Geistreicher Prophet

Wie christlicher Glaube, richtig verstanden, im modernen Leben und auf ganz anderen Themenfeldern zu neuen, hilfreichen Denkansätzen führen kann, das hat Marshall McLuhan („the medium is the message“) vorgemacht. Zum 100. Geburtstag des „Medienpropheten“ merkt die SZ heute folgendes an:

Dieser Glaube an das Medium als Botschaft hat einen interessanten Subtext: den Glauben. Marshall McLuhan ist früh zum Katholizismus übergetreten. Es wurde schon oft daran erinnert, worin der zentrale Glaubensinhalt des Christentums besteht: Dass nämlich Gott nicht als Lichtgestalt, Goldregen oder Godzilla zu den Menschen gekommen ist – sondern als Jesus Christus.

Um zur Welt zu kommen, wählt der allmächtige Gott die Gestalt eines armen Zimmermanns, darin steckt die ganze Geschichte der Erlösung des Niedrigen durch das Hohe. Gott wählte sich einen sterblichen Menschen als Medium, das ist die frohe Botschaft des Christentums.

Diese Art Messianismus hat McLuhan auf andere Medien übertragen. Und zwar mit Vorliebe auf die neuen Medien, die immer eine Zeitlang verpönt und als niedrig abgetan werden. Fernsehen macht dumm? Unsinn, es ist der Beginn einer neuen Zeit. Wobei auch die These, Fernsehen mache blöd und faul, die gleichen Prämissen teilt: Es ist dann eben ein falscher Messias, der die Leute in die Hölle führt.

„Inkarnatorisch“ hat sich ja in der missionalen Szene zum Modewort entwickelt. Vielleicht haben wir das (nicht das Konzept, aber seine plötzliche Populariltät) auch McLuhan zu verdanken. Wie auch immer, hier noch ein paar Bonmots des Meisters:

Only puny secrets need protection. Big discoveries are protected by public incredulity.

We look at the present through a rear-view mirror.

We march backwards into the future.

The trouble with a cheap, specialized education is that you never stop paying for it.

The ignorance of how to use new knowledge stockpiles exponentially.

Food for the mind is like food for the body: the inputs are never the same as the outputs.

The missing link created far more interest than all the chains and explanations of being.

(noch mehr davon gibt’s hier)

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Hochleistungschristen

In der katholischen Kirche wird – mal wieder – über den Zölibat diskutiert, den Pflichtzölibat für Priester freilich, nicht den „freiwilligen“ der Ordensleute. Nun antwortet Kardinal Meisner aus Köln (danke an Simon de Vries für den Tipp!) den Kritikern und macht unmissverständlich deutlich, dass daran nicht zu rütteln ist, weil es hier um die Identität der katholischen Kirche, im Grunde aber des ganzen Christentums geht. Überraschen wird das niemanden. Interessant dagegen ist, wer da wie argumentiert. Wir finden etwa gegen Ende des Textes das Alles-oder-nichts-Argument:

Vergessen wir nicht: Ohne Priester keine Eucharistie, und ohne Eucharistie keine Kirche.

Ins gleich Horn stößt Matthias Matussek im Spiegel, der jedes Rütteln am Zölibat mit der „Abrissbirne“ gleichsetzt. In beiden Fällen kann das als Reduktion von Kirche auf die Hierarchie verstanden werden, die das Volk aus dem Blick verliert oder zu Statisten und Zuschauern degradiert. Und ein klitzekleines bisschen erinnert es an den einen oder anderen Despoten, der sich als letztes Bollwerk gegen das Chaos der Anarchie zu inszenieren versucht.

Kein Wort verlieren beide darüber, dass die Kirche bis 1139 auch ohne den verpflichtenden Zölibat aller Priester auch ganz ordentlich lebte. Viel spannender ist aber das Einstiegsargument Meisners, das ebenfalls eine steile Alternative aufmacht, die ihrerseits (um das Unwort des Jahres zu bemühen) für alternativlos erklärt wird:

Vor dem Zölibat gibt es nur eine Alternative: Entweder es gibt Gott, oder der zölibatär lebende Mensch ist verrückt. Eine andere Alternative gibt es nicht!

