht dort noch ein anderer verstörender Abschnitt:

Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes anvertraut; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen gesagt; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird. (Markus 4,11-12)

Mit etwas Nachdenken lässt sich diese sperrige Aussage ein bisschen in den Kontext einordnen. Das erste betrifft die Rede in Gleichnissen.Vielleicht ist der Widerstand im dritten Reich eine gute Analogie. Man kann Fremden gegenüber keinen Klartext reden, sondern muss mehrdeutig sprechen. Genau das tut Jesus in seinen Geschichten. Wenn jemand dann aufrichtiges Interesse zeigt, bleibt er dran und kann eingeweiht werden. Wer aus den falschen Gründen Interesse zeigt (weil er ein Spitzel ist), kann auf Distanz gehalten werden und bekommt nichts Verwertbares geliefert. Dass Jesu revolutionäre Botschaft damals lebensgefährlich war, das betont er immer wieder – der letzte Beweis ist das Kreuz.

Es geht also nicht darum, die anderen um jeden Preis draußen zu halten, sondern klug zu reden. Heute kann das Reden in Gleichnissen und geheimnisvollen Bildern aus anderen, entfernt verwandten Gründen sinnvoll sein: Wenn man ständig mit vollmundiger Werbung überschüttet und Appellen aller Art bombardiert wird, ist es umso schöner, wenn man einer Sache nachspüren kann, statt sie abblocken zu müssen. Das macht Gleichnisse auch bei uns wertvoll, wo man nicht von Spitzeln und römischen Soldaten, sondern nur vom Heer Marketingexperten und Verkäufern beschnüffelt und verfolgt wird.

Aber wir lesen hier ja nicht nur von verhüllter Rede, sondern auch von einer schroffen Zurückweisung – wie ist das zu verstehen? Nun, Jesus hat in dem Gleichnis vom Sämann gerade erklärt, wie er arbeitet: Er streut den Samen seiner Botschaft vom Reich Gottes einfach überall aus. Die Reaktionen sind gemischt: An manchen prallt das ohne Reaktion ab, andere finden es vorübergehend unterhaltsam oder sind kurzzeitig begeistert, und manche bleiben dauerhaft dran – hier geht die Saat dann richtig auf, deshalb ist es auch die Mühe wert.

Und nun zitiert Jesus in den oben wiedergegebenen Versen den Propheten Jesaja (6,9-10), der in Gottes paradoxem Auftrag zu einem verstockten Volk – das bekam er gleich vorab schon erklärt – reden sollte. Durchgängig positive „Ergebnisse“ waren also gar nicht zu erwarten. Und hier setzt die Analogie an: Dass Menschen auf Jesus – und dann auch auf seine Jünger – gleichgültig, amüsiert oder gar feindselig reagieren, liegt nicht daran, dass an der Botschaft etwas verkehrt wäre. Sie haben sich nichts vorzuwerfen (es ist freilich auch keine Aufforderung, möglichst viele Leute durch rüdes Auftreten zu verprellen!). Ebenso wenig ist es einfach nur die Schuld der Leute, dass sie so reagieren. Die Jünger brauchen also auch ihnen keine Vorwürfe zu machen, sie fahren einfach fort mit dem, was ihnen aufgetragen ist. Sie brauchen keine Erklärungen zu suchen, sie müssen Desinteresse nicht einmal als Niederlage verstehen. Denn die Ernte wird kommen und reichlich ausfallen. Alles andere, sagt das anschließende Gleichnis von der selbstwachsenden Saat, können sie ruhig Gott überlassen. Sie müssen es sogar.

