Verliebt – in was eigentlich?

Neulich schaute ich meinem Sohn über die Schulter, als er eine Hochzeitsszene aus How I Met Your Mother ansah. Das Paar – Marshal und Lily, wenn ich mich recht erinnere – hatte sein vorformuliertes Eheversprechen nicht zur Hand und beide formulierten frei. Nachdem die Regie keine Lacher aus der Dose eingebaut hatte, gehen wir mal davon aus, dass es wirklich romantisch sein sollte und keine Ironie.

Sie und er hielten jeweils eine kurze Rede über den anderen. Nun ja, eigentlich eben nicht über den anderen, sondern über sich selbst, und wie sie sich in der Gegenwart des anderen fühlen. Eigentlich hat also jeder die eigenen Gefühle beschrieben, bestenfalls den anderen im Spiegel derselben und als deren Ursache.

Nun ist es ja durchaus ein schönes Kompliment, wenn man zu hören bekommt, dass man jemand anderem gut tut. Irritierend ist dabei trotzdem die irgendwie doch recht narzisstische Grundhaltung: wirklich relevant ist eben das eigene Gefühl. Wie lange das Miteinander auf Feelgood-Basis gut geht, ist eine spannende Frage. Ob das, was sich da (wieder: für Autoren wie Zuschauer offenbar ganz unproblematisch!) als „Liebe“ äußert, den Namen wirklich verdient hat, weil der/die Andere als andere(r) gar nicht in den Blick kommt, sondern nur als Erweiterung des Selbst, das ist eigentlich schon keine Frage mehr.

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Rodney räumt auf: Kreuzzüge

In der aktuellen Debatte zum Frieden zwischen Kulturen und Religionen tauchen immer wieder die Kreuzzüge auf – selten unbedarft positiv wie bei George W. Bush, meist dagegen als monumentales Unrecht, und das nicht nur bei Bushs Kritikern. Seit Voltaire und Diderot hat sich hierzulande die Ansicht durchgesetzt, dass ein barbarisches christliches Europa damals aus Gier nach Macht und Reichtum zum blutrünstigen Vernichtungsschlag gegen eine blühende islamische Hochkultur ausholte, der es das intellektuelle Wasser eigentlich nie reichen konnte.

Inzwischen haben Historiker viele Mythen über das angeblich so finstere Mittelalter relativiert und der Soziologe Rodney Stark wirft in God’s Bataillons. The Case for the Crusaders einen Blick auf alte Thesen. Jenseits von konservativer Kulturkampf-Rhetorik oder naiver Verklärung im Kielwasser von Lessings idealisiertem Saladin erscheint in den ersten paar Kapitel zumindest ein differenzierteres und glaubwürdigeres Bild von der Ausgangslage der Kreuzzüge Ende des 11. Jahrhunderts.

Am bemerkenswertesten fand ich beim Hineinlesen die Feststellung, dass die Kreuzzüge keineswegs über Jahrhunderte das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen vergifteten, sondern dass sie erst im Zuge der Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts gegen die Kolonialmächte England und Frankreich wieder thematisiert wurden. Nun bin ich gespannt darauf, ob Stark überzeugend darlegen kann, dass der kolonial-imperialistische Sündenfall der westlichen Welt nicht im 12. und 13. Jahrhundert stattfand. Wenn es die Diskussion versachlicht und egal welchen Dschihadisten den Vorwand offener Rechnungen nimmt, dann wäre doch viel gewonnen.

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Albern – warum eigentlich nicht?

Ausgerechnet Joachim Gauck hat „Occupy Wall Street“ als „unsäglich albern“ bezeichnet. Vermutlich ist ihm dabei gar nicht bewusst gewesen, dass er den Leuten damit ein Kompliment macht, denn viele haben sich den Rat „stay foolish“ aus Steve Jobs‘ legendärer Stanford Adress zu eigen gemacht – hungrig sind sie schon längst, dafür hat der Turbokapiltalismus des letzten Jahrzehnts und die Banken-/Schuldenkrise gesorgt.

