Eindringliche Mahnung

Kürzlich habe ich wieder mal eine dieser vertrauten Geschichten gehört: In einer Gruppe, die eine gravierenden Konflikt durchlebt, meldet sich jemand mit einem „Eindruck“ bzw. „Bild“ (das ist charismatischer Code für „Reden Gottes“) zu Wort, das die eigene Position von aller Kritik ausnimmt und den anderen einseitig die Schuld anlastet. Ein dreister oder vielleicht auch verzweifelter Versuch der Manipulation, eine Vereinnahmung Gottes zum Zweck der Selbstrechtfertigung.

Ich merke, dass ich für solche Manöver überhaupt gar kein Verständnis habe. Vielleicht war ja die Drohung aus Deuteronomium 18,20 gar nicht so falsch? Da heißt es ganz rabiat:

Doch ein Prophet, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden, dessen Verkündigung ich ihm nicht aufgetragen habe […], ein solcher Prophet soll sterben.

Niemand würde das heute noch wörtlich verstehen. Es geht weder um Blasphemiegesetze noch um Inquisitionsprozesse, eher schon um die fehlende „Furcht Gottes“. Aber die scharfe Warnung hilft vielleicht, das Problembewusstsein etwas zu steigern: Erst mal sein Testament zu machen, bevor man allzu flott unter Berufung auf göttliche Inspiration den Mund öffnet, also bei letzterem wenigstens ebenso viel kritische Sorgfalt walten zu lassen wie bei ersterem, das kann allen Beteiligen doch nur gut tun. Und wenn der „Prophet“ das nicht selbst kann, müssen es eben seine Hörer tun, und ihm eine deutliche Rückmeldung seiner Grenzverletzungen verpassen.

Gestern wurde Hildegard von Bingen von Papst Benedikt XVI zur Lehrerin der Kirche erhoben. Sie wird als prophetische Gestalt geschildert, die ein ganzes Zeitalter geprägt hat. Ihr wird die folgende Weisheit zugeschrieben:

Nicht mit Drohworten sollst du auf deine Untergebenen einschlagen wie mit einer Keule. Mische vielmehr die Worte der Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit und salbe die Menschen mit Gottesfurcht.

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Alpha analysiert (4): Trockene Gewissheit

Ich habe mich im August schon ein bisschen mit der Theologie des Alpha-Kurses beschäftigt, damals ging es um die Christologie und Soteriologie und die modernistische Grundfärbung. Ich möchte den Faden wieder aufnehmen und diese Woche zwei weitere Aspekte betrachten, die eng zusammenhängen: Die Suche nach Gewissheiten und der Umgang mit der Bibel. Zum einen ist das eine Antwort auf etliche Anfragen, die mich zu den Themen des Kurses erreicht haben, zum anderen denke ich, dass von einer offenen Diskussion alle profitieren, auch wenn der eine oder andere Kommentar unten kritisch ausfällt. Die positiven Seiten habe ich übrigens hier gewürdigt.

Das vierte Kapitel stellt die Frage nach der Heilsgewissheit – ein zentrales Anliegen der Reformation (Luthers Frage nach dem gnädigen Gott) und, ein paar Jahrhunderte später, auf einem etwas bescheideneren Niveau und beschränkt auf eine bestimmte Szene, immer noch ein beliebter Einstieg in „evangelistische“ Gespräche („Wenn du heute nacht sterben würdest, wärst du dir sicher, dass du in den Himmel kommst?“).

Und so geht es auch in diesem Kapitel über den Himmel, dessen Tür sich in der Form biblischer Verheißungen öffnet, die es nun bewusst anzunehmen gilt. Der zentrale Vergleich ist der Trauschein, der den Beziehungsstatus rechtlich eindeutig klärt. Wer Gottes Verheißungen annimmt und – um im Bild zu bleiben – die eigene Unterschrift dazu setzt, der hat das ewige Leben. Da spricht also wieder der Jurist.