(Wie das konkret aussieht, zeigt uns Paulus: Er stieß in den Synagogen mehrheitlich auf Ablehnung, zum Teil fiel sie sehr heftig aus. In Römer 9-11 beschreibt er, wie das Evangelium an Israel abprallt und zu den „Heiden“ kommt. Doch damit ist Gottes Ziel noch nicht erreicht. Denn Israel ist aus dieser Perspektive keineswegs für alle Zeiten „verloren“, sondern nur vorübergehend. Am Ende hebt Gott diese Blockade, die er selbst zugelassen hat, auf. Er wendet alles zum Guten und ebnet den Weg für das ganz große Finale, das Bankett aller Völker und Nationen. Dann wird ganz Israel mit am Tisch sitzen. Und wer weiß, wer noch alles dabei ist…)

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Bald kommt Mr. Wright

Am 18./19. Februar kommt N.T. Wright aus dem schottischen St. Andrews nach Marburg und referiert beim Studientag Gesellschaftstransformation des mbs. Das Programm sieht vier Referate des renommierten Neustestamentlers vor. Es geht ganz unbescheiden darum, zu klären, was Jesus wirklich wollte.

Wrights Beitrag liegt dabei in der kenntnisreichen Einordnung Jesu in das antike Judentum, von der aus er zweitens die Eschatologie Jesu erfrischend neu zeichnet, so dass Jesus nicht mehr so weltfremd und einseitig jenseits-fixiert erscheint wie in vielen bisherigen Darstellungen. Zugleich ist der frühere Bischof von Durham aber auch daran interessiert, wie kirchliches Leben heute in der Nachfolge Jesu zu gestalten ist und wie sich das auf die Gesellschaft auswirkt.

Wohl nicht mehr rechtzeitig zum Studientag sollen im Francke-Verlag zwei Titel von Wright erscheinen: Das Neue Testament und das Volk Gottes und Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters.

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Was glauben Evangelikale wirklich?

Die evangelische Allianz in Großbritannien hat eine Umfrage unter über 17.000 ihr nahestehenden Christen auf Festivals und in 35 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Gemeinden durchgeführt und die Ergebnisse nun veröffentlicht. Dort kann man nachlesen, was Evangelikale auf der Insel glauben, wie sie leben und worin sie sich auch nicht einig sind.

Die Übereinstimmungen, die sich dort zeigen, sind keine Überraschung: Sie betonen die Einzigartigkeit Jesu Christi (91%), engagieren sich in ihrer Gemeinde (96%), sind spendenfreudig (96%), möchten sich in den gesellschaftspolitischen Diskurs einschalten (93%), wünschen sich Einheit unter den Christen (94%) und – jetzt kommt doch noch eine Überraschung – finden Umweltschutz wichtig. 99% engagieren sich regelmäßig in einer gemeinnützigen Form, 85% geben an, dass ihre Gemeinde soziale Dienste leistet – also gar keine Inselmentalität pflegt.

Unterschiedlicher Meinung sind sie in der kategorischen Ablehnung jeder Form von Abtreibung: 28% stimmen da eher nicht uneingeschränkt zu, 17% sicher nicht uneingeschränkt, und wieder 18% haben keine klare Meinung. Nur 18% dagegen halten Glaube und Evolution für gänzlich unvereinbar, 8% sehen Schwierigkeiten, knapp 60% dagegen sehen das eher positiv oder ganz unproblematisch. Satte 51% sind fest davon überzeugt, dass Frauen in der Kirche alles tun dürfen, was Männer auch tun. Die größte Unsicherheit fand sich beim Thema „Hölle: 31% haben keinen Standpunkt, wenn es um die Frage geht, ob man sie als Ort ewiger, bewusster Qualen zu verstehen hat.

Je älter die Befragten waren, desto stärker war ihre Identifikation mit dem Etikett „evangelikal“, je jünger, desto schwächer. Parallel nehmen, je jünger die Befragten sind, Spendenbereitschaft und das Lesen in der Bibel ab. Immerhin sprechen aber viele der Jüngeren relativ häufig mit anderen Menschen über ihren Glauben.