Sie sind albern genug, zu fragen, ob es nicht auch ganz anders gehen könnte. Nur denken sie dabei nicht über elektronische Helfer nach, die sie selbstverständlich nutzen, sondern über unser Wirtschaftssystem, das zu ändern unsere Politiker nicht den Mut hatten, als sie es konnten. Allen voran Barack Obama, der mit seinen stets halbherzigen Aktionen massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat.

Johnathan Askin nennt im Huffington Post die Demonstranten treffend die Generation „What if“. Sie sagen nicht mehr „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“, sondern sie wenden dieselbe Logik auf andere Dinge an. Sie sind im digitalen Zeitalter groß geworden und haben gelernt, sich alle die Zukunft in allen möglichen Farben und Formen auszumalen und durchzuspielen. Und nun wenden sie diese Phantasie (klingt nach Margot Käßmann, oder?) auf die reale Welt an.

Natürlich kann man nun mit Gauck, einem Vertreter des letzten großen Umbruchs, „ja, aber…“ sagen. Aber vielleicht folgt der vor uns liegende Umbruch ja anderen Mustern als der zurückliegende. Vielleicht stehen uns manche Erinnerungen und Erfahrungswerte dabei eher im Weg? Im biblischen Bild gesagt: Als David die schwere Rüstung wieder auszog und mit seinem Steinschleuderchen gegen Goliath ins Feld zog, da empfanden Saul und seine Generäle das mit Sicherheit auch als „unsäglich albern“.

Nicht nur die (Ost-)Revolutionäre von gestern, auch die in stabilen Verhältnissen groß gewordenen Baby-Boomer im Westen erscheinen im Licht dieser Ereignisse als „Generation Unbedarft“. Sie haben immer noch zu viel zu verlieren, um unbefangen zu fragen: „Was wäre, wenn?“. Ihr revolutionäres Restpotenzial scheint vom Wohlstand aufgezehrt, schreibt Paul Campos, und nun sind sie unerträglich selbstgefällig geworden. Gänzlich unbedarft waren heute auch die Nürnberger Nachrichten, die rätselten, was den Bankenprotest mit einem „religiösen Fanatiker“ wie Guy Fawkes zu tun haben sollte. Der Autor hat offenbar V wie Vendetta nicht gesehen, wo das Volk auf die Straße geht und seine Unterdrücker abschüttelt. Die Botschaft der Maskerade heißt nichts anderes als „Wir sind das Volk“, beziehungsweise eben: „we are the 99%“. Fürchtet Gauck insgeheim, dass die neue Revolution – wenn es denn eine werden sollte – die alte in den Schatten stellt?

Occupy Wall Street ist, sagt Askin, nur der öffentliche Beta-Test der Generation What If“. Brian McLaren hat in Naked Spirituality den Begriff der TAZ – temporary autonomous zone – verwendet, den er von Kester Brewin übernommen hat. Damit meint er zum Beispiel Festivals (Askin erwähnt „Burning Man“) und Events, wo die gängigen Verhaltensnormen außer Kraft gesetzt sind. Natürlich ist das eine zwiespältige Sache: Schon Rom kannte Brot und Spiele als Mittel, die herrschenden Verhältnisse zu stabilisieren. Aber vielleicht verdient neben der Funktion als Überdruckventil und Anästhetikum auch der Aspekt Beachtung, ob hier – vor allem eben bei den Demos – alternatives Handeln hypothetisch diskutiert und experimentell eingeübt werden kann.

Und vielleicht tun wir gut daran, Sonntage und Gottesdienste auch als solche Gelegenheiten zu verstehen und zu leben: Freiräume, in denen man nicht ins nächste Korsett gedrückt wird und funktionieren muss, sondern dem Alltagstrott den Rücken kehrt, um zu fragen, ob das alles eigentlich so sein muss – von der persönlichen Lebensgestaltung bis hin zur Weltwirtschaft. Wo wir das kommende Reich Gottes so feiern, dass der Vorgeschmack allein schon die Risse im Fundament scheinbar unüberwindlicher Gegebenheiten sichtbar werden lässt. Was ist denn die Bergpredigt, wenn nicht ein großes „was wäre eigentlich, wenn?“, das nicht nur weltfremd oder weltflüchtig ein utopisches Ideal zelebriert, sondern das Alternativen in Sicht- und damit tatsächlich auch in Reichweite rückt? Das jedes politische und soziale System diesem Zweifel aussetzt, ob menschenwürdiges Leben nicht auch anders und besser aussehen könnte als unter den vermeintlichen Sachzwängen.

