Weisheit der Woche: Dankbarkeit

Brian McLaren hat mit Naked Spirituality ein wunderbares Buch geschrieben. Gleichermaßen tiefgründig, zugänglich und motivierend stellt er dort zwölf Grundbewegungen des geistlichen Lebens vor. Im Unterschied zu manch anderem Werk dieses Genres kommt er auch ohne gesetzliche Forderungen, moralisierende Schuldgefühle und abtönende Gewissensbisse aus.

Wir haben mit einer Predigtreihe zu den zwölf Worten begonnen, nächsten Sonntag folgt der zweite Teil, und da geht es um Dankbarkeit. Nicht unbedingt neu, aber immer aktuell ist dabei dieser Anstoß für uns Bürger der Wohlstandsgesellschaft, zumal wenn Krisengewölk am Wirtschaftshorizont erscheint:

Je mehr wir haben, desto mehr müssen wir uns in Dankbarkeit üben; sonst halten wir immer mehr von dem, was wir haben für selbstverständlich. Wenn wir aus Gewohnheit immer mehr für selbstverständlich halten, macht uns unser Undank schließlich … unglücklich. Und natürlich müssen wir Dankbarkeit auch üben, wenn wir wenig haben, so dass das wenige, das wir sehr schätzen, zu mehr Glück führt als Vieles, was wir wenig schätzen.

Man kann das als einen Kommentar zu Philipper 4,13 lesen, dem die sachte Erinnerung daran folgt, dass wir um diese Haltung der Dankbarkeit kämpfen müssen:

A lot of people spend a lot of money to keep you from being grateful.

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Kurz und (zu?) knapp…

Erzbischof Zollitsch musste kurz und simpel antworten, als ihn die Kinderreporter des Spiegel befragten. Er tat das durchaus sympathisch und angenehm persönlich, und manchmal kann die Kürze ja auch zu einer gewissen Prägnanz führen. Insofern ist es dann auch interessant, wie direkt seine Antwort auf die Frage, warum Frauen nicht zum Priesteramt zugelassen sind, ausfällt:

Das ist eine Tradition, die es seit Beginn der Kirche gibt. Die kann man nicht einfach so ändern, obwohl manche das gern möchten. Jesus hat damals nur Männer zu seinen Aposteln erwählt. Und die Priester sind ihre Nachfolger.

Das Argument der unumstößlichen Tradition steht auf tönernen Füßen. Immerhin hat man eine andere Tradition, dass Apostel und Priester lange verheiratet waren, vor etlichen Jahrhunderten auch zugunsten des Zölibats geändert, der nun seinerseits als unumstößliche Tradition erscheint. Und die Kritiker dieser Position wollen das ja auch nicht „einfach so“ ändern, sondern auch gutem Grund.

Der begründende Nachsatz zeigt dann schön die ganze Problematik: Erstens ist da der (Fehl?)Schluss vom Sein („Jesus hat…“) zum Sollen („daher können wir nicht“). Verboten hat Jesus ja nicht, das auch anders zu halten. Dass der Jüngerkreis Jesu bunter war, dass die Funktion der Zwölf eine symbolische und nicht primär eine priesterlich-hierarchische war, dass, wie man auch sagen könnte, der Ur-Apostolat – die Botschaft von der Auferweckung – nach einhelligem Zeugnis der Evangelien zuerst gerade Frauen anvertraut wurde, das muss den Kindern dann doch jemand anders erklären.

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Gefahr am rechten Rand

Gestern bin ich im schönsten Sonnenschein ein Stück Landstraße geradelt und habe dabei eine interessante Beobachtung gemacht. Es gibt eine unmittelbare Korrelation zwischen dem Abstand eines Radfahrers zu rechten Fahrbahnrand und dem Abstand, mit dem er von Autofahrern passiert wird:

Fahre ich nag am Fahrbahnrand, sagen wir 30 cm neben der Linie, rasen die PKWs mit 30 cm Abstand an mir vorbei. Ich werde auch bei Gegenverkehr überholt, weil man ja die Mittellinie gar nicht überschreiten muss, um an mir vorbeizukommen. Bei solchen Manövern genügt ein kleiner Wackler mit dem Lenker, und ich bin Matsch.

Fahre ich dagegen einen guten Meter links von der Linie, dann werde ich mit einem Abstand von mindestens einem Meter überholt. Nun ist dem Autofahrer bewusst, dass er die Gegenfahrbahn nutzen und mich als vollwertigen Verkehrsteilnehmer behandeln muss, nicht etwa als Randerscheinung.

Wer also meint, er tue Autofahrern einen Gefallen, wenn er sich möglichst eng an den rechten Rand schmiegt, der irrt. Er verleitet sie vielmehr zu einem Verhalten, mit dem sie sich und andere gefährden (hier ließen sich nun nette politische Analogien ziehen…!) und vor allem gefährdet er sich selbst, weil er durch seine Ausnutzung des Raumes die Botschaft vermittelt, dass er sich selbst nicht ganz „für voll nimmt“.

Also, liebe Pedalritter: Nehmt Euch ernst, gönnt Euch den Raum, und seid Euch bewusst, dass es sogar denen dient, die Euretwegen (leise fluchend, aber das hört Ihr ja nicht) auf die Bremse treten müssen.