Aber eine Ehe beginnt nicht nur mit einem Stück Papier, die Eheschließung ist auch ein Ereignis. Daher tritt zu Gottes Zusagen als zweite Säule der Gewissheit das Ereignis des Kreuzestodes Christi. Hier hinkt der Vergleich freilich, weil im Unterschied zur eigenen Eheschließung niemand von uns die Kreuzigung miterlebt hat, also muss das eigene Ja-Wort sozusagen nachgeschoben werden, wie die Beispielgeschichte des Hochseilartisten Blondin verdeutlicht, der eine Schubkarre über die Niagara-Fälle schob und die Zuschauer aufforderte, sich hineinzusetzen. Eigenartigerweise ist hier von der Taufe nicht die Rede. Ebensowenig vom Abendmahl, beides ist ja in der paulinischen Theologie ganz stark mit dem Gedanken des „In-Christus-Seins“ verknüpft, um das es hier eigentlich geht.

Und auch im dritten Argumentationsgang bleibt Gumbel bei der Ehe-Metapher: Das (all-)tägliche Wirken des Heiligen Geistes schafft ein neues Verhältnis des einzelnen zu Gott. Wieder ist alles ausschließlich vom Individuum her gedacht, der gemeinschaftliche Aspekt des Glaubens wird erst sehr spät im Kurs thematisiert. Vielleicht fehlt deshalb der sakramentale Bezug. Alles spielt sich in Worten ab und bewegt sich in der Dimension der Innerlichkeit. Am Ende des Kapitels fällt dann wieder der schon beschriebene „Methodismus“ (nicht im konfessionellen Sinn!) auf, wenn es dort heißt:

Wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie je wirklich Ihren Glauben auf Jesus gesetzt haben, dann können Sie das folgende Gebet sprechen. Es kann zum Startpunkt für Ihr Leben als Christ werden. Sie können dadurch alles empfangen, was Christus durch seinen Tod bewirkt hat.

Es folgt ein schlichtes Buß- und Übergabegebet. Vielleicht schweigt der Text auch deshalb von den Sakramenten, weil man noch in der alten Frontstellung (vgl. die alte pietistische Polemik gegen die „Namenschristen“) gegen eine diametral entgegengesetzte Objektivierung des Christseins steht, derzufolge die institutionelle Kirchenmitgliedschaft (bzw. der Taufschein) die Frage nach dem Gottvertrauen und Glaubensgehorsam – und damit jede konkrete Praxis der Nachfolge – überflüssig erscheinen lassen. Auf der Strecke bleiben die reiche Symbolik der Sakramente, ihr Gemeinschaftsbezug und das sinnliche Erleben – alles Aspekte, die im Bild von der Ehe durchaus eine Rolle spielen. Man kann – um noch einen anderen Brückenschlag zu versuchen – so ein Gebet vielleicht als eine Art Konfirmationsversprechen sehen (oder dessen Aktualisierung). Aber es kommt ja andererseits nicht von Ungefähr, dass der übliche Ort eines solchen Versprechens der Abendmahlsgottesdienst ist…

Stattdessen gründet sich nun die Gewissheit des neuen Lebens in Gott nun de facto auf ein trockenes, vorgestanztes Gebet, und die Frage stellt sich: Was kommt danach?

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Nochmal: Freiheit

Vor ein paar Tagen habe ich hier drei Sätze über die Freiheit gepostet. Eben habe ich auf Zeit Online in einem Beitrag von von Thomas Assheuer die folgenden Sätze gelesen, die, wie ich finde, dazu sehr gut passen:

Freiheit, sagt der erwähnte Pastor Terry Jones, sei nur etwas wert, wenn man »Dinge sagen kann, die andere nicht mögen«. Dieser triviale Satz ging um die Welt, denn er klingt so, als sei die westliche Freiheit umso freier, je mehr sie den anderen verletzt. Aber das wäre keine Freiheit, sondern Unfreiheit, denn sie kalkuliert mit der Empörung des anderen, sie braucht den Ausschluss und die Abgrenzung, um sich in ihrer irdischen Göttlichkeit selbst zu bestätigen.