Zum Glück gibt es auch unter Christen eine emergente Generation „What if“, die nicht nur hinter die herrschenden gesellschaftlichen, sondern auch kirchlichen Verhältnisse ein Fragezeichen setzt. Ohne immer gleich auch schon sagen zu können, wie die Zukunft definitiv aussehen muss.

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Die große Geschmacks-Ver(w)irrung

„Esst, was man Euch vorsetzt“, trägt Jesus seinen Nachfolgern in Lukas 10 auf. Wenn sie das nur mal beherzigt hätten! Vielleicht sähe die Welt heute völlig anders aus. Aber da hat das Essen ein seltsames Aroma, die Leute und ihr Haus einen ungewohnten (Stall-)Geruch, sie sprechen den „falschen“ Dialekt, haben die falsche Frisur und Kleidung, hören die falsche Musik, reden zu derb oder zu intellektuell, zu schnell oder zu stockend, haben zu viele Kinder oder zu wenige, lachen über die falschen Witze und über die richtigen nicht, sind nicht nüchtern oder nicht warmherzig genug – und schon denkt der Freudenbote nach, ob er lieber das Quartier wechselt.

Eben deshalb ist das Evangelium oft an Geschmacksfragen gescheitert. Ein guter Teil kirchlich-gemeindlicher Streitereien hat mit Fragen des Geschmacks zu tun: Stifragen in Musik, Architektur und Mode sind ebenso wie politische Präferenzen (neben den bekannten liturgischen wie Händeheben und -falten, Kreuzschlagen, lateinisch oder englisch singen etc.) zu schier unüberwindlichen Blockaden geworden. Dabei könnten Gegensätze sich doch auch hier mal anziehen…?

Jesus wusste nur zu genau, was die große Gefahr war: Unser Geschmack kann wie der Geruchssinn reflexartig tiefe Bauchgefühle auslösen. Man findet etwas ganz unwillkürlich appetitlich oder eklig, und erst im zweiten Schritt wird dann der Verstand zugeschaltet, dessen Aufgabe es nun ist, dem Gegenüber die Schuld am eigenen Widerwillen zu geben und die Bauchentscheidung zum Rückzug und zur Distanzierung zu rationalisieren, indem man ein Haar in der vorgesetzten Suppe entdeckt (statt die eigenen Gewohnheiten und Vorlieben kritisch zu betrachten). Ich meine, wo kämen wir denn hin, wenn einfach jeder…?

Nx Besonderes, werden jetzt viele sagen. In der Partnerwahl und beim Autokauf spielen spontane und reflexartige Sympathie und Antipathie ja auch die Schlüsselrolle bei weitreichenden und kostspieligen Entschlüssen. Da ist der Deutsche halt einfach spießig und in all seiner vermeintlichen „Vernunft“ (die er den Südeuropäern abspricht) dennoch selber komplett und zutiefst irrational. Neulich stand in der Zeit ein Interview zum Thema Autodesign, und der Experte sagte:

Eine Schweizer Studie hat mal untersucht, wie schnell Männer Frauengesichter beurteilen. Die Probanden bekamen Fotos gezeigt und mussten zwei Knöpfe drücken: »gefällt mir/gefällt mir nicht«. Sie brauchten nicht mal eine Sekunde. Ich behaupte: Bei Autos ist es dasselbe. Der Mann trifft seine Entscheidung emotional – leugnet das aber, weil er ja Deutscher ist! Wenn er sich insgeheim längst in einen Wagen verguckt hat, kauft er sich zig Fachzeitschriften, liest Tests, studiert Tabellen. Er sucht so lange den richtigen Autotest, bis es total rational erscheint, sich seinen Traumwagen zu kaufen.