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Verrücktes Vertrauen

In den letzten Tagen habe ich mich gefragt: Vielleicht sollten wir neben Psychopathen und Soziopathen nun auch von „Plutopathen“ sprechen (analog zu Plutokratie, oder wäre „Monetopathen“ besser)? Die Finanzkrise hat – Deutschland ist da die krasse Ausnahme – weltweit 13 Millionen Jobs vernichtet, Familien und ganze Landstriche in die Armut gestürzt. Der billionenschwere „Krieg gegen den Terror“ fand derweil irrtümlicherweise weit weg in Afghanistan und im Irak statt.

Der wahre Schrecken kam deshalb unerwartet: Aus der US-Subprimekrise ist die Schuldenkrise in Südeuropa und Irland und die Krise des Euro geworden. Seit Wochen ringen Regierungen darum, das Vertrauen „der Märkte“ zurückzugewinnen, nachdem man in der Krise die Reform der Märkte versäumt hat, was wiederum vor allem die USA zu verhindern wussten.

Nur: Wer verbirgt sich hinter dieser Chiffre „die Märkte“? Die Antwort ist wirklich erschreckend: Die Finanzmärkte werden im Wesentlichen von Menschen dominiert, denen die Universität St. Gallen ein vernichtendes Charakterzeugnis ausstellt. Der Forensiker Thomas Noll bilanziert eine Studie zum Verhalten von Aktienhändlern laut Spiegel Online folgendermaßen:

„Natürlich kann man die Händler nicht als geistesgestört bezeichnen, […] aber sie verhielten sich zum Beispiel noch egoistischer und risikobereiter als eine Gruppe von Psychopathen, die den gleichen Test absolvierten.“ Besonders schockierend für Noll: Insgesamt erzielten die Banker gar nicht mehr Gewinn als die Vergleichsgruppen. Statt sachlich und nüchtern auf den höchsten Profit hinzuarbeiten, „ging es den Händlern vor allem darum, mehr zu bekommen als ihr Gegenspieler. Und sie brachten viel Energie auf, diesen zu schädigen.“ Es sei in etwa so gewesen, als hätte der Nachbar das gleiche Auto, „und man geht mit dem Baseballschläger darauf los, um selbst besser dazustehen“.

Wunderbar illustriert wird diese These durch ein Interview der BBC mit einem gewissen Alessio Rastani, das für große Aufregung im Internet gesorgt hat. Die Süddeutsche beleuchtet seinen etwas schillernden Hintergrund und stellt dann fest, dass der selbsternannte Experte mit der großen Klappe Dinge ausspricht, die andere schon seit langem anprangern, ohne damit groß aufzufallen. Der springende Punkt ist jedoch der: Realität und Karikatur oder Effekthascherei lassen sich für viele eben schon gar nicht mehr so leicht auseinanderhalten – Rastani hat die Baseballschläger-Rhetorik perfekt drauf.


Man fragt sich nur, warum die anderen Paten sich den Plutopathen nicht anschließen – das wäre ganz legal, und mindestens so destruktiv wie organisiertes Verbrechen, aber man könnte auf Killertrupps verzichten und muss sich nicht irgendwo auf Sizilien vor den Carabinieri verstecken. Und das gesparte Geld könnte man nutzen um – richtig – gegen den Euro zu wetten. Oder den Dollar – der kommt als nächstes dran.

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Fair Kürzen

Vorgestern schrieb mir der Redakteur einer evangelikalen Zeitschrift und fragte, ob ich auf folgende Frage in einem Text von 1.500 Zeichen antworten könnte:

Reicht es, ein guter Mensch zu sein, um in den Himmel zu kommen?

Dazu lautete die Anweisung: „Die Fragen sollten kurz und knapp beantwortet sein, die Feinheit der Frage sowie auch das große Ganze dahinter im Blick behalten.“ Genau die Feinheit der Frage hat mich dazu gebracht, dankend abzulehnen. Aber betrachten wir kurz eben diese Feinheiten. In der vorliegende Form setzt die Frage mehrere Annahmen voraus:

  • Erstens ist das Ziel aller Menschen (oder es sollte es zumindest sein), in „den Himmel“ zu kommen.
  • Das Leben im Hier und Jetzt dient der Qualifikation für die Ewigkeit. Im Gegensatz zur Reinkarnationslehre hat man aber nur einen Versuch.
  • Um im Jenseits auf der richtigen Seite zu landen, muss ein Mensch bestimmte Bedingungen erfüllen („reicht es?“).
  • Glaube und Religion sind dazu da, um Menschen über die korrekten Kriterien zu informieren und die Qualifikation zu ermöglichen.

Bejaht man alle diese Annahmen, dann wird die Antwort wahrscheinlich lauten müssen: Nein, selbst wenn man ein „guter Mensch“ ist, muss man noch das Richtige glauben (Jesus, Bibel, altkirchliche oder reformatorische Bekenntnisse etc.) bzw. der richtigen Religion angehören (und wenn das der Fall ist, darf man sogar kein so ganz guter Mensch sein!), oder wenn man es ein bisschen pietistischer und weniger kognitiv haben will, sagt man dann, dass man Jesus liebhaben muss (und so ggf. von selbst von einem nicht so guten zu einem guten Menschen wird), und dann gibt es noch die sakramentale Variante mit der (man ahnt es schon) richtigen Taufe (unbedingt groß und entschieden oder unbedingt möglichst früh im Leben, um die Gnade nicht durch Zustimmung und Mitwirkung zu kompromittieren) und dem richtigen Abendmahl (unbedingt mit einem Priester, der in der apostolischen Sukzession steht oder unbedingt ohne Alkohol).

Ja, und natürlich wäre eine mögliche Antwort auf unsere Frage auch die: „Wenn man von Ewigkeit her erwählt ist, ja. Wenn nicht, nein.“ Kurz, calvinistisch und trocken. Dafür wären dann 1.500 Zeichen zu viel.

