Gott, die Gewalt und das Leben

Viel Staub aufgewirbelt hat vor ein paar Wochen der Republikaner Richard Mourdock, der für den US-Senat kandidierte und im Zuge dessen erläuterte, warum er Abtreibungen nach einer Vergewaltigung für rechtlich nicht zulässig hält. Hier sein Statement:

„I struggled with it myself for a long time, but I came to realize life is that gift from God. I think that even when life begins in that horrible situation of rape, that it is something that God intended to happen.“

Ich habe lange mit mir gerungen, aber mir wurde klar, Leben ist ein Geschenk Gottes. Ich denke, selbst dann, wenn es in der schrecklichen Situation einer Vergewaltigung entsteht, wollte Gott, dass es geschieht.“

Für eine Frau, die vergewaltigt und als Folge davon schwanger geworden ist, ist so ein Satz eine Zumutung. Ihr kann man nur sagen, dass Gott es auf keinen Fall wollte, dass sie vergewaltigt wurde. Alles andere wäre verantwortungslos. Daher völlig zu Recht die heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit auf Mourdocks Worte.

Nun sind wir hier aber auch wieder bei der Frage, inwiefern Gott – und sei es auch nur mittelbar – zum Komplizen von Gewaltverbrechen gemacht werden darf. Es gibt eben eine unselige Tradition im Christentum, die Gott durch unbedachte Rhetorik in zum Mitwisser oder gar Auftraggeber von Gewalt macht. Das ist das große Manko der Opfer-Analogie, dass sie in diese Richtung neigt, insofern sie suggeriert, Gott mache ein solches blutiges Opfer zur Bedingung für seine Vergebung.

Es ist zum Beispiel eine Sache, zu sagen, dass der Tod Christi am Kreuz das fast zwangsläufige Resultat der Zuspitzung seines Verhältnisses zu den einflussreichen Gruppen im Judentum und den römischen Besatzern war – und insofern geschehen „musste“. Ähnlich wie es in anderen Martyrien alles andere als überraschend kam, dass Blut eines Unschuldigen vergossen wurde. Aber wir können kaum mehr sagen, als dass Gott das Leiden und den Tod Jesu weder angeordnet noch verübt, sondern bestenfalls in Kauf genommen hat, um damit ein Zeichen des Protests gegen Folter und Gewalt zu setzen und den ersten Schritt zu deren Überwindung zu tun – sofern wir Gewalt an sich nicht irgendwie heiligsprechen wollen. Zugleich verbietet sich aber auch der (oft auch zur Verteidigung der eben skizzierten Ansicht angeführte) falsche Umkehrschluss, Jesu Tod sei sonst ja lediglich ein dummer Zufall und damit sinnlos.

Nun hat Mourdock natürlich auch insofern Recht, als er das Leben als Geschenk Gottes bezeichnet. Wenn er – statt mit einem traumatisierten Opfer sexueller Gewalt – nun mit einem Menschen reden würde, der gerade erfahren hat, dass er alles andere als ein Wunschkind war, der also mittelbar selbst Opfer dieser Gewalt und ihrer Folgen ist, dann wäre es ebenso falsch, diesem Menschen den Eindruck zu vermitteln, er sei aufgrund dieser Vorgeschichte von Gott „nicht gewollt“.

Aber vielleicht liegt die Antwort auf die Frage nach dem Sinn unserer Existenz ohnehin weniger in der Vergangenheit (die sich in dem Fall einfach nicht schön reden lässt), sondern in der Gegenwart, indem die betroffene Person hier und jetzt Menschen hat (oder findet), in deren Leben sie eine wichtige Rolle spielt, und indem sie Gottes bestätigendes „Ja“ hier und jetzt erreicht und die Hoffnung auf eine Zukunft öffnet, in der schließlich alle Tränen abgewischt werden?

Der theologische Punkt, um den es mir hier geht: Wenn wir lernen, wie wir Gottes Handeln in der Weltgeschichte angemessen beschreiben können, dann finden wir vielleicht auch bessere Worte, wenn es um konkrete Lebensgeschichten geht. Und vielleicht schweigen wir dann auch an der richtigen Stelle.

