Vom Segen der Rücksichtnahme

Romano Guardinis Die Lebensalter gehört zu den Büchern, die man wenigstens alle drei bis fünf Jahre wieder lesen sollte. Auf den wenigen Seiten findet man so viel hochverdichtete Weisheit, dass jeder neue Durchgang wieder frische Offenbarungen vermittelt. Zum Beispiel darüber, warum wir es uns nicht leisten können, alte Menschen zu vernachlässigen:

Im Übrigen darf nicht vergessen werden, dass die Pflicht des lebensstarken Menschen gegenüber dem alten nicht nur für den letzteren wichtig ist… Gesundheit […] kann den Menschen roh, und, in einem tiefen Sinn, dumm machen. Der antike Weise würde sagen: sie macht ihn anfällig für das Schicksal. Die Sorge für den Schwachen schützt den Starken selbst. Indem dieser die Hilfsbedürftigkeit des Alten versteht und durch Rücksichtnahme auf ihn die eigene Lebensungeduld mäßigt, wird er vor vielem bewahrt, was ihn zu Fall bringen kann.

… der Mensch, der es ablehnt, dem sinkenden Leben gut zu sein, und der fortschreitenden Einengung, die es erfährt, zu Hilfe zu kommen, versäumt eine wichtige Chance, zu verstehen, was überhaupt Leben ist, wie unerbittlich seine Tragik, wie tief seine Einsamkeit, und wie sehr wir Menschen miteinander solidarisch sind.

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Verkannte Kindheit

Ein kleiner Nachtrag zum Post von gestern, aus Romano Guardinis weisen Buch „Die Lebensalter“:

Je weniger aber das Alter gesehen und anerkannt ist, desto unbekannter wird auch die echte Kindheit: Die meisten Kinder sind Erwachsene im Miniaturformat. Wirkliche Kinder sind Menschenwesen, die in jener Einheit des Lebens existieren […]. Zum Beispiel sind sie fähig, Märchen zu hören, das heißt, mythisch zu denken. Soweit aber heute überhaupt Märchen erzählt werden, werden sie rationalisiert oder ästhetisiert. Kinder sind fähig, zu spielen, Gestalten zu schaffen, Figuren des Lebens, Zeremonien. Stattdessen sehen wir überall die technisierten Spielzeuge, die ja in Wahrheit vom Erwachsenen her gedacht sind. Wenn aber einmal glücklich etwas Kindhaftes entsteht, man zum Beispiel gesehen hat, wie bedeutungsvoll Kinderzeichnungen sein können, dann werden Theorien dazu gemacht, Ausstellungen veranstaltet und Preise gegeben, und alles verdirbt.

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Wahr oder erfunden? Was man von Karius und Baktus über die Bibel lernen kann

Meine Kinder haben im Kindergarten die Geschichte von Karius und Baktus gehört. Die Auswirkungen waren sehr positiv, bis heute putzen sie recht gewissenhaft ihre Zähne. Und niemand kommt auf die Idee, die Geschichte als erfunden und daher gar nicht wahr zu bezeichnen oder umgekehrt zu behaupten, man müsse das buchstäblich so glauben, wie es geschrieben steht. Kinder denken nun mal in Geschichten, und Karius und Baktus ist eine Geschichte, die ihnen eine wichtige Wahrheit nahebringt. Mit wissenschaftlichen Studien zur Dentalhygiene hingegen können Vorschulkinder nichts anfangen.

Kürzlich hat mich das Thema Schöpfung und Wissenschaft wieder beschäftigt. Der Streit zwischen fundamentalistischen Atheisten und fundamentalistischen Christen über die biblische Urgeschichte kommt mir vor wie ein Streit über Karius und Baktus. Natürlich ist dieser Text von Menschen und für Menschen in einer vorwissenschaftlichen Zeit geschrieben, in der es überhaupt nur Geschichten – Mythen – gab, mit denen man die Welt erklärte. Vermutlich nicht einmal so sehr die Frage, wie genau alles entstanden ist und was früher war (oder nicht war), sondern eine Beschreibung dessen, wie die Welt hier und jetzt ist und wie man in ihr richtig lebt.