Ich habe den Umfang des erwünschten Artikelchens hier schon überschritten, indem ich nur die in der Frage enthaltenen Verkürzungen des Evangeliums problematisiert habe. Ich stimme den Denkvoraussetzungen schon nicht zu – fair kürzen würde bedeuten, hier deutlich weiter auszuholen. Jetzt könnte ich zwar den alten Trick von Helmut anwenden und sagen: „Die Frage ist doch nicht …, die Frage ist …“ und dann schreiben, was ich schon immer sagen wollte, aber damit wäre ja nichts gewonnen.

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Berge, Ozeane und ein paar dringende Fragen

Vor einer Weile war ich auf einem Kongress in der Schweiz. Unter anderem spielte dort eine Band aktuelle Lobpreislieder. Gleich mehrfach sangen wir einen Song (auf Englisch), der sich mit dem gewaltigen Ozean, dem Wind und den Wellen befasste. Die meisten Menschen sprechen auf diese Sprachbilder im Stil von Fotos aus National Geographic ja ganz gut an.

Was mich trotzdem wunderte, war die Präferenz für das Ozeanische mitten im alpinen Binnenland. Ich würde im Zweifelsfall lieber von Berge singen als vom Meer. Oder idealerweise gleich über die Berge und die See? Das Lied, mit dem die Aufmerksamkeit der Gruppe auf Gott gelenkt werden sollte, zeichnet ein exotisches Bild. Und zwar im präzisen Wortsinn – „exo-“ steht für „draußen“.

„Geistliche“ Ästhetik in ihrer Orientierung am Fremden und Exotischen greift natürlich auf parallele Phänomene der Gegenwartskultur (die Fototapete mit Tropenmotiv oder den Bildschirmhintergrund) zurück. Darin aber schlummert ein eskapistisches Moment: Wir lokalisieren Gott so nämlich in der Ferne. Das mag nun positiv verstanden ein Symbol für Sehnsucht und Weite sein. Gleichzeitig suggeriert die Symbolik aber, dass Gott nicht im Nahen und Gewöhnlichen, sondern im Fremden und Besonderen, Exotischen anzutreffen ist.

Und das lesen wir dann wieder hinein in biblische Texte. Dabei begegnen die großen Gestalten des Glaubens Gott nicht an exotischen Plätzen (der Sinai mag das für heutige Touristen sein Mose war in Exodus 3,1ff dort bei der Arbeit!). Paul Gerhard hatte in „Geh aus mein Herz“ ähnlich wie die Psalmisten auf einheimische Motive gesetzt. Klar, kann man jetzt einwenden, die Leute kannten auch nichts anderes. Mag sein. Zugleich lieferten die Psalmen und Gerhards Choräle denen, die sie singen, aber auch eine Sprache und Symbolik, mit der man das Alltägliche aus dem Glauben heraus erschließt.

Ich erinnere mich, dass wir einmal einen Gottesdienst hatten, wo wir im Hintergrund des Präsentationsprogramms für die Liedertexte Motive aus Erlangen einblendeten: Gebäude, Straßenzüge, Menschen. Hinterher gab es gleich mehrere Beschwerden, das würde ablenken und die erwünschte Andacht stören. Was hat ein Siemens-Bürohaus schon mit Gott zu tun?

Anders gesagt: Wer es ernst meint mit Glaube am Montag, der sollte sich nach Liedern, Symbolen und Metaphern umsehen, die Gott nicht nur im „jetzt“, sondern eben auch ganz ausdrücklich im „hier“ lokalisieren. Man kann sich zum Thema „Inkarnation“ buchstäblich totpredigen, wenn das aber durch das Liedgut und die Dekoration so nachhaltig konterkariert wird, wird nichts davon hängenbleiben.

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Ein blaues Lüftchen

Slavoj Žižek hat neulich die These aufgestellt, die Kombination aus autoritärem Staat und Kapitalismus sei Gewinner der Krise das Erfolgsmodell des 21. Jahrhunderts. China, Singapur, und das refeudalisierte Russland machen es vor, während sich Demokraten in den USA und der EU in Parteikämpfen aufreiben und schwerfälligen Strukturen verheddern.

Großbritannien, das in Europa ja schon mit dem Wirtschaftsliberalismus Trendsetter war und längst schon Weltmeister in Videoüberwachung ist, tut nun auch den nächsten Schritt und macht nach den Ausschreitungen in London eine Rolle rückwärts zu schwarz-weißem Law-and-Order Denken, bestraft Plünderer drakonisch – und ein nicht unerheblicher Teil der Menschen hätte gern auch in den Schulen wieder die Prügel als pädagogische Maßnahme eingeführt. Deutsche Populisten rund um das Regierungslager aktivieren in der Eurokrise nach Laune nationale Ressentiments und Klischees – aktuell spricht Peter Gauweiler von „fremden Regierungen“ und meint den EU-Partner Griechenland.

Deutsche Eliten stehen, wie ich bei Daniel Renz las, auch nicht mehr geschlossen hinter der Demokratie, weil ihnen da zu oft gewöhnliche Leute einen Strich durch die Rechnung machen. Und Papst Benedikt macht sich für eine Kombination von lebendigem Glauben und autoritärer Kirche stark, was die religiöse Entsprechung zu der Bewegung darstellen dürfte, die Žižek beschreibt.