Das Auto als Herzensangelegenheit – geschenkt!. Wenn es aber darum geht, niemanden aus der Einladung Gottes auszuschließen, dann können wir uns diese Spießer-Mentalität (die nicht nur kleinbürgerlich sein kann, sondern auch in tausend anderen Geschmacksrichtungen existiert) schlicht nicht leisten, ohne unseren Auftrag und damit auch den Auftraggeber zu verraten, dem solche Reflexe völlig fern lagen und der genau deswegen auch die Autorität hatte, Leuten wie den Pharisäern und den Reichen mal kräftig die Meinung zu sagen, ohne alle Brücken zu ihnen deshalb abzubrechen. Gott also – wie verkappt und heimlich auch immer – dafür zu danken (und uns selbst dazu zu gratulieren), dass „ich nicht so bin wie der da“ (Lukas 18,11) macht mich auch dann zum „Pharisäer“, wenn ich mich selber als „Zöllner“ einsortiert hätte.

Meine unwillkürlichen Reflexe werden sich, wenn überhaupt, nur langsam ändern. Ich spüre sie jeden Tag. Was ich tun kann, ist, sie nicht mehr hinter einem Wall von Pseudo-Argumenten zu verstecken, sondern sie als das zu sehen, was sie sind: irrational und potenziell schädlich. Christliche Freiheit bedeutet dann: Ich muss ihnen nicht nachgeben.

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Die Tücken von Bibelübersetzungen

Vor allem ältere Bibelübersetzungen haben zahlreiche Mängel und verzerren den Sinn der Texte hin und wieder. Das erklärt Joel Hoffman in diesem Video und streut noch einige interessante Beobachtungen ein. Ausschlaggebend für richtiges Übersetzen ist eigentlich immer der Kontext. Das beliebte Spiel mit etymologischen Herleitungen führt dagegen oft in die Irre.

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„Der Arbeiter ist seines Lohnes wert“

Über diesen Satz in Lukas 10 bin ich neulich gestolpert. Bisher hatte ich das immer so gelesen, dass die „Arbeit“ der ausgesandten Jünger in diesem Kapitel darin besteht, in den Dörfern und Städten Galiläas das Evangelium vom Reich Gottes zu verbreiten, dafür bekommen sie dann auch etwas zu essen. Ihre „Mission“ ist strikt auf Verkündigung beschränkt.

Was aber, wenn der einleitende Satz mit der „großen Ernte“ nicht nur metaphorisch gemeint war und tatsächlich Erntezeit war? Wenn dann jemand als Gast in ein Haus kommt und da einige Tage bleibt, sitzt er vermutlich nicht den ganzen Tage däumchendrehend in der Ecke, während seine Gastgeber auf dem Feld oder im Weinberg rackern. Er geht mit und packt an. Und abends essen dann alle zusammen und erzählen Geschichten.

Der Gast wird zum freiwilligen Erntehelfer und damit nicht zu einer weiteren Belastung ausgerechnet in stressigen Zeiten. So gesehen müssten wir intensiv darüber nachdenken, was das heute bedeuten würde. da sind Familienleben und Arbeit völlig anders organisiert. Aber damit das Evangelium bei manchen Leuten „ankommt“, müssen wir vielleicht wirklich zusammen arbeiten. Nicht unbedingt nur im Sinne von Büro- oder Fabrikalltag, vielleicht auch gemeinnützige „Arbeit“, Bürgerinitiativen, politisches Engagement und ähnliche Dinge. Das findet ja auch oft schon statt. Nur haben wir es bisher nicht immer in Beziehung zu diesem Auftrag Jesu gesetzt…

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Eine Schale Reis: Ausgekühlt

Eine weitere Beobachtung aus dem Selbstversuch mit einer Schale Reis muss ich hier noch erzählen. Mit wenig Brennbarem im Bauch wird einem spürbar schneller kalt, und wenn wie heute die Temperaturen gefallen sind, dann friert man auch deutlich schneller.