Wenn man diese Geschichte verstehen will, muss man sich erstens auf sie einlassen, man muss in die Welt ihrer Vorstellungen von Urflut und Himmelsgewölbe eintauchen, und man muss zweitens verstehen, wo und wie sie sich von den anderen Geschichten unterscheidet, die zeitgleich im Umlauf waren: all den altorientalischen und antiken Schöpfungs- und Göttermythen. Zum Beispiel präsentiert uns Genesis 1 eine gewaltlose Schöpfung, eine völlig entdämonisierte Welt und depotenzierte Elementarmächte, während im Enuma Elish die Götter sagen „Lasst uns Dämonen machen“.

Im Übrigen hat ja auch Jesus niemand gefragt, ob die Geschichte vom verlorenen Sohn eine „wahre“ Geschichte ist. Natürlich ist sie „erfunden“. Aber sie ist genial erfunden, weil sie besser (und kürzer!!) als jede christliche Dogmatik Gottes Wesen charakterisiert. Und anders als unsere Wissenschaftsprosa kann die Poesie der Genesis etwas über Sinn und Schönheit des Lebens aussagen.

Wir sollten die Aussagen von Genesis 1-11 in unser heutiges, wissenschaftliches Weltbild integrieren und darüber nachdenken, was sie uns im 21. Jahrhundert denn sagen. Der Psychologe James Hillman hat die „modernen Mythen“ (des Materialismus, Positivismus und Szientismus) dafür kritisiert, dass sie Menschen weder Hoffnung noch Halt und Geborgenheit vermitteln können. Hillman möchte deshalb – aus therapeutischen Gründen – wieder zurück zu Göttern, Geistern und Seelenwanderung. Die biblische Schöpfungsgeschichte stützt weder das eine noch das andere Extrem. Und sie ist eingebettet in eine bunte Überlieferung, die von Gottes Handeln in der Geschichte und in konkreter menschlicher Erfahrung spricht.

PS: Chris Ellis hat mich gestern auf das folgende Video hingewiesen, da wird einiges noch einmal gut auf den Punkt gebracht

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Alpha analysiert (5): Die Zweinaturenbibel

In den letzten Jahren haben sich für mich eine ganze Reihe von Fragen an „Fragen an das Leben“ ergeben. Vor einigen Wochen habe ich begonnen, die in einer Serie von Blogposts etwas zu bearbeiten. Zum einen ist das eine Antwort auf etliche Anfragen, die mich zu den Themen des Kurses erreicht haben, zum anderen denke ich, dass von einer offenen Diskussion alle profitieren, auch wenn der eine oder andere Kommentar unten kritisch ausfällt. Die positiven Seiten habe ich übrigens hier gewürdigt.

Die Frage nach der Gewissheit ist eng verknüpft mit der Lehre von der Schrift, und tatsächlich ähnelt sich die Argumentationsstruktur der beiden Kapitel: Die Bibel wird zunächst als eine Art Buch der Superlative eingeführt. Sie ist erstens „konkurrenzlos“, zweitens „kraftvoll“ und drittens „kostbar“, weil Gott in ihr redet. Das ist schon einmal eine steile Behauptung für die Skeptiker unter den Lesern. Zur Begründung heißt es weiter:

Jesus sagte: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Matthäus 4,4). Das Wort „kommt“ steht grammatikalisch gesehen im Originaltext im Partizip Präsens und bezeichnet einen ständig ablaufenden Prozess. Es ergießt sich sozusagen ununterbrochen aus dem Mund Gottes, wie ein Strom aus der Quelle hervorsprudelt. Mit anderen Worten: Gott möchte ununterbrochen mit uns kommunizieren. Und das tut er in erster Linie durch dieses Buch, die Bibel.

Nun kann man an dieser Stelle einwenden: Entweder ist Gottes Reden ein fortlaufender Prozess und ein stetes Geplätscher, dann wäre die Frage, wozu man die Worte konserviert, wenn es sie auch frisch gibt. Oder es ist im Grunde doch festgeschrieben und alles, was uns heute bleibt, ist ein frischer Aufguss des Alten. Passt beides irgendwie zusammen?

