Soziale Netze: Wie man schlank und glücklich wird

Facebook verursacht bei vielen schlechte Laune, war jüngst zu lesen. Andere posten dort bevorzugt Nachrichten über ihre Erfolge und Fotos von exotischen oder exklusiven Urlaubsorten, und bei genug Freunden ist immer jemand irgendwo, wo es schön ist und irgendwem gelingt immer etwas Außergewöhnliches.

Wer sich dann vergleicht, hat schon verloren: Er wird unzufrieden mit sich selbst und neigt in der Folge dazu, die schönen Seiten des eigenen Lebens in ein besonders vorteilhaftes Licht zu rücken, um mithalten zu können mit dem zur Schau gestellten Glück der anderen. Und weil viele dieser Tendenz erliegen, dreht sich die Spirale der Differenz zwischen real erlebter Existenz und Facebookfassade immer weiter. So berichten es Wissenschaftler der Humboldt-Uni Berlin und der TU Darmstadt.

Aber es gibt nicht nur Schlechtes zu vermelden über soziale Netzwerke: Wer zu seiner Diät nebenher twittert, der nimmt zuverlässiger ab, das hat Gabrielle Turner-McGrievy ermittelt. Twittern macht also schlank! Facebook dagegen hat keine positiven Folgen für Abnehmwillige. Vermutlich ist schürt es, nach allem was wir inzwischen wissen, den Hang zum Frustessen.

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Warum ich nicht ans Aufhören denke

Wolfgang Michal schreibt bei Der Freitag über die Krise der Blogger. Durch Facebook & Co ist es stiller geworden in der Blogosphäre, man kann sich schützen und muss keine ganz öffentliche Debatte führen oder sich mit grenzwertigen Kommentaren abmühen. Man exponiert sich weniger:

Auf Facebook oder Google+ ist es auch nicht nötig, eine eigene Form oder einen eigenen Stil zu finden, denn alles ist vorgegeben. Die Einstiegs-Hürden und Anforderungen sind niedrig. Das kommt den Couch-Potatoes des Internets in ihrem Neobiedermeier entgegen. Ein Blog gleicht eher einer zugigen Haltestelle als einer Wohlfühlnische.

Blogs zeichnen sich aus durch „persönliche Färbung, Offenheit, Mut und die Bereitschaft zum Konflikt“. Ich finde es extrem schade, dass viele heute so still geworden sind, die vor ein paar Jahren noch mutig und munter Stellung bezogen haben. Manche Freunde hätte ich anders nie kennengelernt. Die herzliche Abneigung mancher wäre mir auch verborgen geblieben. Unterm Strich aber zählen die Freunde mehr.

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Inklusion und Integrität

Ich sitze gerade am Thema der Allianz-Gebetswoche für Donnerstag. Epheser 2,13ff spricht von der Wand der Feindschaft, die durch den Tod Christi eingerissen wurde. Am Kreuz offenbart sich, dass Juden und Heiden gemeinsam den Tod Gottes herbeiführen und daher in gleichem Maße vergebungsbedürftig sind. Es zeigt sich auch, dass das Wissen um Gottes Gesetz Israel nicht besser gemacht hatte als andere Völker und Kulturen. Und dass eine neue Menschheit, die sich nicht mehr durch Ausgrenzung der jeweils anderen definiert, und die Gewalt nicht durch die Vernichtung des Feindes, sondern im eigenen Inneren besiegen will, nur durch den Geist Gottes entstehen kann, der allen geschenkt wird, die Gottes Friedensangebot annehmen.

Passend dazu las ich heute in einem Bericht über einen Vortrag des Schriftstellers Wendell Berry bei einer Pastorenkonferenz von Baptisten in den USA dies:

Die Verurteilung nach Kategorisierungen ist die niedrigste Form von Hass, denn sie ist kaltherzig und abstrakt, ihr fehlt sogar der Mut, persönlich zu hassen (…) Kategorische Verurteilung ist der Hass des Mobs. Er macht Feiglinge tapfer. Und es gibt nichts Furchterregenderes als einen religiösen Mob, einen Mob, der vor Gerechtigkeit strotzt – wie bei der Kreuzigung, wie davor und seither. Das kann erst dann geschehen, wenn wir Freundlichkeit kategorisch verweigern: gegenüber Ketzern, Ausländern, Feinden oder jeder anderen Gruppe, die anders ist als wir selbst.