Steve Clifford, Generaldirektor der eauk, möchte mit der Studie einen Gesprächsprozess anregen. So etwas wäre hier bei uns auch mal interessant, da gibt es bislang, so weit ich weiß, nur die dran-Studie 19plus.

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Die Angst vor dem fremden Glauben

Die Grenzen zwischen Islamkritik und Islamfeindlichkeit verlaufen fließend in unserer Gesellschaft. Auf der Suche nach hilfreichen geschichtlichen Parallelen, die etwas Orientierung vermitteln können, verwirft Hannes Stein in seinem lesenswerten Beitrag für die Welt den Vergleich mit dem Antisemitismus, der in vieler Hinsicht ein einzigartiges Phänomen darstellt (und den Ton so ziemlich jeder Debatte massiv verschärft), und verweist stattdessen auf antikatholische Ressentiments im 19. Jahrhundert unter Bismarck – den sogenannten Kulturkampf.

In den USA waren Sorgen über eine katholische Unterwanderung/Überfremdung vor dem 2. Weltkrieg und sogar noch bis zu Kennedys Amtsantritt massiv spürbar. Die puritanischen Siedler hatten den Hass auf alles Katholische aus ihrer britischen Heimat importiert, wo seit der Pulververschwörung römische Priester grausam gefoltert und hingerichtet wurden (und da, wo Katholiken die Mehrheit stellten, hatten Protestanten oft nichts zu lachen).

Dass uns das heute zum Glück alles sehr fremd geworden ist, sagt Stein, sollte uns Hoffnung geben. Es hat sich längst Vieles zu Guten verändert – auf beiden Seiten:

Niemand, der bei Trost ist, würde heute behaupten, Kroaten, Italiener oder Spanier seien in die liberale Moderne nicht integrierbar, weil sie regelmäßig katholischen Weihrauch einatmen. Auf der anderen Seite hat die Kirche ihre weltlichen Machtansprüche beinahe vollständig aufgegeben. Es gibt noch Diskussionen um Kruzifixe in bayerischen Klassenzimmern (nebbich!), aber kein Papst stellt mehr grundsätzlich die Trennung von Staat und Religion infrage.

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Du bist Steve Jobs!

Kaum eine Nachricht hat diese Woche so eingeschlagen wie die erneute, krankheitsbedingte Auszeit von Steve Jobs. Durch sämtliche Kommentare zog sich der Zwiespalt, wie man Jobs‘ Unersetzlichkeit zu bewerten habe. Die einen schrieben, es sei ein Versäumnis, noch immer keinen Nachfolger gefunden oder „aufgebaut“ (was auch immer das in diesem Fall hieße) zu haben. Ein Kommentator formulierte fast trotzig, es gebe bestimmt längst einen Jobs-Nachfolger, er sei nur nicht gefunden. Die anderen resümierten nachdenklich, dass entgegen des grundlegenden Postulats, keiner sein unentbehrlich und jeder müsse ersetzbar sein, hier vielleicht tatsächlich ein ganz bestimmter Mann an einer ganz bestimmten Position nicht zu ersetzen sei, ohne dass das etwas mit Geniekult zu tun haben muss.

Die ganze Diskussion wirft ein Licht darauf, dass unsere Gesellschaft von der Entbehrlichkeit des einzelnen lebt. Führungskräfte, sagen wir mit einem gewissen Recht, haben die Pflicht, sich überflüssig zu machen. Gleichzeitig wissen wir um die panische Angst vor dem Überflüssigsein, die zahllose Menschen dazu drängt, sich mit allen möglichen Tricks und problematischen Manövern unentbehrlich zu machen. Wir reduzieren Personen auf Funktionen, kleine Kästchen in großen Organigrammen. Der Name kann wechseln, das Kästchen bleibt. Firmen feuern und heuern nicht bloß, sie verlagern ganze Produktionsstandorte kreuz und quer über den Globus, mit einem Schlag können hunderte von Menschen ins Heer der Überflüssigen verbannt werden, weil ihre Arbeitskraft nicht mehr gefragt ist. Die Person war es ohnehin nie.