Nicky Gumbel importiert die Zweinaturenlehre aus der Christologie, um zu erklären (aber im Grunde ist es nur eine Behauptung), dass die Bibel ganz Menschenwort und zugleich ganz Gotteswort sein kann. Und wie in der klassischen Christologie verschwindet auch hier die schwache menschliche Seite umgehend hinter der göttlichen, denn es folgt eine scholastisch anmutende Akkumulation kirchlicher Autoritäten, die der Bibel – freilich nicht überraschend – Vollkommenheit und Unfehlbarkeit attestieren.

Nun kann man sich darüber freuen, wie hier eher unapologetisch ein ökumenischer Konsens (Irenäus – Luther – das II. Vaticanum) geäußert wird. Oder man wundert sich, dass die Traditionslinie zielstrebig auf Billy Graham zuläuft, der als Kronzeuge eines naiven Biblizismus zitiert wird, und von da ab beherrscht der Begriff „Autorität“ das Feld. Auf Bibelkritik – sei sie wissenschaftlich-historisch oder auch nur die Hilflosigkeit des einfachen Bibellesers angesichts verstörender Gewaltszenen – wird überhaupt nicht eingegangen, es wird lediglich eingeräumt, dass es wohl gewisse Schwierigkeiten beim Verstehen gebe und – freilich nur scheinbare – Widersprüche.

Vielsagend sind die Analogien, die dieses Bibel-Kapitel durchziehen. Da vergleicht Nicky Gumbel die Bibel mit der St. Paul’s Cathedral, deren Architekt Sir Christopher Wren keinen einzigen Stein in die Hand genommen habe und dennoch der Schöpfer des Kunstwerks sei, so wie Gott keinen Buchstaben selbst schrieb, aber trotzdem der eigentliche Autor der Bibel sei. Freilich sieht jeder, dass St. Paul’s ein Werk aus einem Guss ist, während die Entstehung der Bibel doch eher einem Haus gleicht, das an allen Ecken und Enden umgebaut und erweitert wurde, und entsprechend verwinkelt sind manche ihrer Zusammenhänge. Statt kultureller Komplexität und historischer Vielschichtigkeit wird hier eine im Grunde zeitlose Homogenität behauptet.

In eine ähnliche Richtung weisen die drei Metaphern gegen Ende des Kapitels: Das Regelwerk, die Bedienungsanleitung und der Liebesbrief. Regeln schützen und dienen dem Frieden, sie engen nicht nur ein – klar soweit. Tatsächlich finden wir in der Bibel unter anderem auch Gebote und Rechtssatzungen. Dass in der Bibel aber auch manche verstörende Regeln stehen und dass da zum Teil von drakonischen Strafen die Rede ist, bleibt außen vor. Unter dem Leitgedanken der Erziehung und Lebenshilfe erfolgt der Übergang zum Bild von der Gebrauchsanweisung. Der lässt sich deutlich schlechter verifizieren. Denn die biblischen Texte sind etwas ganz anderes als das Handbuch für ein technisches Gerät und das menschliche Leben ist viel komplizierter als eine Maschine, die „funktioniert“, wenn sie nur korrekt bedient wird. Wenn die Bibel eins nicht ist, dann ein Handbuch mit Patentlösungen und schrittweisen Anleitungen für alle Lebenslagen!

Um das Starre und Mechanistische etwas zu lindern, wird die Bibel schließlich unter Verweis auf Augustinus („Die Bibel erzählt von nichts anderem als von Gottes Liebe zu uns“) als „Liebesbrief“ beschrieben. Aber auch hier bleibt das Faktum unkommentiert, dass sich das dicke, alte und wundersame Buch so ganz und gar nicht wie ein persönlicher Brief Gottes an mich liest. Vielmehr ist da von allen möglichen Leuten die Rede, die zu anderen Zeiten in anderen Situationen lebten, teils ähnliche und teils ganz andere Sorgen und Probleme hatten als wir, und die oft genug alles andere als vorbildlich agierten.