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Glaube und Magie

Es ist eine weit verbreitete Anschauung, dass sich Religion aus magischem Denken heraus entwickelt haben soll. Ich persönlich fand da Peter L. Bergers Begriff der „mythischen Matrix“ besser. Gregory Bateson argumentiert in Wo Engel zögern genau umgekehrt: Magie ist degenerierter Glaube, weil sie aufhört, Einheit und Verbundenheit (ob nun zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mensch, oder Mensch und Natur) rituell zu bekunden und Wege sucht, das Selbst zu ändern. Bateson schreibt:

Das Kriterium, das Magie und Religion unterscheidet,, ist in der Tat der Zweck, und ganz besonders irgendein extravertierter Zweck […] Die Magie gilt als primitiver und die Religion als ihr Aufblühen. Im Gegensatz dazu halte ich die Magie etwa in Form des Sympathie- oder Analogiezaubers für ein Produkt der Dekadenz der Religion; ich halte die Religion in Große und Ganzen für den früheren Zustand. Ich kann für einen derartige Dekadenz weder im Gemeinschaftsleben noch in der Kindererziehung irgendeine Sympathie aufbringen.

Wenn also die Verzweckung von Religion (und „Spiritualität“) sie in Magie verwandelt, indem sie zum Instrument von Manipulation und Machtgewinn wird, zum Mittel der Selbststeigerung ohne die Mühe der Veränderung des Selbst, dann treffen wir diese fatale Neigung zur „Dekadenz“ nicht nur in der Esoterik an, die alte Rituale (je „archaischer“, desto attraktiver) als hippe Wellnessartikel kommerzialisiert und durch diese Kontextverschiebung entleert und zerstört. Bestimmte Verbindungen von Glaube und Wohlstand und Erfolg fallen dann in dieselbe Kategorie von „Zauberei“.

Oder anders gesagt: Liebe ist immer „zweckfrei“. Da, wo sie Mittel zum Zweck wird, ist sie keine Liebe mehr. Vielleicht grenzt Jesus sich deshalb so scharf von Menschen ab, die zwar ständig „Herr, Herr“ sagen, aber von dem selbstlosen Gott nichts begriffen haben, den sie vor ihren Karren spannen wollen?

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„Mein rechter, rechter Platz wird leer…“ – neue(r) Kollege/Kollegin gesucht

Im kommenden Jahr wird sich wieder einmal einiges ändern bei ELIA. Mein Kollege Daniel Hufeisen wird im Sommer nach fünf Jahren (ist es wirklich schon so lange?) aufhören. Eigentlich steht sein Schreibtisch gegenüber, es ist also streng genommen keine Frage von rechts oder links.

In der zweiten Jahreshälfte möchten wir die Stelle neu besetzen und haben uns dazu in verschiedenen Gremien viele Gedanken gemacht. Das Ergebnis kann man hier einsehen und gern auch an geeignete InteressentInnen weiterleiten, es sollte sich weitgehend selbst erklären, aber natürlich helfe ich auch gern, wenn es Fragen gibt:

Stellenausschreibung2013.pdf

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„Herr, du siehst…“

Neulich in einer Gebetsgemeinschaft, in der – bevor mich jemand tadelt dafür, dass ich mein analytisches Ohr nicht diskret abgeschaltet hatte – sich die Gebete eher im Großen und Allgemeinen bewegten: Jemand beginnt mit „Herr, du siehst“ und dann beschreibt er, was er selbst sieht; vielleicht ja auch was die übrigen Anwesenden seiner Meinung nach sehen müssten.

Freilich – wenn Gott alles sieht, sieht er auch das, was wir sehen. Aber vielleicht sieht er die Dinge gar nicht so, wie wir sie sehen und beschreiben, sondern ganz anders? Es ist völlig in Ordnung, im Gebet auch explizit davon zu reden, was ich sehe. Ob Gott es dann tatsächlich so sieht wie ich, das wäre ja erst noch die Frage, und die macht das Beten vielleicht ja auch so wichtig und interessant.

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Das Evangelium und die Kritiker

Zu Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt kommen die ersten Rückmeldungen. Über viele positive habe ich mich gefreut, über kritische die letzten Tage nachgedacht. Auf amazon.de finden sich beispielsweise zwei Stimmen, die (unterschiedlich scharf im Ton) bemängeln, vor lauter Bewegung bliebe der „Inhalt“ auf der Strecke.