Das alles ist kein Wunder: Erstens halten sich Machteliten seit jeher an der Spitze, indem sie die Gefahr der Anarchie und des Chaos beschwören. Zweitens wird angesichts der globalen Krisen der Rückgriff auf die dominierenden Denkmuster einer Zeit, in der aus heutiger Sicht noch alles in Ordnung schien, wieder interessant. Die politisch übersichtliche und klar konturierte Welt des kalten Krieges, die bürgerliche Restauration und familiär, sozial und kirchlich „geordneten Verhältnisse“ der Zeit des Wirtschaftswunders oder gar der viktorianischen Ära. In Spiral-Dynamics-Terminologie gesagt: Man aktiviert das blaue Muster: Absolutistisch, konformistisch, Law-and-Order mit einem ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denken und Vergeltungsdrang.

Zur Lösung komplexer Fragen in einer unübersichtlichen Welt dürfte dessen Logik aber nicht ausreichen. Politisch könnte es dennoch ein Erfolg werden, etwa für die US-Republikaner. Man polarisiert die Gesellschaft, bis der Ruf nach dem starken Mann ertönt, und bietet sich dann als Retter mit eiserner Faust an. In der Unsicherheit ziehen viele das Bekannte trotz seiner Mängel dem Unbekannten vor und machen eine Rolle rückwärts. Da bleibt einem zumindest die Anstrengung erspart, sich zu verändern, riskante Experimente zu wagen und sich in diffizile Zusammenhänge hineinzudenken.

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Schinken vom Streithammel

Wenn Jesus heute Geschichten erzählen würde, wäre diese tatsächliche Begebenheit vielleicht auch darunter:

Er nagelte einen Schinken an die Tür einer Moschee im englischen South Shields und saß in Arrest – jetzt ist der Täter wieder auf freiem Fuß. Der Vorsteher der Moschee hatte sich in einem Schreiben an das Gericht für ihn eingesetzt. Der 63-Jährige wurde nach einem Bericht der Zeitung „Gazette“ zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und darf sich der Moschee für ein Jahr nur auf 100 Meter nähern. Das Gericht brandmarkte seine Tag als „unchristlich“ und beleidigend. Muslime dürfen kein Schweinefleisch essen. Der Täter gibt persönliche Motive für sein Verhalten an, er liege seit 20 Jahren im Streit mit einer muslimischen Familie. Er besucht regelmäßig die Kirche in der Straße, in der auch die Moschee liegt.

(hier gefunden)

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Roman und Realität

Die Süddeutsche schrieb heute anlässlich der erschütternden Hinrichtung von Troy Davis:

Amnesty registrierte 2010 nur in China, dem Iran, Nordkorea und dem Jemen mehr Hinrichtungen als in den Vereinigten Staaten.

Erst vor ein paar Tagen habe ich John Grishams Thriller Das Geständnis, und war erstaunt, wie nahe an der Realität diese erfundenen Handlung liegt. Nicht erfunden ist freilich der gesellschaftliche Diskurs, der in den USA stattfindet und den Grisham nachzeichnet. Etwa die Bedeutung von Todesstrafen für politische Karrieren, aktuell die von Rick Perry in Texas, der gegen Barack Obama antreten will.

In mancher Hinsicht stehen die USA, zumal die USA der Republikaner, in ihrem Verständnis von rächender und strafender Gerechtigkeit den oben genannten Staaten näher als den meisten anderen Nationen. Spuren davon finden sich freilich auch in der Theologie, denn gerade unter den Protagonisten der Todesstrafe finden sich absurderweise viele konservative Christen. Auch diesen traurigen Zwiespalt zeichnet Grisham deutlich nach, ebenso wie die Tatsache, dass hier wieder ein Afroamerikaner das Opfer der Justiz geworden ist.

Weil nicht zu erwarten ist, dass dies in absehbarer Zeit anders wird, lohnt sich die Lektüre von Grishams Buch und natürlich der Nachrichten rund um Troy Davis‘ Tod. Es ist eine realistische Momentaufnahme eines Landes im Wahnzustand und seiner Justiz. Und ein gutes Gegenmittel gegen Knalltüten, die hier – immer angefeuert vom Boulevard, auch das zeichnet Grisham nüchtern ein – ähnliche Forderungen stellen.

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Von der „Windstille der Gemeindehäuser“

Heute bin ich auf einen interessanten Text des Theologen Ernst Lange gestoßen. Er stand in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1958. Manches daran mutet deshalb schon etwas nostalgisch an, der Grundgedanke allerdings hat sich im kirchlichen Leben bisher noch nicht durchgesetzt. Man bleibt weitgehend konzentriert auf Gottesdienste und Sakralbauten. Lange dagegen hatte 1960 in Berlin-Spandau eine „Ladenkirche“ eingerichtet. Die Idee hat er aus East Harlem mitgebracht, wo drei Studenten eine Gemeinde in einem Metzgerladen gegründet hatten. Damit hat er das, was heute in der Missionalen Diskussion unter Third Places läuft, schon vorweggenommen. Hier sind seine Worte:

Das Leben der Zeit ist nicht in Kirchenräumen, nicht an Lagerfeuern und in Freizeitheimen. Das Leben der Zeit ist in Maschinenhallen, an Werkbänken und Schreibtischen. Da ist das Leben unserer Mitmenschen, da ist, wenn wir ehrlich sind, auch unser Leben. Jesus Christus, unser Leben, will nicht ein Scheinleben neben dem Leben sein, sondern er will das wirkliche Leben retten durch einen Rhythmus, der auch der Rhythmus der Maschine ist. Wir haben zu lange nein gesagt zur Maschine, zur Technik, zum Fortschritt. Das war kein gehorsames Nein, denn Gott hat dem Menschen als Beruf gesetzt, die Erde zu beherrschen. Und die Maschine ist weder Götze noch Dämon, sondern ein Werkzeug dieser Herrschaft. Nun sind wir weithin die Sklaven unserer Werkzeuge geworden. Das schlechte, das unmenschliche Leben, das wir unseren Werkzeugen gegeben haben – nicht der Teufel, nicht das Kapital oder der Kommunismus – bekommen wir nun zurück: In den Riesenstädten, die uns den Atem nehmen, in den Mietskasernen, da der Gruß auf der Treppe schon zu vertraulich ist, in der Vergnügungsindustrie, die unsere Zeit totschlägt!