Augustinus‘ oben zitierter Satz hatte ein Schlüsselwort enthalten: Das Erzählen. Warum nur wird die Bibel hier als dieses oder jenes angepriesen, ohne zu erläutern, dass sie vor allem eine Sammlung geschichtlicher Texte ist? Texte, die geschichtliche Erinnerungen an Gottes Handeln mit den Menschen festhalten und diese im Erzählen weiterentwickeln; Texte die in einem lockeren, aber eben keineswegs monolithischen, und eben deshalb nach vielen Seiten offenen und anschlussfähigen Traditionszusammenhang stehen. Texte, die auch und gerade deshalb vom Geist Gottes auf unerwartete Weise aktualisiert werden können. Texte, die unsere Kultur und Geschichte schon seit Jahrhunderten geprägt haben, selbst wenn das eine oder andere folgenschwere Missverständnis auch ein Teil ihrer Wirkungsgeschichte ist.

Wird dieses unkritische Harmonisieren der in Wirklichkeit kantigen Bibel und das Aufstellen von Behauptungen, die zu keinem Zeitpunkt die fromme Binnenperspektive verlassen, den Lesern von „Fragen an das Leben“ und den Gästen eines Alpha-Kurses (der richtet sich ja Skeptiker und Suchende) eigentlich gerecht? Ist das ehrlich empfunden, dass die schwierigen Seiten der Bibel ungefähr so vernachlässigbar sind wie deren flüchtige Erwähnung im Text dieses Kapitels, oder meint Nicky Gumbel, das einem Anfänger im Glauben (noch) nicht zumuten zu dürfen?

Zuletzt: Warum drehen wir das Argument eigentlich nicht um und arbeiten heraus, wie gerade die Vielfalt der Perspektiven und Stimmen oder auch die Weigerung der Juden und später der Christen, peinliche oder höchst erklärungsbedürftige Passagen nachträglich zu frisieren und Widersprüche zu tilgen, also gerade auch das Menschliche, die Bibel glaubwürdig macht? Welche andere religiöse Tradition hat denn etwas Vergleichbares zu bieten? Lässt sich vielleicht gerade auch darin Gottes Reden und Handeln erkennen?

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Eindringliche Mahnung

Kürzlich habe ich wieder mal eine dieser vertrauten Geschichten gehört: In einer Gruppe, die eine gravierenden Konflikt durchlebt, meldet sich jemand mit einem „Eindruck“ bzw. „Bild“ (das ist charismatischer Code für „Reden Gottes“) zu Wort, das die eigene Position von aller Kritik ausnimmt und den anderen einseitig die Schuld anlastet. Ein dreister oder vielleicht auch verzweifelter Versuch der Manipulation, eine Vereinnahmung Gottes zum Zweck der Selbstrechtfertigung.

Ich merke, dass ich für solche Manöver überhaupt gar kein Verständnis habe. Vielleicht war ja die Drohung aus Deuteronomium 18,20 gar nicht so falsch? Da heißt es ganz rabiat:

Doch ein Prophet, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden, dessen Verkündigung ich ihm nicht aufgetragen habe […], ein solcher Prophet soll sterben.

Niemand würde das heute noch wörtlich verstehen. Es geht weder um Blasphemiegesetze noch um Inquisitionsprozesse, eher schon um die fehlende „Furcht Gottes“. Aber die scharfe Warnung hilft vielleicht, das Problembewusstsein etwas zu steigern: Erst mal sein Testament zu machen, bevor man allzu flott unter Berufung auf göttliche Inspiration den Mund öffnet, also bei letzterem wenigstens ebenso viel kritische Sorgfalt walten zu lassen wie bei ersterem, das kann allen Beteiligen doch nur gut tun. Und wenn der „Prophet“ das nicht selbst kann, müssen es eben seine Hörer tun, und ihm eine deutliche Rückmeldung seiner Grenzverletzungen verpassen.