Wendell Berry bezog sich dabei konkret auf die Diskussion über gleichgeschlechtliche Ehen und Partnerschaften in den USA und die Positionen konservativer Christen. Während Berry kirchliche Einflussversuche auf staatliche Gesetzgebung kritisiert, hat Steve Chalke, einer der prominentesten Evangelikalen Großbritanniens, die Inklusion Homosexueller als eine Frage der Integrität bezeichnet. Die Furcht vor Ablehnung hätte für viele homosexuelle Christen schlimme Folgen gehabt. Er sei sich bewusst, dass es unterschiedliche Interpretationen und Positionen in dieser Frage gebe, schreibt Chalke in dieser ausführlichen Stellungnahme, und kommt zu dem Schluss:

I believe that […] I am called to offer support, protection, and blessing in the name of Christ, the definition of justice, reconciliation, and inclusion, who beckons each one of us out of isolation into the joy of faithful relationship.

Rather than condemn and exclude, can we dare to create an environment for homosexual people where issues of self-esteem and wellbeing can be talked about; where the virtues of loyalty, respect, interdependence and faithfulness can be nurtured, and where exclusive and permanent same-sex relationships can be supported?

Das Irritierende an der Inklusionsdebatte ist freilich die Erfahrung, dass Vertreter eines exklusiven Kurses in dem Moment, wo sie kritisiert werden, nun ihrerseits vehement über Ausgrenzung klagen (so wie manche Männer sich von Frauenquoten schlimm diskriminiert fühlen, umgekehrt aber nie ein Problembewusstsein an den Tag gelegt hatten). Dabei, so schreibt Michael Kimpan aus aktuellem Anlass für redletter christians, ernten sie am Ende nur das, was sie über Jahre und Jahrzehnte selbst gesät haben. Statt Armeen aufzustellen sollte man lieber Brücken bauen.

Ist die Haltung gegenüber Homosexualität (oder die geschlechtliche Orientierung) heute das, was damals zur Zeit des Epheserbriefes das jüdische Gesetz war? Für wie viel Unterschiedlichkeit ist Platz unter Christen, wie kann man damit konstruktiv umgehen und wo sind tatsächlich Grenzen erreicht, etwa im Tolerieren von Intoleranz? Lässt sich das überhaupt abstrakt definieren, oder muss man sich in die konkrete Auseinandersetzung begeben, das Risiko von Blessuren eingehen und mitten in dem ganzen inneren und äußeren Aufruhr immer wieder neu fragen, was dem Frieden Christi in der jeweiligen Situation dient?

Konflikte zu übergehen und totzuschweigen jedenfalls gehört vermutlich nicht dazu. Vielleicht aber ist Wendell Berrys Hinweis auf die Kategorisierungen (oder Pauschalisierungen) der beste Ansatzpunkt zum Weiterdenken.

PS: Wen’s interessiert – ein paar Gedanken zum schwierigen Hintergrund der (Nicht-)Debatte habe ich im Laufe des Dezembers hier, hier und hier gepostet

PPS: Habe ich diesen Klassiker von Miroslav Volf zum Thema schon erwähnt? 😉

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Fieser Vergleich?

Die Empörung kam bei mir zuerst an: Prominente Evangelikale reagierten verärgert über ein Interview in Christ und Welt, in dem der Wiener Religionswissenschaftler Rüdiger Lohlker Salafisten als „Evangelikale des Islam“ bezeichnete. Ob es so geschickt war, dies auch gleich zur Überschrift zu machen, ist die eine Frage. Die andere ist, ob hier schlicht unverantwortlich geschrieben und verglichen wird. Ein Leserkommentar beim Pro Medienmagazin fordert auch prompt die Bastonade für den Provokateur. Sarkasmus?

Evangelikale hatten ja keine ganz schlechte Presse in letzter Zeit. Das Thema Christenverfolgung traf dieses Jahr auf deutlich positiveres Echo als früher, Aktionen zum Thema Menschenhandel wurden in den letzten Tagen sehr positiv kommentiert. Erfolgt nun ein Gegenschlag, ist das gar der Versuch einer erneuten Ausgrenzung? Ich war neugierig und habe nachgelesen.