Es stehen noch eine ganze Reihe kluger Gedanken in diesem Text über Religion, Meinungsfreiheit und die globale Öffentlichkeit – allein schon die gelungene Problemanzeige einer „Selbstbestätigung der Freiheit durch kalkulierte Fremdverletzung“. Die fünf Minuten Lesezeit sind gut angelegt!

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Karriere: die Kosten überschlagen

Stephen Covey hat den Spruch mit der Leiter populär gemacht, die jemand erklimmt, um schließlich festzustellen, dass sie an der falschen Wand lehnte. Nun haben australische Forscher festgestellt, dass dies ein relativ normaler Vorgang im beruflichen Aufstieg ist. Laut Wirtschaftswoche kann Erfolg krank machen, oder zumindest einen faden Nachgeschmack hinterlassen.

Während die positiven Aspekte (mehr Geld, Prestige etc.) einer Beförderung nach einer gewissen Zeit in den Hintergrund rücken, gibt es bei den negativen Seiten keinen Gewöhnungseffekt:

…spätestens ab dem dritten Jahr ging es bei den Befragten gefühlt bergab. Sie hatten nicht mehr den Eindruck gut bezahlt zu werden, obwohl die Gehälter nicht zurückgegangen waren. Sie fühlten sich ihres Jobs nicht mehr so sicher, obwohl sich auch daran nichts geändert hatte. Und auch die Jobzufriedenheit allgemein ging zurück auf das Niveau vor der Beförderung. Die zusätzlichen Belastungen blieben allerdings bestehen – mehr Stress, längere Arbeitszeiten.

Wer sich also darüber grämt, dass er Aufstiegschancen verpasst hat, sollte vielleicht umdenken. Vermutlich hätte er/sie an (beruflicher) Lebensqualität eingebüßt.

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Verzehr, Vernunft und Verordnungen

Die Zeit berichtet über gesundes und ungesundes Essverhalten und die Frage, was neben vernünftigen Erwägungen noch so alles unsere Ernährungsgewohnheiten steuert. Interessant fand ich diese Beobachtung zur Auswirkung von Verordnungen und Vorschriften:

Fischbach und ihre Kollegen gaben zwei Gruppen von Probanden identische Müsliriegel zu essen. Der einen Gruppe beschrieben sie den Snack als einen Gesundheitsriegel, der anderen als Schokoriegel. Einige durften selbst aussuchen, ob sie den vermeintlich gesunden oder lieber den leckeren probieren wollten, die anderen bekamen einen zugeteilt. Diejenigen, die den angeblich gesunden Riegel essen mussten, hatten hinterher mehr Hunger als die andere Gruppe. Diesen Effekt gab es dagegen nicht bei denen, die freiwillig den gesunden Riegel gewählt hatten.

Bevormundung führt schnell zu Trotz und bewirkt dann das Gegenteil des erwünschten Verhaltens. Daraus lässt sich jetzt sicher keine allgemeine Regel stricken, derart etwa, dass Regeln erst recht regelwidriges Verhalten fördern. Eher wäre es die Bestätigung dafür, wie wichtig es ist, das Richtige aus echter, eigener Überzeugung zu tun. Erst dann wird es offenbar zu einer wirklich befriedigenden Erfahrung.

(Nachtrag – Richtig peinlich ist diese Feststellung der nationalen Verzehrstudie: „Fast 40 Prozent der deutschen Männer haben noch nie einen Pfannkuchen zubereitet, fast die Hälfte hat noch nie eine Tomatensoße gekocht.“)

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Gott beschützen – vor wem eigentlich?

Ich habe mich mit dem zweiten und dritten Gebot beschäftigt und dabei festgestellt, dass Gott sich damit – anders als derzeit oft diskutiert – gar nicht vor seinen Feinden schützen muss, sondern vor seinen Anhängern.