Nun gibt es nachweislich Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen allein oder enthaltsam leben und weder katholisch noch verrückt sind. Zudem kann durchaus auch beides zutreffen, es gibt ja leider eine große Bandbreite an religiösen Neurosen – also gilt keineswegs ein so klares Entweder/Oder. Aber wenn der unverheiratete Priester zum lebenden Gottesbeweis stilisiert wird, ist er damit nicht zum „Erfolg“ dieser Lebensform verdammt, weil ein Scheitern auch ein Verrat an Gott wäre? Matussek wählt etwas andere Worte und sieht im kirchlich geregelten Zölibat einen Gegenentwurf zur bürgerlichen Existenz:

Der zölibatäre Priester lebt im Angesicht des Heiligen. Er ist nicht der Kumpel, den man in der Kneipe trifft. Er ist die auratische Respektsperson, der man aus einer Andachtsdistanz heraus begegnet. Wollen wir das aufgeben für die ganz gewöhnlichen Klarsichtfolien-Betriebsnudeln, denen man in Bundestagsausschüssen oder auf Kirche-von-unten-Flohmärkten begegnen kann?

Ich kann verstehen, dass immer weniger Menschen diesen Heldenmut in sich entdecken, der einen die Einsamkeit des Säulenheiligen (oder Krimi-Kommissars) wählen lässt, des Spitzenasketen, an dem andere sich orientieren sollen und der einzig bei immer weniger und immer überlasteteren Kollegen Schwäche zeigen darf. Und scheitern nicht auch viele Leistungssportler an dem Erwartungsdruck, ständig Höchstleistungen produzieren zu müssen?

Aber warum sollte Heiraten nicht mindestens ebenso subversiv sein – oder noch subversiver? Zygmunt Bauman etwa sprach jüngst davon, dass das Konsumdenken längst auch zwischenmenschliche Beziehungen dominiert:

Es gibt keinen Grund, einem Produkt gegenüber loyal zu sein, wenn es seinen Zweck nicht mehr erfüllt und vielversprechendere Alternativen vorhanden sind. Da alle oder zumindest fast alle Mitglieder in unserer Gesellschaft von Konsumenten dieses Muster akzeptieren, ist es kein Wunder, dass wir auch selbst von den anderen gemäß diesem Muster behandelt werden … Wir wollen selbst nachgefragt werden und damit begehrenswert für andere sein. Darum müssen wir uns ständig in möglichst attraktiver Form präsentieren. Der Mensch verwandelt sich in eine Ware.

Matusseks (und Meisners) Beschreibung des Heiligen wirkt auch deshalb befremdlich, weil sie letztlich vielleicht doch einer zwar religiösen, aber nicht genuin christlichen Logik folgt, wie der Priester und Kirchenhistoriker Arnold Angenendt in der SZ erläutert:

Die Forderung der Ehelosigkeit für alle Altardiener kommt von woanders her, aus dem Feld der kultischen Reinheit. Diese besagt: Heiliges darf nur „rein“ berührt werden. Als Inbegriff dafür stehen die „reinen Hände“. Unreinheit zieht man sich zu durch das Essen bestimmter Nahrungssorten, durch Berühren von Toten, besonders aber durch Beflecktwerden mit Sexualstoffen, mit Mannessamen sowie Menstruations- und Geburtsblut. Wir begegnen hier einem weltweiten Religionsphänomen, anzutreffen genauso in Japan wie in China, in Griechenland wie in Rom, insbesondere in Israel.

Jesus hat dieses Reinheitsverständnis überwunden und die ersten Christen hatten mehrheitlich verheiratete Amtsträger, die Spätantike brachte das „Alte“ aber zurück. Das zweite Laterankonzil begründet das Verbot der Ehe bei Priestern mit dem Hinweis, es sei „unwürdig, dass sie sich geschlechtlichen Ausschweifungen und Unreinheiten hingeben“, schreibt Angenendt. Laien durften mit der Zeit bei der Kommunion die Hostie nicht mehr in die unreine Hand bekommen, sondern vom Priester direkt in den Mund. Er folgert:

Wer indes noch grundsätzlich darauf besteht, Priestertum sei nur zölibatär möglich wie auch die Mundkommunion die einzig mögliche Empfangsform, leugnet die religionsgeschichtliche Revolution Jesu Christi.

Als ich diesen Satz gelesen hatte, habe ich Matusseks Text noch einmal durchgesehen – von Jesus ist da ehrlicherweise gar nicht die Rede. Und Meisner nennt Jesus zwar als Vorbild zölibatären Lebens, schweigt aber zu Jesu Kritik an „Menschensatzungen“, damaligen (und heutigen!) Vorstellungen von ritueller Reinheit und einem hierarchischen Verständnis von Kirche in Sinne einer Heiligkeitspyramide, an deren Spitze unverheiratete Männer stehen müssen.