Vielleicht zeigen diese Reaktionen aber auch schön, warum dieses Buch wichtig sein könnte. Sebastian Rink etwa hat eine griffige Formel zur Hand und definiert das Evangelium als „Rechtfertigung des Sünders aus der freien Gnade Gottes“. Walter Faerber und ich bestreiten das ja gar nicht, wer das Buch zur Hand nimmt, wird dies als das Evangelium der Reformatoren wiederfinden. Nicht von ungefähr stammt das Zitat, das Sink anführt, aus der Leuenberger Konkordie, in der Lutheraner, Reformierte und Methodisten vor knapp 40 Jahren die Abendmahlsgemeinschaft beschlossen, also einen Streit aus dem 16. Jahrhundert beilegten.

Wir stellen allerdings in Frage, ob das die einzige und universal gültige Form des Evangeliums sein darf. Im Neuen Testament wie in der Geschichte der Christenheit spielt dieses Evangelium immer wieder eine Rolle, aber man kann auch eine ganze Reihe alternativer Formulierungen (zum Beispiel das Kommen der Gottesherrschaft) mit demselben Recht dagegen setzen. Oder besser noch daneben, und genau das ist unser Vorschlag.

Und der andere Aspekt, um den es uns geht, ist der: Die Fixierung auf Formeln, wie sie in der Kritik wieder erscheint, verdeckt das Problem, dass ein Evangelium, das nicht mehr lebendig verkörpert ist (und ja, hier geht Gottes und menschliches Handeln, wie schon in Jesus, ständig und unentwirrbar durcheinander), dass das körperlose Evangelium zeitloser Wahrheiten im Grunde schon kein Evangelium mehr ist sondern nur noch eine dogmatische Abstraktion.

Walter und ich lehnen ein Form/Inhalt-Schema ab, das eine „ewige“ und unwandelbare Substanz postuliert (die in Wahrheit immer einen historischen „Sitz im Leben hat“, der aber oft übersehen oder verschwiegen wird). Wenn die biblische Überlieferung, vielschichtig wie sie in sich längst schon ist, auf eine bestimmte lokale Kultur trifft, entsteht nicht nur eine Variation der Form, sondern die komplette „Gestalt„, die Gesamtkonfiguration wird eine andere. Sie steht damit gleichzeitig in Kontinuität und Diskontinuität zu anderen Gestalten bewegter Kirche und ihrer Verkündigung, die vor, neben und nach ihr existieren.

Die Sorge der Kritiker scheint mir zwischen den Zeilen zu sein, dass Vielfalt Beliebigkeit bedeuten würde, das Gegenmittel ihrer Wahl scheint mir die reduktionistische Fixierung zu sein. Dagegen würde ich sagen: Es gibt 7 Milliarden verschiedene Menschen und es gibt zahllose Versuche, den Begriff „Mensch“ zu bestimmen und zu beschreiben. Mehr oder weniger originell, geistreich oder geglückt, aber jetzt einen herauszugreifen und zum Maß aller Dinge zu machen ist auch keine Lösung. Im Alltag unterscheiden wir trotz allem ziemlich mühelos zwischen Menschen und anderen Spezies und können menschliches und unmenschliches Verhalten leidlich gut auseinanderhalten. Kein Grund zur Panik also.

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Mörderisches Potenzial

Sensibilisiert von unserer momentanen Predigtreihe über die Zehn Gebote stieß ich letzte Woche auf diesen Beitrag in der Zeit, wo Hans-Ludwig Gröber vom Institut für forensische Psychiatrie sich mit der menschlichen Mordlust in jedem von uns befasst. Mörder sind eben nicht per definitionen geisteskrank und im Umkehrschluss ließe sich dann zur allgemeinen Beruhigung auch sagen, dass „wir Gesunden“ ja über jeden Mordverdacht erhaben wären.

Stattdessen können gesunde Persönlichkeiten sich an der Macht, zu töten berauschen, und wenn sich die Zeiten und Bedrohungslagen ändern, wenn wir „gute“ Vorwände finden, den anderen zum Un(ter)menschen zu erklären und präventiv kalt zu stellen, bevor er uns etwas antun kann, dann wären, wie das Beispiel des Dritten Reichs oder auch des Balkankrieges zeigt, auch brave, empathische Bürger zu Mördern. Gröber schreibt:

Den Artgenossen töten ist ein – im biologischen, nicht im moralischen Sinne – zutiefst menschlicher Akt. Nachvollziehbar, wenn das Motiv rational ist: Beute machen zum Beispiel, materiell oder sexuell. Um Macht zu etablieren oder aufrechtzuerhalten. Auch emotionale Motive sind verständlich: Angst, Notwehr, Wut, Eifersucht, Niedertracht. Und nicht zu vergessen: Rache! (Rache, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt, ist das reinste Motiv. Manche nennen es auch: Bestrafung.) Auch ein Grund zum Töten: die Lust an der Zerstörung. (Es gibt Menschen, sagt der böse Joker am Ende von Batman 2, die für kein Geld der Welt morden würden – sondern bloß, um zu zerstören.) Das könnte man vielleicht als »Rache an dieser Welt« bezeichnen. Und dann gibt es auch noch sehr eigenartige, aber gar nicht seltene Tötungsdelikte, vor allem von ganz jungen Männern, die der Täter begeht, um sich selbst zu erfahren. Um zu merken, wie stark er sein kann, was er aushält, wie viel Macht ihm durch diese unglaubliche Tat zuwachsen kann. Viele junge Männer haben das früher in Uniform herausgefunden. Und wurden dafür mit Orden behängt.

Es folgen eine ganze Reihe lebendig geschilderter Beispiele, und dann fragt Gröber, wie der Gewaltneigung vor allem junger Männer beizukommen ist, wenn man sie nicht als Fall für den Therapeuten hinstellen will. Am Ende unterstreicht er im Grunde die ungebrochene Aktualität des fünften Gebots, wenn er die Aufgaben benennt, die auf uns warten:

Der Mörder ist in uns allen. Doch er wird erfolgreich domestiziert durch eine energische Pädagogik, machtvolle Vorbilder, einen entschiedenen Staat und eine Kultur, die Gewalt ablehnt und gesundes Durchsetzungsvermögen fördert.

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Schluss mit lästig

Vor einer Weile hatte ich, in der Hoffnung, dass es die Möglichkeiten erweitert, das Kommentarsystem Disqus installiert. Seither gab es zahlreiche Rückmeldungen, dass das Kommentieren hier entweder umständlicher geworden ist oder gar nicht mehr funktioniert – unterm Strich war das also ein eher lästiger „Helfer“.

Es tut mir leid, dass das bei einigen Frust verursacht hat. Und danke an alle, die mich darauf aufmerksam gemacht haben!

Vorgestern habe ich ich Disqus wieder abgestellt und hoffe, der Meinungsaustausch hier kann wieder ungestört laufen.

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Globale Emergenz: Neue Stimmen, Formen und Kulturen

In diesen Tagen ist bei Baker Academics die Festschrift für Prof. em. Eddie Gibbs vom Fuller Seminary erschienen. Herausgeber ist Ryan Bolger, der vor ein paar Jahren mit Gibbs das Buch Emerging Churches: Creating Christian Community in Postmodern Cultures veröffentlicht hat.

Der Titel des neuen Buches lautet The Gospel After Christendom: New Voices, New Cultures, New Expressions. Ryan Bolger hat 28 Beiträge aus der ganzen Welt gesammelt und die machen in ihrer vielfältigen Unterschiedlichkeit wie in den beachtlichen Gemeinsamkeiten, den Reiz dieses einzigartigen Bandes aus. Man kann wegen der lockeren Systematik alles der Reihenfolge nach lesen, oder auch kreuz und quer durchs Buch „zappen“.

Aus Deutschland haben neben mir auch Tobias Faix aus Marburg und Markus Weimer mitgewirkt, alle auf Englisch übrigens. Der Jubilar soll sich sehr gefreut haben. Hier ein Video von der Buchpräsentation in Pasadena:

Und schließlich noch das Inhaltsverzeichnis für alle Interessierten:

Introduction Ryan K. Bolger

I. Peoples

1. Iglesias Emergentes in Latin America Osias Segura-Guzman

2. Emerging Churches in Aotearoa New Zealand Steve Taylor

3. Emerging Missional Churches in Australia Darren Cronshaw

4. New Expressions of Church in Scandinavia Ruth Skree

5. New Expressions of Church in the Low Countries Nico-Dirk Van Loo

6. Fresh Expressions of Missional Church in French-Speaking Europe Blayne Waltrip

7. Emerging Christian Communities in German-Speaking Europe Peter Aschoff

II. Cultures

8. New Monastic Community in a Time of Environmental Crisis Ian Mobsby

9. Mission within Hybrid Cultures: Transnationality and the Glocal Church Oscar Garcia Johnson

10. Distinctly Welcoming: The Church in a Pluralist Culture Richard J. Sudworth

11. Our P(art) within an Age of Beauty Troy Bronsink

12. Mission Among Individual Consumers Stefan Paas

13. Mission in a New Spirituality Culture Steve Hollinghurst

III. Practices

14. Rethinking Worship as an Emerging Christian Practice Paul Roberts

15. Formation in the Post-Christendom Era: Exilic Practices and Missional Identity Dwight J. Friesen

16. Towards a Holistic Process of Transformational Mission Tobias Faix

17. Leadership as Body and Environment: The Rider and the Horse MaryKate Morse

IV. Experiments

18. The Underground: The Living Mural of a Hip Hop Church Ralph C. Watkins

19. Bykirken (The City-Church), Pray and Eat Andreas Østerlund Nielsen

20. House of Sinners and Saints Nadia Bolz-Weber

21. L’Autre Rive (the Other Bank or Shore) Eric Zander

22. With: An Experimental Church Eileen Suico

23. The Jesus Dojo Mark Scandrette

24. St. Toms: From Gathered to Scattered Bob Whitesel

25. Urban Abbey: The Power of Small, Sustainable, Nimble Micro-Communities of Jesus Kelly Bean

V. Traditions

26. Indigenous and Anglican: A Truly Native Church Emerges in the Anglican Church of Canada Mark MacDonald

27. Turning the Ocean Liner: The Fresh Expressions Initiative Graham Cray

28. On the Move: Towards Fresh Expressions of Church in Germany Markus Weimer

Conclusion Ryan K. Bolger

Afterword Eddie Gibbs

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Zusammendenken, was zusammen gehört

Gerade kommt „Die Vermessung der Welt“ in die Kinos (ich bleibe wohl lieber beim Buch). Von Kehlmanns Protagonisten lebt der eine in der Welt des abstrakten Geistes und der andere schlägt sich sammelnd und katalogisierend durch die unwegsame und unerbittliche Wildnis. Zwei Vertreter einer Moderne, die Geist und Materie nicht mehr zusammenbringt.

Der Anthropologe und Kybernetiker Gregory Bateson hielt gegen Ende seines Lebens die Überwindung dieses Dualismus für eine lebensnotwendige Aufgabe. Seine Tochter hat das Manuskript zu Wo Engel zögern nach seinem Tod fertiggestellt und veröffentlicht. Bateson grenzt sich von den sympathischen, aber abergläubisch-esoterischen Nachbarn, die auf Geister und Übersinnliches abfahren, ebenso ab wie von den Kollegen aus den Naturwissenschaften, die sich aufs Messen von Quantitäten und simple Kausalitäten haben reduzieren lassen.

Bateson ist ein origineller Denker und sein Buch eine anregende Lektüre. Seine Themenstellung – die Wiederentdeckung einer zusammenhängenden, geistleiblichen Wirklichkeit (er kann auch von „Monismus“ reden) – finde ich jedenfalls faszinierend:

Meine Aufgabe ist es, zu erforschen, ob es irgendwo zwischen diesen beiden Schreckgespenstern des Unsinns [d.h. des Materialismus und des Supranaturalismus, die beide die cartesische Spaltung der Welt in Geist und Materie widerspiegeln] einen geistig gesunden und gültigen Platz für die Religion gibt. Ob sich, wenn die Religion weder die Wirrköpfigkeit noch Scheinheiligkeit nötig hat, in Erkenntnis und Kunst die stützende Grundlage einer Affirmation des Heiligen finden ließe, die die natürliche Einheit zu Ehren bringen würde.

Würde eine solche Religion eine Einheit neuer Art bieten? Und könnte sie eine neue und dringend benötigte Demut wecken?

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Weisheit der Woche: Metaphorisches Reden

Muss denn eine Geschichte wirklich passiert sein, um wahr zu sein? Nein, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt. Um eine Wahrheit über Beziehungen zu kommunizieren oder um eine Idee exemplarisch darzustellen. Die meisten wahrhaft wichtigen Geschichten handeln nicht von Dingen, die wirklich passiert sind – sie sind in der Gegenwart wahr, nicht in der Vergangenheit.