Gestern wurde Hildegard von Bingen von Papst Benedikt XVI zur Lehrerin der Kirche erhoben. Sie wird als prophetische Gestalt geschildert, die ein ganzes Zeitalter geprägt hat. Ihr wird die folgende Weisheit zugeschrieben:

Nicht mit Drohworten sollst du auf deine Untergebenen einschlagen wie mit einer Keule. Mische vielmehr die Worte der Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit und salbe die Menschen mit Gottesfurcht.

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Alpha analysiert (4): Trockene Gewissheit

Ich habe mich im August schon ein bisschen mit der Theologie des Alpha-Kurses beschäftigt, damals ging es um die Christologie und Soteriologie und die modernistische Grundfärbung. Ich möchte den Faden wieder aufnehmen und diese Woche zwei weitere Aspekte betrachten, die eng zusammenhängen: Die Suche nach Gewissheiten und der Umgang mit der Bibel. Zum einen ist das eine Antwort auf etliche Anfragen, die mich zu den Themen des Kurses erreicht haben, zum anderen denke ich, dass von einer offenen Diskussion alle profitieren, auch wenn der eine oder andere Kommentar unten kritisch ausfällt. Die positiven Seiten habe ich übrigens hier gewürdigt.

Das vierte Kapitel stellt die Frage nach der Heilsgewissheit – ein zentrales Anliegen der Reformation (Luthers Frage nach dem gnädigen Gott) und, ein paar Jahrhunderte später, auf einem etwas bescheideneren Niveau und beschränkt auf eine bestimmte Szene, immer noch ein beliebter Einstieg in „evangelistische“ Gespräche („Wenn du heute nacht sterben würdest, wärst du dir sicher, dass du in den Himmel kommst?“).

Und so geht es auch in diesem Kapitel über den Himmel, dessen Tür sich in der Form biblischer Verheißungen öffnet, die es nun bewusst anzunehmen gilt. Der zentrale Vergleich ist der Trauschein, der den Beziehungsstatus rechtlich eindeutig klärt. Wer Gottes Verheißungen annimmt und – um im Bild zu bleiben – die eigene Unterschrift dazu setzt, der hat das ewige Leben. Da spricht also wieder der Jurist.

Aber eine Ehe beginnt nicht nur mit einem Stück Papier, die Eheschließung ist auch ein Ereignis. Daher tritt zu Gottes Zusagen als zweite Säule der Gewissheit das Ereignis des Kreuzestodes Christi. Hier hinkt der Vergleich freilich, weil im Unterschied zur eigenen Eheschließung niemand von uns die Kreuzigung miterlebt hat, also muss das eigene Ja-Wort sozusagen nachgeschoben werden, wie die Beispielgeschichte des Hochseilartisten Blondin verdeutlicht, der eine Schubkarre über die Niagara-Fälle schob und die Zuschauer aufforderte, sich hineinzusetzen. Eigenartigerweise ist hier von der Taufe nicht die Rede. Ebensowenig vom Abendmahl, beides ist ja in der paulinischen Theologie ganz stark mit dem Gedanken des „In-Christus-Seins“ verknüpft, um das es hier eigentlich geht.

Und auch im dritten Argumentationsgang bleibt Gumbel bei der Ehe-Metapher: Das (all-)tägliche Wirken des Heiligen Geistes schafft ein neues Verhältnis des einzelnen zu Gott. Wieder ist alles ausschließlich vom Individuum her gedacht, der gemeinschaftliche Aspekt des Glaubens wird erst sehr spät im Kurs thematisiert. Vielleicht fehlt deshalb der sakramentale Bezug. Alles spielt sich in Worten ab und bewegt sich in der Dimension der Innerlichkeit. Am Ende des Kapitels fällt dann wieder der schon beschriebene „Methodismus“ (nicht im konfessionellen Sinn!) auf, wenn es dort heißt:

Wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie je wirklich Ihren Glauben auf Jesus gesetzt haben, dann können Sie das folgende Gebet sprechen. Es kann zum Startpunkt für Ihr Leben als Christ werden. Sie können dadurch alles empfangen, was Christus durch seinen Tod bewirkt hat.