Was beide auch nicht thematisieren, ist die unübersehbare Kluft, die sich derzeit zwischen Hierarchie und Kirchenvolk auftut – weniger die Kirchenaustritte, sondern eher die verbreitete Resignation an der Basis. Die hat auch damit zu tun, dass zwar von offizieller Seite hohe Ideale propagiert werden, während man zugleich verschweigt oder gar vertuscht, dass viele Priester daran scheitern – nicht nur in Afrika. Klar kann man das damit abtun, dass hier jemand sich eben in seiner Berufung geirrt hat oder dass die Kritik am Zölibat, mangelnde Achtung vor dem Amt beziehungsweise die Sexualisierung der Gesellschaft daran schuld seien.

Angenendt argumentiert anders als seine Kontrahenten. Sachlicher und biblischer – während Matussek polemisiert und Meisner verklärt. Aber da die katholische Kirche den Priestermangel ja nun mit iPhone Apps zur automatisierten Beichte kompensiert, kann man sich das vielleicht auch leisten. Vielleicht aber auch nicht, schließlich sind in den letzten Jahrzehnten schon etliche starre Systeme ins Straucheln geraten, wie Walter Färber hier so schön dargestellt hat. Meisner suggeriert, das Unbehagen mit dem Zölibat sei eigentlich in der Furcht begründet, dass Gott einem zu nahe kommen könnte. Das könnte sein. Könnte aber auch gut sein, dass die Furcht vor Reformen, vor einem Ende der Hierarchie in ihrer gegenwärtigen Form, genau dieselben Ursachen hat…

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„pornographische Anbetung“

Ein grandios wütender Kommentar von Alexander Gorkow heute in der SZ zur Verleihung der goldenen Kamera, dem Heiratsantrag von Monica Lierhaus und der Frage, was unser Fernsehen eigentlich im Innersten antreibt:

Hinter den Kulissen von deutschen TV-Unterhaltungsformaten finden rituelle Gebete statt. Es geht in diesen Gebeten selten um die Hoffnung auf den großen Erkenntnisgewinn während einer bevorstehenden Sendung. Es geht selten auch um jene Subversion, die Engländer und Amerikaner beherrschen (…) Es geht in unserem Gebührenfernsehen – dem mit jährlich rund acht Milliarden Euro teuersten der Welt – in Ermangelung an Stil, Humor und Vertrauen in die Zuschauer wenig um Sprache. Es geht stattdessen um eine Art Gott, und es ist dies der Gott des emotionalen Augenblicks.

Es ist eine inzwischen quasi pornographische Anbetung des einen, großen und bitte absolut geilen Moments, der ins Bild muss – und heute können wir sagen: koste es, was es wolle, zum Beispiel die Würde einer Frau wie Monica Lierhaus. Es wird wegen der Fixierung der Sender auf diesen Moment kein Mensch mehr sagen können, wer zum Beispiel bei welchem „Bambi“ oder „Fernsehpreis“ mit einer Trophäe nach Hause ging. Es wird sich hingegen jeder an den Auftritt des todkranken Rudi Carrell erinnern, oder daran, wie Marcel Reich-Ranicki plötzlich herumbrüllte, weil ihm das Niveau einer Preisverleihung mit einem Mal zu niedrig vorgekommen war.

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Fürs Protokoll

Es ist ja schon vielen Weisen und Heiligen untergejubelt worden, aber das bekannte „Gelassenheitsgebet“ stammt höchstwahrscheinlich von dem deutsch-amerikanischen Theologen Reinhold H. Niebuhr (1892-1971). Hier ist es, falls jemand es noch nicht kennt:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Und nochmal auf englisch:

God, grant me the serenity to accept the things I cannot change,
Courage to change the things I can,
And wisdom to know the difference.
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Lebensabschnittsgemeinden

Im Gespräch mit einem Freund kam ich darauf, dass es (vor allem in größeren Städten) das Phänomen einzelner Gemeinden gibt, die viele junge Leute anziehen – weil viele andere junge Leute da sind und man dort gute Aussichten hat, bei der Partnersuche fündig zu werden. Ist das Kunststück dann geschafft, kommt gar das erste Kind, dann sind die Paare so schnell wieder verschwunden, wie sie dort aufgetaucht waren.