Zunächst einmal wird der Salafismus beschrieben und erklärt, dass es eine quietistische, eine politische und eine militante Richtung gibt und vor allem letztere der Anlass war, diese Strömung zum Feindbild umzufunktionieren. Dabei sei der Salafismus erst einmal eine weltweite Frömmigkeitsbewegung. Und genau an diesem Punkt – weltweite Frömmigkeitsbewegung – zieht Lohlker nun den Vergleich, von dem er schon ahnt, dass er Empörung auslösen wird, und den er selbst gleich vorab als „überspitzt“ bezeichnet und damit auch schon ein Stück relativiert.

Er führt die Parallelen dann weiter aus: Bekehrungserlebnisse und Erweckungserfahrungen, bewusste Glaubensentscheidung, konservative Kritik an der Moderne, die sich der neuen Medien bedient, eine Art Gleichheitsideal wie das „Priestertum aller Gläubigen“ – und das war es auch schon. So weit ich das beurteilen kann, ist das als Beschreibung des Evangelikalismus (so uneinheitlich dieser auch ist) weder falsch noch gehässig.

Richtig auf die Barrikaden gehen müssten auch die Kirchen der Reformation, wenn Lohlker später Parallelen zu Luther und Calvin zieht und den Reformatoren das Anliegen zuschreibt, die Religion durchaus mit einem gewissen Eifer von Verweltlichung reinigen zu wollen. Endgültig entfallen schließlich alle Vergleiche zu irgendwelchen christlichen Richtungen der Gegenwart, wenn es um das Bild eines strafenden und verbietenden Gottes geht (dazu wären nicht nur mir durchaus noch einzelne Stimmen eingefallen…) und um gewaltbereite Anhänger.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass Lohlker hier nicht Evangelikale mit Salafisten vergleicht, sondern Salafisten mit Evangelikalen und Reformatoren. Das ist insofern ein Unterschied, als er damit voraussetzt, dass Evangelikale erstens bekannt und zweitens in Kirche und Gesellschaft integriert sind, und mit dem Vergleich für mein Empfinden zeigen möchte, dass Salafismus (wie Evangelikalismus auch) nicht zum Schreckgespenst taugt, dass es sogar denkbar ist, dieser ambivalenten Bewegung vielleicht konstruktiver zu begegnen, als es bisher gelungen ist.

In einem Atemzug mit Salafisten genannt zu werden, ist natürlich schon deshalb für niemanden schmeichelhaft, weil das stereotype Feindbild des bombenwerfen Bartträgers sich bei uns schon so festgesetzt hat. Wenn die Aufregung nun dazu führt, dass Evangelikale sich gegenüber Muslimen im Allgemeinen und Salafisten im Besonderen um größtmögliche Differenzierung und Fairness bemühen (und etliche, wenn auch nicht alle, tun das ja längst!), dann hätte das auch etwas Gutes für unsere Gesellschaft und auf längere Sicht auch für die ersehnte und nachhaltige Wahrnehmung evangelikaler Christen als einer Gruppe, die den gesellschaftlichen Frieden fördert.

Nachtrag: Michael Diener antwortet auf Christ und Welt mit diesem Artikel. Die innerevangelikalen Spannungen und Akzentverschiebungen aus jüngerer Zeit diskutieren Andreas Malessa und Michael Diener in diesem Beitrag auf hr2, der auch Stimmen aus den Landeskirchen sammelt. Unter anderem kommt auch EKD-Präses Nikolaus Schneider zu Wort.

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Wie banal ist das Böse?

Margarete von Trotta hat sehr eindrücklich einen Abschnitt aus dem Leben von Hannah Arendt verfilmt, der auch heute noch Stoff für Kontroversen hergibt. Einerseits bricht sie mit Martin Heidegger, der sich vor den Karren der Nazis spannen lässt, andererseits brechen enge Freunde mit ihr, nachdem sie den Prozess gegen Adolf Eichmann kommentiert und von der Banalität des Bösen spricht und die Rolle der jüdischen Räte kritisiert.