Wieder – kein Problem in der Wohlstandszone: Da zieht man sich wärmer an oder dreht die Heizung hoch, wie ich gerade. Was aber, wenn die Hütte ungeheizt und zugig ist? Es leben ja nicht alle unterernährten Menschen in den Tropen. Und das bedeutet, man wird sehr wahrscheinlich leichter und häufiger krank, wenn man wenig zu essen hat (von Vitaminen ganz zu schweigen).

Keine guten Aussichten…

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Der Reis ist heiß…

Nach dem kleinen Intermezzo gestern bin ich wieder auf einer Schale Reis unterwegs. Heute gibt es daher keine neuen Erfahrungen zu berichten außer dass ich die deutlich längere Kochzeit des Bio-Vollkorn-Reis (sagt man „des Reises“?) unterschätzt hatte. Sieht man mal, wie viel Ahnung ich bisher von Reis hatte…

Zum Lesen kam mir in den Nachrichten heute ein Artikel aus der SZ gerade Recht, der sich mit den Folgen des weltweit ansteigendes Fleischkonsums für Umwelt und das Preisgefüge von Nahrungsmitteln überhaupt befasst. Dazu tragen sogar Hunde und Katzen bei, die im Schnitt 20 kg Fleisch im Jahr verputzen, während der Durchschnittsdeutsche (tolles Wort) 60 kg schluckt. Die Bezugsgröße Flächenbedarf zeigt (ähnlich wie der „Carbon-Footprint“) die Verhältnisse sehr eindrücklich:

Um den Fleischhunger eines Einzelnen zu befriedigen, ist eine Futteranbaufläche von 1000 Quadratmetern pro Jahr nötig, für den Jahresverbrauch an Kartoffeln reichen dagegen 15 Quadratmeter Acker aus. Umgerechnet auf Mahlzeiten bedeutet dies, dass ein Hamburger mit Pommes und Salat auf 3,6 Quadratmeter kommt, Spaghetti mit Tomatensauce dafür nur auf 0,5 Quadratmeter.

Das benötigte Tierfutter importiert Deutschland weitgehend. Mit unserem raumgreifenden Fleischkonsum fördern wir also andernorts (!) den Wassermangel, verschlechtern die Böden und verderben anderen, ärmeren Menschen die Preise für ihr Essen. Gestern im Alpha-Kurs haben wir vegetarisch ganz passabel gespeist.

Wenn es um Nachhaltigkeit geht, wäre vielleicht ein Monat ohne Fleisch die ideale Nachfolgeaktion zu „eine Schale Reis“. Vielleicht inspiriert das Leute, auch dauerhaft auf Fleisch zu verzichten oder den Konsum spürbar zu drosseln.

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Tag 3: Der „ewige Reis“

Zwei Tage mit je einer Schale Reis liegen hinter mir. Körperlich geht es mir gut, ich schlafe weniger mit dem relativ leeren Magen, aber gestern habe ich mich 15 km aufs Rad gesetzt und das ging ohne Probleme. Manchmal meine ich zu merken, dass ein Pölsterchen hier und da schwindet, was für mich erst mal nett wäre, weil ich ja nicht wie über 2 Milliarden andere Menschen damit rechnen muss, dass dieses Essen nun mein täglich Brot auf Jahre hinaus sein wird. Dann wäre nämlich jeder Substanzverlust beunruhigend.
Der andere Faktor ist die Monotonie. Unglaublich, wie viele verschiedene Sachen meine Familie in diesen beiden Tagen schon gefuttert hat! Wenn hier auch nur drei Tage dasselbe Essen auf den Tisch käme, gäbe es sehr lange Gesichter. Ich habe zur Abwechslung gegenüber dem Vortag ein paar Spritzer Sojasauce verwendet und mich bei dem Gedanken ertappt, ob nicht Jamie Oliver nicht mal ein peppiges Kochbuch mit tollen Ideen zu kleinen, einfachen Reisgerichten schreiben könnte. Aber im Ernst: Viele würden vielleicht sagen „ich kann den ewigen Reis nicht mehr sehen“, aber es gibt schlicht keine Alternative…
Die Beiträge auf der Website zu „Eine Schale Reis“ fielen anders aus, als ich das erwartet hatte. Ich hätte mir ein paar eher meditative Impulse gewünscht, die mein Erleben vertiefen und erschließen helfen. Stattdessen stehen da längere Aufsätze, die sicher ganz gut sind, aber meinem Hirn fehlt derzeit vielleicht doch auch der nötige Zucker, um die textlastigen Erläuterungen zu „verdauen“.
Spannend fand ich dagegen, dass gerade der Welthungerindex 2011 erschienen ist. Vor allem die Weltkarte, auf der man verfolgen kann, wo die Lage prekär ist, wo schlecht, und wo sie akzeptabel bis gut ist wie bei uns. Wer will, kann einfach mal reinklicken:

PS: Heute Abend muss ich für Gäste kochen, das gemeinsame Essen unterbricht dann das Experiment für einen Moment.
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Weisheit der Woche: Authentizität

Authentizität ist eine terroristische kulturelle Idee. Sie zwingt einen, nach der Quintessenz des eigenen Wesens zu suchen: Aber oft gibt es diese Quintessenz nicht. Gefühle, ebenso wie Menschen, sind Größen, die sich verändern.

Die Soziologin Eva Illouz im äußerst lesenswerten Interview mit Spiegel Online

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Fast bloß eine Schale Reis

Ich fange wieder mit der körperlichen Seite an. Meinen Reis auf zwei Portionen zu verteilen klappte relativ gut. Beim Essen verglich ich meine Portion mit denen der anderen am Tisch und versuchte ich mir dann vorzustellen, dass über zwei Milliarden mit mir am Tisch saßen und auch Reis aßen.

Später am Abend genehmigte ich mir noch einen halben Apfel dazu und merkte mit einem Schlag, welch ein Luxus sogar ein mickriger halber Apfel für jemanden sein muss, der von einer Schale Reis am Tag lebt. Und – positiv formuliert – wie dankbar ich für einen halben Apfel sein konnte.

Überhaupt wird meine Erfahrung ja dadurch behindert und zugleich erleichtert, dass ich weiß, im Notfall (und den definiere ich selbst…) kann ich jederzeit so viel essen, wie ich mag. Erleichtert, weil das Ende immer schon in Sicht ist. Behindert, weil ich durch das absehbare Ende die Konfrontation mit dem Mangel nicht so ernst nehmen könnte.

Auf der Website zur Aktion stand gestern eine Bibelauslegung. Irgendwie fand ich keinen Zugang zu dem Text, was vermutlich mehr an mir lag als am Autor. In der Nacht lag ich dann eine Weile wach, aber vermutlich eher wegen eines aufwühlendes Gesprächs am Tag zuvor und weniger, weil der Magen knurrte. Auf n-tv lief eine Dokumentation über den ersten Weltkrieg. Die Bevölkerung in Deutschland litt im Winter 1916 an Hunger, man ernährte sich von Steckrüben und pro Kopf standen etwa 1.000 Kalorien zur Verfügung. Trotzdem ist das immer noch mehr als diese eine Schale Reis…

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Eine Schale Reis: Der Einstieg

Das Sonntagsmenü stand schon, also habe ich den Beginn des angekündigten Selbstversuchs auf heute verschoben. Die ganze letzte Woche hatte ich einen etwas flauen Magen und eher mäßigen Appetit, aber gestern nachmittag und Abend zog das Hungergefühl – sicher auch, weil ich wusste, was mich diese Woche erwartet – deutlich an.

Wenn man nur so eine überschaubare Essensration vor sich hat, dann schiebt man die erste Mahlzeit vielleicht besser etwas hinaus, dachte ich mir und verzichtete auf ein paar Löffel Reis zum „Frühstück“. Im Lauf des Vormittags fragte ein hungriger Leidensgenosse an, ob der Reis in trockenem oder gekochten Zustand 100g schwer sein sollte. Ich hatte die Anleitung so verstanden, dass er vor dem Kochen gewogen wird.