Die Pastoren dieser Gemeinden glauben gerne, dass der Zulauf mit ihrer Predigtgabe zu tun hat, während viele Gottesdienstbesucher ein Auge anbetend schließen und mit dem anderen nach dem/der potenziellen Angebeteten Ausschau halten. Daran ist ja auch nichts verkehrt, so lange man sich eingesteht, wie die Gruppendynamik tatsächlich funktioniert. Vielleicht sollte man das ja nicht „Gemeinde“ nennen, sondern „Worship-Dating“? Aber dann würde es vielleicht nicht mehr so gut funktionieren.

Wo ich schon mal dabei war, fragte ich mich gleich weiter, ob dann die Gemeinde für Eltern von Kindergarten- und Schulkindern folgt, und auch dafür spricht einiges. Viele Väter und Mütter entscheiden sich für die xy-Gemeinde und deren Gottesdienst, weil der Nachwuchs dort am besten „versorgt“ ist. Und auch da denken manche Pastoren irrigerweise, es seien ihre attraktiven Predigten, die die Gemeinde zum Blühen bringen. Wenn die Kinder groß genug sind, wandern sie und ihre Eltern allmählich weiter – nicht unbedingt in dieselbe Richtung. Und dann erst stehen die Chancen gut, dass Predigten – neben dem Gospel- oder Bachchor, der ausschlafkompatiblen oder sonntagswandererfreundlichen Gottesdienstzeit, zumutbarer Entfernung, Raumtemperatur und dezenter Beleuchtung oder Verdunkelung – die Entscheidung irgendwie beeinflussen.

Parallel gibt es das Phänomen der Ein-Generationen-Gemeinde: Sie haben als Jugendgruppe oder junge Erwachsene angefangen und werden nun gemeinsam alt. Irgendwann haben sie sich alle ineinander verliebt, ein paar haben auch heraus- oder hineingeheiratet, dann haben fast alle Kinder bekommen. Und als man die gemeinsam groß gezogen hatte, sind die in eine Gemeinde abgewandert, wo sie einen Partner finden konnten. Die Eltern werden gemeinsam älter und …

… ja, was nun?

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Der ungeliebte Christus

Ich kann ja gut verstehen, wie es so weit kommen konnte: Da ist der Pfarrer, der in einer so hölzernen Art und stereotyp immerzu nur von „Jesus Christus“ spricht, als wären das Vor- und Nachname wie in „Herbert Müller“ – und weil er immer den Nachnamen dazu sagt, erweckt das zugleich den Anschein, als kenne er diesen Herrn nicht besonders gut.

Da sind theologische und Frömmigkeitstraditionen, in denen die göttliche Seite auf Kosten des Menschlichen so hervorgekehrt wurde, dass ihr „Christus“ immer blutleerer und unnahbarer wurde. Da sind zuletzt die Esoteriker, die den Christustitel zu einer Chiffre umgebaut haben, unter der nun alles Mögliche an abtrusen und diffusen Vorstellungen von Weltseelen und Energieströmen firmiert.

Im Gegenzug haben einige den Christustitel komplett ausrangiert. Nicht nur in ihrer Gebetsanrede, sondern auch in ihrer Alltagstheologie. Nur so lässt es sich erklären, dass der Ausdruck „Leib Christi“ aus 1. Korinther 12 nicht nur in der Predigtsprache, sondern auch in der einen oder anderen Publikation als „Leib Jesu“ erscheint. Aber eben hier beginnt die Begriffsverschiebung auch zu einer Sinnverschiebung zu werden, die am Ende einen privatisierten Jesus ergibt, und die Gemeinde und Kirche auf eine Art Fanclub reduziert.

Christus ist ja die griechische Übersetzung des hebräischen Messiastitels. Dass Jesus der Christus – des Messias Gottes – ist, ist eines der Kernbekenntnisse des Neuen Testaments und der ersten Christen. Wie Jesus diese Messiasrolle annahm und ausfüllte, war höchst umstritten und ist es bis heute, nicht nur zwischen Christen und Juden, sondern auch in der Diskussion um die verschiedenen Formen politischer Theologie durch die Jahrhunderte.