Wir meinten zu lange, das seien Probleme der Welt, und wir müßten doch wissen, daß Gott die Probleme der Welt zu seinen Problemen gemacht hat. Gott will, daß wir die Herren unserer Werkzeuge seien und sie im Dienst füreinander verwenden. Es ist an der Zeit, daß wir lernen, ein freies und freudiges Ja zur Maschine zu sagen, denn sie ist ein gutes Werkzeug für diesen Dienst. Es ist an der Zeit, daß wir unseren Beruf annehmen als ein Geschenk Gottes. Es ist an der Zeit, daß wir die weltlichen Probleme als unsere Fragen ernst nehmen, als Fragen nämlich, die Gott uns um des Nächsten willen stellt. Niemand nimmt uns die Verantwortung für unser Werk ab, dem berühmten Konstrukteur so wenig wie dem jüngsten Lehrling, der nur einen Handgriff am Fließband tut. Wir sind gefragt, ob dieser Handgriff Frieden schafft oder Unfrieden, ob er dem Nächsten dient oder nur uns selbst.

Das Leben der Zeit ist nicht das Leben der einzelnen, sondern das Leben der Massen. Es ist unser Schicksal, mit Tausenden zur Arbeit zu gehen, mit Tausenden in einem Block zu wohnen, mit Tausenden denselben Film zu sehen. Es ist unser Schicksal, die Anzüge zu tragen, die alle tragen, in Möbeln von der Stange zu wohnen, die Sprache der Massen zu sprechen, mag sie auch unschön sein. Wir gehören zu den Massen, arbeiten, essen und wohnen wie sie. Es ist ein schlechter, unmenschlicher Christenglaube, der uns so oft veranlasst, dieses Massenleben als etwas Verächtliches zu betrachten und uns schmollend in eine fromme Ecke zurückzuziehen. Das Leben der Massen ist unser Leben und unsere Aufgabe. Dort, wo die Menschen in Massen leben, müssen wir bewähren, daß Gottes Wort uns zu Menschen macht, nicht in den windstillen Räumen der Gemeindehäuser. Kinder zu verantwortlichen Menschen zu erziehen, obgleich Spiele sie mehr interessieren als Bücher, das Kino mehr als der Strickstrumpf – das ist christlicher, als den alten Verhältnissen nachzutrauern. Den Weg zum Nachbarn – auch und gerade in der Mietskaserne zu finden -, das ist menschlicher und christlicher, als sich darüber zu ereifern, daß die Kirchen leer sind. Mit einem Arbeitskollegen in der Frühstückspause ein gutes Wort zu sprechen -das ist so biblisch wie eine Bibelstunde, denn das Leben Christi will hinein in das Leben der Zeit.

Maschinen, Technik und Fortschritt haben sich über 50 Jahre später an vielen Orten gewandelt, die Erfahrung der Menschen, „Sklaven unserer Werkzeuge geworden“ zu sein, jedoch nicht, wenn man aufmerksam Zeitung liest. Anonyme Metropolen und organisierte Zerstreuung kennen wir auch zur Genüge.

Der Gedanke, dass „Gott die Probleme der Welt zu seinen Problemen gemacht hat“ beschäftigt heute auch wieder viele. Für Lange bedeutet das, die Technik zu meistern und zum Wohl anderer zu benutzen. Das bedeutet, sich erst einmal in der Verantwortung zu sehen und die Folgen unseres Handelns (oder unserer Untätigkeit) für andere zu bedenken. Ein eskapistisches oder isolationistisches Christentum – das wird man selten explizit, häufig dagegen implizit antreffen, und zwar überall da, wo Gemeinden und Christen sich selbst genug sind – meidet diese Herausforderung.

Und es besteht die Gefahr, das Leben der Massengesellschaft verächtlich zu betrachten und sich in die „windstillen Räume der Gemeindehäuser“ zu verkrümeln, um so etwas besonderes (und natürlich auch besseres) sein zu wollen. Lange hat schon damals vorausgesehen, was heute noch nicht allen bewusst ist, selbst wenn es unübersehbar geworden ist: eine weitreichende Entfremdung zwischen organisiertem Christentum und der Mehrheit der Gesellschaft.

Dass das Leben Christi in das so nüchtern beschriebene „Leben der Zeit“ hineinkommt, das ist die Aufgabe der Christen und Gemeinden. Langes Ladenkirche hat 2004 den Brunsbütteler Damm verlassen und sich in ein Kirchengebäude zurückgezogen. Die Gravitation des Gewohnten und Sakralen ist selbst im unkirchlichen Berlin noch übermächtig. Neue Anläufe können kaum mit institutioneller Unterstützung rechnen.

Sollte man sie dennoch wagen, oder ist Langes Entwurf Schnee von gestern?