Genauer gesagt: vor der allzu menschlichen Tendenz, ihn vor den eigenen Karren zu spannen, ihn mit dogmatischen Formeln zu verwechseln oder seine Namen für die jeweilige religiöse Institution zu vereinnahmen; ein MasGottchen aus ihm zu machen, ihn auf eine Art Stammesgott zu reduzieren, der für uns gegen die anderen kämpft – wer auch immer das jeweils ist. Es gab schon zu viele Versuche, Gottes Reich zu einer Provinz des eigenen Imperiums zu machen.

Ein paar Gedanken zum Thema Bild und Karikatur, Blasphemie und Heiligkeit des Namens, mit Überlegungen zum privaten Alltag und politischen Aufruhr habe ich hier zusammengetragen, wer mag, kann gern reinhören.

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Einfach, aber nicht leicht

Ich arbeite momentan an einer Predigtreihe über die zehn Gebote. Und merke, dass mir immer wieder neue Dinge auffallen, etwa beim Nachdenken über die „negative“ Formulierung schon des ersten Gebotes. Da wird keine minutiöse Ausführungsbestimmung geliefert, die wäre auch absurd, sondern es ist schlicht Konzentration auf das eine und den Einen angesagt. Sie kann tausend Formen haben und ist doch nicht beliebig.

Oft genug besteht das geistliche Leben ja darin, bestimmte Dinge einfach mal zu lassen, damit ein Raum für Gott entstehen kann. „Götzen“ sind Dinge, die unsere Kraft und Aufmerksamkeit binden, die uns aber nicht dazu bringen, über uns hinaus zu wachsen, sondern die uns einschränken und schwächen. Polytheistische Götter sind ja im Grunde nicht transzendent, sondern lediglich personifizierte Teilaspekte immanenter Ordnungen und Kräfte.

Freiheit kommt aus einer notwendigen Distanz zur Welt und zu mir selbst. Ich glaube, das ist das Geschenk des ersten Gebotes, das alle anderen Stimmen und Ansprüche, einschließlich meiner eigenen Bedürfnisse, auf die Plätze verweist. Aber es kann ja auch schwer sein, einfach mal Ruhe zu geben, auch das Dringende hintanzustellen und Gott Gott sein zu lassen.

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Gemischte Motive: Die Narnia-Soteriologie

Gestern habe ich auf einer Studientagung mit Pastoren über die Bedeutung des Kreuzes für die christliche Erlösungslehre und Theologie nachgedacht. Dabei fiel mir ein, dass neben Kirchenliedern vor allem Kindergeschichten (oder vermeintliche Kindergeschichten) wie C.S. Lewis‘ „König von Narnia“ die Vorstellungswelten nachhaltig geprägt haben.

In Lewis‘ Fantasyroman mischen sich die soteriologischen Motive: Einerseits geht es um Schuld (Verrat) und Strafe, andererseits geht es um einen Gefangenenaustausch oder ein Lösegeld (Aslan gegen Edmund), drittens wird ein Ritualmord beschrieben, der an kultische Opferpraxis erinnert.

Man kann das nun ganz unterschiedlich lesen: Entweder ist die Häufung der Motive ein Ausdruck dafür, dass Lewis bewusst oder unbewusst merkte, dass jedes für sich genommen unzureichend war und höchstens einen Teilaspekt verdeutlichte. Oder ist es sogar als leise Kritik an den Motiven traditioneller Soteriologie zu lesen?

Spannend ist, dass sich für Lewis mit keinem dieser oben genannten Motive begründen lässt, warum Aslan wieder lebendig wird und die Winterhexe in die Flucht schlägt. Damit die Rechnung aufgeht, muss er eine „geheime“, uralte und vergessene „Regel“ nachschieben: Wenn sich ein Unschuldiger für einen Schuldigen opfert, dann wird die Strafe rückgängig gemacht.