Vielleicht kann man es so sagen: Der Name Jesus (damals durchaus verbreitet) betont mehr die menschliche Person, während Titel wie Messias/Christus, „Menschensohn“ oder „Sohn Davids“ die (heils-)geschichtliche Rolle beschreiben. Beides lässt sich nicht trennen, aber man muss die Medaille immer mal wieder drehen, damit klar ist, dass sie diese beiden Seiten auch tatsächlich hat. Bei „Jesus“ denken wir zu Recht erst einmal an den Mann aus Fleisch und Blut, zum Anfassen und auf Augenhöhe mit anderen Menschen, einer von uns, der vertraute Freund. Eben dieser intime Freund jedoch ist in einer einmaligen Mission unterwegs – auch heute noch. Sie ist erst abgeschlossen, wenn alles Leid besiegt ist, alle Tränen getrocknet, wenn nicht nur der Hass, sondern auch der Tod überwunden und Gott „alles in allem“ ist.

Um nicht zu vergessen, dass „unser“ Jesus nach dem Bekenntnis der ersten Christen (man hat sie damals spöttisch kleine „Christusse“ genannt, aber gerade nicht kleine „Jesusse“!) auch an der Schöpfung der Welt beteiligt war, dass er der göttliche Logos ist, in dem sich das Geheimnis der Welt erschließt – nicht nur der „persönliche Heiland“, sondern der Erlöser des Kosmos – dafür brauchen wir unter anderem den Christustitel. Nicht als distanzierenden „Nachnamen“, sondern damit wir, als der Leib Christi, uns der wahren Dimensionen von Gottes Handeln in der Welt und im Zusammenhang damit auch unserer eigenen Rolle als Leib Christi bewusst werden. Das scheint mir auch Paulus am Ende von Epheser 3 im Sinn zu haben, wenn er schreibt:

In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.

Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können, er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus in allen Generationen, für ewige Zeiten. Amen.

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Virtuelle Freunde und „echte“ Bekannte

„Wer hat, dem wird gegeben“ – der Satz trifft mit Sicherheit auf Facebook-Freunde zu. Die ersten hundert dauern eine Weile, dann werden es immer schneller immer mehr, dafür sorgt das geschäftstüchtige Unternehmen schon selbst mit seinen Vorschlägen, wen man vielleicht noch so alles kennen könnte.

Ich finde, dass Facebook eine wunderbare Möglichkeit ist, mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, gerade auf große Entfernungen. In letzter Zeit kommen aber auch immer wieder Freundschaftsanfragen von völlig unbekannten Menschen bei mir an, meist ohne irgendeinen erklärenden Kommentar.

Nun ist es um mein Namensgedächtnis nicht immer gut bestellt, vielleicht haben wir uns ja irgendwann mal getroffen. Wenn ich dann aber auf die „Freunde“ der Person klicke, um mir irgendwie ein Bild zu machen, wer da fragt, dann sehe ich da nicht immer, aber oft eine regelrechte „Kollektion“ von Namen, die in dieser oder jener Szene guten Klang haben oder als wichtig gelten. Und unter dem „Profil“ des potenziellen neuen Freundes steht oft irgendeine passende Parole.

Und so ist es eine zwiespältige Erfahrung: In die Galerie wichtiger Menschen eingereiht zu werden, ist ja irgendwie schmeichelhaft. Weniger angenehm ist der Gedanke, dass es gar kein echtes Interesse an mir sein könnte, sondern nur der Versuch, eine (für wen auch immer) möglichst beeindruckende Liste von „Freunden“ vorweisen zu können, das hinter mancher Anfrage steht.

Also bleibe ich doch lieber bei echten Freunden und tatsächlichen Bekannten, auch auf Facebook. Ganz so virtuell muss es ja nicht sein.

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Beten unterm Davidstern?

Vor kurzem warf ich einen Blick in den Gottesdienstraum einer Freikirche und sah dort einen großen Davidstern an der Wand. Und kam ins Grübeln darüber, wie angemessen dieses Symbol dort nun eigentlich ist.

Das Hexagramm hatte ursprünglich auch keinen exklusiven Bezug zum Judentum, im Mittelalter wurde es von verschiedenen Glaubensrichtungen als Talisman verwendet, verrät die Wikipedia. Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Davidstern dann zum Symbol des Judentum, um dann von den Zionisten als eher säkulares Symbol benutzt zu werden. Mittlerweile ziert er die Nationalflagge des Staates Israel.

Was sagt es dann also aus, wenn man einen Davidsstern in einen Gemeindesaal hängt? Manche kirchlichen Traditionen sind ja symbolisch etwas verarmt, und nun ist man bei der Nachrüstung vielleicht nicht sehr wählerisch. Und weil das Geschichtsbewusstsein mancher junger Gemeinden nicht sehr entwickelt ist, rutscht nun ein Talisman hinein, obwohl man sonst alles Magische peinlichst meidet.