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Wenn „richtig“ nicht mehr reicht…

Letzte Woche hatte ich das Vergnügen, Alan Roxburgh auf dem IGW-Kongress in Rotkreuz/CH zu übersetzen. Er hat engagiert und komprimiert seine wichtigsten Thesen zum Thema Missionale Gemeinde vorgetragen und dann ging es in eine Runde „World Café“ mit 30 kleinen Gruppen, in denen alle gemeinsam Thesen zur „Kirchenreform“ erarbeiteten.

Das klingt nach einem hehren Anspruch – es ist ja nicht so, dass es zu diesem Thema bisher noch nichts gäbe – und in folgenden Plenum wurden die wichtigsten Gedanken kurz vorgestellt. für mich am Interessantesten war Alans Experten-Feedback. Er sortierte die Antworten beim Zuhören in verschiedene Kategorien, die unterschiedlichen Reflexen oder Standard-Voreinstellungen entsprechen. Soll heißen: Immer, wenn wir nicht weiter wissen, suchen wir unbewusst zuerst entlang solcher vorgegebener Linien nach der Lösung:

  1. „Pietismus“: Eine Jesus-bezogene Herzensfrömmigkeit führt zu Antworten wie: Wenn wir Jesus nur tief genug lieben (und unsere Mitmenschen auch), dann würde sich alles andere von allein regeln. Daher muss der Ansatz eine Erneuerung der Herzensbeziehung sein: Buße und Vergebung etwa, darauf hinwirkende Inhalte von Predigt und Verkündigung, mehr Gebet oder „Stille Zeit“. In der Regel ist damit auch eine Spitze gegen Strukturen und Institution verbunden, und das führt zum nächsten Reflex, dem
  2. Problematisieren: Wir suchen nach dem Punkt, wo es technisch „klemmt“. Der Gottesdienst (oder ein anderer Programmpunkt der Gemeinde) frisst zu viele Ressourcen, die Ausbildung der Pfarrer liegt im Argen, man braucht gar kein bezahltes Personal und keine Gebäude und so weiter
  3. Projekte: Wir veranstalten eine Konferenz oder entwerfen ein Schulungsprogramm, wir machen neue Gottesdienstangebote oder krempeln Kleingruppen und Hauskreise um, wir stellen anderes Personal ein, unternehmen eine Gebetsaktion oder lesen alle ein bestimmtes Buch.

An diesen Dingen ist nichts falsch. Allerdings bewegen wir uns auf diesen Linien eben immer noch im Bekannten und Vertrauten, das Problem ist also gerade ihrie „Richtigkeit“. Diese Reflexe so stark, weil wir das Heft in der Hand behalten. Nur sind wir ja möglicherweise gerade wegen dieser Standardreflexe an unsere Grenzen gestoßen! Glauben hat aber gerade mit dem Wagnis zu tun, sich auf Ungewissheiten einzulassen.

Ein paar der vorgetragenen Thesen gingen dann auch den einen, entscheidenden Schritt weiter: Damit sich wirklich etwas ändern kann, müssen wir erstens unsere Ratlosigkeit eingestehen und zweitens danach fragen, was eigentlich Gott in unserer Umgebung tut. Das setzt theologisch voraus, dass der Heilige Geist in der Gesellschaft wirkt und handelt und dass wir gemeinsam in der Lage sind, dieses Wirken zu entdecken. Hier kommt dann das gemeinsame Lesen der Bibel (Lectio divina oder auch „Bibel Teilen“) ins Spiel, ebenso wie das Warten auf Gott in Gebet und Stille und die aktive Kontaktpflege in der Nachbarschaft (nicht um dort gleich schon wieder etwas „an den Mann zu bringen“, sondern um Neues zu entdecken und zu lernen).

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Ungleiche Geschwister

In mancher Hinsicht stehen sich Marienfrömmigkeit und Bibel-Fundamentalismus sehr nahe, auch wenn Vertreter der letzteren Richtung mit der Muttergottes eher auf Kriegsfuß stehen. Es gibt aber trotz aller Gegensätze auch eine Reihe interessanter Parallelen:

Beide Male wird nicht nur eine Nebensache (hier Maria, da die Bibel) ins Zentrum des Glaubens gerückt, zum unverzichtbaren Glaubensgegenstand gemacht und mit quasi-göttlichen Qualitäten ausgestattet: Maria durch die Lehre von der „unbefleckten Empfängnis“, die besagt, dass sie absolut rein und von der Erbsünde ausgenommen war, die Bibel durch die Lehre von der „Irrtumslosigkeit“, durch die sie zum hundertprozentig reinen Gotteswort stilisiert wird, aus dem alles problematisch-menschliche (etwa kulturell bedingte und zeitgebundene Vorstellungen) dann abgeblendet werden.

Beide Male werden diese Behauptungen der jeweiligen Dogmen durch umfangreiche Theoriebildungen abgesichert (freilich nicht begründet), die sich in Zirkelschlüssen bewegen. Man setzt das zu Beweisende als gegeben voraus und versucht dann die ganze historische Wirklichkeit so zu deuten, dass sie ins Bild passt.

Beide Male scheint das ursprüngliche Ziel gewesen zu sein, die Göttlichkeit Jesu zu betonen, und man hat dazu entweder seine biologische Abstammung oder die literarische Urkunde so verklärt, dass man meinen könnte, sie sei selbst Teil der Dreieinigkeit geworden: Vater, Sohn und Heilige Schrift oder eben Gott Vater, Maria und Jesus. Man hat die Verteidigungslinie von Jesus weg auf eine Art Zwischengröße verlegt.