Und so wird seither über Hannah Arendt gestritten. Aktuell erinnern manche der im Film gezeigten Reflexe an den Antisemitismus-Vorwurf gegen Jakob Augstein, etwa in der unbelehrbaren Naivität, die beiden, Augstein wie Arendt, verschiedentlich attestiert wurde und wird (Augstein scheint etwa kaum noch Unterschiede zwischen ultraorthodoxen Juden und Islamisten zu erkennen – ähnlich verglich jüngst Christ und Welt Salafisten und Evangelikale und erntete dafür energischen Protest).

Mit ihren Aussagen zur Banalität des Bösen hat sie (selbst wenn heute einiges dafür spricht, dass sie tatsächlich Eichmanns Täuschungsstrategie auf dem Leim ging) noch eine andere Saite anklingen lassen. In der Diskussion um schärfere Waffengesetze in den USA war immer wieder zu lesen, dass die Befürworter eines allgemeinen Grundrechts auf Schusswaffenbesitz damit argumentieren, man müsse einen eventuellen Hitler (gelegentlich auch Stalin) verhindern können, der die staatliche Gewalt an sich reißt (Salafisten bzw. Al Qaida könnten dabei allmählich zum neuen Hitler werden).

Hitler erscheint hier nicht mehr als historische Gestalt, sondern als Chiffre für das absolute Böse, das eben so absolut Böse ist, dass jede Form des Gewalteinsatzes gegen diesen Feind per Definitionen schon gut ist. Das Alarmierende an der ganzen Hitlerrhetorik ist dabei jedoch die Tatsache, dass ganze politische Gruppierungen in den USA noch viel mehr als hier bereit sind, alle möglichen Gegner (allen voran den eigenen Präsidenten) als „Hitler“ zu bezeichnen und damit buchstäblich zum Abschuss freizugeben. Jede Kritik an dieser Haltung wird umgehend als fahrlässige Verharmlosung und unwillkürliche Komplizenschaft mit diesem absoluten Bösen abgeblockt. Dabei war der Zweite Weltkrieg so ziemlich der letzte Konflikt, wo die Rollen von Gut und Böse so eindeutig auf die Kriegsparteien verteilt waren.

Im pädagogischen Begleitmaterial zum Film findet sich ein Zitat von Karl Jaspers, der sogar um Arendts Leben fürchtete, weil er erkannte: „Wie unendlich naiv, nicht zu merken, dass der Akt, ein solches Buch in die Welt zu setzen, eine Aggression ist gegen ‚Lebenslügen‘.“ Wenn die Annahme eines absoluten Bösen dazu dient, eigene Lebenslügen zu stabilisieren, das eigene Gewaltpotenzial zu legitimieren, vermeintliche Gegner zu dämonisieren oder Minderheiten zu drangsalieren, dann könnte sich der (unter)kühl(t)e Blick Hannah Arendts und ihre Vorstellung, dass das Böse zwar oft extrem, aber nie radikal in dem Sinne ist, wie das Gute gut ist, vielleicht ja doch als heilsam erweisen. Dann kann man vielleicht manche banale Bosheit im eigenen Denken entdecken, bevor sie extrem geworden ist.

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Der andere Blick

Immer wieder mal überlege ich, inwiefern sich meine Lebensperspektive in den vergangenen Jahren verändert hat. Ich fand das bisher gar nicht leicht zu beschreiben, aber nun habe ich vielleicht doch eine Metapher gefunden, die es einigermaßen trifft:

Man kann das Leben durch ein Telezoom betrachten. Der Blick geht dabei in die Ferne und aufs Detail, einzelne Elemente eines Bildes treten scharf hervor und anderes rückt oft unscharf in den Hintergrund. Vieles wirkt näher, als es ist, und andere Dinge erscheinen nicht im Bild, obwohl sie zur direkten Umgebung gehören. Und man selbst kann dabei der Illusion erliegen, das Ziel sei eigentlich schon zum Greifen nahe.

Und dann gibt es die Weitwinkel-Perspektive. Da erscheint auf einmal ein größeres Panorama und es ist weniger vorsortiert. Neben dem, was in der direkten Blickrichtung liegt, treten auch die Dinge rechts und links davon ins Bild. Alles wirkt etwas kleiner, das Auge schweift von einem zum anderen Teil des weit geöffneten Feldes.

Manchmal stürzen in der Weitwinkelperspektive die Linien, und wer im Weitwinkel lebt, fühlt sich manchmal auch selbst klein und auf schwankendem Boden. Er sieht nicht nur die Gipfel, Türme und anderen Höhepunkte sondern hat auch ein Gespür für die schwindelerregenden Abgründe dazwischen und dahinter.