Vielleicht will man das positive Verhältnis zwischen Christen und Juden (historisch keineswegs eine Selbstverständlichkeit in unseren Breiten) betonen, oder sogar die Identifikation mit den Opfern des dritten Reichs, die den „Judenstern“ als Zeichen tragen mussten. Aber das könnten Juden ja auch als respektlose Vereinnahmung empfinden, wie das etwa bei der Pesach-Feier der Fall ist.

Will man dem Staat Israel damit seiner Solidarität versichern? Aber es ist seinem Selbstverständnis nach ein säkularer Staat, und nicht einmal alle Strömungen im Judentum sehen den uneingeschränkt positiv. Noch etwas direkter gefragt: Erhebt man mit dem Davidstern an der Wand nicht qua Symbolsprache den Zionismus zum offiziellen Glaubensgegenstand? Und wie lässt sich das damit verbinden, dass Jesus die nationale Agenda seiner Zeitgenossen extrem kritisch kommentierte?

Oder soll es, etwas unglücklich und höchst missverständlich symbolisiert, nur sagen, was die EKD hier so formuliert hat: „Christen kommen durch Jesus Christus zu dem Gott, der sich unverbrüchlich mit Israel verbündet hat“?

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Außer Thesen nichts gewesen?

Von wegen! Vor zwei Wochen war ich beim Think Tank „Missionale Christologie“ des IGW auf dem Herzberg bei Aarau/CH. Nun ist eine kurzer Bericht über die anregenden und intensiven Diskussion erschienen. Wir haben missionale Theologie von Jesus aus zu denken versucht und Jesus aus einer missionalen Perspektive betrachtet. Und gemerkt, dass wir dabei erst am Anfang stehen.

Wer sich für Einzelheiten interessiert, kann hier weiterlesen. In einigen Wochen werden unsere Thesen dann veröffentlicht.

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Lehrreiche Gartenarbeit

Ich habe mich in letzter Zeit mit dem Schneiden von Obstbäumen beschäftigt und dabei gelernt, wie wichtig es ist, den Konkurrenztrieb zu entfernen. Bei näheren Hinsehen stellte ich dann fest, dass ich das bei meinem Baum vor einigen Jahren schon mal versäumt habe.

Über die menschlichen Parallelen lässt sich dabei ganz prima meditieren. Das muss ich mir auf jeden Fall merken, wenn mal wieder eine Predigt über Johannes 15 ansteht und den Winzer, der die Reben schneidet. Bei denen scheint es auch reichlich Konkurrenztriebe zu geben…

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Weisheit der Woche: Sehnsuchtsspirale

Der Trick ist es, eine Sehnsucht zu wecken, die sich fortwährend nach neuen Sehnsüchten sehnt.

(…) Die Konsumgesellschaft verspricht nicht nur das Glück, sondern sie fordert es regelrecht ein. Unglück ist nicht duldbar, die Unglücklichen verlieren ihren Platz in der Gesellschaft. Das Absurde ist freilich: Die größte Bedrohung für eine Gesellschaft, die das Glück zur höchsten Maxime erklärt hat, ist ein wunschlos glücklicher Kunde. Er kauft ja nichts mehr ein.

Zygmunt Bauman in der SZ

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Ein paradoxer Auftrag

Gestern las ich in einer Gruppe mit anderen das vierte Kapitel des Markusevangeliums. Neben dem Wikileaks-Vers („Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommt“) steht dort noch ein anderer verstörender Abschnitt:

Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes anvertraut; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen gesagt; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird. (Markus 4,11-12)

Mit etwas Nachdenken lässt sich diese sperrige Aussage ein bisschen in den Kontext einordnen. Das erste betrifft die Rede in Gleichnissen.Vielleicht ist der Widerstand im dritten Reich eine gute Analogie. Man kann Fremden gegenüber keinen Klartext reden, sondern muss mehrdeutig sprechen. Genau das tut Jesus in seinen Geschichten. Wenn jemand dann aufrichtiges Interesse zeigt, bleibt er dran und kann eingeweiht werden. Wer aus den falschen Gründen Interesse zeigt (weil er ein Spitzel ist), kann auf Distanz gehalten werden und bekommt nichts Verwertbares geliefert. Dass Jesu revolutionäre Botschaft damals lebensgefährlich war, das betont er immer wieder – der letzte Beweis ist das Kreuz.