Mary Catherine und Gregory Bateson, Wo Engel zögern. Unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen

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Lernender Glaube: Eine Theologie und Spiritualität der Entwicklungsfähigkeit

Vor längerer Zeit hatte ich ein Gespräch mit jemandem, der unsere Gemeinde verließ, weil dort Menschen meditieren. Sein Argument war, dass es derartiges auch in anderen Religionen gebe, ergo könne es nicht christlich sein. Er könne solche Dinge nicht mittragen oder tolerieren.

Immer wieder argumentieren Menschen genealogisch – sie verfolgen den eine Idee (oder in diesem Fall eine bestimmte Praxis) zurück zu ihren Ursprüngen, und wenn die nicht zweifelsfrei in der Bibel oder der Kirche zu lokalisieren sind, schlagen sie Synkretismusalarm: Reiner Glaube und Lehre werden kontaminiert, und das muss natürlich böse enden. Mit der Frage „Wer hat’s erfunden?“ lassen sich viele Dinge diskreditieren. Zugleich geht sie von einem starren Gegensatz aus: Alle Wahrheit ist „hier drinnen“ zu finden, „da draußen“ nichts als Lüge und Irrtum. Die fromme Variante des Not-invented-here-Syndroms.

Die Argumentation gibt es in verschiedenen Variationen. Zum Beispiel wird gern „hebräisches Denken“ gegen „griechisches Denken“ ausgespielt, wobei ersteres per Definitionen gut und letzteres schlecht ist. In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter. Schon beim Apostelkonzil wurde die theologische Grundlage dafür gelegt, dass das Christentum den Raum der jüdischen Kultur überschreiten konnte. Der Fehler kam – wenn überhaupt – viel später, als man sich an dieser Herkunft nicht mehr erinnern wollte oder konnte. Und natürlich hat man bei der Kontextualisierung des Glaubens in griechisch-römischen Kulturkreis nicht auf Anhieb alles richtig gemacht und manche Ideen von Platon etwas zu optimistisch und unkritisch übernommen. Man muss also differenzierter hinsehen.

Interessant fand ich in diesem Zusammenhang eine Beobachtung von Michael Pflaum in seiner pastoraltheologischen Dissertation über Die aktive und die kontemplative Seite der Freiheit. Dort beschreibt er den Integrationsprozess neuer Elemente in die christliche Spiritualität am Beispiel der Wüstenväter. Konkret ging es um die Übereinstimmung mit der Natur, das Nachdenken über den eigenen Tod, die Gewissenserforschung, die Formulierung von Lebensregeln und Sentenzen, die drei Stufen oder Etappen des geistlichen Weges und andere Ideen oder „Sprachspiele“.

Diese Integration verlief keineswegs unkritisch. Die Mönche setzten Inhalte der Schrift und antike Übungen in eine durchdachte Beziehung zu einander und vertrauten dabei demütig auf die göttliche Gnade. Und deshalb ist grundsätzlich erst einmal nichts einzuwenden gegen eine theologisch verantwortete Integration von Einsichten der Philosophie oder Psychotherapie in christliche Theologie und seelsorgerliche Praxis.

Als Kriterien für eine „Unterscheidung der Geister“ nennt Michael Pflaum

  • die Verträglichkeit mit der Lehre Jesu
  • die Ausrichtung auf Gott und Bereitschaft, Leid anzunehmen
  • die intuitive Empfindung, dass mich ein Gedanke oder Text bereichert
  • Transparenz und Glaubwürdigkeit der Quelle/des Autors und positive Früchte

Theologische Arbeit folgt dem Muster der „Idiomenkommunikation“. Das ist ein Begriff aus der christologischen Zweinaturenlehre, der die Einheit der Person stärkt. Die menschliche „Natur“ Christi hat Anteil an den göttlichen Eigenschaften und umgekehrt. Auf die Theologie angewandt heißt das dann, dass man nicht nur mit Hilfe des Evangeliums zerstörerische Tendenzen der Gegenwartskultur erkennt, sondern dass auch die jeweilige Kultur zu einem neuen und vertieften Verständnis des Evangeliums führen kann:

Es kann nicht von einer Einbahnstraße vom Dogma zur Pastoral oder vom Evangelium zur Kultur ausgegangen werden. weil die eine Seite immer auch die andere miteinbegriffen hat, müssen beide Bewegungen, die Bewegung vom Göttlichen zum Menschlichen und die Bewegung vom Menschlichen zum Göttlichen, gerade auch in ihrer unhintergehbaren Divergenz als wesentlich erkannt werden. (S. 16)

Darauf lässt sich doch gut aufbauen. Ich bin gespannt auf den Rest des Buches.