Es folgt ein schlichtes Buß- und Übergabegebet. Vielleicht schweigt der Text auch deshalb von den Sakramenten, weil man noch in der alten Frontstellung (vgl. die alte pietistische Polemik gegen die „Namenschristen“) gegen eine diametral entgegengesetzte Objektivierung des Christseins steht, derzufolge die institutionelle Kirchenmitgliedschaft (bzw. der Taufschein) die Frage nach dem Gottvertrauen und Glaubensgehorsam – und damit jede konkrete Praxis der Nachfolge – überflüssig erscheinen lassen. Auf der Strecke bleiben die reiche Symbolik der Sakramente, ihr Gemeinschaftsbezug und das sinnliche Erleben – alles Aspekte, die im Bild von der Ehe durchaus eine Rolle spielen. Man kann – um noch einen anderen Brückenschlag zu versuchen – so ein Gebet vielleicht als eine Art Konfirmationsversprechen sehen (oder dessen Aktualisierung). Aber es kommt ja andererseits nicht von Ungefähr, dass der übliche Ort eines solchen Versprechens der Abendmahlsgottesdienst ist…

Stattdessen gründet sich nun die Gewissheit des neuen Lebens in Gott nun de facto auf ein trockenes, vorgestanztes Gebet, und die Frage stellt sich: Was kommt danach?

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Nochmal: Freiheit

Vor ein paar Tagen habe ich hier drei Sätze über die Freiheit gepostet. Eben habe ich auf Zeit Online in einem Beitrag von von Thomas Assheuer die folgenden Sätze gelesen, die, wie ich finde, dazu sehr gut passen:

Freiheit, sagt der erwähnte Pastor Terry Jones, sei nur etwas wert, wenn man »Dinge sagen kann, die andere nicht mögen«. Dieser triviale Satz ging um die Welt, denn er klingt so, als sei die westliche Freiheit umso freier, je mehr sie den anderen verletzt. Aber das wäre keine Freiheit, sondern Unfreiheit, denn sie kalkuliert mit der Empörung des anderen, sie braucht den Ausschluss und die Abgrenzung, um sich in ihrer irdischen Göttlichkeit selbst zu bestätigen.

Es stehen noch eine ganze Reihe kluger Gedanken in diesem Text über Religion, Meinungsfreiheit und die globale Öffentlichkeit – allein schon die gelungene Problemanzeige einer „Selbstbestätigung der Freiheit durch kalkulierte Fremdverletzung“. Die fünf Minuten Lesezeit sind gut angelegt!

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Karriere: die Kosten überschlagen

Stephen Covey hat den Spruch mit der Leiter populär gemacht, die jemand erklimmt, um schließlich festzustellen, dass sie an der falschen Wand lehnte. Nun haben australische Forscher festgestellt, dass dies ein relativ normaler Vorgang im beruflichen Aufstieg ist. Laut Wirtschaftswoche kann Erfolg krank machen, oder zumindest einen faden Nachgeschmack hinterlassen.

Während die positiven Aspekte (mehr Geld, Prestige etc.) einer Beförderung nach einer gewissen Zeit in den Hintergrund rücken, gibt es bei den negativen Seiten keinen Gewöhnungseffekt:

…spätestens ab dem dritten Jahr ging es bei den Befragten gefühlt bergab. Sie hatten nicht mehr den Eindruck gut bezahlt zu werden, obwohl die Gehälter nicht zurückgegangen waren. Sie fühlten sich ihres Jobs nicht mehr so sicher, obwohl sich auch daran nichts geändert hatte. Und auch die Jobzufriedenheit allgemein ging zurück auf das Niveau vor der Beförderung. Die zusätzlichen Belastungen blieben allerdings bestehen – mehr Stress, längere Arbeitszeiten.

Wer sich also darüber grämt, dass er Aufstiegschancen verpasst hat, sollte vielleicht umdenken. Vermutlich hätte er/sie an (beruflicher) Lebensqualität eingebüßt.