Es geht also nicht darum, die anderen um jeden Preis draußen zu halten, sondern klug zu reden. Heute kann das Reden in Gleichnissen und geheimnisvollen Bildern aus anderen, entfernt verwandten Gründen sinnvoll sein: Wenn man ständig mit vollmundiger Werbung überschüttet und Appellen aller Art bombardiert wird, ist es umso schöner, wenn man einer Sache nachspüren kann, statt sie abblocken zu müssen. Das macht Gleichnisse auch bei uns wertvoll, wo man nicht von Spitzeln und römischen Soldaten, sondern nur vom Heer Marketingexperten und Verkäufern beschnüffelt und verfolgt wird.

Aber wir lesen hier ja nicht nur von verhüllter Rede, sondern auch von einer schroffen Zurückweisung – wie ist das zu verstehen? Nun, Jesus hat in dem Gleichnis vom Sämann gerade erklärt, wie er arbeitet: Er streut den Samen seiner Botschaft vom Reich Gottes einfach überall aus. Die Reaktionen sind gemischt: An manchen prallt das ohne Reaktion ab, andere finden es vorübergehend unterhaltsam oder sind kurzzeitig begeistert, und manche bleiben dauerhaft dran – hier geht die Saat dann richtig auf, deshalb ist es auch die Mühe wert.

Und nun zitiert Jesus in den oben wiedergegebenen Versen den Propheten Jesaja (6,9-10), der in Gottes paradoxem Auftrag zu einem verstockten Volk – das bekam er gleich vorab schon erklärt – reden sollte. Durchgängig positive „Ergebnisse“ waren also gar nicht zu erwarten. Und hier setzt die Analogie an: Dass Menschen auf Jesus – und dann auch auf seine Jünger – gleichgültig, amüsiert oder gar feindselig reagieren, liegt nicht daran, dass an der Botschaft etwas verkehrt wäre. Sie haben sich nichts vorzuwerfen (es ist freilich auch keine Aufforderung, möglichst viele Leute durch rüdes Auftreten zu verprellen!). Ebenso wenig ist es einfach nur die Schuld der Leute, dass sie so reagieren. Die Jünger brauchen also auch ihnen keine Vorwürfe zu machen, sie fahren einfach fort mit dem, was ihnen aufgetragen ist. Sie brauchen keine Erklärungen zu suchen, sie müssen Desinteresse nicht einmal als Niederlage verstehen. Denn die Ernte wird kommen und reichlich ausfallen. Alles andere, sagt das anschließende Gleichnis von der selbstwachsenden Saat, können sie ruhig Gott überlassen. Sie müssen es sogar.

(Wie das konkret aussieht, zeigt uns Paulus: Er stieß in den Synagogen mehrheitlich auf Ablehnung, zum Teil fiel sie sehr heftig aus. In Römer 9-11 beschreibt er, wie das Evangelium an Israel abprallt und zu den „Heiden“ kommt. Doch damit ist Gottes Ziel noch nicht erreicht. Denn Israel ist aus dieser Perspektive keineswegs für alle Zeiten „verloren“, sondern nur vorübergehend. Am Ende hebt Gott diese Blockade, die er selbst zugelassen hat, auf. Er wendet alles zum Guten und ebnet den Weg für das ganz große Finale, das Bankett aller Völker und Nationen. Dann wird ganz Israel mit am Tisch sitzen. Und wer weiß, wer noch alles dabei ist…)

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Bald kommt Mr. Wright

Am 18./19. Februar kommt N.T. Wright aus dem schottischen St. Andrews nach Marburg und referiert beim Studientag Gesellschaftstransformation des mbs. Das Programm sieht vier Referate des renommierten Neustestamentlers vor. Es geht ganz unbescheiden darum, zu klären, was Jesus wirklich wollte.

Wrights Beitrag liegt dabei in der kenntnisreichen Einordnung Jesu in das antike Judentum, von der aus er zweitens die Eschatologie Jesu erfrischend neu zeichnet, so dass Jesus nicht mehr so weltfremd und einseitig jenseits-fixiert erscheint wie in vielen bisherigen Darstellungen. Zugleich ist der frühere Bischof von Durham aber auch daran interessiert, wie kirchliches Leben heute in der Nachfolge Jesu zu gestalten ist und wie sich das auf die Gesellschaft auswirkt.

Wohl nicht mehr rechtzeitig zum Studientag sollen im Francke-Verlag zwei Titel von Wright erscheinen: Das Neue Testament und das Volk Gottes und Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters.