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Es ist noch kein Buch vom Himmel gefallen…

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also ließ auch Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt ein Weilchen auf sich warten, jetzt ist es erhältlich und ich hatte eben mein erstes Exemplar in der Hand. Walter Faerber und ich hatten viel Spaß beim Schreiben an diesem kleinen Buch und hoffen, dass alle Leser es ähnlich inspirierend finden.

Es geht um die Frage „Was ist das Evangelium?“. Wir sind beide der Meinung, dass man auf diese Frage letzten Endes nur sinnvoll antworten kann, indem man Teil dieser Geschichte wird, sie zugleich erzählt und lebt.

Verdienen werden wir mit dem Titel nichts, der Erlös kommt der Arbeit von Emergent Deutschland zugute. Warum die wichtig sein könnte, versteht man vielleicht auch besser, wenn man die 91 Seiten gelesen hat. Oder er/sie liest gleich weiter, etwa den kaffeebraunen Cousin aus der Reihe „Einfach Emergent“ mit dem (ähnlich langen) Titel: Emerging Church verstehen. Eine Einladung zum Dialog von Arne Bachmann, Tobias Faix und Tobias Künkler.

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Solche und solche Taufsprüche

Über die letzten Jahre fiel mir auf, dass viele selbstgewählte Tauf- und Konfirmationssprüche sich in dem großen Themenkreis von Schutz und Bewahrung bewegen. Da spüren Eltern ehrfürchtig, wie verwundbar ihr Kind ist oder ein(e) Konfirmand(in) fühlt sich unsicher auf dem Weg zum Erwachsenwerden, und das spiegelt sich in der Auswahl wider: Wir wünschen uns Gott an und auf unserer Seite als Beschützer und Trost.

Verständlich so weit.

In der aufsteigenden Ordnung menschlicher Bedürfnisse nach Abraham Maslow würden diese Anliegen auf den unteren Stufen rangieren, besonders der des Sicherheitsbedürfnisses. Wenn alles gut läuft, entwickelt sich der Glaube so, dass auch die anderen Bedürfnisse in Beziehung zu Gott gesetzt werden können, zumal in der erweiterten Form bei Maslow „Transzendenz“ als Ziel in den Blick kommt und der Gedanke des Wachstums die oberen Ebenen bestimmt.

Aber zwingend ist das nicht. Manch eine/-r scheint Gottes Rolle auf die des elementaren Schutzpatrons zu begrenzen, der uns weitgehend schmerzfreie Existenz garantiert, aber womöglich eher hinderlich wäre, wenn es um „Individualbedürfnisse“ oder Selbstverwirklichung geht. Was erklären würde, warum manche Menschen in bestimmten Lebenskrisen ihren „Kinderglauben“ an den „lieben Gott“ verlieren, weil der „seinen“ Leuten, rein statistisch gesehen, kaum weniger Schicksalsschläge widerfahren lässt als allen anderen.

Jetzt die Frage:

Könnte nicht gerade ein Tauf- oder Konfirmationsspruch, der Menschen ja ein Leben lang begleiten soll, so gewählt werden, dass er dem Täufling oder Konfirmanden den Blick dafür öffnet, dass Gott nicht nur die ganz drängenden und unmittelbaren Sorgen und Bedürfnisse (das „tägliche Brot“) kennt, sondern dass es (um in Matthäus 6 zu bleiben) uns vor allem um sein Reich gehen sollte? Dass er also nicht nur die ersten Etappen des Wegs erhellt, sondern die ganze Strecke? Kann man diesen Begriff so verstehen und erklären, dass Gottes kommende Herrschaft ausdrücklich die soziale, kognitive, ästhetische Dimension des Lebens einschließt und uns letztlich dazu drängt, über uns selbst hinauszuwachsen?

Ist nicht genau das die Stoßrichtung des Evangeliums vom Kreuz und der Auferstehung, dass wird dem Leid nicht ausweichen, es auch nicht verklären müssen, und dass wir, indem wir es durchleben, nicht umkommen, sondern in eine neue Dimension erfüllten Lebens vorstoßen?

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