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Verzehr, Vernunft und Verordnungen

Die Zeit berichtet über gesundes und ungesundes Essverhalten und die Frage, was neben vernünftigen Erwägungen noch so alles unsere Ernährungsgewohnheiten steuert. Interessant fand ich diese Beobachtung zur Auswirkung von Verordnungen und Vorschriften:

Fischbach und ihre Kollegen gaben zwei Gruppen von Probanden identische Müsliriegel zu essen. Der einen Gruppe beschrieben sie den Snack als einen Gesundheitsriegel, der anderen als Schokoriegel. Einige durften selbst aussuchen, ob sie den vermeintlich gesunden oder lieber den leckeren probieren wollten, die anderen bekamen einen zugeteilt. Diejenigen, die den angeblich gesunden Riegel essen mussten, hatten hinterher mehr Hunger als die andere Gruppe. Diesen Effekt gab es dagegen nicht bei denen, die freiwillig den gesunden Riegel gewählt hatten.

Bevormundung führt schnell zu Trotz und bewirkt dann das Gegenteil des erwünschten Verhaltens. Daraus lässt sich jetzt sicher keine allgemeine Regel stricken, derart etwa, dass Regeln erst recht regelwidriges Verhalten fördern. Eher wäre es die Bestätigung dafür, wie wichtig es ist, das Richtige aus echter, eigener Überzeugung zu tun. Erst dann wird es offenbar zu einer wirklich befriedigenden Erfahrung.

(Nachtrag – Richtig peinlich ist diese Feststellung der nationalen Verzehrstudie: „Fast 40 Prozent der deutschen Männer haben noch nie einen Pfannkuchen zubereitet, fast die Hälfte hat noch nie eine Tomatensoße gekocht.“)

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Gott beschützen – vor wem eigentlich?

Ich habe mich mit dem zweiten und dritten Gebot beschäftigt und dabei festgestellt, dass Gott sich damit – anders als derzeit oft diskutiert – gar nicht vor seinen Feinden schützen muss, sondern vor seinen Anhängern.

Genauer gesagt: vor der allzu menschlichen Tendenz, ihn vor den eigenen Karren zu spannen, ihn mit dogmatischen Formeln zu verwechseln oder seine Namen für die jeweilige religiöse Institution zu vereinnahmen; ein MasGottchen aus ihm zu machen, ihn auf eine Art Stammesgott zu reduzieren, der für uns gegen die anderen kämpft – wer auch immer das jeweils ist. Es gab schon zu viele Versuche, Gottes Reich zu einer Provinz des eigenen Imperiums zu machen.

Ein paar Gedanken zum Thema Bild und Karikatur, Blasphemie und Heiligkeit des Namens, mit Überlegungen zum privaten Alltag und politischen Aufruhr habe ich hier zusammengetragen, wer mag, kann gern reinhören.

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Einfach, aber nicht leicht

Ich arbeite momentan an einer Predigtreihe über die zehn Gebote. Und merke, dass mir immer wieder neue Dinge auffallen, etwa beim Nachdenken über die „negative“ Formulierung schon des ersten Gebotes. Da wird keine minutiöse Ausführungsbestimmung geliefert, die wäre auch absurd, sondern es ist schlicht Konzentration auf das eine und den Einen angesagt. Sie kann tausend Formen haben und ist doch nicht beliebig.

Oft genug besteht das geistliche Leben ja darin, bestimmte Dinge einfach mal zu lassen, damit ein Raum für Gott entstehen kann. „Götzen“ sind Dinge, die unsere Kraft und Aufmerksamkeit binden, die uns aber nicht dazu bringen, über uns hinaus zu wachsen, sondern die uns einschränken und schwächen. Polytheistische Götter sind ja im Grunde nicht transzendent, sondern lediglich personifizierte Teilaspekte immanenter Ordnungen und Kräfte.

Freiheit kommt aus einer notwendigen Distanz zur Welt und zu mir selbst. Ich glaube, das ist das Geschenk des ersten Gebotes, das alle anderen Stimmen und Ansprüche, einschließlich meiner eigenen Bedürfnisse, auf die Plätze verweist. Aber es kann ja auch schwer sein, einfach mal Ruhe zu geben, auch das Dringende hintanzustellen und Gott Gott sein zu lassen.