Beide Male geht der Kult auf Kosten der Pneumatologie: Wo Maria oder die Bibel Mittlerrollen übernehmen, da wird der Geist zur Nebensache und dient eher der Legitimation der Zusatzmythen als eine eigenständige Rolle zu spielen. Und auch die Christologie bekommt eine Schlagseite, weil im Blick auf Jesus dadurch in der Regel die Göttlichkeit die Menschlichkeit dominiert und aufsaugt. Der Mittler zwischen Gott und den Menschen, anders gesagt: der eigentliche Zugang, ist nun für die einen Maria und für die anderen die Bibel.

Maria hat dabei emotional und ästhetisch bessere Karten als die eher spröde Bibel. Und sie hat den Papst auf ihrer Seite, dem wie der Bibel ein Anspruch auf Unfehlbarkeit angehängt wurde. Abgesehen davon überwiegen aber die Ähnlichkeiten für mich.

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wahrhaft nahrhaft

In den letzten Tagen haben mich die Gemeinsamkeiten von Glauben und Essen beschäftigt. Neben den zahlreichen biblischen Verknüpfungen (wie z.B. Jesu Selbstbezeichnung als „das Brot des Lebens“, der Mahlgemeinschaft oder dem Manna-Wunder) gibt es da auch in unserer eigenen Erfahrung ein paar nette Parallelen:

  • Es ist in beiden Fällen ein grundlegendes, essen:zielles menschliches Bedürfnis,
  • man sollte jedoch nicht alles schlucken, was einem vorgesetzt wird;
  • mit den richtigen Zutaten kann es ein Genuss sein;
  • Hausmannskost und Haute Cuisine – beides ist möglich und hat seinen Platz;
  • es macht mehr Spaß in Gesellschaft und
  • man tut gut daran, sich bewusst Zeit dafür zu nehmen.
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Der Preis der Angst

Zehn Jahre nach dem 11. September attestierte diese Woche der Politikwissenschaftler Dominique Moisi den Amerikanern im Interview mit der Süddeutschen eine „Kultur der Angst“, eine Erkrankung des öffentlichen Klimas und politischen Lebens:

Amerika ist kränker als gedacht, die Gesellschaft gespaltener als befürchtet. Und Barack Obama wohl auch nicht so außergewöhnlich, wie viele gehofft haben.

Politisches Kapital aus der Angst wollen vor allem die Republikaner schlagen. Wer die Paranoia nicht mitmacht, gilt schnell als Verräter. Den Preis zahlen die Bürger, wie die Financial Times konstatiert: Rache ist nämlich teuer. Und die zockenden Investmentbanker sind insgesamt gesehen gefährlicher als Terroristen.

Gleichzeitig berichtete das ZDF, dass die berüchtigte und viel strapazierte „German Angst“ auf dem Rückzug sei, auch wenn es weiterhin Besorgnis erregende Entwicklungen in der Welt gibt. Unsere Landsleute sind so optimistisch wie seit 10 Jahren nicht mehr, trotz Fukushima, Schwarzgelber Tristesse und Schuldenkrise. Die Vereinigten Staaten der Angst liegen jedenfalls nicht zwischen Rhein und Oder.

Und um allen Kulturpessimisten noch etwas mehr Wind aus den Segeln zu nehmen, haben neueste Untersuchungen ergeben, dass bei uns auch die Geburtenrate gestiegen ist – auf 1,6 Kinder pro Frau. Deutschland schafft sich nicht ab. Aber vielleicht eben seine (notorische?) Angst. Wenn wenigstens hier niemand mehr politisches Kapital daraus schlagen kann, ist das für alle gut.

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Testosteronbiotope

Den nachfolgenden Text habe vor einer ganzen Weile für die Zeitschrift dran geschrieben. Weil die Ausgabe von damals die inzwischen in den Ablagen und Archiven schlummert, poste ich es hier als einen Beitrag zur „Helden-Diskussion“ der letzten Tage, nur ganz leicht überarbeitet.

Manchmal scheint das Klischee zu sein: Brave Männer kommen in die Kirche, böse überall sonst hin. Das Dauerthema „Identität der Geschlechter“ ist in unseren Gemeinden ständig präsent, selbst wenn es nicht ausdrücklich angesprochen wird. Generell stehen wir vor der Frage, wie wir mit einer zwar nachlassenden, aber an vielen Stellen eben noch spürbaren doppelten Schieflage umgehen: Oft noch relativ wenige Frauen in Leitungsfunktionen und oft gleichzeitig zu wenige Männer in den Gottesdiensten und bestimmten Arbeitsbereichen, denn nicht nur ein Kindergärten und Grundschulen, auch in den Kindergottesdiensten dominieren die Frauen. Kleine Jungs und junge, tatkräftige Frauen – beide finden zu wenig Vorbilder und Identifikationsfiguren. Ein Thema gegen das andere auszuspielen hilft also nicht weiter. Wenn ich im Weiteren hier über die Frage schreibe, was mit den Männern los ist, dann darf das nicht als indirekte Klage über eine „Verweiblichung“ der Gemeinden verstanden werden.

Sind christliche Männer also nur fromme Weicheier, die „echte“ Männer abschrecken, oder „flüchten“ die eher vor der Überzahl der Frauen? Ein Freund ist beruflich aus der Gemeinde in die Wirtschaft gewechselt. Dort trifft er viele Männer, die ein großes Bedürfnis haben, über den Glauben zu reden. Aber die Gemeinden in seiner Region sprechen sie einfach nicht an.