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Was glauben Evangelikale wirklich?

Die evangelische Allianz in Großbritannien hat eine Umfrage unter über 17.000 ihr nahestehenden Christen auf Festivals und in 35 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Gemeinden durchgeführt und die Ergebnisse nun veröffentlicht. Dort kann man nachlesen, was Evangelikale auf der Insel glauben, wie sie leben und worin sie sich auch nicht einig sind.

Die Übereinstimmungen, die sich dort zeigen, sind keine Überraschung: Sie betonen die Einzigartigkeit Jesu Christi (91%), engagieren sich in ihrer Gemeinde (96%), sind spendenfreudig (96%), möchten sich in den gesellschaftspolitischen Diskurs einschalten (93%), wünschen sich Einheit unter den Christen (94%) und – jetzt kommt doch noch eine Überraschung – finden Umweltschutz wichtig. 99% engagieren sich regelmäßig in einer gemeinnützigen Form, 85% geben an, dass ihre Gemeinde soziale Dienste leistet – also gar keine Inselmentalität pflegt.

Unterschiedlicher Meinung sind sie in der kategorischen Ablehnung jeder Form von Abtreibung: 28% stimmen da eher nicht uneingeschränkt zu, 17% sicher nicht uneingeschränkt, und wieder 18% haben keine klare Meinung. Nur 18% dagegen halten Glaube und Evolution für gänzlich unvereinbar, 8% sehen Schwierigkeiten, knapp 60% dagegen sehen das eher positiv oder ganz unproblematisch. Satte 51% sind fest davon überzeugt, dass Frauen in der Kirche alles tun dürfen, was Männer auch tun. Die größte Unsicherheit fand sich beim Thema „Hölle: 31% haben keinen Standpunkt, wenn es um die Frage geht, ob man sie als Ort ewiger, bewusster Qualen zu verstehen hat.

Je älter die Befragten waren, desto stärker war ihre Identifikation mit dem Etikett „evangelikal“, je jünger, desto schwächer. Parallel nehmen, je jünger die Befragten sind, Spendenbereitschaft und das Lesen in der Bibel ab. Immerhin sprechen aber viele der Jüngeren relativ häufig mit anderen Menschen über ihren Glauben.

Steve Clifford, Generaldirektor der eauk, möchte mit der Studie einen Gesprächsprozess anregen. So etwas wäre hier bei uns auch mal interessant, da gibt es bislang, so weit ich weiß, nur die dran-Studie 19plus.

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Die Angst vor dem fremden Glauben

Die Grenzen zwischen Islamkritik und Islamfeindlichkeit verlaufen fließend in unserer Gesellschaft. Auf der Suche nach hilfreichen geschichtlichen Parallelen, die etwas Orientierung vermitteln können, verwirft Hannes Stein in seinem lesenswerten Beitrag für die Welt den Vergleich mit dem Antisemitismus, der in vieler Hinsicht ein einzigartiges Phänomen darstellt (und den Ton so ziemlich jeder Debatte massiv verschärft), und verweist stattdessen auf antikatholische Ressentiments im 19. Jahrhundert unter Bismarck – den sogenannten Kulturkampf.

In den USA waren Sorgen über eine katholische Unterwanderung/Überfremdung vor dem 2. Weltkrieg und sogar noch bis zu Kennedys Amtsantritt massiv spürbar. Die puritanischen Siedler hatten den Hass auf alles Katholische aus ihrer britischen Heimat importiert, wo seit der Pulververschwörung römische Priester grausam gefoltert und hingerichtet wurden (und da, wo Katholiken die Mehrheit stellten, hatten Protestanten oft nichts zu lachen).

Dass uns das heute zum Glück alles sehr fremd geworden ist, sagt Stein, sollte uns Hoffnung geben. Es hat sich längst Vieles zu Guten verändert – auf beiden Seiten:

Niemand, der bei Trost ist, würde heute behaupten, Kroaten, Italiener oder Spanier seien in die liberale Moderne nicht integrierbar, weil sie regelmäßig katholischen Weihrauch einatmen. Auf der anderen Seite hat die Kirche ihre weltlichen Machtansprüche beinahe vollständig aufgegeben. Es gibt noch Diskussionen um Kruzifixe in bayerischen Klassenzimmern (nebbich!), aber kein Papst stellt mehr grundsätzlich die Trennung von Staat und Religion infrage.

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