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Gemischte Motive: Die Narnia-Soteriologie

Gestern habe ich auf einer Studientagung mit Pastoren über die Bedeutung des Kreuzes für die christliche Erlösungslehre und Theologie nachgedacht. Dabei fiel mir ein, dass neben Kirchenliedern vor allem Kindergeschichten (oder vermeintliche Kindergeschichten) wie C.S. Lewis‘ „König von Narnia“ die Vorstellungswelten nachhaltig geprägt haben.

In Lewis‘ Fantasyroman mischen sich die soteriologischen Motive: Einerseits geht es um Schuld (Verrat) und Strafe, andererseits geht es um einen Gefangenenaustausch oder ein Lösegeld (Aslan gegen Edmund), drittens wird ein Ritualmord beschrieben, der an kultische Opferpraxis erinnert.

Man kann das nun ganz unterschiedlich lesen: Entweder ist die Häufung der Motive ein Ausdruck dafür, dass Lewis bewusst oder unbewusst merkte, dass jedes für sich genommen unzureichend war und höchstens einen Teilaspekt verdeutlichte. Oder ist es sogar als leise Kritik an den Motiven traditioneller Soteriologie zu lesen?

Spannend ist, dass sich für Lewis mit keinem dieser oben genannten Motive begründen lässt, warum Aslan wieder lebendig wird und die Winterhexe in die Flucht schlägt. Damit die Rechnung aufgeht, muss er eine „geheime“, uralte und vergessene „Regel“ nachschieben: Wenn sich ein Unschuldiger für einen Schuldigen opfert, dann wird die Strafe rückgängig gemacht.

Hier erinnert die Erzählung an das mythische Christus-Victor-Motiv der altkirchlichen Soteriologie: Der Sieg über Hölle, Tod und Teufel. Gott reizt die böse Macht, ihre Grenzen zu überschreiten, die Maske der Legitimität fallen zu lassen und sich zu verausgaben. Aber der Drache (um kurz einmal das Bild zu wechseln) verschluckt sich quasi an dem Köder, die Beute ist eine Nummer zu groß, und das besiegelt sein Schicksal.

Ein großes Handicap bei Lewis ist, dass er Aslan nicht trinitarisch beschrieben kann. So hat das Reden von einer uralten, tieferen Magie nun die Funktion, auf den Schöpfer und seine Vorsehung zu verweisen. Ziemlich komplex für eine Kindergeschichte!

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Religion und Institution

Religion als Institution, der Tempel als letztendliches Ziel, oder – anders gesagt – Religion um ihrer selbst willen, ist Götzendienst. Tatsache ist, dass das Böse Bestandteil der Religion ist, nicht nur des Säkularismus. Spießige Frömmigkeit kann ein Sich-Drücken vor der Pflicht sein, ein Zugeständnis an die Selbstsucht.

Religion ist um Gottes Willen da. Die menschliche Seite der Religion, ihre Glaubensbekenntnisse, Rituale und Institutionen, sind eher ein Weg als das Ziel. Das Ziel ist „Gerechtigkeit zu üben, Barmherzigkeit zu lieben und in Demut mit deinem Gott zu wandeln.“ Wenn die menschliche Seite der Religion zum Ziel wird, dann wird Unrecht zum Weg.

Abraham Heschel

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Warten auf Volf (3): Bedrohter Zusammenhalt

Von der Ausgrenzung zur Umarmung von Miroslav Volf wird auf Deutsch wohl erst im November erscheinen, wer also inzwischen schon nach Weihnachtsgeschenken sucht, sei schon einmal vorgewarnt. Um das Warten zu verkürzen, hier schon mal ein Gedanke, und zwar zum stets von Brüchen bedrohten gesellschaftlichen Miteinander verschiedener Gruppen und Personen und zur Frage, wie Versöhnung geschehen kann:

In einer Welt aufeinanderprallender Perspektiven und angestrengter Selbstrechtfertigungen, brüchigen Pflichtgefühls und heftiger Animositäten wird ein Bund gehalten oder erneuert, weil jene, die ihn aus ihrer Perspektive nicht gebrochen haben, bereit sind, an seiner Reparatur hart zu arbeiten.

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