Zugleich wird im Weitwinkel klarer, wo man selbst steht, während man das bei den langen Brennweiten oft nur vermuten kann. Im Telemodus dominiert das Objekt ein Bild (freilich sorgsam in Szene gesetzt von einem unsichtbaren Subjekt), im Weitwinkel kann schon mal Hand und Fuß des Betrachters am Bildrand erscheinen.

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Leben und Lästern mit Luther (1): Hebräische Nachtigallen

Alle laufen sich allmählich fürs Reformationsjubiläum warm, hier mein persönlicher Beitrag: Luthersprüche, die nicht immer die Meinung der Redaktion widerspiegeln und vermutlich auch nicht die aller LeserInnen. Über diesen Spruch dürfte sich Rolf Krüger freuen:

Wir mühen uns jetzt ab, die Propheten ins Deutsche zu übersetzen. Lieber Gott, ein wie großes und beschwerliches Werk ist es, die hebräischen Schriftsteller zu zwingen, deutsch zu reden. Sie sträuben sich, wollen ihre hebräische Art nicht aufgeben und sich der deutschen Barbarei nicht fügen. Das ist so, als ob eine Nachtigall gezwungen würde, ihre überaus wohllautende Weise aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut.

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Ausgeschwiegen

Ich hatte das Thema der Märtyrer im Zusammenhang von Offenbarung 12-13 kürzlich erwähnt. Insofern (und aufgrund anderer Berichte) war ich schon sensibilisiert, als Jörg Lau bei Zeit Online über „Die letzten Jünger“ bloggte. Seinen Beitrag über die Not der traditionellen Kirchen des Nahen Ostens fand ich schon großartig, weil er eine selten gute Mischung von innerem Engagement und unaufgeregter Sprache enthält, wenn er die Geschichten aus Ägypten, dem Irak oder Palästina erzählt – bei dem Thema werden die Töne ja oft schrill.

Sie wurden es dann auch, und hier antwortet Lau wütenden Kritikern, die ihm beispielsweise „ideologischen Hass und Kriegstreiberei“ vorwarfen. Auch das ist wieder lesenswert. Nicht jeder, der Christenverfolgung thematisiert, ist auf der Suche nach Vorwänden für Kriege und Interventionen.

Heute dann entdeckte ich diesen Bericht auf Spiegel Online, wo der Christenverfolgungsindex von Open Doors ganz sachlich aufgegriffen wurde, auch das ja keine Selbstverständlichkeit. Ganz oben auf der Liste steht Nordkorea. Da ist derzeit ja von einer Öffnung des Landes die Rede. Das scheint bislang aber nur für die Wirtschaft zu gelten. Dass eines das andere nicht notwendig einschließt, zeigt die Nummer zwei auf der Liste: Saudi Arabien.

Aber gut, dass es eine neue Offenheit für diese Themen in unseren Medien gibt. Und wenn Verschweigen und Vergessen keine Option mehr sind, vielleicht rücken eines Tages auch Lösungen näher.

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Sühnetheorien: Geht’s auch ohne?

Ob rituelles Opfer, mythischer Kampf oder Lösegeld – traditionelle Sühnetheorien stehen nicht erst seit gestern schwer in der Kritik. Das entscheidende Problem dabei ist, dass sie ihre Plausibilität deshalb verloren haben, weil der Deutungsrahmen, dem sie entstammen, heute so nicht mehr existiert: Niemand (außer ein paar Voodoo-Freaks) tötet noch Tiere und verspritzt Blut, kaum jemand fühlt sich in unseren Breiten von böswilligen Geistern und Himmelswesen bedrängt, und metaphysische Transaktionen zur Lösung des Schuldproblems führen nur allzu leicht zu reichlich schrägen Gottesbildern.

Vor ein paar Monaten haben ich mit einer Gruppe einen ganzen Tag lag über diese Themen nachgedacht, wir haben einiges dekonstruiert oder – so muss man das vermutlich sagen – festgestellt, dass sich die klassischen Sühnetheorien eben selbst dekonstruiert haben. Sie waren zu erfolgreich! Und dann standen wir vor der Verlegenheit, wie man denn jetzt vom Kreuz reden soll, ohne auf die ausgelutschten Klischees zurückzugreifen.