Die Bibel gibt uns keine direkten Anweisungen, was zu tun ist, um mehr Männer zu „erreichen“. Aber vielleicht sollten wir der Frage nachgehen, ob wir das Evangelium so weit privatisiert haben, dass viele Männer finden, für ihre Lebenswirklichkeit spielt es keine Rolle – es sei denn, sie sind (und das ist jetzt nicht ironisch gemeint) gerade im Erziehungsurlaub.

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen an sich sind unerheblich:

Frauen werfen nicht so gut. Sie sind weniger aufgeschlossen für One-Night-Stands, neigen nicht so stark zu körperlicher Aggression und masturbieren seltener. Die anderen Differenzen fallen, statistisch gesehen, kaum ins Gewicht (Aus „Frauen sind auch nur Männer“ in: Zeit Wissen 01/2007).

Die sozial konstruierten und historisch geformten Rollen – und im Zusammenhang damit die verschiedenen Lebenswelten – sind der Knackpunkt: Wir haben ja auch herzlich wenig „Karrierefrauen“ in den Gemeinden, die keinen sozialen Beruf haben. Karriere machen fordert oft einen unangemessenen Tribut: Gesundheitlich, familiär und spirituell. Unsere Karrieremodelle an sich sind krank, für Männer und Frauen.

Predigtinhalte bewegen sich in der Regel im Bereich persönlicher Moral (Ehrlichkeit, Treue etc.) und wenn es dann wirklich mal „politisch“ wird, geht es um Familie oder Abtreibung – schon wieder ein „Frauenthema“. Über Arbeit und Beruf wird selten gesprochen, und wenn, dann geht es wieder oft um Moral, und für „typisch männliche“ Sünden (die haben zumindest in der Regel des Klischees mit Sex zu tun) gibt es dabei deutlich weniger Verständnis. Wirtschaftsethik fehlt dagegen, auch wenn Kapitalismuskritik seit der Finanzkrise schon mal im Nebensatz einer Predigt erscheint.

Unsere dominierende Metapher für Gemeinde ist die Familie. Nur bedeutet Familie im 21. Jahrhundert „Kernfamilie“ (wenn nicht gar „Rumpf-Familie“), also emotionaler Nahbereich. Das war im ersten Jahrhundert und bis vor wenigen Generationen noch ganz anders, auch wenn wir damals wie heute dieselben Begriffe verwenden. Viele Männer fühlen sich, gerade wenn sie einen Job mit Verantwortung haben, in der eigenen Familie aber schon fremd (ähnlich wie Kaufleute im Mittelalter, die Monate auf Reisen waren), folglich erst Recht in der Gemeinde.

Erschwerend kommt dann noch die ausgesprochen intime Lobpreiskultur dazu, mit viel Herz und erkennbar weniger Anforderung an den Intellekt. Das romantisierende Motto „In Love with Jesus“ mag für Frauen ja noch ohne Peinlichkeiten abgehen, aber auf die meisten Männer wirkt es schon etwas gewöhnungsbedürftig. Sie sitzen (zumindest in der Öffentlichkeit) auch nicht so gern „auf dem Schoß des Vaters“. Und das müssen sie auch nicht, denn in der Bibel wird die Liebe zu Gott weder zu romantischem Geturtel verklärt noch auf Babyniveau verniedlicht.

Im Griechischen ist ekklesia – das in unseren Bibeln mit „Kirche“ übersetzt wird – ein Begriff aus der Politik. Wir sind nicht nur Gottes Familie, sondern sein Volk. Diese weitere Dimension fehlt heute an vielen Stellen, wo das Evangelium auf Lebenshilfe im Beziehungsbereich reduziert wird. Dabei war es mal eine Botschaft, deren Träger wegen Hochverrats als Staatsfeinde hingerichtet wurden.

Heute beschränken sich viele Gemeinden auf das Private und Intime, sie ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück – ein Trend, der geschichtlich gesehen in Freikirchen und im Pietismus besonders ausgeprägt ist. Und wegen manch missglückter Politisierung zur Rechten und Linken legt man in vielen Gemeinden Wert darauf, überhaupt nicht politisch zu sein, nach dem Motto, wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Nur geht das doch gar nicht: Wenn wir zu den meisten politischen und gesellschaftlichen Themen schweigen, sagen wir damit indirekt, dass sie Gott egal sind. Und diese Botschaft wird sehr wohl verstanden!

Christliches Machotum oder fromme Cowboy-Erlebnispädagogik ist für mich keine ausreichende Lösung. Damit schafft man künstlich Reservate in einer immer noch widrigen Umgebung. Vermutlich helfen uns auch die autoritätslastigen, patriarchalischen Männerideale vom „Haupt der Familie“ nicht weiter, die bei vielen die normale Überforderung im Spannungsfeld Familie-Beruf-Gemeinde noch potenzieren.

Das Problem sind nicht die Männer („zu weich“, „zu hart“, „zu oberflächlich“) und auch nicht die Frauen („zu viele“, „zu stark“, „zu emanzipiert“). Das Problem ist, dass wir Glauben privatisiert, moralisiert und in einer ganz bestimmten intimen Tonlage emotionalisiert haben. Wir brauchen daher keine Testosteronbiotope, sondern einen grundlegenden Kulturwandel in den Gemeinden, der auch vielen Frauen gut tun wird: Wir müssen uns auf unsere komplizierte und unheile Welt einlassen, uns Fragen stellen, auf die man nicht sofort eine Antwort und die passende Bibelstelle dazu weiß. Sonst nehmen Männer uns – völlig zu Recht – nicht ganz ernst.

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