Mittags war mir dann langsam kalt mit leerem Magen. Ich setzte den Reis auf und kippte, weil kein Brühwürfelchen mehr da war, ein paar Krümel Bratenfond ins Wasser, um etwas Geschmack zu erreichen. Mit mäßigem Erfolg. Der Rest der Familie aß auch Reis, freilich mit Huhn und eindringlich duftender Currysoße. Ich verspeiste gut die Hälfte meiner Portion und packte den Rest weg fürs Abendessen.

Das Verdauungstief fällt nach der leichten Mahlzeit weniger massiv aus, einen (freilich fairen!) Kaffee gönnte ich mir trotzdem und entschied, dass Milch auch ok ist, auch wenn die natürlich etwas Fett und Protein enthält. Für meine Mitmenschen bin ich so vermutlich genießbarer als wenn ich bloß Wasser zu mir nehme. Der Körper muss sich ja erst mal umstellen. Mit Alkohol sieht es dagegen schlecht aus. Ein 0,2l Glas Apfelsaft enthält laut Packung ein Fünftel des täglichen Bedarfs an Zucker, aber ein kleines Schorle ist vielleicht auch noch drin irgendwann heute.

Mein Fastenkollege schreibt gerade, er habe schon drei Viertel der Tagesration verdrückt und immer noch Hunger. Mal sehen, was das noch wird heute…

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Die Legende vom iGod

Meinen ersten Mac kaufte ich 1990, als Steve Jobs bei Apple längst rausgeflogen war und sich um Pixar und Next kümmerte. Es war ein Macintosh LC, auf dem meine Dissertation dann Schritt für Schritt entstand – das legendäre Pizzaschachtel-Design. Der Bildschirm war noch farblos, aber scharf und man konnte Texte schon im echten WYSIWYG erstellen – das Kürzel kennen meine Kinder gar nicht mehr. Steve Jobs hat einen Kurs in Kalligrafie am Reed College als einen wesentlichen Anstoß bezeichnet, der bei der Entwicklung des ersten Macintosh 1984 zehn Jahre später stilbildend wurde. Und genau das war es, was mich für Apple einnahm. Jemand hatte mich verstanden und mein Bedürfnis nach schlichter, menschenfreundlicher und funktionaler Ästhetik begriffen.

Die Schachtel mit 40 MB Festplatte wurde dann ein paar Jahre später erst mit einem Farbmonitor versehen und dann von einem Performa 630 und später 6400 verdrängt, der inzwischen CDs lesen konnte und viel zu groß war für den Schreibtisch. Statt einem 68020-Chip rechnete eine PowerPC 603e CPU. Apple wurde in dieser Zeit in dem Medien ständig mit dem Attribut „angeschlagen“ versehen. Erinnert sich noch jemand an Gil Amelio? Niemand wusste, wie lange die Firma noch durchhält. Man wurde von den Windows-Benutzern mal bemitleidet, mal verspottet. Die pragmatische Navy schien die sentimentalen Piraten mit ihrem ästhetischen Spleen bald erledigt zu haben.

Ich hatte sogar einen Newton für eine Weile, der aber umständlich, schwer und damit unbrauchbar war – kein Vergleich zum iPad. Dann kam Steve Jobs zurück. Ich war mir erst gar nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Doch innerhalb kurzer Zeit kamen iMacs (Schock: ohne Diskette!) und iBooks aus buntem Plastik heraus (hatte ich nie), dann der Schwenk ins Weiß zum Schreibtischlampen-iMac (hatte ich, steht heute noch im Haus) und den weißen Notebooks.

Wie die Produktgeschichte weiter lief, kann man überall nachlesen in diesen Tagen. Apple verdiente plötzlich Geld, es wurde immer mehr und seit 2004 wurde die Marke so hip, dass sie ernsthafte Marktanteile im Mainstream ergatterte. Meine Söhne brachten ihre Freunde mit und mit einem Mal entschuldigten sie sich nicht mehr dafür, dass bei uns ein Mac herumstand, es brachte ihnen Bewunderung und Respekt ein – und ich musste mir keine Klagen mehr anhören, wann wir endlich Windows kriegen.