Lang sind die Zeiten der Familienbetriebe vorbei, in denen man von jungen Jahren bis ins hohe Alter gemeinsam lebte und arbeitete, sich auch unter harten Bedingungen, aber trotz höherer Sterblichkeit war dort niemand nur eine ersetzbare Funktion, niemand war überflüssig. Den Umgang vorindustrieller Gesellschaften mit Fremden, Alten oder Behinderten darf sicher nicht verklärt werden. Aber das moderne Mantra „niemand ist unersetzbar“, mit dem heute Entscheidungen durchgedrückt und Angestellte eingeschüchtert werden – inzwischen auch leitende – war dort längst nicht so allgegenwärtig. Mittlerweile ist es aus dem Arbeitsleben auch noch ins Privatleben vorgedrungen, auch da wird (mal mit mehr, mal mit weniger Schmerzen) immer öfter ausgetauscht und ersetzt.

Es ist natürlich legitim zu fragen, wie es bei Apple weitergeht (und in manch einer mittelständischen Firma), wenn der charismatische Gründer abtritt. Vielleicht aber ist das kollektive Unwohlsein dieser Tage auch ein Grund, sich bewusst zu machen, dass aus Gottes Sicht kein Mensch „ersetzbar“ ist. Das gilt zuallererst für die Kranken, Schwachen, Behinderten und scheinbar „Überflüssigen“. Es gilt im Grund aber für jeden einzelnen von uns.

In Gottes Augen bist Du Steve Jobs: Positiv unersetzlich. Ohne dich wäre das Leben nicht mehr das, was es ist. Und dasselbe gilt für deine Mitmenschen.

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Das „Miss You“ Dei

Heute morgen habe ich in einer Projektgruppe mit anderen überlegt, wie Kurse zum Glauben in Bayern möglichst weite Verbreitung finden und das kirchliche Leben befruchten können. Immer wieder stellt sich dabei auch die Frage nach der Motivation. Für mich ist die Missio Dei mit dem „Miss You“ Dei verbunden. Der liebende Vater aus Lukas 15, der auf seinen Sohn wartet. Oder Gott im Garten Eden, der ruft: „Adam, wo bist du?“ Liebe leidet unter dem Abbruch von Beziehungen, und wahre, tiefe Liebe kann sich damit nie endgültig abfinden. Liebe leidet auch mit, wenn ein anderer mutwillig oder fahrlässig sich und anderen Schaden zufügt.

Von daher wundert es mich immer, dass die Liebe doch vielen Christen nicht genug Motivation zu sein scheint, das Evangelium weiterzusagen und anderen Gottes Liebe mitzuteilen. Letzte Woche zitierte etwa ein prominenter Referent bei der Auswertungstagung zum Kongress von Kapstadt zustimmend John Pipers hier schon kritisiertes Votum über „ewiges Leiden“, das es zu verhindern gelte, und dass man sich kein „defizitäres Verständnis der Hölle“ leisten könne. Ein anderer recht bekannter evangelikaler Meinungsführer gab mir das vor einigen Monaten auch schon zu verstehen, dass er diese Folie für unverzichtbar hält.

Ich bin Agnostiker, was die Hölle angeht. Für meinen Geschmack wurde und wird da viel in biblische Texte hineingelesen, die gar nichts mit dem Jenseits und dem Leben nach dem Tod zu tun haben, sondern Warnungen für das Leben hier und jetzt sind (bzw. damals zur Zeit Jesu). Mag sein, dass man das so oder so sehen kann – mir geht es hier ja nur um die Frage nach der Motivation. Offenbar denken ja viele Mitchristen, dass mit dem Wegfall einer drohenden „Hölle“ auch alle Mission in sich zusammenfallen würde.