Hier erinnert die Erzählung an das mythische Christus-Victor-Motiv der altkirchlichen Soteriologie: Der Sieg über Hölle, Tod und Teufel. Gott reizt die böse Macht, ihre Grenzen zu überschreiten, die Maske der Legitimität fallen zu lassen und sich zu verausgaben. Aber der Drache (um kurz einmal das Bild zu wechseln) verschluckt sich quasi an dem Köder, die Beute ist eine Nummer zu groß, und das besiegelt sein Schicksal.

Ein großes Handicap bei Lewis ist, dass er Aslan nicht trinitarisch beschrieben kann. So hat das Reden von einer uralten, tieferen Magie nun die Funktion, auf den Schöpfer und seine Vorsehung zu verweisen. Ziemlich komplex für eine Kindergeschichte!

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Religion und Institution

Religion als Institution, der Tempel als letztendliches Ziel, oder – anders gesagt – Religion um ihrer selbst willen, ist Götzendienst. Tatsache ist, dass das Böse Bestandteil der Religion ist, nicht nur des Säkularismus. Spießige Frömmigkeit kann ein Sich-Drücken vor der Pflicht sein, ein Zugeständnis an die Selbstsucht.

Religion ist um Gottes Willen da. Die menschliche Seite der Religion, ihre Glaubensbekenntnisse, Rituale und Institutionen, sind eher ein Weg als das Ziel. Das Ziel ist „Gerechtigkeit zu üben, Barmherzigkeit zu lieben und in Demut mit deinem Gott zu wandeln.“ Wenn die menschliche Seite der Religion zum Ziel wird, dann wird Unrecht zum Weg.

Abraham Heschel

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Warten auf Volf (3): Bedrohter Zusammenhalt

Von der Ausgrenzung zur Umarmung von Miroslav Volf wird auf Deutsch wohl erst im November erscheinen, wer also inzwischen schon nach Weihnachtsgeschenken sucht, sei schon einmal vorgewarnt. Um das Warten zu verkürzen, hier schon mal ein Gedanke, und zwar zum stets von Brüchen bedrohten gesellschaftlichen Miteinander verschiedener Gruppen und Personen und zur Frage, wie Versöhnung geschehen kann:

In einer Welt aufeinanderprallender Perspektiven und angestrengter Selbstrechtfertigungen, brüchigen Pflichtgefühls und heftiger Animositäten wird ein Bund gehalten oder erneuert, weil jene, die ihn aus ihrer Perspektive nicht gebrochen haben, bereit sind, an seiner Reparatur hart zu arbeiten.

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So gewinnt man Herzen zurück. Oder?

Die katholische Bischofskonferenz hat einen Standardbrief entworfen, den Pfarrer demnächst an Menschen verschicken sollen, die aus der großkirchlichen Institution austreten (zum Anlass vgl. diesen Bericht). Der Brief fragt weder nach den Gründen des Austritts, noch zeigt er Verständnis für das Bedürfnis nach mehr Distanz, er warnt nur vor den Folgen. Und spart weder mit tadelnden Worten noch mit (das werden die wenigsten Empfänger entschlüsseln können) Verweisen auf das kanonische Recht, wenn es dort wörtlich heißt:

Die Erklärung des Kirchenaustritts vor der zuständigen zivilen Behörde stellt als öffentlicher Akt eine willentliche und wissentliche Distanzierung von der Kirche dar und ist eine schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft. Wer vor der zuständigen Behörde seinen Kirchenaustritt erklärt, verstößt gegen die Pflicht, die Gemeinschaft mit der Kirche zu wahren (c. 209 § 1 CIC) und seinen finanziellen Beitrag zu leisten, dass die Kirche ihre Sendung erfüllen kann (c. 222 § 1 CIC i.V.m. 1263 CIC).