Seither gibt es überall begeisterte Neu-Macianer oder iPodPhonePad-Nutzer. Für mich war Apple nie ein Hype. Freilich hat mich gefreut, dass sich der ästhetische und kreative Ansatz durchgesetzt hat gegen die übermächtige Mentalität der Schrauber und Zahlenkolonnen. Ich glaube, dass das mit dem Kult ein Missverständnis ist. Unsere Mediengesellschaft veranstaltet um alles Mögliche einen Kult, Elvis und Michael Jackson waren Kultfiguren, in Italien sogar zeitweise Diego Maradona. Steve Jobs nicht – der hat das Echo der Medien sicher auch genutzt, im Letzten denke ich aber, dass er „seine“ Produkte nicht primär als Waren, sondern als Kunstwerke und irgendwie auch Geschöpfe verstanden hat, so wie ein Regisseur oder Autor das mit den Protagonisten seiner Geschichten vielleicht auch tut. Er hat seine eigene Begeisterung für sie so unwiderstehlich versprüht, wie es selbst der cleverste Verkäufer nie könnte, der darin eben nicht einen Teil von sich selbst erkennt.

Wenn es eine wirklich legitime Rede vom quasi-mythischen, süffisant so genannten „iGod“ gibt, dann ist das vielleicht die Geschichte eines begeisterten, leidenschaftlich kreativen und kompromisslos auf Vollkommenheit zielenden Schöpfers, der sich an seinem Universum kindlich freuen kann – und nicht die des jähzornigen Autokraten, selbst wenn es solche Momente sicher auch gab. In diesem ersten Sinne zeichnen auch Walter Isaacson und Walt Mossberg den Menschen Steve Jobs. Ihre Berichte heben sich wohltuend ab vom Mainstream, der über grobe Klischees nicht hinauskommt. In diesem Sinne spiegelt er den wahren Schöpfer von unser aller Welt wider.

Steve Jobs war kein Messias. Gerettet hat er nur Apple, aber er hat vielleicht doch auch geahnt, dass „Schönheit die Welt retten wird“, wie Dostijewski sagte. Die Welt ist ein bisschen ärmer geworden ohne ihn. Aber wenn viele sein Vermächtnis nicht nur in Form von Geräten kaufen, sondern die Philosophie verstehen und die Haltung verinnerlichen, die Jobs an den Tag gelegt hat, und dabei ihrem Herzen folgen, dann könnte daraus auch weiter Gutes entstehen.

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Wie schmeckt Armut?

Die Micha-Initiative ruft für die kommende Woche zu einer – für alle, die sich ihr anschließen – enorm eindrücklichen Aktion auf: Unter dem Motto Reicht Fast(en)? kann man sich verpflichten, täglich eine Schale Reis (100g, ca 350 kcal) zu essen. Blank, wenn’s geht, mit etwas Salz.

Mehr nicht, denn das ist die tägliche Essensration für ein Drittel der Weltbevölkerung – über 2 Milliarden Menschen! Die eine Milliarde, die tatsächlich im „technischen“ Sinn hungert, hat noch weniger…

Letzte Woche haben wir in einem Teamtreffen über die Aktion gesprochen und die meisten fanden das schon ziemlich happig. Einer aus der Runde meinte, dann würde er lieber ganz fasten, dann stellt sich wenigstens kein Hunger ein. Andere schüttelten den Kopf und meinten, sie müssen ja arbeiten, da geht so etwas nicht.

Andererseits: Vielleicht muss man es ja gerade deshalb am eigenen Leib erfahren! Denn die Leute mit der einen Schale Reis am Tag arbeiten ja auch. Also: Wo sind diejenigen, die es drauf ankommen lassen? Egal, wie lange jede/r durchhält – einen Versuch sollte es uns allemal wert sein. Also jetzt bitte nicht gleich „Reis aus nehmen“ – es sei denn, jemand hat Untergewicht oder gesundheitliche Probleme. Als Diät ist das Ganze übrigens auch nicht gedacht (zunehmen wird man freilich kaum).

Man lebt billig in so einer Woche. Das ist die andere Seite. Das gesparte Geld kann man dann spenden, um Armut und Hunger zu bekämpfen. Die Flyer für die Aktion kann man übrigens noch hier bestellen.

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