Funktioniert also nur die Mischung von Liebe und Angst, oder darf man es wagen, ganz auf die Liebe zu setzen? Oder noch anders gefragt: Wenn wir Aufrufe zum Glauben schon kritisch sehen, die Menschen gleichzeitig suggerieren, dass es ihnen dann – in diesem Leben – besser geht, warum sollte das im Blick auf „die Ewigkeit“ anders sein? Muss das nicht sehr gemischte Motive erzeugen, wenn wir (jetzt bin ich wieder bei Piper) parallel zur Liebe auch den ewigen Zorn zum zweiten Brennpunkt der Motivationsellipse machen – also gerade nicht den konkreten Zorn über das Fortbestehen oder gar die Zunahme von Unrecht, Gleichgültigkeit oder Bosheit, sondern den allgemeinen Zorn auf den Sünder, egal wie harmlos der Mensch auch sein mag? (Nebenbei: Piper stellt sich hier übrigens auch gegen John Stott, einen der Gründerväter von Lausanne)

Nun finden wir bei Jesus wie bei den Propheten der Hebräischen Bibel immer wieder Gerichtsdrohungen und -ankündigungen. Aber wie schon gesagt, halte ich diese für die Erwartung konkreter, geschichtlicher Ereignisse (wie etwa die Zerstörung Jerusalems, die in Markus 13 angekündigt wird), die in der Regel auch ziemlich unmittelbare Folgen des Handelns sind, das Jesus und seine prophetischen Vorgänger kritisierten. Ich kann mit dem Gedanken durchaus leben, dass in Grenzfällen Schmerz punktuell als pädagogische Massnahme noch sinnvoll sein kann. Das legitimiert sicher keine Prügelstrafe in Familie oder Schule, aber in anderen Bereichen der Gesellschaft setzten wir ja durchaus auch auf einen gewissen Abschreckungseffekt, in der Hoffnung, damit Schlimmeres zu verhindern.

Mag sein, dass Liebe gelegentlich so weit gehen kann. Aber Drohungen mit ewigem Leid sind ja etwas anderes – sie werfen die Frage auf, ob Gott am Ende vielleicht nur für manche Menschen Liebe ist.

Reicht das „Miss You Dei“ nicht aus, um die Missio Dei zu begründen? Könnte die Sorge, dass beim Wegfall der ultimativen, metaphysischen Drohkulisse die Sünder dreister und die Missionare träger würden, ein Indiz dafür sein, dass wir trotz aller Lippenbekenntnisse der Liebe nicht genug zutrauen, am Ende also selbst im Glauben so schwach, defizitär oder abgestumpft sind, dass wir ihr Fehlen durch andere Antriebe kompensieren müssen? Könnte eine Verkündigung, die in der Person Jesu und im Kreuz Christi den äußersten Liebesbeweis Gottes – der gesamten Dreieinigkeit – herausstellt, nicht die Antwort einer ähnlich freien und selbstlosen (Richard Rohr würde sagen: „nichtdualistischen“) Liebe bewirken? Und könnte es auf Dauer nicht ein großes Handicap für den Glauben sein, wenn dieser seinen Ursprung nicht nur der Liebe, sondern irgendwo eben auch noch der Suche nach dem eigenen Vorteil und der Erwartung von Lohn verdankt? Ist vielleicht genau das die Ursache dafür, dass wir oft so lange zögern, über unseren Glauben zu sprechen, dass wir Gottes Sehnsucht nach geliebten, aber nun entfremdeten Menschen gar nicht richtig mitempfinden können?

Das Votum des Ratsvorsitzenden der EKD zur Initiative Erwachsen Glauben ist angenehm positiv formuliert, ich stelle es ans Ende, damit es nachklingen kann:

Der Glaube ist unser größter Schatz, und es gibt nichts Schöneres, als ihn mit Menschen unterschiedlicher Weltanschauung ins Gespräch zu bringen.

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