Wer austritt, wird – auch das wird die Mehrheit nicht unbedingt stören – von allen Ämtern ausgeschlossen, ebenso von den Sakramenten und er muss mit Schwierigkeiten rechnen, wenn er kirchlich heiraten will oder bestattet werden soll. Im letzteren Fall leiden freilich eher die Hinterbliebenen. O-Ton des pastoralen Serienbriefs: „Ebenso kann Ihnen, falls Sie nicht vor dem Tod irgendein Zeichen der Reue gezeigt haben, das kirchliche Begräbnis verweigert werden.“

Ob Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – mit der Institution Kirche nichts anfangen können oder wollen, sich davon umstimmen lassen, dass man im Behördentonfall und paragraphenbewehrt schreibt? Dass ein Verwaltungsangestellter in irgendeiner Amtsstube solche Sätze schreibt, wäre bedauerlich. Dass jedoch die Bischöfe selbst diesen Ton anschlagen (lassen), macht es noch brisanter, zumal das Verhältnis zwischen Basis und katholischer Hierarchie derzeit ja alles andere als unkompliziert ist.

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Drei Sätze über die Freiheit

Im Zuge der Diskussion um (auflagensteigernde) Mohammed-Karikaturen und einen nicht etwa islamkritischen, sondern doch eher den Islam diffamierenden Film wird immer wieder über die Grenzen von Freiheit diskutiert. Ich frage mich, ob das überhaupt der richtige Ansatz ist.

Drei Sätze paulinischer Ethik deuten in eine andere Richtung:

Erstens: Es ist alles, erlaubt, aber es nützt nicht alles (1.Kor 6,12). Es gibt einen eher pubertären Umgang mit Freiheit, der darin besteht, ständig an deren Grenzen zu gehen. Ständige Provokation, die testet, wie weit man gehen kann, bis eine Autorität einschreitet oder ein anderer zurückschlägt. Wer aber ständig an den Grenzen operiert, ist sich seiner Freiheit nicht sicher, ähnlich wie ein Staat, der ständig alle Truppen an den Grenzen patrouillieren lässt. Wir „haben“ unsere Presse- und Meinungsfreiheit noch gar nicht richtig, wenn wir sie ins Extrem ausreizen müssen und dabei in Kauf nehmen, andere zu verletzen, sprich: Beziehungen zu beschädigen, weil wir lieber Prinzipien reiten.

Ken Wilber hat das mit dem Stichwort „Boomeritis“ bezeichnet: Da versteckt sich narzisstisches, egozentrisches Denken hinter emanzipatorischen Begriffen und Posen. Nichts ins Extrem zu gehen ist nicht etwa der Verzicht, sondern der Gebrauch von Freiheit. Auf Empfindsamkeit anderer zu achten, ist nicht Schwäche und Einknicken vor deren (unsouveränen) Drohgebärden, sondern Stärke. Freiheit zu gebrauchen bedeutet, auch sich selbst gegenüber die Freiheit zu haben, sich zurückzunehmen. Das ungefähr dürfte Paulus meinen, wenn er – zweitens – in Galater 5,13 schreibt: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch.“ Freiheit bedeutet, genug Distanz zu sich selbst zu haben, um solchen Reflexen, so verständlich sie manchmal sein mögen, nicht nachzugeben. Das wäre ein erwachsener Umgang mit Freiheit.

Drittens schreibt Paulus 1Kor 8,9: „Doch gebt Acht, dass diese eure Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoß wird.“ Nicht weil die „Schwachen“ Recht hätten, nicht aus Furcht, sondern weil sie für manche Denkprozesse Zeit und Geduld brauchen. Wer den Bogen überspannt, mag formal Recht behalten, er verliert aber den anderen.

Freilich haben sowohl Jesus als auch Paulus provoziert mit ihrer Verkündigung. Aber zugleich sind beide immer einen Schritt auf die „anderen“ zu gegangen und sich das (nicht die Kritik, sondern die Beziehung) viel kosten lassen. Sie konnten ihrem Gegenüber einen Spiegel vorhalten, und das konnte durchaus schmerzhaft sein. Jesu Gleichnisse überlassen es den Hörern, wo sie sich wiederfinden wollen, und sie sind frei von aller Häme.