Ich spürte in der Gruppe die Hoffnung, dass nun jemand eine neue Master-Metapher aus dem Hut zaubern könnte, an die wir uns ab jetzt halten und die wir in unseren Predigten und Gesprächen fortan benutzen können. Ich hatte nur leider keine auf Lager. Dass Jesus „für uns gestorben“ ist, zweifelt dabei ja kaum jemand an. Nur wie man sich die Wirkung dieses Todes erklären soll, das ist offener denn je.

Ich will nicht ausschließen, dass irgendein „Anselm reloaded“ demnächst einen Geniestreich landet und uns für die nächsten Jahrzehnte einen stabilen, stimmigen und universal gültigen Deutungsrahmen liefert. Momentan erscheint es mir aber unwahrscheinlich – unsere Welt ist viel zu uneinheitlich geworden, und was für den einen ganz selbstverständlich ist, findet der nächste schon völlig absurd.

Anstrengender, aber vielleicht unvermeidlich ist der Weg, den Andrew Perriman einschlägt: Solche Theorien und Master-Metaphern hinter sich zu lassen und die neutestamentlichen Texte Schritt für Schritt so nachzubuchstabieren, dass sie in unsere Situation wieder hineinsprechen:

We still come to God as sinners, trapped in a corrupted order of things from which we are powerless to escape. We may still need to say, quite simply, that Jesus died for our sins so that we may be part of a people reconciled to the God who brought it into existence to be “new creation”. Jesus’ death has opened up to me personally the possibility of being a player in God’s new world. But the continuing dependence of the people of God on the death of Jesus needs to be construed and explained not in abstract theoretical terms but narratively, historically—and of course, biblically.

Wir kommen immer noch als Sünder zu Gott: gefangen in einer verkommenen Ordnung der Dinge, ohnmächtig, ihr zu entkommen. Wir müssen vielleicht immer noch ganz einfach sagen, dass Jesus für unsere Sünden starb, damit wir Teil eines mit Gott versöhnten Volkes sein können, das er zu einer „neuen Schöpfung“ gemacht hat. Jesu Tod hat mir persönlich die Möglichkeit eröffnet, ein Akteur in Gottes neuer Welt zu werden. Aber die anhaltende Abhängigkeit des Volkes Gottes vom Tod Jesu darf nicht mit abstrakten theologischen Begriffen konstruiert und erklärt werden, sondern narrativ, historisch – und natürlich biblisch.

In der Bibel finden sich neben den erwähnten Metaphern viele Erzählzusammenhänge, die sich auf unsere Lebenswirklichkeit beziehen lassen, wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinzuschauen. Sie lassen sich von den Evangelien über die Briefe bis ins Leben der alten Kirche weiterverfolgen, was den Vorteil bietet, dass sie nicht nur ein zurückliegendes Ereignis erklären, sondern auch zu einer bestimmten Lebensweise einladen. Recht gut gelungen ist das beispielsweise in Ted Jennings‘ Buch  Transforming Atonement: A Political Theology of the Cross, das ich hier verschiedentlich schon erwähnt habe.

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Auf die Schrippe nehmen

Nach ein paar Tagen medialem Schrippenkrieg stellt sich mir die Frage: Muss ich mich jetzt auch aufregen, weil beim Bäcker jemand Brötchen statt Semmeln kauft? Und wäre „Semmeln“ nicht zu bayerisch, müsste man also doch bitteschön auf „Weggla“ bestehen und den Brötchenkunden oder Schrippenkäufer im Laden so lange zappeln lassen, bis er die richtigen Worte findet?

Liebe Berliner, von denen nicht gerade wenige in den letzten Jahrzehnten nach Erlangen oder München gezogen sind: Willkommen in unserer Welt! Unsere Städte bestehen schon seit Jahrzehnten hauptsächlich aus Zugereisten, die ihre Sprachgewohnheiten ungefragt mitbringen und verbreiten. Wir leben eigentlich ganz gut damit, als Eingeborene in der Minderheit zu sein. In München etwa spricht noch ein Prozent der jungen Leute Dialekt, hieß es vor zwei Jahren. In Erlangen dürfte sich die Mundartkompetenz entsprechend im Promillebereich bewegen.

Aber vielleicht braucht es ja ein paar Schwaben, um aus der Berliner Seele den Spießer hervorzulocken, den dort niemand vermutet hätte – schon gar nicht die Berliner selbst. Nehmt Euch doch mal wieder selbst auf die Schrippe! Oder tut Euch mit den Schweizern zusammen, die sind Euch in Sachen Schwabenpolemik ein Stück voraus und freuen sich über unerwartete Schützenhilfe.

Freilich hat die östliche Schweiz im Mittelalter lange zum Herzogtum Schwaben gehört und die preußischen Könige und Erbauer des modernen Berlin sind Hohenzollern. Deren Stammsitz steht …im tiefsten Schwaben.

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HauptSache die Ordnung stimmt?

Das Gender-Thema bzw. dessen eigentümliche Behandlung in bestimmten Teilen des bunten christlichen Kosmos bewegt die Gemüter in meinem Bekanntenkreis. Krish Kandiah setzt sich hier mit Tim Keller auseinander, ein anderer Repräsentant der „Gospel Coalition“ hat Michael Frost beschäftigt, der auf einen Blogpost von Michael Bird verweist, es ist kein Geringerer als John Piper.

Geht es vielfach (etwa in der katholischen Kirche) nur um die Frage, ob Frauen Pfarrerinnen werden dürfen oder Bischöfinnen, so steht hier bei Piper die Stellung der verheirateten Frau ihrem Ehemann gegenüber im Zentrum. Piper musste eine Aussage aus diesem Video klarstellen, in der er auf die Frage, was eine Frau denn tun solle, wenn ihr Ehemann sie misshandelt, geantwortet hatte, sie müsse das hinnehmen (sofern der Mann sie nicht zu verbotenen Dingen zwingen wolle) und könne sich ja gegebenenfalls an „die Gemeinde“ wenden, deren Aufgabe es dann sei, den Ehemann zur Ordnung zu rufen.

In seiner Klarstellung schreibt Piper nun, dass sich freilich auch Männer an die staatlichen Gesetze halten müssten und Frauen daher zu ihrem Schutz auch die Behörden hinzuziehen könnten, ohne sich der Insubordination schuldig zu machen. Das ist, so vermerkt Bird, schon mal erfreulich.

Aber ist es auch genug? Doch eher nicht! Piper schreibt unter anderem (zitiert bei Bird): „Dass sich eine Frau um Christi willen dem bürgerlichen Recht unterordnet, kann ihre Unterwerfung unter die Forderung eines Ehemanns aufheben, sich von ihm verletzen zu lassen.“

Ich finde dieses Denken in vertikalen Autoritätsstufen verstörend. Piper sagt doch im Grunde, dass eine Frau unter dem Mann steht und diesem selbst dann, wenn sie in der Beziehung Schaden nimmt, noch zu folgen hat – es sei denn, eine höhere Instanz greift zu ihren Gunsten ein. Aber er sagt eben kein Wort davon, dass Frauen von sich aus ihren Männern Grenzen setzen dürfen und dass Männer diese Grenzen zu respektieren haben.

Wenn Frauen dieses Unterwerfungsdenken einmal verinnerlicht haben, kann man dann (nach allem, was wir über Missbrauch wissen) noch ernsthaft davon ausgehen, dass sie sich im Fall von psychischer oder physischer Misshandlung durch das Familienoberhaupt tatsächlich an die Polizei wenden oder anderweitig Hilfe suchen? Mir scheint das alles andere als sicher.

Aber in einer postmodernen, pluralen Gesellschaft sind eben viele Lebensentwürfe erlaubt. Und die Bestsellerlisten des Buchhandels verraten ja auch, dass Unterwerfung und bewusst zugefügter Schmerz schwer im Trend liegen. Das jetzt psychologisch auszudeuten überlasse ich lieber den Expertinnen. Die Ironie an der ganzen Sache könnte aber eben die sein, dass diese Art von Theologie gerade von dem lebt, was sie vordergründig bekämpft, nämlich dem modernen Relativismus, der diese patriarchalischen Welten aufs Private begrenzt und die Tür zu einem Ausstieg auch ständig offen hält. So bekommt das alles etwas Spielerisches, und vielleicht sollte man es auch so betrachten, dann erspart man sich die Empörung.

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