Es darf keine Diktatur der Schwachen geben. Man muss ab und zu die Regeln brechen. Man darf nicht in Ehrfurcht erstarren vor jeder heiligen Kuh. Aber vermutlich kann das nur der richtig, der (und das wäre jetzt meine vierte Paulus-Referenz, der „Bonus“ sozusagen) insofern ein „gebrochenes“ Verhältnis zu sich selbst hat, als er „mit Christus gekreuzigt“ ist und aus dieser Verbindung heraus „im Glauben“ lebt – im gelassenen Vertrauen darauf, dass er Gott die Durchsetzung des eigenen Rechts überlassen kann, selbst wenn das etwas länger dauern sollte. Die großen Heiligen der christlichen Kirche hatten dieses Geheimnis verstanden und vielleicht deshalb schon zu Lebzeiten mehr bewirkt als viele andere. Vielleicht kann man sogar sagen: Das Kreuz ist das Zentrum der Freiheit.

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Beschämende Bestandsaufnahme

Die SZ nimmt sich den Armutsbericht der Bundesregierung vor. Während dem Staat immer mehr das Geld ausgeht (auch weil er für private Verluste haftet, und zwar nicht die der Geringverdiener…), besitzen die zehn Prozent der Reichen die Hälfte allen Privatvermögens, die 50% am unteren Ende der Einkommensskala teilen sich ein Prozent vom Kuchen.

Dazu passt die Nachricht vom neuesten Bock, den Mitt Romney schon wieder geschossen hat, wiederum blendend. Der erwartet sich von den 47% der US-Amerikanern nichts, die angeblich keine Einkommensteuer zahlen, und sagt das auch ganz direkt und „unelegant“ vor potenten Geldgebern. Es scheint ziemlich riskant zu sein, den Mann frei reden zu lassen – dann sagt er offenbar, was er denkt: dass nämlich knapp die Hälfte seiner Mitbürger der irrigen Ansicht sei, sie hätten Anspruch auf Essen, medizinische Versorgung und ein Dach über dem Kopf, dass sie keine Verantwortung für sich selbst übernehmen, sondern das alles dem Staat und Obama überlassen.

Hoffen wir also, dass ein signifikanter Teil der verbleibenden 53% der US-Bürger Romney seine Verachtung der Armen übel genug nimmt, um ihm im November die Stimme zu verweigern. In Deutschland ist erst nächstes Jahr wieder Wahl, und die Arroganz des Geldadels ist ja durchaus ein transatlantisches Phänomen.

Soll heißen: Um das alte Reizwort der „Umverteilung“ wird man dabei wohl nicht herumkommen. Sie existiert seit langem, nur verläuft sie eben, scheinbar von selbst, ganz einseitig in die falsche Richtung. Immer noch anzunehmen, das sei im Wesentlichen ein Resultat individueller Leistung, scheint inzwischen reichlich absurd. Im Kommentar von Heribert Prantl steht dazu:

Der Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes ist keine Jugendsünde der Bundesrepublik. Dieser Artikel ist auch kein sozialistischer Restposten. Er ist das vergessene Fundament des deutschen Sozialstaates. Er ist von erhabener Kargheit: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.“

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Gib dem Affen Zucker(wasser)

Da haben sich die richtigen gefunden: Der Hersteller des ebenso klebrigen wie ungesunden Softdrinks „Dr. Pepper“ wirbt mit einer Evolutionsgrafik – und US-Kreationisten beweisen mit ihrer reflexartigen Empörung, dass zumindest die Evolution des Humors an ihnen komplett vorbei gegangen ist.

Es gibt viele gute Gründe für einen Homo Sapiens, das Zeug nicht zu trinken. Dass die Firma einfältigen Gemütern suggerieren will, ihr Stoff mache den Konsumenten erst zum Menschen, ist dabei kaum der wichtigste. Zur Evolution von Karies und Übergewicht hingegen dürfte er nachweislich beitragen.

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